DIE VISIONEN DER MESSIAS NAHT
2. März 11822 (= 5. Adar) / Tagebuch Bd. V, Heft 6 / Viertelseite 4
Am Abend nach dem historischen Tag der Inkarnation hatte sie ein Gesicht von einem Besuch der Engel bei Maria in der Form einer Geisterstraße vom Throne der Dreifaltigkeit bis in Mariä Kammer, in welcher sie alle Ordnungen der Engel in der Form ihrer Bedeutung priesterlich und kriegerisch usw. erscheinen sah. Sie sah es als eine Begrüßung an. Zwei Tage nachher sah sie Joseph nach Haus zurückgekehrt. Er habe in Bethanien eine Wohnung gesucht; usw.
24.25. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 124-125
... Am anderen Tage sagte sie: Ich habe noch verschiedene Betrachtungen über die Heilige Jungfrau und das Geheimnis der Menschwerdung gehabt. Anna hatte die Gnade eines innerlichen Mitwissens. Maria wußte, daß sie den Erlöser empfangen, ja ihr Inneres war ihr erschlossen, aber sie wußte nicht damals, daß das Königreich ihres Sohnes ein übernatürliches sein werde und daß das Haus Jakobs die Kirche, die Versammlung der wiedergeborenen Menschheit sein werde. Sie glaubte, der Erlöser werde ein heiliger König sein, der ihr Volk reinigen und siegreich machen werde, und sie wußte nicht damals, daß dieser König die Menschen zu erlösen selbst sterben werde, usw.
Ich hatte auch, warum der Erlöser hatte wollen neun Monate im Mutterleib sein und geboren werden, warum er nicht wie Adam vollendet aufgetreten, warum er nicht so schön wie Adam gewesen. Ich weiß es aber jetzt nicht mehr, nur, daß er die Empfängnis und Geburt, welche durch den Sündenfall so entheiligt waren, wieder heiligen wollte, usw.
Warum Maria es gewesen und er nicht früher gekommen? Weil Maria die erste und einzige Frau war, der nichts vom Manne in ihrem Empfangenwerden beiwohnte, weil sie unbefleckt empfangen worden.
Sie sagt außerdem, Jesus sei dreiunddreißig Jahre und dreimal sechs Wochen alt geworden. Sie sagt dreimal sechs, weil sie es in demselben Augenblick sieht.
1.-2. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseifen z-6
Der Pilger fand sie zum Ärger versucht. Sie war durch ihre Schwester gereizt, und da er sie trösten wollte, wurde sie unwillig gegen ihn, schlief aber plötzlich ein und lächelte, bekreuzte sich, faltete die Hände. Der Pilger betete Magnifikat. Da sagte sie im Halbschlaf: Ich habe tief im Kot gesteckt. Maria hat mich herausgezogen. Komm mit Es ist zwischen drei und vier. Der Schmutz gilt hier nicht. Es ist hier sehr gut. Maria hat mir geholfen.
Maria Heimsuchung: Die Reise ging gegen Mittag. Bei Jerusalem machten sie einen Umweg gegen Morgen, um einsamer zu gehen. Sie umgingen ein Städtchen zwei Stunden von Emmaus und wandelten auf den Wegen, die Jesus nachher oft ging. Sie machten den weiten Weg doch sehr schnell. Ihre erste Herberge sah ich in einem Schuppen, die zweite in einer Laube in welcher Wanderer dagegen zu schlafen pflegten. Dann hatten sie noch zwei Berge vor sich. Es war sehr bergig hier, oft Felsen, oben breiter als unten, seltsame Steine in Höhlen. In den Tälern war es sehr fruchtbar. Es kam auch noch etwas Busch, Heide, Wiese und Feld. Am Weg zuletzt bemerkte ich besonders eine Blume mit feinen grünen Blättchen und einer Blumentraube von neun blaßroten, verschlossenen Glöckchen oder Fäßchen. Es war etwas darin, ich hatte was damit zu tun, das ich vergessen.
Maria hatte ein braunes wollenes Hemd an, darüber ein graues Kleid mit Gürtel und eine gelbliche Kopfhülle. Joseph trug im Bündel ein langes bräunliches Gewand mit einer Art Kapuze daran. Es war vorne mit Bändern gebunden. Sie legte es über, wenn sie zum Tempel oder zur Synagoge ging.
Zacharias' Haus lag auf einem einzelnen Hügel. Andere Häuser lagen im Haufen umher. Es kam nicht sehr fern von hier ein ziemliches Flüßchen 1 vom Gebirge herab.
Elisabeth hatte im Traum gesehen, eine ihres Stammes werde den Messias gebären. Sie hatte an Maria gedacht, sich sehr nach ihr gesehnt und sie fern kommen sehen. Sie hatte rechts im Eingang des Hauses ein Stübchen bereitet und Sitze darin. Hier sah sie£ lange hinaus und ging ihr dann eine Strecke entgegen. Sie war bejahrt und groß, hatte ein feines, kleines Gesicht, und ihr Kopf war eingehüllt. Sie kannte Maria nur dem Rufe nach. Die heilige Jungfrau, sie erblickend, erkannte sie und ging vor Joseph, der sich zurückhielt, voraus.
2
Maria war schon zwischen den benachbarten Häusern, deren Bewohner, über ihre Schönheit erstaunt und von ihrem Wesen gerührt, sich mit einer gewissen Bescheidenheit zurückzogen. Als sie zusammenkamen, grüßten sie einander freundlich mit Darreichung der Hand, verweilten aber nicht vor den Leuten, sondern gingen einander am Arm führend durch den Hof zur Haustüre, wo Elisabeth Maria nochmals willkommen hieß. Joseph ging seitwärts in eine offene Halle des Hauses zu Zacharias und begrüßte den alten Priester demütig. Zacharias hatte eine Tafel und antwortete ihm schreibend.
Maria und Elisabeth traten ins Haus. Da war eine Halle, wo auch die Küche schien. Hier faßten Elisabeth und Maria einander bei den Armen, lehnten die Köpfe aneinander, und ich sah Licht zwischen beiden niederstrahlen. Da ward Elisabeth ganz innig und trat mit erhobenen Händen zurück und rief aus: "Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt. Sieh, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind freudig unter meinem Herzen. O, selig bist du, du hast geglaubt, und es wird vollendet werden, was dir vom Herrn gesagt worden ist."
Unter den letzten Worten führte sie Maria in das zubereitete Kämmerchen, auf daß sie sich setzte. Es waren ein paar Schritte hin. Maria aber ließ den Arm der Elisabeth, den sie gefaßt hatte, kreuzte die Hände vor der Brust und sprach in Begeisterung den Lobgesang: Meine Seele verherrlicht den Herrn, und mein Geist ergötze sich in Gott, meinem Heiland, weil er geschaut hat auch auf die Niedrigkeit seiner Magd. Denn sieh, von nun werden alle mich selig preisen, weil Großes an mir getan hat, der mächtig ist, dessen Name heilig und dessen Barmherzigkeit von Geschlecht zu Geschlecht bei denen ist, die ihn fürchten. Er hat Macht in seinen Arm gesetzt und zerstreut die Stolzen in ihres Herzens Sinn. Er hat die Mächtigen von ihrem Sitze abgesetzt und die Niedrigen erhöht. Die Hungernden hat er mit Gütern erfüllet und die Reichen leer entlassen. Er hat Israel, seinem Sohn, aufgeholfen, eingedenk seiner Barmherzigkeit, wie er gesprochen hat zu unseren Vätern, zu Abraham und seinem Samen für die Ewigkeit!"
Elisabeth aber sah ich das ganze Gebet in gleicher Begeisterung mitbeten. Nun aber setzten sie sich auf niedere Sitze, und es stand ein kleiner Becher auf einem Tischchen. - Ich aber war so selig und setzte mich auch in die Nähe und habe alles mitgebetet.
3
Nach Tisch sagte sie schlafend: Joseph und Zacharias sind noch beieinander. Sie unterhalten sich, schreibend auf eine Tafel, immer über die Nähe des Messias. Zacharias ist ein großer, schöner Greis, priesterlich gekleidet. Sie sitzen an der Seite des Hauses in einer offenen Halle, die in den Garten sieht. - Elisabeth und Maria sitzen im Garten unter einem großen, breiten Baum auf einer Decke. Hinter dem Baum ist ein Brunnen. Es springt Wasser heraus, wenn man an einem Zapfen zieht. Ich sehe Gras und Blumen umher und Bäume mit kleinen gelben Pflaumen. Sie essen miteinander kleine Früchte und Brötchen aus der Reisetasche Josephs. Oh, welche rührende Einfalt und Mäßigkeit Zwei Mägde, zwei Diener sind im Haus. Die bereiten einen Tisch unter einem Baum. Joseph und Zacharias kommen und essen einiges. Joseph wollte gleich wieder heim. Er wird aber acht Tage bleiben. Er weiß nichts von der ... Schwangerschaft Mariä. Die Frauen schwiegen davon. Sie hatten beide einen geheimen Bezug in ihrer Empfindung aufeinander.
Wenn sie alle zusammen waren, besonders vor Tisch, auch Joseph dabei, so beteten sie eine Art Litanei, und ich sah mitten in derselben ein Kreuz erscheinen, und war doch damals kein Kreuz. Ja es war, als besuchten einander zwei Kreuze.
2.-3. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseiten 9-10
Sie aßen gestern abend alle zusammen und saßen bis um zwölf Uhr bei einer Lampe unter dem Baum des Gartens. Joseph und Zacharias sah ich dann in einem Gebetsort und Elisabeth und Maria in ihrem Kämmerchen. Sie waren ganz innig und beteten Magnifikat zusammen. Außer der früher beschriebenen Kleidung hatte die Heilige Jungfrau auch noch einen schwarzen, durchsichtigen Schleier, den sie niedersenkte, wenn sie mit Männern sprach. Zacharias hatte heute Joseph nach einem anderen, vom Hause abgelegenen Garten geführt. Zacharias ist in allem sehr ordentlich und akkurat. Der Garten ist mit schönen Bäumen und Stauden voll Früchten. In der Mitte ist ein Laubengang und am Ende ein verstecktes Häuschen, dessen Eingang von der Seite ist. Oben sind Öffnungen mit Schiebern als Fenster. Es standen ein geflochtenes Lager mit Moos oder sonst feinem Kraut darin und auch zwei kindergroße, weiße Figuren. Ich wußte nicht recht, wie sie dahin kamen, auch nicht, was sie bedeuteten, aber sie schienen mir Zacharias und Elisabeth sehr ähnlich, nur weit jünger.
4
Ich sah heute nachmittag Maria und Elisabeth zusammen. Maria besorgte alles mit im Haus, bereitete allerlei Geräte für das Kind, und sie arbeiteten und strickten an einer großen Decke, einem Lagerteppich für Elisabeth. Sie arbeiteten auch für Arme.
Anna sendet während Mariä Abwesenheit oft ihre Magd nach Nazareth, in Mariä Haus nach allem zu sehen. Ich habe sie selbst jetzt einmal dort gesehen.
4.-5. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseiten 13-15 3)
Zacharias und Joseph sah ich heute die Nacht in dem Garten, der vom Hause entfernt liegt, zubringen. Sie schliefen teils im Gartenhäuschen, teils beteten sie im Garten unter freiem Himmel. Sie kehrten ganz früh nach Hause zurück. Elisabeth und die Heilige Jungfrau waren zu Haus, und ich sah sie immer vereint morgens und abends den Lobgesang Magnifikat zusammen sprechen, den Maria auf den Gruß Elisabeths vom Heiligen Geist empfangen hatte.
Ich hatte heute nacht ein eigenes Bild von der Nähe des heiligen Sakraments bei Maria, was ich vergessen habe, und vieles über das Magnifikat.
Der Pilger las nun das Magnifikat, und von der Stelle an: "Du hast Stärke in deinen Arm gesetzt", sagte sie, traten Bilder ein vom Sakrament im Alten Testament, vom Abraham, wie der den Knaben opfert, Jesajas, wie er einem König etwas verkündet und dieser es verspottet. Sie habe das Sakrament gesehen von Abraham bis Jesajas, von Jesajas bis Maria . . ., habe es aber vergessen. Sie betete hierauf die Litanei vom Heiligen Geist und Veni Sancte Spiritus und entschlief lächelnd, sagte dann ganz innig: Ich soll heute nichts mehr tun und niemand zu mir lassen, dann soll ich das Gesicht wieder haben. Ich soll auch das Geheimnis der Bundeslade erfahren, wenn ich ganz Ruhe haben werde. Ich habe die Zeit gesehen. Es ist eine schöne Zeit. Ich sah den Pilger bei mir. Ich soll dann viel erfahren. Dabei glüht und blüht sie im Schlafe, zieht die Hände unter der Bettdecke hervor und spricht: ...
Es ist warm da bei Maria. Sie gehen jetzt alle in den Hausgarten, zuerst Zacharias und Joseph, dann Elisabeth und Maria. Es ist eine Decke wie ein Zelt unter einem Baum gespannt. Es stehen niedrige Stühle mit Lehnen an einer Seite da.
Ich soll ruhen und alles Vergessene wieder sehen. Das süße Heilige Geistgebet hat mir geholfen. Es ist so süß.
5
Nach Tisch klagte sie sich an, daß sie doch keine Ruhe gehabt und gegen das Verbot die Schuljuffer 4 bei sich gehabt habe. Sie habe sie nicht abweisen können. Diese klatschte allerlei vom Landrat und Pater usw. Sie ärgerte sich, usw. Auf diesen Ärger entschlafen, erwachte sie abends gegen fünf Uhr und klagte sich an und sagte: .. $
Ich habe Maria das Magnifikat beten sehen und in der Mitte des Gebets ein Bild von Abraham gesehen, der Isaak opfert, dann fortwährend Bilder von der Annäherung des Sakraments, Vorbilder, das Geheimnis der Bundeslade, nie so deutlich, zwei, die einander umschlingen, und die Bedeutung. Moses konnte nicht fort aus Ägypten. Da hatte er in der letzten Nacht dieses erhalten. Da hatte er fortgekonnt und alles überwunden. Es bezieht sich auf die Menschwerdung.
Ich habe immer Sakramentsbilder dazwischen gehabt und immer Maria im Magnifikat gesehen, bald hier, bald dort, und es war, als sei das Geheimnis der Arche des Bundes nun in ihr lebendig geworden. Ich habe auch Jesajas gesehen, einem König etwas verkünden, der nicht gut war, und habe von Jesajas Bilder bis auf Maria gehabt und sah das heilige Sakrament immer näher kommen.
11.-12. November 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 11 / Viertelseite 93
Ich sehe Maria fortwährend bei Anna mit Zubereitungen zur Geburt Christi beschäftigt. Es ist alles gut, überflüssig und reichlich bereitet. Sie ist in Annas Haus bei Nazareth und denkt dort das Kind zu gebären. Joseph ist nach Jerusalem und hat Opfer zum Tempel gebracht. Die Zeit von Christi Geburt, wie ich sie sehe, ist wohl vier Wochen früher als die Kirche sie feiert. Sie muß gegen Katharinatag sein, denn ich sehe auch Maria Verkündigung am Ende des Februar.
12.13. November 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 11 / Viertelseiten 95-96
Joseph sah ich von Jerusalem zurückgekehrt. Er hatte Opfervieh dahin gebracht und es in dem Haus vor dem Bethlehemer Tor, wo sie vor Maria Reinigung eingekehrt waren - es war ein Levitenhaus -, eingestellt. Er ging von da nach Bethlehem, besuchte aber seine Verwandten nicht. Er sah nur die Umstände und Gelegenheit ein, denn er war willens, nach den Tagen der Reinigung von
6
Nazareth mit Maria zum Tempel nach Jerusalem zu reisen und dann nach Bethlehem zu ziehen und da wohnen zu bleiben: ich weiß nicht mehr, welcher Vorteile halber. Er war auch nicht gern in Nazareth.
Als er zurückreiste, brachte er das Opfer in Jerusalem, und da er dicht um Mitternacht sechs Stunden von Nazareth über das Feld Kimki reiste, erschien ihm ein Engel und sagte ihm, er solle alsbald mit Maria nach Bethlehem reisen, denn ihr Kind solle dort geboren werden. Er solle nur wenig und geringes Geräte mitnehmen und namentlich keine Spitzen und gestickten Decken. Er bestimmte ihm alles. Joseph war darüber sehr bestürzt. Er sagte ihm auch, er solle außer dem Esel, worauf Maria sitze, eine einjährige Eselin mitnehmen, welche noch nicht geworfen. Diese solle er mit sich frei laufen lassen, und die Wege folgen, welche sie gehe.
21.-22.November 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft il / Viertelseiten 129-131
Sie seien in den letzten unklar erzählten Wegen aus der Wüste ... gendlich von Bethanien nicht gerade gegen Mittag auf Bethlehem, wovon sie etwa in dieser Richtung nur sechs Stunden gewesen, gezogen, weil der Weg dahin sehr bergig und in dieser Zeit sehr unbequem gewesen wäre für sie. Sie seien der Eselin gefolgt zwischen Morgen und Mittag quer durch das Land zwischen Jerusalem und dem Jordan.
In einer der Herbergen, wo der alte Mann am Stock herumgegangen, seien sie auch nicht besonders aufgenommen worden, sondern man habe sich nicht um sie bekümmert. Diese Leute seien keine recht einfältigen Hirten gewesen, sondern wie hier zu Land große Bauern, etwas mit der Welt, Handel und dgl. vermischt.
Sie meine, eines von den Häusern sei jenes gewesen, wo Jesus nach der Taufe die Ruhestelle seiner Eltern in einen Betort verwandelt gefunden. Sie erinnere sich dunkel, als hätten sie dieses bald nach Christi Geburt getan. Sie weiß nicht recht, ob dieses da gewesen, wo der Mann anfangs Maria ins Gesicht geleuchtet und Joseph vorgeworfen habe, er nehme seine junge Frau wohl aus Eifersucht mit. Die Hausfrau und der Mann seien nachher sehr freundlich gewesen.
Sie seien am 21. bei vollem Tag etwa zwei Stunden vom Taufort des Johannes am Jordan gegen Morgen von Bethlehem etwa fünf Stunden weit an einem großen Hirtenhaus angekommen. Es sei
7
dasselbe, wo Jesus übernachtet vor dem Morgen, da er zum ersten Mal nach der Taufe bei Johannes vorübergegangen.'
Es war neben dem Haus ein eigenes Haus, wo die Ackerbau- und Hirtengerätschaften darin waren. Es waren auch ein Brunnen im Hof und Bäder um ihn' herum, in die das Wasser durch Röhren aus dem Brunnen floß. Es war eine große Wirtschaft. Der Mann mußte ein großes Feld haben, denn es kamen und gingen viele Knechte, welche da aßen. Der Mann empfing die Reisenden sehr liebevoll und war sehr dienstwillig. Ein Knecht mußte Joseph am Brunnen die Füße waschen, und er gab ihm andere Kleider und lüftete ihm die seinen und strich sie aus. Maria wurden durch eine Magd dieselben Dienste geleistet.
Die Hausfrau ließ sich nicht recht sehen. Sie wohnte etwas abgesondert. Sie ist dieselbe, welche Jesus nach dreißig Jahren krank fand und heilte und ihr sagte, sie habe diese Krankheit, weil sie gegen die Seinen nicht gastfreundlich gewesen. Ich weiß aber nun die Ursache. Diese Frau war jung und etwas eitel. Sie hatte die Heilige Jungfrau mit einem Blick gesehen oder auch gesprochen, ich weiß die Umstände nicht mehr, und hatte sich an ihrer Schönheit geärgert und war deswegen nicht zum Vorschein gekommen. Es waren auch Kinder im Hause Sie blieben hier über Nacht und einen Teil des folgenden Donnerstags. 9)
9. Dezember 1822 / Tagebuch Bd. X, Heft 2, Seite 7
... Am Abend sagte sie zufällig: Ich hatte auch ein sehr betrübtes Bild heute" nacht. Ich kam in der Adventsbetrachtung nach dem Gut Lazari bei Jinim, wo Maria und Joseph übernachteten. Maria trat mir entgegen, und ich sah auf ihrem Leibe eine Glorie, und in dieser ein kleines leuchtendes Menschenfigürchen, und indem ich es ansah, war es, als schwebe Maria darüber und umgebend darum, und ich sah das Kind wachsen und größer werden und sah alle Peinen Christi an ihm vollziehen. Es war ein schrecklich trauriger Anblick. Ich weinte und ächzte laut. Ich sah es von anderen Gestalten schlagen, stoßen, geißeln, krönen`, Kreuz tragen, ans Kreuz nageln, in die Seite stechen. Ich sah das ganze Leiden Christi an dem Kind. Es war ein schrecklicher Anblick, und als das Kind am Kreuz hing, sagte es zu mir: "Dieses habe ich gelitten von meiner Empfängnis an schon für die Menschen bis zu meinem vierunddreißigsten Jahr, da es äußerlich vollendet ward. Gehe hin und
8
verkündige das dem Menschen" Wie soll ich aber das dem Menschen verkündigen? 12
(24.-25.) Dez. 1819 / Tagebuch Bd. I, Heft 6 / Seiten 89-91 (Viertelseiten 318/a-320/a)
Sie leuchtete nun vor Freuden, und ihr Geist und ihr Wort und ihr Angesicht erhielten eine unaussprechliche freudige Heiterkeit und Lebendigkeit, und sie erhielt eine solche Tiefe f e und Fertigkeit der Rede, das Höchste und Geheimste auszusprechen, daß der Pilgers' es nur fühlen konnte, was ihn tief erschütterte. Wiederholen kann er es nur in einem elenden Schatten, was sie mit mehr als Farben, was sie mit Flammen aus der Nacht des Lebens sprechend heraustreten ließ:
Sieh, wie leuchtet und lacht die ganze Natur in Unschuld und Freude! Es ist, als erhebe sich ein verhüllter Toter aus Moder, Staub und Nacht und gebe ein Zeugnis mit seiner Erscheinung, er sei mehr als lebendig, leiblich, jung, blühend, lachend, er sei unsterblich, unschuldig, rein, er sei das unbefleckte Ebenbild Gottes gewesen.
Alles lebt und ist trunken in Unschuld und Dank. Oh, die schönen Hügel, um welche die Bäume hinlaufen, als eilten sie zur Krippe, dem Schöpfer, der die Geschöpfe besucht, ihre Düfte, Blüten und Früchte, die sie von ihm haben, zu Füßen zu streuen! Die Blumen tun überall ihre Kelche auf und drängen ihre Gestalt, ihre Farbe, ihren Duft dem Herrn entgegen, der bald kommen wird, unter ihnen zu wandeln. Die Quellen murmeln sehnsüchtig und erwartungsvoll. Die Springbrunnen tanzen in freudiger Ungeduld wie Kinder, welche die Christgeschenke erwarten. Die Vögel singen unaussprechlich süß und freudig. Die Lämmer blöken und springen. Alle Tiere sind sanft und freudig. Alles Blut fließt reiner und lebendiger. Alle frommen Herzen, die in heiliger Sehnsucht schwer waren, schlagen unbewußt der Erlösung entgegen. Alles ist bewegt. Über die Sünder kommt Schwermut, Rührung, Reue, Hoffnung, und die Unverbesserlichen, Verstockten, . . . die Feinde, die künftigen Kreuziger sind' in Angst und Unruhe und in einer Verwirrung, welche sie nicht verstehen. Denn auch sie fühlen eine unbegreifliche Bewegung in der Zeit, deren Fülle sich naht, aber diese Fülle und ihre ganze Seligkeit ist in dem demütigen, reinen, menschlichen Herzen Mariä, das über dem Erlöser der Welt betet, der unter ihm Mensch geworden und in wenigen Stunden als Licht, das Fleisch geworden, in dieses Leben treten wird in sein Eigentum, wo die Seinen ihn nicht erkannt haben.
9
vor seinen Brüdern floh, hatte er sich hier schon verborgen und hatte auch manchmal darin einsam gebetet. Es ist auch an dem Ort im Alten Testament etwas geschehen, ich meine, ein Engel brachte einem etwas. Ich weiß nicht mehr. Am 23. und 24. sah ich Joseph aus- und eingehen und allerlei bringen, Schalen und Speise, auch Wasser in einem ledernen Sack, den man zusammenlegen konnte. 15
Ich bin mit meiner Seele unendliche Wege gewesen. Bald sah ich die Heilige Jungfrau, bald sah ich die Hirten, bald die Könige, aber es war, als kämen die Bilder zu mir, weil ich so müde und krank war. Ich sah etwa um Mitternacht die Heilige Jungfrau ganz in Entzückung und wie etwas über der Erde schwebend emporgehoben. Es war ein unaussprechlicher Glanz in der Höhle, selbst die tote Natur war in innerer Bewegung, die Steine des Bodens und der Wände der Krippenhöhle waren wie lebendig. Da sah ich ein Bild, ein Gesicht der drei Könige in der Stunde der Geburt Jesu. Ich sah Menzor und bei ihm den schwarzen Seir auf dem Feld. Sie sahen nach den Sternen. Es war im Lande Menzors. All" ihr Gerät war zur Reise fertig. Sie hatten hier so einen spitzen Turm wie die Sterndiener, und man konnte außen daran hinaufsteigen. Sie sahen durch lange Rohre nach dem Stern Jakobs. Es war ein Schweif daran. Ich sah, daß der Stern sich voneinander tat für ihre Augen, und daß eine Jungfrau, groß und glänzend, darin erschien, vor deren Mitte ein leuchtendes Kind schwebte, aus dessen rechter Seite ein Zweig wuchs, auf dem wie eine Blume ein Türmchen mit vielen Eingängen hervorblühte, das sich in eine Stadt ausbildete. Ich weiß das Bild nicht mehr ganz ...
23.-24. November 1821 / Tagebuch Bd. 111, Heft 11 / Viertelseiten 141-151
Am 23. abends, Freitag, entschlief sie und hatte das Bild von Josephs und Mariä Ankunft in Bethlehem und sprach einiges gesprächsweise davon aus, und solche paar Minuten sind dann weit reichhaltiger als lange Mitteilungen, wo sie ohne alle Bestimmtheit oft das Unwesentliche sagt. Am folgenden Morgen, 24., heute, setzte sie nur weniges hinzu und war den ganzen Tag krank und gestört.
Der Weg von der letzten Herberge nach Bethlehem möchte etwa drei Stunden sein. Sie seien an der Nordseite von Bethlehem herumgezogen und von der Abendseite gegen die Stadt. Sie seien eine Strecke von der Stadt, etwa eine Viertelstunde Wegs, an ein großes
12
Gebäude mit Höfen und kleinen Häusern umgeben gekommen. Es seien auch Bäume davor gewesen und habe vielerlei Volk unter Zelten darum her gelegen. Es sei das ehemalige väterliche Haus Josephs, und wie sie immer gesagt, das Stammhaus Davids gewesen. Jetzt sei hier das Einnahm haus der römischen Schatzung gewesen.
Hier folgen nun die einzelnen Reden, welche sie im Schlaf sagte, nach manchen Pausen: Maria ist in einem kleinen Haus am Hof, bei Frauen. Sie sind ganz artig und geben ihr was. Die Frauen kochen für die Soldaten. Es sind Römer. Sie haben solche Riemen um die Lenden hängen. Es ist hier schön Wetter und nicht kalt. Die Sonne scheint auf den Berg zwischen Jerusalem und Bethanien. Man sieht es recht schön von hier.
Joseph ist in einer großen Stube. Sie ist nicht ebener Erde. Sie fragen ihn, wer er sei, sehen auf langen Rollen, welche an der Wand in großer Menge hängen, nach. Sie rollen sie ab und lesen ihm sein Geschlecht vor, auch von Maria. Er wußte gar nicht", daß sie von Joachim her auch so gerade von David stammt. Der Mann fragte ihn: "Wo hast du dein Weib?"
Sieben Jahre sind es, daß die Leute hier im Land nicht ordentlich geschätzt sind wegen allerlei Verwirrung. Ich sehe die Zahl: V und II; das macht ja sieben. Diese Steuer ist schon mehrere Monate im Gang. Die Leute müssen noch zweimal bezahlen. Sie bleiben teils drei Monate hier. Der Pilger konnte nicht ausmitteln, ob dieses .noch zweimal" heiße: Sie müßten sich noch zweimal stellen, wo ihnen das erste Mal die Schätzung ihrer Person gemeldet und das zweite Mal die aufgelegte Summe von ihnen empfangen werde, oder ob sie für zweimal bezahlen müßten. Sie sagte: Sie haben zwar in den sieben Jahren hie und da etwas bezahlt, aber nicht ordentlich. Joseph hat heute noch nicht gezahlt, aber seine Umstände sind ihm abgefragt, und er hat gesagt, daß er keine Gründe habe und von seinem Handwerk und der Unterstützung seiner Schwiegereltern lebe. Daß sie übrigens sagt, sie müssen noch zweimal zahlen, wirft eine Erklärung auf das .erste Steuer" bei Lukas. Am folgenden Tage sagt sie noch: Maria ist auch vor die Schreiber gerufen worden, aber nicht oben, sondern unten in einem Gang. Es wurde ihr aber nichts vorgelesen.
Sie zogen dann gerade in Bethlehem hinein bis in die Mitte der Stadt, und Joseph fragte hie und da erst in den Herbergen an, wo er sichere Unterkunft erhoffte. Maria hielt immer bei dem Esel in einiger Entfernung des Hauses.
13
Bei den anfangs erzählten Äußerungen im Schlaf ist vergessen niederzuschreiben: Da sie sie an dem Stammhaus Josephs ankommen sah, sagte sie: Die Eselin geht nicht mit hier. Sie läuft weg. Sie läuft gegen Mittag um die Stadt herum. Es ist etwas eben, ein Talweg.
Überall wird es voll. Überall wurde er abgewiesen. Er zog dann wieder in der Richtung zurück, in der er gekommen war, und dann gegen Mittag, und immer vergebens. Endlich ließ er die Heilige Jungfrau mit dem Esel unter einem Baum stehen.
Hier die jährlich gesehene Szene: Er geht von Haus zu Haus. Seine Freunde, von welchen er Maria gesprochen, wollen ihn gar nicht kennen. In diesem Suchen kehrte er einmal zu Maria unter den Baum zurück und weinte. Sie tröstete ihn. Er suchte von neuem, Haus für Haus, da er aber überall die nahe Entbindung seiner Frau als einen Hauptbeweggrund anführte, wiesen sie ihn noch leichter ab. Es war unterdessen ganz düster geworden. Maria saß und stand unter dem Baum, der breiten Schatten bot. Der Esel stand gegen den Baum mit dem Kopf gekehrt. Maria hatte Decken, worauf sie saß. Ihr Kleid war gelöst und hing weit um sie her. Es war dieses in einer einsameren Gegend, doch kamen zuletzt vorübergehende Neugierige und schauten sie entfernt an, wie man das tut, wenn man jemand im Düstern lang stehen sieht. Ich meine, es redeten sie auch einzelne an. Endlich kam Joseph ganz betrübt wieder und sagte, es sei vergebens. Er wisse aber noch einen Ort aus seiner Jugend, der vor der Stadt den Hirten gehöre, wo sie oft einstellten, wenn sie hierher Vieh brächten. Er habe dort oft sich abgesondert und vor seinen Brüdern versteckt. Zu dieser Jahreszeit seien keine Hirten da. Sie wollten da einstweilen ein Obdach finden. Er wolle, wenn sie erst in Ruhe sei, von neuem zu suchen ausgehen. Sie zogen nun durch einen Umweg durch abgelegene Wege vor die Stadt nach der Krippenhöhle, welche in einem an der einen Seite mit rohem Mauerwerk ergänzten Hügel war, von wo aus der Zugang ins Tal der Hirten offen stand. Joseph setzte die leichte geflochtene Türe los.
Als sie hier ankamen, lief ihnen die Eselin entgegen, welche gleich bei Josephs Vaterhaus schon von ihnen weg außerhalb der Stadt herum hierher gelaufen war. Sie spielte und sprang ganz lustig um sie herum, und Maria sagte noch: "Sieh, es ist gewiß der Wille Gottes, daß wir hier sein sollen." Joseph war aber sehr betrübt und ein wenig stille beschämt, weil er so oft von der guten Aufnahme in Bethlehem gesprochen hatte.
14
Es war ein Obdach vor der Türe, worunter er den Esel stellte und Maria einen Sitz bereitete. Es war ungefähr acht Uhr, als sie hier waren, und dunkel. Joseph machte Licht und ging in die Höhle. Der Eingang war sehr eng. Es stand allerlei dickes Stroh an den Wänden, wie Binsen, und waren braune Matten darüber gehängt. Auch hinten in dem eigentlichen Gewölbe, wo oben einige Lichtlöcher herein waren, war nichts in Ordnung. Joseph räumte aus und gewann hinten so viel Raum, daß er Maria eine Lager- und Sitzstelle bereiten konnte. Er heftete eine Lampe an die Wand, und als Maria ruhte, ging er auf das Feld gegen die (Milch-)Höhle zu und legte einen Schlauch in ein sehr kleines Bächlein, daß er volllaufen sollte. Er wurde so hineingeheftet: Skizze.
Er ging auch noch zur Stadt und holte kleine Schüsseln und Reiserbündchen und, ich meine, auch Früchte. Es war zwar Sabbat, aber wegen der vielen Fremden in der Stadt, die allerlei Unentbehrliches brauchten, waren an den Straßenecken Tische aufgerichtet, worauf die nötigsten Lebensbedürfnisse und Geräte lagen. Der Wert wurde dabei niedergelegt. Ich meine, es standen Knechte oder heidnische Sklaven dabei. Ich weiß es nicht mehr recht.
Er machte zurückgekommen ein Feuer im Eingang der Höhle und holte den gefüllten Wasserschlauch und bereitete einige Speise. Es war ein Mus von gelben Körnern und auch eine dicke Frucht, welche gekocht wurde und die beim Essen auseinandergeteilt auch viele Körner enthielt, und es waren auch kleine Brote.
Nachdem sie gegessen hatten und gebetet und Maria zur Ruhe gegangen auf einem Binsenlager, worüber Decken und zum Kopf eine gerollte Decke lagen, bereitete Joseph sich auch im Eingang der Höhle sein Lager und ging dann nochmals in die Stadt. Er hatte aber alle Öffnungen der Höhle gegen Zugluft verstopft. -18
Über die Steuerzahlung einiges Nacherzähltes: Es war eine große Menge von Schreibern und vornehmen Beamten in dem Haus. Sie waren in mehreren Sälen. Oben waren Römer und auch viele Soldaten. Es waren Pharisäer und Sadduzäer, Priester, Älteste und allerlei Art solcher Beamten und Schreiber da und auch römische Beamte. In Jerusalem war keine solche Kommission, aber noch an einigen anderen Orten, die mir nicht gleich einfallen, außer Magdalum am galiläischen See. Da mußten auch Leute aus Sidon hin bezahlen, ich meine auch wegen Handelsgeschäften, und Leute aus Galiläa. Es brauchten nicht alle Leute an den Ort ihrer Geburt zu ziehen. Es waren nur die, welche nicht ansässig waren und nicht
I5
nach ihren liegenden Gründen geschätzt werden konnten. Es wurde die Steuer von nun an durch drei Monate dreimal bezahlt, d. h., in drei Monaten mußten die drei Teile entrichtet werden. An der ersten Steuer hatten der Kaiser Augustus und Herodes und noch ein König teil, er wohnte bei Ägypten. 19 Er hatte etwas im Krieg getan und hatte ein Recht oben im Land an eine Gegend. Sie mußten ihm etwas abgeben =° Die zweite Steuer war etwas wegen Tempelbau. Es war, als werde eine Schuld, eine Summe, die vorgeschossen worden, bezahlt. Die dritte Steuer sollte für die Witwen und Armen sein, welche lange nichts empfangen hatten, aber es kam von allem dem wie auch heutzutag wenig an den rechten Mann. Es waren lauter rechte Ursachen und ging doch in die Hände der Großen. Es war ein entsetzliches Geschreibe und Getue, ganz wie ein pr ... Wesen.
Joseph ging gleich in das Haus, denn jeder, der ankam, mußte sich da melden und empfing da einen Zettel, den er am Tor wieder abgeben mußte. Sonst konnte er nicht in die Stadt. Joseph kam etwas spät zu der Steuer. Er wurde ganz freundlich behandelt..
Joseph hatte noch einen Bruder in der Stadt wohnen. Er war ein Wirt. Es war nicht sein rechter Bruder, es war ein Nachkind. Joseph ging gar nicht zu ihm. Joseph hatte fünf Brüder gehabt, drei rechte und zwei Stiefbrüder. Joseph war fünfunddreißig Jahre alt. Er war fünfundzwanzig Jahre und, ich glaube, drei Monate älter als Maria nun?. Er sah mager aus und weiß. Er hatte das Aussehen von einer bejahrten Jungfrau, hervorstehende rötliche Backenknochen, hohe reine Stirn, bräunlichen Bart, etwas kraus.
16
DER MESSIAS WIRD GEBOREN
Nachts vom 24. zum 25. November 1821, 12 Uhr / Tagebuch Bd. III, Heft 11 / Viertelseiten 152-165; 168-171
Joseph habe in der sogenannten Saughöhle 2' Raum gemacht. Sie sei eigentlich geräumiger als die Krippenhöhle gewesen. Er habe Maria einen Sitz und Lager hinein gemacht und sie am heutigen Tage einige Stunden hineingebracht, während welcher er die Krippenhöhle ausgeräumt und noch besser in Ordnung gebracht, auch mancherlei Geräte aus der Stadt geholt. Maria habe ihm gesagt, daß die Stunde ihrer Niederkunft in der folgenden Nacht, den 25. sei, denn dann seien es neun Monate, daß sie empfangen habe. Sie bat ihn von seiner Seite alles Mögliche zu tun, damit sie das von Gott verheißene, übernatürlich empfangene Kind so gut auf Erden ehrten, als sie vermöchten, und er möge mit ihr sein Gebet für die Hartherzigen vereinigen, welche ihm keine Herberge hätten gewähren wollen.
Es sei etwa um fünf Uhr gegen Abend gewesen, als er die Heilige Jungfrau in die Krippe zurückgebracht habe. Sie erzählt noch einiges von Wegen Josephs in und aus der Höhle, Füttern des Esels, Kaufen von kleinen Gerätschaften, Schemeln, Tischchen, kleinen Schüsseln, auch getrockneten Früchten, auch Trauben, Speisebereitung, gemeinschaftlichem Essen, und daß er Maria angeboten habe, ihr einige fromme Weiber aus Bethlehem zum Beistand zu holen, die er kenne. Aber sie habe es nicht angenommen, mit der Erklärung, sie bedürfe niemandes. 22
Sie erwähnt noch, Joseph habe Maria verlassen und sich ins Gebet in seine Kammer, seinen Abschlag begeben. Maria habe ihm gesagt, es nahe ihre Zeit, er möge sich ins Gebet begeben. Er habe die Höhle Mariä vorher noch mit mehreren Lampen behängt. Er sei noch hinausgegangen und habe die Eselin, welche an die Krippe aus dem Feld, wo sie die ganze Zeit gelaufen, freudig herangesprungen, unter das Abdach an der Krippe gestellt und ihr Futter gegeben ...
Bethlehem habe auf dem Rücken eines so gebogenen Berges gelegen. Die Krippenhöhle sei am morgendlichen Ende dieses Berges schier eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen. Von der Tür der Krippe aus habe man nur einzelne Dächer und Türme der Stadt
17
sehen können. Es sei ein ganz schöner Platz mit schönen Bäumen davor gewesen. Die Gestalt inwendig bleibt dieselbe, ungefähr wie der Pilger 23 sich dieselbe aus ihren früheren, immer bruchstücklichen und kranken und nicht geduldigen Erzählungen denken mußte. Aber äußerlich und innerlich kommt etwas hinzu.
Erstens, sie liegt mit der Mittagsseite frei und besteht da aus Mauerwerk, hat auch an dieser Stelle ein Abdach und einen Ausgang, den Joseph allein gebraucht, der früher versetzt war und den er öffnete. Ausgehend ist links von dieser Mittagstüre noch ein Kellerchen, unter die Krippenkapelle gehend, eng und unbequem.
Hinter dem Eselstand ist noch ein kleiner Winkel, wo Futter bewahrt wird. Die Feuerstelle ist zwischen dem Eselstand und einem kleinen, an der Mitternachtsseite liegenden Seitenkeller, dessen Türe in den Krippeneingang geht.
Wenn man aus der Krippentüre geht, über welcher auch ein Abdach längst der Mauer hinläuft, und wendet sich rechts, so kommt man in eine tiefer liegende, aber dunklere Höhle, wo Maria auch gewohnt und sich einigemal verborgen.
Hinter der Krippe, wenn man durch ein Sacktal, in welchem hohes Gras und Alleen sind, querdurch nach der entgegengesetzten Anhöhe geht, findet man die Saughöhle. In dem Baum darüber sind Sitze. Von da kann man Bethlehem besser sehen als von der Krippe. (Skizze der Krippenhöhle
Nur die Nordseite und ein großer Teil der hinteren Kappe der Höhle warfen im Fels. An der Mittagsseite (warf rohe Mauer. Oben auf der Höhle war der aufsteigende Bergrücken, der zur Lage der Stadt führte . . 24
Als Joseph vorne im Eingang der Höhle in seinem Schlafraum zu beten war, sah er nach dem Hintergrund der Höhle, wo Maria, ihm den Rücken kehrend, kniend auf ihrem Lager betete, das Angesicht gegen Morgen gekehrt. Er sah die Höhle ganz voll Licht. Es war Maria ganz wie von Flammen umgeben, und es war, als sähe er wie Moses in den brennenden Dornbusch hinein. Er sank aber betend auf sein Angesicht und sah nicht mehr zurück.
Ich sah den Glanz um Maria immer größer werden. Die Lichter, welche Joseph angesteckt hatte, waren nicht mehr zu sehen. Sie kniete in einem weiten, weißen Gewand, das vor ihr ausgebreitet war. In der zwölften Stunde war sie im Gebete entzückt. Ich sah sie von der Erde emporgehoben, daß man den Boden unter ihr sah. Sie hatte die Hände auf der Brust gekreuzt.
18
Der Glanz um sie vermehrte sich. Ich sah die Decke der Höhle nicht mehr. Es war wie eine Straße von Licht über ihr bis zum Himmel empor. Maria betete aber wieder zur Erde schauend. Da gebar sie das Jesuskind. Ich sah es wie ein leuchtendes, ganz kleines Kind, das heller war als der übrige Glanz, auf der Decke vor ihren Knien liegen. Es war mir, als sei es ganz klein und werde vor meinen Augen größer. Es war aber dieses alles eine bloße Bewegung in so großem Glanz, daß ich nicht weiß, ob ich und wie ich das sah.
Maria war noch eine Zeitlang so entzückt, und ich sah sie ein Tuch über das Kind legen und es noch nicht aufnehmen, noch anfassen. Nach einer geraumen Zeit sah ich das Kind sich regen und hörte es weinen. Maria war, als komme sie zu sich. Sie nahm das Kind, es mit dem Tuch einhüllend, das sie früher auf es gedeckt, an die Brust. Sie war fast verschleiert, ganz mit dem Kinde eingehüllt, und ich glaube, sie säugte es.
Es mochte wohl eine Stunde nach der Geburt sein, als Maria den heiligen Joseph rief, der noch immer im Gebete lag. Als er ihr nahte, warf er sich in Andacht, Freude und Demut kniend auf sein Angesicht, und Maria bat ihn nochmals, er solle das heilige Geschenk des Himmels doch ansehen. Da nahm er das Kind auf seine Arme!'
Sie legten es hierauf in die Krippe, welche mit Binsen oder anderen feinen Pflanzen gefüllt war, worüber eine Decke, an den Seiten überhängend, gebreitet war. Die Krippe stand über dem Steintrog, der ebener Erde lag, rechts vom Gang, in der Kappe der Höhle, wo die Höhle einen weiteren Ausbug gegen Mittag machte. Der Grund dieses Teils der Höhle lag mit stufig abgeschilfertem Boden etwas tiefer als der andere Teil, wo das Kind geboren worden.
Als sie das Kind in die Krippe gelegt, standen sie beide weinend und lobsingend dabei. Die Heilige Jungfrau hatte ihr Lager und ihren Sitz neben der Krippe. Ich sah sie aufrecht sitzen, auch an der Seite liegen in den ersten Tagen. Doch sah ich sie auf keine Art besonders krank oder erschöpft. Sie war vor und nach der Geburt ganz weiß gekleidet. Wenn Leute zu ihr kamen, saß sie meist neben der Krippe und war mehr eingewickelt.
Als Joseph, nach seiner Kammer gehend und zurücksehend, Maria in dem feurigen Dornbusch sah, war er noch nicht in der Kammer, sondern vor derselben. Sein Kämmerchen, in das er trat, und wo er sich betend niederwarf, war halb in dem Felsen, halb trat es mit Decken verhängt in den Gang der Höhle. Soweit es vorsprang, hatte Joseph den Gang der Türe abgeschlagen und mit Matten verhängt und hatte so einen Raum, allerlei zu bewahren. Wenn man aus dem Hals der Höhle, der nicht so hoch war, in das Gewölbe selbst trat, welches höher war und sich oben höhlenartig von Natur zuwölbte, kam man auf dem sich abstufenden, senkenden Boden tiefer zu stehen als in dem Eingang. Dieser niederere Boden der Höhle war jedoch an drei Seiten durch eine breitere oder schmalere, erhöhte Steinbank umgeben. Auf einer solchen breiteren stand der Esel. Auch wo Maria lag, ehe sie gebar und wo ich sie in der Geburt erhoben sah, war eine solche Steinbank.
Der Ort des Krippenstandes war eine tief einspringende Seitenwölbung der Krippenhöhle. Die inneren Wände der Höhle waren, wo sie von Natur gewachsen, wenngleich nicht ganz glatt, doch angenehm und reinlich und hatten etwas Anmutiges. Sie gefielen mir besser, als wo etwas daran gemauert war. Das war plump und rauh. Die rechte Seite des Eingangs war von unten auf auch ein gutes Stück weit im Felsen, und nur oben scheint es mir gemauert. Da hatte es auch einige Löcher in den Gang. Oben in der Mitte des Höhlengewölbes war eine Öffnung, und ich meine noch drei, schräg in halber Gewölbshöhe von Morgen bis Mittag.
Hinter der Krippe senkte sich der Hügel ins Tal ab und waren Büsche, Bäume und Gärten und ging man ins Tal einer tiefgrasigen Wiese (wo Bäume reihenweise standen und es sehr anmutig war) nach der Saughöhle, die in einem hervorspringenden Hügel der gegenüberliegenden Höhe war, von der Krippe gegen Morgen, doch mehr gegen Mittag.
Dieses Sacktal war etwa eine halbe Viertelstunde breit. Es floß das Wässerchen darin, wo Joseph am Abend der Ankunft den Schlauch darin befestigte. Der Esel hatte keinen Trog vor sich. Es wurde ihm wie ein Schlauch hingestellt oder an die Ecke angehängt. Die Seitenhöhle hinter dem Esel war wohl so groß, daß der Esel darin stehen konnte. Um die Lichtlöcher war die Wand der Höhle etwas glatter gehauen, weil sie von Menschenhänden vollendet schienen. Skizzen
Ich sah in der Lichtstraße über Maria sich ein Licht immer ins andere und eine Gestalt in die andere durchdringen. Ich sah viele Kreise, die Gestalten wurden, und als Maria noch entzückt das Kind auf den Armen hatte, sah ich zuletzt ganz menschlich gestaltete Engel in dem Licht der Krippe vor dem Kind um sie her auf dem Angesicht liegen. Es entsprang in der Nacht in der Geburtsstunde eine schöne Quelle in der anderen rechts gelegenen Höhle, welche
20
herauslief und welcher Joseph am folgenden Tag einen Lauf und Brunnen grub...
Ich sah zwar in diesen Gesichten, welche nach dem Ereignis und nicht nach der kirchlichen Festfreude sind, keine solche schimmernde Seligkeit und Lustigkeit in der Natur. . ., wie ich sie in der Weihnachtsnacht sehe, wo diese Lust eine Bedeutung ist. Aber ich sah doch eine ungewohnte Freude und an vielen Orten, bis in die fernsten Gegenden der Welt, etwas Ungewöhnliches in der Mitternacht, das viele gute Menschen mit freudiger Sehnsucht und böse mit Angst erfüllte. Auch sah ich viele Tiere freudig bewegt, auch viele Quellen entspringen und anschwellen, auch an manchen Orten sich Blumen erheben, Kräuter und Bäume wie Erquickung schöpfen und duften.
In Bethlehem war es trüb und ein trübes rötliches Licht. Auf dem Tal der Hirten aber und um die Krippe und in dem Tal der Saughöhle lag ein erquickender, glänzender Taunebel.
Ich sah die Herden bei dem Hügel der drei Hirten unter Schuppen, am Turm der Hirten aber teilweise noch unter freiem Himmel. Ich sah die drei Hirten von der wunderbaren Nacht bewegt, zusammen vor ihrer Hütte stehen und umherschauen und einen wundervollen Glanz über der Krippe sehen. Auch die Hirten bei dem entfernteren Turm der Hirten waren in voller Bewegung. Sie waren teils auf das Turmgerüst gestiegen und sahen nach der Krippe hin, über welcher sie einen Glanz bemerkten. Ich sah, wie eine Lichtwolke zu den drei Hirten niederkam. Ich bemerkte in derselben auch ein Übergehen und Verwandeln in Formen und hörte mit Annäherung einen süßen lauten und doch leisen Gesang.
Die Hirten erschraken anfangs, aber es standen bald fünf oder sieben leuchtende und angenehme Gestalten vor ihnen, welche wie ein großes Band einen großen Zettel in Händen trugen, worauf etwas mit wohl handlangen Buchstaben geschrieben war. Die Engel sangen Gloria, usw. Denen am Turm erschienen sie auch, und ich weiß nicht mehr, wo sonst.
Die Hirten sah ich nicht augenblicklich zur Krippe eilen, wohin die drei ersten wohl eineinhalb Stunden hatten, und die am Turm der Hirten wohl noch einmal so weit. Aber ich sah sie sogleich bedenken, was sie dem neugeborenen Heiland zum Geschenk mitbringen sollten, und so schnell als möglich diese Geschenke zusammensuchen. Ich sah die drei Hirten am frühen Morgen des 25., sonntags, kommen.
21
Ich sah, daß in dieser Nacht Anna in Nazareth, Elisabeth in Juta, Noemi, Hanna und Simeon am Tempel Gesichte und Eröffnungen von der Geburt des Heilandes hatten. Das Kind Johannes war unbeschreiblich froh. - Nur Anna wußte, wo es war. Die anderen, selbst Elisabeth, wußten zwar von Maria und sahen sie im Gesicht, aber sie wußten nichts von Bethlehem ...
Bei den drei Königen sah ich auch ein großes Wunder. Sie hatten einen Ort und spitzen Turm auf einem Berg, wo immer einer unter ihnen war, die Sterne zu beobachten mit anderen Priestern, und sie meldeten es einander immer, was sie gesehen, und schrieben es auf. In dieser Nacht waren, glaube ich, zwei von den Königen hier, und der, welcher gegen Morgen vom Kaspischen Meer wohnte und bräunlicher war, war nicht dabei. Sie hatten aber ein Gestirn, an dem sie immer beobachteten, und sahen allerlei Veränderungen und Bilder dabei und kriegten Gesichte am Himmel.
Heute nacht sah ich das Bild, das sie sahen. Es war aber in mehreren Veränderungen. Es war nicht ein Stern, in dem sie es sahen, es waren mehrere Sterne in einer Figur, und zwar eine Bewegung in den Sternen. Sie sahen aber einen schönen Wetterbogen über dem Mond, welcher so aussah Skizze. Auf dem Wetterbogen saß eine Jungfrau. Sie hatte das linke Bein in sitzender Stellung. Das rechte hing mehr gerade herunter und stand auf dem Mond. Auf der linken Seite der Jungfrau erschien auf dem Regenbogen ein Weinstock, auf der rechten ein Busch Ähren. Ich sah vor der Jungfrau die Gestalt eines Kelches, wie der beim Abendmahl, erscheinen oder aufsteigen oder hervortreten heller aus ihrem Glanz", und aus dem Kelch hervorsteigend erschien ein Kindchen, und über dem Kindchen eine helle Scheibe, wie eine leere Monstranz. Aus den Strahlen gingen wie Ähren. Ich hatte den Begriff des Sakraments dabei. Zur Linken der Jungfrau stieg eine achteckige Kirche empor. Sie hatte ein großes goldenes Tor und zwei kleine Seitentüren. Die Jungfrau bewegte mit der Hand Kind und Hostie vor sich hinaufweisend 27 in die Kirche. 28
Sie waren darüber in der höchsten Freude, nahmen gleich ihre Schätze zusammen und reisten ab. Sie kamen erst nach ein paar Tagen zusammen. Ich sah sie schon in den letzten Tagen Mariä vor der Geburt 29 allerlei Bilder haben und auf ihrem Sternturm beschäftigt.
22
26.-27. Dezember 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 12 / Viertelseite 268
Ich sah Frauen aus Bethlehem in der Nacht an 30 der Krippe, welche Maria etwas Zeug brachten. Ich habe viel davon gesehen. Ich bin viel dort im Geist; ich habe es vergessen.
2.-3. Januar 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 1 / Viertelseiten 20-21; 23-32
Ich habe Maria und das Kind heute in einer Höhle rechts neben der Krippe gesehen. Ich sah sie selbst mit dem Kinde hineingehen. Man mußte bei der Krippentüre heraus und dann einige Schritte links herumgehen. Man ging durch die enge Türe wohl vierzehn breit abhängende Stufen nieder.' 31 Erst war ein kleiner Vorkeller, und dann kam man in einen Keller, der geräumiger als die Krippe war. Er war an der Seite des Eingangs rund, und diese Runde schnitt Joseph durch einen niederhängenden Teppich ab. Es blieb ein viereckiger Raum übrig. Das Licht fiel nicht von oben, sondern von der Seite durch Öffnungen herein, welche tief durch den Felsen oder Wall durchgingen.
Ich sah das Jesuskind, das in einer ausgehöhlten Mulde an der Erde lag. Ich weiß nicht, ob es Maria tat, um dem vielen Besuch, den ich nach der Beschneidung kommen sah, auszuweichen, oder weil es heller war und geräumiger. Der Esel war nicht hier.
Ich habe in den letzten Tagen schon einen alten Mann daneben vieles solches Stroh, wie Joseph brannte, ausräumen sehen. Vielleicht, daß die Hirten es ihm zulieb taten. Die Frau, welche ich bei der Beschneidung gesehen, sehe ich öfter des Tags bei Maria. Sie empfängt allerlei Geschenke von ihr, die ihr die Leute bringen, und teilt sie den Armen in der Stadt aus.
Ich sehe oft Maria ihr Kind, das mit einem Schleier bedeckt ist, ganz nackt, nur eine Binde um die Mitte des Leibes, den Besuchenden zeigen. Dann sehe ich das Kind auch wieder ganz eingewickelt.
Während der Beschneidung hatte ich ein Gesicht aus der Krippe aufwärts. Ich sah ein Bild des Paradieses. Ich sah es wie einen Berg aufwärts, aber ich konnte auch darunter hinwegsehen. Das kann man beim Prophetenberg nicht, der mit der Erde zusammenzuhängen scheint.
Ich sah in dem wunderbar leuchtenden Garten ein Wasser, und in demselben eine Insel voll schöner Bäume, über diesen Bäumen
23
aber einen inmitten sehr groß, der sie alle mit seinen Zweigen überragte, als schütze er sie.
Diese Insel hing mit einem Damm, der auch mit Bäumen bepflanzt war, mit dem festen Land zusammen, und gerade vor diesem Damm stand der Baum des Sündenfalls. Seine Blätter wuchsen unmittelbar vom Stamm aus und waren sehr groß und breit, wie Schuhsohlen geformt. Vorne in den Blättern verborgen hingen die Früchte, immer fünf in einer Traube, eine vorne und vier um ihren Stiel. (Sie war nicht sowohl wie ein Apfel, mehr birn- oder feigenartig gebildet. Sie war gelb, hatte fünf Rippen, und ihr Butzen hatte etwas von einem Nabel. Ihr Inneres war wie brauner Zucker gefärbt, mit roten Adern, und war weichlicher als ein Apfel, mehr feigenartig. Etwa so Skizze.)
Den Baum sehe ich noch in den heißen Ländern. Er senkt seine Zweige in die Erde, und es schießen immer neue Stämme daraus empor, die wieder ihre Zweige niedersenken und neu emporschießen, und es wohnen ganze Familien unter einem solchen Baum, der viele Lauben vorstellt, eine um die andere. Der Stamm des Baumes ist geschuppt wie Palmen oder Tannäpfel.
Der Baum auf der Insel hatte seine Äste gerade ausgestreckt, und von diesen stiegen wieder Zweige als Bäumchen senkrecht in die Höhe. Der Baum hatte feine Blättchen, er hatte mehr die Art der Zedern. Skizze
Eine Strecke zur Rechten des Baumes der Erkenntnis war ein kleiner, sanft abhängender, eirunder Hügel, von schimmernden, roten Körnern und allerlei Farben, wie Edelsteinen. Dieses Berglein war gestuft und mit Kristallformen. Es waren feine Bäume darum her, doch nicht höher, als daß man ungesehen darauf sein konnte. Ebenso weit zur Linken vom Baum der Erkenntnis war eine Grube, und es war, als hätten der Hügel und die Grube einen Bezug aufeinander, als sei der Hügel aus der Grube genommen, oder als solle von dem Hügel in die Grube gelegt werden. Es war ein Bezug wie Zeugung und Empfangung, Saat und Acker.
Zwischen diesen Orten und dem Baum der Erkenntnis waren allerlei kleine Bäumchen und Büsche. Alles dieses, wie überhaupt die ganze Natur, war wie durchsichtig und von Licht. Skizze
Die Früchte auf dem Baum des Lebens waren gelb und saßen in einer Blätterhülse, wie eine aufgehende Rose. Er war wie ein Baum, der winters grün ist.
Die Wurzel dieses Baumes war der Boden der Insel. Er hatte ein sanftes Abnehmen von großer Breite zu einer kleinen Spitze und
24
überdeckte die ganze Insel. Ich habe weder Adam noch Eva hier je gesehen. Ich erinnere mich, keine Tiere dort, als sehr schöne edle weiße Vögel, in dem Baum singen gehört zu haben.
Die Bäumchen und Kräuter auf der Seite des Hügels hatten, wie ich mich erinnere, Früchte und Blumen und waren farbiger. Die Grube an der linken Seite war wie von weißer, zarter Erde oder von Nebel, wie von weißen Blümchen bedeckt. Alle Pflanzen auf dieser Seite hatten wie Staub, mehr als Frucht.
Die beiden Orte schienen mir heilig. Ich sah sie, besonders den Hügel, so leuchtend. Sie waren die beiden Aufenthaltspunkte Adams und Evas. Der Baum war wie eine Scheidung zwischen ihnen. Ich meine auch, Gott hat ihnen diese Orte nach der Schöpfung Evas angewiesen. Ich sah sie auch anfangs wenig zusammen gehen. Ich sah sie ganz ohne Begierde jeden an seiner Seite meist sich ergehen. Die Tiere waren unbeschreiblich edel und leuchtend und dienten ihnen, und auch die Tiere hatten ihre bestimmten Wege und Ordnung und Wohnung und Trennung, und alle diese Kreise hatten ein großes Geheimnis des göttlichen Gesetzes und Zusammenhangs in sich. Ich habe keinen Weinstock und kein Korn im Paradies gesehen. Auch bei weitem nicht so viele Tierarten, als es jetzt gibt, und manche, die man nicht mehr sieht.
Als die Eva gebildet war, sah ich, daß Gott Adam etwas gab oder vielmehr ihm zufließen ließ. Es ist dieses nicht zu beschreiben, ich kann nicht anders sagen, als es strömten aus Gottes Stirn, Mund und Brust und aus seinen Händen Lichtströme und wickelten sich zum Lichtballen etwa von der Gestalt einer gekrümmten Bohne, und dieses ging in Adams rechte Seite über. Eva empfing dieses nicht. Ich erinnere mich auch dunkel, daß dieses ein göttlicher Keim war. (Auf die Frage: War das, was Abraham von dem Engel in die rechte Seite empfing, auch so gestaltet? sagt sie: Ja, aber nicht so leuchtend. Am Abend auf die Frage: War dieser Lichtkörper nur einer? sagt sie: Nein, es waren drei; hat denn Abraham auch drei empfangen? sagt sie: Nein, nur eines. Aber fragen sie mich nicht mehr, ich rede so ungern von diesen heiligen Dingen.)
Ich sah, daß Adam und Eva miteinander gingen, und Eva war auf der Seite ... Adams. Ich sah die Schlange, an welcher Eva besonders viele Freude hatte, immer vor ihnen herschweifen, ihnen alles geben, holen, Steinchen aus dem Weg tun, ihnen dieses, jenes reichen. Sie war überall, wo sie wollten, war ungemein schnell und zierlich und listig und freundlich und lieblich. Sie war etwa so groß
25
wie unser Marie Kathrinchen (ein Kind von sieben Jahren), hatte Hinter- und Vorderfüße, schoß wie ein Pfeil umher und an den Bäumen hinauf und setzte sich oft aufrecht.
Ich sah Adam und Eva von der rechten Seite her kommen, und Adam auf seinen leuchtenden Hügel steigen, auf dem er geschaffen worden und schlief, als Eva geschaffen wurde.
Ich sah Eva nach dem Baum der Erkenntnis gehen, als wolle sie vorübergehen. Ich sah, daß die Schlange an dem Baum hinaufsprang. Ich meine vernommen zu haben, daß die Schlange in der Annäherung des Baumes ungefähr zu ihr sagte, wenn sie von der Frucht dieses Baumes äßen, würden sie die Art der Vermehrung wissen und würden frei sein und keine Sklaven mehr. Ich sah, daß Eva nach Adam zurückschaute. Ich sah, daß dieser auch vom Hügel herabgegangen war und in den Büschen zwischen Hügel und Baum verweilte. Ich sah, daß Eva zu ihm ging und wieder zurück. Es war ein Zögern, eine Unruhe in ihr. Sie ging, als wolle sie am Baum vorübergehen, aber sie näherte sich ihm von der linken Seite und stand hinter dem Baum, von dessen langen niederhängenden Blättern bedeckt.
Der Baum war oben breiter als unten, und die breiten Blattzweige hingen tief gegen die Erde. Skizze Hier hing eine besonders schöne Frucht.
Ich habe auch gehört, daß Adam und Eva die Art der Vermehrung, wie Gott es wollte, noch nicht gekannt, und daß, wenn sie dieselbe gekannt hätten und doch in die Sünde gefallen wären, so würde die Erlösung nicht möglich gewesen sein. Sie hatten aber das Wort "mehret euch" empfangen.
Ich sah, daß die Schlange den Apfel zeigte und nicht wagte, ihn Eva zu brechen. Ich sah, daß Eva nach ihm gelüstete, und daß die Schlange ihn brach und ihr gab. Es war von den fünf zusammenhängenden der mittelste, schöne Apfel. Als Eva ihn hatte, ging sie mit der Frucht zu Adam. Ich sah, daß sie Adam den Apfel gab, und daß ohne dessen Einwilligung die Sünde nicht geschehen wäre. Ich sah, daß er den Apfel in seiner Hand zerbrach, und als sähe er Bilder darin. Der Apfel war inwendig blutig und mit Aderchen durchzogen. Es war, als würden sie nun inne, was sie nicht wissen sollten. Ich sah, daß sie sanken in ihrer Gestalt und sich verfinsterten. Es entstand eine Verfinsterung in ihnen. Sie waren tierisch Mann und Weib, was sie vorher nicht waren.
Ein Essen des Apfels habe ich nicht gesehen durch den Mund, aber der Apfel verschwand.
26
DIE KINDHEIT JESU
1.-2. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 2-7 Sie sind fort, ich habe sie fortreisen sehen.*32 Joseph war gestern wiedergekommen aus Annas Haus. Anna war noch hier in Naza reth, und die älteste Tochter auch. Sie waren kaum schlafen ge gangen. Maria mit dem Kind hatte ihre Schlaikammer rechts von der Feuerstelle, Anna links, die Schwester zwischen ihr und Josephs Kammer. Skizze
Ich sah Joseph schlafend liegen. Die Stuben waren nicht sd hoch wie das Haus, nur wie von geflochtenen Wänden zusammengesetzte Kammern, oben auch mit Flechtwerk. Marias Lager hatte noch einen Vorhang oder Schirm in der Stube. Zu ihren Füßen lag das Kind Jesus, getrennt. Wenn sie sich aufrichtete, konnte sie es nehmen.
Ich sah einen leuchtenden Jüngling vor Josephs Lager treten und mit ihm sprechen. Joseph richtete sich auf, aber er war schlaftrunken und legte sich wieder zurück. Da sah ich, daß der Jüngling ihn bei der Hand faßte und ihn zog. Da besann er sich und stand auf, und der Jüngling verschwand. Ich sah ihn nach der in der Mitte des Hauses brennenden Lampe gehen und sich ein Licht anzünden. Er ging vor die Kammer Mariä und pochte an und fragte, ob er nahen dürfe. Ich sah ihn hereingehen. Er sprach mit Maria, welche ihren Schirm nicht öfinete. Dann sah ich ihn nach dem Stalle zu seinem Esel gehen und in eine Kammer, worin allerlei Gerät lag, und alles ordnen.
Ich sah aber Maria aufstehen und zu Anna gehen. Auch diese stand auf, und Mariä älteste Schwester und der Knabe. Ich kann nicht genug sagen, wie ungemein rührend die Betrübnis Annas und der Schwester war. Anna umarmte Maria mehrmals unter Tränen und schloß sie an ihr Herz, als solle sie dieselbe nicht wiedersehen. Die ältere Schwester warf sich platt an die Erde und weinte. Sie drückten das Kind Jesus noch alle an ihr Herz. Auch der Knabe bekam es zu umarmen.
Joseph hatte indessen den Esel zugerüstet. Maria hatte das Kind in einer Binde vor sich, welche an ihren Schultern befestigt war. Sie war in einen langen Mantel geschlagen, der sie und das Kind verhüllte, und hatte einen großen viereckigen Schleier auf dem Haupt,
26 27
der hinten nicht lang niederhing, sondern den Kopf umspannte. Vorn aber hing er an den Seiten des Gesichts lang nieder. Sie hatte sehr wenig Zubereitungen. Ich sah nicht einmal, daß sie das Kind frisch wickelte. Sie hatte nur weniges Gerät bei sich. Joseph hatte einen Korb bei sich, worin viele Gefächer waren, auch lebendige Vögel und Krüglein. Es war ein Quersitz auf dem Esel mit einem Fußbrett.38
Maria ging eine Strecke mit Anna voraus. Es war der Weg gegen Annas Haus, aber mehr links. Anna umarmte sie noch und segnete sie, als Joseph mit dem Esel nahte und sie aufstieg und fortritt. Es war noch vor Mitternacht, glaube ich, daß sie das Haus verließen.
Als Maria auf Josephs Anrede aufstand, zog sie sich gleich zur Reise an und ging dann zu Anna. Sie nahmen erst kurz vor dem Aufbruch das Kind Jesus auf.
Mariä ältere Schwester sah ich nach Annas Haus gehen und dort Leute bestellen, welche nach Nazareth kommen sollten, und sie selbst ging mit dem Knaben wieder in ihre Heimat. Ich sah aber Anna in Josephs Haus alles zusammenpacken, und sah zwei Männer kommen. Der eine hatte nur ein Schaffell um und grobe Sohlen mit Riemen um die Beine, der andere hatte einen langen Rock an und schien Annas damaliger Mann. Sie halfen alles Gerät zusammenpacken und nach Annas Haus bringen.34
Ich sah die Heilige Familie erst durch mehrere Orte in der Nacht ziehen. Gegen Morgen ruhten sie unter einem Schuppen.35
3.-4. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 14. Am Morgen habe die Heilige Familie an einem Balsamstrauch und Wässerchen sich erquickt, das Kind Jesus mit bloßen Füßen auf Mariä Schoß. Jerusalem habe man rückwärts zu ihrer Linken in der Höhe liegen sehen, fern.
4.-5. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 16. ... Sie entsinne sich, daß ein Bote von den Reisenden in der Nähe Hebrons zu Elisabeth und Zacharias gegangen und ihnen von der Gefahr berichtet. Sie habe auch gesehen, daß Johannes von seiner Mutter in die Wüste von Hebron gegen Morgen in eine versteckte Höhle gebracht worden, wo sich Magdalena einmal nach Christi Tod aufgehalten, usw. Er habe nichts als ein Lamm Fellchen angehabt und habe schon an der Eltern Hand laufen können.
Die Heilige Familie zog in der Nacht vom 4.-5. durch eine Seite der Stadt Gaza an der Mauer hin.
Herodes ließ aus den Orten, wo er Soldaten hingesendet, Abgeordnete rufen, und befahl ihnen, die Mütter sollten die zweijährigen Knaben bringen. Sie sollten belohnt werden.
5.-6. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 I Viertelseite 19. Sie seien in einer sandigen Wüste, wo gar nichts sei.
6.-7. März 18211/ Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 28. Es sei für die Heilige Familie ein Quell in der Wüste entsprungen.
7.-8. März 1821/ Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 34-35. Ich sah die Heilige Familie sehr mühsam und verlassen durch eine Sandwüste schmachtend hinziehen. Sie hatten kein Wasser mehr, und ihre Krüglein waren leer.
Ich sah an einer niedriger liegenden Stelle vom Weg ab die Heilige Familie sich einem kleinen Busch nähern und die Heilige Jungfrau abgestiegen an diesem Busch niedersitzen, wo trocknes Grün war. Auf einmal sprang ein Wasserquell... hoch vor ihnen auf und ergoß sich über die grüne Fläche. Da sah ich sie sehr erfreut. Joseph machte entfernt eine Grube, führte den Esel hinzu, der sich sehr freute und aus der gefüllten Grube trank. Maria wusch das Kind in dieser Quelle. Sie erfrischten sich alle. Es kam ein schöner Sonnenblick. Sie waren erquickt und gerührt und brachten wohl zwei bis drei Stunden hier zu. Ich habe doch erzählt, daß ich Maria unterwegs einen Boten an Elisabeth senden sah. Diese und Zacharias brachten ihr Kind an einen sehr versteckten Ort in der Wüste. Zacharias ging nur ein Stück Wegs bis an ein Wasser mit, worüber Elisabeth mit dem Kind auf einem Balkenrost fuhr. Ich meine, Zacharias ging nun nach Nazareth auf dem Weg, den Maria einst Elisabeth zu besuchen kam. Ich habe ihn gestern auf der Reise gesehen. Vielleicht will er sich erkundigen. Es sind einige Leute dort, welche betrübt über Mariä Abreise sind, usw.
28 29
8.-9. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 36 - 38. Ich sah gestern nach Tisch die Mütter mit ihren Knaben von den jüngsten bis zu jenen von zwei Jahren aus Hebron, Bethlehem und dem anderen Ort, wo Herodes die Soldaten und nachher durch Vorgesetzte die Bekanntmachung hingesendet, nach Jerusalem ziehen. Sie kamen in verschiedenen Haufen. Einzelne hatten zwei Kinder bei sich und kamen auf Eseln.
Ich sah sie in Jerusalem alle in ein großes Gebäude führen. Die Männer wurden alle zurückgesandt.
Die Leute kamen alle ganz fröhlich, denn sie glaubten, eine Belohnung zu erhalten. Das Gebäude, worein die Mütter mit den Kindern geführt wurden, kam mir wie ein Lazarett vor. Es waren erst zwei Mauern, durch welche ein Tor führte, dann umschlossen zwei Seitengebäude einen Hof. Es führte links und rechts eine Türe in diese Seitengebäude, an deren Ende ein großes Gebäude wie eine alte wüste Synagoge schloß, aus welcher ein Tor in den Hof führte, der rings zu war, nur daß er oben einige Löcher hatte.
Als die Mütter alle hier eingesperrt waren, ward ihnen Angst, und sie begannen zu weinen und zu wehklagen.
Am heutigen Mittag, dem 9., hatte ich einen gräßlichen Anblick in einem kurzen Schlaf. Ich sah die Mütter aus den Seitengebäuden in die alte verfallene Schule bringen. Die Soldaten nahmen ihnen die Kinder ab und gingen mit diesen durch das Tor in den geschlossenen Hof, wo sie dieselben grausam ermordeten und auf einen Haufen schleuderten.
Ich bin über dieses Bild so erschrocken; ich wußte nicht, was es war, ich meinte, es sei hier, und erwachte drüber, wo ich mich dann besann.
9.-10. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 45-48. Ich habe das Bild vom Kindermord, das ich mittags gesehen, nochmals ganz gesehen. Das Haus muß ein Gerichtshaus gewesen sein. Es lag nicht an der Seite des Tempels, sondern nicht weit von dem Hause, wo nachher Pilatus gewohnt. Es war abgelegen und mit zwei Mauern und leeren Gebäuden umgeben. Man konnte außen nicht hören, was drin vorging. Das große Hinterhaus, welches den inneren Hof schloß, war zwei Stock hoch, die beiden Seitengebäude nur einen. Unten in dem Hinterhaus war ein großer Raum wüst. Er war wie ein Kerker, eine Wachtstube des Gerichtes.
Oben in dem Saal, aus welchem Fenster in den Hof gingen, waren allerlei Herren, wie in einem Gericht, versammelt. Sie hatten Rollen auf einem Tisch liegen. Ich glaube, Herodes war auch da. Ich sah einen mit rotem Mantel, mit weißem Pelz gefüttert, woran schwarze Schwänze waren.36 Er hatte eine Krone auf. Ich sah ihn am Fenster zusehen, von anderen umgeben.
Die Weiber wurden mit den Kindern einzeln aus den Seitengebäuden in den hinteren großen Raum gerufen, die Kinder ihnen abgenommen und von Soldaten durch das Tor in den Hof gebracht, wo etwa zwanzig beschäftigt waren, sie mit Schwertern und Piken zu stechen, in den Hals und das Herz. Es waren teils Kinder noch in Windeln, welche die Mütter an der Brust trugen, teils kleine Knaben mit gewirkten Röckchen. Sie zogen sie nicht erst aus, sie stachen sie in Hals und Herz und warfen sie bei Arm oder Bein gefaßt auf einen Haufen hin. Es war ein gräulicher Anblick.
Die Mütter wurden von den Soldaten unten in der großen Halle zurückgedrängt, immer eine zu der anderen, und da sie anfingen, ihr Elend zu merken, erhoben sie ein gräßliches Geschrei, rauften sich die Haare aus und umklammerten... einander. Sie standen endlich so gedrängt, daß sie sich nicht rühren konnten.
Ich meine, das Morden dauerte bis gegen Abend. Es muß ein Gerichtshaus gewesen sein, denn ich sah in dem Hof steinerne Pfähle und Blöcke mit Ketten, auch solche Bäume zum Zusammenbinden und Losschnellen, um Leute zu zerreißen. Es war ein sehr großes Gebäude, fest und finster. Der Hof war wohl so groß wie der Kirchhof in Dülmen.37
12.-13. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 65-66
Die Kinder wurden in einer großen Grube in dem Hof, wo sie gemordet wurden, eingescharrt. Ich hatte die Zahl, es waren, meine ich, siebenhundert und sieben oder siebzehn. Die Zahl wurde mir mit einer Zahl gezeigt, die wie "Dusen" lautete, und die ich sah und so oft zusammenzählen mußte, bis die Zahl herauskam. Ich meine, es waren zwei CC.38
Dieser Hof ist derselbe, in welchem Petrus bei der Verleugnung am Feuer saß, aber damals war das Gebäude sehr verändert, und es gingen von dem Fenster, wo Herodes beim Kindermord zusah, Stufen herunter, und war oben eine Türe und ein Richtersitz, und unten war ein runder Platz, wo das Volk hinausschrie. Auch waren
30 31
vorne die Mauern nicht so fest und alles offener. Aus den Seitengebäuden konnte man heraustreten, sie waren offen. Es war damals das Haus Kaiphae.
8.- 9. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 39 - 40. Ich habe die Heilige Familie in sternheller Nacht durch sandige, mit niedrigem Baumwerk bedeckte Wüste ziehen sehen. Ich sah das Bild, als ziehe ich mit durch die Wüste. Sie war voller Gefahr von einer großen Menge von Schlangen, welche in dem Gebüsch herum rund im Kreis geringelt in Grübchen unterm Laub lagen. Sie nahten alle dem Weg mit einem großen Gepfeife und streckten die Köpfe gegen die Heilige Familie hervor. Ich sah diese mit Licht umgeben, geschützt vorüberziehen. Es war auch noch ein anderes Untier da. (Sie hatten einen Leib mit einer Art Flügel wie große Flossen. Sie hatten kurze Füße und schossen wie fliegend über den Boden hin. Sie waren schwärzlich und hatten etwas wie Fische in der Gestalt ihres Kopfes.)
Hernach kam die Heilige Familie hinter Gebüsche an einen Bruch im Boden, wie an die Wand eines Hohlwegs. Sie wollten sich da niederlassen. (Ich fand den Ort so schauerlich und wollte geschwind von den Hecken an der einen offenen Seite eine Schutzwehr flechten, aber es kam ein ungeheures Tier, ich meine, ein Bär, mit herein, und ich war in großer Angst. Da kam auf einmal Lambert39 jung und schön zu mir und faßte das Tier beim Nacken und warf es hinaus. Ich fragte ihn, wie er hierher komme, da er sich an seinem Ort doch gewiß besser befinde. Er sagte: "Ich will auch nicht lange hier bleiben, ich wollte dir nur helfen!" Er sagte mir noch allerlei, ich würde ihn noch einmal sehen, usw.)
9.-10. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 49. Sie sah dieses Bild wie voriges Jahr im Februar. Was sie mehr sagt, ist, die Frau habe der Heiligen Familie ein Brötchen, auch Honigwaben und kleine Früchte zu essen gebracht. Maria habe Wasser in einer Mulde, Jesum zu baden, begehrt und unter einem Tüchlein ihn gebadet, habe dann der Frau gesagt, ihr aussätziges Kind hineinzulegen, welches sogleich rein geworden. Die Frau sei ganz außer sich vor Freude geworden, habe Maria und das Kind umarmen wollen. Maria aber habe sich nicht, noch das Kind, von ihr berühren lassen und mit der Hand abgewehrt.
32
Nach diesem Wunder seien alle die Leute und auch mehrere Knaben um sie hergestanden und hätten gegafft. Am Morgen hatten die Leute sie auf den rechten Weg an vielen Gruben vorbeigebracht. Es seien zwei Hütten in der Gegend gewesen, usf.
10.-1l. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 53-55. Ich habe die Heilige Familie nach dem Räuberhaus noch durch Wald kommen sehen. Ich sah sie auch über ein Wasser fahren auf einem Balkenrost. Es war... eine Art Kufen oder großer Mulden darauf. Der Esel stand in einer. Maria saß mit dem Kind auf einem Balken. Zwei häßliche, braune halbnackte Männer fuhren sie über. Sie hatten eingedrückte Nasen, aufgeworfene Lippen.
Es wurden an dem Wasser viele Graben gemacht.
Ich sah die Heilige Familie dann in einem Wald sehr schmachtend und ohne Nahrung. Am Ausgang des Waldes stand ein schlanker, dünner Dattelbaum. Maria ging bereits und hatte das Kind auf dem Arm. Ich sah, daß sie das Kind gegen den Baum emporhielt und daß dieser sich neigte, als knie er nieder Skizze, und daß die Heilige Familie alle seine Früchte von ihm sammelte. Der Baum blieb so stehen.
Ich sah, daß Maria nachher viele von den Früchten an nackte Kinder austeilte, die um sie her liefen.
Eine Viertelstunde von diesem Baum etwa stand ein großer, sehr dicker Baum, schier wie eine Eiche, derselben Art, und es war mir, als habe dieser Baum mit jenem einen Zusammenhang; ich weiß nicht mehr recht welchen.
Ich sah am Abend die Heilige Familie in den Mauern einer alten zerbrochenen Stadt übernachten, usw.
11.-12. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 62. Sie meint, eine Szene, welche sie voriges Jahr, 14.~15. Februar, gesehen, wo die Heilige Familie schmachtend in einem Schuppen Zuflucht nimmt, und wo Götzenbilder in der Gegend an Bäumen verehrt werden, sei nach der Räuberherberge und vor der gestern erzählten Überfuhr und dem Dattelbaumwunder geschehen.
12.-13. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 69-71. Sie erzählt, leider etwas nachlässig, von ihren Anfechtungen verwirrt, doch folgendes bestimmt:
Die Heilige Familie ward schon in das letzte Nachtquartier in die zerbrochene Stadt von einem guten Mann begleitet, der, glaube ich, von den Leuten war, die an dem Kanal gruben, über den sie gekommen waren. Dieser Mann begleitete sie weiter nach Heliopolis. Sie hatten, wie es mir jetzt vorkommt, noch fünf Stunden dahin. Sie gingen über eine sehr hohe steinerne Brücke über einen breiten Fluß. Vor der Stadt stand ein großer Baum, und darunter ein großes Götzenbild auf einem Säulenfuß, der unten dünn war. Es war wie ein Ochse, der wie ein Wickelkind etwas in den Armen hatte. Die Heilige Familie setzte sich neben dieses Bild, welches umstürzte. Da entstand ein Tumult unter den Leuten gegen die Heilige Familie, welche der sie begleitende Mann in die Stadt führte, wo sie in einer Mauer, in der viele Räume waren, dicht am Götzentempel einkehrten.
Als sich aber viele Menschen zornig mit allerlei Verwünschungen dem gestürzten Götzenbild näherten, bebte die Erde. Der große Baum sank zur Seite, seine Wurzeln brachen in die Höhe. Es entstand eine große Lache voll schwarzen Wassers um sie. Das Götzenbild sank so tief ein, daß man kaum die Hörner noch sah, und einige, welche am bösesten waren, sanken mit ein.
Nachtrag.
Der Platz vor dem Tor von Heliopolis, wo der große Baum und das Götzenbild standen, war mit etwas umgeben wie eine Promenade. Das Götzenbild stand nicht ganz dicht an dem Baum, es war noch ein Kreis von Steinen, wie Sitze oder Bänke darum, worauf die Leute Opfer stellten.
Die Heilige Familie ruhte an dem Baum. Da fiel das Götzenbild um. Es war wie eine Erderschütterung, und es lief Volk herbei, welches in der Gegend an den Kanälen grub, und die Heilige Familie war schon an dem Ausgang des Götzenpalastes, zur Stadt zu gehen, da schimpften Leute zornig auf sie und umgaben sie. Aber es sank nun auch der Baum, und das Götzenbild versank bis an die Hörner in dem schwarzen Wasser, das die weite Grube erfüllte. Auch mehrere der Bösesten versanken, und die Heilige Familie zog ruhig in die Stadt. Am Tage des Kindermords weinte das Kind Jesus immerfort.
13.-14. April 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 4 / Viertelseite 42. Ich sah dieses alles in kurzen historischen Bildern und sah nach jedem Bild die Heilige Jungfrau mit einem Strahl durch die Brust gestochen und ward selbst dadurch ganz voll Schmerzen und Krankheit.
Ich sah die Beschneidung, ganz wie immer im Eingang zur Krippe, und sah Maria ein Tüchlein an der Brust wärmend, welches sie hingab, das Kind zu verbinden. Ich sah sie entfernt stehen, mit einem geheimnisvollen Schmerz durchdrungen. Ich sah sie von Schmerz zerrissen bei Simeons Weissagung, ihr Kind werde vielen ein Heil, vielen ein Ärgernis sein.
Ich sah sie voll Schmerz am Tage des Kindermords, da auch Jesus in Ägypten heftig weinte. Sie sah es im Geist, usw.
24. - 25. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 126. Sie sah Maria und die Heilige Familie in Ägypten heute. Sie wohnten noch neben dem Tempel in Heliopolis in dem Gewölbe einer dicken Mauer. Sie hatten aber nicht weit davon einen Betort gebaut, wo sich die Juden, die hier wohnten, mit ihnen versammelten, die vorher keinen solchen Ort hatten. Es war eine Kuppel oben, welche sie öffnen konnten, daß sie unter freiem Himmel standen. Sie hatten einen rot und weiß bedeckten Opfertisch in der Mitte und Rollen darauf liegen.
Sie hatten einen sehr alten Mann als Priester oder Lehrer. Hier standen die Weiber und Männer nicht so getrennt. Die Weiber standen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite.
Das Kind Jesus ward oft von anderen Kindern besucht. Joseph hatte sich schon eingerichtet und begann sein... Handwerk.
3.-4. April 18211/ Tagebuch Bd. III, Heft 4 / Viertelseite 10. Ich sah in diesen Tagen die Wohnung der Heiligen Familie schon ganz eingerichtet. Joseph hatte vor das Gewölbe einen leichten Vorbau gemacht mit vielen Abteilungen. Er arbeitete schon leichte Flechtwände. Die Leute bestrichen sie mit etwas und machten Hütten und Räume auf den ungeheuer dicken Mauern dort da mit. Er machte auch Körbe und kleine Türmchen, wie Schilderhäuser, die sie auf Dächern stehen hatten, worin sie saßen.
Maria flocht Teppiche und harte einen Knollen an einem Stecken, ich glaube, sie spann, oder was es war.
34 35
Es kamen oft Leute zu ihr und dem Kind Jesus. Es stand in einem Schiffchen an der Erde oder auch hoch auf einem Gestell von zwei Beinen, die in Querklötzen... steckten. Da lag es in einem Schiffchen und hatte die Hände auf beiden Seiten überhängen.
Sie hatten auch dort nun eine Art Schule mit den anderen Juden.
29. - 30. Juli 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 7 / Viertelseiten 124 - 125. Ich hatte heute nacht einen Blick, wie Jesus zwischen Maria und Joseph in seinem siebenten ? Jahr aus Ägypten in Judäa einwanderte. Sie hatten keinen Esel bei sich und trugen Bündel hinten und vorne. Joseph war etwa dreißig Jahre älter als Maria.
Ich sah sie auf einer Straße in der Wüste, etwa zwei Stunden von der Höhle Johannis des Täufers ab. Ich sah, daß der Knabe Jesus wandelnd hinüber nach der Gegend schaute, und daß seine Seele sich auf Johannes bezog. Zugleich sah ich den Knaben Johannes, der in seiner Höhle betete. Es kam ein Engel in der Gestalt eines Knaben zu ihm und sagte ihm, dort gehe der Heiland vorüber. Ich sah Johannes aus der Höhle hinauseilen ein Stück Weg und nach jener Gegend die Arme ausstrecken. Ich sah ihn tanzen und spielen vor Freude. Es war dieses Bild ungemein rührend. Es war seine Höhle hier zwischen zwei Hügeln unter der Erde in einem Hügel. Sie war nicht breiter als sein Lager, aber ziemlich lang hinein. Ich sah ihn bei einem kleinen Bach herausschlüpfen. Oben war schräg herein ein Lichtloch.
Ich sah in der Höhle nichts als auf einem Gestell von Stäben oder Rohr einige Honignester liegen und mehrere Heuschrecken getrocknet. Sie waren wie Krebse so groß, gelb und gesprenkelt. Ich erinnere mich nicht, diese Tiere früher bei ihm gesehen zu haben. Sie hatten mir etwas Schauerliches.
Die Wüste, wo Jesus fastete, ist vier Stunden von dieser.
Johannes hatte ein Fell umhängen. Der Engel, der zu ihm kam, war wie ein Knabe seines Alters. Ich habe ihn früher kleiner und später größer gesehen. Er wuchs ordentlich wie mit ihm auf. Er erschien und verschwand. 40)
8.-9. Januar 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 1 / Viertelseiten 59-53. Ich kam hierauf nach dem alten Jerusalem. Das war ganz voller Menschen. Es war ein Gedränge. Die Leute hatten Körbe am Arm hängen, worin sie Opfer brachten, und es waren so viele, daß sie mit den Körben aneinander stießen. Ich sah aber einen Mann und eine Frau unter den Leuten, welche betrübt waren und etwas suchten, und sie gingen außer der Stadt herum und durch einen anderen schmalen Weg zum Tempel hinein. Da stand alles so gedrängt, daß sie kaum durchkonnten. Sie drängten sich aber doch durch und fanden Jesum in einem großen Stuhl sitzen, den er bei weitem nicht ausfüllte. Er war von einer Menge alter und priesterlich gekleideter Juden umgeben. Sie horchten aufmerksam und schienen ganz grimmig, und ich fürchtete, sie würden ihn ergreifen. An dem Stuhl, auf welchem er saß, waren oben braune Köpfe, wie Mopsköpfe. Sie waren grünbraun, und auf den höchsten Stellen schimmerten und glänzten sie gelb. Eben solche Köpfe und Figuren waren an mehreren langen Tischen oder Anrichten angebracht, welche seitwärts von diesem Orte im Tempel standen und voll von Opfergaben waren. Der ganze Raum war so ungemein groß und voll Menschen, daß man gar nicht fühlte, daß man in einer Kirche war.
Der Heiland war schlank und schmächtig, mit einem schmalen, leuchtenden Angesicht, gesund aussehend, aber doch bleich. Seine ganz schlichten, rötlich gelben Haare hingen ihm gescheitelt über der hohen, offenen Stirn auf die Schultern nieder. Er hatte einen langen licht-bräunlich-grauen Hemdrock, der wie gewebt bis auf die Füße ging, an. Die Ärmel waren etwas weit an den Händen.
Zuerst, als seine Eltern hervortraten, ließ er sich nicht irremachen und sprach weiter. Joseph war ganz schüchtern und verwundert und sprach nicht. Maria aber nahte ihm und sprach mit ihm verweisend. Er schien ganz ernst zu antworten. Die Zuhörenden waren ganz verwundert und sahen diese Leute an.
Ich war in großer Angst, sie möchten den Jüngling ergreifen, denn ich sah sie teilweise voll Grimm. Aber mich wunderte, daß sie die Heilige Familie ganz ruhig hinweggehen ließen, und es entstand in dem dichten Gedränge eine weite Bahn für sie. Ich sah sie wieder aus der Stadt hinausgehen, und sie vereinigten sich mit etwa drei Männern, zwei Weibern und einigen Kindern vor der Stadt, welche ich nicht kannte, und die auch von Nazareth zu sein schienen. Mit diesen zusammen gingen sie noch um Jerusalem herum allerlei Wege, auch am Ölberg, und blieben in den schönen grünen Lustplätzen, welche da sind, hier und da stehen und beteten, mit den Händen auf der Brust gekreuzt. Ich sah sie auch über einen Bach mit großer Brücke gehen. Dieses Gehen und Beten der kleinen Gesellschaft erinnerte mich lebhaft an eine Wallfahrt.
36
37 -
Hiermit schloß sich dieses Bild. Ich wußte nicht, daß den 8. Januar das Evangelium diesen Teil des Lebens Jesu enthalte.
Ich war am Abend in vielen Sorgen und Betrübnis gewesen und erhielt während dieses Bildes folgende ErMärung von meinem Führer:
Erstens: Joseph und Maria haben aus weltlicher Sorge Jesum verloren, denn sie haben, um gefällig zu sein, in Jerusalem sich zuviel mit ihren Freunden und Verwandten beschäftigt. So geht's dir auch oft.
Zweitens: Sie haben aus zu großer Sicherheit auf Jesum ihn verloren und haben geglaubt, er könne sie nicht verlassen, und verloren ihn daher aus Mangel an Mitwirkung. So geht es dir auch oft.
Drittens: Was sorgst du unnütz, die Juden möchten ihn fangen, glaubst du, der, welcher berufen ist, als ein Kind kühn und frei im Tempel zu lehren, fürchte sich, gefangen zu werden? Fürchte dich auch nicht!
So erhielt ich dieses Bild mit Lehren, welche sich ganz auf meine augenblickliche Schwäche beziehen, und als eine schonende, liebevolle Ermahnung Gottes, der große Barmherzigkeit mit mir hat.
DIE LEHRJAHRE JESU
9.-10. Juni 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 6 / Viertelseite 41. ... Joseph war höchstens ein paar Monate tot, als Jesus nach Kapernaum zog. Sein Leib wurde später von den Christen nach Bethlehem in ein Grab gebracht, und ich meine immer, als sehe ich ihn noch liegen und als sei er noch unverwes t, usw. Ehe Joseph starb, zog Jesus noch nicht sehr weit herum, sondern nur in der Gegend.
11. Juli 1821/ Tagebuch Bd. IV, Heft i / Blatt 14 (Viertelseite 24). Heute sah sie, daß in Jerusalem eine große Beratung im Synedrium über Johannes war und daß man neun Männer zu ihm sjandite von drei Behörden. Annas sjandte den Joseph Arimathia, den ältesten Sohn Simeons und einen Priester, der die Opfer immer bes chauen mußte. Aus dem Rat wurden auch drei gesjandjt und drei gemeine Bürger. Sie sollten ihn aus fra gen, wer er sei, und er solle nach Jerusalem kommen. Wenn seine Sendung eine gerechte wäre, so würde er sich beim Tempel erst gemeldet haben. Sie hielten sich über seine unschickliche Kleidung auf, und daß er die Juden taufe, da man doch nur die Heiden zu taufen pflege. Einige glaubten auch, er sei Elias, aber vom Jenseits wiedergekehrt.
6.-9. August
1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 8 / Viertelseiten 65-66
Ich sah Johannes in jenem Zelt, wo er neulich die Jerusalemer Gesandten abgespeist hatte. Es waren abermals an zwanzig Gesandte des Synedriums bei ihm. Es waren Leute von allen Ständen, auch Priester, mit Mützen, breiten Gürteln und langen Binden an einem Arme abhängend, welche unten rauh, wie von Pelzwerk waren. Sie sagten ihm sehr dringend, daß sie von dem ganzen Synedrium gesendet seien. Er solle sich vor demselben stellen und über seine Sendung und Beruf ausweisen. Es sei ein Beweis seiner Unberufenheit, daß er dem Synedrium nicht Gehorsam leiste41, usw.
Ich hörte ihn heute deutlich gegen sie aussprechen, sie sollten harren, in wenigen Tagen werde der zu ihm 42 kommen, welcher ihn gesendet habe. Er bezeichnete Jesum bestimmt. Er sei in Bethlehem geboren, in Nazareth erzogen, nach Ägypten geflüchtet, usw. Er habe ihn nie gesehen.
38
39
Sie warfen ihm vor, er spiele im Einverständnis mit jenem, sie sendeten einander Boten. Er sagte, die Boten, welche Er ihm sende, könne er ihnen nicht zeigen. Sie seien ihren blinden Augen nicht sichtbar.
Ich sah die Gesandten ihn unwillig verlassen, usw.
Als ich dieses gesehen, ward ich in die Gegend von Ephesus in die Zeit des Todes Mariä daselbst geführt.
i~.-i6. August 1821 / Tagebuch Bd. 111, Heft 8 / Viertelseiten 157-164
... Ich habe ein großes Bild gehabt von wunderbar frommen Leuten unter den Juden. Ich war schier den ganzen Tag gestern unter ihnen, und hätte ich nicht so viel Besuch gehabt, so hätte ich nicht das meiste vergessen. Ich kam durch den alten Propheten Archos vom Berg Horeb in dieses Bild. Er war ihr Oberhaupt zur damaligen Zeit. Diese Leute hießen Essener oder Essäer. Ich hatte auch viel von ihrem Ursprung und weiß nur noch, daß sie von Moses und Aaron schon herrührten und von den Priestern, welche die Arche trugen, und daß sie zwischen Jesaias und Jeremias ihre bestimmtere Ordnung erhielten. Sie waren anfangs nicht sehr viele, wohnten aber nachher im Gelobten Land in Versammlungen, achtundvierzig Meilen in die Länge und sechsunddreißig in die Breite, kamen später erst in die Gegend des Jordan. Sie wohnten hauptsächlich am Berg Horeb und Karmel.
Sie wurden in die Gesellschaft aufgenommen wie in einen geistlichen Orden und mußten ein Jahr lang Prüfungen aushalten. Sie wurden auf höhere, prophetische Eingebungen auf längere und kürzere Zeit aufgenommen. Die in dem Orden selbst heirateten nicht. Es waren aber andere, welche dem Orden anhingen oder aus ihm ausgingen, welche verheiratet waren und in ihren Familien eine ganz ähnliche Zucht unter Kindern und Hausgenossen hatten. Es war ein Verhältnis wie das der Tertiaren zu Ordensgeistlichen, denn diese Verheirateten holten sich in allem Rat bei dem geistlichen Oberhaupt, dem Propheten auf Horeb. Die Vorfahren der Anna waren Essener.
Es gab noch eine dritte Gattung dieser Leute, welche alles übertrieben und auf große Irrwege kamen, und ich habe gesehen, daß die anderen sie nicht unter sich duldeten.
Sie hatten besonders mit prophetischen Dingen zu tun, und das Oberhaupt hatte besonders göttliche Gesichte in der Höhle des Elias auf Horeb, welche sich auf die Ankunft des Messias bezogen. Sie wußten um das Geschlecht, aus dem er kommen würde, und wenn Archos den Voreltern der Anna über ihre Fortpflanzung weissagte, sah er auch, wie die Zeit sich nahte.4~ Die Störung und Unterbrechung, das Verzögertwerden durch Sünde, wie lange es währte, wußte er nicht 44, und sie ermahnten daher zur Buße und zum Opfer.
In der ersten Zeit, ehe Jesaias sie sammelte, lebten diese Leute als fromme, sich abtötende Juden zerstreut. Sie trugen immer dies~1ben Kleider und flickten sie nicht, bis sie ihnen vorn Leibe fielen. Sie lebten in der Ehe, aber taten sich lang von ihren Weibern. Sie trennten sich mit gegenseitiger Einwilligung in weit entfernten Hütten, kamen auch wohl zusammen, allein aber, um Kinder zu zeugen. Die fleischliche Lust bekämpften sie auf alle Weise. Schon damals waren Leute von den Vorfahren Annas und anderer heiligerJ Leute unter ihnen. Jeremias hatte auch mit ihnen zu tun.
Aus ihnen waren die Leute, die man Prophetenkinder nannte. Sie wohnten viel in der Wüste und um den Berg Horeb. Auch in Ägypten gab es sehr viele. Ich habe auch gesehen, daß sie durch Krieg eine Zeitlang vom Berg Horeb vertrieben waren und von anderen Oberhäuptern wieder gesammelt wurden. Die Makkabäer waren auch unter ihnen. Sie waren große Verehrer des Moses und hatten ein Kleidungsstück von ihm, das er Aaron gegeben, von dem sie es hatten. Es war ihr großes Heiligtum, und ich habe ein Bild gehabt, wo an fünfzehn von ihnen in Verteidigung dieses Heiligtums umgekommen sind.
Ihre Häupter hatten Wissenschaft von dem Geheimnis der Bundeslade. Sie waren von einer ganz unbeschreiblichen Frömmigkeit und Reinheit. S~e nahmen Kinder auf. Um ein Mitglied des strengeren Ordens zu werden, mußte man vierzehn Jahre alt sein. Leute, die schon erprüfte Leute waren, wurden nur ein Jahr geprüft, andere zwei Jahre. Sie lebten ganz jungfräulich und enthaltsam, hatten keine Art von Handel. Was sie brauchten, tauschten sie gegen Produkte des Ackerbaus. Wenn sich einer schwer versündigte, wurde er ausgestoßen, und ihrem Bann folgte eine Kraft wie die des Petrus gegen Ananias; sie starben. Das Oberhaupt wußte auch auf prophetische Weise, wer gesündigt hatte. Ich sah auch welche, die nur büßten und z. B. in dem steifen Rock mit ausgebreiteten unbiegsamen Armen stehen mußten, der inwendig voll Stacheln war.
Der Berg Horeb war voll Höhlenzellen von ihnen, und an eine
40
41
größere Höhle war von leichtem Bauwerke von Flechtwerk ein großer Versammlungssaal gebaut. Sie kamen um die elfte Stunde da zusammen und aßen. Jeder hatte ein kleines Brot und einen Becher vor sich. Das Oberhaupt ging von Stelle zu Stelle und segnete jedem sein Brot. Wenn sie gegessen hatten, kehrten sie nach ihren einzelnen Zellen zurück. Es stand in ihrem Versammlungssaal ein Altar, auf welchem Brötchen verdeckt standen. Es waren diese geweiht und ein Heiligtum. Ich meine, sie wurden den Armen ausgetc't. Sie hatten sehr viele Tauben. Sie fraßen ihnen aus den Händen und waren ganz zahm. Sie aßen Tauben, sie hatten aber auch religiöse Handlungen mit ihnen, indem sie etwas über sie sprachen und sie fliegen ließen. Auch sah ich, daß sie Lämmer in die Wildnis laufen ließen, über die sie etwas ausgesprochen, als sollten sie ihre Sünden übernehmen.
Ich sah, daß sie alle Jahre dreimal nach Jerusalem zum Tempel gingen. Sie hatten auch Priester unter sich, denen besonders die Besorgung der heiligen Kleider zukam, die sie reinigten, zu denen sie beisteuerten und von denen sie auch neue bereiteten. Ich sah sie Ackerbau treiben, Viehzucht, besonders Gartenbau. Der Berg Horeb war zwischen ihren Hütten voll Gärten und Obstbäumen. Auch sah ich viele weben und flechten, auch Priesterkleider sticken. Die Seide sah ich sie nicht selbst gewinnen. Sie kam in Bündeln zum Verkauf, und sie tauschten sie gegen Produkte ein. Sie hatten in Jerusalem eine getrennte Wohngegend, und auch im Tempel hatten sie einen getrennten Ort. Die anderen Juden mochten sie nicht recht leiden.
Ich sah sie zum Tempel auch Opfergaben senden, z.B. ganz große Trauben, welche zwei Leute zwischen einander an einer Stange trugen. Auch Lämmer, welche aber nicht geschlachtet wurden, sondern die man nur laufen ließ, ich meine in einen Garten. Ich habe nicht gesehen, daß sie blutige Opfer brachten. Ich sah, daß, wenn sie zum Tempel gingen oder reisten, sie sich vorher streng vorbereiteten durch Fasten, Bußetun - sie geißelten sich auch - und durch Gebet, und wenn einer nicht ohne Sünde hinging, so pflegte er meist plötzlich zu sterben. Wenn sie aber unterwegs oder in Jerusalem einen Kranken oder Hilflosen liegen fanden, so gingen sie nicht zum Tempel, bis sie ihm auf irgendeine Art geholfen hatten. Ich sah sie Kräuter sammeln und Tränke bereiten und glaube, es waren teils solche Leute, die ich in früheren Gesichten Leute auf Kräuter betten gesehen. Ich sah auch, daß sie Kranke durch Auflegung der Hände heilten und indem sie sich mit ausgebreiteten Armen ganz über sie streckten. Auch sah ich, daß sie in die Entfernung heilten. Kranke, welche nicht kommen konnten, 5 and ten einen Stellvertreter, an welchem alles geschah wie an dem Kranken. Man merkte sich dann die Stande, und der Kranke war indessen genesen.45
16.-19. August 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 8 / Viertelseiten 171-180
Diese frommen Leute haben dreimal andere Namen erhalten. Zuerst hießen sie Eskarener, dann Chassiden und dann Essener.
(Escara oder Ascara soll der Teil des Opfers heißen, der Gott zukommt, auch der Weihrauch des Semmelmehlopfers. Chasside soll die Barmherzigkeit heißen usw.) Ich sah die Verheirateten auch abgesondert essen. Erst aß der Mann, und wenn er weggegangen, die Frau. Die Unehelichen, welche zusammen auf Horeb wohnten, und alle die in Klöstern trugen lange weiße Kleider und waren sehr reinlich. Ihr Oberhaupt hatte wunderbaren priesterlichen Ornat. E r war ganz auf die Art der Hohenpriesterkleidung im Tempel, nur alles etwas kürzer und nicht so reichlich. Wenn er weissagte und in der Höhle des Elias betete, hatte er diese Kleidung immer an. Es waren etwa acht Teile dieser Kleidung. Es war ein großes Heiligtu m dabei, eine Art Kragen, den Moses auf bloßem Leibe getragen, der dann an Aaron kam und von diesem an diese frommen Leute. Ihr Oberhaupt Archos trug es immer bei volle m Ornat auf bloßem Leib. Es war steif und wie von Haaren gewirkt. Es war auf der Mitte der Brust und auf dem Rücken doppelt und wie gesteppt. ~ch weiß nicht mehr, was dazwischen war. Es hatte diese Gestalt auseinandergelegt.4~
An dem Halsloch war bei a das Dreieck b ausgeschnitten und der obere Raum mit einem Bändchen oder Riemchen verbunden. In der Mitte der Brust war ein Ausschnitt fSkizze, und das ihm unterstehende Dreieck c war doppelt und wie gesteppt gerippt. Es waren Buchstaben hineingesteckt mit kleinen Stiften, welche auf der anderen Seite mit spitzen Häkchen die bloße Brust berührten und stachen. Auf dem Dreieck, das oben ausgeschnitten war, war auch etwas von Buchstaben. Was zwischen diese Dreiecke gesteppt war, weiß 1ch nicht. Wenn der Priester den Kragen anlegte, bedeckte das ausgeschnittene obere Dreieck niederhängend genau das untere.47 Auf der Mitte des Rückenteils war auch eine solche gesteppte, mit Buchstaben und Stacheln versehene Stelle. Auf dem bloßen Leib hatte
42
43
er erstens eine Binde um die Mitte des Leibes, dann diesen heiligen Brustkragen; hierüber ein grauwollenes Hemd, über diesemj ein großes Hemd von weißer gezwirnter Seide, welches in der Mitte mit einem breiten Gürtel gegürtet war, worauf Buchstaben standen. Sie hatten eine Art Stola um den Hals und bis auf die halben Füße hängen. Sie war in der Mitte der Brust gekreuzt und oben und unter dem Kreuz mit drei Bändern verbunden. Der Gürtel umfaßte die Stola. Hierüber legte er eine Art Meßgewand an, auch von gezwirnter weißer Seide. Es war hinten schmäler und lang bis zur Erde und hatte zwei Schellen am unteren Saum, welche klangen, wenn er ging. Auf diesen Klang kamen die anderen zum Gottesdienst. Die vordere Hälfte war breiter und kürzer und vom Halsloch bis herab offen und hatte durch zusammenhaltende Klammem und mit Buchstaben und Edelsteinen verzierte Haften unterbrochene große Lücken auf Brust und Leib, wo die Stola und das Unterkleid durchsah en. Es war der vordere und hintere Teil dieses Kleides unter den Armen an beiden Seiten mit Querbahnen verbunden. Es hingen auch Quasten wie Früchte daran von Seide. An dem Halsloch war ein steif stehender Kragen vorne mit einigen Knöpfen oder Krappen geschlossen.48 Sein Bart lag über dem Kinn gescheitelt auf diesem steifen Kragen oder Halsband auf. Hierüber legte er zuletzt ein kleines Mäntelchen von weißer, gezwirnter Seide. Es schimmerte und glänzte, war vorne mit drei Spangen mit Steinen, worauf etwas eingeschnitten, geschlossen, und von den beiden Schultern vorne gegen die Brust laufend war eine Reihe von sechs Edelsteinen befestigt, in welche auch Zeichen eingegraben waren. Auf der Mitte des Rückens war auch ein Schild befestigt, worauf etwas stand. An diesem Mantel waren auch Fransen, Quasten und Früchte. Er trug außerdem an dem einen Arm einen kurzen Manipel.49 Die Kopfbedeckung, ich meine, auch von weißer Seide, hatte etwas vom Barett unserer Geistlichen, nur war sie rund gewulstet wie ein Turban. Oben hatte sie solche Erhabenheiten wie das Barett und auch einen seidenen Busch, vor der Stirne eine goldene Platte mit Edelsteinen.9""
Sie hatten in ihren Gebirgshöhlen enge Gewölbe, worin viele Gebeine heiliger Propheten in Baumwolle gepackt lagen, die sie verehrten und dabei beteten und schauten...
Ich sah neulich noch, daß ein blühender Zweig, ich glaube, die Rute Aarons, in dem wunderbaren Bäumchen in der Prophezeiungshöhle des Esseneroberhauptes Archos auf Horeb war, und daß das
44
Bäumchen nur wie ein Futteral, aber doch auch wie lebendig war. Wenn der Priester wegen einer Verehelichung betete, so nahm er die Rute Aarons in die Hand, und diese trieb einen Sprossen, wenn die Verehelichung zur Geschlechtslinie Mariä beitragen sollte, und dieser Sproß trieb wieder eine oder mehrere Blumen, worunter manchmal eine mit dem auserwählten Zeichen bezeichnet war. Die Voreltern Annas waren schon bestimmte Sprossen, und daher waren die erwählten Töchter durch schon bestimmte Zweige vorgestellt worden, welche dann weiter aufblühten, wenn die Person zur Ehebestimmung kam. Das äußerliche Bäumchen mit den gedrehten Blättern war Wurzel Jesse, an welcher zu sehen war, wie weit die Herannahung Mariä schon war. In Töpfen dabei standen Kräuterbüschchen von einem Kraut, so hoch, als der Rock Christi von der Erde abstand. Sie zeugten durch Grünen und Welken auch etwas an. Das Kraut kenne ich. Es ist auch, doch geringer, bei uns. Die Essener auf Horeb hatten auch ein anderes Geheimnis aus der Bundeslade. Es war ein Teil des dortigen Sakraments. Sie haben es einmal erhalten, als die Lade in Feindesgewalt kam.~1 Es war dieses etwas wie eine Beschneidung, wie einen Finger lang. Es lag in einem braunen Kelch, der glänzend und aus einem Edelstein schien. Es war nicht von Menschenhand gemacht. Es war eine Substanz wie Fleisch, aber ein geheimnisvolles. Sie weissagten auch daraus. Es trieb manchmal kleine Blüten. Ich sah, daß die Essener auf Horeb in ihren Höhlen in den Wänden vergitterte Räume hatten, in denen sie alte heilige Gebeine sehr schön in Seide und Baumwolle gewickelt hatten, bei welchen kleine Töpfe mit grünen Kräutern standen. Es waren Gebeine von Propheten, die da gewohnt, auch von den Kindern Israel, die da umher gestorben. Sie ehrten diese Gebeine und beteten vor ihnen, steckten auch Lampen vor ihnen an. Wunderbar erschien mir, daß sie immer auf weibliche Kinder weissagten, und daß die Voreltern Annas und Anna selbst immer Töchter hatten. Es war, als sei ihrem geheimen Dienst die religiöse Heranbildung der reinen Gefäße obgelegen, welche heilige Kinder empfangen sollten, den Vorläufer, den Herrn, und seine Freunde. Sie lebten sehr mäßig und streng und aßen meist nur Früchte, die sie in großer Menge in Gärten zogen. Archos aß oft meist bittere gelbe Früchte.
Etwa hundert Jahre vor Christo sah ich einen frommen Mann aus der Gegend von Jericho. Er hieß Chariot...
31.
August 1821/ Tagebuch Bd. IV, Heft 1 / Seite 34 (Viertelseiten 137-139)
Jesus ging heute durch eine Hirtengegend, wo er später, ich meine nach dem zweiten Passah, einen Aussätzigen geheilt. Er lehrte in verschiedenen kleinen Orten. Am Abend zum Sabbath kam Jesus mit seinen Begleitern nach Jesrael, einen durch Gärten, alte Gebäude und Türme unterbrochenen, in einzelnen Gruppen liegenden Ort. Es führt eine Heerstraße durch, Königstraße genannt.
Es waren mehrere seiner Begleiter vorausgegangen. Er ging mit etwa dreien. Es wohnten in diesem Ort strenge Beobachter des jüdischen Gesetzes; es waren keine Essener. Man nannte sie Nasiräer. Diese hatten Gelübde getan, auf kürzere und längere Zeit, und lebten in mancherlei Enthaltung. Sie hatten eine große Schule und allerlei Häuser inne. Die Junggesellen lebten in einem Hause zusammen, die Jungfrauen ebenso in einem anderen. Die Verheirateten taten auch auf längere Zeit Gelübde der Enthaltung, und dann schliefen die Ehemänner in einem Haus bei dem Junggesellenhaus, die Weiber am Jungfrauenhaus. Diese Leute waren alle in Grau und Weiß gekleidet. Ihre Vorsteher hatten ein langes, graues Kleid an, woran unten weiße Früchte und Quasten waren, einen grauen Gürtel mit weißen Buchstaben, um den Arm eine Binde von einem gedrehten dicken, grau und weiß, wie geflochtenen Zeug, so dick wie eine gedrehte Serviette. Es hing ein kurzes Ende mit Troddeln herunter. Er hatte einen Kragen oder ein Mäntelchen um, ungefähr wie Archos, der Essener. Aber es war auch grau und hinten statt vorne geöffnet. Vorne war ein blankes Schild darauf befestigt, und hinten war es wie genestelt oder geschnürt. Auf den Schultern hingen geschlitzte Lappen. Sie hatten eine gewulstete, schwarze, glänzende Mütze. Vor der Stirne waren Worte eingedrückt. Oben auf dem Kopfe vereinigten sich drei Bügel in einem Knopf oder Apfel. Diese und die Ränder der Mütze waren weiß und grau. Diese Leute hatten lange, dichte krause Haare und Bärte.
Ich habe mich besonnen, wen ich unter den Aposteln ihnen doch so ähnlich kannte. Es fiel mir endlich Paulus ein. Der hatte die Haare und Kleidung auch auf ihre Art, da er die Christen noch verfolgte. Auch nachher sah ich ihn mit Nasiräern. Er war einer von ihnen. Sie ließen ihre Haare wachsen, bis ihr Gelübde vollendet war. Dann schnitten sie sie ab und opferten sie im Feuer. Auch Tauben opferten sie. Einer konnte in das Gelübde des anderen eintreten. -
Jesus feierte den Sabbath mit ihnen.
Jesrael ist durch ein Gebirge von Nazareth getrennt. Es ist nicht weit von hier ein Brunnen, wo Saul mit seinem Heere einmal gelegen.
1.
September 1821 / Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seite 35 (Viertelseite 2)
Jesus lehrte am Sabbath von der Taufe Johannis. Er sagte auch, die Frömmigkeit sei schön, die Übertreibung sei gefährlich. Die Wege zum Heil seien verschieden, und die Absonderung in der Gemeinde werde leicht zur Sekte und sehe mit Stolz auf die armen Brüder herab, die nicht nach könnten und von den Stärkeren doch sollten fortgebracht werden. Es war diese Lehre hier nötig, denn an den äußeren Enden des Orts lebten Leute, welche sich mit Heiden vermischt hatten, und sie waren ohne Führung und Anregung, weil die Nasiräer sich absonderten. Jesus besuchte auch diese Leute in ihren Wohnungen und rief sie zur Lehre und lehrte von der Taufe.
2.
September 1821 / Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / (Viertelseite 3)
Ich sah Jesum am 2. noch bei einem Mahle im Hause der Nasiräer. Sie sprachen von der Beschneidung im Verhältnis zur Taufe. Da habe ich Jesum zum erstenmal von der Beschneidung reden hören. Ich kann es aber nicht ganz wiederbringen. Er sagte soviel, daß das Gesetz der Beschneidung einen Grund in sich habe, der aufhören werde. Von den Nasiräem sind auch sehr viele Christen geworden. Aber sie hielten so strenge am Judentum, daß viele das Judentum und Christentum vermischen wollten und in Ketzerei fielen.
ii.
September 1821 / Tagebuch Bd. 1V, Heft 2 / Seiten 42-45 (Viertelseiten 29-44)
Am ~o. abends sah ich, wie gesagt, Jesum vor Nazareth ankommen. Das Tal, wodurch er in der Nacht bis vor KislothThabor gegangen, hieß Aedron, und das Hirtenfeld mit der Synagoge, an einer Berghöhe, wo die Pharisäer von Nazareth ihn so verhöhnt, hieß Kimki. Die Leute, bei welchen Jesus und die fünf Jünger vor Nazareth eingekehrt, waren Essener und Freunde der Heiligen Familie. Sie wohnten hier in Gewölben von altem, zerbrochenem Mauerwerk, getrennt und unverheiratet, Männer und einige Weiber. Sie hatten kleine Gärten, trugen lange weiße Kleider, und die Frauen Mäntel.
46 47
Sie hatten sonst am Tale Zabulon bei Herodes' Schloß gewohnt, waren aber aus Freundschaft zur Heiligen Familie hierher gezogen.
Der, bei welchem Jesus einkehrte, hieß Eliud, ein alter, sehr ehrwürdiger Greis mit langem Bart. Er war ein Witwer. Seine Tochter pflegte ihn. Er war ein Brudersohn von Zacharias. Diese Leute lebten hier ganz stille, besuchten die Synagoge zu Nazareth, waren der Heiligen Familie sehr ergeben, und ihnen war die Bewahrung des Hauses Mariä bei ihrer Abreise vertraut gewesen.
Am Morgen begaben sich die fünf Jünger Jesu nach Nazareth hinein, besuchten ihre Verwandten und Bekannten und die Schule. Jesus aber blieb bei Eliud zurück. Er betete mi£ ihm und sprach sehr vertraut mit ihm. Diesem einfachen, frommen Manne waren viele Geheimnisse bekannt.
Im Hause Mariä waren außer ihr vier Frauen, ihre Nichte Maria Kleophä, die Base der Tempelhanna, Johanna Chusa, die Verwandte Simeons, Maria Johann Markus, und die Witwe Lea. Veronika war nicht mehr da, auch Petri Frau nicht, welche ich neulich am Zöllnerort gesehen.
Am Morgen sah ich die Heilige Jungfrau und Maria Kleophä zu Jesu kommen. Jesus reichte seiner Mutter die Hand. Sein Betragen zu ihr war liebevoll, aber sehr ernst und ruhig. Sie war besorgt und bat ihn, nicht nach Nazareth zu gehen, wo man sehr erbittert war. Die nazarethischen Pharisäer, die in der Synagoge zu Kimki ihn gehört, hatten den Unwillen neu aufgeregt.
Jesus sagte ihr, er wolle die Schar, die mit ihm zur Taufe Johannis gehen werde, hier erwarten und dann durch Nazareth gehen. Er sprach noch viel mit ihr an diesem Tage, wo sie noch etwa zwei bis dreimal zu ihm kam. Er sagte ihr auch, daß er viermal~ zum Passah nach Jerusalem reisen werde, und das letzte Mal werde sie sehr betrübt dort sein. Er sagte ihr noch mehr Geheimnisse. Ich habe es aber vergessen.
Maria Kleophä, eine schöne, ansehnliche Frau, sprach am Morgen von ihren fünf Söhnen mit ihm und bat ihn, er möge sie zu sich nehmen. Drei seien Fischer, Jakob, Thaddäus und der Jüngling Joses, einer ein Schreiber, Simeon, und einer, über den sie heftig weinte, er sei ein Zöllner, ihr Stiefsohn Matthäus Jesus tröstete sie. Sie würden zu ihm kommen. Auch um Matthäus (der schon auf dem Weg nach Sidon bei ihm gewesen) tröstete er sie. Er werde wohl noch einer der besten werden...
Ich sah aber am Nachmittag die Heilige Jungfrau mit einigen verwandten Freundinnen von Nazareth in ihre Wohnung bei Kapernaum zurückreisen. Es waren Knechte mit Eseln von dort gekommen, sie zu holen. Sie nahmen noch manches Gerät mit, was das letztemal in Nazareth zurückgeblieben war, allerlei Decken und andere Päcke auch Gefäße. Es war alles in Kasten von breiten Bast- und aumrindenflächen an den Seiten der Esel befestigt. Das Haus Mariä in Nazareth hatte in ihrer Abwesenheit so zierlich wie eine Kapelle ausgesehen. Die Feuerstelle erschien wie ein Altar. Es war ein Kasten darübergestellt und stand ein Topf mit lebendigem Grün darauf. Jetzt nach ihrer Abreise wird das Haus von den Essenern bewohnt werden.
Den Tag hindurch sah ich Jesum in sehr vertrautem Gespräch mit keidund.~ wovon ich sehr vieles gehört und leider nicht wiederbringen Eliud fragte ihn über seine Sendung. Jesus legte dem Greis alles aus. Er sagte ihm, daß er der Messias sei, und sprach mit ihm über die ganze Linie seiner menschlichen Herkunft und das Mysterium der Bundeslade. Dabei erfuhr ich, daß dieses Mysterium vor der Sintflut bereits in die Arche Noä gekommen, und wie es von Geschlecht zu Geschlecht gelangt und von Zeit zu Zeit entrückt und wieder gegeben worden sei.
Er sprach davon, daß Maria mit ihrer Geburt die Bundeslade des Geheimnisses geworden sei, und da Eliud, der dazwischen oft allerlei Schriftrollen vorlegte und Stellen aus den Propheten bemerkte, die ihm Jesus auslegte, fragte, warum er denn nicht früher gekommen, sagte ihm Jesus, wie er nur habe aus einem Weibe geboren werden können, welches auf die Weise empfangen sei, wie die Menschen ohne den Sündenfall empfangen haben würden, und wie kein Ehepaar seit den ersten Eltern beiderseits sich dazu so rein gefunden hätte als Anna und Joachim.
Er entwickelte ihm alle früheren Hindernisse, Hemmungen und Zurücksetzungen des Heils.
Ich erfuhr in diesen Unterredungen vieles von der Geschichte der Bundeslade. Als sie in die Hände der Feinde fiel, war jenes Geheimnis von den Priestern herausgenommen wie in jeder Gefahr, und doch blieb der Behälter so heilig, daß die Feinde durch die Entweihung bestraft wurden und ihn zurückgeben mußten.
Ich sah auch, daß ein Geschlecht, welches Moses zur näheren Behütnng der Bundeslade bestellt, bis auf Herodes bestanden. Als Jeremias die Bundeslade und anderes bei der babylonischen Gefangenschaft am Berg Sinai verbergen ließ, ward sie nicht wiedergefunden. Das Heiligtum war aber nicht darin. Nachher ward eine Bundeslade nachgemacht. Es war aber nicht alles darin, was vorher gewesen. Der Stab Aarons, auch ein Teil des Mysteriums waren bei den Essenern auf Horeb. Das Sakrament des Segens aber war wieder, ich weiß nicht durch welchen Priester, hineingekommen. Im nachinaligen Teich Bethesda war das heilige Feuer bewahrt gewesen.
Ich sah sehr viele Dinge, welche Jesus dem Eliud auslegte, in Bildern, teils hörte ich die Worte. Ich kann aber das alles nicht wiederbringen. Er sprach auch, wie er aus dem Keime Fleisch angenommen, der Adam genommen worden, und wie dieses durch so viele Geschlechter habe laufen müssen, ... und wi~e er so oft wieder zurückgehalten und die Gefäße verfinstert worden seien.
Ich sah alles dieses wirklich und sah alle Vorfahren Jesu, und wie die Altväter bei dem Tode in einem sakramentalischen Segen diese Kraft den Erstgeborenen übergeben, und wie der Bissen und das Getränk aus dem Becherchen, welches Abraham vom Engel empfangen, ein Vorbild des Sakraments..., die Kräftigung zu dem künftigen Fleisch und Blut des Messias war. Ich sah, wie die Geschlechtslinie Jesu es empfing zu der Menschwerdung Gottes, und daß Jesus es einsetzte zur Vereinigung der Menschen mit Gott.
Jesus sprach auch viel mit Eliud von der Heiligkeit Annas und Joachims, auch von dem übernatürlichen Empfangenwerden Mariä unter der Goldenen Pforte, was ich nicht mehr weiß.
Er sagte ihm auch, daß er nicht aus Joseph empfangen sei, sondern dem Fleische nach aus Maria, diese aber aus jenem reinen Segen, der Adam vor dem Falle genommen und durch Abraham auf Joseph in Ägypten und von diesem in die Bundeslade und aus dieser zu Joachim und Anna gelangt sei.5S
Er sagte, die Menschen zu erlösen, sei er in die ganze Schwachheit des menschlichen Daseins gesandt, fühle und empfinde alles wie ein Mensch und werde erhöht werden, wie die Schlange Mosis in der Wüste, auf dem Kalvarienberg, wo der Leib des ersten Menschen begraben liege.
Er sagte, wie traurig es ihm gehen werde, und wie undankbar die Menschen sein würden, usw. Eliud fragte immer gar einfältig und treuherzig, aber er verstand alles besser als die Apostel anfangs, er verstand alles mehr im Geist. Doch konnte er noch nicht recht verstehen, wie es nun werden solle.
Er fragte Jesum, wo denn sein Reich sein werde, in Jerusalem, in Jericho oder Engaddi? Jesus antwortete, wo er sei, da sei sein Reich.
Er werde kein äußerliches Reich haben.
Ich hörte auch heute und am folgenden Tag manche Erwähnungen, wo die Schrift durch die Sprache ihren inneren Sinn nicht ausspreche, wo die Prophezeiungen zu sinnlich ausgedrückt und verstanden würden.
Der Alte redete so natürlich und einfach mit Jesu und erzählte ihm vieles von seiner Mutter, als wisse er es nicht, und Jesus hörte es sehr liebevoll an.
Er erzählte von Joachim und Anna und sprach von Annas Leben und Tod. Jesus sagte, keine Frau sei keuscher gewesen als Anna, und daß sie nach Joachims Tod noch zweimal geheiratet, das sei auf Gottes Befehl geschehen. Es hätte die bestimmte Zahl der Früchte dieses Stammes erfüllt werden müssen.
Eliud erzählte von Annas Tod, und ich sah ein Bild ihres Todes. Ich sah Anna auf die Art wie Maria im hinteren Gemach ihres größeren Hauses auf einem etwas höheren Lager liegend. Ich sah, daß sie ungemein lebhaft und sprechend war und gar nicht wie eine Sterbende. Ich sah, daß sie ihre kleineren Töchter und anderen Hausgenossen segnete, daß diese dann im Vorgemache waren. Ich sah, daß Maria zu Häupten undj Jesus zu Füßen ihres Bettes standen. Sie segnete Maria und begehrte den Segen Jesu, der ein erwachsener Mann war und einen keimenden Bart hatte. Ich sah sie noch freudig sprechen. Sie sah empor. Da wurde sie schneeweiß, und ich sah Tropfen, wie Perlen, auf ihre Stirne treten, und da schrie ich:
"Ach, sie stirbt, sie stirbt!" und wollte sie in die Arme fassen in meiner Begierde. Da war es, als komme sie zu mir und liege in meinen Armen, und erwachend glaubte ich, sie noch zu halten.
Eliud erzählte auch noch vieles von den Tugenden Mariä im Tempel. Das sah ich auch alles in Bildern. Ich sah, daß ihre Lehrerin Noemi mit Lazarus verwandt war und daß diese etwa fünfzigjährige Frau und alle anderen am Tempel dienenden Frauen von den Essenern waren.
Ich sah, daß Maria bei ihr stricken lernte und daß sie schon als Kind mit ihr ging, wenn Noemi Gefäße und Geräte vom Opferblut reinigte und gewisse Teile des Opferfleisches empfing und zerteilte und zubereitete als Nahrungsmittel für die Tempeldienerinnen und Priester. Denn diese wurden zum Teil dadurch gespeist. Später sah ich die Heilige Jungfrau in allem diesem helfen. Ich sah auch, daß Zacharias, wenn er den Dienst hatte, das Kind Maria besuchte, und daß auch Simeon es kannte.
So sah ich all' ihr frommes und demütiges Wandeln und Dienen am Tempel, wie Eliud dem Herrn davon erzählte.
Sie sprachen auch von Christi Empfängnis, und Eliud erzählte von dem Besuche Mariä bei Elisabeth. Da erfuhr ich wieder, daß der Heiland zwei Monate nach unserem jetzigen Christfest empfangen ist, wie ich es immer gesehen, und sah auch etwas über die Verspätung unseres Christfestes, was ich vergessen habe. Er erzählte auch, daß Maria einen Brunnen dort gefunden, was ich sah.
Ich sah, wie die Heilige Jungfrau mit Elisabeth, Zacharias und Joseph von dem Hause Zachariä aus nach einem kleinen Gute desselben gegangen waren, wo es aber an Wasser fehlte. Ich sah die Heilige Jungfrau allein vor dem Gatten mit einem Stäbchen gehen. Sie betete, und als sie in die Erde mit dem Stäbchen rührte, quoll ein Wässerchen heraus und umfloß einen kleinen Erdhügel. Als Zacharias und Joseph herzukamen, stachen sie den Hügel mit einer Schaufel weg, und es wühlte sich ein Strudel darunter auf und ward der schönste Brunnen...
In so vertrautem Gespräch, mit Gebet wechselnd, sah ich Eliud mit Jesu, den er ehrte, aber doch nur ganz kindlich und freudig wie einen auserwählten Menschen behandelte.
Eliuds Tochter wohnte nicht in demselben Haus, sondern in einem abgesonderten Felsgewölbe.
Die Essener, welche an dem Berg wohnten, waren etwa zwanzig. Frauen wohnten ungefähr fünf bis sechs abgesondert zusammen. Diese Leute hatten Eliud wie ein Oberhaupt, und sie kamen täglich zum Gebet bei ihm zusammen. Jesus aß mit ihm allein Brot, Früchte, Honig und Fische, aber sehr mäßig. Die Leute trieben meist Weberei und Gartenbau...
Der Berg, an dessen Fuß diese Essener wohnten, war die höchste Spitze des Bergrückens, woran Nazareth in die Höhe gebaut war, aber er war doch noch durch ein Tal von der Stadt getrennt. Er hatte jenseits einen steilen Absturz, mit Grün und Wein bewachsen. Es lagen unten an diesem Absturz, wo die Pharisäer Jesum später hinabstürzen wollten, allerlei Schutt, Auswurf und Knochen.
Mariä Haus lag vorne in der Stadt an einem Hügel, so daß Teile des Hauses wie Gewölbe in den Hügel führten. Doch sah die Höhe des Hauses über den Hügel hervor, an welchem jenseits andere Wohnungen lagen.
17. September 18211/ Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 4~5O (Viertel-seiten 6~6i)
Jesus lehrte heute wieder eine Schar Zöllner, welche zur Taufe zogen. Er lehrte auch wieder in der Synagoge vom Weizenkömlein, das in die Erde muß, und vom Senfkörnlein. Da ärgerten sich die Pharisäer wieder an ihm und fingen das Gerede vom Sohn des Zimmermanns Joseph wieder an. Sie warfen ihm auch seinen Umgang und Verkehr mit den Zöllnern und Sündern vor, und er antwortete ihnen sehr derb.
Sie sprachen auch mit ihm von den Essenern, und als seien sie Heuchler, die nicht nach dem Gesetz lebten. Jesus aber erklärte ihnen, daß sie das Gesetz mehr als die Pharisäer befolgten, und der Vorwurf des Heuchlers fiel auf sie zurück. Sie kamen auf die Ess en er zu sprechen durch die Segnungen, denn sie ärgerten sich daran, daß Jesus viele Kinder segnete, und sie sprachen davon, weil das Segnen bei den Essenern sehr gebräuchlich war. Wenn Jesus nämlich in die Synagoge oder herausging, traten ihm viele Frauen mit ihren Kindern entgegen und baten, er möge sie segnen.
i8. September 18211/ Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 5~52 (Viertel-seiten 63-70)
Gestern 17., abends, sah ich Jesum in Nazareth im Haus eines Pharisäers übernachten. Es waren zu seinen fünf Begleitern noch vier andere gekommen, auch Verwandte und Freunde der Heilige~ Familie. Ich meine, es war noch einer der drei Witwensöhne darunter und einer von Bethlehem, der aufgefunden hatte, daß er von Ruth abstamme, welche den Boas in Bethlehem geheiratet. Er nahm sie ordentlich zu seinen Jüngern auf. Es waren aber in Nazareth ein paar reiche Familien, welche drei Söhne hatten, die in ihrer Jugend mit Jesu umgegangen waren. Diese Söhne waren fein und gelehrt. Die Eltern, welche Jesu Lehre gehört und von seiner Weisheit viel vernommen hatten, beredeten sich, ihre Söhne sollten heute noch einmal eine Probe seiner Weisheit hören, und dann sollten sie ihm Geld bieten und dafür mit ihm reisen und an seiner Wissenschaft teilnehmen. Die guten Leute schlugen ihre Söhne hoch an und meinten, Jesus solle ihr Hofmeister werden.
Die Söhne kamen heute in die Synagoge und auf die Veranstalning
53
der Pharisäer und dieser reichen Leute alles, was von gelehrten Leuten in Nazareth war. Sie gedachten Jesum auf alle Art auf die Probe zu stellen. Es waren auch ein Rechtsgelehrter in der Schule und ein Arzt, ein großer breiter Mann mit einem langen Bart, einem Gürtel und einem Zeichen auf dem Kleid an der Schulter.
Ich sah Jesum beim Eingehen in die Schule wieder viele Kinder segnen, welche die Mütter ihm brachten. Ich sah darunter aussätzige Kinder, welche er heilte.
Ich sah, wie er in der Schule auf mancherlei Weise in seiner Lehre unterbrochen wurde von den Gelehrten, welche ihm allerlei verwickelte Fragen vorlegten, und wie er sie alle mit seiner Weisheit zum Schweigen brachte.
Die Reden des Rechtsgelehrten beantwortete er aus dem Gesetz Mosis ganz wunderbar, und als man von der Ehescheidung redete, verwarf er sie ganz. Geschieden könnten sie nicht werden. Wenn der Mann aber gar nicht mit dem Weibe leben könne, so könne er es entlassen, doch blieben sie ein Fleisch und könnten nicht wieder heiraten. Dieses gefiel den Juden gar nicht.
Der Arzt fragte ihn, ob er wisse, wer trocken und wer feuchter Natur sei und unter welchen Planeten ein solcher geboren sei und welche Kräuter man diesem und jenem geben müsse und wie der menschliche Leib beschaffen sei. Da antwortete ihm Jesus mit großer Weisheit und sprach von der Komplexion einiger Gegenwärtigen, ihren Krankheiten und Mitteln und sprach von dem menschlichen Leib mit einer dem Arzte ganz unbekannten Weisheit. Er sprach vom Leib des Geistes, wie er auf den Körper wirke, er sprach von Krankheiten, die nur durch Gebet und Besserung geheilt würden, und von solchen, welche Arznei brauchen sollten, und alles so tiefsinnig und in so schönen Reden, daß der Arzt mit großem Erstaunen seine Kunst überwunden gab und erklärte, er habe solche Kenntnis nie gekannt. Ich glaube auch, daß er ihm nachfolgen will. Er beschrieb dem Arzt den menschlichen Leib, alle Glieder, Muskeln, Adern, Nerven und Eingeweide, ihre Bedeutung und Verhältnisse mit einer Genauigkeit und doch so im Überblick und tiefsinnig, daß er ganz demütig ward. Es war auch ein Sternkundiger da, und er sprach über den Lauf der Sterne und sagte, wie ein Gestirn das andere regiere und wie die verschiedenen Sterne verschiedene Einflüsse haben, und von Kometen und Himmelszeichen.
Auch von Gebäuden sprach er mit einem Mann sehr tiefsinnige Dinge.
Er sprach auch von Handel und Verkehr mit fremden Völkern und redete scharf gegen allerlei Moden und Eitelkeiten, die von Athen gekommen seien. Es waren Spiele und Gaukeleien dabei, die von dort ins Land gekommen wären. Sie waren auch durch Nazareth gezogen und mehrere andere Orte. Er sagte, diese Laster sind unverzeihlich, denn man hält sie für keine Laster und tue keine Buße darüber, darum sind sie unverzeihlich.
Alles war über seine Weisheit ganz hingerissen, und die Leute verlangten von ihm, daß er hier wohnen bleiben sollte. Sie wollten ihm ein Haus und alles Notwendige geben. Sie fragten ihn auch, warum er mit seiner Mutter nach Kapernaum gezogen sei.
Er sagte ihnen, daß er hier nicht bleiben werde. Er sprach von seiner Bestimmung und Sendung. Sie seien nach Kapernaum gezogen, weil er in der Mitte des Landes wohnen wolle, usw. Alles dieses verstanden sie nicht und ärgerten sich daran, daß er nicht unter ihnen wohnen wolle. Sie meinten, ein rechtes Glück angeboten zu haben, und hielten seine Reden von Sendung und Bestimmung für Hoffart. So verließen sie am Abend die Schule.
Die drei Jünglinge, etwa bis zwanzig Jahre alt, verlangten ihn zu sprechen. Er wollte aber nicht mit ihnen sprechen, bis seine neun Jünger um ihn waren. Das betrübte sie. Er sagte aber, er tue es, damit Zeugen dessen da seien, was er mit ihnen rede. Sie brachten ihm nun sehr bescheiden und demütig ihren und ihrer Eltern Wunsch vor, daß er sie als Schüler aufnehmen wolle. Ihre Eltern wollten ihm Geld geben. Sie wollten ihn begleiten und ihm in seiner Arbeit dienen und helfen.
Jesus, sah ich, war betrübt, daß er es ihnen abschlagen mußte, teils wegen ihnen selbst, teils wegen seinen Jüngern, denn er mußte ihnen Gründe angeben, welche sie noch nicht fassen konnten. Er sagte ihnen, wer Geld gebe, um etwas dafür zu gewinnen, der wolle zeitlichen Nutzen von seinem Geld haben. Wer aber seinen Weg gehen wolle, der müsse allen irdischen Besitz verlassen. Auch müsse, wer ihm folge, seine Eltern und seine Freundschaft verlassen. Auch freiten und heirateten seine Jünger nicht.
So sagte er ihnen sehr schwere Punkte, und sie wurden sehr niedergeschlagen und sprachen noch von den Essenern, daß diese doch auch teils verheiratet seien. Jesus sagte ihnen, diese handelten gut nach ihren Gesetzen. Seine Lehre aber müsse ausführen, was jene vorbereitet, usw. Er entließ sie und sagte, sie möchten sich besinnen.
Seine Jünger waren durch seine Rede erschreckt worden, weil er
54 55
seine Lehre so schwer gemacht. Sie konnten es nicht verstehen und wurden verzagt.
Er ging aber mit ihnen von Nazareth hinaus nach Eliuds Haus tind sagte ihnen unterwegs, sie sollten nicht verzagen! Die Ursache, warum er jenen dieses gesagt, läge tiefer. Sie würden nie oder spät zu ihm kommen. Sie möchten ihm ruhig folgen und unbesorgt sein, usw. So kamen sie nach Eliuds Haus. Ich glaube nicht, daß er wieder
zu Eliud geht, denn es ist ein großes Gerede und Lärmen in Naza reth geworden. Sie ärgerten sich, daß er da nicht bleiben wollte. Sie meinten, er habe auf seiner Reise alles das gelernt. Es sei wahr, er sei ein sehr geistreicher und wunderbarer Mensch. Er sei aber für einen Zimmermannssohn doch sehr hoffärtig.
Ich sah auch die drei Söhne nach Hause kommen. Die Eltern nahmen die Schwierigkeiten, die Jesus machte, sehr übel auf, und die Söhne stimmten ein, und alles redete sich wieder in den Unwilkn gegen ihn hinein.
19. September 18211/ Tagebuch Bd. IV, Heft 2 I Seite 52 rviertelseite 72)
In diesen Tagen sind mehrere Scharen derjenigen bei Johannes angekommen, welche Jesus in der letzten Zeit zur Taufe ermahnt. Auch Parmenas und seine Eltern von Nazareth zogen hin, auch die Zöllner usw., und ich sah Johannes, da er Nachricht von Jesu Annäherung erhielt, mit neuem Mute sich zur Taufe erheben. Er hielt auch eine schöne Lehre vom Messias, und wie er bald ihm weichen werde, und demütigte sich so vor ihm, daß seine Jünger sich ordentlich darüber betrübten. Die Insel mit dem Taufbrunnen für Jesum ist jetzt recht schön grün. Niemand geht darauf als manchmal Johannes. Er hat gewöhnlich die Brücke dahin unterbrochen. Johannes war nach den letzten Anfechtungen von Herodes und den Juden ganz niedergeschlagen. Überhaupt war es rührend, wie er mit der Annäherung Jesu an Ungestüm verlor, jetzt aber, da er Nachricht von ihm hatte, neuen Mut faßte. Ich meine, etwa Donnerstag (den 27. September) könnte Jesus dort sein.
21. September 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 53-54 (Viertelseiten 76-78)
In der Nacht vom 20. zum 21. September sah ich sie wieder wandeln, teils zusammen, teils einzeln. Ich sah da eine wunderbare Sache, ein unaussprechlich schönes Bild.
Eliud sprach mit Jesu, indem dieser vor ihm herwandelte, über seinen wohigebauten und schönen Leib. Jesus sprach zu ihm: "In dreieinhalb Jahren, wenn du diesen Leib dann wieder sehen würdest, solltest du nichts Schönes und Wohlgestaltetes mehr an ihm sehen, so werden sie mich sihmähen und mißhandeln."
Eliud verstand dieses nicht. Er konnte überhaupt gar nicht begreifen, wie Jesus immer so kurze Zeit von seinem Reich spreche. Er meinte immer, es müsse doch wohl zehn, ja zwanzig Jahre währen, bis Jesus sich sein Reich gegründet hätte. Denn er konnte sich das gar nicht anders denken, weil er immer an ein irdisches Königreich gedacht.
Als sie noch eine Strecke so gegangen waren, sagte Jesus dem einsam in Gedanken hinter ihm gehenden Eliud, indem er stillestand, er solle zu ihm herannahen, er wolle ihm zeigen, wer er sei, und wie sein Leib sei, und wie sein Reich sei.
Eliud stand mehrere Schritte von Jesu, und Jesus schaute betend zum Himmel. Es ließ sich aber eine Wolke nieder und umgab sie beide wie ein Gewitter. Von außen konnte man sie nicht sehen. Über ihnen aber tat sich ein Lichthimmel auf und zog sich wie zu ihnen nieder, und ich sah oben wie eine Stadt von schimmernden Mauern, ich sah das himmlische Jerusalem. Das ganze Innere war mit einem Regenbogenschimmer umgrenzt. Ich sah eine Gestalt, wie Gott den Vater, und sah Jesum in einer Lichtmitteilung mit demselben. Jesus aber erschien in seiner Gestalt ganz schimmernd und durchsichtig.
Eliud stand anfangs emporschauend ganz wie entzückt und sank dann auf sein Angesicht nieder, bis das Licht und die ganze Erscheinung zerronnen war.
Jesus ging dann weiter, und Eliud folgte stumm und schüchtern über das, was er gesehen hatte. Es war ein Bild wie die Verklärung, aber ich sah Jesum nicht emporgehoben. Ich meine, Eliud hat die Kreuzigung Christi nicht erlebt. Jesus war vertrauter mit ihm als mit den Aposteln, denn er war sehr erleuchtet und in viele Geheimnisse seiner Familie eingeweiht. Er nahm ihn auch als Freund und Gefährten auf und gab ihm viele Gewalt, und er wirkte viel für die Gemeinde Jesu. Er war einer der unterrichtetsten Fssener. Sie wohnten in der Zeit Jesu nicht mehr so häufig auf den Bergen wie vorher. Sie hatten sich mehr in die Städte zerstreut.
Diesen wunderbaren Blick hatte ich ungefähr nachts zwölf Uhr.
21, September 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seite 54 (Viertelseiten 79-80)
Am Morgen sah ich Fliud und Jesum auf einem Hirtenfeld ankommen. Es war Tagesgrauen. Die Hirten waren schon aus ihren Hütten beim Vieh. Sie kamen Jesu entgegen, der ihnen bekannt war, und warfen sich vor ihm nieder und führten die beiden in einen Schuppen, wo sie ihre Geräte hatten. Sie wuschen ihnen die Füße, bereiteten ihnen ein Lager und setzten ihnen Brot und kleine Becher vor, brie ten ihnen auch Turteltauben, welche in den Hütten ihre Nester hatten und in sehr großer Menge hier wie Hühner herumliefen.
Ich sah hierauf, daß Jesus Eliud zurücksandte. Er segnete ihn aber vorher, kniend. Die Hirten waren zugegen. Er sagte ihm, er solle seine Tage in Ruhe beschließen, der Weg, den er wandeln müsse, sei ihm zu beschwerlich. Er nehme ihn in seine Gemeinde auf. Er habe seinen Teil schon im Weinberge gearbeitet und solle seinen Lohn in seinem Reich erhalten.54 Er erklärte dieses mit der Parabel der Arbeiter im Weinberg.
Eliud war sehr ernst seit dem Gesichte dieser Nacht, er war still und gerührt. Ich meine gehört zu haben, er werde Jesum in diesem Leben nicht wieder sehen, doch weiß ich es nicht gewiß. Ich glaube, er ist von den Jüngern getauft worden.
Eliud begleitete Jesum noch ein Stück Weg von dem Hirtenort. Der Herr umarmte ihn, und er schied mit männlicher Rührung.
Man kann den Ort, wohin Jesus zum Sabbath geht, von hier sehen. Es haben einmal Verwandte von Jesu da gewohnt. Dieser Ort, wo Jesus nun einsam hinging, war nicht Jezrael, wie ich gemeint, weil ich Jezrael auch liegen sah. Er hieß Gur und lag auf einem Berg...
26. September 1821 / Tagebuch Bd. 1V, Heft 2 / Seite ~8 (Viertelseiten 93-94)
Jesus ging von Usenseera nach Bethanien. Abends kam er ein paar Stunden nördlich von Jerusalem in einer Stadt an, die aus einer wohl halbstundenlangen Straße über einen Berg besteht. Bethanien kann wohl noch drei Stunden von hier liegen. Man kann die Gegend in der Ferne sehen, denn es liegt tiefer in der Ebene. Von diesem Berg zieht sich nördlich morgenwärts eine Wüste von etwa drei Stunden gegen die Wüste Ephrem hin, und zwischen diesen beiden Wüsten sah ich Maria und ihre Gesellschaft heute nacht herbergen.
Der Berg ist derjenige, auf welchem Joab und Abisai in der Verfolgung Abmers nachließen, da dieser sie anredete. Er hieß Amma und lag nordwärts von Jerusalem. Der Ort, wo Jesus war, hatte Aussicht nach Morgen und Mitternacht. Ich meine, er hieß Giah und sah auf die Wüste Gibeon, die an seinem Fuß begann und sich der Wüste Ephrem entgegenzog. Sie war etwa drei Stunden lang.
Jesus kam am Abend dahin und trat in ein Haus, eine Erquickung begehrend. Sie wuschen ihm die Füße, gaben ihm zu trinken und kleine Brötchen.
Es kamen bald mehrere Leute um ihn und fragten ihn, da er aus Galiläa komme, nach dem Lehrer aus Nazareth, von dem man so viel höre und von dem Johannes so viel sage, und ob dejnn die Taufe Johannis gut sei.
Jesus lehrte sie wie immer. Er mahnte sie zur Taufe und Buße und sprach von dem Propheten aus Nazareth und dem Messias. Er würde unter ihnen erscheinen, und sie würden ihn nicht erkennen, ja verfolgen und mißhandeln. Sie sollten alles wohl beachten. Die Zeiten seien erfüllt. Er werde nicht in Pracht und Triumph erscheinen, sondern arm und unter den Einfältigen wandeln u. dgl. -Die Leute erkannten ihn nicht, aber sie nahmen ihn gut auf undhatten eine große Ehrfurcht vor ihm. Es waren Täuflinge hier durchgezogen, welche von Jesu gesprochen hatten. Sie geleiteten ihn auf den Weg, nachdem er etwa zwei Stunden hier geruht hatte.
26. Septemben 1821 (=, 25., 26. Elul) 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 58-59 Viertelseiten 94-98); Seiten 59-60 (Vierteiseiten 1o~1o2)
Nach Bethanien kam Jesus in der Nacht. Lazarus war in seinem Besitztum in Jerusalem, an der Abendseite des Berges Sion, auf der Seite des Kalvan en berges gelegen, noch vor einigen Tagen gewesen, war aber nach Bethanien gekommen, denn er wußte um Jesu Ankunft durch Jünger. Das Schloß in Bethanien gehörte eigentlich Martha. Lazarus war aber lieber hier, und sie wirtschafteten zusammen.
Sie erwarteten Jesum, und es war ein Mahl bereitet. Martha bewohnte ein Haus, an der anderen Seite des Hofes gelegen. Es waren Gäste im Haus. Bei Martha waren Seraphia (Veronika), Maria Markus und noch eine betagte Frau von Jerusalem. Sie war mit Maria im Tempel gewesen und hatte diesen bei ihrem Eintritt ver59 ~assen. Sie wäre gern darin geblieben, ist aber nun durch eine Fügung Gottes verehelicht worden.
Bei Lazarus waren Nikodemus, Johannes Markus, der eine Sohn Simeons und ein alter Mann, Obed genannt, ein Bruder oder Bruderssohn des Mannes der Hanna vom Tempel. Sie waren alle heimliche Freunde Jesu, teils durch Johannes d. Täufer, teils durch die Familie und die Prophezeiungen Simeons und Hannas am Tempel.
Nikodemus war ein forschender, denkender Mann, der auf Jesum hoffte und sehr begierig war. Alle hatten Johannis Taufe. Sie waren auf Lazan Einladung heimlich hier. Nikodemus diente nachher Jesu und seiner Sache immer heimlich.
Lazarus hatte Diener ausges andt, Jesum auf dem Wege einzuholen, und etwa eine halbe Stunde vor Bethanien traf ihn sein alter treuer Diener, der hernach noch ein Jünger geworden, auf dem Wege. Er warf sich vor ihm auf das Antlitz nieder: "Ich bin der Knecht Lazan. So ich Gnade finde vor Dir, meinem Herrn, folge mir nach seinem Haus!" Jesus hieß ihn aufstehen und folgte ihm. Er war ihm freundlich und verhielt sich doch seiner Würde gemäß. Eben dieses gab ihm das Hinreißende. Sie liebten den Menschen und fühlten Gott.
Der Diener brachte ihn in eine Vorhalle am Eingang in das Schloß bei einem Brunnen. Hier war alles bereitet. Er wusch Jesu die Füße, legte ihm andere Sohlen an. Jesus hatte ein Paar grün gefütterte, gepolsterte, dicke Sohlen an, als er hier ankam. Er ließ sie stehen und legte hier ein Paar harte Sohlen mit ledernen Riemen an, die er fortan trug. Der Diener lüftete und schüttelte ihm auch die Kleider aus.
Als er die Füße gewaschen, kam Lazarus mit seinen Freunden. Er brachte ihm einen Becher und einen Bissen. Jesus umarmte Lazarus und grüßte die anderen mit Handreichung. Sie dienten ihm alle gastfreundlich und geleiteten ihn nach dem Haus. Lazarus führte ihn aber vorher in die Wohnung Marthas. Die hier anwesenden Frauen warfen sich verschleiert an die Erde nieder. Jesus hob sie an der Hand auf und sagte zu Martha, daß seine Mutter hierher kommen würde, um seine Rückkehr von der Taufe zu erwarten.
Hierauf gingen sie nach Lazan Haus und nahmen ein Mahl. Es war ein Lamm gebraten, und Tauben, Honig waren vorhanden, Meine Brote und Früchte, auch Grünes und Becher. Sie lagen hier zu Tisch auf Lehnbänken, immer zwei und zwei. Die Frauen aßen in einer Vorhalle.
Jesus betete vor Tisch und segnete alle Speisen. Jesus war sehr ernst, ja betrübt. Er sagte ihnen unter Tisch, es nahe eine schwere Zeit. Er beginne einen mühseligen Weg, der sich bitter enden werde. Er ermahnte sie, so sie seine Freunde seien, auszuhalten. Sie würden viel mit ihm zu leiden haben, und er sprach so rührend, daß sie weinten, aber sie verstanden ihn nicht ganz, wußten nicht, daß er Gott war. .
Nach dem Mahle gingen sie in einen Betort, und Jesus sagte ein Dankgebet, daß seine Zeit und Bestimmung nun beginne. Es war dieses sehr rührend, und sie weinten alle. Die Frauen waren im Hintergrunde gegenwärtig. Sie beteten noch zusammen allgemeine Gebete. Jesus segnete sie und ward von Lazarus nach seiner Schlafstelle gebracht.
Es waren dieses auch abgesonderte Stellen in einem großen Raum, wo die Männer alle schliefen, aber schöner als in den gewöhnlichen Häusern. Das Bett ward hier nicht, wie sonst, aufgerollt. Es war etwas höher als gewöhnlich, wo es an der Erde war. Es war feststehend, hatte vorn eine Galerie 56, welche mit Decken und Quasten verziert war. An der Wand, woran das Bett stand, war oben eine feine Matte aufgerollt, welche man durch einen Zug aufziehen oder vor das Bett niederlassen konnte, so daß sie ein schräges Dach bildete, wenn sie das leere Bett versteckte Skizze. Neben dem Bett stand ein Schemeltischchen und in einer Höhle der Wand ein Waschbecken, worauf ein hohes Wassergefäß und ein kleines Schöpf- und Gießgefäß. Eine Lampe ragte aus der Wand, und ein Tuch zum Abtrocknen hing an derselben. Lazarus steckte die Lampe an, warf sich vor Jesu nieder, der ihn nochmals segnete, und sie verließen einander.
Die stille Maria, Lazan blöde Schwester, sah ich nicht. Sie kam nie zum Vorschein. Sie sprach vor Menschen nie ein Wort, wenn sie aber allein war in ihrer Stube oder ihrem Garten, sprach sie mit sich selbst laut und mit allen Gegenständen um sich. Es war, als lebten die Dinge um sie. Nur mit Menschen sprach sie nicht. Vor anderen rührte sie sich nicht, sah nieder und war wie eine Bildsäule, doch neigte sie sich grüßend und war ganz anständig, nur stumm. Wenn sie allein war, tat sie allerlei Geschäfte und besorgte ihre Kleider und alles ordentlich. Sie war sehr fromm, erschien aber nicht in der Schule, sondern betete auf ihrer Kammer. Ich glaube, sie hatte Gesichte und redete mit Erscheinungen. Sie hatte eine unaussprechliche Liebe für ihre Geschwister, besonders für Magdalena. Sie war von früher Jugend so. Sie hatte ihre Wärterinnen, aber sie war ganz reinlich und hatte nichts von Wahnsinnigen an sich.
Von Magdalena wurde bis jetzt noch nicht in Jesu Gegenwart hier gesprochen. Sie lebte jetzt in Magdalum in ihrem höchsten Glanz.57
27. JSeptember 1821 (=26., 27. Elul) / Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 61-63 (Viertelseiten 105-114)
Ich sah Jesum in dem Hause des Lazarus mit diesem und den Freunden von Jerusalem. Er ging nicht zu Bethanien herein, ging aber wohl in die Höfe und Gärten des Schlosses. Er sprach und lehrte, hie und da wandelnd, sehr ernst und rührend, und so liebevoll er war, so würdig hielt er sich und sprach kein unnötig Wort. Alle liebten ihn und folgten ihm, und doch waren sie alle schüchtern. Lazarus war ihm am vertrautesten, die anderen Männer mehr bewundernd und sich zurückhaltend ...
Von Lazarus begleitet ging nun Jesus zu den Frauen, und Martha führte ihn zu ihrer stillen Schwester Maria, mit der er sprechen wollte. Sie gingen durch die Türe einer Mauer aus dem großen Hof in einen kleineren, doch geräumige n, von Mauern um schlossenen Gartenhof, an den die Wohnung Marias anstieß. Jesus blieb in dem Gärtchen, und Martha ging ihre stille Schwester zu rufen. Das Gärtchen war ganz zierlich. In der Mitte stand ein großer Dattelbaum, außerdem standen allerlei Würzkräuter und Stauden darin. Auch war ein Brunnen darin mit einem Rande darum, und in der Mitte des Brunnens ein Steinsitz, zu welchem vom Rande auf einem Brett die stille Maria wohl ging und da unter dem Zeltdach, das den Brunnen überspannte, vom Wasser umgeben sitzen konnte.
Martha ging zu ihr und sagte ihr, sie möge in den Hof kommen, es erwarte sie jemand. Sie war ganz gehorsam, legte ihren Schleier um und trat ohne ein Wort zu sprechen in den Hof, worauf Martha hinwegging.
Sie war ganz schön und groß und etwa dreißig Jahre alt, sah meistens zum Himmel empor, und wenn sie seltene Male zur Seite, wo Jesus ging, blickte, geschah es doch nur halb und unbestimmt, als sehe sie in die Ferne. Sie sagte nie "ich", sondern "du", wenn sie von sich selbst sprach, so als sähe sie sich woanders und rede sich an. Sie sprach Jesum nicht an und warf sich nicht vor ihm nieder. Jesus sprach zuerst mit ihr, und sie wandelten in dem Gärtchen um her. Sie sprachen nicht eigentlich mit sammen. Die stille Maria sah urrimer empor und sprach himmlische Dinge aus, als sähe sie dieselben. Auch Jesus sprach so. Er redete von seinem Vater und mit seinem Vater. Sie sah Jesum nie an, nur manchinal sprach sie halb zur Seite gegen ihn gewendet.
Ihr gegenseitiges Gespräch war mehr ein Gebet, ein Lobgesang, eine Betrachtung, ein Aussprechen von Geheimnissen als ein Gespräch. Maria schien nicht zu wissen, daß sie lebte. Ihre Seele war in einer anderen Welt, und ihr Leib handelte hier mit.
Ich erinnere mich noch aus ihren Reden, daß sie emporschauend über die Menschwerdung Christi sprach, als sähe sie die Handlung in der Heiligen Dreifaltigkeit vorgehen. Ich kann ihre kindlichen und doch ernsten Reden nicht wiederholen. Sie sagte, als sähe sie es: "Der Vater sagt zu dem Sohn, er solle herab zu den Menschen, und die Jungfrau solle ihn empfangen." Und nun beschrieb sie, wie aalle Engel sich darüber erfreuten und wie Gabriel zu einer Jungfrau bgesandt wird, und so sprach sie durch alle Chöre der Engel durch, und welche alle mit niedergekommen, und zwar so, als rede ein Kind eine vorübergehende Prozession an und freue sich und lobe die Andacht und den Eifer einzelner. Dann sah sie in die Kammer der Jungfrau und redete die Heilige Jungfrau an und wünschte, sie möge die Botschaft des Engels annehmen, und sah den Engel kommen und ihr den Herrn verkündigen und sprach das alles in die Ferne schauend aus, als sähe sie zu und sage ihre Gedanken laut. Sie verweilte dann ganz kindlich dabei, daß die Heilige Jungfrau sich besonnen habe, ehe sie geantwortet, und sagte: "denn du hattest ein Gelübde der Jungfräulichkeit getan. Wenn du es verweigert hättest, des Herrn Mutter zu werden, wie wäre es dann gegangen? Eine andere Jungfrau, wäre sie so zu finden gewesen? Lange hättest du verwaistes Israel noch seufzen müssen", und nun kam sie wieder auf das Glück, daß die Jungfrau eingewilligt, und lobte sie und ging so auf Jesu Geburt über und redete das Kind an und sagte: "Butter und Honig wirst du essen! - und flocht wieder Prophezeiungen ein und sprach von Simeons und Hannas Prophezeiung und so fort immer, als sehe sie es, und redete mit allen, als sei sie in aller dieser Zeit gegenwärtig. So kam sie bis zur Gegenwart und sprach: "Nun gehst du hin, den sauren, schweren Weg usw. !~ Dabei war sie inuner wie allein, und obschon sie wußte, daß der Herr bei ihr war, war es doch, als sei er nicht näher als alle die anderen Bilder, von denen sie gesprochen.
Jesus unterbrach sie durch Gebet und Dank zu Gott und lobte seinen Vater und flehte für die Menschen, alles an seiner Stelle. Das ganze Gespräch war unaussprechlich rührend und wunderbar.
Jesus verließ sie, und sie war wie vorher, so ruhig und unbewegt, und ging in ihre Wohnung zurück.
Als Jesus zu Lazarus und Martha zurückkam, sagte er ungefähr zu ihnen: "Sie ist des Verstandes nicht beraubt, aber sie ist nicht auf dieser Welt mit ihrer Seele und sieht diese Welt nicht, und diese Welt versteht sie nicht. Sie ist glücklich, sie sündigt nicht.
Die stille Maria in ihrem ganz geistig schauenden Zustand wußte auch wirklich gar nicht, was mit ihr und um sie vorging, und war immer in solcher Abwesenheit. Vor niemandem hatte sie noch so gesprochen wie vor Jesu: Vor allen anderen schwieg sie, nicht weil sie verschlossen oder stolz war, nein, weil sie diese Leute innerlich nicht sah, in keinem Bezug sah mit dem, was sie allein sah, himmlische Dinge und die Erlösung. Es sprachen sie wohl manchmal fromme und gelehrte Freunde des Hauses an, und dann sagte sie wohl einiges laut, aber sie verstanden kein Wort davon, weil es nicht eine Fortsetzung ihrer eigenen Ansicht, sondern irgendetwas aus dem Ganzen war, das sie selbst sah, den Gelehrten aber verschlossen blieb. So wurde sie von der ganzen Familie für blödsinnig gehalten und war, was sie allein sein konnte und mußte, einsam, denn sie war nicht mit ihrer Seele in der täglichen Zeit. Sie beschäftigte sich mit dem Bau ihres Gärtchens und mit Stickereien für den Tempel, welche Martha ihr brachte. Sie war geschickt darin und tat es in steten Gedanken und Betrachtungen. Sie betete sehr fromm und andächtig und hatte auch eine Art Leiden für die Sünden anderer, denn es lag oft ein solcher Druck auf ihrer Seele, als falle die Welt auf sie. Ihre Wohnung war bequem, mit Ruhebetten und allem Geräte. Sie aß wenig und allein. Als ihre Geschwister Jesu nachgefolgt waren, starb sie vor Schmerz über die Größe seiner Leiden, die sie im Geist voraussah.
Martha sprach auch mit Jesu von Magdalena und ihrer großen Betrübnis über sie, und Jesus tröstete sie, sie werde gewiß noch kommen. Sie sollten nur nicht ermüden, für sie zu beten und ihr zuzusprechen...
Um halb zwei Uhr kam die Heilige Jungfrau mit Maria Chusa, Lea, Maria Salome und Maria Kleophae an. Der vorausgehende Begleiter kündete ihre Nähe an, und Martha, Seraphia, Maria Markus und Susanna gingen mit dem nötigen Gerät und mit Erquickungen nach derselben Halle am Anfang der Schloßumgebungen, sie zu empfangen, wo Jesus gestern von Lazarus empfangen worden war. Sie bewillkommten einander, und die Anwesenden wuschen den Ankommenden die Füße. Auch legten die heiligen Frauen andere Kleider um, schürzten sich nieder und legten andere Schleier um. Sie waren alle in weißer, gelblicher oder bräunerer ungefärbter Wolle gekleidet. Sie nahmen eine kleine Erquickung und gingen in Marthas Wohnung.
Jesus und die Männer kamen sie zu begiüßen, und Jesus ging mit der Heiligen Jungfrau allein und sprach mit ihr. Er sagte ihr aber sehr liebevoll und ernst, daß seine Laufbahn nun beginne. Er gehe zu der Taufe Johannis, von da werde er wieder zu ihr kommen und noch eine kurze Zeit in der Gegend von Samaria mit ihr sein, dann aber werde er in die Wüste gehen und vierzig Tage darin sein.
Als Maria von dieser Wüste hörte, war sie sehr betrübt, und sie bat flehentlich, er möge doch nicht an diesen schrecklichen Ort gehen, daß er nicht verschmachte. Jesus sagte ihr da, sie solle fortan ihn nicht mit menschlicher Sorge hindern wollen, er müsse tun, was er tue. Er beginne einen schweren Weg. Die mit ihm seien, müßten mit ihm leiden. Er wandle aber nun den Weg seiner Sendung, und sie müsse allen bloß persönlichen Anspruch nun opfern. Er werde sie lieben wie immer, aber er sei nun für alle Menschen. Sie solle tun, was er sage, und sein himmlischer Vater werde sie belohnen, denn es beginne nun, was ihr Simeon verkündet, es werde ein Schwert durch ihre Seele gehen, usw. Die Heilige Jungfrau war sehr betrübt und ernst, aber auch stark und in Gott ergeben, denn er war sehr heilig und liebreich.
Am Abend war noch ein großes Mahl im Hause des Lazarus, und der Pharisäer Simon und einige andere Pharisäer waren eingeladen. Die Frauen aßen getrennt durch eine Vergitterung in einem anstehenden Raum, so daß sie die Lehre Jesu hören konnten. Jesus lehrte von Glaube, Hoffnung und Liebe und von dem Gehorsam. Die ihm folgen wollten, müßten nicht mehr umschauen, sondern tun, was er lehre, und leiden, was über sie komme. Er werde sie nicht verlassen. Er sprach auch wieder von dem schweren Weg, den er antrete, und wie er werde mißhandelt und verfolgt werden, und wie alle, die seine Freunde seien, mit ihm leiden würden. Sie hörten ihn alle mit Erstaunen und Rührung an. Aber was er von den großen Leiden sprach, verstanden sie nicht recht und glaubten es auch nicht so einfältig hin. Sie meinten, das sei 50 eine prophetische Redensart und sei nicht nach dem Worte zu verstehen; usw.~ Den Pharisäern
64 65
war seine Rede nicht anstößig, obschon sie befangener waren als die anderen, aber er lehrte dieses Mal auch nur mäßig.
!27. September 1821i Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seite 63 (Viertelseite ii6)
Die Freunde Lazan, Nikodemus, Obed, Simeons Sohn, Johann Markus hatten wenig mit Jesu gestern gesprochen, aber untereinander waren sie in steter Bewunderung seines Wesens, seiner Weisheit und seiner menschlichen, selbst körperlichen Eigenschaften, und sooft er abwesend war, oder wenn sie hinter ihm herwandelten, sagten sie zueinander: "Welch' ein Mensch! So war keiner, so kommt keiner wieder! Wie ernst, wie sanft, wie weise, wie alles durchdringend, wie einfach! Aber ich verstehe ihn rächt ganz und muß doch glauben, so sagt er es. Man kann ihm nicht ins Antlitz schauen. Es ist, als lese er jedes Gedanken. Welche Gestalt, welches hohe Wesen, welche Raschheit, und doch kein Laufen! Wer kann so wandeln wie er? Wie schnell kommt er seine~ Wege! Unermüdet kommt er an und wandert wieder um seine Stunde. Welch ein Mann ist er geworden! " Dann sprachen sie von seiner Kindheit, von der Lehre im Tempel, usw. Sie sprachen auch, was sie von Gefahren gehört, die er auf seiner ersten Reise auf dem Wasser (Salzmeer) bestanden, und wie er den Schiffern geholfe~
Keiner aber ahnte, daß sie von dem Sohn Gottes redeten. Sie fanden ihn größer als alle Menschen, ehrten ihn und waren schüchtern, aber sie hielten ihn für einen wundervollen Menschen.
28. September 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 66-67 (Viertelseiten 126-130)
... Neun Jünger, welche in der letzten Zeit immer mit ihm waren, gingen auch mit auf die Insel und umgaben den Brunnen auf dem kleinen Inselchen. Jesus legte seinen Mantel ab, dann den wollgelben Gürtel und einen wollgelben Rock, vorne offen, mit Schlingen geschlossen, dann jene schmale, wollene Bahn, um den Nacken über der Brust gekreuzt, die sie nachts und im Wetter ums Haupt schlangen. Nun hatte er noch ein braunes, gewirktes Hemd auf bloßem Leibe, mit welchem er zum Rand des Brunnens hinabstieg, wo er es über das Haupt auszog. Er hatte um die Mitte des Leibes eine Binde, welche um die einzelnen Beine bis zu den halben Füßen gewickelt war. Alle seine Kleider empfing Saturnin und gab sie dem am Rande 1 des Inselchens stehenden Lazarus zu halten . . . Nun stieg Jesus in den Brunnen hinab, in welchem er bis an die Brust im Wasser stand. Mit der Linken umfaßte er den Baum und hatte die Rechte vor der Brust. Die weiße Leibbinde schwamm mit aufgelösten Rändern auf 1, dem Wasser. Johannes stand an dem Mittagsende des Brunnens. Er hatte eine Schale mit breitem Rand, durch welchen drei Rinnen uber das Haupt fließen. Ein Strahl floß auf das Hinterhaupt, einer in die Mitte des Hauptes, einer über das Vorderhaupt und Angesicht.
Die Worte, die Johannes beim Taufen sprach, weiß ich nicht mehr genau, aber ungefähr: "Jehova, durch Cherubim und Seraphim gieße weiß nicht recht, ob es gerade diese drei letzten Worte waren, aber es waren drei Gaben für Geist, Seele und Leib, und war auch darin enthalten, so viel jeder bedürfe, um dem Herrn Geist, Seele und Leib erneuert wiederzubringen.
Indem nun Jesus aus der Tiefe des Taufbrunnens heraufstieg, hüllten Andreas und Saturnin, die zur Seite standen, ein Tuch um ihn, womit er sich abtrocknete, und legten ihm ein langes weißes Taufhemd um, und als er nun auf den dreieckigen roten Stein trat, der zur Rechten des Eintritts in den Brunnen lag, legten sie ihm die Hand auf die Schultern und Johannes auf das Haupt.
Da dieses vorüber war, standen sie eben im Begriff, die Stufen heraufzusteigen, als die Stimme Gottes über Jesum kam, der allein betend auf dem Stein stand. Es kam ein großes Brausen vom Himmel und wie ein Donner, und alle Anwesenden bebten und schauten empor. Es senkte sich auch eine weiße Lichtwolke nieder, und ich sah eine geflügelte Gestalt von Licht über Jesu, die ihn wie ein Strom übergoß. Ich sah auch, als sei der Himmel offen, und sah die Erscheinung des himmlischen Vaters in gewöhnlicher Gestalt und hörte die Worte: "Dieses ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe" in der Stimme des Donners.
Jesus aber war ganz von Licht durchgossen, und man konnte ihn kaum ansehen. Seine Gestalt war ganz durchsichtig. Ich sah auch Engel um ihn.
Ich sah aber in einiger Entfernung auf dem Wasser des Jordans den Satan, eine schwarze, dunkle Gestalt, wie eine Wolke, und sah in dieser Wolke ein Gewimmel von scheußlichem, schwarzem Gewürm und Getier sich um ihn drängen. Es war, als werde alles Böse, alle Sünde, alles Gift aus der ganzen Gegend, da der Heilige Geist
66 67
sich ergoß, in Gestalten sichtbar und flüchte sich in diese dunkle Gestalt, als ihren Urquell hinein. Es war greulich, aber erhöhte den unbeschreiblichen Glanz und die Freude und Klarheit, welche sich über den Herrn und die Insel ergoß.
Der heilige Taufbrunnen leuchtete bis auf den Grund, und alles war verklärt.
4. Oktober 1821 1 Tagebuch Bd. IV Heft 3 / Seite 75 (Viertelseiten 21-24)
Am Morgen des 4. Oktobers in der Dämmerung sah ich Jesum mit den Jüngern in das Tal der Hirten, etwa drei Stunden von Bethlehem, über die eine Bergwand herabsteigen.
Die dort umher wohnenden Hirten wußten schon von seiner Nähe. Sie waren alle schon von Johannes getauft, und es hatten auch einzelne von ihnen Träume und Gesichte von der Annäherung des Herrn gehabt. Es nahten daher einige und sahen immer nach der Gegend hin, wo er herabziehen mußte. Sie sahen ihn aber leuchtend und von Glanz umgeben in das Tal herniedersteigen, denn viele von diesen einfältigen Leuten waren begnadigt. Sie bliesen sogleich auf einem Horn, um die entfernt wohnenden zu erwecken und heranzurufen. Sie hatten diese Gewohnheit bei jedem besonderen Ereignis.
Sie eilten nun alle dem Herrn entgegen und warfen sich vor ihm nieder, mit demütig vorgestrecktem Hals, ihre langen Stäbe im Arm liegend. Manche lagen auf das Angesicht geworfen. Sie hatten kurze Wämser, meist von Schaffellen, einige auf der Brust offen, andere ganz zu; sie gingen bis zum Knie. Sie hatten Quersäcke auf den Schultern.
Sie begrüßten Jesum mit Psalmenworten, welche die Ankunft des Heils aussprechen, den Dank Israels für die erfüllte Verheißung. Jesus war sehr liebevoll mit ihnen und sagte ihnen von ihrem glücklichen Stand. Er lehrte hie und da in den Hütten, welche um das breite Wiesental ringsherum lagen, meist in Parabeln vom Hirtenstand.
Er zog hierauf mit ihnen weiter durchs Tal gegen Bethlehem zum Turm der Hirten. Dieser Turm war auf einem Hügel, mitten im Felde erbaut, auf einer Unterlage von großen Feldsteinen. Er bestand aus einem sehr hohen Gerüst, teils von Balken und lebendigen grünenden Bäumen gebaut. Er war mit Matten behängt, hatte Treppen von außen, Galerien und hie und da kleine bedeckte Standorte, wie Schilderhäuser. Er hatte in der Ferne das Aussehen von einem hohen mit Segeln bespannten Schiff und hatte eine Ähnlichkeit mit jenen Türmen, auf welchen man im Lande der Könige die Sterne beobachtete. Sie konnten darauf die ganze Gegend überschauen, Jerusalem sehen, und auch den Berg sah man da, wo Jesus später vom Feind versucht wurde.
Die Hirten brauchten diesen Turm, den Zug der Herden zu überschauen und sie bei Gefahr von Räubern oder Kriegsvolk, das man in der Ferne sehen konnte, zu warnen. Die einzelnen Hirten mit ihren Familien wohnten in einem Umkreis von wohl fünf Stunden um dieses Feld her in einzelnen Höfen mit Feld und Gärten. Bei dem Turm war ihr allgemeiner Sammelplatz und auch die Vereinigung der Hütenden, welche von hier aus ihre Speise empfingen und ihre Geräte hier hatten. Es waren den Turmhügel entlang Hütten und abgesondert ein größerer, vielfach geteilter Schuppen gebaut, in welchem die Frauen der Hütenden wohnten und ihnen Speise bereiteten. Diese Frauen traten nicht mit den Hirten Jesu und seinen Jüngern entgegen. Sie blickten höchstens dann und wann, fern in Geschäften vorübergehend, zu ihnen her. Der Herr hat sie später belehrt. Es wohnten ungefähr zwanzig Hirten hier.
Jesus lehrte sie von ihrem glücklichen Stand und wie er nun sie wieder heimsuche, da sie ihn an seiner Wiege begrüßt und ihm und seinen Eltern Liebe bewiesen hätten. Er lehrte auch in Parabeln von Hirten und Herde, und daß er auch ein Hirte sein werde und andere Hirten unter sich haben und die Herde sammeln und heilen und führen werde, bis ans Ende der Tage, usw.
Die Hirten erzählten von der Verkündigung der Engel, dei Heilige~ Familie und dem Kind. Sie hatten in dem Stern über der Krippenhöhle auch das Bild des Kindes gesehen. Sie erzählten auch von den Königen, daß diese auch den Turm der Hirten in den Gestirnen gesehen hatten. Sie sprachen auch von den vielen Gaben, die sie zurückgelassen. Sie hatten vieles davon auch hier am Turme und in den Hütten verwandt, was rohere Zeltstoffe waren. Es waren einige alte Männer hier, die noch als junge Männer bei der Krippe gewesen. Sie erzählten Jesu alles wieder, was damals geschehen.
10. Oktober 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 3 / Seite 8o ~iertelseiten 41-44)
Heute morgens verließ Jesus die Höhle, und sie zogen gegen Bethlehem zu um die andere Seite des Berges und Orts 5' herum und kehrten jenseits vor dem Ort in einzeln liegenden Häusern in einer
68 69
Herberge ein, wo sie sich erquickten und die Füße wuschen. Die Leute waren gut und neugierig. Jesus lehrte von der Buße und Nähe des Heils und Nachfolge. Sie fragten auch hier, warum denn seine Mutter den weiten Weg von Nazareth nach Bethlehem gemacht, da sie es zu Haus so gut hätte haben können. Da sprach Jesus von der Verheißung und daß er in Armut habe geboren werden sollen zu Bethiehem unter den Hirten als ein Hirte, der die Herde sammeln solle, und darum wandle er jetzt zuerst durch diese Hirtengegenden, nachdem bei der Taufe sein himmlischer Vater Zeugnis von ihm gegeben habe.
Von hier ging er nordöstlich nach der Mittagseite von Bethiehem, das ein paar Stunden entfernt war, durchschnitt ein Stück des Hirtentals, wo es sich mittäglich wendete, zog um die Abendseite von Bethlehem und ließ das Haus von Josephs Eltern rechts liegen, durchschnitt den Weg, der von Jerusalem nach Bethlehem führt, und kam am Abend in die jetzt kleine Stadt Masphat, wenige Stunden jenseits" von Bethlehem. Der Ort heißt KleinMasphat. Es gibt noch ein größeres Masphat nicht sehr weit von Hebron."
Man konnte die Stadt Masphat weit sehen. Es brannten Feuer in eisernen Körben um sie her auf den Landstraßen. Sie hatte Mauern und Türme. Es gingen mehrere Landstraßen hier durch nach verschiedenen Richtungen.63 Diese Stadt war lange ein Hauptbetort gewesen.
Judas Makkabäus hatte hier ein großes Gebet vor der Schlacht gehalten und Gott allerlei schmähliche Edikte der Feinde und seine Verheißungen vorgehalten, auch die priesterlichen Kleider vor dem Volke ausgelegt, und dann sind ihnen vor der Stadt fünf Engel erschienen, die ihnen den Sieg verhießen. Hier ist auch Israel versammelt gewesen, gegen den Stamm Benjamin zu streiten wegen der Mißhandlung64 und Tötung des Weibes eines reisenden Leviten. Es geschah diese Schandtat bei einem Baum. Der Ort war noch ummauert, und niemand nahte ihm.
Auch Samuel hat in Masphat gerichtet, und hier ist das Kloster der Essener gewesen, in welchem Manahem gewohnt hat, der dem Herodes als Knaben das Königtum geweissagt. Ein Essener Charieth ~ hat es gebaut. Er hat etwa hundert Jahre vor Christo gelebt, ist ein verheirateter Mann aus der Gegend von Jericho gewesen, habe sich von seiner Frau getrennt, und sie haben beide, sie für Frauen, er für Männer mehrere Genossenschaften der Essener gegründet. Er hat auch noch ein anderes Kloster nicht weit von Bethlehem gegründet, wo er gestorben ist. Er war ein so heiliger Mann, daß er bei dem Tode Christi zuerst aus dem Grabe hervorgegangen und erschienen ist."
Hier im Ort waren sehr viele Herbergen, und sie wußten gleich, wenn ein Fremder hereingekommen war. Jesus war kaum in der Herberge, so waren gleich viele Leute um ihn. Er wurde auch zu der Synagoge geführt und legte das Gesetz aus, und es waren Laurer da, denen es nicht recht ernst war. Die wollten ihn auslocken, weil sie gehört hatten, daß er auch die Heiden zum Reiche Gottes führen wolle, und wie er von den drei Königen bei den Hirten gesprochen. Jesus lehrte aber sehr scharf und sagte, die Zeit der Verheißung sei erfüllt. Alle, welche wiedergeboren würden durch die Taufe und an den glauben würden, den der Vater gesandt habe, und seine Gebote halten, würden des Reiches teilhaftig werden, und die, welche ihm nachfolgten, würden Erben des Reiches sein. Von den Juden aber, die nicht glauben würden, würde die Verheißung sich wenden und zu den Heiden gehen.
Ich kann mich nicht recht ausdrücken, er sagte aber, er wisse, daß sie nur lauerten. Sie sollten hingehen nach Jerusalem und diese seine Lehre verkünden.
Er hat auch von Judas Makkabäus und anderen Ereignissen gesprochen, die hier geschehen, und sie sprachen von der Herrlichkeit des Tempels und dem Vorzug der Juden vor den Heiden. Er legte ihnen aber aus, daß der Zweck des auserwählten Volks und seines Tempels erfüllt sei, denn der, welchen der Herr durch die Propheten verheißen habe, sei gekommen, das Reich und den Tempel des himmlischen Vaters zu gründen, usw.
Nach dieser Lehre verließ Jesus Masphat und zog etwa eine Stunde östlicher...
J12. Oktober 1821J 1 Tagebuch Bd. IV, Heft ~ / Seite 82 (Viertelseiten
Ich sah bei dieser Gelegenheit den Tod Moses'. Er starb auf einem kleinen steilen Hügel, der im Schoß des Gebirges Nebo zwischen Arabien und Moab liegt. Das Lager der Israeliten war weit umher. Nur einige Posten sprangen weiter ins Tal hervor, das den Hügel umgab.
Dieser Hügel war ganz mit einem Gewächs, wie mit Epheu, grün überzogen, mit kurzen krausen Büschen, wie der Wacholder wächst.
70 71
Moses mußte an diesem Gewächs sich haltend hinaufsteigen. Josua und Elieser waren bei ihm.
Ich weiß nicht mehr, was alles mit ihm geschah. Ich meine, er hatte ein Gesicht von Gott, das die andern nicht sahen. Er gab Josua eine Rolle, worauf sechs Flüche und sechs Segen standen, welche er dem Volk im Gelobten Land bekanntmachen sollte. Er befahl ihnen dann hinwegzugehen und nicht umzuschauen, nachdem er sie umarmt hatte. Hierauf kniete er mit ausgespannten Armen und sank tot auf die Seite. Ich sah aber die Erde sich wieder unter ihm öffnen und ihn dort wie in ein schönes Grab umschließen. Da Moses bei der Verklärung bei Jesu auf dem Thabor erschien, sah ich ihn von dieser Stelle her nahen. Die sechs Segen, sechs Flüche las Josua dem Volke vor.
14. Oktober 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 3 / Seite 84 (Viertelseiten 58-60)
In Jerusalem war großes Gestreite über Jesum, von dem man vieles gehört, denn sie hatten überall bestochene Leute, die ihnen berichteten. Es war da in einem Gericht, Synedrium, das aus einundsiebzig Priestern und Gelehrten bestand, in einem Ausschuß von zwanzig, die wieder zu fünf und fünf miteinander überlegten und disputierten, ein großes Beraten über Jesum.
Sie suchten die Geschlechtsregister nach und konnten nicht leugnen, daß Joseph und Maria aus dem Stamm David seien, und Mariä Mutter vom Geschlecht Aarons, aber die Fam~ien seien ganz verdunkelt, und Jesus ziehe mit lauter Gesindel herum, er beflecke sich mit Zöllnern und Heiden und schmeichle den Sklaven.
Sie hatten gehört, daß er neulkh in der Gegend von Bethlehem mit den Sichemitern, die von der Arbeit nach Haus zogen, so vertraut gesprochen habe, und meinten, er könne wohl mit allerlei solchem Gesindel einen Aufstand vorhaben. Einige behaupteten auch, er müsse vielleicht ein unterschobenes Kind sein, das sich einmal für einen Königssohn ausgeben werde (Mi~verstehen seiner Parabel). Er müsse irgendeinen geheimen Unterricht haben, sie glaubten vom Teufel, denn er sondere sich oft ab und gehe nachts allein in die Wildnis oder auf Hügel. Alles dieses hatten sie schon nachgeforscht.
Es waren unter diesen zwanzig viele, welche Jesum und die Seinigen genauer kannten und sehr von ihm gerührt waren und seine heimlichen Freunde waren. Sie widersprachen den anderen aber nicht, um Jesu und seinen Jüngern dienen zu können, welchen
72
sie auch immer Nachricht nachher 5 and ten, und so wurde endlich von den zwanzig, als der Hohe Spruch (so pflegte man ungefähr ihre Meinung zu nennen) in Jerusalem verbreitet, was ich von ihrer Meinung gesagt habe: er müsse vom Teufel unterrichtet werden.
Dem Johannes wurde die Taufe zu Gilgal auch wieder von seinen Jüngern gemeldet und wie ein Eingriff in seine Rechte vorgestellt, und er lehrte abermals wie immer in tiefster Demütigung, bald werde er den Ort verlassen vor seinem Herrn, dessen Vorläufer und Wegbereiter er gewesen. Die Jünger verstanden dieses aber nicht recht.
27. Okt.f-5. Dez. 182111 Tagebuch Band IV, Heft 3 / Seiten 92-103 (Viertelseiten 91-123; 125-133) 27. Oktober 1821
Jesus bestieg in der Nacht den steilen, wilden Berg in der Wüste, den man jetzt Quarantania nennt. Es sind drei Rücken auf diesem Berg und drei Höhlen, eine über der anderen. Hinter der obersten Höhle, in welche Jesus ging, sah man in den steilen dunklen Abgrund hinunter. Der ganze Berg war voll schrecklicher, gefährlicher Spalten.
In derselben Höhle hatte vor vierhundert Jahren ein Prophet gewohnt, dessen Namen ich vergessen. Auch Elias hat einstens längere Zeit heimlich hier gewohnt. Er erweiterte die eine Höhle. Ohne daß jemand wußte, woher, kam er manchmal hier herab unter das Volk, prophezeite und stiftete Frieden.
Vor hundertfünfzig Jahren hatten etwa fünfundzwanzig Essener hier ihre Wohnungen.
Am Fuße dieses Bergs stand das Lager der Israeliten, als sie mit der Bundeslade und den Posaunen um Jericho herumzogen.
Der Brunnen, dessen Wasser Elisäus versüßte, ist auch in der Gegend.
St. Helena hat diese Höhlen zu Kapellen einrichten lassen. Ich habe einmal in einer derselben ein Gemälde der Versuchung an der Wand gesehen. Es ist einmal später ein Kloster da oben gewesen. Ich kann mir immer nicht denken, wie nur die Arbeiter da hinaufkommen konnten.
Helena hat sehr viele heilige Orte mit Gebäuden geschmückt. Sie baute auch eine Kirche über das Geburtshaus der heiligen Mutter Anna, zwei Stunden von Sephoris.
In Sephoris selbst hatten Annas Eltern auch ein Haus. Wie traurig,
daß die meisten dieser heiligen Orte bis an die Erinnerung an sie verwüstet sind.
Wenn ich als junges Mädchen vor Tag im Winter durch den Schnee stundenweit nach Coesfeld zur Kirche ging, sah ich alle diese heiligen Orte so deutlich und sah oft, wie gute Menschen, sie vor Verwüstung zu schützen, sich vor den zerstörenden Kriegsleuten platt in den Weg warfen.
Das Wort in der Schrift "Er ward vom Geist in die Wüste geführt" heißt, der Heilige Geist, der in der Taufe, insofern er alles Göttliche nach seiner Menschheit an sich geschehen ließ, über ihn kam, bewegte ihn, in die Wüste zu gehen und sich zu seinem Berufsleiden vor seinem himmlischen Vater menschlich vorzubereiten
Ich sah Jesum in der Höhle mit ausgebreiteten Armen knien und seinen himmlischen Vater um Kraft und Trost in allen Leiden, die ihm bevorstanden, anflehen. Er sah alle seine Leiden voraus und flehte um die nötige Gnade in jedem einzelnen.
28. Oktober 1821
Ich hatte dieses Gesicht von 2 Uhr bis 1/4 vor 5 am Morgen, und es war so reichhaltig, als habe ich ein Jahr lang zugesehen...
Ich sah allen Kummer, alle Leiden Jesu, worum er zu seinem Vater flehte, bis zu seinem Tod, in Bildern wieder und sah ihn auch Trost, Stärkung und Verdienst für jedes empfangen. Ich sah eine weiße Lichtwolke so groß wie eine Kirche sich über ihn niederlassen und nach den einzelnen Gebeten mancherlei lange geistige Gestalten zu ihm nahen, welche in seiner Nähe menschliche Form gewannen, ihn ehrten und ihm irgendeinen Trost, eine Verheißung brachten.
Was und wie ich es alles sah, ist mir unaussprechlich. Ich sah, daß Jesus hier in der Wüste allen Trost, alle Stärkung, alle Hilfe, allen Sieg in Anfechtungen für uns erwarb, alles Verdienst, das in Kampf und Sieg wir erringen können, für uns erkaufte, allen Wert der Abtötung und des Fastens für uns vorbereitete, und daß er hier alle seine bevorstehende Arbeit und Leiden Gott dem Vater aufopferte, um den künftigen Geistes- und Gebetsarbeiten der an ihn Glaubenden einen Wert zu geben. Ich sah sogar den Schatz, welchen Jesus der Kirche dadurch gründete und welchen sie in der vierzigtägigen Fasten eröffnet.
Ich sah Jesum bei seinem Gebet Blut schwitzen und fand mich nach diesem Bilde bei Tagesanbruch erwachend an Kopf und Brust mit Blut überronnen...
Heute ging Jesus von dem Berge herab gegen den Jordan zwischen Gilgal und Johannis Taufstelle, welche etwa eine Stunde südlicher war. Er schiffte sich selbst auf einem hier liegenden Balken über diese schmale und tiefe Stelle des Jordan, die ich sonst nicht kannte.
Er wandelte auf der Ostseite des Jordan, Bethabara zur Rechten lassend, und mehrere Landstraßen, die zum Jordan führen, durchschneidend, auf Gebirgspfaden die Wilünis haltend, zwischen Morgen und Mittag ins Gebirg. Er kam durch ein Tal, das gen Kallirhoe zieht, über ein Flüßchen, zog dann auf einem Gebirgsrücken, von welchem Machärus nicht weit ist, wieder mehr mitternächtlich, bis wo Jachza in dem Tal gegenüberliegt, in welchem die Kinder Israel den Amoriterkönig Sihon schlugen. Es waren in jener Schlacht drei Israeliten immer gegen sechzehn Feinde, aber es geschah ein Wunder. Es kam ein schreckliches Brausen über die Amoriter, welches sie erschreckte.
Jesus war auf einem sehr wilden Gebirge. Es war noch rauher hier als auf dem Berg bei Jericho. Es liegt ungefähr dem ersten Berg, doch mittäglicher, gegenüber. Ich habe mehrere Orte der dortigen Gegend gesehen. Bei Kallirhoe herum geht eine Landspitze ins Tote Meer, die fast wie eine Insel ist. Der wüste Berg, worauf Jesus ist, liegt etwa neun Stunden vom Jordan.
Jesus wird die vierzig Tage hier fasten. Er hatte hier auch wieder gebetet und alle Leiden, welche ihm bevorstünden, in ihrer ganzen Gewalt gesehen. Der Satan ist noch nicht bei ihm gewesen. Jesu Gottheit und Bestimmung ist diesem ganz verborgen. Die Worte:
"Dieser ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe" hatte der Satan bloß als von einem Menschen, einem Propheten verstanden.
Jesus ist jedoch bereits oft und vielfach versucht. Die erste Versuchung war: "Dieses Volk ist zu verderbt. Soll ich alles das um sie leiden und doch das Werk nicht vollenden?" Er hat aber mit unendlicher Liebe und Barmherzigkeit diese Versuchung im Angesicht aller seiner Qualen besiegt.
29. Oktober 1821
Ich sah Jesum in der Wildnis in einer engen Gebirgshöhle in der Gegend von Jachza. Er kniete in stetem Gebet und sprach zu Gott, seinem Vater, empor.
Ich sah, wie ihm hier alle Sünden der Welt vor Augen kamen und der Verfall der Menschen von Anfang her. Es kam dieses wie große
74 75
Gewitterwolken über ihn, und er sah alles, was er dafür werde zu leiden haben, und was gewonnen, was verloren gehe, usw. Es waren auch wieder Engel bei ihm.
Ich sah den Satan herumschleichen, ihn zu versuchen. Er nahte dem Eingang der Höhle und machte ein Geräusch. Er hatte die Gestalt eines Sohnes der drei Witwen, den Jesus besonders lieb hatte, angenommen. Er gedachte, Jesus sollte sich ärgern, daß der Jünger ihm wider sein Gebot gefolgt sei. Es war sehr lächerlich und dumm von dem Satan. Jesus schaute nicht einmal nach ihm um. Der Satan schaute in die Höhle und brachte allerlei Geschwätz vor, von Johannes dem Täufer, der wohl sehr böse auf ihn werden solle, weil er vernommen habe, daß er hie und da taufen lasse, was doch seine Sache nicht sei
30-31. Oktober 1821
Bis gegen 4 Uhr morgens war ich in folgender Anschauung: Ich kam zu Jesu in die Höhle. Sie war nun geräumiger, denn ich hatte ihn gestern nur im Eingang gesehen. Es war oben in der Höhle ein Loch, durch welches ein rauher, kalter Wind hereinzog. Es war hier um diese Jahreszeit sehr kalt und neblig. Die Höhle war rauh und felsi g, und auch der Boden ungleich. Sie war von buntgeädertem Stein, und wenn sie geglättet worden wäre, müßte sie wie gemalt ausgesehen haben. Es war der Fels umher mit wenigem Gesträuch bewachsen, auch waren Felsenbrocken da, welche schier wie Büsche aussahen. Die Höhle war so geräumig, daß Jesus an einer Stelle knien und liegen konnte, ohne unter dem Loche zu stehen.
Als ich zu Jesu in die Höhle kam, lag er auf seinem Angesicht. Ich stand lange bei ihm und sah seine Füße an, welche bis an die Knöchel vom Gewand unbedeckt waren. Sie waren rot und von den rauhen Wegen verwundet, denn er war barfuß in die Wüste gegangen...
Ich sah Jesum bald sich aufrichten, bald auf dem Angesicht liegend beten. Ich konnte alles sehen, denn er war von Licht umgeben. Auf einmal kam ein Brausen vom Himmel nieder, und es goß sich ein Licht in die Höhle, und es kam eine ganze Schar von Engeln in die Höhle, welche allerlei trugen.
Ich fühlte mich so gedrängt und überwältigt, daß ich mich wie in die Wand des Felsens hineingedrückt fühlte, und mit der Empfindung, als versänke ich, begann ich zu rufen: "Versinken soll ich, ich soll neben meinem Jesus versinken?" Darüber wachte ich auf und zündete mein Licht an, und hörte die Uhr schlagen und sah wachend alles folgende:
Ich sah, daß die Engel sich vor Jesu beugten und ihn verehrten und ihn fragten, ob sie ihm ihre Sendung vorstellen dürfen. Sie fragten ihn auch, ob es noch sein Wille sei, für die Menschen als Mensch zu leiden, wie es dieses sein Wille gewesen, da er aus seinem himmlischen Vater herabgestiegen sei und Fleisch angenommen habe im Leibe der Jungfrau.
Da nun Jesus abermals dieses Leiden annahm, richteten die Engel ein hohes Kreuz vor ihm auf, welches sie in seinen einzelnen Teilen tragend hereingekommen waren. Es war dieses Kreuz in der Gestalt, wie ich es immer sehe, aber es bestand aus vier Stücken, wie ich in den Bildern immer die Kreuzkelter sehe. Nämlich der obere Teil des Kreuzstammes, der zwischen den beiden eingesetzten Armen hervorsteigt, war auch abgesondert.
Ich glaube etwa fünfundzwanzig Engel dabei gesehen zu haben. Fünf trugen den unteren Stamm des Kreuzes, drei das obere Teil, drei den linken Kreuzarm, drei den rechten, drei den Klotz, worauf seine Füße ruhten. Drei trugen eine Leiter, ein anderer einen Korb mit allerlei Stricken und Werkzeug, andere Speer, Rohr, Ruten, Geißeln, Dornenkrone, Nägel und auch alle seine Spottkleider, ja alles, was bei seinen Leiden vorkam.
Das Kreuz aber war gleichsam hohl, und man konnte es auftun wie einen Schrank, und es war in allen seinen Teilen mit unzähligen mannigfaltigen Marterwerkzeugen angefüllt. In der Mitte aber, wo Jesu Herz gebrochen, war eine Verschlingung von allen möglichen Bildern der Pein in den verschiedensten Instrumenten, und war die Farbe des Kreuzes von einer rührend schmerzlichen Blutfarbe.
So waren alle Teile und Stellen des Kreuzes von verschiedenen schmerzlichen Farben, aus deren jeder man die Pein sehen konnte, welche da erlitten werden sollte, und wie sie in Strahlen nach dem Herzen hinlief. Auch die Instrumente auf jeder Stelle waren die Gestalt der Peinen, die da gelitten werden sollten.
Es waren in dem Kreuz auch Gefäße mit Galle, Essig, aber auch Salben und Myrthe und etwas wie Gewürz, wahrscheirilich sich auf den Tod und die Grablegung beziehend...
Außerdem waren eine Menge von langen aufgerollten Bahnen, wie handbreite Zettel darin, von verschiedenen Farben, worauf verschiedene Leiden und Leidensarbeiten geschrieben waren. Die Farben deuteten auf verschiedene Grade und Arten von Finsternis, welche
1 77
zu erleuchten und auszubleichen waren durch Leiden. Schwarz war das, was verlorenging, braun das Trübe, Dürre, Trockene, Vermischte, Schmutzige, rot das Schwere, Irdische, Sinnliche, gelb das Weichliche, Leidenscheuende. Es waren halb gelb, halb rote Bahnen dabei, ich weiß nicht mehr, ob das Rote gelb oder das Gelbe rot werden mußte." Dann war auch eine Menge ganz weißer Bahnen darin, wie Milchbahnen, und die Schrift war leuchtend in ihnen. Man sah sie durch. Diese bezeichneten das gewonnene Vollendete.
Alle diese farbigen Bänder waren wie die Rechnung der Arten der Schmerzen und Arbeiten, welche Jesus in seinem Wandel und Leiden mit den Jüngern und anderen Menschen haben würde.
Auch wurden Jesu alle jene Menschen vorgeführt, durch welche er am meisten geheime Leiden haben würde, die Tücke der Pharisäer, der Verräter Judas, die mitleidlosen Juden bei seinem schmählichen, bitteren Tod.
Alles dieses ordneten und entwickelten die Engel vor dem Heiland mit einer unaussprechlichen Ehrfurcht und einer priesterlichen Ordnung, und als das ganze Leiden vor ihm aufgerichtet und ausgesprochen war, sah ich Jesum und die Engel weinen.
Nachher zogen sich die Engel zurück, und ich ward in ein Bild von den armen Seelen entrückt.
2. November 1821
Als ich bei dem Herrn war, sah ich ihn an der Erde liegend beten. Der Teufel hatte ihm die Erscheinungen von sieben bis neun seiner Jünger hinaufges and t. Sie kamen einzeln in die Höhle und sagten, Eustachius habe ihnen gesagt, daß er hier sei. Sie hätten ihn so ängstlich gesucht, er solle doch sich nicht hier oben zugrunde richten und sie nicht verlassen. Es werde so viel von ihm geredet, er solle dies und jenes doch nicht auf sich sitzen lassen. Jesus aber sagte nichts als: "Weiche von mir, Satan, es ist jetzt nicht Zeit!" Da verschwanden sie alle.
~. November 18211
Ich sah den Herrn in der Höhle auf dem Angesicht ruhend betend, bald kniend, bald stehend, auch einmal auf der Seite liegend.
Ich sah einen sehr alten, schwachen, ehrwürdigen Mann mühsam den steilen Berg heraufklettern. Es wurde ihm so schwer. Ich hatte Mitleid mit ihm. Er nahte sich der Höhle und sank mit lautem Stöhnen in dem Eingange ohnmächtig nieder. Ich war schier betrübt, daß Jesus ihm nicht half, aber er schaute gar nicht nach ihm.
Der alte Mann richtete sich selbst wieder auf und sagte Jesu, er sei ein Essener vom Berg Karmel, habe von ihm gehört und sei ihm schier sterbend hie rher gefolgt. Er solle sich doch ein wenig zu ihm setzen und von heiligen Dingen mit ihm sprechen. Er wüßte auch, was Fasten und Beten sei. Wenn zwei beisammen wären in Gott, so gehe die Auferbauung besser, usw. Jesus sagte ihm wenige Worte, ungefähr wie: "Weiche, Satanas, es ist jetzt nicht die Zeit!q
Da sah ich erst, daß es der Satan gewesen, denn indem er sich wegwendete und verschwand, sah ich ihn dunkel werden und grimmig.
Da wurde es mir sehr lächerlich, daß er sich hingeworfen hatte und selbst wieder aufstehen mußte.
Der Satan kannte nicht die Gottheit Christi. Er hielt ihn für einen Propheten. Er hatte seine Heiligkeit von Jugend auf gesehen und die Heiligkeit seiner Mutter, die gar nicht auf den Satan merkte. Sie nahm keine Versuchung auf. Es war kein Stoff in ihr, woran er anknüpfen konnte. Sie war die schönste Jungfrau und Frau, hatte aber nie mit Wissen Freier gehabt, außer bei dem heiligen Los mit den Zweigen im Tempel, da sie verehelicht werden sollte.
Daß Jesus eine gewisse pharisäische Strenge in Nebengebräuchen gegen seine Jünger nicht hatte, machte den bösen Feind irr, er hielt ihn für einen Menschen, weil manche Unordnung der Jünger die Juden ärgerte.
Weil er Jesum oft eifrig sah, wollte er ihn früher durch seine ihm folgenden Jünger ärgern. Weil er ihn barmherzig sah, wollte er ihn als schwacher sinkender Greis rühren und als Essener mit ihm disputieren.
November 1821
Ich sah, daß eine lichte Wolke bei der Höhle stand, in welcher ich wie Angesichter erkannte. Es gingen Engel aus ihr, und sie hatten ausgehend menschliche Gestalt. Sie gingen zu Jesu, stärkten und trösteten ihn.
Am 10. Ta~ sah ich Jesum ausgestreckt auf seinem Angesicht liegen. Ich sah ihn kniend und stehend beten und sah Engel bei ihm aus- und eingehen.
6. November 1821J
Ich sah Jesum in der Höhle auf der Seite an der Erde ruhen und sah die Erscheinung des Esseners Eliud zu ihm eingehen. Es war der Satan, und ich erfuhr daraus, daß dieser wissen mußte, daß ~esu
78 VQ
neulich das Kreuz vorgestellt sei, denn er sagte zu ihm, er habe eine Offenbarung gehabt, welche schweren Kämpfe ihm gezeigt worden, und habe wohl gefühlt, daß er dieses nicht bestehen wurde. Vierzig Tage zu fasten werde er auch nicht imstande sein, er habe sich darum aus Liebe zu ihm hierher begeben, ihn nochmals zu sehen und ihn zu bitten, er möge ihm erlauben, seine Einöde mit ihm zu teilen. Er wolle einen Teil seines Gelübdes übernehmen.
Jesus achtete alles dieses nicht, erhob sich aber und streckte die Hände zum Himmel und sagte: "Mein Vater im Himmel, nimm diese Versuchung von mir! " Ich sah darauf den Satan mit grimmiger Gestalt verschwinden.
Jesus kniete hierauf betend, und nach einiger Zeit sah ich drei Jünglinge nahen, welche bei seinem ersten Ausgang aus Nazareth mit ihm gewesen waren und ihn nachher verlassen hatten. Diese Jünglinge nahten schüchtern, warfen sich vor Jesu nieder und klagten, wie sie keine Ruhe hätten, bis er ihnen vergebe~ Er solle sich ihrer erbarmen, sie wieder aufnehmen und mit ihm fasten lassen zur Buße. Sie wollten ihm gewiß die treuesten Jünger werden, usw. Sie taten sehr kläglich und gingen in der geräumigen Höhle mit allerlei Geräusch um ihn. Jesus stand auf, erhob die Hände, flehte zu Gott, und sie verschwanden."
7. und 8, November 1821
Ich hatte einen Blick, wie Jesus in der Höhle betend kniete, und sah den Satan in einem schimmernden Kleid, als wurde er durch die Luft getragen, an der steilen Seite des Felsens emporschweben. Diese ganz steile Seite, wo kein Eingang, aber einige Locher in die Höhle sahen, war die Morgenseite. Jesus sah nicht nach dem Satan, der einen Engel vorstellen wollte. Sein Licht ist aber dann nie durchsichtig, sondern wie aufgeschmiert, und sein Gewand macht einen starren Eindruck, während das Gewand der Engel leicht und durchsichtig scheint.
Er schwebte in den Eingang der Höhle und sagte: "Ich bin von deinem Vater gesandt, dich zu trösten." Jesus sah nicht nach ihm.
Dann erschien er wieder an einer Öffnung der Höhle an der ganz unzugänglichen Seite und sagte zu Jesu, er solle sehen, daß er ein Engel sei und hier hinauf auf den Felsen schweben könne. Jesus sah aber nicht nach ihm. Da ward der Satan ganz grimmig und tat, als wenn er ihn mit seinen Krallen durch die Öffnung fassen wollte,
und seine ganze Gestalt ward entsetzlich, und er verschwand. Jesus aber schaute nicht nach ihm.
8.~. November 1821
Die heutige Anschauung von dem Fasten Jesu in der Wüste war ganz in den Faden ihrer nächtlichen Gebetsarbeiten ein geflochten, wie das eigentlich immer der Fall ist, nur daß ihr selten die Zeit zu vollständiger Mitteilung bleibt. Die
ganze Reihe ihrer nächtlichen Anschauungen geschieht in Form einer Reise unter der Führung ihres Schutzengels. Der geistliche Zweck dieser Reise bestimmt sich nach den Gebetsarbeiten, welche ihr sowohl die Zeit, in der sie lebt, als die Zeit des Kirchen jahres aufgeben. Der Mittelpunkt dieser Reise ist das Gelobte Land, wo sie in das tägliche Gesicht vom Leben Jesu eintritt und die Gebetsaufgabe der Zeit mit den Verdiensten dieses Lebenstages des Erlösers vereinigt. Auf dieser Reise richtet sich der Weg durch die Gegenden des Lebens der Heiligen dieses Tages, in welches sie eingeht und deren Verdienste sie, mit den Verdiensten Jesu vereinigt, zum Erfolg ihrer Gebetsaufgabe für die Gegenden anwendet, auf welche diese Heiligen einen besonderen Bezug haben.
Dieses geschieht auf dem Hin- und Heimweg, und es flechten sich alle Bedürfnisse und Nöte der Zeit und Zukunft mit ein. Sie war aber seit dem
2. Noviember, ,dem Allerseelen feste, hauptsächlich mit dem Gebet für die leidende Kirche beschäftigt. Und so tut sie also das Werk eines Christen, der an dem Faden des katholischen Kirchen Jahres betend und schauend durch die Zeit wandelt.
Es gestaltete sich aber das heutige Bild aus dem Leben Jesu wie folgt:
Jesum sah ich heute nacht in der Höhle, teils liegend, teils kniend, teils stehend beten. Ich habe den größten Teil der Nacht in der Höhle neben Jesu gekniet und gebetet. Ich habe eine schwere und schauerliche Nacht gehabt. Es war so kalt und unheimlich auf dem Berge. Es stürmte und fiel Regen und Reif. Ich sah die Sündhaftigkeit der ganzen Welt und auch meine Versunkenheit. Ich sah den betrüblich en Zustand der Kirche und den mannigfachen Verfall der Priester. Ich sah die unbeschreiblichen Gnaden und Mittel, welche Jesus uns geschenkt, und hatte die Empfindung alles dessen, was er allein schon in dieser schweren Fastenwüste uns errungen. Ich war ganz zerschmettert und zermalmt und hatte dabei ein zerreißendes
8o 8i
Mitleid mit Jesu neben mir, und das Gefühl meiner eigenen
Schlechtigkeit. Und in allen diesen Schmerzen konnte meine Weichlichkeit doch dann und wann den Gedanken nicht unterdrücken:
Warum sagt mir Jesus nichts? Warum sagt er mir nicht: Stehe auf! -Denn ich meinte, ich könnte das Elend gar nicht aushalten.
Als ich schier ungeduldig ward, sagte er nichts zu mir als das Wort: Geduld! welches mich erquickte.
Ich lag noch eine Zeitlang und fühlte ganz die rauhe Witterung, die Wüste und die Schmerzen Jesu. Da kamen durch die Kälte ein laues Wehen und eine süße Empfindung zu mir. Es schwebten drei Seelen zu mir in die Höhle. Bei jeder waren zwei Engel. Sie dankten für Leiden, welche ihnen geholfen hätten, und schwebten weg. Dort kannte ich sie, jetzt kenne ich sie nicht mehr.
Ich bin noch ganz elend. Es ist mir auch befohlen worden, für mancherlei bevorstehendes Elend zu beten, das ich sah, besonders aber der gemischten Ehen wegen, aus welchen mir namenloses Elend für die Kirche gezeigt wurde!
io.-ii. November 1821
Ich sah Jesum wie immer in der Höhle teils liegend, teils kniend, teils stehend beten. Er ist in seiner gewöhnlichen Kleidung, nur ist sie weit und los. Er ist nicht gegürtet und barfuß. Sein Mantel, ein paar Taschen, welche sie tragen, und der Gürtel liegen an der Erde, worauf er sich manchmal hinlegt. Er ißt und trinkt nicht, es hungert ihn auch manchmal, Engel erquicken ihn. Es kommt dann wie ein lichtes Wölkchen gegen ihn und strömt wie Tau in seinen Mund.
Ich war heute auch in Lazan Haus, habe aber den Zusammenhang vergessen und erinnere mich nur, daß Lazarus der stillen Maria Decken gebracht, vielleicht etwas auszunähen. Die sfille Maria ist im Geist immer bei Jesu in der Wüste, sieht seine Wege und leidet seine Mühen in der Fasten mit.?0
Am lt. sah ich Jesum wie bisher in verschiedener Stellung beten.
12. November 1821
Ich sah den Satan in der Gestalt eines alten, ganz verwilderten Einsiedlers vom Berge Sinai zu Jesu in die Höhle kommen. Er kletterte mühsam den Berg herauf. Er war halb nackt, hatte Felle um den Leib hängen, einen langen Bart, aber etwas Spitzes und Listiges im Gesicht. Er sagte, es sei ein Essener vom Berg Karmel
bei ihm gewesen und habe ihm von seiner Taufe, seiner Weisheit, seinen Wundern und nun von seinem strengen Fasten gesprochen. Da habe er sich in seinem Alter auf den weiten Weg hierher zu ihm begeben. Er solle nun mit ihm reden. Er habe eine lange Erfahrung in Abtötungen. Es sei genug. Er solle es nun drangeben, er wolle einen Teil davon übernehmen, usw. Er redete sehr vieles Zeug daher. Jesus sah seitwärts und sagte: "Weiche von mir, Satanas !" Da sah ich den Satan sich verfinstern1 und er rollte wie ein schwarzer Ball mit einem Gekrach den Berg hinab.
Ich tat da die innere Frage, wie es denn nur sei, daß es ihm so ganz verborgen sei, daß Christus Gott sei, und ich erhielt darüber wunderbare und schöne Weisungen, dachte auch lebhaft daran, wenn ich das nur wieder erzählen könnte, habe es aber ganz vergessen. Ich sah ganz deutlich den unbegreiflichsten Nutzen für die Menschen, daß der Satan und sie es nicht wußten, und daß sie es mußten glauben lernen. Ein Wort sagte mir der Herr, welches ich behalten, nämlich: "Der Mensch hat nicht gewußt, daß die Schlange, die ihn verführte, der Satan war, darum darf auch der Satan nicht wissen, daß es Gott ist, der den Menschen erlöst." Ich hatte darüber sehr schöne Bilder und sah auch, daß der Satan die Gottheit Christi nicht eher erfuhr, als da er die Seelen aus der Vorhölle befreite.
Ich sah Johannes immerfort taufen, und daß er seit der Taufe Jesu immer lehrte, daß das Wasser durch die Taufe Jesu und den Heiligen Geist, der auf Jesum gekommen, geheiligt sei. Ich erfuhr, daß die Überkunft des Heiligen Geistes auf Jesum in der Taufe nun die Taufe mehr geheiligt habe, und daß aus dem Wasser sehr viel Böses gewichen sei. Dieses war auch das schwarze Bild des Satans und das viele Ungeziefer, das ich in diese Wolke dringen sah über dem Jordan, als der Heilige Geist niederkam bei der Taufe. Es war wie ein Exorzisieren des Wassers.
Jesus ließ sich taufen, damit das Wasser geheiligt werde. Er hätte es nicht bedurft. Die Taufe Johannis war nun reiner und heiliger. Darum sah ich auch Jesum in einem besondere~ Bad taufen, und aus diesem in den Jordan und das allgemeine Taufbad leiten, und auch Jesum und die Jünger von dem Wasser mitnehmen zu fernerer Taufe.
13. November i8ii
Ich sah Jesum stehend und kniend beten.
Die vierzig Tage in der Wüste sind eine geheimnisvolle Zahl uiid
82 83
Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y
beziehen sich wie die vierzig Jahre der Israeliten in der Wüste auf etwas, was ich vergessen habe.
Täglich ist die Gebetsarbeit Jesu eine andere, täglich erringt er uns andere Gnaden, und keinmal kehrt das Vorige zurück. Ohne diese seine Arbeit wurde uns der Widerstand gegen Versuchung nie verdienstlich werden können.
17. November 1821 Vom 14., 15. und i6. November erzählt sie durch Krankheit nichts. Am 17. sagte sie:
Ich habe in allen diesen Tagen Jesum in mannigfacher Stellung in der Höhle beten und fasten gesehen. Die einzelnen Umstände habe ich vergessen. Die Höhle ist nicht ganz auf dem Gipfel des Berges.
18. November 1821
Heute sah ich den Satan zu der Höhle des betenden Heilands in Gestalt eines vornehmen Mannes von Jerusalem kommen. Er sagte, er komme aus einem großen Anteil an ihm, denn er wisse wohl, daß er bestimmt sei, die Freiheit der Juden herzustellen. Er erzählte ihm auch alles, was in Jerusalem über ihn gestritten und gesprochen werde. Er komme zu ihm, seine Sache zu unterstützen. Er solle mit ihm nach Jerusalem gehen und heimlich bei ihm im Palast eines Herodes wohnen.71 Er schien mir ein Beamter dieses Herodes.
Er sagte zu Jesu, er könne dort seine Jünger heimlich zusammenkommen lassen und sein ganzes Vorhaben in Gang bringen. Er solle jetzt gleich mit ihm gehen. Alles dieses setzte er ihm sehr weitläufig auseinander. Jesus sah nicht nach ihm, aber betete heftig, und ich sah den Satan zurückweichen und seine Gestalt greulich werden, und wie Feuer und Dampf aus seiner Nase kommen, worauf er verschwand.72
19. November 1821
In dieser sterbenskranken Nacht war ich vom gestrigen Abend an in Betrachtung bei Jesu in der Höhle und sah sein ganzes Leiden, wie einen Baum vor Jesu Seele aufwachsen. Ich sah alle Teile seines bevorstehenden Leidens durch viele wunderbare Bilder bis zur Kreuzigung unter großen Qualen und Schmerzen. Ich sah bei diesen Vorstellungen das Kreuz wie immer von fünf Holzarten, und mit eingesetzten Armen, unter jedem Arm einen Keil, ein~ Ruheklotz
RA
unter den Füßen. Das Stück des Stammes über dem Haupt, woran der Titel, sah ich einzeln aufgezapft, denn der Stamm war anfangs zu niedrig, um die Schrift über das Haupt zu setzen.~~
Ich sah alles dieses in einem wunderbaren, bedeutenden Bild und sah dabei allerlei Geheimnisse und Verwandlungen in das heilige Sakrament. Ich glaube, daß Jesus auch diese Anschauungen hatte, denn ich sah Engel bei ihm, welche diese Geheimnisse verehrten. Ich wachte unter den schrecklichsten Schmerzen oft unter diesem Bilde auf, war aber immer froh, daß ich wieder von neuem zu diesen Leiden entschlummerte.
20.-27. November 1821
In allen diesen Tagen... sah ich Jesum in der Höhle in seinem Gebet und Fasten und vereinigte Gebet, Abbruch und Überwindung allen Unwillens mit ihm.
28. November 1821
Ich sah heute Engel Jesu in vielen Bildern den Undank der Menschen, den Zweifel, Spott, Hohn, Verrat, Verleugnung der Freunde und Feinde zeigen bis zu seinem Tod und nach demselben, und alles, was von seiner Arbeit und Pein verlorengehe. Er sah alles in Bildern und schwitzte Blut vor Angst. Zum Trost zeigten sie dann alles, was gewonnen werde. Sie zeigten mit den Händen nach den Bildern.
29. November 1821
Heute sah ich Jesum sehr ermattet in Kampf und Trauer durch die Betrachtung des Verlustes und der vergeblichen Rettungsversuche so vieler Menschen.
30. November 1821J
Ich sah Jesum heute in einer Versuchung. Es begann ihn bereits zu hungern und besonders zu dürsten. Ich sah ihn zwar einige Male von Engeln erquickt werden, aber nie essen oder trinken, auch nie außer der Höhle. Er war nicht magerer geworden, aber ganz weiß und bleich.
Ich sah den Satan ihm in der Gestalt eines alten, frommen Einsiedlers nahen und zu ihm sagen: "Es hungert mich so, ich bitte dich, gib mir doch von den Früchten, die da vor der Höhle an dem Berge
stehen, denn ich will keine davon abbrechen, ohne den Besitzer zu fragen (er stellte sich, als halte er Jesum für den Besitzer), und dann lasse uns zusammensitzen und von guten Dingen sprechen." - Es standen aber, nicht am Eingang, sondern an der anderen Seite gegen Morgen der Höhle in einiger Entfernung Feigen und eine Art Frucht wie Nüsse, doch mit weichen Schalen, wie sie die Mispeln haben, auch Beeren. Jesus sagte: "Weiche von mir, du bist der Lügner von Anfang, und lasse keinen Schaden auf den Früchten zurück! " Da sah ich den Einsiedler in einer kleinen dunklen Gestalt im Bogen über den Berg hinwegeilen und einen schwarzen Dampf von sich speien. Ich wußte nicht, daß er Schaden auf Früchten zurücklassen kann, ich meinte sonst nur, er lasse Gestank zurück.
30. November 1821J
... In einem Bilde von Andreas' Leben . .. sah sie:
Andreas war heute bei einem Bruder oder Halbbruder gewesen, den er außer Petrus hatte, und der ein Jünger geworden. Er war ein Zeltteppichmacher bei Tiberias... Andreas sprach mit ihm. Er war betrübt und ängstlich, wie schon lange, seit Jesus in der Wüste ist. Er war unruhig um seine Wiederkehr und kämpfte mit Zweifeln. Er sprach heute mit seinem Bruder darüber.
1.-2. Dezember 1821
Am 1. Dezember sei der Satan wieder in Gestalt eines Reisenden bei Jesu gewesen und habe ihn gefragt, ob er nicht von den schönen Weintrauben da in der Nähe essen dürfe, sie seien gut für den Durst. Jesus habe ihm nicht geantwortet, noch ihn angesehen. Am
2. habe er ihn ebenso mit einer Quelle versucht.
~. Dezember 1821
Am Mittag sah ich den Satan zu Jesu in die Höhle kommen. Er kam als Schaukünstler und Weltweiser und sagte, er komme zu ihm als einem Weisen und wolle ihm zeigen, daß er auch etwas vermöge. Er solle einmal hier hineinsehen. Da zeigte er ihm an seiner Hand hängend eine Maschine gleich einer Kugel, doch mehr noch einem Vogelkorb ähnlich. Jesus sah nicht nach ihm, zeigte ihm den Rücken und ging zur Höhle hinaus. Es war dieses das erste Mal, daß ich es sah.
Ich habe gesehen, was in dem Guckkasten zu sehen war. Man
sah da in eine große Herrlichkeit der Natur, in eine liebliche, üppige
Gartenlust voll schattiger Lauben, kühler Quellen, reichbeladener
Fruchtbäume und köstlicher Trauben. Alles war ganz nah wie zum
Greifen und in immer schönerer, lockenderer Abwechslung. Als
Jesus ihm den Rücken drehte, entwich der Satan.
Es war dieses abermals eine Versuchung, das Fasten Jesu zu stören, welcher jetzt schon großen Hunger und Durst zu empfinden beginnt. Der Satan weiß gar nicht, was er aus ihm machen soll, er kennt zwar die Weissagungen von ihm und fühlt auch, daß er Gewalt über ihn übt, er weiß aber nicht, daß er Gott ist. Noch verborgener ist ihm, daß er der in seinem Werk unverletzliche Messias ist, weil er ihn fasten, Anfechtung leiden, hungern, weil er ihn so arm und in vielem so leidend, so ganz menschlich sieht. Der Satan ist hierin teils so blind wie die Pharisäer. Er hält ihn aber für einen heiligen Menschen, den er in jedem Fall versuchen und vielleicht zu Fall bringen könne...
Johannes tauft noch immer und verkündigt den Heiland auf seine gewohnte Art. Es sind vor diesen letzten Tagen wieder Abgesandte von Jerusalem bei ihm gewesen, ihn über Jesum und ihn selbst zu Rede zu stellen. Er antwortete wie immer, er habe ihn früher nicht mit Augen gesehen, er sei aber ges and t, seinen Weg zu bereiten..
~. Dezember 1821
Ich sah Jesum beunruhigt und sehr angefochten. Er litt vor Hunger und Durst. Ich sah ihn mehrmals vor der Höhle. Ich sah gegen Abend den Satan wie einen großen, kräftigen Mann den Berg herauf-gehen und sah, daß er unten zwei Steine aufnahm. Sie waren von der Länge kleiner Brote, aber eckig, und ich sah, daß der Satan ihnen aufsteigend in seinen Händen die volle Gestalt der Brote gab.
Er hatte etwas ungemein Grimmiges, da er zu Jesu in die Höhle trat. Er hatte in jeder Hand eines der Brote und sagte zu ihm etwa soviel wie: "Du hast recht, daß du keine Früchte aßest, sie reizen nur die Eßlust. Wenn du aber Gottes geliebter Sohn bist, über den der Geist bei der Taufe gekommen, siehe, ich habe gemacht, daß sie wie Brote aussehen, nun mache du Brot aus diesen Steinen!" Jesus sah nicht nach dem Satan. Ich hörte ihn nur die Worte sagen:
"Der Mensch lebt nicht von Brot."
Diese Worte habe ich allein deutlich verstanden oder behalten. Im Evangelium stehen noch andere, die ich wahrscheinlich überhörte,
86 87
denn ich sah nun den Satan ganz grimmig werden. Er streckte seine Krallen gegen Jesum aus, wobei ich die beiden Steine auf seinen Armen liegen sah. Er entfloh hierauf, und ich mußte lachen, daß er seine Steine wieder mitnehmen mußte.
~. Dezember 1821
Am 5. Dezember, gegen Abend, sah ich den Satan in der Gestalt eines mächtigen Engels zu Jesu mit großem Gebraus heranschweben. Er war in der Art kriegerischer Bekleidung, wie ich St. Michael erscheinen sehe, aber immer kann man auch durch seinen größten Glanz etwas Finsteres und Grimmiges durchsehen.
Er prahlte gegen Jesum und sagte ihm ungefähr: "Ich will dir zeigen, wer ich bin und was ich vermag und wie mich die Engel auf den Händen tragen. Sieh dort Jerusalem, sieh den Tempel! Ich will dich auf seine höchste Spitze stellen. Da zeige, was du vermagst, und ob die Engel dich heruntertragen!"
Indem er so hinzeigte, war es, als sähe ich Jerusalem und den Tempel dicht vor dem Berge liegen. Ich glaube aber, daß dieses nur eine Vorstellung war.
Jesus gab ihm aber keine Antwort, und der Satan faßte ihn bei den Schultern und trug ihn durch die Luft, aber niedrig schwebend, nach Jerusalem und stellte ihn auf die Spitze eines Turmes, deren vier an den vier Ecken des Tempelumfangs standen, die ich sonst nicht beachtet hatte.
Dieser Turm ist an der Abendseite gegen Sion zu, der Burg Antonia gegenüber. Der Tempelberg ging da sehr steil hinab. Diese Türme waren wie Gefängnisse. In einem derselben wurden die kostbaren Kleider des Hohenpriesters bewacht. Diese Türme waren oben platt, daß man darum herumgehen konnte. Es erhob sich aber noda ein hohler Kegel in der Mitte dieser Fläche, der oben mit einer großen Kugel endete, auf der wohl für zwei Menschen zum Stehen Raum war. Man hatte da den ganzen Tempel unter sich zu über-schauen.
Auf diesen höchsten Punkt des Turmes stellte der Satan Jesum, der nichts sagte. Der Satan aber flog hinab auf den Grund und sagte:
"Wenn du Gottes Sohn bist, so zeige deine Macht und lasse dich auch herab, denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln Befehl geben, daß sie dich auf den Händen tragen, daß du an keinen Stein stoßest." Da sprach Jesus: "Es steht auch geschrieben: Du sollst Gott deinen Herrn nicht in Versuchung führen!"
88
Da kam der Satan ganz ergrimmt wieder zu ihm, und Jesus sagte:
"Brauche deine Gewalt, die dir gegeben ist!"
Da faßte ihn der Satan wieder sehr grimmig an den Schultern und flog mit ihm über der Wüste hin gegen Jericho zu. Auf dem Turm sah ich gegen Abend Dämmerlicht am Himmel. Er schien mir dieses Mal langsamer zu fliegen. Ich sah ihn in Zorn und Grimm mit Jesu bald hoch, bald niedrig und schwankend schweben, wie einer, der seine Wut auslassen will und des Gegenstandes nicht mächtig wird. Er trug Jesum auf denselben Berg, sieben Stunden von Jerusalem, auf welchen er die Fasten begonnen hatte...
Ich habe gesehen, daß er ihn dicht über dem großen alten Therebintenbaum wegtrug, von dem ich die neulich erkannte Reliquie in meiner Nähe hatte. Dieser Baum steht groß und mächtig in dem ehemaligen Garten eines Esseners, die vor Zeiten hier gewohnt. Auch Elias hielt sich hier auf. ~er Baum stand hinter der Höhle, nicht weit von dem schroffen Abhang. Solche Bäume werden dreimal im Jahr angezapft und geben jedesmal einen etwas geringeren Balsam von sich. -Der Satan stellte den Herrn auf der höchsten Spitze des Berges
auf einer überhängenden, unzugänglichen Klippe hin. Es ist dieser viel höher als die Höhle. Es war Nacht, aber indem der Satan um sich her zeigte, war es hell, und man sah die wunderbarsten Gegenden nach allen Richtungen der Welt.
Der Teufel sagte ungefähr zu Jesu: "Ich weiß, du bist ein großer Lehrer und willst jetzt Schüler berufen und deine Lehre ausbreiten. Sieh, hier alle diese herrlichen Länder, diese mächtigen Völker, und sieh hier das kleine Judäa dagegen! Dorthin gehe, ich will dir alle diese Länder übergeben, wenn du niederkniest und mich anbetest."
Mit diesem Anbeten meinte der Teufel eine Erniedrigung, welche damals oft unter den Juden und besonders den Pharisäern vor hohen Personen und Königen üblich war, wenn sie etwas von ihnen erlangen wollten. Der Teufel hatte hier eine ähnliche, nur erweiterte Versuchung vor wie damals, als er in Gestalt des Beamten eines Herodes aus Jerusalem zu ihm kam und ihn nach Jerusalem in das Schloß forderte, ihn dort zu unterstützen in seiner Sache.
Wie der Satan so umherzeigte, sah man große Länder und Meere, dann ihre Städte, dann ihre Könige in Pracht und Triumph und mit vielen Kriegsvölkern und Aufzügen umgeben einherziehen. Man sah dieses alles ganz deutlich, als sei man nahe dabei, und noch deutlicher. Man war wirklich überall darin, und jedes Bild, jedes
89
Volk war verschieden in Glanz und Pracht, Sitten und Gebräuchen. Der Satan strich auch die einzelnen Vorzüge der einzelnen Völker heraus und zeigte besonders nach einem Land, wo sehr große und prächtige Leute, schier wie Riesen, waren, ich meine, es war Persien, und riet ihm, vor allem dahin lehren zu gehen. Palästina aber zeigte er ihm ganz klein und unbedeutend. Es war dieses ein ganz wunderbares Bild. Man sah so viel und so klar, und alles war so glänzend und prächtig.
Jesus sprach nichts als die Worte: ~Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen. Weiche von mir, Satan! " Da sah ich den Satan in einer unbeschreiblich greulichen Gestalt sich von dem Felsen wegheben und in die Tiefe niederstürzen und verschwinden, als verschlinge ihn die Erde
Gleich hierauf sah ich eine Schar von Engeln sich Jesu nahen und vor ihm beugen, und sie trugen ihn, ich weiß nicht auf welche Weise, wie auf den Händen sanft mit ihm an den Felsen niederschwebend in die Höhle, in welcher Jesus die vierzigtägigen Fasten begonnen. Es waren aber dieses zwölf Engel und andere dienende Scharen, welche auch eine bestimmte Zahl hatten. Ich weiß nicht mehr gewiß ob 72, aber ich bin doch geneigt es zu glauben, denn ich hatte während dem ganzen Bild eine Erinnerung an Apostel und Jünger. -Es ward nun in der Höhle wie ein Dank- und Siegesfest und ein Mahl gefeiert. Ich sah die Höhle von den Engeln inwendig mit einer Weinlaube überziehen. Sie war oben offen, und es schwebte eine Siegeskrone von Laub über Jesu. Alles dieses geschah in wunderbarer Ordnung und Feierlichkeit und war sinnbildlich und leuchtend und bald vollendet. Denn das in einer Intention Hingepflanzte oder Gebrachte folgte der Intention ganz lebendig nach und breitete sich nach seiner Bestimmung aus.
Die Engel brachten auch eine anfangs kleine Tafel heran, mit himmlischen Speisen besetzt, welche sich schnell wachsend vergrößerte. Die Speisen und Gefäße waren solche, wie ich sie immer an Himmelstafeln sehe, und ich sah Jesum und die zwölf Engel und auch die anderen ihrer teilhaftig werden, denn es war kein Essen durch den Mund und doch ein Zusichnehmen und Übergehen der Fruchtgestalten in die Genießenden und ein Erquicken und Teilhaffigwerden derselben, indem die Speisen verschwanden. Es war, als wenn die innere Bedeutung der Speisen nun in den Genießenden überginge. Man kann das nicht sagen. -Am Ende der Tafel standen allein ein leuchtender, großer Kelch
und kleine Becher um ihn her in der Gestalt, wie bei Einsetzung des Abendmahls, nur geistiger und größer, und auch ein Teller mit solchen dünnen Brotscheiben. Ich sah, daß Jesus aus dem großen Kelch in die Becher eingoß und Bissen des Brotes in dieselben tauchte und daß die Engel dieselben erhielten und wegbrachten.
In dieser Handlung ging dieses Bild vorüber, und Jesus verließ die Höhle gegen den Jordan hinabgehend.
Die Engel, welche Jesu dienten, erschienen in verschiedener Form und Ordnung. Die, welche zuletzt mit Wein und Brot verschwanden, waren in priesterlicher Kleidung ...
Ich sah aber in demselben Augenblick allerlei wunderbaren Trost über die jetzigen und späteren Freunde Jesu kommen. Ich sah Jesum der Heiligen Jungfrau in Kana selbst erscheinen, im Gesicht, und sie erquicken. Ich sah Lazarus und Martha gerührt und von Liebe zu Jesu erfüllt. Ich sah die stille Maria von einem Engel mit der Gabe vom Tische des Herrn wirklich gespeist. Ich sah den Engel bei ihr und sie es ganz kindlich empfangen. Sie hatte alle Leiden und Versuchungen Jesu immer mitgesehen und lebte ganz in diesem Sehen und wunderte sich nicht. Auch Magdalena sah ich wunderbar bewegt. Sie war mit Schmuck zu einem Fest beschäftigt, als sie eine plötzliche Angst über ihr Leben und eine innere Begierde nach Rettung überfielen, so daß sie ihren Schmuck an die Erde warf und von ihrer Umgebung verlacht wurde. Viele nachmalige Apostel sah ich auch erquickt und voll Liebe und Sehnsucht. Ich sah Nathanael in seiner Wohnung an alles denken, was er von Jesu gehört, und sehr von ihm gerührt, aber wie er es sich wieder aus dem Sinne schlug. Ich sah Petrus, Andreas und alle anderen gestärkt und gerührt. Es war dieses ein sehr wunderbares Bild, wovon ich mich nur des Wenigen mehr entsinne.
5.-6. Januar 1821 1 Tagebud' Bd. III, Heft 1 I Viertelseiten 66-77
Ich hatte ein Kirchenfestbild, kann aber nicht mehr sagen, wie es ineinander zusammenhing und wie wunderbar es mir erklärt ward.74 Ich sah in dem Festbild eingeflochten die Hochzeit zu Kana in Galiläa, das ganze Bild wie sonst, auch mit dem Brautzug und der Trauung in der Schule. Ich hatte auch, daß der Bräutigam ein Sohn von Annas Schwester Sobe Tochter sei, und ich meine, sein Name ist Nathanael.75 Er war schlank und lieblich und hatte etwas von Johannes in seinem Wesen. Der Braut Namen habe ich auch gewußt.
90
91
Es ist ein bekannter jüdischer Name. Sie stammt auch aus Bethiehem. Ich sah auch, daß die Eheleute rein blieben, und daß der Bräutigam gleich als Jünger folgte, die Braut aber sich mit anderen Frauen zusammentat, und daß sie ihr Vermögen für die Armen und zum Dienste der Apostel und Jünger verwendeten.
23.-24. Februar 1821 1 Tagebud: Bd. III, Heft 2 / Viertelseiten 183-187
Ich hatte vieles von Nathanael und Bartholomäus 76, was ich vergessen. Ich weiß noch, daß es drei Nathanael gab. Einer war ein Tochtersohn von Annas Schwester Sobe aus der Gegend von Beihlehem. Er war der Bräutigam zu Kana in Galiläa. Ein anderer, auch Jünger, war, glaube ich, aus Sychar. Der Nathanael aber, welcher mit Philippus zu Jesu gegangen, war aus Kana. Ich hatte heute nacht ein Bild, wie Jesus früher schon vor seinem Lehramt einmal den Nathanael, der ihn gar nicht gekannt, gesehen und einen Blick auf ihn geworfen und ihn auserwählt wegen seiner Frömmigkeit.
Ich sah auch, daß Philippus Freund mit ihm war, und sah ihn sitzen in einem hohen Haus mit vielen Schriften und allen Leuten raten. Ich hatte auch das Wort, er sei ein Sekretär. Ich sah auch Philippus in diesem Hause bei ihm und von Jesu sprechen, er solle ihn sehen, und wie Nathanael ganz ruhig gesagt, das werde nichts sein. Dann sah ich ihn von Philippus zu Jesu bringen, und wie der ihm entgegensprach. Ich habe den Namen auch gehabt, welchen er nachher unter den Jüngern bei seiner Taufe erhielt, habe ihn aber vergessen. Er war ein gelehrter, redlicher, frommer und feiner Mann.
Bartholomäus war aus einer Stadt oder einem Flecken gegen Morgen vom Galiläischen See etwas abgelegen. Ich habe den Ort gesehen. Es war in der Mitte auf einem freien Platz ein etwas größeres Haus, wo seine Eltern wohnten. Sein Vater hieß Tholom oder Tholam oder Tholem, was ich nicht genau weiß. Er wurde Bartholem genannt, und ich hatte, daß Jesus hinten an den Namen eine Silbe gefügt, als er ihn aufgenommen, welche bezeichne, er solle nun sein Bartholem sein, der Sohn seines Tholem. Das Angehängte heiße soviel wie ~mein".
Bartholomäus habe einen anderen Beschneidungsnamen gehabt. Sie habe ihn vergessen. Er sei von feinen Sitten gewesen. Seine Eltern hätten große Landwirtschaft gehabt. Er habe aber auch eine gelehrte Beschäftigung gehabt, mit Ratgeben, und sei überall hingekommen. Philip pus habe Freundschaft mit ihm gehabt.
02
Von Matthias, dessen Fest heute war, erinnert sie sich weiter nichts als, er sei von Bethiehem gewesen und zwei Grad ferner mit Anna verwandt als Joses Barsabas, der ein Sohn Maria Kleophä Tochter, ein Urenkel Annas war. Joses sei bei der Wahl sehr jung gewesen, Matthias auch nicht alt. Sie habe die Wahl gesehen, und es seien hundertzwanzig beisammen gewesen, die Zwölfe nur im Saal, die anderen in den nach dem Saal zu geöffneten Neben gängen. Sie hätten alle einstimmig die zwei Namen von Gott in den Sinn erhalten. Sie habe einen Blick gehabt, wie Matthias einmal in dem Land zwischen der Wohnung Mensors und Theokenos oben gewesen. Sie meint Armenien. Sie meint auch, er sei nach dem Tod Jakobs des Kleineren mit einem langen Eisen auf den Kopf erschlagen worden.
Maria Salome: Sie habe auch von dieser etwas gesehen. Sie sei von Bethlehem gewesen. Ihr Vater habe Salom geheißen. Sie glaube, er sei ein Bruder Annas gewesen. Sie habe Zebedäus in Bethsaida geheiratet.
1. - (5.) Januar 1822 (= 4.-8. Thebet) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 4 / Viertel-seiten 8-38 *77
Dienstag, der erste Januar, der 4. Thebet, war der zweite Tag der Anwesenheit Jesu in Kana. Es waren wohl über einhundert Gäste hier, auch Maria Markus und Johannes Markus und Veronika, die älter als Maria schien. Aber Susanna von Jerusalem war nicht hier. Sie machte auch nachher selten Reisen mit. Sie war vornehm lebend und in einer gewissen Zurückgezogenheit ihres Ursprungs halber.
Jakobs und Johannis Eltern waren hier. Petri und Andreas Eltern nicht, aber der Halbbruder Jonathan und die sogenannten drei Witwen und ihre Söhne usw., wie überhaupt alle Verwandten von Anna, meistens Nichten und Enkel, Maria Kleophä mit ihren Kindern und Annas jüngste Töchter, die Halbschwestern der Heiligen Jungfrau, Joseph von Arimathiä Vettern, Obed, Veronikas 7 Sohn, und die vier Johannisjünger und Jesu Jugendgespielen Kleophas, Jakob, Judas, Japhet, Veronikas Enkel Sebadjas von Nazareth usw., und mehrere andere Johannisjünger.
Der Vater der Braut heißt Israel. Ich habe den Namen immer nicht sagen wollen, weil ich meinte, so gäbe es keinen. Er stammt von Ruth aus Bethlehem. Die Mutter der Braut ist etwas lahm. Sie hinkt auf einer Seite und wird geführt.
Kana ist kleiner als Kapernaum, und Kapernaum ist zwar lebhafter, doch nicht so groß wie Nazareth, welches zerstörte Stellen hat. Kana liegt an der Abendseite eines Hügels und ist ein an-genehmer, reinlicher Ort, doch ist nur unter Israel und ein paar anderen der Wohlstand geteilt. Die übrigen scheinen meist in der Arbeit dieser zu leben. Es ist eine Synagoge mit drei Priestern dort.
Die Hochzeit wird in einem öffentlichen Fesihaus in der Nähe der Synagoge gehalten. Es sind von diesem Hause bis vor die Synagoge Lauben und grüne Bögen gespannt, mit Kränzen und Früchten behängt. Vor dem Festhaus ist ein Vorhof mit Lauben. Der Festort stößt daran. Es ist der leere Vorraum des Hauses bis zur Feuerstelle, welche in einer hohen gestuften Mauer besteht, an der jedoch nicht gekocht wird, sondern die wie ein Altar mit Gefäßen, Geschenken und Blumen und Tafelgefäßen geschmückt ist. Diese Feuerstelle hat ungefähr noch ein Dritteil des Raumes hinter sich, wo bei dem Mahl die Frauen allein saßen. Oben sah man die Balken des Hauses. Sie waren verziert mit Kränzen, und man konnte hinaufsteigen, die an ihnen befindlichen Lampen anzustecken.
Jesus ist wie der Herr des Festes. Er leitet alle Vergnügungen und würzt sie mit Lehre. Er sagte, sie sollten an diesen Tagen alle nach Brauch und Sitten sich ergötzen und auch aus allem in der Freude Weisheit ziehen. Er teilte auch die Festordnung ein und sagte unter anderem, daß sie täglich zweimal hinausgehen wollten, im Freien sich zu ergötzen.
Ich sah dann die Hochzeitsgäste, die Männer und Frauen getrennt, an einem grünen Lustort im Freien unter Bäumen, wo auch Wasser in der Nähe war (ich meine, es war ein Lustgarten bei einem Bade), sich mit Unterredung und Spielen unterhalten. Ich sah die Männer in einem Kreis an der Erde liegen. In ihrer Mitte lagen allerlei Früchte, welche sie nach gewissen Regeln sich zuwarfen und zu-trieben, daß sie in gewisse Gruben im Kreis fallen sollten, welches wieder andere zu verhindern suchten. Ich sah Jesum dieses Spiel mit Früchten mitspielen, mit einem freundlichen Ernst, und er sagte oft mit Lächeln ein weises Wort, das alle bewunderten oder still gerührt aufuahmen, oder einzelne nicht verstanden und sich von Klügeren erklären ließen. Er hatte die inneren Spielkreise und die Gewinnste geordnet und verteilte sie mit schönen und oft ganz wunderbaren Bemerkungen.
Jüngere Anwesende liefen und sprangen über Laubgehänge und Früchte. Die Frauen saßen alle allein und spielten auch mit Früchten. Die Braut saß immer zwischen Maria und des Bräutigams Tante.
Am Abend des 1. Januar, beim Anfang des 4. Thebet, lehrte Jesus in der Synagoge, wo alle versammelt waren, von der Freude erlaubter Ergötzlichkeit, ihrer Bedeutung, ihrem Maß, ihrem Ernst, ihrer Weisheit, dann auch von der Ehe, von Mann und Weib und von der Enthaltung und Keuschheit und von der geistlichen Ehe.
Am Schluß der Lehren trat das Brautpaar allein vor Jesum, und er belehrte sie einzeln.
Es begann hierauf die Hochzeit mit einem Mahl und einem Tanz. Es wurde nach der Musik der Kinder getanzt, welche dazwischen Chöre sangen. Alle Tanzenden hatten Tücher in der Hand, mit welchen einander Männer und Jungfrauen berührten, wenn sie in Reihen oder geschlossenen Kreisen tanzten. Ohne diese Tücher berührten sie einander nie. Bei Braut und Bräutigam waren diese Tücher schwarz, bei den anderen gelb. Der Bräutigam und die Braut tanzten zuerst allein, und dann tanzten alle zusammen. Die Jungfrauen waren verschleiert, doch war der Schleier über dem Gesicht etwas gelüftet. Ihre Kleider waren hinten lang und waren mit Schnüren ein wenig geschürzt. Der Tanz war kein Hüpfen und Springen wie bei uns, mehr ein Wandel in allerlei Linien, und dabei bewegten sie sich oft auch mit Händen, Kopf und Leib nach der Musik. Es erinnerte mich an das Bewegen der pharisäischen Juden beim Gebet, aber es war durchaus anmutig und ehrbar. Von den nachmaligen Aposteln tanzte keiner mit, aber Nathanael (Cased), Obed, Jonathan und andere Jünger tanzten. Die Tänzerinnen waren nur Jungfrauen, und alles war ungemein ordentlich und ruhig-freudig.
Am 2. Januar ( 4. Thebet Der tag geht von abend bis abend) morgens, ungefähr um 9 Uhr, war die Trauung. Die Braut wurde von den Brautjungfern... geputzt. Ihre Kleidung war auf die Art wie das Kleid der Mutter Gottes bei ihrer Hochzeit, ebenso auch ihre Krone, nur war diese reicher verziert. Das Netz ihrer Haare war aber nicht fein in einzelnen Linien verbunden, sondern mehr in dicken Strängen. Als ihre Kleidung fertig war, wurden sie der Heiligen Jungfrau und den anderen Frauen gezeigt.
Von der Synagoge aus wurden Braut und Bräutigam nach dem Festhaus abgeholt und von da nach der Synagoge gebracht. Es waren sechs Knaben und sechs kleine Mägdlein, die Kränze trugen, bei dem Zug, dann sechs erwachsene Knaben und Mädchen mit Pfeifen und anderen Instrumenten, die ich sonst schon beschrieben habe.
95
Sie hatten an den Schultern krauses gestreiftes Zeug wie Flügel. Außerdem begleiteten die Braut zwölf Jungfrauen als Braut-führerinnen und den Bräutigam zwölf junge Männer. Bei diesen waren Obed, Veronikas Sohn, Arimathiä Vettern und Nathanael Cased, auch einige Johannisjünger, aber keiner der nachmaligen Apostel. Die Trauung geschah vor der Synagoge durch die Priester. Die Ringe, die sie wechselten, hatte der Bräutigam von Maria zum Geschenk erhalten, und Jesus hatte sie bei seiner Mutter gesegnet.
Merkwürdig war mir bei der Trauung, was ich bei der Trauung Josephs und Mariä nicht beobachtet: der Priester verwundete den Bräutigam und die Braut mit einem spitzen Instrument an der Stelle des linken Ringfingers, wo der Ring hin zu stecken kam. Er ließ von dem Bräutigam zwei, von der Braut einen Tropfen Blut in einen Becher Wein tröpfeln, welchen sie gemeinschaftlich austranken und den Becher weggaben. Es wurden dann noch manche andere Sachen, Tücher und Kleidungsstücke, an dabeistehende Arme verschenkt. Als die Brautleute nach dem Festhaus zurückgebracht waren, empfing sie Jesus daselbst.
Vor dem Hochzeitsmahl sah ich alle wieder in dem Lustgarten versammelt. Die Frauen und Jungfrauen saßen in einer Laubhütte79 auf Decken und spielten ein Spiel um Früchte. Sie hatten abwechselnd ein dreieckiges Täfelchen auf dem Schoß, das am Rand mit Buchstaben beschrieben war. Sie drehten einen Zeiger auf der Tafel. Nachdem dieser stehenblieb, hatten sie gewisse Gewinnste.
Für die Männer sah ich aber ein wundervolles Spiel durch Jesum selbst in einem Lusthaus zubereitet. In der Mitte des Lusthauses war eine runde Tafel mit ebensoviel Portionen von verschiedenen Blumen und Kräutern und Früchten am Rande besetzt, als Mitspielende da waren. Diese Früchte hatte Jesus vorher ganz allein nach allerlei tiefsinnigen Bedeutungen geordnet. Über dieser Tafel lag eine andere, bewegliche runde Scheibe mit einem Loch. Wenn diese Scheibe umgedreht wurde, kam das Loch über eine der Frucht-portionen zu stehen, und diese gewann nun der Drehende als sein Los. In der Mitte der Tafel stand eine Weinrebe voll Trauben über einem Bund Weizenähren hervorragend, der sie umgab, und je länger der Tisch gedreht wurde, je höher stiegen der Weinstock und Weizenbusch empor.
Die nachmaligen Apostel und auch Lazarus spielten nicht mit. Ich erhielt auch darüber die Weisung: Wer schon den Beruf habe zu lehren oder etwas mehr als die anderen wisse, der müsse nicht mitspielen, sondern die Ereignisse des Spiels beobachten und mit lehrreichen Anwendungen würzen und so das Ernste in der Heiterkeit hervorheben.
Es war aber in diesem von Jesu geordneten Spiel etwas ganz Wunderbares und mehr als Zufälliges, denn das Los, das jedem Spielenden zufiel, war ganz bedeutend auf seine Eigenschaften, Fehler und Tugenden, und Jesus legte einem jeden sein Los wunderbar nach der Zusammenstellung der Früchte aus. Jedes Los ward zu einer Parabel über den Gewinnenden, und ich fühlte, daß sie wirklich innerlich etwas mit diesen Früchten erhielten.
So sehr sie nun alle einzeln tief gerührt und erweckt wurden durch die Worte Jesu und vielleicht auch durch den Genuß der Früchte, indem deren Bedeutung nun wirkend in sie überging, so war doch, was Jesus über jedes Los sagte, für alle anderen, die es nicht betraf, ganz unverfänglich, sondern nur ein erheiterndes und bedeutungsvolles Wort. Ein jeder einzelne fühlte aber einen tiefen Blick des Herrn in sein Inneres. Es war derselbe Fall wie bei Jesu Rede zu Nathanael (Cased) vom Gesehenhaben unter dem Feigenbaum, was ihn so tief traf und den anderen verborgen blieb. Ich erinnere mich noch, es war auch Reseda unter den Kräutern, auch daß Jesus bei dem Los Cased Nathanaels zu demselben sagte: "Siehst du nun wohl, daß ich recht gesagt, du seist ein wahrer Israelit ohne Falsch!"
Ein Los sah ich aber ganz wunderbar wirkend, nämlich der Bräutigam Nathanael gewann eine wunderbare Frucht, zwei an einem Stiel mit getrennten Geschlechtern, so wie der Hanf. Die eine Frucht glich mehr einer Feige, die andere mehr einem gekerbten Apfel; auch hatte sie oben keinen Butzen. Sie war hohl. Es war nichts darin. Es ist mir schwer, das zu erklären. Sie war wie ein Nabel. Es war wohl ein Samenhäuschen darin, zwei übereinander, ich meine, in einem vier, im anderen drei Kerne. Oben wuchsen feine weiße Fäden aus diesem hervor. Sie warenj rötlich, inwendig weiß und rot gestreift. Ich habe s&che im Paradies gesehen. *80
Ich weiß nur, daß alles sehr erstaunte, als der Bräutigam diese Frucht gewann, und daß Jesus von der Ehe und Keuschheit sprach und von hundertfältiger Frucht der Keuschheit, und daß dieses alles doch so gesprochen war, daß es die jüdischen Vorstellungen von der Ehe nicht verletzte, daß es aber einige Männer, z. B. Jakobus minor, die Essener waren, noch tiefer verstanden.
Ich sah, daß die Anwesenden über dieses Los sich noch mehr verwunderten als über die anderen, und daß Jesus ungefähr sagte, es könnten diese Lose, diese Früchte wohl noch größere Wunder tun als ihre Bedeutung wunderbar schiene.
Ich sah aber, als der Bräutigam dieses Los für sich und die Braut zog, etwas ganz Wunderbares geschehen, was ich mich schier zu erzählen scheue.
Ich sah, als der Bräutigam dieses Los empfing, ihn innerlich bewegt und bleich werden, und daß wie eine dunkle menschliche Gestalt, wie ein Schatten von den Füßen nach oben von ihm ausging und verschwand, und daß er hernach viel heller, reiner und wie durchsichtig im Vergleich mit vorher erschien. Es schien dieses doch niemand zu sehen als ich, denn alle blieben ruhig wie vorher, und es entstand keine Bewegung. In demselben Augenblick aber sah ich die Braut, welche entfernt unter den Frauen spielend saß, auch wie in Ohnmacht sinken. Es löste sich eine dunkle, mir ungemein widerwärtige Schattenfigur von ihr ab, welche von den Füßen auf in oder vor ihr aufzusteigen und über ihrer Brust vor oder aus ihrem Munde zu entweichen schien. Es war, als wenn sich auch allerlei Kleider und Schmuck von ihr streiften.
Ich weiß nicht, wie ich dazukam, aber ich war außerordentlich ängstlich beschäftigt, diesen mir so ekelhaften, finsteren Schatten und den abgestreiften Putz schnell beiseitezuschaffen, und ich hatte eine Sorge dabei, als wollte ich es als etwas die Braut Beschämendes vor den anderen Anwesenden verhermhchen. Es wollte nicht gleich weichen, ward aber immer kleiner, und ich schob es mit dem Schmuck in eine alte Lade, welche in der Nähe stand. Als ich es hineindrückte, schien en nur noch der Kopf und die Schultern davon da.
Die Braut war nachher ganz bleich, aber durch und durch hell und rein und erschien in ihrer Kleidung ganz einfach.
Bei dieser meiner Einmischung in das Bild sah ich auch die Heilige Jungfrau mitwirkend. Sie war auch bemüht, jene dunkle Gestalt zu vertreiben.
Es waren mit einzelnen Losen gewisse Genugtuungen verbunden. So erinnere ich mich, daß Braut und Bräutigam etwas Gewisses, was ich vergessen, aus der Synagoge holen und gewisse Gebete beten sollten.
Das Kraut, das Nathanael Cased gelost hatte, war ein Büschchen Ampfer. Die Frucht des Bräutigams habe ich wohl sonst oft gesehen; wie ich davon spieche, sehe ich gleich auch die Blüte und menge dann beides im Sprechen durcheinander. -
Die wunderbare Wirkung dieser Frucht zeigte sich, als der Bräutigam der Braut einen Teil der Frucht hingeschickt und sie beide davon gegessen hatten.
Auch bei allen den anderen Jüngern, welche Lose gewonnen und davon gegessen hatten, erwachten ihre eigenturnlichen Leidenschaften, widerstrebten inwendig und wichen von ihnen, oder sie wurden im Kampfe gegen dieselben gestärkt.
Es ist ein gewisses übernatürliches Geheimnis in allen Früchten und Kräutern, was seit dem Falle des Menschen und der Natur mit ihm ein natürliches Geheimnis geworden, von dessen Erüherem Inhalt nur noch ein Begriff in der Bedeutung, der Gestalt, dem Geschmack und der Wirkung dieser Geschöpfe übrig ist. In Träumen und auf himmlischen Tafeln erscheinen diese Früchte nach ihrer Bedeutung vor dem Fall, doch auch nicht immer ganz klar. Es ist nun alles zu verwirrt durch unseren Verstand und gewöhnlichen Lebensgebrauch derselben.
Die Frucht, welche das Brautpaar genossen, bezog sich auf die Keuschheit, und die Gestalt, die von ihnen wich, war die fleischliche, unreine Begierde. Ich weiß nicht, ob diese Gestalt, die ich sah, ein anderer in ähnlichem sehenden Zustand auch ebenso gesehen hätte. Ich weiß nicht, ob es das wirkliche Ausgehen eines sinnlichen Geistes aus der Braut besonders war oder nur ein Bild für mich, damit ich einsehe, was mit ihr vorgehe. *81
Als die Braut ohnmächtig wurde, nahm man ihr mehrere beschwerliche Putzkleidungsstiicke ab und mehrere Ringe von den Fingern, deren sie viele hatte. U. a. zog man ihr eine goldene Trichterspitze von... dem Mittelfinger, die wie ein Fingerhut darauf saß, und sonst auch Ketten und Spangen von Arm und Brust, um sie zu erleichtern. Sie behielt nichts an sich von Schmuck als den Trauring am linken Ringfinger, welchen ihr die Heilige Jungfrau geschenkt hatte, und am Hals ein Gehänge von dieser Gestalt Skizze, von Gold, schier wie ein gespannter Bogen gestaltet. In der großen Fläche war eine braune Masse wie die am Trauring Mariä und Josephs eingelegt, und darauf eine liegende Figur abgebildet, welche wie eine Blumenknospe vor sich hielt und betrachtete.. *82
Nach dem Spiele im Garten folgte das Hochzeitsmahl. Der Raum des Festhauses vor der geschmückten Feuerstelle war durch zwei niedere Schirmwände, so daß die zu Tisch liegenden Gäste einander sehen konnten, in drei Räume geteilt, in deren jedem eine schmale lange Tafel stand.
98 99
Jesus saß im mittelsten Raum oben an der Tafel, mit den Füßen gegen die geschmückte Feuerstelle zu An diesem Tische saßen Israel, der Brautvater, die männlichen Verwandten Jesu und der Braut und auch Lazarus.
An den Seitentafeln saßen die anderen Hochzeitsgäste und Jünger. Die Frauen saßen in dem Raum hinter der Feuerstelle, konnten aber alle Worte des Herrn hören. Der Bräutigam diente zu Tisch. Es waren jedoch auch ein Speisemeister mit einer Schürze da und einige Diener. Bei den Frauen dientenJ die Braut und einige Mägde.
Als die Speisen aufgetragen waren, wurde auch ein gebratenes Lamm vor Jesum gesetzt. Es hatte die Füße kreuzweis gebunden. Als nun der Bräutigam Jesu ein Kästchen brachte, worin die Zerlegemesser lagen, sagte Jesus zu ihm allein, er solle sich jener Kinder-mahlzeit nach seinem zwölften Osterfest erinnern, da Jesus eine Parabel von einer Hochzeit erzählt und ihm gesagt habe, er werde auf seine Hochzeit kommen. Dieses werde mit dem heutigen Tage erfüllt. Der Bräutigam wurde dadurch sehr ernsthaft, denn er hatte auf jenes Ereignis ganz vergessen.
Jesus war bei dem Mahle wie während der ganzen Hochzeit sehr heiter und zugleich lehrreich. Er begleitete jede Handlung des Mahles mit einer Auslegung ihrer geistlichen Bedeutung. Er sprach auch von der Fröhlichkeit und festlichen Aufheiterung. Er erwähnte, der Bogen müsse nicht immer gespannt sein, ein Feld müsse durch Regen erquickt werden. Er sagte Parabeln darüber.
Jesus zerlegte nachher das Lamm, und dabei erzählte er besonders wunderbare Dinge. Er sprach dabei vom Trennen des Lammes von der Herde, vom Auserwähltwerden, nicht zur eigenen Lust und Fortpflanzung, sondern um zu sterben, dann vom Braten und Ablegen der Hoheit durch das Feuer der Reinigung, dann vom Zerlegen der einzelnen Glieder. So müßten die, welche dem Lamme folgen wollten, sich auch trennen von den innigst fleischlich Verwandten, und als er die einzelnen Stücke herumreichte und sie das Lamm nun aßen, sagte er, also von den Seinigen getrennt und zerteilt werde das Lamm nun in ihnen allen eine sie gemeinsam verbindende Nahrung. So auch müsse, wer dem Lamme folge, seiner Weide entsagen, seinen Leidenschaften absterben, von den Gliedern seiner Familie sich trennen und eine Nahrung und Speise der Vereinigung werden durch das Lamm und in seinem himmlischen Vater, usw. Ich kann das alles nicht mehr so recht sagen.83
Es hatte jeder, ich weiß nicht, ob einen Teller oder Brotkuchen vor sich.
100
Jesus legte auf eine dunkelbraune Platte mit gelbem Rande vor, die herumgereicht wurde. Ich sah ihn manchmal ein Büschchen Kraut in der Hand halten und darüber lehren.
Jesus hatte den zweiten Gang des Hochzeitsmahles zu bestreiten übernommen, und es war für alles durch Mariä Mutter und Martha gesorgt. Er hatte ihr auch gesagt, er werde für den Wein dabei sorgen. Als nun der zweite Gang aus Vögeln, Fischen, Honigbereitungen und Früchten und einer Art Backwerk, welche Seraphia (Veronika) mitgebracht, auf dem Seitentisch aufgetragen war, trat Jesus hinzu und schnitt jedes Gericht an. Dann legte er sich wieder zu Tisch. Die Gerichte wurden aufgetragen, und der Wein fehlte. Jesus aber lehrte.
Der Heiligen Jungfrau lag dieser Teil des Mahles besonders zu besorgen ob, und da sie sah, daß der Wein mangle, so ging sie zu esu und erinnerte ihn besorgt, weil er ihr gesagt, er werde für den Wein sorgen; Da sagte Jesus, der von seinem himmlischen Vater gelehrt hatte, zu ihr 84 "Weib, bekümmere dich nicht (mach dir und mir keine Sorge), meine Stunde ist noch nicht gekommen!"
Es war dieses keine Härte gegen die Heilige Jungfrau. Er sprach zu ihr "Weib" und nicht "Mutter", weil er in diesem Augenblick in seinem Messiasamte als ein Sohn Gottes eine geheimnisvolle Handlung vor seinen Jüngern und allen Verwandten ausüben wollte und in göttlicher Kraft anwesend war. 85
Maria sagte nun also den Dienern, sie sollten die Befehle Jesu erwarten und erfüllen, und nach einiger Zeit befahl Jesus den Dienern, die leeren Krüge vor ihn zu bringen und umzukehren. Sie brachten die Krüge heran - es waren drei Wasser- und drei Weinkrüge - und zeigten, daß sie leer waren, indem sie dieselben über einem Becken umstülpten.
Jesus befahl ihnen, sie allesamt mit Wasser zu füllen, und sie trugen sie fort nach dem Brunnen, der sich in einem Kellergewölbe befand und aus einem steinernen Wasserkasten und einer Pumpe bestand. Die Krüge waren groß und schwer von Erde, und an einem vollen hatten zwei Mann an den beiden Henkeln des Kruges zu tragen. Sie hatten mehrere mit Zapfen geschlossene Röhren von oben nach unten, und wenn das Getränk bis zu einer gewissen Höhe geleert war, wurde der niederere Zapfen geöffnet und dieser Ausguß gebraucht. Die Krüge wurden beim Ausgießen nicht geholen, sondern nur auf ihren hohen Füßen etwas gesenkt. Skizze
Die Mahnung Mariä geschah leise, die Antwort Jesu laut, ebenso der Befehl, Wasser zu schöpfen. Als die Krüge gefüllt mit Wasser alle sechs zu dem Speise- oder Schanktisch gestellt waren, ging Jesus dahin und segnete die Krüge, und als er wieder zu Tische lag, sagte er ihnen: "Schenket ein und bringt dem Speisemeister einen Trunk!"
Da nun dieser den Wein versuchte, ging er zu dem Bräutigam und sagte, sonst gebe man den guten Wein zuerst, und wenn die Gäste berauscht seien, dann gebe man gewöhnlich schlechteren. Er habe aber den köstlichen Wein zuletzt gegeben. Er wußte nicht, daß dieser Wein von Jesu zu besorgen übernommen war, wie dieser ganze Teil des Mahles, was allein nur der heiligen Familie und der Hochzeitsfamilie bekannt war. Da tranken auch der Bräutigam und der Brautvater mit großem Erstaunen, und die Diener beteuerten, daß sie Wasser geschöpft und die Trinkgefäße und die Becher auf den Tafeln gefüllt hätten. Es tranken nun alle.
Es war aber kein Lärm über das Wunder. Es war eine Stille und Ehrfurcht in der ganzen Gesellschaft, und Jesus lehrte viel über dieses Wunder. Er sagte u. a., die Welt gebe den starken Wein zuerst und betrüge die Berauschten mit schlechtem Getränk, so aber nicht das Reich, welches sein himmlischer Vater ihm gegeben. Das reine Wasser werde da zu köstlichem Wein, wie die Lauigkeit zum Geiste und starkem Eifer werden müsse.
Er sprach auch von der Mahlzeit, welche er in seinem zwölften Jahr nach der Rückkehr von der Lehre im Tempel mit mehreren der hier Anwesenden als Knaben gefeiert, und wie er damals von Brot und Wein gesprochen und eine Parabel von einer Hochzeit erzählt habe, wo das Wasser der Lauigkeit werde in den Wein der Begeisterung verwandelt werden, und dieses nun vollbracht sei. Dann sprach er auch noch, sie würden größeres Wunder erleben. Mehrere Ostern werde er halten, und an den letzten Ostern werde Wein in Blut, und Brot in Fleisch verwandelt werden, und er werde bei ihnen bleiben und sie trösten und stärken bis ans Ende. Sie würden auch nach jenem Mahle Dinge an ihm geschehen sehen, welche sie jetzt nicht verstehen könnten, so er sie ihnen sagte.
Er sagte dieses alles nicht so plan hin, sondern es war in Parabeln gehüllt, welche ich vergessen habe. Es war aber dieses der Sinn davon. Und sie hörten alle mit Scheu und Verwunderung. Alle aber waren wie verwandelt durch diesen Wein, und ich sah, daß sie nicht durch das Wunder allein, sondern auch mit dem Wein selbst, wie früher durch die Früchte, innerlich eine weseniliche Stärkung und Veränderung empfangen hatten, und alle seine Jünger, seine Verwandten und alle Festgenossen waren nun überzeugt von seiner Macht und Würde und seiner Sendung. Sie glaubten alle an ihn, und in allen war dieser Glaube gleich verbreitet, und sie waren alle besser und einig und innig geworden, die von dem Wein getrunken hatten. So auch war er hier zum ersten Mal in seiner Gemeinde, und es war das erste Zeichen, welches er in derselben und für dieselbe zu seiner Bestätigung in ihrem Glauben getan. Darum auch wird es als erstes Wunder in seiner Geschichte erzählt, wie das Abendmahl als das letzte, wo sie bereits glaubten.
Am Schlusse des Mahles kam der Bräutigam noch zu Jesu allein und sprach mit ihm sehr demütig und erklärte ihm, wie er aller fleischlichen Begierde sich abgestorben fühle und gern mit seiner Braut in Enthaltung leben mö chJ te, so sie es ihm gestatte, und auch die Braut kam zu Jesu allein und sagte dasselbe, und Jesus rief sie beide zusammen und sprach mit ihnen von der Ehe und der gott-gefälligen Reinheit und hundertfältigen Früchten des Geistes. Er sprach von vielen Propheten und heiligen Leuten, welche keusch gelebt und dem himmlischen Vater ihr Fleisch geopfert, und wie sie viele verlorene Menschen, die sie zum Guten zurückgeführt, gleich geistlichen Kindern gewonnen hätten, und wie ihre Nachkommenschaft groß und heilig sei. Er sprach alles dieses im Sinne von Zerstreuen und von Sammeln, und sie taten ein Gelübde der Enthaltung, als Bruder und Schwester zu leben auf drei Jahre. Sie knieten auch vor Jesu, und er segnete sie.
Am 3. Januar (= 5.-6. Thebet, Donnerstag) sagte sie, da ihre schwere Krankheit begann, nichts als:
Jesus hatte im Fesihaus gelehrt. Man ist nicht mehr ins Freie gegangen. Mehrere Jünger des Johannes und auch Lazarus und Martha seien abgereist. Ich habe sie im Stehen gesehen, wobei alle auf-geschürzt waren. Lazarus ist beim ganzen Fest als ein besonders vornehmer Mann mit Auszeichnung von dem Brautvater behandelt worden, der sich persönlich viel um seine Bedienung bemühte. Er ist sehr fein gesittet, ernst und mit freundlicher Zurückhaltung in seinem Betragen. Er ist rahig, redet wenig und achtet ganz innig auf Jesum.
Am Abend dieses Tages, womit der 6. Thebet und vierte Tag der Hochzeit begann, hatte man Braut und Bräutigam in ihr Haus eingeführt mit einem feierlichen Zuge. Es ward ein Leuchter dabei getragen mit brennenden Lichtern, welche einen Buchstaben darstellten.
102 103
Kinder gingen vor dem Zug und trugen vor dem Zug auf Bahnen Stoffes eine offene und eine geschlossene Blumenkrone und zerpflückten dieselben vor dem Hause der Brautleute und streuten sie umher. Jesus war in dem Hause und segnete sie. Die Priester waren zugegen. Sie sind seit dem Wunder Jesu bei dem Mahle ganz demütig und ließen ihn alles verrichten.86
Am 4 Januar (= 6.-7. Thebet): Es seien die meisten übrigen Gäste, auch Maria und die anderen heiligen Frauen abgereist. Nathanael Cased, die Söhne Kleophü, die Brüder Jesu und andere Jünger waren noch da. Am Abend des 4. Januar, dem Sabbath, dem Beginn des 7. Thebet, habe Jesus in der Synagoge gelehrt. Er habe auch von diesem Fest gelehrt und von dem Gehorsam und der frommen Gesinnung dieses Brautpaares usw.
Am 5. Januar (= 7.-8. Thebet):
Heute war ein jüdischer Fasttag, aber weil Sabbath war, wurde er auf den folgenden Tag, den 9. Thebet, verlegt. Der 10. war auch ein Fasttag, und also zwei hintereinander. An diesem Sabbath lehrte Jesus zweimal in der Synagoge zu Kana, und als er herausging, ward er von Leuten, die sich vor ihm niederwarfen, um Hilfe für Kranke angerufen.
Er tat hier zwei wunderbare Heilungen. Ein Mann war von einem Turme herabgesturzt. Er war tot und hatte alle Glieder zerschmettert. Jesus trat zu ihm, legte ihm die Glieder in Ordnung, berührte die Brüche und befahl ihm aufzustehen und nach Haus zu gehen, welches er tat, nachdem er gedankt hatte. Er hatte Frau und Kinder.
Er ward auch zu einem Besessenen geführt, der an einen Stein gefesselt war, und er befreite ihn. Er heilte auch Wassersüchtige und eine blutilüssige Frau, die eine Sünderin war. Es waren sieben, die er heilte. Die Leute hatten nicht kommen dürfen während des Festes, und da es verlautete, er würde nach dem Sabbath wegziehen, ließen sie sich nicht mehr halten. Die Priester ließen ihn nach dem Wunder auf der Hochzeit auch alles tun, und diese Wunder geschahen in ihrer Gegenwart allein. Die Jünger waren nicht dabei.
Als der Sabbath vollendet war, ging Jesus noch in der Nacht mit seinen Jüngern nach Kapernaum. Der Bräutigam und sein Vater und mehrere andere begleiteten ihn noch ein Stück Wegs. Die Armen hatten sehr viel bei dem Hochzeitsmahl erhalten, denn nichts kam zum zweiten Male auf den Tisch. Alles wurde gleich ausgeteilt.
Morgen und übermorgen sind Fasttage, und ich sah schon vor Sabbath auf diese Fasttage voraus gekocht. Alles Feuer wurde zugesetzt und überflüssig, Fenster geschlossen. Die Wohlhabenden haben Stellen am Herd, wo unter heißer Asche alles warm bleibt.
13. April 1822 / Tagebuch Bd. v, Heft 7 / Viertelseiten 57-58
Jesus hielt den Sabbath bei Lazarus in Bethanien, wohin er gestern nach dem Lärm, den seine Heilung im Tempel verursacht, sich zurückgezogen. Nach dem Sabbath aber suchten die Pharisäer Jesum im Hause der Maria Markus in Jerusalem, um ihn einzuziehen. Sie fanden ihn aber nicht, sondern seine Mutter und andere heilige Frauen, und geboten diesen als seinen Anhängerinnen mit harten Worten, die Stadt zu verlassen. Da wurden die Mutter Jesu und die anderen heiligen Frauen sehr betrübt und eilten weinend nach Bethanien zu Martha.
Ich sah Maria laut weinend in die Stube kommen, wo Martha bei ihrer kranken Schwester, der stillen Maria, war. Maria ward ohnmächtig vor Betrübnis, und die stille Maria, welche wieder ganz im äußeren Leben war und alles, was sie sonst im Geiste gesehen hatte, wirklich werden sah, konnte ihre Betrübnis nicht mehr ertragen und starb in der Gegenwart Mariä, Maria Kleophä, Marthas und der anderen. Sie wurde nachher in ein neues Grab nicht weit vom Hause des Lazarus gelegt, welches ich gesehen. Ihr Begraben sah ich nicht.
Nikodemus kam in dieser Nacht durch Lazan Vermittlung zu Jesu, den er zwar schon oft früher bei Lazarus gesehen und gehört, aber noch nie allein vertraut gesprochen hatte. Er kam trotz der ausgebrochenen Verfolgung zu ihm, und ich sah Jesum die ganze Nacht neben ihm an der Erde liegend lehren.
14. April f1822J 1 Tagebuch Bd. V, Heft 7 / Viertelseiten 58-59
Jesus ging mit Nikodemus vor Tagesanbruch nach Jerusalem in Lazan Haus am Sion. Hier kam auch Joseph von Arimathia zu ihm. Der Herr sprach mit ihnen, und sie demütigten sich vor ihm und erklärten, daß sie wohl erkennten, wie er mehr als ein Mensch sei. Sie gelobten ihm zu dienen treu bis ans Ende. Jesus aber gebot ihnen Zurückhaltung, und sie baten ihn, er möge sie in der Liebe erhalten. Es kamen auch noch an dreißig Jünger, alle, die das Passah mit ihm gegessen. Er gab ihnen mancherlei Lehren und Befehle für die nächste Zukunft. Sie reichten einander die Hände und weinten und trockneten sich die Tränen mit ihren Schleiern, der schmalen Halsbahn, welche sie auch um das Haupt hüllten.
104 105
Lazarus brachte die Mutter Jesu am Morgen in eine der Herbergen vor Bethanien. Die stille Maria sah ich tot liegen und Trauer im Haus.
Die entfernteren Jünger zerstreuten sich bald nach ihrer Heimat und wohin Jesus sie beschieden. Maria kam wieder in Lazari Haus, und die Pharisäer stellten sie in dem Haus und außer demselben, wo sie sie fanden, wie auch die anderen heiligen Frauen zur Rede und drohten ihr sogar mit Landesverweisung.
Sie zogen hierauf zuerst nach Nazareth und dann nach Kapernaum in ihre Wohnung zurück...
Jesus war noch einige Tage verborgen in Bethanien und der Gegend. Eine Stunde von Bethanien lag das Örtchen Bahurim, wo David vor Absalom fliehend von Simei mit Steinen beworfen und gelästert ward. Dort hielt Jesus sich öfters auf, wenn er am Tempel verfolgt wurde, auch da sie ihn einmal am Tempel steinigen wollten...
Jesus verließ etwa nach acht Tagen Bethanien und ging durch Samarien bis hinauf zum Galiläischen See und fuhr zum südlichen Ende über, wo er seinen Jüngern nach der Auferstehung erschienen war und Fische mit ihnen aß.
Er ging jenseits südlich nach Sukkoth in die Gegend von Amon, wohin sich Johannes mit seiner Taufe vom mittleren Taufort oberhalb Bethabara zurückgezogen hatte. Er wandelte und lehrte dort mit den Jüngern des Johannes an acht Tage. Mit ihm selbst ist er nicht zusammengekommen. Johannes aber verstand aus dem, was er durch seine Jünger von Jesu Worten vernahm, daß sein Amt des Vorläufers sich zu Ende neige.
Jesus kam von Sukkoth wieder heimlich nach Bethanien und hi~t sich bei Lazarus, und was mich wunderte, bei Simon dem Pharisäer verborgen auf, hatte auch nochmals eine einsame Unterredung mit Nikodemus und sprach dann noch öfter mit ihm und Joseph von Arimathia.
!Mai 1822J/ Tagebuch Bd. v, Heft 7/ Viertelseiten 62-71
Etwa drei Wochen nach Ostern war es, als Jesus von Bethanien zu der Taufstelle ganz bei On ging. Alle Einrichtungen waren durch Aufseher gehütet worden. Es hatten sich dort wieder Jünger gesammelt, und es war viel Volk da bei On. -Ich sah Jesum am Abhang sich gegen den Lehrstuhl lehnend sitzen und die im Kreis umher sitzenden und stehenden Menschen
lehren. Es hörten ihm sehr viele Leute, auch Jünger von Johannes und seine Jünger.. . zu. An einzelnen Stellen umher waren erhöhte Gerüste von Holz errichtet, worauf Leute saßen.
Ich sah aber ein Bild in ~er Ferne. Ein König in einer Stadt, nicht sehr weit von Damaskus, war krank. Er hatte einen Ausschlag, aber noch nicht ganz äußerlich. Er war ihm in die Füße getreten, und er hinkte. Dieser König war ein guter Mann, und ich sah, daß ihm Reisende viel von Jesu erzählten, von seinen Wundern und dem Zeugnis des Johannes, und auch wie die Juden gegen ihn auf dem Passah so erbittert gewesen.
Ich sah, daß dieser König eine große Liebe und Begierde zu Jesu gewann, und wünschte, von ihm geheilt zu werden, und daß er einen Brief an ihn schrieb, er möge doch kommen und ihn heilen.
Ich sah auch, daß er einen jungen Mann, der malen konnte, von seinen Hofleuten rief und ihm den Brief an Jesum gab und ihm befahl, wenn Jesus nicht selbst komme, so solle er ihm doch sein Bildnis bringen. Ich sah auch, daß er ihm Geschenke mitgab, und daß der Gesandte auf einem Kamel ritt und noch sechs bei sich hatte, die auf Maultieren ritten.
Ich sah diesen Mann in einiger Entfernung von dem Lehrplatz mit seinem Gefolge anhalten, wo auch andere Leute ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und ich sah, daß er sich vergebens bemühte, zu Jesu zu gelangen, denn er wünschte, wenn er ihn auch jetzt wegen der Lehre nicht sprechen könnte, doch diese Lehre zu hören und zugleich das Angesicht Jesu abzubilden.
Er war wohl schon ein paar Stunden vergebens bald hier bald dort genaht, ohne durch die aufmerksame Volkmenge durch zu können, als Jesus einem in seiner Nähe stehenden Johannisjünger sagte, er solle dem Manne, der dort hinter den Leuten herumwandle und nicht zukommen könne, Platz machen und ihn auf ein nicht weit von ilun stehendes Gerüst führen.
Der Jünger brachte nun den Gesandten auf diesen Sitz und stellte seine Begleiter mit den Geschenken, die in Stoffen und aneinander geringten Goldblättchen und in mehreren Kuppeln sehr feiner Wolllämmer, die sie an Schnüren führten, bestanden, auf, so, daß sie sehen und hören konnten.
Der gute Gesandte, froh, daß er endlich Jesum sah, wollte nun die Zeit nicht versäumen und legte gleich seine Malergerätschaft vor sich auf seine Knie, sah Jesum mit großer Verwunderung und Aufmerksamkeit an und arbeitete. Er hatte ein weißes Täfelchen vor sich wie
io6 107
von Buchsbaum. Da riß er erst wie mit einem Stift den Umriß von Jesu Kopf und Bart ohne Hals hinein, und dann war es, als schmiere er etwas Dickes wie Wachs darauf herum, und dann hatte er wie Formen, die er hineindrückte, worauf er dann wieder mit dem Stift allerlei hineinriß und dann wieder tupfte und abdrückte. So arbeitete er lange fort und konnte nie recht zustandekommen, und sooft er Jesum ansah, war es, als erstaune er über sein Antlitz und müsse wieder frisch arbeiten. Lukas malte nicht ganz auf diese Weise. Er wendete auch Pinsel an. Dieses Bild hier schien mir teils erhaben, so daß man es auch fühlen konnte.
Jesus lehrte noch eine Zeitlang weiter un~ sandte dann den Jünger zu dem Mann und ließ ihm sagen, er möge näherkommen und seine Sendung erfüllen. Da ging der Mann von sein em Sitze herab zu Jesu, und die Diener mit den Geschenken und Lämmern gingen hinter ihm her. Er hatte ohne Mantel kurze Kleider an, schier nach der Weise eines der heiligen drei Könige. An dem linken Arm hatte er sein Gemälde an einem Riemen hängen. Es war herzförmig wie ein Schild, und in der Rechten hatte er das Schreiben des Königs. Es sah dieses in seiner Hand so eingeschlagen aus. (Sie faltete ein Tuch wie diese Figur zeigt Skizze).
Er warf sich vor Jesu auf die Knie und verbeugte sich tief, so auch die Diener. Er sagte: "Dein Knecht ist der Diener Abgars, des Königs von Edessa, der krank ist und dir diesen Brief sendet und dich bittet, diese Gaben von ihm anzunehmen." Da nahten die Knechte mit den Geschenken, und Jesus sagte ihm, es gefalle ihm die gute Meinung seines Herrn, und befahl den Jüngern, die Geschenke zu sich zu nehmen und den ärmsten Leuten hier herum anzuwenden.
Jesus faltete nun den Brief auseinander und las ihn. Ich erinnere mich noch, daß u. a. darin stand, er könne Tote erwecken, und er bitte ihn, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen.
Der Brief war, als sei die Fläche, worauf geschrieben war, Steiferes. Die ganze Umgebung des Briefes war weich wie von Zeug, Leder oder Seide, worin der Brief eingeschlagen wurde. Auch sah ich einen Haken dran hängen.
Als Jesus den Brief gelesen hatte, drehte er die Brieffläche um und schrieb mit einem starken Stift, den er aus dem Busen seines Gewandes zog und aus dem er etwas herausschob, auf die Art wie die Bauern faules Holz aus den Zunderbüchsen herausschieben, auf die andere Seite des Briefes mehrere Worte ziemlich groß und schlug den Brief wieder ein.87
Er ließ sich dann Wasser geben, wusch sich das Angesicht und drückte das weiche Umschlagende des Briefes gegen sein Angesicht und gab es dem Gesandten, der damit auf das Bild drückte, was ihm, glaube ich, Jesus gesagt, und nun war das Bild ganz anders und ganz ähnlich. Der Maler war voll Freude, und ich sah, daß er das Bild an dem Riemen hängend in der Nähe gegen die Zuschauer wendete, sich dann vor Jesu niederwarf und sogleich wieder abreiste.
Einige seiner Diener blieben zurück und folgten Jesu, der nach dieser Lehre über den Jordan an den zweiten Taufort zog, den Johannes verlassen hatte. Die ließen sich dort taufen.
Ich sah auch, daß der Gesandte vor einer Stadt bei etlichen langen Steingebäuden, wie Ziegelbrennereien, übernachtete, und daß am anderen Morgen einige Arbeiter, weil sie ein helles Leuchten wie einen Brand gesehen, ungewöhnlich früh herzukamen, und daß irgend etwas Merkwürdiges mit dem Bild vorgegangen war. Es war ein großer Zusammenlauf. Ich meine, er zeigte es ihnen, und ich sah, daß das Tuch, womit Jesus sich berührt, auch das Bild enthielt, aber es war auch da noch etwas mit dem Bilde geschehen, was mit dem frühen Kommen der Arbeiter zusammenhing, was ich aber leider vergessen habe.
Ich sah auch, daß der Gesandte ankam und der König ihm eine Strecke durch seine Gärten entgegenkam und durch den Brief und das Bild unbeschreiblich gerührt war. Er besserte auch gleich sein Leben und schaffte die vielen Frauen ab, mit denen er sich versündigt hatte.
Ich habe früher einmal gesehen, wie nach dem Tode des Sohnes dieses Königs bei einem bösen Nachfolger das Gesichtsbild Jesu, welches öffentlich ausgestellt war, von einem frommen Bischof nebst einer brennenden Lampe durch einen vorgestellten Ziegel lange vermauert und nach langer Zeit wieder entdeckt wurd~, da das Bild sich auch in den vorgestellten Stein abgebildet hatte. Ich erinnere mich des noch unbestimmt.
Es fällt mir hier auch eine Statue ein, welche die geheilte blut-flüssige Frau aus Dankbarkeit Jesu in Cäsarea aufrichten ließ. Sie war von Erz und stellte vor, wie sie seinen Saum berührte und er sich gegen sie wendete. Dieses Bild stand auf einem niedrigen Fuß, von einem kleinen Gärtchen umgeben, und wenn die Kräuter des Gärtchens an den Saum des Gewandes Jesu im Bild gerührt hatten, so wurden sie von blutilüssigen Frauen gebrochen und hatten die Kraft, sie von ihrem Leiden zu heilen. Die Tafel, worauf das Bild
io8 109
für Abgar gemalt wurde, war herzförmig. Der Brief des Abgar war wie ein auf ein... gefärbtes seidenes Tuch aufgeheftetes Pergament. Die Faltung ging so vonstatten LSkizzen.
JMaiJ 1822 / Tagebuch Bd. V, Heft 7 / Viertelseiten 73-77
Etwa drei Wochen nach dem Osterfest zog Jesus von On, wo er bis jetzt gelehrt und zur Taufe bereitet hatte, mit den Jüngern hinüber oberhalb Bethabara, Gilgal gegenüber, an den mittleren Taufort, den Johannes verlassen und Jesu Taufjünger schon vorbereitend eingenommen hatten. Er ließ hier durch Andreas, Saturnin, Petrus und Jakobus taufen, eine große Menge, wohl vierzehn Tage. Es zogen viele Johannisjünger sich zu ihm, und er hatte mehr Täuflinge als Johannes.
Jesus redete höher von der Taufe, und seine Milde, der Strenge und Rauheit Johannis gegenüber, gewann ihm größeren Ruhm und größere Liebe im öffentlichen Ruf, als jener hatte. Es entstand dadurch allerlei Disputieren zwischen Johannisjüngern und Juden, die von Jesu Jüngern getauft waren, über die Verschiedenheit der Reinigung in beiden Taufen. Die Johannisjünger aber waren eifersüchtig über Jesu größeren Erfolg, und daß so viele Zuhörer Johannis zu ihm kamen, und brachten Klage darüber vor Johannes. Der gab ihnen die Antwort, die im Evangelium steht (Joh. III, 22-36)...
Dieser Streit über die Verschiedenheit der Reinigung in beiden Taufen, das bedeutende Zeugnis für Jesum in Johannis Antwort und der große Zulauf bei Jesu Taufstelle erregten ein neues Aufsehen bei den Pharisäern, und sie legten ein zusammenhängendes Verfolgen, Widersprechen und Unterdrücken gegen ihn und seine Jünger an. Sie 5 and ten Boten mit Briefen an alle Synagogen und Lehr-aufsichten des Landes, man solle ihn ausliefern, wo man ihn fände, man solle seine Jünger ergreifen und über seine Lehre ausfragen und sie zurechtweisen.
Während die Pharisäer mit diesen Anstalten beschäftigt waren, verließ Jesus in der Stille den Taufort, und auch die Jünger zerstreuten sich nach ihrer Heimat. Jesus aber zog ohne zu verweilen über den Jordan durch Samarien und Galiläa, über Sychar, Libnath und das Land Kabul in die Grenzen von Tyrus.
Um diese Zeit, in der Mitte des Mai, sah ich den Täufer von Herodes gefangennehmen lassensR Er ließ ihn durch Soldaten von Sukkoth unter dem Vorwand einer dringenden Einladung nach
Kallirhoe bringen. Jesus hatte es ihm kurz vorher durch Jünger verkünden lassen.
Herodes hielt ihn in einem Gewölbe seines Schlosses gefangen. Niemand durfte zu ihm. Er verhörte ihn oft. Sein Weib war schuld an dieser Gewalttat. Er selbst hatte eine große Achtung vor ihm and verlangte nur, er solle nicht gegen seine verbrecherische Ehe schmähen. Am Dreifaltigkeitssonntag im Juni sah ich ihn in seinem Gefängnis.
Nachdem Johannes auf diese Weise etwa sechs Wochen gefangen gewesen, gab ihm Herodes wieder die Freiheit.
Auf dieser Reise, als Jesus mit mehreren Jüngern in zerstreuten Scharen durch Samaria nach dem Felde Esdrelon wandelte, sah ich Bartholomäus von der Taufe Johannis nach seiner Heimat Dabbeseth zurückwandelnd auf dem Wege mit den Jüngern zusammentreffen, welche von den Taten Jesu sprachen. Andreas besonders sprach ihm mit großer Begeisterung von dem Herrn. Barcholomäus hörte alles mit Freude und Ehrfurcht an, und Andreas, welcher sehr gern unterrichtete Männer zu Jüngern vorschlug, nahte sich Jesu und sprach ihm von Bartholomäus, daß dieser ihm wohl gern nachfolgen werde. Da nun indessen Bartholomäus an Jesu vorüberging, zeigte Andreas denselben Jesu. Der Herr aber blickte ihn an und sprach zu Andreas:
" Ich kenne ihn, er wird folgen, ich sehe Gutes in ihm und werde ihn seiner Zeit berufen."
Bartholomäus lebte in Dabbeseth nicht weit von Ptolomais und war ein Schreiber. Ich sah auch, daß er hierauf mit Thomas zusammenkam, diesem von Jesu sprach und ihn demselben geneigt machte...
Auf dieser eilenden Reise gen Tyrus89 gingen besonders in Galiläa abwechselnd Jünger und Verwandte mit ihm, die hie und da mit ihm zusammenstießen und ihn streckenweise begleiteten und teils wieder verließen. Er ermahnte sie zur Beharrlichkeit in bevorstehender Bedrängnis, unterrichtete sie über ihr Verhalten..., gab ihnen auch verschiedene Aufträge an die Seinigen und andere Jünger.
Er litt aber auf dieser Reise großen Mangel. Ich sah verschiedene Male, wie Saturnin oder andere begleitende Jünger Brot in einem Korb herbeitrug en, und wie Jesus die harten Rinden in Wasser erweichte, um sie essen zu können...
Während Jesus in den Grenzen von Sidon und Tyrus lehrte und heilte, wobei immer ab- und zugehend einige weniger bekannte Jünger waren, traten die Anstalten der Pharisäer in Ausübung. Man
110 III
zog die Jünger nach ihren Gegenden in Jerusalem, und die galilänchen in Senabris vor großen Versammlungen in Synagogen und Schulen zur Rechenschaft über Jesum und seine Lehren und Absichten und ihr Treiben mit ihm, und die Pharisäer tribulierten sie auf alle Art. Petrus, Andreas und Johannes habe ich auch einmal mit gebundenen Händen gesehen. Sie zerissen aber ihre Bande mit leichter Bewegung, wie durch ein Wunder, und wurden, wie alle in Senabris, in der Stille entlassen und begaben sich wieder nach Bethsaida und Kapernaum an ihr Gewerbe.
Juni 1822 / Tagebuch Bd. V, Heft 7 1 Viertelseite 77
Als diese Händel vorüber waren, kam Jesus aus den Grenzen von Sidon und Tyrus wieder in der Stille nach Kapernaum ins Haus seiner Mutter und tröstete sie. Hier kamen seine Jünger mit ihm zusammen und erzählten ihre Bedrängnisse. Er beruhigte sie, empfahl ihnen Ausdauer und verhieß ihnen, sie zu berufen und auszusenden.~""~ ~
Jesus ging von hier nördlich einige Stunden in zwei Städte an einen schilfigen kleinen See. Ich weiß nicht genau zu bestimmen, warum ich meine, es sei eine fremde Gegend zwischen sie und Galiläa eingeschoben.91
10.-il. Juli 1822 (= i6. Thammuz) / Tagebuch Band V, Heft 8 I Viertel-seiten 7~83
... Jesus lehrte von der Buße, von der Reinigung und Abwaschung durch das Wasser, auch von Moses, von den zerbrochenen Gesetzestafeln, vom Goldenen Kalb, von Donner und Blitz auf Sinai.
Ich meine auch, daß morgen, 11. Juli (17. Thammuz), Fasttag wegen der zerbrochenen Gesetzestafeln sein wird, denn heute morgen schon versetzten die Leute hier das Feuer und kochten nicht mehr.
Als Jesus mit seiner Lehre ganz fertig war und bereits mehrere Leute, auch der Oberste, nach der Stadt zurückgegangen waren, trat ein alter, großer, wohlgebildeter Jude mit einem langen Bart ganz kühn vor Jesum an den Lehrstuhl und sagte: "Nun will ich auch mit dir sprechen. Du hast dreiundzwanzig Wahrheiten vorgebracht, es gibt deren aber vierundzwanzig." Und nun zählte er eine Reihe Wahrheiten hintereinander her und begann zu disputieren.
Jesus aber sagte ihm: "Ich habe dich um deiner eigenen Bekehrung wegen hier geduldet und hätte dich sonst vor allem Volke hinweggewiesen, denn du bist ohne Einladung hierhergekommen. Du sagst, es gäbe vierundzwanzig Wahrheiten, und ich hätte nur dreiundzwanzig gelehrt. Du setzt mir aber schon drei zu, denn es gibt nur zwanzig, die ich gelehrt." Und zählte Jesus zwanzig Wahrheiten nach dem Buchstaben des hebräischen Alphabets her, wonach jener auch hergezählt hatte, und lehrte hierauf über die Sünde und Strafe derjenigen, welche der Wahrheit etwas hinzusetzen. Der alte Jude wollte aber auf keine Art sein Unrecht erkennen, und es waren Leute da, die ihm beistimmten und ihn mit Schadenfreude anhörten. Jesus aber sagte zu ihm: "Du hast einen schönen Garten, bringe mir die erlesensten, edelsten der Früchte. Sie sollen verderben zum Zeichen deines Unrechts. Du hast einen geraden, gesunden Körper. Du sollst verkrümmen, so du Unrecht hast, auf daß du sehest, wie das Edelste verdirbt und mißgestaltet wird, so man der Wahrheit etwas hinzusetzt. So du aber ein einziges Zeichen zu tun vermagst, sollen deine vierundzwanzig Wahrheiten wahr sein."
Da eilte der Jude mit einigen Gehilfen in seinen nicht entfernten Garten. Er hatte darin alles, was nur selten und kostbar war an Früchten und Gewürz und Blumen, auch in Gittern allerlei ausgesuchte seltene Tiere und Vögel, und in der Mitte war ein zierliches Wasserbecken mit seltenen Fischen zu seiner Lust. Schnell sammelte er mit seinen Freunden die edelsten Früchte, gelbe Äpfel und jetzt schon Trauben in ein paar kleine Körbe, kleinere Früchte aber in einer wie von durcheinandergeflossenen bunten Glasfäden geschliffenen Schale. Außerdem nahm er auch in Gitterkörben verschiedene Vögel und seltene Tiere von der Größe eines Hasen und einer Katze mit sich.
Jesus hatte unterdessen noch von der Hartnäckigkeit gelehrt, und von der Zerstörung, welche durch das Zusetzen zu der Wahrheit erfolge.
Als nun der Jude mit seinen Begleitern alle seine Raritäten in den Körben und Käfigen um den Lehrstuhl Jesu niedergesetzt hatte, gab es ein großes Aufsehen in der Versammlung. Da er aber stolzierend hartnäckig auf seiner früheren Behauptung blieb, erfüllten sich die Worte Jesu an allem, was er gebracht hatte.
Die Früchte begannen sich innerlich zu bewegen, und es brachen von allen Seiten häßliche Würmer und Tiere aus ihnen hervor, welche sie zerfraßen, so daß bald von einem Apfel nichts mehr
112 113
übrigblieb als ein Stückchen Schale, auf dem Kopf eines Wurmes hin- und herschwankend. Die mitgebrachten Tiere aber sanken tot in sich zusammen und wurden wie rohes, faules Fleisch, so ekelhaft, daß die Versammlung, welche sich neugierig herangedrängt, entsetzt zu schreien und sich abzuwenden begann, um so mehr als der Jude zu gleicher Zeit ganz gelb und bleich ward und sich nach der einen Seite krumm zusammenzog.
Das Volk begann bei diesem Wunder ein ungeheures Geschrei und Getöse, und der alte Jude wehklagte, bekannte sein Unrecht und flehte zu Jesu um Erbarmen. Es war ein solcher Tumult, daß der Oberste aus der Stadt, welcher schon wieder iurückgegangen war, gerufen werden mußte, um die Ruhe herzustellen, da der Jude sein Unrecht bekannte und eingestand, daß er zur Wahrheit etwas hinzugefügt habe.
Er hatte auch in Gitterkörben verschiedene Vögel und seltene Tiere von der Größe eines Hasen und einer kleinen Katze lebendig mitgebracht und vor dem Lehrstuhl an die Erde niedergesetzt. Diese sanken aber zusammen und wurden wie Stücke rohes Fleisch. Auf die heffige Buße des Mannes und auf sein Flehen zu allen Anwesenden, sie sollten doch für ihn bitten, daß er wieder geheilt werde, segnete Jesus die Dinge, die er gebracht, und ihn, und alles kehrte alsbald wieder in seinen vorigen Zustand, die Früchte, die Tiere und der Mann, welcher sich mit Tränen dankend vor Jesu niederwarf.
Dieser Mann hat sich so bekehrt, daß er einer der treuesten Anhänger Jesu ward und noch viele andere zur Bekehrung brachte. Er teilte aus Buße einen großen Teil seiner schönen Gartenfrüchte an die Armen aus.
Dieses Wunder machte einen großen Eindruck auf alle Zuhörer, welche alle, um zu essen, ab- und zugegangen. Solch ein Wunder war hier wohl nötig, denn diese Leute waren, wenn sie auch von ihren Irrtümern überzeugt wurden, doch sehr hartnäckig, wie dieses meistens bei Leuten gemischter Abkunft der Fall ist, denn sie stammten von Samaritern, die in gemischte Ehen mit Heiden getreten und von Samaria vertrieben worden waren. Sie fasteten nicht wegen der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem, sondern wegen der Vertreibung aus Samaria. Sie gestanden zwar ein und klagten, daß sie in Irrtum gefallen, wollten aber doch nicht davon ablassen.
Sie hatten aber Jesum besonders gut aufgenommen, weil nach einer alten Offenbarung, die noch... den Heiden vorgekommen,
viele Zeichen eingetroffen waren, in deren Zeit ihnen Gnade von Gott widerfahren sollte. Jene Offenbarung war an dem Orte geschehen, den sie den Gnadenort nannten, wo jetzt der Badegarten war.
Ich weiß nur noch, daß diese Heiden damals in großer Bedrängnis an diesem Ort beteten, mit zum Himmel emporgestreckten Händen, und daß ihnen verkündet wurde, wenn sich neue Quellen in den See ergießen würden und eine neue Quelle sich hier in den Brunnen ergießen, und wenn die Stadt sich nach dieser Seite bis zu dem Brunnen hinziehen würde, dann sollten sie die Gnade erhalten. Nun waren aber in dieser Zeit schier alle diese Zeichen erfüllt. Es ergossen sich damals, ich meine, fünf Wasser in den See oder in diesen und den Jordan in der Nähe, auch war ein Zeichen mit einem Arm des Jordans erfüllt, und es war auch neues gutes Wasser in den Brunnen am Gnadenort geflossen.
An diesem Ort wird Jesus taufen, und es können sich alle diese Wasserprophezeiungen auf den Taufbrunnen beziehen. Sie hatten auch hier schlechtes Wasser.
Die Stadt hatte sich ganz nach dieser Seite hingezogen. An der
Nordseite lag sie tief und schwarz und voll Sumpfnebel, und es
wohnte da nur heidnisches Gesindel in kleinen Hütten. Nach der
Südostseite aber waren viele neue Häuser und Gärten und neue
Bauanlagen bis zum Gnadenort.
Der Gnadenort lag tief, und es war eben umher. Durch eine Ufer-veränderung und einen entstandenen Berg hatte sich ein Arm vom Jordan westlich bis an diesen Garten gewendet und vereinte sich dann mit dem kleinen Fluß und kehrte mit diesem in sein Bett zurück. Es war dieses eine ziemliche Strecke. "Wenn das Jordan-wasser hier flösse", war eines jener Zeichen. Die Leute hatten hier keine Abgötterei, selbst die Heiden nur heimlich in Kellern. Sie waren samaritische Juden, hatten aber durch die Absonderung noch allerlei sektische Sachen zugesetzt.
20. JJuli 1822i Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 127-129
Ich sah gestern abend den Sabbath feierlich halten und Jesum in der Synagoge lehren, und heute den ganzen Tag ähnlich, und die Jünger mit Jesu ruhen und beten.
Es ist übrigens zu Adama auch eine Partei gegen Jesum. Sie haben zwei Pharisäer zu Johannis Lehre gesendet, zu hören, was
114 115
der von ihm vorbringt, und auch nach Bethabara und Kapemaum, und haben dort angezeigt bei ihresgleichen, daß er sich nun bei ihnen herumtreibe und taufe und Jünger mache. Diese Leute sind zurückgekehrt und erzählen, was sie gehört, und verleumden Jesum und murren gegen ihn. Aber sie haben nur eine kleine Partei.
In diesen Tagen, oder gar heute, fragten die Oberen zu Adama bei der Mahlzeit Jesum, was er denn von den Essenern halte. Sie wollten ihn in Versuchung führen, weil sie eine Ähnlichkeit in seiner Gesinnung wollten verspürt haben, und weil Jakob minor, der sein Verwandter und mit ihm war, zu ihnen gehörte. Sie machten ihnen allerlei Beschuldigungen der Absonderung und besonders der Ehelosigkeit.
Jesus antwortete ihnen sehr allgemein, man könne diesen Leuten nichts vorwerfen. So sie den Beruf dazu hätten, seien sie sehr löblich. Jedoch habe jeder einen anderen Beruf, und so ein Krummer wolle grad gehen, werde es ihm nicht gelingen und anstehen.
Als sie ihm einwarfen, daß so wenig Familien durch dieselben entstünden, zählte ihnen Jesus sehr viele Familien von Essenern her und sprach ihnen von deren wohlgeratenen Kindern. Er sprach von guter und böser Fortpflanzung und nahm weder die Ess~er in Schutz noch verwarf er sie, und die Leute verstanden ihn nicht. Sie hatten aber darauf gezielt, daß Jesus Familienglieder unter denselben hatte und Umgang mit ihnen, und daß sie auch besonders enthaltsam lebten.
21. Juli 1822 (= 26. Thammuz) / Tagebuch Bd. V, Heft 8 / Viertelseiten 134-139)
Morgen ist Magdalenenfest. Darum ging ich auf meiner Reise von Johannes zu Magdalena auf Magdalum und mußte erst wieder über den Jordan.
Ich fand Gäste bei ihr. In dem Saal, worin die Spiegel und grünen Bäume sind 12, lagen sie um einen Tisch. Es schien die Mahlzeit zu Ende. Es war... wohl ein Dutzend Männer, Juden und Heiden. Einer schien da zu wohnen und wie der Hausherr oder der Ehemann Magdalenas von den anderen gehalten zu werden. Es war aber nur ein Buhler, der seit einiger Zeit sich hier eingenistet hatte, und mit dem sie lebte. Die anderen waren Gesellen von ihm und durch-ziehende Fremde und Offiziere, deren viele hier lagen. Es waren auch Römer darunter. Im ganzen waren es keine vornehmen Leute, sondern Künstler, Offiziere und Abenteurer, und Magdalena schien etwas heruatergekommen durch ihren Ruf, obschon sie noch sehr schön war. Sie war fremd und ausgezeichnet, aber nicht sehr prächtig gekleidet und trug keinen Schleier.
Es war schier täglich solche Gasterei hier, denn sie war sehr gastfrei und verschwenderisch. Das Haus und die Gärten waren vernachlässigt und schienen zu verfallen, außer den Gemächern, die sie bewohnte.
Magdalena war anfangs auch noch bei der Mahlzeit, und ich hörte einem Gespräch zu von den Männern, welches gerade war, wie man heutzutage über heilige Dinge spricht. Magdalena sprach mit Achtung von Jesu, den sie einmal in Je srael gesehen, und mit einer geheimen Bewegung. Sie erwähnte auch die Veronika, eine vornehme Frau, welche sie vor acht Tagen besucht hatte und zu Maria gereist war, und sprach von deren Achtung und ihrer gänzlichen Ergebenheit an Jesum.
Da zogen aber die Männer auf allerlei Art untereinander los, und gar nicht bedenkend, daß sie selbst eine schlechte Gesellschaft und teils Heiden, teils gesetzbrüchige Juden waren, sagten sie, wie sie nur diesen Menschen und seinen Anhang verteidigen möge! Die Frau, von der sie spreche, müsse auch sehr verblendet sein, sich zu diesen Leuten zu halten. Seine Familie sei verarmtes Gesindel, und er laufe wie ein Tor ohne Schuhe herum. Als sein Vater gestorben, habe er, statt ein ehrliches Handwerk zu ergreifen und seine Mutter zu ernähren, diese im Stich gelassen und ziehe im Land herum und wiegle die Leute auf. Er habe eine schöne Gesellschaft von unwissenden und faulen Fischern in Galiläa gefunden, die auch ihre Familien im Stich ließen und ihm nachzögen, statt zu arbeiten. Man wisse aber jetzt wohl, was an ihm sei. Von Jerusalem sei er wegen seiner falschen Lehren und Störungen am Osterfest verjagt, und seine Mutter habe man auch nach Hause geschickt. Statt aber die Warnung zu benutzen, treibe er sich jetzt in Obergaliläa herum und mache die Leute zu Narren und bringe überall Störung und Unruhe.
Es waren auch Römer in der Gesellschaft, welche sagten, es sei wunderbar, was der Mensch für ein Aufsehen mache; auch in Rom habe er Freunde! Lentulus, ein vornehmer Mann, sei ganz von ihm begeistert und gebe viele Aufträge um Nachricht von ihm, und wenn Schiffe aus Judäa ankämen, so laufe er hin und frage immer um Nachrichten von Jesu und seinem Treiben.
Anfangs sah ich in diesem Gespräda die gute Gesinnung der
ii6 117
1
Magdalena wieder erkalten, und sie schien dem Geschwätze Gehör zu geben. Als es aber endlich gar zu gemein wurde, begab sie sich in eine Nebenstube, wo sie ihren Sitz hatte. Die Gemeinheit und plumpen Sitten dieser frechen Männer empörten ihren Stolz. Sie fühlte, wie sehr sie heruntergekommen. Sie war sonst feineren Umgang gewohnt. Sie fühlte ihre Sklaverei. Sie dachte an die Worte Veronikas, an die Sitten ihrer eigenen Geschwister. Sie fühlte ihr Elend, und da der Mann, mit dem sie vertrauter verbunden schien - es war ein ganz schöner Mann -, ihr folgte, sie zu fragen, was ihr fehle, weinte sie und wollte allein sein. Ihre Kammerfrauen waren bei ihr. Sie hatte zwei. Eine taugte nichts, die andere war gut und berichtete der Familie immer, wie sie es trieb und wie es hier her-ging.
Aus diesem Bild sah ich, wie es damals mit Magdalena stand. Sie war tiefer herabgekommen. Sie war einmal sehr gerührt gewesen von Jesu zu Jesrael, hatte es sich aber wieder aus dem Sinn geschlagen und war noch mehr gesunken. Aber die Erinnerung an vorigen größeren Glanz ihres Sündenlebens öffnete der Rührung wieder den Weg. Sie kämpfte in sich.
Als Veronika bei ihr war, übernachtete sie bei ihr. Diese ehrbare bejahrte Frau kam auf ihren Reisen zu Maria immer zu ihr. Sie war ihrer Familie sehr vertraut und suchte gut auf sie zu wirken.
Diese ankommenden Freunde gingen nie in den Teil des Schlosses, wo Magdalena ihr Wesen trieb. Sie gingen unter dem Eingangs-bogen in den entgegengesetzten Flügel, und Magdalena ging dann oben über den Bogen zu ihnen. Solche Besuche waren ihr von einer Seite widerwärtig, weil sie sich schämte und Ermahnungen erhielt. Von der anderen Seite entsprachen sie ihrem Stolz. Sie glaubte da-durch vor der Welt nicht für so schlecht angesehen zu werden, daß sie nicht ihre geachteten, vornehmen Verwandten besuchen sollten.
22.J-23.J Juli 1822 1 Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 149-156
Ich war bei Johannes. Er ist gefangen. Herodes' Soldaten haben ihn fortgeführt. Ich habe geschrien und bin gelaufen. Ich habe den bestürzten Jüngern sagen wollen, welchen Weg sie mit ihm seien. Sie wußten es nicht und verstanden mich nicht, ja sie rannten hin und her und taten, als wenn sie mich gar nicht sähen. Das ist so beängstigend 93. Ich habe entsetzlich geweint.
Johannes wußte wohl, daß seine Gefangenschaft nahe sei, und er hatte darum so heftig und begeistert geredet in diesen Tagen und gleichsam Abschied genommen. Er hatte Jesum lauter verkündigt als je, er komme nun, er müsse weichen. Zu ihm sollten sie sich wenden. Er lehrte am Montag noch, er werde bald entrissen werden. Sie seien ein rauhes, hartes Volk, sie sollten gedenken, wie er zuerst gekommen. Da habe er die Wege des Herrn bereitet, die Brücken und Stege gebaut, Steine gewälzt, die Taufbrunnen geordnet, die Wässer geleitet. Es sei eine harte, schwere Arbeit gewesen, mit harter Erde, festem Felsen, knorrigem Holz, und dann habe er es mit diesem Volke zu tun gehabt. Das sei auch verhärtet und grob und eigensinnig. Die aber, die er gerührt habe, sollten nun zum Herrn gehen, zum geliebten Sohn des Vaters. Wen er aufnehmen werde, der sei aufgenommen; wen er verwerfen werde, der sei verworfen. Er komme nun und werde lehren und taufen und vollenden, was er vorbereitet.
Er verwies auch an diesem Morgen dem Herodes vor allem Volk heftig seinen Ehebruch, und Herodes, der ihn sonst ehrte und fürchtete, ergrimmte heftig innerlich, ließ sich aber nichts anmerken.
Die Lehre schien übrigens an diesem Tage geschlossen, denn es zogen die Scharen von allen Seiten nach und nach hinweg, auch die Leute aus Arabien, und auch Aretas, der Schwiegervater Herodes', mit ihnen. Herodes hatte ihn nicht zu sehen bekommen. Die Frau des Herodes ist gestern oder vorgestern schon wieder weg.
Die Soldaten wechselten mehrmals. Heute waren neue angekommen. Herodes reiste auch ab. Er versteckte seinen Grimm und nahm ganz freundlich von Johannes Abschied. Er hatte vieles Gepäck, das auf Kamelen vorauszog und nachfolgte. Er fuhr wieder auf dem Wagen.
Johannes fühlte wohl, daß das Ende seiner Freiheit herannahte. Er wußte aber wohl nicht, daß dieses so nahe sei. Er 5 and te mehrere Jünger und Botschaften nach verschiedenen Seiten. Darunter waren die zwei, welche Saturnin im Auftrag Jesu zu ihm gesandt hatte aus Galiläa, als er dorthin gekommen war, die Aposteljünger nach Tyrus zu rufen. Ich meine, es war Simeons Sohn Obed dabei.
Gegen Abend waren noch mehrere Jünger bei ihm zurück-geblieben. In der Nähe waren keine Leute mehr, in einiger Entfernung noch Zelte. Johannes ging in sein Zelt und entließ seine Jünger. Er wollte ruhen und sich im Gebet ... sammeln.
Als es bereits dunkel wurde und die Jünger hinweg waren, sah ich die Soldaten des Herodes, die gestern angekommen waren und
118 119
wovon ein Teil zurückgeblieben war, herannahen. Etwa zwanzig Mann nahten von allen Seiten dem Zelt, nachdem sie bei den Zugängen zu der Gegend Wachen ausgestellt hatten.
Zuerst trat einer herein und sprach mit ihm, und dann immer mehrere. Johannes sagte ihnen, daß er ruhig folgen werde. Er wisse, daß seine Zeit gekommen sei und daß er Jesu Platz machen müsse. Sie brauchten ihn nicht zu fesseln. Er folge ihnen freiwillig, sie sollten ihn ruhig abführen, um keine Störung zu machen. Und so gingen dann zwanzig Mann mit starken Schritten mit ihm von dannen.
Er hatte nichts an als sein rauhes Fell, una seinen Stab in der Hand. Es nahten aber einige Jünger, als man ihn wegführte. Er nahm mit einem Blick Abschied von ihnen und sagte, sie sollten ihn in der Gefangenschaft besuchen.
Jetzt aber entstand ein Zusammenlaufen der Jünger und Leute. Es hieß: "Sie haben Johannes weggeführt!' Es war ein Wehklagen und Jammern. Sie wollten nach, sie wußten aber den Weg nicht, denn die Soldaten hatten sich bald von dem gewöhnlichen Weg abgewendet und zogen eine ganz fremde Bahn nach Süden zu. Es war da große Verwirrung, Jammern und Wehklagen, und ich jammerte mit und schrie ganz laut und wollte ihnen immer sagen, wohin sie gezogen wären. Sie waren aber, als sähen und hörten sie mich nicht.
Die Jünger zerstreuten sich gleich nach allen Seiten und flohen wie bei Jesu Gefangennahme und verbreiteten die Nachricht im ganzen Land. Ich eilte aber zu Jesu und fand ihn mit Saturnin und dem anderen Jünger schon an der Wasserstadt vorüber im Gebirg gen Gath-Hepher zu gehen. Er geht auf einem Umweg nach Kapernaum, wo seine grad hingegangen sind. Ich sah ihn auch nur mit einem Blick wandeln und verlor ihn aus dem Gesicht und fing an zu jammern und zu wehklagen, daß sie ihn verloren
Nachtrag:
Der Ort, wo Johannes taufte, da er gefangen ward, ist wirklich jenes Ainon, das in der Schrift bei Salem liegend angegeben wird. Es hat hier auf den Grundmauern bei dem Lehrort des Täufers das Zeltschloß Melchisedeks gestanden. Ich meine, er wohnte schon hier, als Abraham ins Land kam, und die erste Anlage des Taufbrunnens und Teiches hier ist von ihm. In Jerusalem hatte er auch schon manche Fundamente gelegt.
Melchisedek gehört unter die Chöre der Engel, welche über Länder und Orte gesetzt sind. Es gehören jene Engel in diese Chöre, die zu den Altvätern kamen und ihnen allerlei Botschaft brachten, z. B. zu Abraham. Sie stehen den Engeln Gabriel, Raphael, Michael usw. gegenüber. Ich meine, er hatte auch diesen Brunnen und Teich angelegt.
Der mittlere Taufort liegt zwischen Bethabara und dem Einfluß des zweiarmigen Flüßchens, das von Dibor her in den Jordan fließt. Es war höchstens ein paar Stunden von Bethabara stromaufwärts, dem wasserumflossenen Gilgal gegenüber, etwa eine Viertelstunde vom Jordan in einem Talwinkel...
22. Juli 1822 (= 28. Thammuz) 1 Tagebuel Bd. V, Heft 8 / Viertelseiten 161-163
Ich sah heute morgen den heiligen Johannes von den Soldaten in einen Turm an einem etwas vernachlässigten Schlosse gebracht zu Hesebon. Es waren schöne Teiche und einige Alleen vor dem Schloß. Sie waren die Nacht hindurch mit Johannes gegangen, und gegen Morgen kamen ihnen andere Soldaten von Hesebon entgegen, denn es war laut geworden, daß Johannes gefangen sei, und es liefen hier und da Leute zusammen.
Die Soldaten, welche ihn führten, schienen mir keine gewöhnlichen. Sie schienen eine Art Leibwache des Herodes, denn sie hatten Helme auf und Schuppen und Ringe auf Brust und Schulter gegen Hiebe. Sie hatten lange Spieße.
Ich sah, daß sich hier viele Leute vor dem Gefängnis des Johannes sammelten und daß die Wachen genug zu tun hatten, sie zu vertreiben. Es gingen oben Öffnungen aus dem Gefängnis, und ich sah, wie Johannes in seinem Kerker stand und mit lauter Stimme rief, so daß die draußen es hörten, er habe die Wege bereitet, Felsen gebrochen, harte Bäume gefällt, Quellen geleitet, Brunnen gegraben, Brücken gebaut. Er habe mit widerspenstigen, harten Gegenständen zu tun gehabt. So sei auch dieses Volk, und drum sei er gefangen, auf daß sie sich zu jenem wenden sollten, den er verkündigt, zu jenem, der über die gebahnten Wege herankomme. Wenn der Herr einziehe, treten die Wegbereiter ab. Sie sollten sich alle zu Jesu wenden, er sei nicht würdig, seine Schuhriemen aufzulösen. Jesu~ sei das Licht und die Wahrheit und der Sohn des Vaters usw. -Seine Jünger aber sollten ihn besuchen in seinem Gefängnis, denn
120 121
man werde noch nicht wagen, Hand an ihn zu legen, seine Stunde sei noch nicht gekommen, usw.
Er redete und lehrte dieses so laut und vernehmlich, als stehe er noch auf seiner Redestelle unter dem versammelten Volk. Nach und nach vertrieben die Wachen das Volk. Der Zulauf und die Reden Johannis wiederholten sich am Morgen doch mehrmals.
Am Abend sah ich Johannes von Soldaten begleitet auf einem niederen, schmalen Wagen, worauf eine Art bedeckter Kasten stand, worin noch mehrere bei ihm saßen, weiterbringen. Der Wagen war mit Eseln bespannt.
22. Juli 1822 (- 28. Thammuz) 1 Tagebueb Bd. v, Heft 8 I Vieitelseiten 164-167
Ich war auch heute zu Magdalum bei Magdalena, als ich nach Kapemaum zog. Es war Nachmittag, gegen Abend. Es war ein Tanz und Fest bei Magdalena, ich meine, es war der Geburtstag des Mannes, mit dem sie damals lebte und den ich neulich schon gesehen. Er war ein Jude und Soldat und lag hier in Magdalum in Garnison.
Ich sah einen Tanz von etwa zwanzig bis dreißig Paaren in einem großen prächtigen Saal neben dem Speisesaal. Auch hier in diesem Saal konnten sich die Tanzenden alle in den Spiegelwänden sehen.
Es war an der einen Seite ein breiter, etwas erhöhter Sitz mit Kissen und Vorhängen davor. Hier saß Magdalena oder ging mit einzelnen auf und ab. Ich sah nicht, daß sie mittanzte. Sie kümmerte sich nicht viel um die Gäste, und diese nicht um sie. Es schien mehr die Sache des hier herrschenden Mannes, und die Leute behandelten alles wie ein gewohntes Treiben, wobei nicht viel zu danken ist.
Die Gesellschaft bestand aus leichtfertigem, eitlem Gesindel, Frauen und Mädchen, die nach der Welt und außer dem Gesetz lebten, und Offizieren und Beamten von Magdalum und Abenteurern. Die Musikanten waren fast lauter Kinder, Knaben und Mädchen, mit Kränzen, Flöten und Triangel. Der Tanz war nicht springend oder herumschwankend wie bei uns, sondern ein beständiges künstliches Durcheinanderwandeln mit kleinen schwebenden Schritten und einem steten lieblichen Hin- und Herbewegen der ganzen Gestalt, des Kopfes und der Hände. Das ging alles ganz gemessen und schicklich zu, aber es drückte doch allerlei Leidenschaft und Torheit aus und war ein stetes Prangen und Locken mit dem Leibe.
122
Die Frauen hatten sehr lange Schleppen, waren aber nicht verschleiert wie strengere Jüdinnen bei dem Tanz. Auch waren ihre Hände nicht bedeckt wie bei jenen, aber sie berührten doch die Hände einander nicht anders als durch Tücher, die sie in den Händen trugen. Ich habe überhaupt bei leichtsinnigen Jüdinnen nie vor anderen eine anstößige Vertrautheit mit Männern, auch keinen Kuß gesehen. Bei den Heiden und Römern war das Betragen zwischen den beiden Geschlechtern sehr frech.
Die Tanzenden waren so vornehmes, gemeines Sündenvolk, das nach dem Fleisch lebt und seine Schande und Abscheulichkeit mit schönen Kleidern und zierlichen Manieren bedeckt. Aber sie waren doch viel geringer als der frühere Umgang Magdalenas, der mehr mit geistreichen Gelehrten und Künstlern war, wobei Gedichte und Rätsel gelesen und gemacht wurden. Sie fühlte daher ihre Gesunkenheit sehr und nahm wenig Anteil.
Der Tanz war bei Tag. Ich sah sie nachher in dem anderen Spiegelzimmer an dem prächtig bereiteten Tische liegen. Die Frauen saßen an einer Seite zusammen, die Männer lagen an der anderen Seite, und Magdalena hatte einen Polstersitz zwischen ihnen.
Als sie zu Tisch lagen, kamen noch einige Gäste an und traten mit der Neuigkeit ein, daß Herodes den Johannes gefangengenommen habe. Darüber entstand ein abgeschmacktes, billigendes Geplauder. Da aber Magdalena betrübt darüber erschien und mit ein paar Worten Anteil daran nahm, lachten die Männer sie aus und spotteten über Johannes. Ich sah, daß sie sich sehr daran ärgerte, bald den Tisch verließ und nachdenklich in den Abschlag mit Polstersitzen sich begab, der ihr Gemach am Speisesaal war. Ich verließ sie hierauf.
25. Juli 1822 (=1. Ab) 1 Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 171-172
Heute morgens oder abends in der Dämmerung sah ich Johannes in das Gefängnis zu Machärus94 führen. Machärus liegt ganz wunderbar hoch und steil.
Erst führten sie Johannes einen Bergpfad hinauf, dann wurde er nicht in die Festung durch ein Tor geführt, sondern dajneben war in einem Wall ein sonst mit Rasen belegter Eingang geöffnet. Hier brachten die Soldaten Johannes still herein und führten ihn zuerst etwas niedersteigend an eine große erzene Türe, und durch diese einen langen Gang hin. Er ging unter dem Festungstor hinweg und dann in ein größeres Gewölbe, das unter dem Gebäude lag und
122 123
seine Lichtlöcher von oben aus den Höfen hatte. Es war ganz reinlich, aber keine Art Bequemlichkeit darin.
Ich sah hierauf Herodes in einem Schloß, das der alte Herodes erbaut, und wo er einmal Leute im Teiche zur Belustigung hatte ersäufen lassen. Es hieß Herodium. Er hatte sich hier aus Unmut verborgen. Er ließ niemand vor sich, und da sich viele bei ihm an-melden ließen, um ihm die Gefangenschaft Johannis zu verweisen, sah ich ihn bang und verwirrt in den Zimmern hin- und herlaufen und sich verstecken. Seine Frau war nicht hier.
25. Juli 1822J/ Tagebuch Bd. V, Heft 8/ Viertelseiten 182-184
Ich sah Jakobus von großem Mitleid mit Magdalena bewegt, und daß er eine Zeitlang, noch ehe Martha sie einlud, die Lehre Jesu zu hören, durch welche sie bekehrt wurde, zu ihr ging nach Magdalum, um sie zu diesem Entschluß zu stimmen. Er wollte eigentlich sehen, in welchem Grade sie widerspenstig sei.
Ich sah ihn mehrmals bei ihr. Er machte sich Gelegenheit mit einer Botschaft von Martha. Sie empfing ihn nicht in ihrem Schloß, sondern in einem Nebengebäude. Es war ebener Erde, hatte gepolsterte Sitze umher und ein Gärtchen daran. Sie hatte Wohlgefallen an ihm; er war sehr bedeutend in seinem Aussehen, sprach ernst und weise und konnte auch sehr anmutig sprechen.
Sie erlaubte ihm, sie mehrmals zu besuchen, wenn er in die Gegend komme. Sie behandelte die Besuche etwas versteckt, denn sie war damals nicht ohne Verbindung. Der Mann, mit dem sie lebte, erfuhr nichts von ihren Unterredungen mit Jakobus.
Dieser sprach nicht strafend mit ihr, sondern mit Achtung und Freundlichkeit. Er lobte ihren Geist und forderte sie auf, doch Jesum einmal zu hören. Geistreicheres, Beredsameres könne man nicht hören. Da sei was zu lernen. Sie solle sich gar nicht an der Art und Sitte der anderen Zuhörer Stören, sie solle nur mit dem Schmuck erscheinen, den sie zu tragen gewohnt sei.
Sie nahm seine Aufforderung ganz gut an, sie meinte, es über-legen zu wollen. Sie war ganz geneigt, und doch stellte sie sich nachher noch so spröde an, als Martha sie aufforderte. Sie kannte übrigens Jakobs genauere Verhältnisse nicht. Ich sah ihn einige Mal bei ihr.
1
3o.~31. Juli J1822 (- 6-7. Ab); erzählt 1. August95 1 Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 241-243
Ich habe heute nacht einiges Versäumte gesehen. Drei Nächte war Jesus in Bethanien bei Lazarus, und alle drei Nächte ging er, wenn alle schliefen, stille aus dem Haus gegen Jerusalem zu zum Ölberg an die Stelle, wo er vor der Passion gebetet, und betete ein paar Stunden und rief seinen Vater um Stärke an und kehrte unbemerkt wieder zurück. Er hielt auch da schon viele Angst und Tränen aus.
Ich hörte, er habe dies getan als eine Vorarbeit zur Passion. Er würde damals die ganze Last und Arbeit nicht vollendet haben. Er arbeitete voraus.
Es ward mir auch gesagt, das habe er jedesmal getan, sooft er in Bethanien gewesen, wenn er nur habe eine Stunde erübrigen können.
Ich hatte auch wieder einen Blick, daß Adam über diesem Ölberg aus dem Paradies die Erde zuerst betreten habe, daß er in dieser Höhle geweint habe und daß Kam hier herum pflanzend in diesem Garten ergrimmt sei und sich entschlossen habe, Abel zu ermorden.
Ich hatte auch, daß die heiligen Frauen die Unkosten der Verpflegung nach Anteil übernahmen 96, weil Jesus auf den letzten Reisen nebst den Jüngern oft so unaussprechlichen Mangel gelitten, besonders in den ersten Reisen, als er vom mittleren Taufort nach den Grenzen von Tyrus eilte, und ich sah, wie Saturnin und der andere Jünger Brot in Körben nachschleppten und der Heiland die harten Rinden in Wasser erweichen mußte.
Das hatten die Frauen vernommen, und Jesus war mit Lazarus, der ihm ihr Vorhaben erklärt, besonders deswegen nach Bethanien gekommen, um ihnen Anweisung zu geben, welche Wege er zu wandeln gedenke, und wie sie die Verpflegung besorgen sollten, denn in manchen Orten, besonders in Städtchen um Jerusalem herum, waren die Juden durch die Pharisäer aufgehetzt, und man reichte ihnen nichts. Es wurden also auch nach und nach an fünfzehn Herbergen errichtet, wo immer Vorrat war, und es wurden auch Gaben an Kleidung und Decken und Brot für Arme besorgt.
Jesus und Lazarus gingen auch am Sonntag nicht vor ein Uhr aus Bethanien gegen die Herberge von Beth-Horon91 aus, denn er war auch in dieser Nacht im Gebet am Ölberg.
124 125
31. Juli-i. August 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 8 / Viertelseiten io~i~
... Magdalena nahm den Vorschlag Marth as, mit ihr zu Jesu Lehre zu gehen, mit Schnödigkeit an und sagte ihr, sie werde aber dort nicht so schlecht gekleidet auftreten als sie, sie werde sich schmükken. Martha widersprach ihr nicht, und sie trennten sich. Am Morgen, da Magdalenas Gäste weg waren, sah ich sie ihren Putz anlegen. Sie ließ Martha rufen und sprach in ihrer Gegenwart immer schnöd und spitz. Martha gab ihr nach, übte große Geduld und war immer heimlich betend, daß sie mitgehen und gebessert werden möge.
Ich sah, wie Magdalena sich von ihren zwei Mägden waschen und salben ließ. Sie saß auf einem niederen Stuhle, hatte ein feines, wollenes Schürzchen bis gegen die Knie und ein feines wollenes Tuch mit einer Halsöffnung über Rücken und Brust hängen. Die Arme und Füße waren ganz entblößt. Zwei Mägde waren beschäftigt, ihr die Füße und Arme zu waschen und mit wohlriechendem Wasser zu salben. Auch ihre Haare, in drei Teile über den Ohren und hinten gescheitelt, wurden sehr glatt gelegt, gekämmt, gesalbt und geflochten. Sie legte dann ein ganz feines wollenes Hemd an und ein Kleid, grün, mit gelben großen Blumen, von welchem ich ein Stück habe, darüber, und hierüber noch ein faltiges Gewand.
Auf dem Kopf hatte sie eine krause hohe Mütze, über der Stirn hervorstehend. Haar und Mütze waren mit vielen Perlen durch-wunden. Sie trug lange Ohrgehänge. Ihre Ärmel waren oben weit, bis zu den Ellbogen. Am Unterarm faßten enge, breite, glänzende Spangen das Gewand kraus. Ihr unteres Kleid war an der Brust offen und mit glänzenden Schnüren gebunden. Sie hatte während ihrem Ankleiden einen runden, glänzenden Spiegel an einem Stiel in der Hand. Sie hatte ein Bruststück vor, das stark mit Gold und allerlei eckigen98 Steinen und Perlen verziert, ihre Brust ganz bedeckte. Über dem Unterkleid mit engen Ärmeln trug sie ein Ober-kleid mit kurzen, weiten Ärmeln, das weit hinten wegfiog und schleppte. Es war von violett schillernder Seide, mit vielen großen, bunten und goldenen Blumen durchwirkt. Ihre Haarflechten waren mit Rosen von roher Seide und Perlenschnüren und hervorstehendem, durchbrochenem Zeug, wie mit Spitzen durchflochten. Man konnte die Haare vor Schmuck gar nicht viel sehen. Es bildete dieses eine Höhe vorne um das Gesicht.
Über diesem Hauptschmuck hatte sie eine durchsichtige, sehr"
reiche Kappe, die vorne in die Höhe ging, hinten zusammengezogen niederhing und auch an den Wangen auf die Schultern sich niederließ.
Sie putzte sich auf diese Weise ganz an und zeigte sich Martha, welche sie bewundern mußte. Sie legte hierauf einiges dieser Kleidung wieder ab und nalün einen Reisemantel um, und ihre Mägde mußten ihr die Kleider nachtragen. Sie gingen nach Bethanien zu Fuß.1~"" Sie ruhten unterwegs in einer Herberge. Ich sah, daß Magdalena ihren Reisemantel ablegte und sich wieder eigens schmückte, um da etwas zu essen. Sie schämte sich ihrer Schwester und war in einer Stube allein. Sie kamen am Abend in Bethanien an.
Am anderen Morgen gingen sie nach Jerusalem, wo Jesus in einer Synagoge lehrte. Ich habe dieses dies Jahr erst deutlich gemerkt. Ich habe sonst immer gemeint, Jesus habe in Bethanien gelehrt.
Magdalena war nicht mit Maria und den heiligen anderen Frauen nach Jerusalem gegangen. Sie schämte sich ihrer und ging mit ihren Mägden allein. Sie schmückte sich in Jerusalem in einem Haus und ging dann in ihrem eitlen Putz in die Synagoge und machte ein großes Ärgernis, denn sie ließ sich auf dem Weiberplatz einen prächtigen Stuhl 101, mit Teppichen belegt, ganz hervor, daß man sie sehen konnte, stellen und setzte sich darauf und sah frech hin und her.
Die heiligen Frauen und ihre Schwester standen zurück, voll Scham und Betrübnis um sie, und die Männer schauten mit Verachtung und Unwill auf sie, denn sie war als eine offene Sünderin allgemein verachtet und war doch ganz stolz und frech in ihrem Glanz.
Jesus aber lehrte sehr streng. Ich erinnere mich nur noch, daß er eine Parabel von einem Schatz im Acker lehrte. Ich sah, daß Magdalena immer bewegter wurde, und sah, daß Jesus einen Blick nach ihr tat und daß sie ganz bleich wurde, von ihrem Sitz aufstand und sich zurück neben denselben an die Erde setzte. Sie weinte heftig, war wie von Sinnen und schien in Ohnmacht zu sinken. Martha und ihre Mägde bemühten sich um sie und baten sie, kein Aufsehen zu machen, aber sie war ganz vernichtet und von Reue zerrissen.
Ich sah sie in ein Haus bringen. Es war ein Aufsehen auf der Straße. Sie war bekannt, und man spottete ihrer, aber sie wußte von nichts mehr. Ich sah sie in dem Haus ihren Schmuck von sich reißen. Die Schwester und Mägde baten sie, doch nicht so plötzlich zu handeln. Sie verlangte allein zu sein. Das sah ich, wie sie mit sich kämpfte und siegte und ihren Putz ablegte.1""2
tz6 127
Jesus war mit einigen seiner Jünger von seiner Lehre, welche morgens gegen zehn Uhr gewesen sein mag, nach Mittag gegen Bethanien gegangen, wohin er zu einem Pharisäer Simon zum Tische geladen worden. Das Mahl war gegen Abend, etwa um drei bis vier Uhr. Es ist dieses Simon, der vom Aussatz Geheilte. Es gehörte ihm ein Herberghaus, worin öffentliche Mahle auch gehalten worden.
Magdalena war bei den anderen heiligen Frauen sehr bewegt und zerknirscht. Sie wollte zu Jesu Mahlzeit, und die anderen redeten es ihr aus und waren besorgt, wie Frauen um öffentlichen Skandal. Ich meine, daß die Heilige Jungfrau auch sehr liebevoll mit ihr sprach, doch nicht hiervon, sondern tröstend,, aber ich merkte, daß sie sich nicht von ihr anrühren ließ.
Magdalena war nachher abgesondert. Sie hatte allen Schmuck ab-gelegt. Sie hatte das geblümte Unterkleid, glaube ich, noch an, aber einen weißen Mantel darüber. Ihre langen Haare, ohne allen Schmuck, in drei Bündel oben gebunden, sonst los, hingen hinten einer und an jeder Gesichtsseite einer nieder. Sie hatte einen schwarzen Schleier darüber. Sie hatte die Salbe über dem Kleid am Busen stecken und schlich sich heimlich von den Frauen aus dem Haus zu dem Hause Simons und trat hinter Jesu unter heftigen Tränen in den Speisesaal, wo sie zu Tische lagen.
Jesus lehrte und schien sie nicht zu bemerken und ließ sich nicht unterbrechen. Die anderen aber schauten auf und flüsterten, und Simon war besonders unwillig. Magdalena warf sich aber hinter den Füßen Jesu nieder und umfaßte seine Füße, weinte darauf und faßte ihre Haarbündel mit dem Schleier umgeben in beide Hände oben und unten und streifte sie abtrocknend über Jesu Füße und begoß sie mit der Salbe.
Ich sah Simon vor sich hin denken, daß Jesus, so er ein Prophet wäre, sich von der Sünderin nicht würde anrühren lassen, und sah, daß Jesus diese Gedanken wußte und ihn anredete und eine Parabel redete und dann zu Maria sich zurückwendete und auf sie zeigte, mit Simon redend, und sagte: "Sie hat viel geliebt! Es ist ihr darum viel vergeben" - und auch, sie solle hingehen in Frieden, ihr Glaube habe ihr geholfen.
Ich sah auch, daß sie von dannen ging und noch viel Gerede unter den Gästen war. Ich meine gesehen zu haben, daß, als sie wieder bei den Frauen ankam, Maria sie nun umarmte.
1 30. Juli 1822 (=6. Ab) 1 Tagebuoi Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 244~25O
Heute sah ich Jesum und die Jünger bald vereint, bald zerstreut, in großer Eile durch mehrere größere und kleinere Orte ziehen, welche hier im Umkreis von einigen Stunden lagen. Ich erinnere mich darunter des Namens Gabaa und auch Najoth, das etwa vier Stunden von Kibzaim, wo Jesus gestern war, entfernt sein mag.
In allen diesen Orten ließ der Herr sich nicht die Zeit, in irgendeiner Synagoge zu lehren. Er lehrte auf Hügeln, im Freien, auf öffentlichen Plätzen und in den Straßen der Orte, wo die Menge sich versammelte.
Die Jünger wandelten teils von ihm getrennt in den Tälern, kleinen Orten und zu den zerstreuten Hirtenhäusern voraus und riefen die Leute nach den einzelnen Orten hin, wo Jesus auftrat. Mehrere jedoch waren um ihn.
Dies ganze Tagewerk ging mit unglaublicher Mühseligkeit und Anstrengung von Ort zu Ort. Er heilte dabei viele Kranke, welche an einzelnen Orten zur Stelle gebracht waren und ihn anriefen. Es waren mehrere Mondsüchtige darunter. Viele Besessene liefen ihm schreiend nach, und er gebot ihnen, zu schweigen und auszuweichen.
Was dieses Tagewerk beschwerlicher machte, war die teilweise üble Gesinnung der Leute und der Hohn der Pharisäer. Diese Orte, Jerusalem nah, waren voll von Leuten, welche gegen Jesum Partei genommen hatten. Es war hier wie heutzutage in den kleinen Orten, die alles nachschwätzen und nichts ergründen. Dazu kam die plötzliche Erscheinung Jesu mit so vielen Jüngern und seine sehr ernste und drohende Lehre, denn überall lehrte er wie zu Beth-Horon. Er sprach von der letzten Gnadenzeit, und dann komme die Gerechtigkeit. Er lehrte immer von der Mißhandlung aller Propheten, von der Gefangennehmung des Johannes und von der Verfolgung gegen ihn selbst. Er stellte überall die Parabel vom Herrn des Weinberges auf, und wie er nun seinen Sohn gesandt habe, wie das Reich komme und der Sohn des Königs es in Besitz nehmen solle. Dabei rief er oft Wehe über Jerusalem und jene aus, welche sein Reich nicht annehmen und Buße tun würden. Diese strengen und drohenden Reden waren durch viele Handlungen der Liebe und durch Heilungen unterbrochen, und so ging es von Ort zu Ort.
Die Jünger hatten vieles auszustehen, was ihnen teils sehr unbequem war. Wo sie hinkamen und ihn ankündigten, hörten sie oft die höhnischen Reden: "Nun kommt der auch wieder! Was
128
129
will er? Wo kommt er her? Ist es ihm nicht verboten?' Auch lachte man ihrer, rief ihnen nach und verspottete sie. Manche aber freuten sich auch. Es waren derer nicht sehr viele.
Jesum selbst wagte keiner anzureden, und gerade wo er lehrte und die Jünger in der Nähe umherstanden oder ihm durch die Straßen folgten, wendeten sich alle Schreier an sie, hielten sie an, fragten, hatten seine strengen Worte halb oder falsch verstanden und wollten Erklärung haben. Dazwischen erschallte dann wieder Freudengeschrei. Er hatte Leute geheilt. Das ärgerte sie, sie zogen sich zurück, und so ging es bis zum Abend unter beschwerlichem, eilendem Wandern, ohne Erquickung, Ruhe und Labung.
Ich sah sie heute nochmals in dem gestrigen Hirtenhaus einkehren. Ich meine da ein Fußwaschen gesehen zu haben (und wohl auch eine kleine Ruhe und Erquickung).
Ich bemerkte, wie schwach und menschlich die Jünger noch waren, wie sie oft, wenn er so lehrte und sie so gefragt wurden, die Köpfe zusanunensteckten und nicht recht begriffen, was er eigentlich vorhabe. Sie waren nicht zufrieden mit ihrer Lage. Sie dachten einzeln:
"Nun haben wir alles im Stich gelassen und kommen da in die Verwirrung und den Lärm. Was ist das für ein Reich, wovon er spricht? Wird er es auch wirklich erringen?" Sie dachten alle an ein irdisches Reich und konnten keinen Bescheid darüber geben. So dachten sie, aber verbargen es in sich, nur gaben sie einander oft ihre Verlegenheit zu erkennen.
Johannes allein ging mit wie ein Kind, ganz gehorsam und unbefangen. Und doch hatten sie die vielen Wunder gesehen und sahen sie noch.
Ungemein rührend war es, wie Jesus alle diese Gedanken wußte und unbekümmert darum gar nichts dergleichen tat, sondern keine Miene veränderte, immer ruhig und liebevoll und ernsthaft das Seinige forttat.
Sie sind noch bis in die Nacht gegangen und haben im Tal diesseits eines Flüßchens, das die Grenze von Samaria macht, in einigen Hütten übernachtet, wo sie wenig oder nichts erhielten. Das Wasser des Flüßchens war nicht gut zum Trinken. Das Flüßchen war schmal und hatte hier, nicht weit von seinem Ursprung am Fuß des Garizim, einen schnellen Lauf gegen Abend zu.
31. Juli J?J (= 7. Ab) 1 Tagebudz Bd. VIII, Heft 7 / Seiten 1-4; 12-14 (Viertelseiten 25~252; 254-256; 258; 27~278)
Sie sind am Mittwoch, 7. Ab, über das Flüßchen gegangen jenseits, etwas gegen Nordost um den Berg Garizim..., den sie zur Rechten hatten, und gen Sychar gekommen. Nur Andreas, Jakobus major und Saturnin waren bei Jesu.103 Sie kamen erst um elf Uhr an den Brunnen Jakobs. Er liegt auf einem kleinen Hügel, und an dessen Fuß in einer schmalen Ebene die Stadt Sychar, etwa eine Viertel-stunde davon. Der Brunnen ist mit einem mehreckigen Häuschen überbaut, das oben in der Mitte offen ist Das Brunnenhäuschen ist geschlossen. Im Innern ist der Brunnen sehr tief, hat einen Rand und eine Walze, mit welcher man drehend einen Eimer auf-windet.
Im Innern
sei auch eine Pumpe, wodurch man Wasser auf die Höhe des Hauses treiben könne, das dann nach außen niederstrahle (zu Reinigungen). Der Platz umher sei schön mit Sitzen und Bäumen.
Er liege hier im Erbe 164 Jakobs, das sich wohl über eine Stunde längs Sychar hinausziehe. Samaria liege westlich ab im Gebirge.
Als Jesus mit den drei Jüngern hierhergekommen, seien sie alle sehr ermüdet gewesen und durstig, denn gestern und heute sei es sehr heiß gewesen, und Jesus sagte auch, daß es ihn hungere, und 1er sjandte die Jünger hinab nach Sychar, etwas Speise zu kaufen.
Es führten von dem Hügel mehrere tiefe, schmal eingeschnittene Wege (Hohlwege) nach mehreren Seiten hinab. Jesus setzte sich mit und sinnend eine Strecke vom Brunnen an den Rand des Weges, der von Sychar heraufführte. Er schien müde und sehnend. Er stützte den Kopf in die Hand.
Da kam den Weg herauf eine wohlgewachsene, schmucke Frau von etwa dreißig Jahren. Sie hatte einen ledernen Schlauch oder Krug in der Hand, an welchem die Handhabe von Metall oder Holz auch mit Leder umwunden war. Sie trug ihre bräunliche, von Ziegen oder Kamelhaaren verfertigte Schürze, in welcher oben Taschen waren, über den tragenden Arm geschürzt. Ihr Kleid war buntgestreift. Über der Brust hatte sie Schnüre. Der Schleier, den sie trug, war hinten sehr lang, und sie konnte diese hintere Seite um die Mitte des Leibes mit einer Strippe zusammenziehen, welche sie um den Leib band. Dann endete hinten der Schleier in einem Zipfel. Der Schleier war von feiner, weicher Wolle. Auf dem Kopf war ein her-
130 131
vorragendes Türmchen oder Haken, ... welchem der vordere Teil des Schleiers aufgeschürzt ruhte, der herabgelassen über das Gesicht bis zur Brust reichte.
Jesus, am Wege sitzend, hatte etwas Überraschendes. Er hatte einen Prophetenrock, ein langes weißes Kleid von feiner weißer Wolle, fast wie ein Abbe', mit einem breiten Gürtel an, welches er bei Gelegenheiten anlegte, wo er feierlich lehrte oder als Prophet wirkte. Die Jünger trugen es ihm nach.
Die Frau sah Jesum nicht eher durch die Windungen des Weges, als bis sie vor ihm stand. Die Frau stutzte bei seinem Anblick, ließ den Schleier nieder und zögerte vorüberzugehen, und ich sah nach ihrer Gemütsart in ihrem Innern den flüchtigen Gedanken aufblitzen: Ein Mann, was will er hier? Ist dies eine Versuchung? Und sie sprach: "Was willst du hier zu dieser Stunde allein? Wenn jemand mich hier mit dir erblickt, wird es ein Ärgernis! "
Jesus erwiderte: "Meine Gefährten sind in die Stadt, Speise zu holen." Da sagte sie: "Ja, die drei Männer, denen ich begegnet, aber sie werden wenig erhalten um diese Stunde! Was bereitet ist heute, behalten die Samariter für sich." Sie sprach, als sei heute ein Fest usw., er solle lieber weitergegangen sein. Sie nannte einen Ort. Jesus sagte ihr nochmals, ihm Wasser zu geben. Da ging sie vorüber hinauf, und er folgte ihr an das Brunnenhaus, welches sie aufschloß. Er trat hinein und saß auf dem Rande des Brunnens. Sie sagte aber, wie er von ihr, als ein Jude, von einer Samariterin zu trinken begehren könne, da diese keine Gemeinschaft hätten. -Sie meint, hier habe sie auf sein Begehren den Eimer aufgewunden und ihm zu trinken gegeben, und er habe ihr indessen gesagt:
~Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wer der ist, der zu trinken von dir begehrt, so hättest du von ihm zu trinken begehrt, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben usf." Sie habe darunter Quellwasser, springendes Wasser, verstanden und gesagt, er habe ja nicht schöpfen können, und der Brunnen sei tief. Ob er djenn mehr könne als Jakob, der diesen Brunnen gefunden.
Ich habe auch ein Bild gehabt, wie Jakob den Brunnen bohrte und das Wasser hervorquoll. -Jesus habe vom himmlischen Wasser gesprochen. Sie habe lächelnd gewünscht, von jenem Wasser zu haben, damit sie das Wasser nicht mehr hier so beschwerlich holen müsse. Sie habe es für mehrere geholt.
Sie habe viel mit Jesu gesprochen und auch vom Berg Garizim
und ihrem Tempeldienst sonst darauf. Damals sei der Tempel dort verwüstet gewesen. Es sei ein alter großer Turm darauf gestanden. Wo es djenn recht sei, anzubeten, hier oder in Jerusalem? Da habe Jesus von einer Zeit gesprochen, wo man in Geist und Wahrheit beten werde usw. Als das Weib nach solchem Wasser verlangt, scherzhaft, habe Jesus gesagt, sie solle ihren Mann rufen. Da habe sie gesagt, sie habe keinen, und Jesus habe ihr gesagt: "Das ist wahr, du hast fünf gehabt, und der, mit dem du jetzt lebst, ist dein Mann nicht." Da habe sie ganz betroffen den Schleier niedergesenkt und schüchtern gesagt: "Du bist ein Prophet!" - und habe nun nach dem rechten Ort der Anbetung gefragt.1'" Da habe sie, ihn nicht verstehend, gesagt, sie wisse, der Messias werde bald hierherkommen. er werde ihnen alles recht erklären. Sie meint, sie habe dieses auf esum selbst gedeutet, von dem sie gehört, er sei der Messias und ;erkläre alles, und daß er auch in ihre Gegend kommen werde.1'6 Da ~abe Jesus auf sich gedeutet und gesagt: "Ich bin es selbst!" Da habe sie eine unmäßige Freude gehabt, daß sie den Messias gefunden habe...
Sychar ist nicht sehr groß, aber es hat breite Straßen und Plätze.
1
Das samaritische Bethaus ist geschmückter und reicher gebaut von außen als die Synagogen in kleinen jüdischen Orten. Die Frauen
sind nicht so zurückgezogen als die Jüdinnen, sie gehen und reden mehr mit den Männern durcheinander.
Das samaritische Weib war eine Frau von Stand und von guten Geistesgaben, aus Damaskus. Sie hatte fünf Männer gehabt dort im Lande hintereinander, und sie waren gestorben. Ich erinnere mich nicht mehr, wie, aber es ist mir dunkel, als wenn ihre unordentlichen Leidenschaften mit daran schuld waren. Sie durfte auch nicht mehr dort bleiben und zog, weil sie von samaritischer Religion war, hierher mit einem reichen Fremden, ich meine, er war ein Kaufmann, und sie führte seine Wirtschaft und lebte unehelich mit ihm. In der Stadt wußte man dieses nicht und hielt sie für seine Frau. Sie war auf Art der Magdalena, aber mehr verarmt und heruntergekommen. Ihr Kebsmann war ein starker Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit rötlichem Bart und rotem Gesicht. Jesus redete einige Worte mit ihm. Er war schüchtern vor Jesu und schämte sich seiner Sünde. Er wohnte nahe am Brunnentor in einem abgesonderten Haus, worum ein Graben mit Wasser war.
Man verachtete diese Frau in der Stadt nicht, ging aber auch nicht viel mit ihr um, weil sie etwas andere Sitten hatte. Sie ging auch
132
133
etwas anders und gezierter gekleidet, welches man ihr doch als einer Fremden zugut hielt. Sie hatte drei Töchter und zwei Söhne, schon ziemlich erwachsen. Sie waren aber alle nicht hier bei ihr. Die beiden Söhne sind unter die zweiundsiebzig Jünger gekommen. Sie war eine sehr gutmütige und geistreiche Frau, sehr freimütig, rasch, anmutig und kräftig. Sie war schön und ging mit großen Schritten. Sie war vornehm und etwas gesucht gekleidet. Ihr blau und rot gestreifter Rock war mit großen gelben Blumen durchwirkt, die Ärmel eng und an den Ellbogen kraus.107 Sie hatte ein weißes Bruststück mit gelblichen Schnüren, ich meine, von gelber Seide. Den Hals hatte sie ganz mit einem Kragen voll Schnüren oder Perlen zugedeckt. Die Schürze war dick und wie von Haaren gewebt, von fahler Farbe. Es schien eine gewöhnliche Arbeitsschürze beim Wasserschöpfen, um ihr Kleid nicht mit dem Eimer oder Schlauch zu verderben. Sie trug sie wandelnd über dem Arm geschürzt, den Schlauch bedeckend. Dieser Schlauch war von Leder und hatte zwei feste gebogene Seiten, worin Metall oder Holz schien, und an diesen waren die Handhaben fest, durch welche ein Riemen lief, an dem der Schlauch an ihrem Arm hing. Am Hals war der Schlauch enger und lie~ sich oben zum Eingießen auseinander tun trichterartig und wieder schließen, wie man die Arbeitstaschen schließt. Leer hing der Schlauch platt an der Seite nieder, gefüllt ging er auseinander und faßte wohl so viel als ein Eimer. Jskizzenj
Der Jakobsbrunnen lag auf einem Hügel, eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt vor dem Berg Garizim. Er hatte etwas Raum mit Rasensitzen um sich her. Er war mit einem achteckigen Häuschen umbaut, und dieses mit einer offenen Bogenstellung, unter der sich wohl zwanzig Mann unterstellen konnten ringsum. Unter diesen Bogen führte eine Tür in das Innere des Häuschens, in dessen Mitte der tiefe Brunnen war mit einem sitzhohen Steinrand, zwischen welchem und den Wänden man bequem rings um den Brunnen gehen konnte.
Gleich an der Türe eingetreten, drehte man mit einer Kurbel an einer Walze den drin hängenden Schöpfeimer schwer auf. An der gegenüberstehenden Seite war eine Pumpe, durch welche man Wa~ ser auf die Höhe des Hauses treiben konnte, welches an den drei mit dem Eingang kreuzenden Seiten des Achtecks von außen unter dem Gang oben aus Säulen herausfloß und sich in drei kleinen Bassins an diesen Seiten im Boden des Umgangs sammelte. Dieses war zum Reinigen und Fußwaschen. Der Brunnen war unmittelbar auf seinem
Rande gedeckt. Das Dach hatte eine runde Öffnung und war manchmal mit einer kleinen Kuppel gedeckt.
Es führten mehrere Wege zum Hügel. Der von Sychar wendete sich vom Eingang rechts herum. Die Apostel standen vor der Türe, als Jesus innerhalb des Brunnenhauses mit der Frau sprach. Ich meine, die Frau hatte in Sychar den Namen Salome angenommen, weil sie nicht gekannt sein wollte. In Damaskus hieß sie anders.
Jesus lehrte, als er in die Stadt kam, auf den Straßen, hie4 und da durchwandelnd, und auf dem Platz, wo ein Redestuhl stand. Er ging nicht in ihre Schule, und es war ein ganz ungemeiner Zulauf von Menschen und eine große Freude, daß der Messias zu ihnen gekommen sei. Er hielt sich aber nicht lange auf und zog bei dem anderen Tor wieder hinaus und lehrte noch hier und da drauß e~ bei Häusern und Gärten, die sich ein Stück Wegs nördlich hinzogen. Er blieb etwa eine gute halbe Stunde weit drauß en in einer Herberge und versprach ihnen, am anderen Tag wiederzukommen...
Das samaritische Weib hatte gelbe Armspangen in der Mitte des Ober- und Unterarms, wodurch der weite Ärmel hier zusammengezogen war. Der Halskragen war wollgelb, mit Perlen und Korallen behängt. Beim Wasserschöpfen sah ich sie die Spangen aufschieben, wodurch der Arm nackt und das Zeug gebauscht wurde.
Sie war von halb jüdischen, halb heidnischen Eltern auf einem Landsitz bei Damaskus. Sie verlor die Eltern früh und hatte eine liederliche Amme, wodurch sie böse Leidenschaften bekam. Ihre Männer wurden durch Liebhaber hinweggeräumt, wie das so geht, wenn man im Ehebruch ist. Man kann den einen nicht lassen, und der andere ist hinderlich. Da gibt es Feste, und im Rausch kommt der Mann um durch den Liebhaber, und wenn der nun Mann ist, geht es ihm eben nicht besser. Ihre Kinder waren bei den Verwandten ihrer Väter geblieben. Sie selbst mußte weggehen. Ihr jetziger Buhler war, glaube ich, noch von den Verwandten eines ihrer Männer und war mit ihr aus der Gegend gekommen.
Sie war nur noch tiefer gesunken als Magdalena. Ich habe auch von dieser einmal gesehen und mich immer gescheut, es zu sagen, daß im Anfang ihres verbuhlten Lebens auf Magdalum einer ihrer Liebhaber durch einen zweiten ums Leben gekommen ist.
Die Samariterin war sehr rüstig und lebendig. Sie war aber immer gedrückt in ihrem Gewissen. Sie lebte jetzt ehrbarer und hatte nur mit einem zu tun, den man ihren Mann glaubte.
134 135
Zum Gespräch Jesu mit der Samariterin:
A. K. Emmerick hatte die Samariterin allerdings sehr lieb, und diese schien ihre Liebe zu erwidern, denn dreimal erschien sie ihr in diesen Tagen außer den Betrachtungen vom Wandel des Herrn. Sie sah sie, als eine ganz weiß gekleidete Braut mit einer Krone auf dem Haupt, sich vor Jesu tief und demütig beugen. Ein anderes Mal erblickte sie Dma in dieser Gestalt plötzlich, als schaue sie, von der Straße ihr freundlich durchs Fenster winkend, auf ihr Krankenbett herein. Sie sah dieses im wachen Zustand, wie sie glaubte. Einmal hatte sie eine solche Anschauung in der Gegenwart des Schreibers. Sie schien dabei allerdings zu wachen. Sie hatte in diesen Tagen oft der kleinsten kindischen Ursachen wegen gegen die Versuchung zur Ungeduld zu kämpfen. Diesmal war es der Verdruß an einer einfältigen Aufwärterin, welche über die kleinste Dienstleistung einer anderen eifersüchtig schien. Mitten in ihren kindischen Klagen darüber scheint ihr höherer Zustand sie aufzufordern, sich mit ihm über ihre Schwachheit lustig zu machen, und so spricht sie plötzlich, während sie die Augen noch voll Tränen hat:
"Sieh, da steht die Samariterin vor mir, und da sieh, Jesus. Sie beugt sich den Weg vor ihm herum und blickt ihn so demütig an. Sie ist jetzt ganz anders, ganz schneeweiß und ehrbar gekleidet. Das ist jetzt noch nicht, das kommt noch." Aufmerksam gemacht, wie das so seltsam zu ihren kindischen Klagen passe, muß sie selbst lachen und sich schämen, gesteht aber doch, jenen verkehrten Gedanken nur schwer aus dem Kopf bringen zu können.
Solche erquickende Bilder werden ihr öfters plötzlich vorgestellt, wie eine gütige Mutter ein krankes . . . weinendes Kind in seinem Unmut durch ein Bilderbuch zu beruhigen oder für den Widerstand zu belohnen pflegt.
2. August 18221/ Tagebuoi Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten ~
Ich habe Johannes vor etwa zwei bis drei Tagen in seiner Gefangenschaft gesehen, wie mehrere seiner Jünger mit ihm sprachen. Sie können nicht zu ihm. Aber sie können ihn doch sehen und durch das Gitter ihm etwas reichen. Es ist erlaubt, einige dahin zu lassen. Wenn aber sehr viele kommen, werden sie von den Soldaten abgewiesen.
Sie fragten ihn wegen des TaufensJ. Er befahl ihnen fort zu taufen zu Amon, bis Jesus dort taufen lasse. Johannis Gefängnis ist
i
zwar hell und groß, aber er hat gar kein Lager darin als eine Steinbank, die wie ein Lager ausgehauen ist. Er ist wie immer sehr ernst. Er hat immer etwas Tiefsinniges, Trauriges in seine mJ Gesicht gehabt, wie einer, der das Lamm Gottes erwartete, sah und liebte, und weiß, daß sie es erwurgen werden.1~
Sie taufen schon wieder in Amon. Herodes ist noch nicht da.
3. August 1822 (=10. Ab) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 12-18
Heute hielten sie alle den Sabbath in Ginäa. Jesus lehrte in der Synagoge. Es wurde aus einer Rolle gelesen vom Zug der Kinder Israel durch die Wüste und der Austeilung des Landes Kanaan. Es wurde auch etwas von Jeremias gelesen. Es waren zwölf hartnäckige Pharisäer hier, die mit Jesu disputierten. Jesus lehrte von der Nähe des Reiches Gottes, und wie sie es mit dem Land Kanaan gemacht, so sollten sie es nicht auch mit diesem tun. So legte er alles auf das Reich Gottes aus, und wie sie noch immer in der Wüste herumzögen, und die, welche gegen das Reich Gottes murren würden, sollten in der Wüste sterben.
Er sprach auch von der Strafe über Jerusalem. Es werde eine Zeit kommen, da dieser Tempel nicht mehr stehen werde, und eine Zeit, wo Jerusalem nicht mehr zu erkennen sei. Er sprach auch wieder vom Herrn des Weinbergs, der seinen Sohn sende, und den sie hinausstoßen und töten würden, und vom Eckstein, den die Bauleute verwerfen, aus den Psalmen, und legte es auf den Sohn des Weinbergsherrn aus. Er sprach auch von Elias und Elisäus.
Sie legten ihm spitzfindige Fragen vor. Sie zeigten eine Rolle und fragten, was denn das bedeute, daß Jonas drei Tage im Bauch des Walfisches liege. Er legte dieses auf eine allgemeine, für sie nicht ganz verständliche Art aus, wie der getötete Messias drei Tage im Grabe ruhen werde und in den Schoß Abrahams fahren und wieder auferstehen werde. Darüber lachten sie und verließen meistens die Synagoge.
Einer aber hörte die Lehre Jesu zu Ende und lud ihn mit den Jüngern zur Mahlzeit ein. Doch lauerte auch er noch, obschon er besser als die anderen war. Es waren noch mehrere zugegen. Als er wieder zur Synagoge ging, hatten sie ihm Kranke vor die Schule gebracht und verlangten, er solle heilen und sie ein Zeichen sehen lassen. Jesus heilte aber nicht und sagte, sie wollten nicht glauben an ihn, und er wolle sie auch kein Zeichen sehen lassen. Sie wollten
136 137
ihn aber am Sabbath in Versuchung führen zu heilen, um ihn darüber zu verklagen.
Als der Sabbath zu Ende war, reisten die vornehmeren galiläischen Jünger alle nach Haus. Jesus ging mit Saturnin und zwei anderen nach dem Gute Lazari, wo er noch bleibt. Ich glaube, er will morgen noch in der Gegend umhergehen, und zwar wieder envas südlicher im Gebirge. Es dünkt mich, der Ort heiße Atharot.
Sehr rührend war es, zu sehen, wie Jesus die Kinder des Hausherrn im Garten lehrte. Er hatte sie bald vor sich, bald an seiner Brust, bald die kleineren zu zwei mit den Armen umfaßt. Auch sah ich ihn quer vor ihnen liegen. Er lehrte sie vom Gehorsam gegen die Eltern und von der Ehrerbietung gegen das Alter. Der Vater im Himmel habe ihnen diesen Vater gesetzt. Wie sie ihren Vater ehrten, würden sie auch den himmlischen Vater ehren.
Er sprach auch zu den Kindern von den Söhnen Jakobs und von den Kindern Israel, wie sie gemurrt hätten und darum nicht in das Gelobte Land gekommen wären, und doch sei das Gelobte Land so schön. Da zeigte er ihnen die schönen Bäume und Früchte im Garten und sprach vom Himmelreich, wie das uns auch versprochen sei, so wir die Gebote Gottes erfüllen, und dieses sei ein viel herrlicheres Land, da sei hier eine Wüste dagegen. Sie sollten daher gehorchen und alles dankbar ertragen, was Gott über sie verhänge. Sie sollten nie murren, damit sie in das Himmelreich kämen. Sie sollten nicht zweifeln an dessen Schönheit wie die Israeliten in der Wüste, sie sollten nicht murren, sie sollten glauben, daß es viel besser sei als hier, ja über alles herrlich. Sie sollten sich das immer in Gedanken fest vorstellen und ohne zu murren es verdienen durch jegliche Mühe und Arbeit. So beschäffigte sich Jesus an diesem Tag.
Die Schwester Emmerick erzählte am Nachmittag noch folgendes Nähere von Jesu Sabbathlehre vor den Pharisäern, deren etwa zwölf zugegen waren:
Er sprach von den Kindern von Israel, wie sie, mit dem Richteramt Samuels nicht zufrieden, nach einem König geschrien, und wie sie den Saul erhalten. Jetzt, da die Prophezeiung erfüllt sei, daß das Zepter von Juda genommen sei wegen ihrer Gottlosigkeit, verlangten sie wieder nach einem König und Herstellung des Reiches, und Gott werde ihnen ihren König, ihren eigentlichen. König senden, wie der Herr des Weinbergs seinen Sohn, nachdem seine Knechte von den gottlosen Weinbauern erschlagen werden, sende, und sie würden diesen, ihren König, ebenso töten. Es würde ihnen aber übel
138
ergehen, denn nun werde Gott sie wieder unter die Richter stellen. Dann sprach er von der Zerstörung von Jerusalem, vom verworfenen Eckstein und dem Heil, das von den Juden werde genommen werden.
Als sie ihm die Frage taten von Jonas, sagte er, so würde ihr König drei Tage im Grabe sein und wiederkehren. Worüber sie untereinanderj lachten.
Er sprach nun auch vom Irren der Kinder Israel in der Wüste, und wie sie einen viel näheren Weg in das Gelobte Land hätten nehmen können, wenn sie die Gebote Gottes, auf dem Berg Sinai gegeben, gehalten hätten. Sie seien aber um ihrer Sünden willen immer wieder zurückgesetzt worden, und die Murrenden seien gar in der Wüste gestorben. Nun aber nahe das Reich Gottes und das letzte Erbarmen, und ihr Leben sei wieder ein Irren in der Wüste. Jetzt sollten sie den nächsten Weg wandeln, um zum verheißenen Reiche Gottes zu gelangen. Es werde ihnen jetzt gezeigt.
Da traten drei Pharisäer ganz heuchlerisch und höflich hervor und sagten: "Ehrwürdiger Rabbi, du sprichst immer vom nächsten Weg, sage uns diesen nächsten Weg! " Da sagte Jesus: "Kennt ihr die Zehn Gebote auf Sinai?" Sie sagten: "Ja", und er sprach: "Haltet das erste davon und liebet euren Nächsten wie euch selbst und leget euren Untergebenen nicht schwere Bürden auf, die ihr selbst nicht befolgt! Das ist der Weg!"
Da sagten sie: "Das wußten wir auch, was du da sagst", und Jesus sagte ihnen: "Daß ihr es wisset und nicht tut, ist eure Schuld, um die ihr werdet gezüchtigt werden."
Und nun warf er ihnen vor, wie sie denn auch hier in der Stadt ganz besonders taten, daß sie den Leuten so viel aufbürdeten und selbst das Gesetz nicht hielten. Er sprach auch von den Kleidern der Priester, welche Gott Moses vorgeschrieben, und was sie bedeuteten, und wie sie alles das nicht erfüllten und noch viel Äußerliches, Verkehrtes zusetzten.
Sie waren aber alle sehr erbittert und konnten ihm nichts anhaben. Manchmal sprachen einige untereinander: "Das ist also der Prophet aus Nazareth, ja, der Zimmermannssohn ! " usw.
Das Gut Lazan war höchstens dreiviertel Stunden hiervon, und Jesus ging während des SabbathmorgensJ und nachmittags wieder dahin, lehrte die Kinder, und ging wieder zurück.
139
j
Sonntag 4. August 1822 (=11. Ab) / Tagebudz Bd. V, Heft 9 1 Viertel-Seiten 147-150
Am Sonntagmorgen, den ii~ Ab, hielt Jesus in dem Landhause Lazan bei Ginäa eine sehr große Kinderlehre. Es waren auch benachbarte Kinder zugegen. Er lehrte erst die Knaben und dann die Mägdlein allein auf die Art, wie ich gestern gesagt.
Gegen Mittag ging er mit den drei Jüngern wieder etwas südöstlich etwa vier Stunden zurück in einen hochgelegenen kleinen Ort, Ataroth genannt, der ungefähr zwei Stunden von Samaria lag. Es war dieses ein Hauptsitz der Sadduzäer, und die hier wohnenden hatten bei der Verfolgung der Jünger nach Ostern, wie zu Senabris die Pharisäer, mehrere gefangen und mit ihrem Ausfragen gequält. Es hatten einige von ihnen schon Jesu Lehren in der Herberge bei Sychar belauert, wo er besonders auch die Härte der Pharisäer und Sadduzäer gegen die Samariter gerügt. Sie hatten damals schon einen Plan gemacht, Jesum in Versuchung zu führen, und ihn aufgefordert, den Sabbath in Ataroth zu halten. Er wußte aber ihr Beginnen und ging den weiten Weg nach Ginäa. Mit den Pharisäern dort hatten sie sich auch beredet und schickten am Sonntag morgens Boten zu ihm. Er habe so schön von der Menschenliebe gelehrt. Man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst! Er möge doch nach Ataroth kommen und einen Kranken heilen! Wenn er ihnen dieses Zeichen tue, so wollten sie alle, und auch die Pharisäer von Ginäa, an ihn glauben und seine Lehre in der Gegend ausbreiten.
Jesus kannte ihre Bosheit und wußte ihren Betrug. Der Mann lag schon mehrere Tage unbeweglich und tot, und sie behaupteten gegen alle Einwohner in der Stadt, er liege in Entzückung, und selbst seine Frau wußte nicht, daß er tot sei.
Hätte ihn Jesus nun erweckt, so hätten sie gesagt, daß er nicht tot gewesen sei. Sie kamen Jesu entgegen und führten ihn vor das Haus des Toten. Es war dieser einer der ersten Sadduzäer gewesen und hatte es am ärgsten gegen die Jünger getrieben. Sie trugen den Toten auf einem Tragebett heraus auf die Straße, als Jesus kam. Es standen wohl fünfzehn Sadduzäer und alles Volk umher. Sie hatten den Toten aufgeschnitten und einbalsamiert, um Jesum zu betrügen. Er sah ganz schön aus. Jesus sagte aber: "Er ist tot und wird hier nicht auferstehen, da er die Auferstehung geleugnet! Ihr habt ihn mit Gewürzen gefüllt, aber seht, welche Gewürze das sind!" Da deckten sie die Haut auf, und statt Gewürzen war er voll Würmer.109
Da wurden die Sadduzäer ganz grimmig, denn Jesus sagte alle seine Sünden und Verbrechen laut und öffentlich aus und sagte, das seien die Würmer des bösen Gewissens, welche er sonst bedeckt, die jetzt sein Herz zerfräßen.
Er redete auch drohend ihren Betrug und böse Absicht aus und sprach sehr hart vo n den Sadduzäern, und auch vom Gericht über Jerusalem und alle, welche das Heil nicht annehmen würden.
Sie brachten den Toten aber ganz geschwind wieder in das Haus, und es war ein entsetzliches Lärmen und Schmähen, und als Jesus zu dem Tore mit den Jüngern wieder hinauszog, warf das aufgehetzte Gesindel mit Steinen hinter ihnen her, denn die Aufdeckung der Würmer und seiner Bosheit hatte sie gewaltig geärgert.
Ich sah unter dem bösen Gesindel doch auch einige wohlgesinnte Leute, welche weinten. Es wohnten da in einer Straße an der Mauer abgesondert kranke, blufflüssige Weiber. Sie glaubten an Jesum und flehten in der Ferne, denn sie durften als unrein nicht nahen. Er ging es wohl wissend barmherzig durch ihre Straßen, und da er vorüber war, gingen sie in seine Fußstapfen und küßten sie, und er schaute sich um, und sie genasen.
Jesus ging noch beinahe drei Stunden bis auf einen Hügel in der
Nähe von Engannim. Es liegt dieser Ort ungefähr in derselben Linie
wie Ginäa, aber einige Stunden mehr östlich in einem anderen Tal.
Es ist dieses die gerade Richtung nach Nazareth über Endor und
Naim. Von Naim ist es etwa sieben Stunden.
Jesus übernachtete auf diesem Hügel, wohin ihm mehrere Jünger aus Galiläa entgegengekommen waren, in einem Schuppen einer offenen Herberge, wo sie auch etwas aßen, was die Jünger mitgebracht. (Es waren zwei Jünger und zwei Knechte. Sie kamen ihn dringend von seiner Mutter und einem Hauptmann von Kapernaum einzuladen, dessen Sohn krank war.)
8. August 1822 (= 16. Ab) 1 Tagebuih Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten i6~i66
Jesus kam heute früh in der Dämmerung nach Kana und kehrte bei einem Schriftgelehrten an der Synagoge ein. Nachdem er geruht und sich erquickt hatte, war bald der Vorhof des Hauses voll von Menschen, denn man hatte hier seine Nähe von Engannim aus erfahren, und alles erwartete ihn.
Er lehrte den ganzen Morgen und war von einer Masse Volks
140 141
umgeben, als der sogenannte Hauptmann von Kapernaum ankam. Er kam mit mehreren Knechten und Maultieren. Er war sehr eilig und wie in großer Angst und Sorge und suchte von allen Seiten vergebens durch das Volk zu Jesu durchzudringen, vermochte es aber nicht. Da er mehrmals vergebens zugedrungen war, begann er heftig zu rufen: "Ehrwürdiger Meister, laß deinen Knecht vor dich! Ich bin hier als der Gesandte meines Herrn von Kapernaum und als er selbst und als der Vater seines Sohnes, ich bitte dich, doch gleich mit mir zu kommen, denn mein Sohn ist sehr krank und dem Tode nah."
Jesus hörte nicht auf ihn, er aber suchte, da man auf ihn aufmerksamer wurde, mehr einzudringen, drang jedoch nicht durch und schrie von neuem dasselbe: "Komme doch gleich mit mir, mein Sohn ist am Sterben!"
Da er 50 ungestüm schrie, wendete Jesus das Haupt zu ihm und redete zu ihm, dem Volke zu Gehör: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht! Ich weiß deine Sache wohl, ihr wollt damit prahlen und den Pharisäern trotzen, und bedürft es ebensosehr als sie. Das ist nicht meine Sendung, daß ich Wunder tue zu euren Zwecken. Ich bedarf nicht eurer Bestätigung, ich werde mich bewähren, wo es der Wille meines Vaters ist, und werde Wunder tun, wo meine Sendung es erfordert."
Er sprach lang und schmälte ihn vor allem Volk, daß er schon lange auf ihn warte, seinen Sohn heilen zu lassen, um damit gegen die Pharisäer zu prahlen. Sie sollten nicht Wunder an sich für andere begehren, sie sollten glauben und sich bekehren.
Das hörte der Mann ohne allen Erfolg an und ließ sich nicht irr~ machen und drang noch näher und rief nochmals: "Was kann das helfen, Meister, mein Sohn ist am Sterben, komme doch gleich mit mir, er ist vielleicht schon tot!"
Da sagte Jesus zu ihm: "Gehe hin, dein Sohn lebt!" Der Mann sagte noch: "Ist das gewiß?" und Jesus sagte: "Er ist gesund in dieser Stunde auf mein Wort."
Da glaubte ihm der Mann und begehrte nicht ferner, daß er mit ihm reite, und bestieg sein Maultier und ritt sehr schnell nach Kapernaum.
(Jesus sagte auch noch, dieses Mal wollte er es noch tun, in einem ähnlichen Fall nicht wieder.
Der Mann kehrte sich aber an alles nicht und rief immerfort. Ganz bis zu Jesu heran ist er gar nicht gekommen.)
Ich sah diesen Mann nicht als den königlichen Beamten selbst, doch aber als den Vater des Sohnes. Er war ein erster Hausbeamter jenes Hauptmanns von Kapernaum. Dieser hatte keine Kinder, und
hatte lange danach verlangt, und hatte einen Sohn dieses seines vertrauten Dieners und seines Weibes als den seinen angenommen, der jetzt schon vierzehn Jahre alt war. Der Bote kam als der Gesandte, als der Herr und Vater selbst. Ich habe alles das gesehen, und ist mir das ganze Verhältnis erklärt, und hat vielleicht Jesus ihn auch deshalb so lange rufen lassen. Es war dieses übrigens nicht bekannt.
Der Knabe hatte schon lange nach Jesu verlangt. Zuerst war die Kranlcheit gelind, und sie verlangten schon nach Jesu um der Phansäer wegen. Seit vierzehn Tagen wurde die Krankheit heftiger, und der Knabe hatte bei den vielen Arzneien immer gesagt: "Die vielen Tränkchen helfen mir nicht, nur Jesus, der Prophet von Nazareth, wird mir helfen!" - Und da nun die Gefahr so groß war, schickten sie schon nach Samaria Botschaft mit den heiligen Frauen, und dann wieder Andreas und Nathanael gegen Engannim. Endlich ritt der Vater und Verwalter selbst nach Kana, wo er Jesum fand. Jesus hatte aber gezögert, um ihre Absicht zu strafen.
Es war von Kana nach Kapernaum eine Tagreise. Der Mann eilte aber so, daß er noch vor Nacht ankam. Ein paar Stunden vor Kapernaum kamen ihm Knechte entgegen und sagten, daß der Knabe gesund sei. Sie hätten ihm nachziehen und sagen sollen, er brauche sich nicht weiter zu bemühen, wenn er Jesum noch nicht gefunden hätte. Man hätte die Kosten sparen können, denn der Knabe sei um die siebente Stunde plötzlich von selbst gesund geworden.
Da sagte er ihnen die Worte Jesu, und sie wunderten sich und eilten mit ihm nach Haus. Ich sah aber den Hauptmann 5 o robabel mit dem Knaben ihm unter der Türe entgegenkommen.
Der Knabe umarmte ihn, und er erzählte die Worte Jesu, und seine mitgewesenen Knechte beteuerten alles. Da war ein großer Jubel.
Ich sah auch ein Mahl bereiten. Der Jüngling saß zwischen seinem Pflegevater und wirklichem Vater, und die Mutter saß auch dabei. Der Knabe liebte den rechten Vater ebensosehr als den vermeinten, und dieser hatte auch große Gewalt im Haus.
Alle Diener und Arbeiter des Hauses und der vielen umliegenden Gärten - denn er wohnte an einer Seite in der Stadt wie auf einem kleinen Landgut - wurden herbeigerufen, allen ward das Wunder erzählt. Alle wurden sehr gerührt und glaubten an Jesum, und ich
142 143
sah alles Gesinde während des Mahles vor dem Saal einen Lobgesang anstimmen. -Der Jüngling ist erst nach dem Tode Jesu zu den Jüngern gekommen.
Ich sah auch Boten von Nazareth heute zu Kana bei Jesu.110 Sie sagten, es sei in seiner Vaterstadt erklungen, welche große Wunder er in Judäa, Samaria und vorgestern in Engannim getan. Er wisse aber wohl, in Nazareth sei man der Meinung, wer nicht in der Schule der Pharisäer gelernt habe, der könne nicht viel wissen. Es sei daher ihr Wunsch, er möge zu ihnen kommen und sie eines besseren belehren. Sie meinten ihn dadurch zu locken. Aber er sagte, er wolle zuerst nach Kapernaum gehen und dann auch zu ihnen kommen.111
10. August J1822J (= 17. Ab) / Tagebu~ Bd. v, Heft 9 / Viertelseiten
187-293
Sie ist krank und unterhält sich mit dem Söhnchen ihres Bruders, und somit bleibt nur folgendes übrig:
Jesus ging am Sabbathmorgen früh mit seinen Jüngern nach Kapernaum aus der Wohnung seiner Mutter, die etwa dreiviertel Stunden gegen Bethsaida zu liegt. Der Weg führt von da etwas aufwärts und dann wieder abwärts nach Kapernaum.
Bald vor dem Tor liegt in einer Tiefe ein Haus, in welches ein frommer alter Mann als Verwalter gesetzt ist. Dieses Haus ist zur Aufnahme Jesu und der Jünger hier bestimmt. Es fanden sich alle Jünger von Bethsaida und der Gegend Kapernaum ein. Maria und die heiligen Frauen folgten später.
Als Jesus in die Stadt kam, waren schon sehr viele Kranke ausgestellt, welche schon gestern gekommen und noch nicht geheilt waren. Jesus heilte sehr viele auf dem Weg zur Synagoge, in welcher er u. a. über eine Parabel lehrte, die ich vergessen habe.
Als er vor der Synagoge beim Herausgehen noch lehrte, warfen sich mehrere Leute vor ihm nieder und begehrten Vergebung ihrer Sünden. Es waren zwei ehebrecherische, von ihren Männern verstoßene, öffentliche Weiber und etwa vier Männer, worunter solche, die mit jenen gesündigt hatten. Sie zerflossen in Tränen und wollten ihre Sünden vor dem ganzen versammelten Volk bekennen. Jesus aber sagte zu ihnen, daß ihre Sünden ihm bekannt seien. Es werde eine Zeit kommen, wo selbst das offene Bekenntnis werde nötig sein. Hier aber könne es nur Ärgernis und ihnen Verfolgung bringen. Er
ermahnte sie auch, über sich zu wachen, damit sie nicht zurückfielen, nie aber selbst bei dem Rückfall zu verzweifeln, sondern sich zu Gott zu wenden und zur Buße. Er vergab ihnen auch ihre Sünden, und da diese Männer fragten, zu welcher Taufe sie gehen sollten, ob zur Johannisjüngertaufe oder ob sie seiner Jünger Taufe harren sollten, sagte er, sie sollten zur Johannisjüngertaufe gehen.
Die Pharisäer, die gegenwärtig waren, wunderten sich sehr, daß er Sünden zu vergeben wage, und setzten ihn darüber zu Rede. Er brachte sie mit seinen Antworten zum Schweigen und sagte, es sei ihm leichter, die Sünden zu vergeben, als zu heilen, denn wer aufrichtig bereue, dem seien die Sünden vergeben, und er sündige nicht leicht wieder - die Kranken aber, die geheilt würden am Leibe, blieben oft an der Seele krank und gebrauchten ihren Leib zur Sünde.
Sie fragten ihn auch, ob dann nun, da diesen Weibern ihre Sünden vergeben seien, ihre Männer, die sie verstoßen, sie wieder nehmen müßten. Jesus sagte, hierüber erlaube die Zeit nicht zu sprechen. Er wolle sie ein andermal darüber belehren. Auch über das Heilen am Sabbath fragten sie ihn, und er verteidigte sich und sagte, wenn ihnen ein Tier in den Brunnen falle am Sabbath usw., zögen sie es heraus. -Nachmittag ging er in das Haus vor Kapernaum mit allen Jüngern. Die heiligen Frauen waren schon dort. Es wurde eine Mahlzeit hier genommen, welche der Hauptmann Sorobabel besorgt hatte. Dieser und Selathiel, der Vater des Knaben, lagen mit zu Tisch. Jesse 112, der Knabe, diente. Die Frauen saßen an einem anderen Tisch. Jesus sprach und lehrte. Sie schleppten ihm die Kranken bis in dieses Haus und drangen mit Hilfsgeschrei in den Speisesaal. Er heilte viele. -Nach Tisch ging er abermals in die Synagoge, und ich hörte ihn
u. a. von Jesajas lehren, wie er dem König Anaz prophezeit: Siehe, die Jungfrau wir~ gebären und einen Sohn gebären, usw.113 Als er die Synagoge verließ, heilte er noch viele Menschen auf den Straßen bis in die Nacht. Unter diesen befanden sich mehrere blutilüssige Frauen, welche, entfernt und verhüllt, traurig standen und ihm und dem Volk nicht nahen durften. Jesus wußte ihr Leid, wendete sich gegen sie und heilte sie mit einem Blick. Er berührte solche Leidende nie. Es liegt ein Mysterium in diesem Verbot, das ich jetzt nicht au~ sprechen kann. An diesem Abend brach ein Festtag an.
Als er mit den Jüngern nach seiner Mutter Haus ging, war die Rede davon, daß er am Morgen mit ihnen nach dem See gehen wolle,
144 145
und ich hörte, daß Petrus sich wegen seinem schlechten Schiff entschuldigte.
Die Leute, denen er die Sünden vergeben hatte, waren in Bußkleidern und verhüllt. -Am vorletzten Sabbach waren die Juden schwarz gekleidet, und die ganze letzte Zeit war ein Bußleben wegen der Feier der Zerstörung Jerusalems. Darum auch seine strengen Lehren von der Strafe über Jerusalem.
Als Jesus nach dem Sabbath beim Anbruch des Festtags, des i8. Ab 114, von seinen vielen Heilungen nach dem Hause seiner Mutter gehend Kapernaum verließ, kam er in der Stadt an einem Gebäude vorüber, welches mit Wasser und einer Brücke umgeben war. Man sperrte darin die bösartigeren Besessenen abends ein. Sie tobten und schrien bei seinem Vorübergehen: "Da geht er! Was will er? Warum will er uns vertreiben?" Da sprach Jesus: "Schweiget und bleibet, bis ich wieder komme, dann ist eure Zeit zu weichen", und sie wurden ruhig.
Als er die Stadt verlassen, sah ich, daß die Pharisäer und Oberen der Stadt sich versammelten und daß der Hauptmann Zorobabel auch dabei war. Sie hielten einen Rat über alles, was sie gesehen hatten und was sie von Jesu halten sollten und welche Maßregeln ergreifen. Sie sagten: "Welchen Aufstand und Unruhe macht dieser Mensch. Aller ruhiger Gang wird gestört. Die Leute verlassen ihre Arbeit und ziehen mit ihm herum. Er beunruhigt und beschimpft alles mit seinen Strafreden. Er spricht immer von seinem Vater. Ist er nicht von Nazareth, der Sohn des armen Zimmermanns? Wie kann er solche Kühnheit und Sicherheit haben? Auf welches Recht stützt er sich? Er heilt und stört am Sabbath. Er vergibt die Sünden. Kommt seine Kraft von oben? Hat er geheime Künste? Wo hat er alle seine Auslegungen der Schrift her? Er ist nicht in die Schule gegangen zu Nazareth. Er muß irgendeinen geheimen Zusammenhang haben mit einem fremden Volk. Er spricht immer von der Ankunft des Reichs, der Nähe des Reichs, der Zerstörung Jerusalems. Sein Vater Joseph war von vornehmem Geschlecht. Vielleicht ist er ein unterschobenes Kind von einem anderen mächtigen Vater, der sich Anhang im Land sucht und sich der Herrschaft von Judäa bemeistern will. Er muß eine große geheime Hinterlage, eine unbekannte Unterstützung haben, auf die er sich verläßt, sonst könnte er nicht so sicher und so kühn, als hätte er alles Recht dazu, gegen allen Gebrauch und Autorität handeln. Er war oft lange abwesend. In wel
chen Verbindungen muß er stehen? Wo mag er seine Künste und Wissenschaft her haben? Was ist zu tun mit ihm, usw.?"
So redeten sie in mancherlei Vermutungen und Ärgernis durchemander. Der Hauptmann Zorobabel hielt sich ganz ruhig und wußte sie zuletzt zu beruhigen, denn er sagte zu ihnen, sie sollten sich ohne Sorge verhalten. Ist seine Macht von Gott, so wird sie sich gewiß bestätigen. Ist sie es nicht, so wird sie zerfallen. Solange er uns heilt und bessert, dürfen wir ihn gewiß lieben und dem danken, der ihn gesandt hat. Jesus übernachtete bei der Wohnung seiner Mutter vor Kapernaum.
15. Aogz~st 118221 (=
22. Ab) 1 Tagebud: Bd. v, Hefi 9 / Viertelseiten
235-240
Jesus ging in der vorigen Nacht, Mittwoch, um zwölf Uhr, aus dem Haus seiner Verwandten in Klein-Sephoris und sonderte sich im Gebete ab.
Ich sah ihn heute zwischen dem kleinen und großen Sephoris in das ehemalige väterliche Gut Annfas gehen. Er hatte nur einen Jünger bei sich. Die hier Wohnenden waren durch Anheiratungen nicht mehr nah mit ihm verwandt. Es war aber noch eine alte wassersüchtige Frau hier bettlägerig, die ihm näher verwandt war, und es saß gewöhnlich ein kleiner blinder Knabe bei ihr.
Er betete mit der alten Frau. Sie mußte ihm nachsprechen, und er hielt ihr etwa eine Minute lang die Hand auf den Kopf und die Magengegend. Da kam sie ganz in sich und war etwa eine Minute ohnmächtig und fühlte sich ganz erleichtert. Jesus gebot ihr dann aufzustehen. Die Wassersucht war dann nicht wie weggeblasen, sondern die Frau konnte gehen und war in kurzer Zeit ohne Beschwerde durch Schweiß und Ausleerung erledigt.
Die Frau bat ihn für den blinden Knaben. Er war etwa acht Jahre alt und hatte nie gesehen und gesprochen, aber er hörte. Sie lobte seine Frömmigkeit und seinen Gehorsam. ~esus legte ihm den Zeigefinger in den Mund, und dann hauchte er auf beide Daumen seiner Hand oder benetzte sie mit Speichel, was ich nicht mehr weiß, und hielt sie, betend emporschauend, zugleich auf die Augen des Knaben, die geschlossen waren. Dann schlug er die Augen auf, und das erste, was er (jemals) erblickte, war Jesus (sein Erlöser). Der Knabe war ganz verwirrt vor Freude, Ungewohniheit und Erstaunen. Er flog unsicher gegen Jesum hin und dankte stammelnd und weinte zu
146 147
seinen Füßen. Er ermahnte ihn aber über den Gehorsam und die Elternliebe. Da er blind dieselbe geübt, solle er sie sehend noch treuer ausüben und seine Augen nicht zur Sünde gebrauchen, usw. Hernach kamen die Eltern, die Leute des Hauses, und es war große Freude und Lobpreisen.
Jesus heilte nicht einen wie den anderen. Er heilte auch nicht anders als die Apostel und die späteren Heiligen und Priester bis auf unsere Zeit. Er legte die Hände auf und betete mit den Kranken. Er tat es aber schneller als die Apostel. Seine Heilungen und Wunder tat er auch als Vorbild für seine Nachfolger und Jünger. Er tat sie immer auf eine Art, welche dem Übel und Bedürfnis angemessen war. Lahme berührte er, und ihre Muskeln wurden entbunden, und sie richteten sich auf. Bei zerbrochenen Gliedern faßte er den Bruch in die Hände, und sie fügten sich zusammen. Von Aussätzigen sah ich auf seine Berührung die Blattern sich sogleich trocken abschuppen. Aber ich sah rote Flecken zurückbleiben, welche nach und nach, jedoch schneller als gewöhnlich und nach dem Grade des Verdienstes der Heilung vergingen. Ich habe nie gesehen, daß er eine Heilung getan, so daß ein Buckliger im Augenblick kerzengerade, ein krummer Knochen ein gerader Knochen gewesen sei, nicht, als habe er es nicht gekonnt, sondern er tat es nicht, denn seine Wunder waren kein Schauspiel, sondern sie waren Werke der Barmherzigkeit. Sie waren ein Bild seiner Sendung, ein Entbinden, Versöhnen, Lehren, Entwickeln, Erziehen, Erlösen, und so wie er seiner Erlösung teilhaftig zu werden, die Mitwirkung der Menschen verlangte, so mußte auch bei den Heilungen der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Reue und Besserung der Menschen als Mitwirkung des Empfangs erscheinen. Jedem Zustand geschah sein Recht in der Behandlung, wodurch eine jede Krankheit und ihre Heilung ein Sinnbild einer geistlichen Krankheit, einer Sünde und Strafe und einer Heilung, einer Verzeihung und Besserung wurde ~.
Nur bei den Heiden sah ich einige seiner Wunder auffallender und seltsamer. Die Wunder der Apostel und späterer Heiliger waren weit auffallender und dem gemeinen Naturgang widersprechender, denn die Heiden bedurften Erschütterung, die Juden nur Entbindung, usw.
Oft heilte er durch Gebet in die Ferne, oft durch einen Blick, besonders blutilüssige Frauen, welche ihm nicht zu nahen wagten und auch nicht durften nach jüdischen Gesetzen. Solche Gesetze, welche einen geheimen Sinn hatten, befolgte er, andere nicht.
Ich habe zu Ataroch blutilüssige Frauen seine Fußstapfen küssen
und genesen gesehen. Ich sah in Kapernaum solche aus der Ferne nach ihm blicken und genesen.
Jesus lehrte noch in der Gegend hie und da an einzelnen Orten... Gegen Abend ging er an eine einzeln bei einigen Wohnungen liegende Schule in gleicher Entfernung von Nazareth als KleinSephoris. Hier kamen sein zweiter ihn begleitender Jünger und der Jünger Parmenas von Nazareth zu ihm. Sie aßen dort bei einer Herberge unter freiem Himmel einige Speisen. Ich sah Synagogendiener von Groß-Sephoris Rollen hierher tragen und glaube deswegen, es werde morgen eine Lehre hier gehalten werden.
Parmenas war schon ein Jugendfreund Jesu und würde bereits mit den anderen Jüngern ihm gefolgt sein, wenn er nicht ein paar arme Eltern in Nazareth gehabt hätte, welche er durch allerlei Geschäfte und besonders durch Botengänge ernährte...
fAugust 1822J 1 Tagebutii Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 311-312
... Ich sah bei allen Heilungen einen gewissen Übergang nach Art der Krankheiten und Sünden. Ich sah bei allen, über die er betete, oder denen er die Hand auflegte, eine Stille und Innerlichkeit von einigen Augenblicken eintreten, und sie erhoben sich genesend, wie aus einer kleinen Ohnmacht. Lahme erhoben sich sanft, warfen sich vor ihm nieder und waren gesund, aber die ganze Kraft und Behendigkeit der Glieder trat erst nach einiger Zeit ein, bei einigen in Stunden, bei anderen in Tagen, usw.
Ich sah Wassersüchtige, die noch zu ihm wanken konnten, und solche, die getragen wurden. Er legte diesen meistens die Hand auf Kopf und Magen. Sie konnten nach seinen Worten sogleich sich aufrichten und gehen, fühlten sich ganz leicht, und das Wasser wich in Schweiß von ihnen. Aussätzige verloren gleich nach seiner Heilung die Schuppen, hatten dankend aber doch noch rote Male, wo der Ausschlag gesessen.
Sehend, sprechend, hörend Gewordene hatten im Anfang noch die Äußerung der Ungewohnheit dieser Sinne.
Ich sah Gichtgeschwollene geheilt. Sie waren schmerzlos und konnten gehen, aber die Geschwulst war nicht wie weggeflogen, sondern sie wich nur sehr bald.
Krampfige waren gleich geheilt, die Fieber wichen, aber die Menschen waren nicht im Augenblick wieder ganz stark und frisch. Sie genasen wie eine verwelkte Pflanze auf den Regen.
148 149
Die Besessenen sanken gewöhnlich in kurze Ohnrnacht und erhoben sich dann frei, aber müde und mit beruhigtem Antlitz. So ging alles sehr ruhig und ordentlich her, und nur den Ungläubigen und Feindseligen hatten die Wunder Jesu etwas Schreckliches.
Die Heiden, welche hierher zogen, waren meistens durch Leute, welche bei Johannis Taufe und Lehre gewesen, auch durch Heiden aus Obergaliläa und sonst, wo Jesus gelehrt und geheilt hatte, aufgeregt und strebten nach Unterricht. Manche hatten Johannis Taufe, andere nicht. Jesus befahl ihnen die Beschneidung nicht. Er lehrte, wenn sie darüber fragten, von der Beschneidung des Herzens und aller Sinne. Er lehrte sie, wie sie sich halten sollten. Er lehrte sie Nächstenliebe, Mäßigkeit, Abbruch, befahl ihnen, die Zehn Gebote zu halten, lehrte sie einzelne Teile eines Gebetes, wie einzelne Bitten des Vaterunsers. Er sagte ihnen auch, daß er ihnen Jünger senden wollte, und ich sah, daß zu solchen die länger hauptsächlich nachher kamen.
Freitag, Jr 6.1 August ,1822
115 / Tagebuch Bd. v, Heft 9 / Viertelseiten 24~244
Ich sah heute morgen viele Lehrer und Pharisäer aus Groß-Sephoris und Klein-Sephoris und der Gegend und auch einiges andere Volk in der allein liegenden Schule zusammenkommen, bei der Jesus sich gestern eingefunden hatte. Sie kamen mit ihm über die Stelle von der Ehescheidung zu disputieren, welche er am Mittwoch dem Lehrer in der Synagoge zu Klein-Sephoris als unerlaubt eingeflickt verwiesen hatte. Sie hatten dieses in Groß-Sephoris sehr übelgenommen, denn diese eingeschobene Auslegung stammte aus ihrer Lehre her. Die Ehescheidungen wurden in dieser Stadt sehr leichtsinnig betrieben, und sie hatten ein eigenes Haus, wo sie die geschiedenen Frauen hineintaten.
Jener Lehrer, der seine Schuld eingestanden, hatte eine Gesetzrolle abgeschrieben und kleine verkehrte Auslegungen dazwischen eingefügt. Sie disputierten lange gegen Jesum und wollten gar nicht einsehen, wie er sich herausnehmen könne, das auszustreichen. Er brachte sie aber zum Schweigen, jedoch nicht zur Erkenntnis, wie den ersten. Er bewies ihnen das Verbot der Einschaltung, und daher die Pflicht der Austilgung, und bewies ihnen die Falschheit jener Erklärung und verwies die Umgehung des Gesetzes der Ehescheidung in ihrer Stadt scharf. Er sagte, in welchen Fällen es ganz unerlaubt
sei, daß der Mann die Frau verstoße, und sagte, wenn ein Teil den anderen gar nicht lieben könnte, so könne er sich mit Einwilligung des anderen von ihm absondern, aber der stärkere Teil dürfe den anderen nicht gegen dessen Willen und Schuld vertreiben.
Er richtete aber wenig bei ihnen aus. Sie waren geärgert und aufgeblasen, obschon sie ihn nicht widerlegen konnten. -Der von Jesu in Untersephoris überwiesene und bekehrte Schriftgelehrte tat sich ganz von den Pharisäern ab und erklärte seiner Gemeinde, er werde ohne Zusatz künftig das Gesetz lehren, und wenn sie dies nicht wollten, sich ganz zurückziehen. Die eingeschaltete Stelle in das Scheidungsgesetz war: Wenn ein Teil der zwei Eheleute früher mit einem anderen zu tun gehabt habe, so bestehe die Ehe nicht, und der mit dem einen Teil zu tun gehabt habe, könne diesen als sein reklamieren, wenn die Leute auch gut zusammenlebten. Dieses verwarf Jesus und nannte das Scheidungsgesetz nur als für ein noch rohes Volk gegeben. Er erlaubte auch wohl Scheidung, doch nie Wiederverehelichung.
Es waren aber zwei der vornehmsten Pharisäer bei diesem Disput selbst in der Lage, hieraus Scheidung für sich zu entwickeln 116, und sie hatten darum seit längerer Zeit solche Gesetzerweiterungen auf die Bahn gebracht. Es war nicht bekannt, aber Jesus wußte es und sagte zu ihnen: "Ihr verteidigt doch in dieser Gesetzverdrehung nicht etwa eure eigene Fleischesnot?" Darüber ärgerten sie sich ganz entsetzlich.
Nachmittags ging Jesus nach Nazareth, wohin er etwa zwei Stunden hatte, ungefähr ebensoweit als von Klein-Sephoris, welches von hier östlicher lag.117
Jesus kehrte an der Seite, wo er einging, vor der Stadt in der Wohnung der Nachgelassenen seines verstorbenen Freundes, des Esseners Eliud, ein. Sie wuschen ihm die Füße und gaben ihm eine Erquickung. Diese Leute waren ruhig dienend und liebevoll. Sie sagten ihm auch, wie sehr die Nazarethaner sich seiner Ankunft erfreuten. Er sagte ihnen aber, diese Freude werde nicht lange dauern, denn sie würden nicht hören wollen, was er ihnen sagen müsse.
Er ging hierauf in die Stadt. Man hatte vor dem Tor auf iün zu warten bestellt. Kaum erschien er, als ihm verschiedene Pharisäer und Vornehme und vieles Volk entgegenkam en. Man empfing ihn sehr feierlich und wollte ihn in eine öffentliche Herberge führen, wo sie ihm eine Empfangsmahlzeit vor dem Sabbath eingerichtet
150
151
hatten. Er nahm es aber nicht an und sagte, er habe jetzt anderes zu tun, und begab sich gleich in die Synagoge, wohin sie ihm folgten und sehr vieles Volk zusammenkam. Es war noch vor dem Einbruch des Sabbaths.
Er lehrte hier von der Ankunft des Reichs, von der Erfüllung der Prophezeiungen. Er begehrte die Rollen des Jesajas und rollte sie auf und las 118 eine Stelle, die er ganz sprach, als sei von ihm selbst die Rede, daß der Geist Gottes über ihm sei, und daß er gekommen sei, den armen, elenden Menschen das Heil zu verkünden, und wie alles Unrecht sollte ausgeglichen . . . die Witwen getröstet, die Kranken geheilt, den Sündern vergeben werden, usw. Das stand teils darin, teils legte er es so aus. Er sprach gar schön und lieblich. Sie waren alle verwundert und noch voll Freude an ihm heute abends, sprachen aber doch manchmal untereinander: "Er spricht gerade, als wenn er der Messias selbst sei! " Aber die Bewunderung hatte sie so gefesselt, daß sie voll Eitelkeit waren, daß er aus ihrer Stadt sei, und sie hörten ganz vergnügt zu.
Er lehrte auch noch, als der Sabbath anging, von einer Stimme des Wegebereiters in der Wüste 119, und wie alles solle ausgeglichen und geebnet werden. Nachher war er mit ihnen bei einem Mahl. Sie waren sehr freundlich mit ihm. Sie sprachen auch mit ihm, es seien viele Kranke da, er solle sie doch heilen. Er lehnte es aber ab, und sie nahmen das einstweilen so hin, meinten jedoch, er werde es morgen doch tun. Nach dem Mahl ging er wieder zu den Essenern hinaus. Da diese noch sehr erfreut waren über seinen guten Empfang, sagte er ihnen, sie sollten warten bis zum folgenden Tag, da würden sie anderes erfahren.
Samstag, 17. August 11822
(=24. Ab) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 1 Viertel-seiten 245-252
Am Samstagmorgen lehrte Jesus wieder in der Synagoge. Es wollte zwar ein anderer Jude, an dem die gewöhnliche Reihe war, die Rolle nehmen. Jesus aber verlangte die Rolle und lehrte aus dem fünften Buch Moses', Kap. 4, von dem Gehorsam gegen die Gebote, und daß man nichts hinzu- und davontun solle, und wie Moses den Kindern Israel alles wiederholt, was Gott geboten, und wie sie es schlecht gehalten. Es kamen auch die Zehn Gebote in der Lesung vor und die Auslegung des ersten Gebots von der Liebe Gottes. Jesus lehrte hierüber sehr streng und warf ihnen vor, wie
sie allerlei zum Gesetze zuflickten und dem armen Volk Lasten auferlegten und das Gesetz selbst nicht erfüllten. Er griff sie auch so ernst an, daß sie sich ärgerten, denn sie konnten nichts sagen, daß er die Unwahrheit spräche.
Sie murrten aber und sagten zueinander: "Wie ist er auf einmal so keck, er ist kurze Zeit hier weg und stellt sich wunder wer er wäre! Er spricht gar, als sei er der Messias, und wir kennen seinen Vater, den armen Zimmermann, gut, und ihn auch! Wo hat er gelernt? Wie wagt er uns das zu bieten?" Und sie fingen an, sich stille an ihm zu ärgern, denn sie waren beschämt und überführt vor allem Volk.
Er lehrte aber ruhig fort und ging zu seiner Stunde hinaus zu der Essenerfamihe, weniges zu essen. Hier kamen die Söhne des reichen Mannes zu ihm, welche ihn schon die vorigen Male um Aufnahme unter die Jünger so dringend gebeten hatten, deren Eltern aber nur weltlichen Ruhm und Gelehrsamkeit dabei suchten. Sie verlangten, er solle bei ihnen essen. Er nahm es nicht an. Sie baten nochmals um Aufnahme und sagten, daß sie alles erfüllt hätten, was er ihnen geboten. Da sagte er: "Wenn ihr das getan habet, so bedürft ihr nicht, meine Schüler zu werden, so seid ihr bereits selbst Meister! " Und somit wies er sie ab.
Er aß und lehrte bei den Essenern und im häuslichen Kreis, und sie sprachen, wie sie auf mancherlei Weise bedrückt würden. Er riet ihnen auch, nach Kapernaum zu ziehen, wo er künftig wohnen würde.
Unterdessen hatten die Pharisäer sich untereinander beraten und aufgehetzt und beschlossen, wenn er heute abend wieder so frei spreche, ihm zu zeigen, daß er kein Recht hier habe, und an ihm auszuüben, was man in Jerusalem längst gewünscht. Sie hofften aber noch immer, er würde einlenken und Wunder tun aus Respekt vor ihnen, und als er in die Synagoge zum Schluß des Sabbaths kam, hatten sie Kranke vor die Synagoge gebracht. Er ging aber durch sie durch und heilte keinen.
In der Synagoge fuhr er fort, von der Fülle der Zeit, von seiner Sendung, von der letzten Zeit der Gnade zu sprechen, und von ihrem Verderben und ihrer Strafe, so sie sich nicht besserten, und wie er gekommen sei, zu helfen, zu heilen und zu lehren.
So ärgerten sie sich immer mehr und murrten. Da sagte er: "Ihr saget aber: Arzt, heile dich selber! So du in Kapernaum und sonst Wunder getan, tue sie nun auch hier an deiner Vaterstadt! Aber es gilt kein Prophet etwas in seiner Vaterstadt! " Da ärgerten sie sich
152 153
immer mehr und murrten, und er verglich die jetzige Zeit mit großer Hungersnot, und die einzelnen Städte mit armen Witwen, und sagte, zu Elias' Zeiten bei der Hungersnot waren auch viele Witwen im Land, und der Prophet sei doch zu keiner gesandt worden als zu der Witwe zu Sarepta, und zu Elisäus' Zeiten seien viele Aussätzige gewesen, und er habe doch nur Naeman, den Syrer, geheilt. Und so verglich er ihre Stadt mit einem Aussätzigen, der nicht geheilt wurde. Sie aber ergrimmten . . . entsetzlich, daß er sie mit Aussätzigen verglich, und standen von ihren Sitzen auf und tobten gegen ihn und wollten ihn ergreifen. Er sagte aber: "Haltet, was ihr lehret, und brechet den Sabbath nicht! Hernach tuet, was ihr vorhabt! " So ließen sie ihn mit Murren und mancherlei Hohn reden und verließen ihre Plätze und gingen hinaus gegen die Türe.
Jesus aber lehrte noch und legte seine letzten Worte aus und begab sich aus der Synagoge, und ungefähr zwanzig ergrimmte Pharisäer umgaben ihn vor der Türe und faßten ihn an und sagten:
"Wohlan, nun komme mit uns auf einen hohen Platz. Da magst du deine Lehre nochmals vorbringen, da wollen wir dir antworten, wie auf deine Lehre zu antworten ist!"
Er sagte ihnen aber, sie sollten ihn lassen, er wolle ihnen folgen, und sie gingen rings um ihn wie eine Wache, und vieles Volk hinterdrein, und es war ein unbändiges Schmähen und Höhnen im Augenblick, da der Sabbath geschlossen war. Sie tobten durcheinander. Jeder wollte einen besseren Hohn anbringen: "Wir wollen dir antworten! Du sollst zur Witwe von Sarepta gehen! Du sollst Naeman, den Syrer, heilen! Bist du Elias, so fahre gen Himmel! Wir wollen dir einen guten Platz zeigen! Wer bist du? Warum hast du deinen Anhang nicht mitgebracht? Du hattest den Mut nicht! Hast du nicht hier mit deinen armen Eltern dein Brot gehabt, und nun, da du satt bist, willst du uns schmähen! Aber wir wollen dich hören, du sollst reden vor allem Volk unter freiem Himmel, wir wollen dir antworten! " Und so ging es unter Geschrei des Volkes den Berg hinan. Jesus aber lehrte immer ruhig fort und antwortete auf ihre Reden mit heiligen Sprüchen und tiefen Worten, welche sie teils beschämten, teils mehr ergrimmten.
Die Synagoge lag ganz an der Abendseite von Nazareth. Es ward schon dunkel. Sie hatten ein paar Leuchten bei sich. Sie führten ihn an der Morgenseite der Synagoge herum und drehten sich hinter ihr in einer breiten Straße wieder gegen Abend zur Stadt hinaus. Am Berg aufsteigend kamen sie auf einen hohen Rücken, auf dessen
mitternächdicher Seite unten Sumpf war und der gegen Mittag zu einen Felsvorsprung mit einem steilen Absturz bildete. Es war da eine Stelle, wo sie Verbrecher hinabzustürzen pflegten, und sie wollten ihn da nochmals zur Rede stellen und dann hinabstoßen. Der Abgrund ging in eine enge Schlucht.
Als sie aber nicht weit vor dem Orte waren, sah ich Jesum, der wie ein Gefangener zwischen ihnen war, stillstehen. Sie aber gingen schimpfend und höhnend weiter.
Ich sah zwei lange lichte Gestalten in dem Augenblick neben Jesu und sah, daß er hierauf eine Strecke zwischen dem nachdrängenden Volk wieder zurückging, und dann längs der Stadtmauer auf dem Bergrücken von Nanareth hin und bis an das Tor, durch welches er gestern hereingekommen, und er ging wieder in das Haus der Essener. Es war diesen nicht bange um ihn gewesen, sie glaubten an ihn und erwarteten ihn. Er nahm einige Erquickung zu sich, sprach von diesem Ereignis, sagte ihnen nochmals, nach Kapernaum zu ziehen, erinnerte sie, daß er ihnen diese Behandlung vorausgesagt, und verließ nach etwa einer halben Stunde die Stadt, anfangs in der Richtung, als gehe er gen Kana zu.
Nichts war lächerlicher als die Bosheit und Verwirrung und der Lärm der Pharisäer, als sie ihn auf einmal nicht mehr zwischen sich sahen. Es war ein Geschrei: "Halt! Wo ist er? Halt!" Und das nachdringende Volk drang vor und sie zurück, und es war auf dem schmalen Weg ein Gedränge und Getobe, und einer ergriff den anderen, und sie zankten und schrien und liefen nach allen Schluchten und leuchteten in die Höhlen und meinten, da habe er sich verkrochen. Sie liefen Gefahr, selbst Hals und Bein zu brechen, und jeder schimpfte den anderen, daß er durch seine Schuld entwischt sei. Sie kehrten endlich stille wieder um, nachdem Jesus längst aus der Stadt war. Doch besetzten sie die ganze Gegend des Berges mit Wachen, und rückkehrend sagten sie, da sehe man, wer er sei, er sei ein Gaukler, ein Zauberer, der Teufel habe ihm geholfen, jetzt werde er auf einmal in einem anderen Winkel wieder hervorkommen und alles in Aufruhr bringen.
23. August 1322 (= 30. Ab) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten
313-319
Gestern abend sah ich schon in Bethanien und Kapernaum die Fahnen mit Knoten daran auf den Synagogen (und Fruchtsdhnüre an denselben) und anderen öffentlichen größeren Häusern heraus-
154 155
hängen, weil der letzte Tag des Monats Ab eintrat und heute abend mit dem Sabbaih der erste Elul beginnt.
Jesus heilte heute morgen noch viele kranke Juden in Bethsaida. Er aß in Petri Haus und ging nachher mit den Jüngern, wohin die Frauen schon vorausgegangen, nach Petri Haus, dicht vor Kapernaum, wo ihn wieder viele Kranke erwarteten. Es waren zwei taube Männer dabei, denen Jesus die Finger in die Ohren legte. Zwei andere wurden herangeführt, die kaum gehen konnten und deren Arme unbeweglich steif und die Hände dick geschwollen waren. Jesus legte ihnen die Hand auf und betete und faßte sie bei den beiden Händen und bewegte diese auf und nieder, und sie waren genesen. Die Geschwulst aber wich nicht augenblicklich, sondern etwa in ein paar Stunden. Er ermahnte sie auch, ihre Hände künftig zur Ehre Gottes zu gebrauchen, denn sie waren wegen Sünden in diesem Zustand.
Er heilte noch viele und ging dann zum Sabbath in die Stadt. Es waren unbeschreiblich viele Leute darin, und man hatte die Besessenen aus dem Gefangenenhaus losgelassen. Sie liefen ihm auf den Straßen entgegen und schrien ihn an. Er befahl ihnen aber zu schweigen und auszufahren. Da folgten sie ruhig zur Synagoge zum Erstaunen aller Menschen und hörten seine Lehre.
Die Pharisäer, und besonders die fünfzehn Neugekommenen, saßen um seinen Lehrstuhl her. Man behandelte ihn mit wirklicher Scheu und geheuchelter Ehrfurcht. Man gab ihm die Rollen, und er lehrte aus Jesajas (Kap. 49), daß Gott seines Volkes nicht vergessen habe. Ich erinnere mich, daß er las, wenn auch ein Weib seines Kindes vergessen könne, so würde Gott seines Volkes doch nicht vergessen. Er las und legte aus dem folgenden aus, daß Gott durch die Gottlosigkeit der Menschen nicht könne gebunden werden, sich der Verlassenen zu erbarmen. Es sei die Zeit nun gekommen, wovon der Prophet spreche, Sions Mauern sehe er immerdar; jetzt sei die Zeit, wo die Zerstörer fliehen würden und die Baumeister kommen. Er würde viele versammeln, sein Heiligtum zu zieren. Es würden so viele fromm und gut, so viele würden Wohltäter und Führer des armen Volkes werden, daß die unfruchtbare Synagoge sagen werde:
"Wer hat mir diese Kinder gezeugt?" Die Heiden sollten sich zur Kirche bekehren, die Könige ihr dienen. Der Gott Jakobs werde dem Feind, werde der verderbten Synagoge ihre Beute entreißen, und werde die, welche sich am Heil und Heiland wie Mörder vergreifen, gegeneinander wüten und... einander selbst erwürgen lassen. Er
legte dieses auf den Untergang von Jerusalem aus, so es das Reich der Gnade nicht annähme. Gott frage, ob er sich denn von der Synagoge geschieden habe, ob sie denn einen Scheidebrief habe, ob er denn sein Volk verkauft habe? Ja, wegen der Sünden, sagen sie verkauft. Die Synagoge sei wegen ihrer Verbrechen verlassen! Er habe gerufen, gemahnt, es habe niemand geantwortet. Aber Gott sei mächtig, er könne Himmel und Erde erschüttern.
Alles legte Jesus auf seine Zeit aus. Er bewies, daß alles erfüllt sei. Er sagte, daß der Vater ihn ges and t habe, das Heil zu verkünden und zu bringen und die von der Synagoge Verlassenen und Verführten zu sammeln, und da er die Stelle aussprach als von sich, Gott der Herr habe ihm eine weise Zunge gegeben, die Verlassenen, Verirrten zurückzuführen, er habe ihm die Ohren früh geöffnet, seine Gebote zu hören, und er habe nicht widersprochen als Jesus dieses sagte, nahmen die Pharisäer es ganz plump, als lobe er sich selber. Wenn sie gleich ganz von seiner Rede hingerissen waren und nach der Lehre zueinander sagten, nie habe ein Prophet so gelehrt, so zischelten sie einander doch in die Ohren. Er legte dann noch die Stellen des Prophetenj, daß er sich habe gewiß Mühe um sie gegeben, daß er sich habe ins Angesicht schlagen und seinen Leib habe geißeln lassen, auf die Verfolgung aus, die er erdulde und noch erdulden werde. Er sprach von seiner Mißhandlung in Nazareth, aber wer ihn verdammen wolle, d er solle hervortreten. Alle seine Feinde würden veralten und verfallen mit ihrer Lehre. Der Richter würde über sie kommen. Die Gottesfürchtigen sollten seine Stimme hören, die Unwissenden ohne Erleuchtung sollten zu Gott rufen und hoffen. Das Gericht werde kommen, und die das Feuer angezündet, würden darin zugrunde gehen. Das legte er wieder auf den Untergang des jüdischen Volkes und Jerusalems aus.
Sie konnten ihm kein Wort widersprechen. Sie hörten ganz still zu, nur zischelten sie einander in die Ohren und höhnten und waren doch alle hingerissen.
Er erklärte auch noch etwas aus Moses, das kommt aber immer zuletzt. Er fügte auch noch eine Parabel an und sprach diese mehr zu seinen Jüngern, und zwar dem verräterischen jungen nazarethischen Schriftgelehrten zu Gehör. Es war die Parabel von den ausgeliehenen Talenten, weil dieser so eitel auf seine Kenntnisse war. Dieser wurde dadurch innerlich sehr beschämt, aber nicht gebessert. Er führte die Parabel nicht ganz so an, wie sie im Evangelium steht, aber ganz ähnlich.
156
157
Vor der Synagoge heilte er noch auf der Straße und ging dann vor das Tor mit seinen Jüngern in Petri Haus. Es waren aber Nathanael (Cased) und sponsus und Thaddäus zu diesem Sabbath hierher von Kana gekommen. Thaddäus hielt sich öfters dort auf. Er ging überhaupt oft her und hin im Land, denn er handelte mit Fischernetzen, Segeltuch, Strickwerk und dergleichen. Das Haus war wieder voll von Kranken in der Nacht. Es befanden sich auch abgesondert mehrere flutflüssige Frauen. Einige leiteten sie zu ihm. Eine andere brachte Frauen auf einem Tragebett, ganz eingewickelt Sie sahen bleich und elend aus und hatten schon lange sich nach seiner Hilfe gesehnt. Ich sah diesmal, daß er ihnen die Hände auflegte und sie segnete und daß er die Bettlägerige loszuwickeln und ihr aufzustehen befahl. Eine half der anderen. Er ermahnte sie und entließ sie. Man nahm noch eine kleine Erquickung wie gewöhnlich, und er sprach noch mit den Jüngern. Als sie schlafen gegangen, sonderte er sich nachts noch im Gebete ab.
Die lauernden Pharisäer in Kapernaum hatten den Zweck ihrer Sendung nicht öffentlich ausgesprochen. Sie hatten den Hauptmann Sorobabel auch nur heimlich ausgefragt. Sie hielten sich hier auf unter dem Vorwand, wie manche Juden an andere Orte auf den Sabbath zu reisen, besonders wo ein berühmter Lehrer ist, und auch wie viele in die Gegend Genezareth kommen, sich von Geschäften in ihrer Schönheit und Fruchtbarkeit zu erholen.
27. August 1822J 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 348-356
Die Herodianer waren wieder nach Jotapata zurückgekehrt, und man bearbeitete dort das Volk, wenn Jesus etwa kommen sollte. Man sagte den E inwohnern, es sei möglich, daß Jesus, der Prophet von Nazareth, der am vorigen Sabbath so viel Spektakel in Kapernaum und den vorhergehenden Sabbath in Nazareth gemacht, da er hier nahe bei dem Brunnen Bethuel sei, vielleicht nach Jotapata komme, etwa gar auf den Sabbath. Man warnte sie, sich nicht verführen zu lassen. Sie sollten ihm nicht zujauchzen und ihn nicht so lange reden lassen, sondern ihn so oft unterbrechen mit Murren und Einwürfen, als er ihnen etwas Unbegreifliches, Fremdes vorbringe. So wurde das Volk vorbereitet.
Jesus war am Morgen noch in Bad Bethulien. Ich sah ihn noch eine gar kindliche Lehre halten. Es lagen viele Männer in einem Kreise um ihn her. Er ging inmitten zwischen ihnen herum. Im Hintergrund entfernt und schüchtern standen mehrere gichtlahme Männer, welche das Bad brauchten. Sie hatten sich nie zu Jesu herangewagt. Jesus wiederholte im allgemeinen, was er gestern und vorgestern gelehrt hatte und ermahnte sie zur Reinigung von Sünden. Alle liebten ihn und waren gerührt. Manche sagten: "Herr, wer dich gehört, kann dir nicht widerstehen." Jesus fragte sie. "Ihr habet viel von mir reden hören und habet mich selbst gehört. Wer glaubt ihr, daß ich sei?" Da sagten einige: "Herr, du bist ein Prophet." Andere: "Du bist mehr als ein Prophet. Kein Prophet lehrte solches, keiner tat deine Taten! " Andere aber schwiegen, und Jesus, welcher fühlte, was diese dachten, zeigte auf die Schweigenden und sprach:
"Diese haben recht!"
Einer von den Leuten sagte auch: "Herr, du kannst alles, ist es wahr? Sie sagen, du hättest schon Tote erweckt, die Tochter Jain!" Er meinte jenen Jairus, der in einer Stadt nicht weit von Gabbatha oder Gibea wohnte, wo so verderbtes armes Volk von ihm gelehrt wurde. Ich habe es früher einmal erzählt. Jesus sagte: "Ja", und jener sprach noch davon, warum der Mann nur in einem so schlechten Ort lebte. Da sprach Jesus von Quellen in der Wüste, nämlich es sei gut, daß die Schwachen einen Führer hatten. Die Leute waren sehr vertraut.
Er fragte sie dann: "Was wißt ihr von mir? Was sagte man auch Böses von mir?" Da sagten einige: "Man klagt dich an, daß du am Sabbath deine Werke nicht einstellst und die Kranken heilst." Da zeigte Jesus nach einem nahe liegenden kleinen Schilfteich, an welchem Hirtenknaben zarte junge Lämmer und anderes junges Vieh weideten, und sagte: "Sehet die schwachen Hirtenknaben und die jungen zarten Lämmer! Wenn eines derselben in den Sumpf stürzte und blökte, würden die anderen nicht alle umherstehen und traurig schreien, und die schwachen Knaben könnten nicht helfen, und der Sohn des Herrn dieser Lämmer ging vorüber am Sabbath und wäre gesandt, die Lämmer zu erhalten und zu weiden. Würde er sich nicht des Lammes erbarmen und es aus dem Sumpf ziehen?" Da hoben sie alle die Hände empor wie die Kinder im Katechismus und schrien: "Ja, ja, er würde es tun." Da sagte Jesus: "Und so es kein Lamm wäre, so es die gefallenen Kinder des himmlischen Vaters~ so es eure Brüder wären, ja ihr selbst, sollte der Sohn des himmlischen Vaters ihnen am Sabbath nicht helfen?" Da sagten wieder alle: "Ja, ja", und Jesus zeigte nach den femstehenden gichtkranken Männern und sagte: "Sehet diese kranken Brüder, sollte ich ihnen nicht helfen,
158 159
wenn sie am Sabbath mich um Hilfe anflehten? Sollten sie keine
Verzeihung der Sünden haben, so sie am Sabbaih bereuten, am
Sabbaih die Sünde bekennten und zum Vater im Himmel schrien?"
Da riefen alle mit aufgereckten Händen: "Ja, ja! "
Jesus winkte jenen Gichtkranken, und sie schlichen schwerfällig in den Kreis. Er sprach einige Worte vom Glauben mit ihnen und betete und sagte: "Strecket eure Arme aus! " Da streckten sie die kranken Arme gegen ihn, und er fuhr ihnen mit der Hand über den Arm und hauchte auf ihre Hände nur einen Augenblick, und sie fühlten sich geheilt und konnten ihre Glieder gebrauchen. Jesus sagte ihnen noch, sie sollten sich baden, und ermahnte sie, sich von gewissen Getränken zu enthalten. Sie warfen sich vor ihm nieder und dankten ihm, und die ganze Gesellschaft war voll Lob und Preis.
Nun aber wollte Jesus von dannen gehen. Sie baten ihn aber noch zu bleiben und waren voll Liebe und guter Gesinnung, und viele waren sehr gerührt. Jesus sagte, er müsse weitergehen und seiner Sendung folgen. Sie geleiteten ihn noch ein Stück Wegs mit den Jüngern, und er segnete sie und ging nach Jotapata, welches etwa eineinhalb Stunden östlich von hier liegt...
Es war Nachmittag, als er hier ankam. Er wusch die Füße und nahm einen Bissen in einer Herberge vor der Stadt. In Jotapata gingen die Jünger vor ihm her nach den Vorstehern der Synagoge und begehrten die Schlüssel für ihren Meister. Er wolle lehren. Da eilte vieles Volk zusammen, und die Schriftgelehrten und Herodianer waren voll Erwartung, ihn in seiner Lehre zu fangen.
Als er in der Synagoge war, legten sie ihm Fragen über die Annäherung des Reiches, über die Zeitrechnung, Erfüllung der Wochen Daniels und über die Annäherung des Messias vor. Jesus hielt eine lange Lehre darüber und wies die ganze Erfüllung der Prophezeiungen mit dem Eintritt dieser Zeit nach. Er sprach auch von Johannes und dessen Weissagung. Sie sagten dabei ganz heuchlerisch, er möge sich doch in seinen Lehren etwas in acht nehrnen und die jüdischen Gebräuche nicht verletzen, er möge sich doch durch die Gefangenschaft Johannis warnen lassen. Was er von der Erfüllung der Wochen Daniels und der Nähe des Messias und Königs der Juden sage, sei ganz vortreiflich, und sei auch ganz ihre Meinung. Sie könnten aber doch den Messias nirgends finden, sie möchten hinschauen, wohin sie wollten. Jesus hatte aber die Prophezeiungen ganz allgemein auf seine Person hin gedeutet, und sie hatten es woM verstanden, stellten sich aber an, als könne das niemand einfallen
und als hätten sie das gar nicht verstanden, denn sie wünschten, daß er recht deutlich heraussprechen sollte, um ihn anklagen zu können. Da sagte Jesus zu ihnen: "Wie heuchelt ihr, was wendet ihr euch von mir ab und verachtet mich? Ihr lauert auf mich und wollet mit den Sadduzäern ein neues Komplott anstiften, wie am Passah zu Jerusalem. Was warnt ihr mich durch Johannes und vor Herodes?"
Und nun sagte er ihnen alle Schandtaten der Familie des Herodes ins Angesicht, alle seine Mordtaten, seine Angst vor dem neugeborenen König der Juden, seinen greulichen Kindermord und sein scheußliches Ende, so auch die Verbrechen seiner Nachfolger, den Ehebruch des Antipas und die Gefangennahme Johannis. So sprach er von der heuchelnden Sekte der Herodianer, welche mit den Sadduzäern zusammenhingen, und welchen Messias, welches Reich Gottes sie erwarteten. Er zeigte auch in die Ferne nach verschiedenen Orten und sagte: "Sie werden nichts gegen mich vermögen, bis meine Sendung erfüllt ist. Ich werde noch zweimal Samaria, Judäa und Galiläa durchwandern. Ihr habt große Zeichen von mir gesehen, ihr werdet noch größere sehen und werdet blind bleiben!" Dann sprach er noch von dem Gericht, von dem Töten der Propheten und von der Strafe über Jerusalem, usw.
Die Herodianer aber, welche ein geheimer Orden waren, der sich nicht gern öffentlich verkünden sah, wurden ganz bleich, als er von des Herodes Schandtaten redete und die Geheimnisse dieser Sekte gerade vor dem Volk aussprach. Sie schwiegen und verließen einzeln die Synagoge, so auch die Sadduzäer, welche hier die Schulen innehatten. Pharisäer waren nicht hier.
Er war nun mit den sieben Jüngern und dem Volk allein und lehrte diese noch eine Zeitlang. Viele waren gerührt und sagten, sie hätten noch nie so lehren gehört, und er lehre besser als ihre Lehrer. Sie besserten sich auch und folgten ihm später nach. Ein großer Teil des Volkes aber, von den Sadduzäern und Herodianern aufgewiegelt, murrte und machte Tumult.
Da verließ Jesus mit etwa sieben Jüngern die Stadt und ging südlich durch das Tal und dann aufwärts ein paar Stunden in ein Erntefeld und kehrte südöstlich von Bethulien und nordöstlich von Senabris zwischen beiden Städten in einem großen Bauernhaus ein. In diesem Haus waren gute, ihm bekannte Leute. Die heiligen Frauen übernachteten hier oft auf den Reisen nach Bethanien, und es kehrten hier die Boten hin und wieder ein.
i6o i6i
28.29. August 18221/ Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 357~35812O
Jesus hat auf diesem Erntefeld, welches dasselbe ist, auf welchem er später mit den Jüngern die Ähren ausgerauft hat, die im Evangelium vorkommen, bei den Schnittern, Ährensammlerinnen und Binderinnen gelehrt. Er ging hier und da auf dem Feld umher und erzählte vom Sämann und von dem steinigen Acker. Hier war der Acker auch steinig. Er sagte, daß er auch gekommen sei, die guten Ähren zu sammeln, und er erzählte auch das Gleichnis vom Ausraufen des Unkrauts bei der Ernte. Er verglich die Ernte mit dem Reich Gottes. Er erzählte dieses in Zwischenräumen der Arbeit und ging von einem Feld zum anderen. Die Halme blieben hoch stehen, nur die Ähren wurden abgeschnitten und ins Kreuz gebunden.
Am Abend hielt er eine große Lehre vor allen Arbeitern nach der Ernte an einem Hügel. Er sprach auch ein Gleichnis von einem Bach, der dort vorüberfloß, vom sanften, segenbringenden Wandel, von der vorüberfließenden Welle der Gnade, vom Leiten der Gnade auf unser Feld usw.
Er sandte hierauf die zwei Johannisjünger nach Amon zu den Jüngern. Er ließ den Jüngern sagen, sich gegen Machärus zu begeben und das Volk zu beruhigen, denn er wußte, daß ein Tumult vor Machäru s ausgebrochen war. Es hatten sich die Täuflinge sehr zu Amon gehäuft. Es waren große Züge angekommen, und als sie hörten, der Prophet sei gefangen, so zogen sie gegen Machärus, und viele Leute hängten sich an, und sie tobten und schrien, man solle den Johannes freigeben, daß er sie lehre und taufe. Sie warfen auch mit Steinen. Die Wachen schlossen alle Zugänge. Herodes stellte sich, als sei er nicht zu Hause.
29. August 1822 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 364-369
Es waren die Jünger des Johannes, die im Bad von Bethulien zu ihm gekommen, welche Jesus nach Amon zurücksandte von hier, mit der Aufforderung, sie sollten um Johannes jetzt noch nicht in Sorge sein, sie sollten aber schnell nach Machärus senden, daß die Leute dort auseinandergehen möchten, um das Schicksal Johannis nicht zu verschlimmern, denn dieser Tumult könne ihm schweres Gefängnis oder gar den Tod verursachen.
Er schickte selbst einige Hirten von hier gerade nach Machäru~, um sie zu beruhigen.
Herodes und sein Weib waren in Machärus. Ich sah, daß Herodes
den Täufer vor sich berufen ließ. Herodes saß in einem großen Saal in der Nähe der Gefängnisse vor seiner Wache und mehreren Beamten und Schriftgelehrten, besonders Herodianem und Sadduzäern. Johannes wurde in einen Gang vor diesen Saal gebracht und stand vor der großen offenen Türe zwischen den Wachen. Ich sah das Weib des Herodes mit großer Frechheit und voll Hohn an Johannes vorüber in den Saal des Herodes hineinstreichen und sich auf einen hohen Sitz niederlassen. Dieses Weib hatte eine andere Gesichtsform als die meisten jüdischen Frauen. Alle Formen waren sehr spitz und scharf, und der Kopf selbst sehr spitz. Ihre Mienen waren in steter buhlerischer Bewegung. Sie war sehr schön gewachsen und in ihrer Kleidung sehr frech und getrieben, sehr eng geschnürt. Man sah alle Formen ihres Leibes, und jedes Glied war, als spreche es von sich und wolle seine Schönheit zeigen und anbieten und wieder verbergen. Sie mußte jedem unschuldigen Menschen ärgerlich sein und lockte doch alle Augen auf sich.
Herodes fragte den Johannes, er solle ihm deutlich sagen, was er von Jesu halte, der solchen Aufruhr in Galiläa mache. Wer er denn sei, ob er an seine Stelle nun komme. Er habe zwar gehört, daß er früher von ihm verkündet, aber er habe dieses nicht besonders geachtet. Er solle nun nochmals ihm seine volle Meinung sagen, denn dieser Mensch führe wunderbare Reden, spreche von einem Reich, nenne sich in Gleichnissen einen Königssohn u. dgl., da er doch der Sohn eines armen Zimmermanns sei. Nun sah ich, daß Johannes mit lauter Stimme, und ganz als rede er vor dem versammelten Volk, von Jesu Zeugnis gab, wie er nur sein Wegbereiter sei, wie er nichts sei gegen ihn, wie nie ein Mensch noch Prophet das gewesen, noch sein werde, was er sei, daß er der Sohn des Vaters, der Christus, daß er der König der Könige, der Heiland und Hersteller des Reichs, sei, daß keine Gewalt über seine Gewalt, daß er das Lamm Gottes sei, welches die Sünden der Welt trage, usw. So redete er von Jesu laut rufend, nannte sich seinen Vorläufer und Wegbereiter und geringsten Diener. Er sprach dies alles in solcher Begeisterung und laut und hatte ein so übernatürliches Wesen, daß Herodes in die größte Angst kam und sich zuletzt gar die Ohren zuhielt. Er sagte hierauf zu Johannes: "Du weißt, daß ich dir wohl will, aber du redest Aufruhr erregend gegen mich vor dem Volk, indem du meine Ehe verwirfst. So du deinen verkehrten Eifer mäßigst und vor dem Volke meine Verbindung anerkennst, will ich dich freilassen, und du magst hingehen und lehren und taufen." Da erhob Johannes
162
163
abermals seine Stimme mit großem Ernst gegen Herodes und strafte ihn seines Wandels vor dem Volk und sagte ihm: "Ich kenne deine Gesinnung und weiß, daß du das Rechte erkennst und vor dem Gerichte zitterst, aber du hast dich mit Schleppsäcken behängt und liegst in den Schlingen der Unzucht gefangen."
Der Grimm des Weibes bei diesen Worten war nicht auszusprechen, und Herodes kam in solche Angst, daß er den Johannes schnell hinwegzubringen gebot. Er ließ ihn in einen anderen Kerker bringen, welcher keine Aussicht nach außen hatte, so daß er nicht mehr vom Volk konnte gehört werden... Dieses Verhör hielt Herodes aus Sorge über den Aufruhr der Täuflinge und die Nachrichten der Herodianer von Jesu Wundern.
Es war aber im ganzen Land ein Gespräch wegen der strengen Hinrichtung einiger Ehebrecher in Jerusalem, welche die Herodianer aus Galiläa dahin geliefert hatten. Man sprach davon, daß man die kleinen Verbrecher hinrichte und die großen laufen lasse, und daß eben diese Ankläger, die Herodianer, dem ehebrecherischen Herodes zugetan seien, und daß dieser den Johannes gefangengenommen, weil er ihn des Ehebruchs beschuldigt hatte. Dem Herodes war dabei nicht gut zumute.
Ich habe diese Ehebrecher richten sehen. Man las ihnen ihr Verbrechen vor und stieß sie in einer Falle in ein schmales Loch, an dessen Rand sie standen. Sie fielen auf ein Messer, das ihnen die Kehle abschnitt, und unten in einem Gewölbe standen Büttel, welche die Leichname beiseite schleppten. Es war eine Maschine, in die sie stürzten. Es war in der Gegend, wo Jakobus gerichtet wurde...
3. September J18221 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 ~ Viertelseiten
i6; 21-36
Ich sah und hörte auch, was sie damals lernten. Es war von der Religion Abrahams...
Die KananfäJerinnen lernten auch damals von der Erschaffung der Welt und von der Verführung der Eva dureh den Satan. Die bloße Erzählung vom Apfelessen habe ich nicht gehört, aber wohl von sündlicher Vermischung. Ich selbst sah es immer, daß durch das Essen das Gelüsten entstand und diesem die Sünde folgte. Aber sie lernten doch, daß der Satan das Sehenwerden versprochen, und daß die Menschen blind geworden, daß ihnen ein Schauen verloren sei und daß sie nun arbeiten und ringen mußten nach Erkenntnis, und daß Abraham das Heil verheißen sei, usw.
Sie wurden auch gelehrt von der Vermischung der Kinder Gottes und der Menschen und von dem greulichen Geschlecht, das auf dem hohen Berg gewohnt vor der Sintflut und Zauberei und alle Künste getrieben, und in dieser Lehre war das nachherige Treiben mit dem sogenannten Babylonischen Turm mit eingeschlossen, und sie wurden vor solchen Menschen und dem eitlen Trachten und Treiben nach Künsten und Zaubereien und Sinnenbelustigung gewarnt und wurden zur Gottesfurcht, Gehorsam und dem einfachen Hirtenleben angewiesen. Sie lernten auch von Noah, seinen Söhnen und den verschiedenen Stämmen.
Es gab damals auch heilige Bücher. Abraham hatte auch eine heilige Lehre. Ich weiß, daß er sie Isaak übergab und daß Jakob sie bei dem Segen empfing. Ich weiß, daß die Altväter sie oft in den Kleidern eingenäht hatten, und daß selbst Joseph ein solches Buch in den Kleidern eingenäht sorgsam vor Pharao verbarg.
Wenn eine solche Kananäjerin oder andere Fremde sich mit den Israeliten verheiratete, wurde ihr ein Zeichen an die Brust oder zwischen die Brüste gemacht. Es waren diese Zeichen verschieden, und es waren bald ganze Linien, bald einzelne Buchstaben, wie der Stempel, das Wappen Abrahams.
Es lag damals die größte Aufgabe der Religion und der barmherzigen Absichten Gottes mit den Menschen in der Entwicklung eines reineren Menschenstammes, in Trennung und Sammlung der Rassen zu einem heiligeren Geschlecht, welche Entwicklung bei der Geburt der Heiligen Jungfrau erst ihr Ziel erreichte und in allen Propheten und heiligen Zeitgenossen, und dieses währt auf gewisse Art noch jetzt fort.
Es hatten in jenen alten Zeiten auch einzelne Stämme gewisse natürliche Zeichen an sich, wie Muttermale, und besonders auch einzelne auserwählte Sprossen aus denselben, welche Gott zu Propheten, Königen oder auch andern Zwecken bestimmt hatte, und man achtete sehr darauf. Es war dieses ungefähr so, wie noch heutzutag auf Kinder geachtet wird, die mit gewissen Zeichen, z. B. dem sog. Helm und dergleichen, geboren werden. Es waren solche Kinder weiblichen Geschlechts gewöhnlich an der Brust und die Knaben an den Geschlechtsgliedern gezeichnet.
Sie sagt, es seien Male gewesen oder
so etwas.121 Einzelne Männer hätten es auch in der Hüfte gehabt 122, und spricht nicht gern davon. Es seien gezeid~nete Menschen gewesen von einer gewissen Bestimmung. Es habe auch Leute gegeben, welche diese Zeichen unter-
164 165
suchten und verstanden, denn es war oft der Fall, daß sie verfälscht wurden, um einen in irgendeine Rasse oder Würde einzuschließen, wodurcl~ viel verdorben werden konnte. Alles dieses deutet auf die Hand, welche Abraham seinem Knecht in die Hüfte legt, als er ihn bevollmüchtigt, seinem Sohn das Weib Rebekka zu holen, und auch auf die Zeichen, welche die Vorfahren Annas an ihren Töchtern
suchten, und auch Anna, und die, wie sie sagt, von den Essenern lihnen gesagt wurden auf pro phetische Weise.
Ja die Beschneidung selbst scheint ein solches von Gott nun mechanisch eingeführtes Zeichen zu sein zu der Einweihung einer reinen Rasse. ob wohl, was sie unbestimmt von anderer Beschneidung bei andern Völkern sagte, von solchen Zeichen zu verstehen ist? Sie unterscheidet jedoch hiervon, was Gott Abraham gegeben, und dieser seinem Erstgeborenen, das sie immer noch als etwas Sakramentalisches zu heiliger Propagation beschreibt. Auch das aus Jakobs Hüfte Gebrochene?
Bei dieser Gelegenheit sagte sie von Abraham, seine Eltern seien Heiden gewesen und hätten kleine Figuren an gebetet. Auch Abraham habe anfangs noch solche kleine Figuren gehabt. Sie sagt, die Stelle in der Schrift, "Gott führte ihn aus dem Feuer der Chaldäer" (IJ. Esra Nehemial 9, 7) heiße so viel, als habe er ihn frei gehalten von der großen Üppigkeit dieses Volkes, habe ihn bewahrt vor der Feueranbetung, habe ihn ausgeführt aus der Stadt Ur, welches Feuer heißt. Sie wisse aber doch auch noch dunkel eine Geschichte, wie er als Kind im Feuer, so wie Moses im Wasser habe umkommen sollen, und daß seine Amme sich mit ihm verborgen habe, weil auf ihm eine besondere Prophezeiung geruht h~be, und daß seine Amme umgekommen und er eine andere erhalten habe...
Jesus ging am 3. morgens mit den Jüngern in die Knabenschule, bei der er gewohnt. Diese Schule war jetzt eine Stiftung für auf-gefundene elternlose und aus der Sklaverei losgekaufte Judenkinder männlichen und weiblichen Geschlechts. Es waren solche, die entführt und von der jüdischen Lehre entfernt erzogen worden waren. Die Knaben waren von verschiedenem Alter, die Mädchen aber noch verschiedener, so daß die Erwachsenen die Kleineren wieder lehrten. Es hatten an dieser Schule als Lehrer auch Pharisäer und Sadduzäer teil, welche später als Jesus hereinkamen.
Die Knaben hatten außer dem Propheten Elisäus heute etwas von Hiob auszurechnen und konnten gar nicht damit fertig werden.
Jesus legte es ihnen aus und schrieb ihnen alles mit einigen
Buchstaben auf. Er erklärte ihnen auch etwas von einem Maß. Ich habe den Namen vergessen ...
Jesus erklärte den Knaben viel vom Buch Hiob, und zwar weil es von einzelnen Rabbinern als wahre Geschichte angefochten wurde, indem die Edomiter, aus deren Volk Herodes stammte, damit die Juden aufzogen und verspotteten, als glaubten sie an die Wahrheit dieser Geschichte von einem Mann aus dem Land Edom, den doch kein Mensch dort kenne, und es sei diese eine bloße Fabel gewesen, die Israeliten in der Wüste zu unterhalten.
Jesus erzählte den Knaben nun die Geschichte Hiobs, wie sie wirklich geschehen sei, und erzählte sie zugleich in der Weise eines Propheten und eines Kinderlehrers, als sehe er alles vor sich, als sei es seine eigene Geschichte, als habe er alles gesehen und gehört, als habe Hiob sie ihm erzählt. Man wußte nicht, ob er damals mit gelebt oder ob er ein Engel Gottes oder Gott selbst sei. Das war den Knaben nicht sehr befremdend, denn sie fühlten bald, daß Jesus ein Prophet sei, und wußten auch von Melchisedek, daß man nicht wußte, wer er war. Ich habe leider das meiste aus Kummer und Angst vergessen, weiß aber doch noch einiges von der Lehre über Hiob.
Hiob war ein Vorfahre Abrahams von dessen Mutter her im vierten Geschlechtsalter.12: Seine Geschichte und seine Gespräche mit Gott wurden weitläufig von zweien seiner treuesten Knechte, welche wie Rentmeister waren, aufgeschrieben, und zwar aus seinem Mund, wie er es ihnen selbst erzählte. Diese beiden Diener hießen Hai 124 und Uis oder Ois. Sie schrieben auf Rinden. Diese Geschichte wurde gar heilig gehalten bei seinen Nachkommen und kam von Geschlecht auf Geschlecht bis auf Abraham. Auch in der Schule der Rebekka wurden die Kanan~äe rinnen daraus unterrichtet wegen der Unterwürfigkeit unter die Prüfungen Gottes.
So kam diese Geschichte durch Jakob und Joseph zu den Kindern Israels nach Ägypten, und Moses zog sie zusammen und richtete sie zum Gebrauch der Israeliten in ihrer Bedrückung in Ägypten und ihren Beschwerden in der. .. Wüste anders ein, denn sie war sehr viel weitläufiger, und es war vieles darin, was sie nicht verstanden und was ihnen nicht gedient haben würde. Salomon aber arbeitete sie nochmals ganz um und ließ vieles weg und setzte vieles hinzu von dem Seinigen, und so ward diese wahre Geschichte zu einem Erbauungsbuch, voll der Weisheit Hiobs, Moses' und Salomons, und man konnte schwer die eigentliche Geschichte Hiobs herausfinden,
i66 167
denn sie war auch in Länder- und Volksnamen dem Lande Kanaan nähergebracht, wodurch man glaubte, Hiob sei ein Edomiter.
Hiob hat an verschiedenen Orten gewohnt und seine Leiden an drei verschiedenen Orten ausgehalten. Das erste Mal hatte er neun, dann sieben, dann zwölf Jahre... Ruhe, und immer traf ihn das Leiden auf einer anderen Wohnstelle. Seine Eltern waren reich und wohnten in der Gegend eines Berges, wo es auf der einen Seite warm, auf der anderen kalt und voll Eis ist. Er hatte noch mehrere Bräder. Zuletzt waren einige davon bei ihm. Er konnte nicht bei seinen Eltern bleiben, denn er hatte eine andere Gesinnung und betete Gott allein an in der Natur, und besonders in den Sternen und dem Wechsel des Lichtes. Er redete immer von den wunderbaren Geschöpfen mit Gott und hatte einen reineren Dienst.
Er zog mit den Seinigen nördlich des Kaukasus.125
Hier war eine sehr elende Gegend und viel Moor, und ich meine, es wohnt jetzt ein Volk dort mit platten Nasen, hohen Backenknochen und kleinen Augen. Hier fing Hiob zuerst an, und es gelang ihm alles. Er sammelte allerlei arme verlassene Menschen, die in Höhlen und Büschen wohnten und nichts zu leben hatten als Vögel und andere Tiere, die sie fingen und das Fleisch roh aßen. Er baute mit ihnen das Land, und sie gruben selbst alles um.
Hiob und seine Leute gingen damals schier ganz nackt. Sie hatten nur eine kleine Schürze um. Die Weiber waren kurios bekleidet. Auf den Brüsten hatten sie wie Kapseln, dann war der Leib bis zum Nabel wieder nackt. Dann hatten sie den Unterleib und die Lenden mit einer Bekleidung gleich Hosen bedeckt, die um die Knie weit und kraus waren. Ihre Beine waren nackt. Alles das sah ich, während Jesus von diesem Volk lehrte.
Hiob gedieh alles. Er wohnte in Zelten, sein Vieh mehrte sich, und es wurden ihm einmal drei Söhne, ein andermal drei Töchter zugleich geboren. Er hatte damals nur eine Frau, später hatte er drei Weiber. Er hatte hier noch keine Stadt, sondern lebte hin- und herziehend auf den Feldern. Sie aßen das Getreide nicht zu Brot gebacken, sondern als Brei und geröstet. Das Fleisch aßen sie damals noch roh, aber er führte nachher das Kochen ein.
Er war unbeschreiblich sanft, lieb, gerecht und wohltätig und half allem armen Volk. Auch war er sehr keusch und hielt die fleischliche Lust für einen Zustand des Bußlebens, für eine Sünden-strafe.
Er war mit Gott sehr vertraut, und Gott erschien ihm oft durch
einen Engel oder weisen Mann, wie sie es nannten. Er betete keine Götzen an, wie die anderen Leute umher, welche sich allerlei Tierbilder machten und sie anbeteten. Er hatte sich aber ein Bild... des allmächtigen Gottes ersonnen und verfertigt. Es war die Figur eines Kindes mit Sttahlen um den Kopf. Die Hände hielt es untereinander und hatte in der einen Hand eine Kugel, worauf Wasserwellen und ein Schiffchen abgebildet waren. Ich meine, es sollte die Sintflut vorstellen. Es war diese Figur glänzend wie von Metall, und er konnte sie überall mitnehmen. Er betete und opferte Körner davor, die er verbrannte. Der Dampf stieg wie durch einen Trichter hoch in die Höhe.
Ich habe den Gebrauch der Beschneidung nicht bei ihm bemerkt. Wenn aber die Kinder geboren waren, wurden sie eine Zeitlang in eine Grube mit Wasser gehalten, und wenn sie krank davon wurden und es nicht vertrugen, hielt man nichts auf sie und glaubte, sie seien nicht viel wert.126 Hier überkam den Hiob sein erstes Unglück. Es war immer ein Gefecht und Streiten zwischen jedem Leiden, denn er war mit vielen bösartigen Stämmen umgeben, und er zog nachher mehr auf das Gebirg 127, wo er wieder neu anfing und ihm alles wieder gedieh. Hier fingen er und seine Leute schon an, sich mehr zu bekleiden, und sie wurden schon viel vollkommener im Leben.
Hier war er sehr geachtet von einem König und begleitete eine Königsbraut nach Ägvpten mit Kamelen und vielen Leuten und blieb wohl an fünf Jahre in Ägypten, wo er sehr geehrt wurde. In Ägypten steckten sie damals, glaube ich, die Kinder in glühende Götzenbilder, und ich meine, das kam durch ihn ab, und sie machten sich nachher ihre kuriosen Bilder vom Ochsen.
Als er wieder nach Haus kam, traf ihn das zweite Unglück, und als ihn das dritte traf nach zwölf Jahren Ruhe, wohnte er mehr südlich, und von Jericho aus gerade gegen Morgen.
Ich glaube, es war ihm diese Gegend nach seinem zweiten Leiden gegeben worden, weil man ihn überall sehr liebte und ehrte wegen seiner großen Gerechtigkeit, Gottesfurcht und Wissenschaft.
Er hatte hier wieder von neuem angefangen in einem sehr ebenen Land. Auf einer Höhe, die fruchtbar war, liefen allerlei edle Tiere, auch Kamele, wild, und man fing sie sich da heraus, wie bei uns die wilden Pferde in der Heide.
Auf dieser Höhe baute er sich an, wurde sehr reich und baute eine Stadt, so nahm er zu. Die Stadt war auf steinernen Grundlagen,
i68 169
oben mit Zeltdächern. Und als er wieder ganz im Flor war, überfiel ihn das dritte Leid, da er so entsetzlich krank ward.
Als er auch dieses überstanden, mit großer Weisheit und Geduld, wurde er wieder ganz gesund und bekam noch viele Söhne und Töchter. Ich meine, er ist ganz spät gestorben, als ein anderes Volk eindrang.
Wenngleich die Geschichte von Hiob ganz verändert ist, so sind doch noch sehr viele wirkliche Reden von Hiob darin, und ich meine, ich wollte sie alle unterscheiden. Zu der Geschichte von den Knechten, wie sie so schnell hintereinander kommen, ist zu bemerken, daß die Worte: "und als er noch davon redete" bedeuten: und als das letzte Leiden noch im Gedächtnis der Menschen war, noch nicht ganz getilgt war.
Daß der Satan vor Gott tritt mit den Kindern Gottes und den Hiob verklagt, das ist auch nur so zusammengezogen geschrieben. Es waren damals viele verkehrte böse Geister mit den abgöttischen Menschen, und sie erschienen ihnen wohl in Gestalt von weisen Männern.138 So wurden hier die bösen Nachbarn gegen Hiob auf-gehetzt. Sie verleumdeten Hiob, sie sagten, er diene Gott nicht recht, er habe alles vollauf, er habe leicht gut sein. Da wollte nun Gott zeigen, daß Leiden oft nur Prüfung sind, usw.129
Die Freunde, die um Hiob herum sprechen, bezeichnen die Betrachtung der ihm Befreundeten über seine Schicksale. Hiob erwartete sehnsüchtig den Erlöser und trug zum Stamm Davids bei. Er verhält sich zu Abraham durch Abrahams Mutter, die aus seinen Nachkommen war, wie die Vorfahren Annas zu Maria, usw.
4. September 1822 (=12. Elul) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 / Viertelseiten
41-42
130
Jesus ging heute morgen in die Synagoge. Alle die Pharisäer und Sadduzäer, welche im Ort waren, und vieles Volk kamen hinein. Er schlug die Rollen auf und erklärte aus den Propheten, und sie disputierten mit ihm ganz hartnäckig, und er beschämte sie alle. Es war aber ein Mann mit lahmen Armen und Händen bis an die Türe der Synagoge gekrochen. Er hatte sich so lange gesehnt, und endlich war es ihm gelungen, dahin zu kommen, wo Jesus vorbei mußte, wenn er herausging. Einige Pharisäer ärgerten sich an ihm und sagten ihm, hinwegzugehen, und da er nicht wollte, wollten sie ihn wegschieben. Er stemmte sich nun aber so gut er konnte gegen die Türe und sah
gar wehmütig nach Jesu, der auf erhöhtem Stand durch die vielen Menschen von ihm getrennt, und zwar ziemlich entfernt war. Jesus aber wendete sich gegen ihn und sprach: "Was verlangst du von mir?" Da sprach der Mann: "Herr, ich flehe, daß du mich heilest, denn du vermagst es, so du willst." Und Jesus sprach zu ihm: "Dein Glaube hat dir geholfen, strecke deine Hände aus über das Volk!" und in dem Augenblick war dem Mann aus der Entfernung geholfen. Er streckte seine Hände empor und lobte Gott. Jesus sagte nun:
~Gehe nach Hause und mache kein Aufsehen." Der Mann aber antwortete: "Herr, wie kann ich eine so große Wohltat verschweigen!" Und er ging hinaus und verkündete es allen Menschen, und es kamen nun viele Kranke vor der Synagoge zusammen, welche Jesus heilte, als er herausging.
Nachher war er bei einer Mahlzeit mit den Pharisäern, welche ihn trotz ihrem inneren Ärger äußerlich immer mit vieler Höflichkeit behandelten, um ihn auszulauern. Am Abend hat er noch geheilt.
6. September 1822 (=14. Elul) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 l Viertelseiten
5~55
Jesus hielt am Morgen eine große, herrliche Lehre auf einem Hügel mitten im Ort, wo die Einwohner ihm einen Lehrstuhl zubereitet hatten. Es waren sehr viele Menschen da, u. a. auch etwa zehn Pharisäer, welche aus benachbarten Orten hierhergekommen waren, um auf seine Lehre zu lauern.
Er lehrte hier sehr mild und liebevoll gegen das Volk, welches gutartig und durch den Besuch von Johannis Lehre und durch die Taufe, welche viele empfangen hatten, schon sehr gebessert war. Er ermahnte sie, zufrieden bei ihrem geringen Stand zu bleiben, arbeitsam und barmherzig zu sein. Er sprach von der Zeit der Gnade und von dem Reich und dem Messias und deutlicher als sonst von sich selbst. Er sprach von Johannes und seinem Zeugnis, von dessen Gefangenschaft und Verfolgung. Er sprach auch von den königlichen Ehebrechern, die er ermahnt. Deswegen sei er gefangen. In Jerusalem aber habe man die Ehebrecher, welche ihre Laster doch nicht so öffentlich getrieben, hingerichtet. Er sprach sehr deutlich und treffend. Er ermahnte jeden Stand, jedes Geschlecht und Alter insbesondere. Ein Pharisäer fragte, ob er denn in Johannis Stelle trete, oder ob er der sei, von dem Johannes gesprochen. Er antwortete umgehend und verwies ihm seine lauernde Frage.
171
170
Er hielt nachher noch eine sehr rührende Ermahnung an die Knaben und Mägdlein. Er ermahnte die Knaben u. a. zur Geduld, und wenn ein anderer sie schlage oder werfe, es nicht zu erwidern, sondern es geduldig zu leiden, sich zurückzuziehen und dem Feind zu vergeben. Nichts sollten sie erwidern als die Liebe doppelt, und selbst ihren Feinden sollten sie Liebe erweisen. Sie sollten nicht nach fremdem Eigentum verlangen, und wenn ein anderer Knabe gern ihre Federn, ihr Schreibzeug, ihr Spielwerk, ihre Früchte hätte, so sollten sie ihm noch mehr geben, als er wolle, und seine Habsucht ganz sättigen, wenn sie die Sachen weggeben dürften. Denn nur die Geduldigen, die Liebenden und Freigebigen würden einen Stuhl in seinem Reiche erhalten, und diesen Stuhl beschrieb er ihnen ganz kindlich wie einen schönen ihren. Er sprach von den Gütern der Erde, die man hingeben müsse, um die Güter des Himmels zu erlangen. Die Mädchen ermahnte er u. a., einander nicht um den Vorzug und schöne Kleider zu beneiden, und alle zu Gehorsam, Eltemliebe, Milde und Gottesfurcht.
Am Schluß der öffentlichen Lehre wandte er sich zu seinen Jüngern und... ermahnte und tröstete sie ungemein liebevoll, alles mit ihm zu ertragen und keiner weltlichen Sorge nachzugeben. Er sagte ihnen, daß sein Vater im Himmel sie reichlich belohnen werde und daß sie das Reich mit ihm besitzen sollten. Er sprach von der Verfolgung, die er und sie mit ihm erleiden würden, und sprach deutlich heraus, wenn die Pharisäer, die Sadduzäer und Herodianer sie lieben oder loben würden, so sollten sie daraus merken, daß sie von seiner Lehre gewichen und seine Jünger nicht mehr seien. Er nannte diese Sekten mit bezeichnenden Beinamen.
Er lobte aber die Einwohner hier vorzüglich wegen ihrer Mildtätigkeit, denn sie nahmen oft von den armen Waisen aus der Schule zu Abel Mehola zu sich in ihre Dienste und Arbeit. Er lobte sie auch wegen einer neuen Synagoge, die sie gebaut durch Beisteuer, wozu auch fromme Leute aus Kapernaum beigetragen.
Dann heilte er noch viele Kranke und aß mit allen den Jüngern in der Herberge und ging am Abend, da der Sabbath anging, in die Synagoge.
Jesus lehrte in der Synagoge aus Jesajas (Kap. 51, 12): "Ich, ich bin euer Tröster." Er sprach gegen die Menschenfurcht. Sie sollten sich nicht vor den Pharisäern und anderen Drängern fürchten und denken, daß Gott sie erschaffen und erhalten bis jetzt. Er legte die Worte: "Ich lege mein Wort in deinen Mund~ aus, daß Gott den
Messias ges and t, daß dieser Gottes Wort im Munde seines Volkes sei, und daß dieser Messias Gottes Wort spreche, und daß sie sein Volk seien.
Alles das deutete er so klar auf sich, daß die Pharisäer unterernander flüsterten, er gebe sich für den Messias aus.
Dann sagte er, Jerusalem solle erwachen von seinem Rausch. Der Grimm sei vorüber, die Gnade sei da. Keinen habe die unfruchtbare Synagoge erzeugt und geboren, der das arme Volk leite und auf-richte, jetzt aber sollten die Verderber, die Heuchler und Unterdrücker gestraft und unterdrückt werden. Jerusalem solle sich erheben, Sion aufwachen. Alles das legte er im geistlichen Sinne aus auf die frommen und heiligen Leute, auf die Bußetuenden, auf die, welche durch den Jordan der Taufe in das verheißene Kanaan, in das Reich seines Vaters einziehen würden.
Es solle kein Unbeschnittener noch Unreiner, keiner, welche seine Sinne nicht gebändigt, kein Sünder mehr das Volk verderben. So lehrte er fort von der Erlösung und dem Namen Gottes, der verkündet werde jetzt unter ihnen, usw. Er lehrte auch aus V. Moses i6-i8 über die Richter und Amtsleute, über das Rechtverdrehen und das Bestechen, und traf scharf auf die Pharisäer auch von Priestern, von Abgötterei usw.
Nachher heilte er noch viele Kranke vor der Synagoge.
7. September 118221 (= i5.-16. Elul) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 1 Viertel-Seiten 56-61 ~
Es war eine große Menge Volkes da, von dieser und besonders von der anderen Seite. Alle Zuhörer Johannis wollten nun Jesum hören. Sehr viele Täuflinge waren da, und eine große Karawane von Heiden von der Ostseite des Galiläischen Meeres, die nach Amon hatte ziehen wollen, war herübergekommen, um Jesum zu hören, und lag in einem Lager außerhalb Besek.
Es waren auch eine große Anzahl . . . und viele Besessene in Besek.
Dieser Ort lag nicht dicht am Jordan, sondern etwa dreiviertel Stunden davon an einem kleinen raschen Bach, welcher den Ort in zwei Orte trennte, wovon der erste höher lag und der dem Jordan nähere niedriger.
Jesus lehrte in der Synagoge wieder aus Jesajas (~i u. 52) und Moses (V. 16-21). Er sprach von Johannes und dem Messias. Er
172 173
1
sprach die Kennzeichen des Messias aus und lehrte hier eine ganz andere Lehre als gewöhnlich, denn er sprach es sehr deutlich aus, daß er der Messias sei, da viele der Anwesenden durch die Lehren Johannis schon sehr vorbereitet waren. Es floß diese Lehre aus Jesajas (52, 13-15). Er sprach, der Messias werde sie versammeln, er werde voll Weisheit sein, erhöht und verherrlicht werden. Und wie viele sich über das unter den Heiden zertretene und verwüstete Jerusalem entsetzt hätten, so werde auch sein Erlöser unter den Menschen ohne Ansehen verfolgt und verachtet erscheinen. Er werde viele Heiden taufen und reinigen. Die Könige würden von ihm belehrt schweigen, und die, denen er nicht verkündet worden sei, würden seine Lehre vernehmen, würden ihn sehen. Er wiederholte auch alle seine Taten und Wunder seit seiner Taufe und alle Verfolgung, die er erlitten zu Jerusalem und zu Nazareth, die Verachtung, das Lauern und Hohnlächeln der Pharisäer. Er erwähnte das Wunder zu Kana, die geheilten Blinden, Stummen, Tauben, Lahmen, die Tochter ... Jairi zu Gabaa 1~2, die er von den Toten erweckt.
Er zeigte nach der Gegend hin und sagte: "Es ist nicht sehr weit von hier, gehet und fraget, ob dem nicht so sei!" Er sagte: "Ihr habt den Johannes gesehen und erkannt, er hat auch gesagt, daß er sein Vorläufer, sein Wegbereiter sei. War Johannes weichlich, zärtlich, vornehm oder war er als einer aus der Wüste? Wohnte er in Palästen, aß er köstliche Speisen, trug er zarte Kleider, sprach feine, glatte Worte? Er sagte aber, daß er der Vorläufer sei! Trägt de nn der Diener nicht das Kleid seines Herrn? Wird ein König, ein glänzender, mächtiger, reicher Herr, wie ihr ihn erwartet als euren Messias, einen solchen Vorläufer haben? Aber ihr habt den Erlöser, und ihr wollt ihn nicht erkennen, er ist nicht nach eure r Hoffart, und weil er nicht so ist wie ihr, so wollt ihr ihn nicht kennen."
Er lehrte auch noch vieles über V. Moses, i8, i8. "Ich will ihnen einen Propheten erwecken aus ihren Brüdern, und wer seine Worte in meinem Namen nicht hören wird, von dem will ich Rechenschaft fordern. "
Es war eine ganz gewaltige Lehre, und es wagte ihm keiner zu widersprechen.
Er sagte auch zu ihnen: "Johannes war einsam in der Wüste und ging zu niemand. Das war euch nicht recht. Ich gehe von Ort zu Ort und lehre und heile, und das ist euch auch nicht recht. Was wollt ihr für einen Messias? Jeder will etwas anderes. Ihr seid wie die Kinder, welche auf den Straßen laufen. Jedes macht sich ein anderes Instru
ment, darauf zu blasen, der eine ein tiefes Horn von Bast, der andere eine hohe Rohrpfeife~, und nun nannte er allerlei Kinderspielwerk her, und wie jedes wolle, man solle in seinem Ton singen, und jedem gefiele das seine Spielwerk.lu
Gegen Abend, als er aus der Synagoge kam, war eine große Menge von Kranken vor derselben versammelt. Viele lagen auf Tragbetten, und es waren Zeltdächer über sie gespannt.
Jesus ging von seinen Jüngern begleitet von einem zum anderen und heilte sie. Dazwischen waren hier und da Besessene, welche tobten und ihn anschrien, und er befreite sie, indem er vorüberging und ihnen befahl. Es waren aber hier Lahme, Schwindsüchtige, Wassersüchtige, Leute mit Geschwüren am Hals wie Drüsen, Taube und Stumme, und er heilte sie alle einzeln mit Auflegung der Hände, doch waren seine Art und Berührung verschieden. Die Genesenen waren teils gleich ganz geheilt, nur noch etwas schwach, teils ganz erleichtert, und die Genesung folgte schnell, je nachdem die Art des Übels und das Gemüt des Kranken war. Die Geheilten gingen von
dannen und sangen einen Psalm von David.
Es waren aber so viele Kranke, daß Jesus nicht ganz herumkommen konnte. Die Jünger halfen ihm mit Heben, Aufrichten, Los-wickeln der Kranken, und Jesus legte Andreas, Johannes und Judas Barsabas die Hände auf den Kopf und nahm ihre Hände in seine Hand und befahl ihnen, an einem Teil der Kranken in seinem Namen zu tun, wie er tue. Sie taten dieses auch sogleich und heilten viele.
Hierauf begab sich Jesus mit den Jüngern nach der Herberge, wo sie eine Mahlzeit hatten, und niemand anderer war dabei. Er ließ aber einen großen Teil der Speisen, die übrig waren und die er segnete, hinaus zu den vor Besek lagernden armen Heiden und auch zu anderen Armen bringen. Diese Heidenkarawanen waren von Jüngern gelehrt worden.
28. September 1822 (=7. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 / Viertelseiten
193-204
Am Morgen sah ich viele Kranke bei Jesu vor der Stadt. Er heilte sie. Es lag ganz voll unter den Laubhütten. Als die Priester zu ihm kamen, sagte er zu ihnen: "Was seid ihr heute nacht so in Sorgen über meine gestrige Lehre gewesen, warum fürchtet ihr euch vor einem Kriegsheer? Da Gott die Gerechten beschützt, erfüllet das Gesetz und die Propheten! Warum fürchtet ihr euch?~ Er lehrte dann noch wieder wie gestern in der Synagoge.
174
17~
Gegen Mittag kam ein heidnisches Weib ganz scheu zu den Jüngern und flehte ihn an, in ihr Haus zu kommen und ihr Kind zu heilen. Jesus kam auch nach Tisch mit mehreren Jüngern in die Heidenstadt. Der Mann dieser Frau empfing ihn am Tore und führte ihn in das Haus. Da warf sich die Frau vor ihm nieder und sagte:
"Herr, ich habe von deinen Taten gehört, und daß du Größeres tust als Elias. Sieh, mein einziges Knäblein ist am Sterben, und unsere weise Frau kann ihm nicht helfen. Erbarme dich über uns! " Der Knabe lag aber in der Ecke in einem Kästchen. Er war etwa drei Jahre alt. Sein Vater war gestern abend im Weinberg gewesen und das Kind mit ihm. Es hatte wenige Beeren gegessen, und der Vater hatte es laut wimmernd zurückgebracht. Die Mutter hatte es bis jetzt immer im Schoße gehabt und alles versucht. Es war aber schon ganz wie tot. Da lief sie zur Judenstadt und bat Jesum, denn die Heiden hatten von seinen gestrigen Heilungen gehört.
Jesus sagte zu ihr: "Lasse mich mit dem Kinde allein und schicke mir zwei meiner Jünger!" Es kamen aber Judas Barsabas und Nathanael, der Bräutigam, herein. Jesus nahm den Knaben von seinem Lager auf seinen Schoß in seine Arme und legte ihn mit seiner Brust an die seine und hatte ihn quer um sich liegen und an sich geschlo~ sen und beugte sein Angesicht zu des Kindes Angesicht und hauchte es an. Da schloß das Kind die Augen auf und regte sich, und Jesus stellte das Kind vor sich in die Höhe und befahl den beiden Jüngern, die Hände auf des Kindes Haupt zu legen und es zu segnen. Sie taten es. Da war das Kind ganz gesund, und er brachte es seinen harrenden Eltern, welche es umarmten und sich vor Jesu nieder-warfen unter Tränen. Die Frau sagte noch: "Groß ist der Gott Israels. Er ist über alle Götter! Mein Vater hat mir das schon gesagt, und ich will auch keinen anderen Göttern mehr dienen."
Es waren bald viele Leute versammelt, und sie brachten dem Herrn noch mehrere Kinder. Ein Knäb lei~ von einem Jahr heilte er durch Handauflegung. Ein Knabe von sieben Jahren hatte Konvulsionen und war wie blödsinnig. Er war dämonisch krank, doch ohne heftige Anfälle und oft wie lahm und stumm, usw. Jesus segnete ihn und befahl, ihn zu baden in einem Bade aus drei Wassern gemischt: aus dem warmen Brunnen Omathus nördlich am Fuße des Berges von Gadara, aus dem Bache Chrit bei Abila und aus dem Jordan. Die Juden hatten hier Jordanswasser von der Gegend, wo Elias hinübergegangen, in Schläuchen vorrätig und brauchten es bei den Aussätzigen.
Es klagten unter den Heidinnen auch die Mütter, daß sie so viel Unglück mit ihren Kindern hätten und die Priesterin sie nicht immer heilen könne. Da befahl ihnen Jesus, diese Priesterin zu rufen.
Diese Frau kam ungern und wollte nicht herein. Sie war ganz verhüllt. Jesus befahl ihr zu nahen. Sie sah ihn aber nicht an und wand te das Gesicht ab, und ihr Betragen war auf die Art wie das der Besessenen, welche innerlich gezwungen werden, sich von dem Anblick Jesu wegzuwenden, aber doch auf seinen Befehl heran-nahen. Jesus sagte aber zu den versammelten Heidinnen und Männern: "Ich will euch zeigen, welche Weisheit ihr in dieser Frau und ihrer Kunst verehrt." Und somit befahl er, ihre Geister sollten sie verlassen. Da ging wie ein schwarzer Dampf von ihr, und allerlei Gestalten von Ungeziefer, Schlangen, Kröten, Ratten, Drachen wichen in diesem Dampf wie Schatten von ihr ab. Es war ein greulicher Anblick, und Jesus sagte: "Seht, welcher Lehre ihr folget!" Die Frau aber sank auf die Erde in die Knie und weinte und wimmerte. Nun war sie ganz geschmeidig und gutwillig, und Jesus befahl ihr zu sagen, wie sie es machte, um die Kinder zu heilen, und sie sagte unter Tränen, halb wider ihren Willen, wie sie gelehrt sei, wobei dann herauskam, daß sie die Kinder durch die Zauberei krank machte, um sie zur Ehre der Götter zu heilen.
Jesus befahl ihr nun, mit ihm und den Jüngern dahin zu gehen, wo der Gott Moloch stehe, und er ließ mehrere heidnische Priester dazu rufen. Es versammelte sich auch vieles Volk umher, denn es war der Ruf von der Heilung der Kinder schon bekannt geworden.
Es war dieser Ort aber kein Tempel, sondern ein Hügel, rings von Gräben umgeben, und der Gott selbst war zwischen den Gräbern unter der Erde in einem Gewölbe, das mit einem Deckel verdeckt war.
(Die Gräber um den Moloch, von den~en ich sprach, waren in dem Gewölbe, wo er stand, unter der Erde umher. Ich sah keine Särge. Diese Heiden verbrannten die Toten. Es standen da viele große Töpfe, wie kleine Fässer groß, ich meine, von Metall gegossen. Es sah nicht wie Töpferzeug aus. Darin warenj Asche und Beine. Ich sah aber bei vielen wie ausgestopfte kleine Puppen, wie die Mumien, ich glaube, daß die einzelne Verstorbene vorstellen sollten, weiß aber nicht, ob sie etwas enthielten.134 In Ägypten bei den Mumien standen auch oft die Abbildungen der Verstorbenen, bei Josephs Mumie aber nicht, denn diese stand so am Eingang, als wenn man alle Augenblicke sie woanders hinzubringen gedächte. N. B.:
176 177
Die Kinder Esaus und die anderen verheideten Abkommen Abrahams begruben ihre Toten.)
Jesus sagte nun den Götzenpriestern, sie möchten ihren Gott doch hervorrufen, und da sie ihn durch eine Maschine heraufsteigen machten, bedauerte sie Jesus, daß sie einen Gott hatten, der sich nicht selbst helfen könne. Er sagte aber der Priesterin, sie solle nun laut das Lob ihres Gottes aussprechen und erzählen, wie sie ihm dienten, und was er ihnen dafür gebe. Da ging es der Frau schier wie dem Propheten Balaam. Sie sagte laut alle Greuel dieses Dienstes aus und verkündete die Wunder des Gottes Israels vor allem Volk.
Jesus befahl nun seinen Jüngern, sie sollten den Götzen umwerfen und hin- und herwälzen, und sie taten es. Er sagte aber: "Ihr sehet, welchen Götzen ihr dienet, sehet die Geister, die ihr anbetet ! " Und es erschienen aus dem Bilde herausfahrend vor den Augen aller Anwesenden allerlei greuliche, teuflische Gestalten und zitterten und krochen umher und verschwanden wieder in die Erde hinab bei den Gräbern.
Die Heiden waren sehr erschreckt und beschämt. Jesus sagte:
"Wenn wir euren Götzen wieder in die Grube hinabwerfen, wird er wohl in Stücke gehen." Die Priester baten ihn aber, er möge ihn doch nicht zerbrechen, und er ließ sie ihn wieder aufrichten und hinabhaspeln. Die weisen Heiden waren sehr gerührt und beschämt, besonders die Priester. Einige waren jedoch sehr unwillig unter ihnen. Das Volk war jedoch ganz auf Jesu Seite. Er hielt ihnen noch eine schöne Lehre, und es bekehrten sich viele.
Der Gott Moloch saß wie ein Ochse auf den Hinterbeinen. Er hatte die Arme, wie einer, der etwas auf den beiden Armen fassen will, und diese Arme konnte er mit einer Vorrichtung 135 an sich ziehen. Er war sehr groß und dick, wie ein sitzender Ochse. Er hatte ein Tiergesicht, doch nicht ganz wie ein Ochse. Sein Kopf war oben in einen weiten Rachen gespalten, und auf der Stirn hatte er ein gekrümmtes Horn. Der Gott saß in einer weiten Schale. Er hatte um den Leib herum mehrere Vorspriinge, wie offene Taschen. Bei Festen wurde er bekleidet. Es bestand diese Bekleidung aus einer Art langer Riemen, die ihm um den Hals gehängt wurden. In de m Becken unter ihm ward Feuer gemacht beim Opfer. Es brannten immer viele Lampen am den Rand des Beckens vor ihm.
Sonst hatten sie ihm oft Kinder geopfert. Jetzt durften sie es nicht mehr. Sie opferten ihm allerlei Tiere, welche sie in den Öffnungen semes Leibes verbrannten oder durch die Öffnung des Kopfes hinein-
warfen. Das schönste Opfer war für ihn eine syrische Kamelziege. Es waren auch Zugwerke da, an denen sie sich zu dem Gott hinab-lassen konnten. Der Gott stand ganz in der Erde zwischen lauter Gräbern. Sein Dienst war nicht recht mehr im Gang. Sie riefen ihn nur in Zauberei an, und die Frau hatte besonders wegen der kranken Kinder mit ihm zu tun. In jede der Taschen an seinem Leib erhielt er besondere Opfer. Sonst wurden ihm die Kinder in die Arme gelegt und durch das Fenster unter ihm und in ihm (er war hohl), das im Kessel brannte, verzehrt. Er zog dann die Arme an sich und erdrückte sie, daß sie nicht so laut schrien. Er hatte auch eine Vorrichtung an den Beinen, und sie konnten ihn auch aufstellen. Er war mit Strahlen umgeben. jSkizzen
29. September J1822J (= 8. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 ~ Viertel-Seiten 205-212 137
Die Heiden, deren Kinder Jesus gestern in Gadara heilte, fragten ihn, wo sie sich hinwenden sollten, denn sie wollten sich von dem Götzendienst abtun. Jesus sprach ihnen von der Taufe, und daß sie sich einstweilen ruhig verhalten und harren sollten. Er sprach ihnen von Gott als einem Vater, dem wir unsere bösen Gelüste opfern müßten, und der keiner anderen Opfer als unserer Herzen bedürfe, usw. Er sprach gegen die Heiden immer deutlicher aus, daß Gott unserer Opfer nicht bedürfe, als gegen die Juden. Er ermahnte sie zur Reue und Buße, zum Dank für die Wohltaten und zur Barmherzigkeit gegen die Elenden.
In der Judenstadt schloß er noch den Sabbaih, nahm ein Mahl em, und dann begann der Sabbath des Fasttages wegen der Anbetung des Goldenen Kalbes ~ welches den 8. Tisri gefeiert wurde, weil der siebente als gewöhnlicher Fasttag dieses Jahr auf den Sabbath fiel.
Jesus lehrte und heilte am 8. Tisri noch morgens in Gadara und verließ nachmittags die Stadt. Die Heiden, deren Kinder er geheilt, dankten ihm nochmals vor der Heidenstadt, und er segnete sie und grng mit jetzt beinahe zwöf Jüngern hinab durch das Tal südlich von Gadara, dann über einen anderen Berg südlich und bis zu einem Flüßchen, das in einem Tal herabkommt aus dem Gebirg unter Betharampta-Julias, wo die Bergwerke von hier gegen Morgen liegen.1~
An diesem Flüßchen in einer Herberge blieb Jesus heute abend
178
179
etwa drei Stunden südlich von Gadara. Es waren dort allerlei Leute mit Einsammeln von Früchten beschäftigt, bei welchen er hin und wieder ging und lehrte. Es waren dieses Juden. Es war... aber auch ein Trupp Heiden in der Gegend, welche in der Nähe des Flüßchens von einem Heckengewächs weiße Blumen sammelten. Ich weiß nicht, wozu sie gebraucht wurden. Sie sammelten aber auch ganz große, scheußliche Käfer und Insekten, vor welchen mir schauderte, und als Jesus ihnen nahte, zogen sie sich zurück und waren wie scheu.
Ich hatte da einen wunderlichen Anblick, vor dem es mir noch graust, und es war mir in demselben Augenblick so greulich, daß ich mich vor Ekel und Schrecken schüttelte...
Bei dem Käfersammeln der Heiden kriegte ich einen Blick ungefähr eine Stunde südlicher an der Abendseite eines Bergabhangs nach einer Stadt Dion oder Dium. Da sah ich einen greulichen Götzen vor dem Tore der Stadt unter einem, ich meine Weidenbaum, so groß wie ein Nußbaum, sitzen. Er hatte eine ziemlich menschliche, doch mehr affenartige Gestalt mit kurzen Armen und dünnen Beinen, doch auf menschliche Art sitzend. Sein Kopf war oben sehr spitz und hatte zwei kleine gekrümmte Hörner, die Mondsicheln. Sein Gesicht war menschlich, doch greulich, mit senkrechter, sehr langer Nase. Der Mundteil war verhältnismäßig sehr klein, das Kinn niedrig, doch vorstehend, das Maul groß und tierisch, der Leib schlank, um den Schoß eine Schürze, wie ein Sack, die Beine ziemlich dünn, die Füße lang, mit kralligen Zehen. In der einen Hand hatte er einen Kelch auf einem Stiel in der anderen hielt er eine große Schmetterlingsfigur.140 Dieser Schmetterling sah aber teils wie ein Vogel, teils wie ein ekelhaftes Insekt aus. Hinten, wo der Götze ihn hielt, war er wie eine Puppe (Insektenlarve) gedreht und gewickelt. Vor der Hand breitete er ein paar ausgezackte Flügel aus, und sein Kopf hatte rote blinkende Augen und einen offenen Schnabel. Der Gott saß wie in einem ihn umgebenden Thron. Unter seinen getrennten Beinen war eine Feuerstelle in seinem Sitz.
Der ganze Schmetterling war sehr blinjkend und bunt. Das Greulichste aber war mir, rund um den Kopf des Götzen über die Stirn weg hatte er einen Kranz wie eine Krone von gräßlich großen, ekelhaften Käfern und fliegenden Würmer nj. Einer hatte den anderen wie gepackt, und über der Stirn in der Mitte des spitzen Kopfes zwischen den Hörnern Saß einer, größer und ekelhafter als alle die anderen, an welchen sich die beiden anderen Enden anschlossen. Sie waren schimmernd und von allerlei Farben, aber von greulicher,
giftiger Gestalt, mit langen Bäuchen, Füßen, Zangen und Stacheln. Diese Tiere sind mir an sich so greulich, und diese waren es mir noch mehr. Kaum sah ich sie an und meinte, weil sie so still saßen, sie seien gemacht, als ich auf einmal, da Jesus in die Nähe der Heiden kam, welche solche Tiere am Flüßchen für den Gott suchten, die ganze Krone auseinanderfahren und fortfliegen sah, worüber ich so erschrak, als kämen sie mir auf den Leib.
Ich sah aber, wie sie wie ein dunkler Schwarm, der sich zerstreut, in Löcher und Winkel der Gegend flogen, und sah allerlei gräßliche, schwarze Geistergestalten, welche sich mit ihnen zu verbergen schienen, als kröchen sie bang mit ihnen in die Löcher. (Sie will dies für Irrtum, Vorstellung erklären, sagt aber doch:) Es waren dieses die bösen Geister, die mit diesen Käfern in dem Belzebub geehrt wurden. Daß aber die Käfer so still saßen, war, glaube ich, weil sie dem Götzen Blut oder sonst etwas um die Stirne schmierten. Sie kann das Bild nicht gräßlich genug beschreiben. lskizzenl
30. September J1822J (=9. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10/ Viertels eiten
213~216141
Montag gegen zehn Uhr morgens kam Jesus von der Herberge am Flüßchen etwa eine Stunde weiter südlich am östlichen Berg-abhang, gegen den Jordan ein paar Stunden östlich von Skythopolis gelegen, vor Dium an, und zwar vor dem jüdischen Teile der Stadt, der an einer Seite und viel kleiner als die Heidenstadt142 war, welche schön gebaut am Busen eines Bergabhangs hinauf liegt und mehrere Tempel hat. Die Judenstadt ist ganz getrennt, und vor dieser Seite steht der Belzebub nicht.
Wo Jesus ankam vor der Stadt, waren die Laubhüttenl4s schon größtenteils fertig, und unter einer derselben wurde er von den Priestern und Vorgesetzten des Ortes, wie gewöhnlich, mit Fußwaschung und Imbiß feierlich empfangen. Er begann aber sogleich zu den vielen Kranken zu gehen, welche unter den Laubhütten144 hin bis zu der Stadt lagen und standen. Die Jünger waren helfend und Ordnung haltend. Es waren Kranke aller Art, Lahme, Stumme, Blinde, Wassersüchtige, Gichtbrüchige. Er heilte und ermahnte viele. Es waren einige dabei, welche zwischen dreifüßigen Krücken aufrechtstanden. Es waren Krücken, auf welchen sie lehnen konnten, ohne die Füße zu gebrauchen, fast wie Laufstühle. Zuletzt kam er zu den kranken Frauen.
i8o i8i
Sie lagen und lehrten und saßen der Stadt näher unter einer langen Laubhütte 145, welche über einen terrassenförmigen Erdsitz gebaut war. Dieser Sitz war mit einem feinen, schönen, langen, von oben niederhängenden Gras belegt, welches wie sanfte seidene Haare niederhing, und darüber waren Teppiche gebreitet. Es waren mehrere blutilüssige Frauen, ganz verhüllt, entfernter, und auch einige Melancholische, ganz finster und braun, bleich dasitzend, und andere Kranke. Jesus redete sie sehr liebevoll an und heilte sie, eine nach der anderen, und gab ihnen verschiedene Weisungen zu Badereinigungen und Winke zur Besserung einzelner Fehler und Sünden und zu Genugtuungen. Er heilte und segnete auch mehrere Kinder, welche die Mütter brachten.
Diese Arbeit währte bis Nachmittag und endete mit einer allgemeinen Freude. Alle Genesenden zogen lobsingend, ihre Betten und Krücken tragendj und ganz heiter und froh, von ihren freudigen Verwandten, Freunden und Dienern begleitet, in einer schönen Ordnung, wie sie geheilt worden waren, in die Stadt, und Jesus mit den Jüngern und Leviten war in ihrer Mitte. Die Demut und der Ernst Jesu in solchen Fällen sind unaussprechlich.
Die Kinder und Frauen zogen voraus, und sie sangen alle den vierzigsten Psalm Davids: "Heil dem, der sich der Dürftigen annimmt." Sie gingen nach der Synagoge und dankten Gott. Dann aber war ein Mahl unter einer Laubhütte, von Obst, Vögeln, Honig-waben und geröstetem Brot.
Als der Sabbaih aber anging, begaben sie sich alle in Trauer-kleidern nach der Synagoge, denn es begann der 10. Tisri, der große Versöhnungstag der Juden.
~. Okt. 1822J (= 10. Tis"i) 1 Tagebuei Bd. V, Heft Ii / Viertelseiten 3-6
Ich habe vieles von dem Versöhnungsfest in Jerusalem gesehen. Ich sah viele Reinigungen des Hohenpriesters, mühsame Vorbereitungen und Enthaltungen, vieles Opfern, Blutsprengen und Räuchern. Ich habe auch den Sühnbock gesehen, und wie über zwei Böcke sei gelost, wie der eine geopfert, der andere in die Wüste getrieben ward. Es ward diesem etwas an den Schwanz gebunden. Ich meine, es ist Feuer darin gewesen. Da sei er in der Wüste geängstigt in den Abgrund gestürzt.
In diese Wüste, die über dem Ölberg hinaus anfange, ist auch einmal David gegangen, usw.
Der Hohepriester war heute gewaltig betrübt und verwirrt. Er hatte gewünscht, es möge ein anderer an Seiner Stelle das Amt tun. Er ging mit großer Angst ins Allerheiligste. Er bat das Volk sehr, für ihn zu beten. Das Volk meinte auch, er müsse eine Sünde auf sich haben, und war sehr besorgt, es möge ihm im Allerheiligsten ein Unglück geschehen. Es drückte ihn das Gewissen, weil er Anteil an der Ermordung des Zacharias, des Vaters Johannis, gehabt, und seine Sünde wucherte in seinem (Sehwieger)sohn, der Jesum verurteilte. Es war nicht Kaiphas, ich meine, es war sein (Schwieger)vater.146
Ich sah die Zeremonie im Allerheiligsten. Das Heiligtum war nicht mehr da, aber doch waren noch allerlei Tüchlein und Behälter in der Bundeslade, die neuer und ganz neumodischer war. Die Engel waren anders. Sie saßen (wie sie unbestimmt beschreibt) wie mit drei Bahnen umgeben mit einem Fuß oben, und einem an den Seiten niederhängend. Die Krone war noch zwischen ihnen. Es war allerlei Heiliges in der Lade, Öl, Rauchwerk. Ich habe alle Zeremonien gesehen, die er machte, habe es aber vergessen..
Ich erinnere mich nur noch, daß er räucherte, Blut sprengte, und daß er auch ein Tüchlein aus dem Heiligtum nahm und sich in einen Finger verwundete oder Blut am Finger hatte, und daß dieses mit Wasser gemischt ward, und daß er einer Reihe von Priestern es zu trinken brachte. Es war ein e Art Vorbild der Kommunion. Ich weiß nicht gewiß, ob er das Tüchlein aus dem Heiligtum auch in das Wasser legte. Sonst wurde bei gewissen Gelegenheiten über das Heiligtum gegossenes Wasser getrunken, wie ich in den Mysterien gesehen. Vielleicht war jetzt das leere Tuch Ersatz. Ich weiß jetzt nicht deutlich: War das Blut gewöhnlich am Versöhnungstag? War es vorbildlich auf das Blut des Hohenpriesters Jesus? Ich sah auch, daß er von Gott gestraft und sehr elend wurde und mit dem Aussatz geschlagen. Es war eine große Verwirrung im Tempel. Ich habe auch in diesem Bild eine ganz erschütternde Strafpredigt im Tempel gehört und sehr viele Bilder aus dem Leben der Propheten und von dem Greuel der Abgötterei in Israel gesehen.
2. Oktober 1822J 1 Tagebudz Bd. V, Heft ii / Viertelseiten 11-12
Als mir die Abgötterei der Menschen, die Tier- und Götzenanbetung von den ersten Zeiten und die häufige Hinwendung der Israeliten zu den Götzen und die große Barrriherzigkeit Gottes durch
182
183
die Propheten gezeigt wurde n und ich mich wunderte, wie die Menschen nur solchen Greuel anbeten könnten, wurde mir in einem Bild all derselbe Greuel noch jetzt bestehend gezeigt, aber nur auf eine geistliche Weise. Ich sah nämlich unzählige Bilder durch die ganze Welt, wie Götzendienst in der Christenheit getrieben wurde, und zwar sah ich es in schier allen den Gestalten, in welchen es ehemals geschah. Ich sah Priester, welche Schlangen anbeteten neben dem Sakrament, und ihre verschiedenen Leidenschaften glichen verschiedenen Figuren solcher Schlangen; ich sah auch bei Vornehmen und Gelehrten allerlei solche Tiere, die sie anbeteten, während sie über alle Religion sich hinausdachten. Ich sah Kröten und allerlei häßlichere Tiere bei geringen, armen, versunkenen Leuten. Ich sah au~ Gemeinden im Götzendienst, zum Beispiel eine dunkle, ich meine, reformierte Kirche im Norden, mit leerem, greulichem Altar, über welchem Raben standen, die sie anbeteten. Sie sahen zwar solche Tiere nicht, aber sie beteten sie in ihren Eitelkeiten und aufgeblasene ~ Eigendünkel an. Ich sah Geistliche, welchen Möpschen, kleine Fratzen, die Blätter beim Brevierbeten umkehrten.
Ja, ich sah auch selbst in Rom bei Kardinälen und großen Geistlichen förmlich alte Götzenbilder, wie Moloch, Baal usw. mitten unter den Büchern auf dem Tisch stehen und herrschen, ja ihnen Bissen reichen. Ich sah auch einfältige fromme Leute, wie Propheten, die von ihnen verlacht und verachtet wurden. Ich sah, daß es jetzt so greulich als je war, und daß die Götzenbilder nichts Zufälliges hatten, sondern daß, wenn die Gottlosigkeit und Abgötterei der jetzigen Menschen auf einmal eine körperliche Gestalt, und ihr Empfinden ein Handeln würden, dieselben Götzen wie sonst dastehen würden.
6.1-8. Oktober 1822J 1 Tagebu~ Bd. V, Heft II 1 Viertelseitea 48~5
Jesus lehrte und heilte in Ainon und ging dann gegen zehn Uhr von den Jüngern und vielen anderen Einwohnern begleitet nach Sukkoth, ein Weg von kaum einer Stunde. Der größte Teil des Weges war mit Laubhütten147 und Zelten bedeckt, denn viele aus der Gegend feierten hier das Fest, und die stets hier durchziehenden Karawanen lagen während de~sselben still. Es war der ganze Weg wie eine Luststraße. Es waren Speisebehälter hinter den Lauben wie Kasten mit Zelten überspannt. Die Leute konnten auch etwas um Geld haben.
Auf diesem Weg brachte Jesus wohl mehrere Stunden zu, denn
er ward überall begrüßt und stand hier und da still und lehrte, so daß er erst gegen fünf Uhr nach Tisch nach Sukkoth in die Synagoge kam.
Sukkoth lag am nördlichen Ufer des Jabbok.1~ Er ging über eine kleine Brücke dahin. An einer anderen Stelle fährt man über. Es liegt am mittäglichen Ufer, wo Jesus herkam, eine Stadt etwas mehr gegen Morgen 149, wo Jesus neulich war, da er nach Ramoth in Gilead ging. An der Seite von Sukkoth morgendlicher liegt auch Mahanaim.154 An diesem Ort hat Jakob zuerst sein Lager auf~geschlagen und ist hierauf gen Amon gezogen, bis wohin er seine Weiden von hier zuerst erstreckte.
Sukkoth war jetzt eine schöne Stadt, und eine sehr schöne Synagoge war da, und es wurde heut hier ein sehr schönes Fest außer dem Laubhüttenfest152 zum Gedächtnis der Versöhnung zwischen Esau und Jakob gefeiert. Sie waren den ganzen Tag damit beschäftigt. Es waren hier Leute aus der ganzen Gegend. Gestern in Amon unter den Schulkindern waren auch viele von den Waisenkindern aus der Schule in Abelmehola, wo Jesus neulich lehrte. Diese waren nun heute hier in Sukkoth. Es war aber der wirkliche Gedächtnistag von Jakobs191 und Esaus Versöhnung, welche nach der Überlieferung der Juden heute geschehen war.
Die Synagoge, eine der schönsten, die ich je gesehen, war heute durch den großen Festschmuck mit unzähligen Kränzen und Laub-gewinden und vielen schönen blinkenden Lampen noch viel prächtiger. Sie hat acht Säulen und ist hoch. An beiden Seiten des Gebäudes laufen Gänge hin, welche zu langen... Gebäuden führen, in denen Wohnungen der Leviten und Schulen sind. Ein Teil der Synagoge ist erhöht, und hier steht vorne gegen die Mitte eine geschmückte Säule mit Gefächern und Brüstungen umher, worin Gesetz-rollen bewahrt werden. Hinter diesem Gerüst steht ein Tisch, an welche~ man durch einen Vorhang einen abgesonderten Raum bilden kann. Ein paar Schritte weiter zurück befindet sich eine Reihe von Sitzen der Priester, und in der Mitte ein etwas erhöhter Sitz für den Lehrenden. Hinter diesen Sitzen steht ein Rauchaltar, über welchem oben in der Decke eine Öffnung ist, und hinter diesem Altar am Ende des Gebäudes stehen Tische, worauf die Gaben gestellt werden. Unten in der Mitte der Synagoge stehen die Männer nach ihren Klassen. Links, etwas erhöht, ist der Ort der Weiber abgegittert, und rechts ist die Stelle der Schulkinder nach ihren Klassen und ihrem Geschlecht ebenso. Skizze
184 i8~
Es war heute das ganze Fest ein Pest der Aussöhnung mit Gott und den Menschen, und es war ein Sündenbekenntnis, ein öffentliches oder auch privates dabei, wie jeder wollte. Alle gingen um den Rauchaltar und opferten Gaben zur Aussöhnung, erhielten auch eine Buße und taten freiwillig Gelübde. Es hatte viel Ähnliches mit unserer Beichte.
Der Priester auf dem Lehrstuhl lehrte von Jakob und Esau, welche sich heute mit Gott und untereinander ausgesöhnt, und auch wie Laban und Jakob sich ausgesöhnt, und wie sie geopfert. Man ermahnte zur Buße. Viele Anwesenden waren durch die Lehre Johannis früher und die Lehre Jesu vor einigen Tagen sehr gerührt und hatten nur auf diesen feierlichen Tag gewartet. Die Männer, welche ihr Gewissen beschwert fühlten, gingen durch das Gitter bei dem Gesetzstuhl und hinter dem Altar herum und stellten ihr Opfer auf die Tische, welches ein Priester empfing. Dann traten sie vor die Priester hinter den Gesetzkasten und bekannten entweder öffentlich vor ihnen ihre Sünden oder begehrten einen der Priester, welchen sie wollten. Der trat dann mit ihnen hinter den Vorhang an den Tisch, und sie bekannten ihm heimlich und erlegten ihm eine Buße.
Es wurde dabei Räucherwerk auf den Altar gestreut, und der Rauch mußte auf gewisse Weise wolkend oben hinausziehen, wobei die Leute gewissen Zeichen glaubten, ob die Reue des Sünders gut und ob die Sünden vergeben seien. Währen& dess~ sangen und beteten die übrigen Anwesenden. Die Sünder legten eine Art Glaubensbekenntnis ab, vom Gesetz und ihrem Bleiben bei Israel und dem Allerheiligsten. Dann warfen sie sich zur Erde und bekannten, wo sie gefehlt hatten, oft mit Tränen.
Die büßenden Frauen kamen nach den Männern. Ihre Opfer wurden von den Priestern empfangen, und sie ließen den Priester hinter ein Gitter rufen, wo sie bekannten.
Die Juden klagten sich allerlei Verletzungen ihrer Gebräuche und auch der Sünde gegen die Zehn Gebote an. Sie hatten aber auch etwas Seltsames in ihrem Bekenntnis, was ich nicht recht wiederzuerzählen weiß. Sie klagten sich darin der Sünden ihrer Voreltern an und sprachen von einer sündigen Seele derselben, die sie von ... empfangen hatten, und von einer heiligen Seele, die sie von Gott hätten, und es war ganz, als sprächen sie von zwei Seelen. Die Lehrer sagten auch etwas davon. Es war so ein Gerede, als sprächen sie: "Ihre sündige Seele bleibe nicht in uns, und unsere heilige Seele bleibe in uns ! " Es war ein Gerede von einem Durcheinander und
Ineinander und Auseinander sündiger und heiliger Seelen, daß ich es nicht mehr recht weiß.
Jesus aber lehrte nachher anders davon und sagte dabei, das solle nicht mehr so sein. Ihre sündigen Seelen sollten nicht mehr in uns sein, und es war eine rührende Lehre, denn sie deutete darauf, daß er für alle Seelen genugtun werde. Das war nun wohl mir, aber den damaligen Juden nicht verständlich.
Sie klagten sich also der Sünden ihrer Eltern an, und es war, als wußten sie, daß dadurch allerlei Übel über sie käme, und als glaubten sie, ... dadurch selbst noch in der Sündengewohnheit zu sein.
Jesus kam erst später, da diese Bußandacht schon im Gang war. Er ward vor der Synagoge empfangen und stand anfangs an der einen Seite oben bei den Lehrern, während ein anderer lehrte. Es war etwa fünf Uhr, als er kam.
Die Opfer der Büßenden bestanden in allerlei Früchten und auch in Münzen und Kleidungsstücken für die Priester, auch Stoffen, seidenen Quasten und Knoten, in Gürteln usw. und hauptsächlich in Rauchwerk, wovon etwas verbrannt wurde...
Ich sah aber da ein rührendes Schauspiel. Schon während Frühere bekannten und opferten, sah ich eine vornehme Frau, welche einen vergitterten Stuhl allein und zunächst an dem abgesperrten Bußplatz hatte, in ihrem Stuhl sehr unruhig und bewegt. Ihre Magd war bei ihr, und sie hatte ihre Opfergaben in einem Korb neben sich auf einem Schemel stehen. Sie konnte gar nicht erwarten, daß sie an die Reihe komme, und da sie endlich ihre Betrübnis und Begierde nach Versöhnung nicht mehr aushalten konnte, trat sie, und ihre Magd mit dem Opfer vor ihr her, verschleiert durch das Gitter gegen die Priester hin an einen Ort, wo die Weiber gar nicht hinzukommen pflegten. Die dort stehenden Aufseher wollten sie zurückdrängen; aber die Magd ließ sich nicht halten. Sie drängte sich durch und rief:
"Platz, macht Platz für meine Frau! Sie will opfern, sie will büßen. Platz für sie, sie will ihre Seele reinigen!"
So drang die Frau ganz bewegt und zerknirscht vor die Priester, welche ihr teils entgegentraten, und flehte um Versöhnung auf ihren Knien liegend. Sie wiesen sie aber zurück, sie gehöre nicht hierher. Jedoch ein junger Priester nahm sie bei der Hand und sagte:
"Ich will dich aussöhnen; gehört dein Leib nicht hierher, so gehört deine Seele doch hierher, weil du büßest", und er wendete sich mit ihr gegen Jesu und sagte: "Rabbi, entscheide du!q Da warf sich die Frau... vor Jesu auf das Angesicht, und er sprach: "Ja, ihre Seele
i86 187
gehört hierher, lasse das Menschenkind büßen! " Und der Priester trat mit ihr in das Zelt, und sie trat wieder hervor und warf sich unter Tränen an die Erde platt hin und sprach: "Wischet eure Füße an mir ab, denn ich bin eine Ehebrecherin!" Und die Priester berührten sie mit den Füßen. -Es ward aber ihr Mann herzugerufen, der nichts davon wußte,
und er wurde durch Jesu Reden, der jetzt auf dem Lehrstuhl stand, sehr gerührt. Er weinte, und seine Frau, verhüllt an der Erde vor ihrn liegend, bekannte ihre Schuld und war mehr sterbend in Tränen als lebend. Und Jesus sprach zu ihr: "Deine Sünden sind dir vergeben. Stehe auf, du Kind Gottes!" Und der Mann war tief erschüttert und reichte seiner Frau die Hand. - Ihre Hände wurden sodann mit der Frau Schleier und des Mannes schmaler langer Halshülle zusammen-gebunden und nach einem Segen gelöst. Es war wie eine neue Trauung.
Die Frau war nach ihrer Aussöhnung ganz wie berauscht vor Freude. Sie rief schon früher, als sie die Opfer hinreichte: "Betet, betet, räuchert, opfert, daß mir meine Sünden vergeben werden." Und nun stammelte und rief sie allerlei Psalmenstellen aus und wurde von dem Priester nach ihrem Gitterstuhl zutückgebracht.
Ihr Opfer bestand in vielen der kostbaren Früchte, welche am Laubhüttenfest gebraucht werden. Sie waren künstlich aufeinander-gelegt, so daß sie einander nicht drückten. Sie opferte auch Borten und seidene Troddeln und Quasten für Priesterkleider.
Verbrennen aber ließ sie mehrere schöne seidene Kleider, in denen sie vor ihrem Buhler Eitelkeit getrieben.
(Ich dachte noch: "Hätte ich das für Kinderkäppchen!")
Sie war eine große, mächtige, schön gewachsene Frau und von einem lebendigen feurigen Geist. Wegen ihrer großen Reue und ihrem freiwilligen Bekenntnis wurde ihr ihre Schuld erlassen, und ihr Mann söhnte sich herzlich mit ihr aus.
Sie hatte keine Kinder in dem Ehebruch, aber lange heimlich mit jenem Manne gelebt. Sie selbst hatte das Verhältnis abgebrochen und den Buhler auch zur Buße gebracht. Sie brauchte ihn nicht vor den Priestern zu nennen, und ihr Mann sollte ihn auch nicht kennen. Es wurde ihm verboten, nach ihm zu fragen - ihr, ihn zu nennen. Der Mann war fromm und vergaß und verzieh von Herzen. -Das Volk hatte zwar die näheren Umstände nicht vernommen,
jedoch die Störung, und daß etwas Fremdes vorging, und den Ruf zu Gebet und Opfer der Frau. Alle beteten herzlich und freuten sich
über die, welche Buße getan. Es waren sehr gute Leute an diesem Ort, wie überhaupt auf der ganzen Morgenseite des Jordans. Sie hatten viel mehr von den Sitten der Altväter.
Jesus lehrte noch sehr schön und rührend. Ich entsinne mich deutlich, daß er über die Sünden der Vorfahren und unseren Teil an denselben sprach und einiges in ihren Begriffen darüber berichtigte. Er bediente sich einmal des Ausdrucks: "Eure Väter haben Weinbeer gegessen, und euch sind die Zähne davon stumpf geworden."
Die Schullehrer wurden auch über die Fehler ihrer Schulkinder gefragt und dann diese ermahnt, und so sie sich selbst anklagten und Reue hatten, wurde ihnen vergeben. -Es waren aber viele Kranke vor der Synagoge, und wenn es gleich am Laubhüttenfest1~2 nicht gewöhnlich war, die Kranken heran-zulassen, so ließ sie Jesus doch in die Gänge zwischen der Synagoge und den... Wohnungen der Lehrer durch die Jünger bringen und ging am Schluß des Festes, da schon längst die ganze Synagoge von Lampen schimmerte, in die Gänge und heilte viele Kranke.
Als er aber in diese Gänge trat, 5 and te die ausgesöhnte Frau zu ihm und bat, mit ihm einige Worte zu reden, und Jesus ging zu ihr, wo sie stand, und trat mit ihr abseits. Da warf sie sich aber vor ihm nieder und sprach: "Meister, der Mann, mit dem ich gesündigt habe, fleht dich an, daß du ihn versöhnest." Jesus sagte ihr, daß er nach dem Mahle an diesem Orte mit ihm sprechen wolle.
Nach der Heilung der Kranken war eine Laubhüttenmahlzeit auf einem freien Platz des Ortes. Jesus, die Jünger und Leviten und Vornehmeren des Ortes saßen in einer großen, schönen Laube; die anderen Lauben waren umher. Die Frauen und Männer waren getrennt. Es wurden auch die Armen gespeist, und jeder sandte vom Besten seines Tisches zu ihnen. Jesus ging von Tisch zu Tisch und auch zum Tische der Frauen.
Die Versöhnte war voll Freude, und all ihre Freundinnen waren freudig um sie her und wünschten ihr von Herzen Glück. Als Jesus noch so umherging, war sie sehr beunruhigt und sah immer nach ihm hin und dachte, wenn er nur nicht versäumt, die Buße des Mannes anzunehmen, der auf ihn wartet! Denn sie wußte, daß jener schon an der Stelle harrte. Jesus nahte ihr aber und beruhigte sie. Er wisse schon ihre Sorge, es werde alles zu seiner Zeit geschehen.
Nach einiger Zeit gingen die Gäste auseinander, und der Herr ging zu seiner Wohnung an der Synagoge. Ich sah dort jenen Mann in den Gängen bei der Synagoge harren und sich vor Jesu niederwerfen.
i88 189
Er bekannte seine Schuld. Jesus tröstete ihn und ermahnte ihn, nicht wieder zu fallen, und er erhielt auch eine Buße. Er mußte, ich weiß nicht mehr wozu, den Priestern eine gewisse Zeit lang wöchentlich etwas entrichten. Es war zu einem milden Zweck. Ich meine aber, daß dieses sein Opfer und ein Gelübde war; denn er hatte nicht öffentlich geopfert, um kein Ärgernis mit dem so hart verletzten Mann zu geben, und sich ganz in Reue und Tränen zurückgehalten. -Hier in Sukkoth sah, wie ich meine, Jakob die zwei Heerlager bei
Mahanaim153 als ein Vorbild, da er nach Mesopotamien reiste. Und da er zurückkehrte, sah er sie wieder, und erfüllt in den zwei Scharen von Vieh und Familie, die er mit sich führte, und in seinem und Esaus Heer...
Jesus ging heute morgens von Sukkoth nach Ainon zurück, lehrte auf dem Taufplatz und heilte mehrere Kranke...
i8. Oktober (18221
(=27. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft ii / Viertelseiten
125-128
Jesus ging heute, am Freitag, 27. Tisri, morgens zwei Stunden über den Waldrücken von Salem nach Arumah. Die Pharisäer empfingen ihn nicht vor dem Tor. Er ging mit etwa sieben der unbekannteren Jünger, die noch bei ihm sind, geschürzt durch das Stadttor ein. Da empfingen sie einige wohlgesinnte Bürger nach der Landessitte, wie man es Reisenden tut, die geschürzt zum Tor eingehen, denn die ungeschürzt kommen, die haben schon vor dem Tor Gastfreiheit empfangen.
Sie führten sie in ein Haus, wuschen ihnen die Füße, reinigten die Kleider und reichten ihnen den Bissen.
Hernach ging Jesus nach der Synagoge in das Priesterhaus, wo sich Simons Bruder mit mehreren anderen, Pharisäern und Sadduzäern, befand, welche von Thebez und anderen Orten hierher gekommen waren.
Sie nahmen allerlei Schriftrollen mit und gingen mit Jesu nach einem Badebrunnen und Lustplatz vor der Stadt und unterhielten sich untereinander über die Schriftstellen, welche in der heutigen Sabbathiesung vorkamen. Es war dieses wie ein Vorbereiten auf die Predigt. Sie sprachen ganz höflich und glatt mit Jesu und baten ihn, heute abend zu lehren, aber ihnen doch ja das Volk nicht aufrühre tisch zu machen. Das gaben sie so zu verstehen.
Jesus antwortete sehr derb und gerade, er werde lehren nach dem,
was die Schrift enthalte, die Wahrheit, und er sprach auch von den Wölfen in Schafskleidern.
Gegen drei Uhr gingen sie zum Mahl in das Haus von Simons Bruder iM, der Frau und Kinder hatte, die Jesus auch begrüßte. Es waren viele Gäste da, auch weibliche, welche mit den Frauen abgesondert aßen.1~
Am Abend lehrte Jesus in der Synagoge. Er lehrte von Abrahams Beruf und Reise nach Ägypten. Er sprach von der hebräischen Sprache, von Noah, Heber..., Hiob usw., und ich sah viele Bilder aus dieser Lehre folgen.150 Er lehrte auch noch von Moses.157 Er sagte, daß schon in Heber Gott die Israeliten ausgesondert habe, denn diesem Mann habe er eine neue Sprache gegeben, die hebräische, welche mit anderen keine Gemeinschaft habe, um sein Geschlecht ganz abzusondern von allen anderen, denn früher habe er wie Adam, Sech und Noah die erste Muttersprache gesprochen. Die sei aber bei dem babylonischen Bau in viele Mundarten zerfallen und verwirrt worden, und Gott habe, um Heber ganz abzusondern, ihm eine eigene heilige, die althebräische Sprache gegeben, und ohne diese Sprache würden sie nie so rein und abgesondert geblieben sein. Hierüber hat Jesus gelehrt, und über den ganzen Ruf Abrahams usw.1~
19. Oktober (1822 (=28. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft ii / Viertelseiten
129-135
Jesus wohnte hier im Hause des Bruders SimonsJ des Aussätzigen.15~ Der bethanische Simon stammte auch von hier. Der hiesige war fest und gelehrt in seiner Sache. Der bethanische war unbedeutender, wollte aber mehr bedeuten.
Es war in dem Hause hier alles gut eingerichtet, und wenn Jesus gleich nicht mit gläubiger Ehrfurcht behandelt wurde, so war doch alles nach der Gastfreundschaft in der besten Ordnung. Jesus hatte ein schönes abgesondertes Lager, einen eigenen abgesonderten Betort, die Gefäße und Tücher zum Waschen waren schön, und der Hausherr tat die schicklichen Dienstleistungen. Frau und Kinder kamen wenig zum Vorschein.
Jair von Phasael, der Mann, dem Jesus die Tochter erweckt hatte, war auch hier zum Sabbath und hatte mit Jesu gesprochen. Er verweilte bei den Jüngern und ging mit ihnen umher. Seine von Jesu erweckte Tochter war nicht in Phasael. Sie war hinauf nach Abelmehola1~~ zu den Mädchen in der Schule gereist. Es kamen da in
190 191
diesen Tagen viele junge Wichter zusammen, wie am 26. Tisri, am Donnerstag, die Männer einander besucht hatten. Ich weiß nicht, was das für ein Festtag gewesen ist. Abelmehola mag etwas über sechs Stunden von Phasael sein.
Die Knechte des Hauptmanns ~orobabel von Kapernaurn waren auch auf dem Laubhüttenfest zu Ainon und am Jordan gewesen, was mir jetzt einfällt. Sie waren schon früher getauft. Einer davon war mit dem zyprischen Mann gegen Ophra von Macherunt zu Jesu gekommen und mit diesem nach Kapernaum zurückgereist. Ich meine, dieser zyprische Mann ist noch ein Jünger von Jesu geworden. Jesus hatte einen Jünger Mnason aus Zypern. Ich weiß nicht, ob es dieser ist.
Jesus lehrte am Morgen in der Synagoge noch von Abrahams Beruf und Je saias. Ich habe dabei wieder vieles von den Altvätern gesehen.161
Mittags ging er aus der Stadt nach der Abendseite, wo ein altes großes Gebäude war. Man mußte an der Südseite der Stadt hinausgehen und hinter der Mauer herum bis zur Abendseite. Es war dieses Haus eine Art Zusammenwohnung von alten Männern und Witwen. Die Männer wohnten unten, die Frauen oben. Es waren keine Essener, was ich sonst vielleicht gemeint, aber sie lebten auch nach einer gewissen Ordnung und hatten lange weiße Kleider an. Jesus lehrte sie beide eine Weile und tröstete sie. Ich habe das Nähere vergessen.
Hierauf ging Jesus zu einer großen Mahlzeit. Sie währte bis zurn Sabbaih. Ich sehe Jesurn nie viel bei solchen Mahlzeiten essen. Er geht von einem Tisch zum anderen, lehrt und erzählt meistens.
Am Abend in der Synagoge und den Häusern war ein Fest. Man feierte, da der Sabbaih zu Ende war und der neue Sabbaih anging, das Fest der Einweihung des Tempels Salomonis. Die ganze Synagoge war voll von Lichtern. In der Mitte stand eine große Pyramide von Lichtern. Es war dieses Fest, glaube ich, schon vorbei. Der Tag war, meine ich, am Ende des Laubhüttenfestes und wurde heute nachgefeiert. -Jesus lehrte von der Einweihung, und wie Gott Salomon in der
Nacht erschienen sei und ihm gesagt habe, er wolle Israel und den Tempel erhalten, so es ihm treu bleibe, und wolle darin wohnen unter ihnen. Er wolle ihn aber zerstören, wenn sie von ihm abfielen. Und Jesus legte dieses auf die jetzige Zeit aus, und wie es nun so weit gekommen sei, und so sie sich nicht bekehrten, werde der Tempel zerstört werden, und er sprach sehr scharf davon.
Die Pharisäer aber fingen an mit ihm zu disputieren und legten diese Worte Gottes zu Salomon aus als nicht so gesprochen, sondern als ein Gedicht, eine Phantasie von Salomon.
Der Disput war sehr lebhaft. Ich sah Jesum sehr eifrig werden. Er hatte ein Wesen, daß sie erschüttert wurden und ihn kaum anblicken konnten. Er sagte zu ihnen durch Sätze, welche aus der Lehre dieses Sabbaths hervorgingen, von den Verstellungen und Verdrehungen der ewigen Wahrheiten, der Geschichte und Zeitrechnung der alten heidnischen Völker, zum Beispiel der Ägypter - wie sie es wagen könnten, diesen Vorwürfe zu machen, da sie selbst bereits in so elendem Zustande seien, das, was ihnen so nah und so heilig über-liefert sei, das Wort des Allmächtigen, auf welches sein Bund mit ihrem heiligen Tempel gegründet sei, als eine Fabel, als ein Gedicht nach ihrer Bequemlichkeit, nach der Art, die ihren Sünden schmeichelte, zu verwerfen.
Er beteuerte und wiederholte die Verheißung Gottes an SalomonJ noch einmal. Er sagte ihnen, daß in ihrer sündhaften Vorstellung und Auslegung die Drohung Jehovas sich schon der Erfüllung nähere, denn wo der Glaube an seine heiligsten Verheißungen wanke, wanke auch der Grund seines Tempels. Er sprach zu ihnen...: "Ja, der Tempel wird abgebrochen und zerstört werden, weil ihr an die Verheißung nicht glaubt, weil ihr das Heilige nicht erkennet und nicht heiliget. Ihr werdet selbst an seiner Zerstörung arbeiten. Es wird kein Teil an ihm unverletzt bleiben. Er wird zerbrochen werden urn eurer Sünden willen!"
Auf diese Art sprach Jesus, und zwar mit solcher Hindeutung, daß er sich selbst unter dem Tempel zu verstehen schien, wie er es vor seinem Leiden deutlicher sagte: "Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen." Es war hier nicht so deutlich ausgesprochen, aber doch so, daß sie mit Schauer und Ergrimmen das Wunderbare, Geheimnisvolle in seiner Rede fühlten.
Sie murrten und wurden sehr unwillig. Jesus aber störte sich nicht und fuhr sehr schön in seiner Lehre fort, so daß sie nicht mehr widersprechen konnten und ganz wider ihren Willen innerlich überwältigt waren.
Beim Herausgehen aus der Synagoge reichten sie ihm die Hände und machten eine Art Entschuldigung und schienen äußerlich den Frieden herstellen zu wollen. Jesus sagte noch einige ernste Worte ganz sanft und verließ die Schule, welche geschlossen ward.
192
1Q~
20. Oktober
,18221 (= 29. Tisri) 1 Tagebual Bd. V, Heft II 1 Viertel-Seite 141
Sie war sehr zerstreut, und es blieb nichts übrig als:
Jesus sprach am Morgen nochmals sehr ernsthaft gegen die Pharisäer, daß sie den Geist ihrer Religion verloren hätten und auf nichts als auf Sitten und Gebräuche hielten, die sie wie leere Schalen bewahrten, während-dem sie den Kern verderben ließen. Sie sprachen dagegen von der Heiligkeit dieser Formen und mußten endlich schweigen, da ihnen Jesus Beispiele von den Heiden gab, welchen die leeren Formen endlich der Satan ausgefüllt habe.
Später ging Jesus drei Stunden nördlich nach einer Stadt, welche in dem Tal vor Samaria liegt, wo Abraham sich zuerst niederließ.
Es ist eine Herberge der Gemeinde von Lazarus errichtet davor. Es verwaltet sie eine etwas verwandte Familie aus Nazareth, deren Namen ich nicht mehr weiß. Hier blieb Jesus heute nacht. -
23. Oktober 118221 (-2. Mard:eswan) I Tagebuti Bd. V, Heft ii 1 Viertel-seiten 153-154
... Jesus sagte ja selbst im Evangelio einmal, daß eine Art der Teufel anders ausgetrieben wird als die andere. Er heilte gewiß jeden, wie es seinem Übel, seinem Glauben und seiner Natur angemessen war. So wie er noch jetzt jeden Sünder anders züchtigt, anders bekehrt. Jesus zerbrach die Gesetze der Natur nicht, er löste nur ihre Bande. Er zerhieb keinen Knoten, er löste ihn auf. Er konnte sie alle lösen. Er hatte alle Schlüssel, und insofern Gott Mensch geworden war, handelte er in menschlichen Weisen, die er heiligte.
Ich hatte auch früher einmal die Unterweisung, er habe... vorbildlich so verschieden geheilt, um die Jünger die Formen für jede Handlung zu lehren. Die verschiedenen Formen des kirchlichen Segens und der Weihungen und Sakramente deuten schon hierauf.
13. November 18221 (= 23. Marcheswan) 1 Tagebuti Bd. V, Heft 12 / Viertelseiten 11~13O
Magdalena mit ihrer Magd und Mara Suphonitis, Dma Samaritis und Anna Kleophä waren morgens schon bei guter Zeit auf dem Berg, der mit verschiedenen Hügeln von der Seite von Magdalum anstieg.
Es waren schon unzählige Menschen umhergelagert, und Leute mit
1
1
1
Eseln hatten Speise heraufgebracht. Kranke aller Art wurden herauf-getragen und geführt und nach ihrer Gattung zusammen an verschiedene Stellen näher und entfernter gestellt. Es waren teils leichte Zelte, teils Lauben über sie zum Schatten gebaut. Es waren Jünger Jesu oben, welche die Leute mit vieler Liebe ordneten und ihnen auf alle Weise halfen.
Um den Lehrstuhl war ein gemauerter Halbkreis, doch kein tiefer Sessel. Über dem Stuhl war eine Decke, und hier und da ware~ über die Menschen Zeltdächer gespannt. Magdalena und die Frauen hatten in einiger Entfernung einen bequemen Sitz an der Anhöhe. Die Frauen waren zusammen.
Jesus kam mit den Jüngern gegen zehn Uhr oben an. Die Pharisäer, Herodianer und Sadduzäer kamen auch mit. Jesus ging auf den Lehrstuhl. Die Jünger standen an einer Seite, die Pharisäer an der anderen im Kreis.
Es wurden in der Lehre mehrere Stillstände gemacht, wo die Leute wechselten und eine andere Partie hervortrat. Mehreres wurde wiederholt in seiner Lehre. In den Zwischenräumen nahmen die Leute und auch er einmal eine kleine Erquickung. Man gab ihm einen Bissen und reichte ihm zu trinken.
Die Lehre, die er heute hier hielt, war eine der schärfsten und gewaltigsten, die er je gehalten. Ehe er betete, gleich am Anfang, sagte er zu ihnen, sie sollten sich nicht an ihm ärgern, wenn er Gott seinen Vater nenne, denn wer den Willen des Vaters im Himmel tue, der sei sein Sohn, und daß er des Vaters Wille n tue, bewies er ihnen dann.
Hierauf betete er zu seinem Vater laut und begann eine strenge Bußpredigt auf Art der prophetischen Lehren. Er umfaßte alles, was geschehen von der Zeit der Verheißung an, führte die Drohungen der Propheten, die Erfüllung derselben als Vorbilder an, von der jetzigen Zeit und der nächsten Zukunit. Er bewies die Ankunft des Messias aus der Erfüllung der Prophezeiungen.
Er sprach von Johannes, dem Vorläufer und Wegebereiter, und wie er seine Wegebereitung redlich erfüllt habe, wie sie aber immer verstockt blieben. Er führte alle ihre Laster, ihre Heuchelei, ihre Abgötterei mit dem sündlichen Fleisch an. Er schilderte die Pharisäer, Sadduzäer und Herodianer sehr scharf. Er sprach mit großem Eifer von dem Zorne Gottes und dem nahenden Gericht, er sprach von der Zerstörung von Jerusalem und des Tempels und dem Wehe über dieses Land.
195
194
Er sprach auch vieles aus dem Propheten Malachias und erklärte es und führte es aus, vom Vorläufer, vom Messias, von einem reinen neuen Speiseopfer, was sich deutlich von dem heiligen Meßopfer verstand (die Juden verstanden es nicht) und vorn Gericht über die Gottlosen und der Rückkehr des Messias am Jüngsten Tag und vom Vertrauen und Trost der Gottesfürchtigen. Er sprach vom Weggehen der Gnade zu den Heiden. Er redete die Jünger an, forderte sie zur Treue und Ausdauer auf. Er sagte ihnen, daß er sie senden wolle zu allen, um das Heil zu lehren. Er sagte ihnen, sie sollten sich nicht zu den Pharisäern, nicht zu den Sadduzäern halten und nicht zu den Herodianern, die er alle öffentlich scharf beschrieb und mit treffenden Vergleichen belegte, ja auf die er gerade hinzeigte. Das war nun um so verdrießlicher für sie, weil keiner öffentlich ein Herodianer heißen wollte. Sie waren dieser Sekte meist heimlich zugetan.
Jesus hat in dieser Lehre meist aus den Propheten gesprochen. Einmal sagte er auch, wenn sie das Heil nicht annehmen würden, werde es ihnen schlimmer gehen als Sodoma und Gomorra. Da glaubten nun die Pharisäer, sie könnten.. . ihn da mit fangen, und als eine Pause war, sagten sie zu ihm, ob dann dieser Berg, diese Stadt, das ganze Land versinken solle mit ihnen allen, und wie dann noch etwas Schlimmeres möglich sei. Da antwortete er, in Sodoma seien die Steine versunken, aber nicht alle Seelen, denn sie hätten die Verheißung nicht gekannt und das Gesetz nicht gehabt und keine Propheten. Und er sprach noch Worte, welche ich von seiner Höllenfahrt verstand, und der Rettung vieler. Die Juden verstanden das nicht. Ich aber hatte eine kindische Freude daraus zu sehen, daß diese Menschen nicht alle verloren seien.
Von den jetzigen Juden aber sprach er, ihnen sei alles gegeben, sie seien auserwählt, von Gott zu seinem Volk gemacht, sie hätten alle Weisung und Warnung, Verheißung und Erfüllung, so sie dieselbe aber zurückstießen und im Unglauben beharrten, würden nicht die Steine, die Berge, die ihrem Herrn gehorchten, sondern ihre steinharten Herzen, ihre Seelen vom Abgrund verschlungen werden. Dieses sei ärger als das Schicksal Sodomas und Gomorras.
Als Jesus die Sünder so streng zur Buße gerufen, die Strafgerichte so scharf ausgesprochen hatte, wurde er wieder ganz voll Liebe und rief alle Sünder zu sich, ja er vergoß Tränen der Liebe, er betete, sein Vater möge die Herzen rühren. Wenn nur ein Haufen, nur einige, nur einer zu ihm käme, auch mit aller Schuld belastet, wenn er nur eine Seele gewinnen könne, er wolle alles mit ihr
teilen, er wolle alles für sie hingeben, er wolle gern mit seinem Leben für sie bezahlen!
Er streckte die Hände gegen alle aus, er rief sie: "Kommet, kommet ihr, die ihr mühselig und belastet seid, kommet ihr Sünder, tuet Buße! Glaubet und teilet das Reich mit mir!" Auch zu den Pharisäern und allen seinen Feinden streckte er die Arme aus, wenn auch nur einer zu ihm kommen wolle.
Magdalena hatte anfangs wie eine schöne, vornehme, etwas selbstsichere oder doch wenigstens so scheinen wollende Dame bei den anderen Frauen gesessen. Doch innerlich war sie schon beschämt und bewegt heraufgekommen. Anfangs sah sie umher unter der Menge. Als Jesus aber erschien und lehrte, wurden ihr Blick und ihre Seele immer mehr auf ihn gefesselt. Sie wurde heftig von seiner Bußrede, von seiner Lasterschilderung, von den Drohungen der Strafe erschüttert. Sie konnte nicht widerstehen. Sie bebte und weinte unter ihrem Schleier.
Als er nun so liebevoll und flehend den Sündern zurief, sie sollten zu ihm kommen, waren viele Menschen hingerissen, und es war eine Bewegung in dem Kreis. Das Volk drängte sich näher heran; auch Magdalena und die Frauen, auf ihre Veranlassung, nahten sich.
Als er aber sagte: "Ach, und wenn es auch nur eine Seele wäre, die zu mir nahte", war Magdalena so bewegt, daß sie zu ihm hin wollte. Sie tat einen Schritt vorwärts. Die anderen aber hielten sie zurück, um keine Störung zu machen, und sagten: "Nachher! Nachher!" Es erregte diese ihre Unruhe kaum unter den Nächsten Aufmerksamkeit, weil alle ganz auf Jesu Worte gespannt waren.
Jesus aber, als wisse er Magdalenas Rührung, antwortete sogleich mit Trost auf dieselbe, indem er fortfuhr, wenn auch nur ein Funke der Buße, der Reue, der Liebe, des Glaubens, der Hoffnung durch seine Worte in ein armes verirrtes Herz gefallen sei, es solle Früchte tragen, es solle ihm angerechnet werden, es solle leben und wachsen, er wolle es nähren und großziehen und zum Vater zurückführen.
Diese Worte trösteten Magdalena. Sie fühlte sie durch und durch und setzte sich wieder zu den anderen.
Hierüber ward es etwa sechs Uhr. Die Sonne stand schon tief dem Berg im Rücken. Jesus war bei der Lehre gegen Abend gerichtet. Dahin ging die Aussicht des Lehrorts. Hinter ihm standen keine Menschen. Er betete, segnete und beurlaubte die Menge. Er sagte zu den Jüngern, bei den Leuten, welche Speise hätten, sie zu kaufen und den Armen und Bedüritigen auszuteilen. Überhaupt sollten sie
196
197
alles, was einzelne überflüssig hätten, kaufen und den Armen austeilen, auch selbst um es mit nach Hause zu nehinen. Sie sollten nichts Überflüssiges übriglassen und mit freundlicher Bitte oder um Geld alles verteilen.
Ein Teil der Jünger ging sogleich an dieses Geschäft. Die meisten Leute gaben gern, und die anderen verkauften gern. Die Jünger aber waren meist hier in der Gegend bekannt und taten es mit großer Liebe, und so wurden die Armen gut versorgt und dankten der Milde des Herrn.
Die anderen Jünger gingen unterdessen mit Jesu zu den vielen Kranken, welche an einer Seite des Weges hinab an einem Busen des Berges gebettet waren.
Die meisten Pharisäer und dergleichen kehrten geärgert, gerührt, verwundert, ergrimmt nach Gabara zurück, und Simon Sebulon, der Vorsteher, erinnerte Jesum noch vorher, daß er ihn zur Abendmahls-zeit in seinem Hause geladen habe. Jesus sagte ihm, er werde kommen. So gingen sie dann einstweilen hinab und mäkelten und krittelten unterwegs so lange über Jesum, seine Lehre und sein Wesen, indem sich einer vor dem anderen schämte, seine Rührung merken zu lassen, daß sie, in die Stadt gekommen, ganz in ihrer Selbstgerechtigkeit wieder hergestellt waren.
Magdalena und die vier anderen Frauen aber folgten Jesu sogleich und stellten sich unter das Volk bei dk~ kranken Frauen und schienen da helfen zu wollen, wie sie konnten. Magdalena war sehr gerührt, und das Elend, das sie sah, erschütterte sie noch mehr.
Jesus war erst lange mit den Männern beschäftigt. Er heilte Kranke aller Art, und der Lobgesang der wegziehenden Geheilten und ihrer Begleiter drang in die Luft.
Als Jesus mit den Jüngern den kranken Frauen nahte, wurden durch die andrängende Menge und den Raum, dessen Jesus und die Seinigen bedurften, Magdalena und die Frauen etwas mehr entfernt. Sie suchte aber jede Gelegenheit, jede Öffnung, um dem Herrn zu nahen, der sich aber immer wieder hinwegwendete.
Jesus heilte auch einige blutilüssige abgesonderte Frauen, und wie wurde es der weichlichen, vom Anblick des Elends ganz entwöhnten Magdalena zu Mut, und welche Erinnerung, welcher Dank kam in die Seele der Mara Suphanitis, als sechs, zu drei und drei aneinander-gebundene Frauen von anderen starken Mägden an langen Tüchern oder Riemen mit Gewalt gegen Jesum herangeführt wurden. Sie waren auf schreckliche Art mit unreinen Geistern besessen. Es sind
die ersten besessenen Frauen, die ich öffentlich zu ihm bringen sah. Sie waren teils über den See Genezareth, teils von Samaria hergebracht. Ich meine, es waren auch Heidinnen dabei. Man hatte sie erst hier oben so zusammengebunden. Sie waren manchmal ganz still und sanft. Sie taten auch einander nichts. Wenn sie aber in die Nähe von Männern kamen, wurden sie ganz rasend, stürzten gegen sie an, schrien, wurden hin- und hergeschleudert und wälzten sich unter den greulichsten Konvulsionen an der Erde. Es war ein schauderhafter Anblick. Man band sie und hielt sie abgesondert während Jesu Lehre, und jetzt wurden sie zuletzt herangeführt.
Als sie Jesu und den Jüngern nahten, fielen sie in heftigen Widerstand. Der Satan fürchtete den Herrn und zerrte sie entsetzlich. Sie schrien die . . . widerlichsten Töne aus und verdrehten ihre Glieder auf die gräßlichste Art. Jesus wandte sich zu ihnen und gebot ihnen zu schweigen und zu ruhen. Da standen sie still und starr.
Nun nahte er ihnen, ließ sie losbinden, befahl ihnen niederzuknien, betete, legte ihnen die Hände auf, und sie sanken unter seiner Hand in eine kurze Ohnmacht. Da sah ich den Feind wie einen dunkeln Dampf von ihnen weichen, und nun wurden sie von ihren Angehörigen aufgenommen und standen weinend und verschleiert vor Jesu, beugten sich vor ihm zur Erde und dankten. Jesus ermahnte sie zur Bekehrung, Reinigung und Buße, damit das Übel nicht noch gräßlicher wieder zurückkehre.
Nun war es schon in der Dämmerung, und Jesus ging von den Jüngern begleitet nach Gabara hinab. Es zogen viele Leute in Scharen, auch einige der Pharisäer, vor und hinter ihm.
Magdalena aber, ihrer Empfindung immer ohne äußere Rücksichten hingegeben, folgte dicht nach ihm in der Schar der Jünger, und ebenso wegen ihr die anderen vier Frauen. Sie suchte Jesu immer so nahe als möglich zu sein. Da dieses für Frauen nun etwas ganz Ungewöhnliches war, so sagten einige der Jünger es Jesu. Er w and te sich aber zu ihnen und sprach: "Lasset sie gehen, dieses ist nicht eure Sache! "
So kam Jesus zur Stadt, und als er dem Feschaus nahte, in welchem Simon Sebulon die Mahlzeit angerichtet hatte, war der Vorhof wieder voll Kranker und Armer, welche bei seiner Annäherung hineingetreten waren, und sie riefen die Hilfe Jesu an, der sich sogleich zu ihnen begab und sie ermahnte, tröstete und heilte. Indem aber kam Simon Sebulon mit einigen anderen Pharisäern und sagte zu Jesu, er möge doch zum Mahle kommen, sie warteten, er habe doch
198 199
heute wohl schon genug getan. Diese Leute möchten bis auf ein andermal warten, und die Armen wollte er gar hinwegweisen. Jesus sagte ihm aber, dieses seien seine Gäste, die er eingeladen, und er müsse sie erst erquicken. Wenn er ihn aber zur Mahlzeit eingeladen habe, so habe er diese auch eingeladen, und er werde erst zu seinem Mahle kommen, wenn diesen geholfen sei, und werde mit diesen kommen. Da mußten die Pharisäer wieder abziehen und noch dazu Tische für die genesenen Kranken und Armen in den Hallen um den Vorhof anrichten. Jesus heilte sie aber alle, und die Jünger brachten jene, welche bleiben wollten, an die Tische, welche für sie gerüstet waren, und es wurden ihnen Lampen angezündet.
Magdalena und die Frauen harten auch Jesum hierhin begleitet und hielten sich in den Hallen des Vorhofs auf, wo sie an den Speisesaal stießen. Jesus kam nachher mit einem Teil der Jünger zu Tisch. Es war ein reichliches Mahl, und Jesus sandjte oft von den Speisen an die Tische der Armen durch die Jünger, welche ihnen dienten und mit ihnen aßen.
Jesus lehrte unter dem Mahl, und die Pharisäer waren eben in einem heftigen Disput mit ihm. Ich habe vergessen worüber, weil ich immer auf Magdalena sah, welche sich mit ihren Begleiterinnen dem Eingang der Halle genähert hatte. Magdalena trat immer etwas näher, und die Frauen folgten in einiger Entfernung. Auf einmal ging Magdalena in demütiger Beugung des Leibes, das Haupt verschleiert, in der einen Hand eine kleine weiße Flasche haltend, die mit einem Büschel Kräuter verstopft war, mit raschen Schritten in die Mitte des Saales hinter Jesum und goß ihm das Fläschchen auf das Haupt aus und faßte das lange Ende ihres Schleiers zwischen beide n Hände zusammengefaltet und streifte damit einmal über das Haupt Jesu, als wolle sie die Haare glatt streichen und den Überfluß der Salbe damit abtrocknen.
Als diese Handlung schnell geschehen war, trat sie einige Schritte zurück. Das ganze heftige Gespräch war unterbrochen. Alles war stille und schaute auf das Weib und Jesum. Wohlgeruch verbreitete sich. Jesus war ruhig. Viele steckten die Köpfe zusammen, blickten unwillig gegen Magdalena und flüsterten. Simon Sebulon schien besonders geärgert, und Jesus sagte zu ihm: "Ich weiß wohl, was du denkst, Simon, du denkst, es sei nicht schicklich, daß ich von diesem Weib mir das Haupt salben lasse, du denkst, sie ist eine Sünderin, aber du hast unrecht, denn sie hat aus Liebe getan, was du unter-lassen hast. Du hast mir die Ehre, die dem Gast gebührt, nicht er-
wiesen." Und nun wendete er sich zu Magdalena, die noch dastand, und sagte: "Gehe in Frieden, dir ist vieles vergeben." Da ging Magdalena zu den anderen zurück, und sie verließen das Haus.
Jesus aber sprach zu der Gesellschaft von ihr und nannte sie ein gutes Weib, welches viel Mitleiden habe, und sprach von dem Richten anderer, von dem Beschuldigen offener, bekannter Schuld, während man oft viel größere heimliche in seinem Herzen trage. Er sprach mit ihnen und lehrte noch lange und ging sodann mit den Seinigen zur Herberge.
Magdalena war gerührt und erschüttert von allem, was sie gehört und gesehen. Sie war in ihrem Innern überwältigt, und weil eine gewisse heftige Hingebung und Großmut in ihr war, wollte sie Jesum ehren und ihm ihre Rührung bezeigen. Sie hatte mit Bekümmernis gesehen, daß ihm, dem wunderbarsten, heiligsten, geistvollsten Lehrer, ihm, dem liebevollsten, wundertätigen Helfer von diesen Pharisäern keine Ehre, keine gastfreundliche Auszeichnung beim
E
mpfang und während der Mahlzeit geschehen war, und fühlte sich
in ihrem Innern bewogen, es statt aller zu tun, denn die Worte Jesu, wenn auch nur einer gerührt sei und kommen wolle, hatte sie nicht vergessen. Die kleine Flasche Skizzel, welche etwa eine Hand groß war, trug sie meist bei sich, wie vornehme Damen dies heute wohl tun. Sie hatte ein weißes Oberkleid mit großen roten Blumen und kleinen Blättchen durchstickt. Es hatte weite, mit Armringen kraus gefaßte Ärmel, war auf dem Rücken weit ausgeschnitten und hing von da ohne Taille in einem Stück nieder. Es war vorne offen und erst über den Knien mit Riemen oder Schnüren verbunden. Die Brust und den Rücken bedeckten ein festes, mit Schnüren und Geschmeide verziertes Stück, skalpulierartig über die Schultern gelegt und an den Seiten verbunden. Darunter war ein anderer bunter Rock. Sie hatte diesmal den Schleier, der sonst um den Hals geschlungen war, weit über alles ausgebreitet. Sie war größer als alle die anderen Frauen, mächtig, fleischig, und doch schlank. Sie hatte sehr schmale und schöne spitze Finger, kleine aber schlanke Füße, eine edle Bewegung, sehr schöne, reiche, lange Haare.
i6. November 11822J (= 26. Maro,es'van) ~ Tagebudi Bd. v, Heft 12 1 Vier felseiten 152-156
Jesus lehrte am Morgen ungehindert in der Synagoge. Die Pharisäer hatten zueinander gesagt: "Wir können jetzt nichts mit ihm
200 201
anfangen, sein Anhang ist zu groß. Wir wollen ihm nur dann und wann widersprechen, wollen alles nach Jerusalem melden und dann warten, bis er zum Osterfest zum Tempel kommt! "
Es waren aber von neuem sehr viele Kranke in den Straßen, die teils gestern noch kurz vor dem Sabbath angekommen, teils vorher, nicht gläubig, aus den Winkeln der Stadt auf das Gerücht von den gestrigen Heilungen hervorgekommen waren. Auch sah ich viele, welche schon mehrmals dagewesen, aber nur Linderung empfangen hatten und wiederkehrten. Ich erhielt dabei die Erklärung: "Diese Kranken sind die lauen, hinfälligen, unbestimmten, trägen Seelen, welche sich schwerer bekehren als die heftigen großen Sünder. Magdalena bekehrte sich mit Kampf nach mehreren Rückfällen, dann mit großer Gewalt, Dma Samaritis schnell, Mara Suphanitis lange sehnsüchtig, dann plötzlich, alle die großen Sünderinnen sehr schnell und kräftig, so auch der starke Paulus wie mit einem Blitzstrahl. Judas schwankte immer und ging zu Grund.
So sind es auch die heftigen großen Übel, welche ich Jesum nach seiner Weisheit sogleich lösen sehe, weil solche Kranke teils wie die Besessene~ willenlos sind in ihren Zuständen, teils mit von ihren Leiden überwältigtem Willen, nämlich die Schwerkranken. Andere Kränkelnde aber, welche bei ihrem Leiden nur etwas unbequemer sündigen und ohne wahre Bekehrung sind, sehe ich oft von ihm entweder abgewiesen und zur Besserung ermahnt oder nur gelindert, um ihre Seelen mehr zu zähmen durch den Druck ihrer Fesseln.
Jesus kann sie alle gleich heilen, aber er heilt nur die, welche glauben und Buße tun, und warnt sie oft vor dem Rückfall. Ich habe auch oft gesehen, daß er bloß Kränkelnde schnell geheilt, so es ihrer Seele gedeihlich war. Aber er ist ja nicht gekommen, die Leiber zur Sünde gesund zu machen, sondern die Leiber zu heilen, um die Seelen zu retten und zu erlösen.
Ich sehe aber immer in jeder Art der Krankheit eine göttliche Absicht und ein Sinnbild irgendeiner auf dem Menschen haftenden eigenen, auch wohl fremden, ihm wissentlich oder unwissentlich zu tilgen zukommenden Schuld oder ein ihm ganz eigen zugetichtetes Kapital der Prüfung, der Führung, der Geduld, womit er in dem Ertragen wuchern soll, so daß eigentlich keiner unschuldig leidet, denn wer ist unschuldig, da der Sohn Gottes die Sünden der Welt auf sich nehmen mußte, damit sie getilgt wurden, und da wir ihm mit unserm Kreuz nachfolgen sollen, um ihm überhaupt nachzufolgen. Da die höchste Geduld und Freude im Leiden und die Vereinigung
unserer Schmerzen mit dem Leiden Jesu Christi ja selbst zu der Vollkommenheit gehören, so ist ja die Begierde, nicht leiden zu wollen, schon selbst eine Unvollkommenheit. Wir waren aber vollkommen erschaffen und sollen vollkommen wiedergeboren werden. Mle Heilung ist darum reine unverdiente Gnade und Barmherzigkeit mit armen Sündern, welche mehr als Krankheit, welche den Tod verdient haben, aus welchem der Herr durch seinen Tod jene errettet hat, die an ihn glauben und nach diesem Glauben wirken.
So sah ich Jesum auch heute viele Besessene, Lahme, Wasser-süchtige, Gichtkranke, Stumme, Blinde, Blutilüssige und Schwer-kranke heilen. Bei mehreren, welche noch stehen konnten, sah ich ihn mehrmals vorübergehen. Es waren auch solche darunter, die schon öfter Linderung von ihm erhalten hatten und ohne ernstliche Bekehrung wieder an Leib und Seele rückfällig geworden waren. Als Jesus an ihnen vorüberging, riefen sie: "Herr! Herr! Alle diese Schwer-kranken heilest du, uns heilst du nicht! Herr! Erbarme dich, ich bin wieder krank! "
Da sagte Jesus: "Warum strecket ihr eure Hände nicht nach mir aus?" Da streckten sie alle die Hände nach ihm und sagten: "Herr, hier sind unsere Hände." Er aber sagte: "Diese Hände strecket ihr wohl aus, aber die Hände eures Herzens kann ich nicht fassen, ihr haltet sie zurück und geschlossen, denn ihr seid voll Finsternis."
Darüber lehrte er noch einiges, und mehrere, die sich bekehrten, heilte er. Andere erhielten abermals Linderung, und noch an anderen ging er vorüber. -
17. November 1822 (- 27. Maro'e~wan) 1 Tagebud: Bd. v, Heft 12 / Viertelseiten 161-162
162
Ich sah heute, Sonntag, schon ganz früh Jesum mit den künftigen Aposteln, vielen Jüngern und manchen anderen Leuten, die zu Gabara und von da zu Kapernaum gewesen, nach dem Feld Esdrelon zu reisen. Es waren zwei Scharen. Eine ging vor, die andere nach, Jesus meist in der Mitte mit einzelnen.
Er lehrte hier und da auf dem Feld, wo sich Leute darboten und sie etwas ruhten. Der Weg führte über Petri Fischerstelle quer durchs Tal Magdalon östlich längs des Bergs, der über Gabara liegt, dann Im Tal östlich von Bethulien und Gischala und durch die Gegend der zwei Städte durch, die neulich bei der Reise von Dabrath nach Gischala rechts und links am Wege lagen. Jesus mochte heute etwa
202 203
neun bis zehn Stunden gewandelt sein. Sie kehrten in einer Herberge bei Hirten am Weg ein, etwa drei bis vier Stunden von Naim. Sie hatten den Bach Kison schon einmal überschritten. Jesus hat viel unterwegs gelehrt, unter anderem, wie sie die falschen Lehrer unterscheiden sollten usw.
i8. November J1822J (=28. Maroleswan) 1 Tagebudt Bd. V, Heft
12 / Viertelseiten 163-175
Naim ist ein schöner Ort mit festen Häusern und hat auch Engannim geheißen. Es liegt auf einem angenehmen Hügel am Bach Kison gegen Mittag, etwa eine kleine Stunde vom Aufsteigen des Fußes 263 des Berges Thabor, und sieht zwischen Mittag und Abend gen Apheke, zwischen Mittag und Morgen gegen Endor. Jesrael liegt ihm mehr im Mittag, aber es kann es wegen Anhöhen nicht sehen. Es hat die schöne Ebene Esdrelon vor sich und mag ungefähr drei bis vier Stunden im Südosten von Nazareth liegen. Es liegt an der Nordseite des Kisons. Jesus hatte ihn von Osten gegen Westen gehend überschritten. lskizze
Es ist ungemein fruchtbar hier, an Getreide, Obst und Wein, und die Witwe Maroni besitzt einen ganzen Berg voll der schönsten Weinreben. -Jesus kam mit etwa dreißig Begleitern gegen Naim. Es hatten sich mehrere, unterwegs schon nach ihrer Heimat reisend, getrennt. Der Weg über die Hügel wurde hier schmäler, und es wandelte eine Schar vor, eine nach, Jesus in der Mitte. Es war ungefähr neun Uhr des Morgens, als sie Naim nahten. Ich hatte neulich schon die Weisung, daß Jesus, als er hier so nahe war, mit Fleiß nicht nach Naim ging, da der Knabe doch schon krank war, weil er durch ihn von einem schweren Tod errettet und der Glaube dadurch ausgebreitet werden sollte.
Als die Jünger sich auf der schmalen Straße dem Tor nahten, sah ich einen Trupp in Trauermäntel verhüllter Juden mit der Leiche bei) dem Tor herauskommen. Ich habe immer sagen hören, die Juden liefen so unordentlich mit ihren Toten, und es war auch hier so. Sie waren wie ein Schwarm umher. Vier Männer trugen die Leiche zwischen einander in einem Kasten, auf krumme Hölzer gelegt. Es war der Kasten auf Art eines menschlichen Leibes geformt und leicht wie ein geflochtener Korb und hatte oben einen angehefteten Deckel. Skizze
Jesus ging durch die Jünger, welche sich in zwei Reihen am Wege stellten, den ankommenden Leichenbegleitern entgegen und sprach:
"Bleibet stillstehen!", und indem er die Hand auf den Sarg legte, sagte er: "Setzet nieder!" Da setzten sie den Sarg nieder. Die Leute traten zurück, die Jünger standen an beiden Seiten. Die Mutter mit mehreren Frauen, worunter die bekannten drei Witwen, deren einer Bruder von Chasaloth164 ihr erster Mann gewesen war, waren der Leiche gefolgt und standen, soeben aus dem Tore herausgetreten, mehrere Schritte vom Herrn. Sie waren verschleiert und alle sehr traurig. Die Mutter stand voran. Sie war ganz still und weinte und mochte wohl denken: "Ach, nun kommt er zu spät!"
Jesus sagte zu ihr sehr freundlich und doch ernsthaft: "Weine nicht, Weib! " Der Kummer aller Leute umher rührte ihn, denn man liebte die Witwe sehr in der Stadt wegen ihrer großen Wohltätigkeit gegen die Waisen und Armen aller Art. Es waren aber doch auch manche tückische und böse Menschen umher und sammelten sich noch mehrere aus der Stadt.
Jesus begehrte Wasser und einen Zweig. Man brachte einem der Jünger ein blaues Kesselchen mit Wasser und brach ein Ysopzweiglein in einem Garten, und dieses wurde dem Herrn gereicht, welcher den Trägern sagte: "Öffnet den Sarg und wickelt die Binden los!"
Während sie damit beschäftigt waren, erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: "Ich preise dich, Vater, Herr Himmels und der Erde, weil du dies alles vor den Weisen und Klugen verborgen und den Einfältigen offenbar gemacht hast. Ja, Vater, denn so war es vor dir wohlgefällig. Alles ist mir von meinem Vater übergeben, und niemand erkennet den Sohn als der Vater, und niemand er-kennet den Vater als der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. Kommet alle zu mir, ihr Mühseligen und Belasteten! Ich will euch erneuern. Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, weil ich sanftmütig und demütig bin vom Herzen! Ihr werdet Ruhe für eure Seelen finden, denn mein Joch ist sanft, und meine Bürde ist Ieicht.165
Als sie den Deckel aufgemacht ~,, hatten, sah ich den Leib wie eine Wickelpuppe eingewickelt in dem Sarge liegen, und sie machten die Binden, den Leib mit den Händen unterstützend, von ihm los und rollten sie auf und entblößten das Angesicht und die gebundenen Hände, und er lag nur noch mit einem Tuche eingeschla gen.
Jesus aber segnete das Wasser, tauchte den Zweig länein und
204 205
be sprengte das Volk ringsumher. Da sah ich viele kleine dunkle Gestalten, wie Insekten, Käfer, Kröten, Schlangen und kleine dunkle Vögel von manchen aus der Umgebung wegschweben. Das schien zwar damals sonst niemand zu sehen. Die Leute aber wurden inniger und gerührt, und es war, als würde alles heller und reiner.
Nun sprengte Jesus auch mit dem Zweige auf den Jüngling und machte ein Kreuz über ihm mit der Hand. Da sah ich wie eine dunkle schwarze Gestalt gleich einer Wolke von dem Körper weichen, und Jesus sagte zu dem Jüngling: "Stehe auf!" Und er richtete sich in sitzende Stellung und schaute müde und neugierig verwundert um-her. Da sprach Jesus: "Gebet ihm ein Kleid!" Und sie legten ihm einen Mantel um. Nun richtete er sich stehend auf und sprach: "Wie ist das, wie komme ich hierher?" Und sie legten ihm Sohlen an. Da trat er heraus, und Jesus nahm ihn bei der Hand und führte ihn der entgegeneilenden Mutter in die Arme und sagte: "Hier hast du deinen Sohn zurück, aber ich fordere ihn wiedergeboren von dir in der Taufe."
Die Mutter war so außer sich vor Freude, Staunen, Ehrfurcht, daß da gar kein Danken war, sondern nur Tränen und Umarmen des Jünglings. Sie zogen mit ihm nach Haus, das Volk sang Lobgesänge. Jesus folgte mit den Jüngern in das Haus der Witwe, welches sehr groß, von Höfen und Gärten umgeben ist, und dort angekommen, mehrte sich die Freude von allen Seiten. Alles drängte sich, den Jüngling zu sehen. Er wurde gebadet und legte ein weißes Röckchen und einen Gürtel an. Jesus und den Jüngern wurden die Füße gewaschen und ein Imbiß gereicht, und sogleich ging es in dem Haus an ein ganz heiteres und überfließendes Austeilen und Schenken an die Armen, welche sich alle um das Haus glückwünschend versammelten. Es wurden Kleider, Laken, Getreide, Brot, Lämmer, Vögel, auch Münzen ausgeteilt, und Jesus lehrte dazwischen die versammelten Haufen im Hof der Witwe.
Martialis in seinem weißen Röckchen war ganz fröhlich und lief hin und her, ließ sich besehen und teilte aus. Er war ganz kindisch vergnügt, und es war lustig anzusehen, wie die Schulkinder, seine Kameraden, von den Lehrern in den Hof geführt wurden und er... ihnen nahte.
Da waren viele von den Kindern ganz scheu, als sei er vielleicht ein Geist, und er lief auf sie zu und schreckte sie mit scherzhaften Tönen. Da wichen sie zurück. Andere lachten sie aus und spielten die Tapferen und gaben ihm die Hand und sahen mit Selbstgefühl
auf die Furchtsamen, wie ein größerer Knabe ein Pferd oder ein anderes Tier berührt, wovor der kleinere bangt.
Es wurde aber eine Mahlzeit im Haus und in den Höfen gerüstet, woran alles teilnahm. Petrus, als der Verwandte der Witwe, denn sie war seines Schwiegervaters Bruders Tochter, war besonders froh und vertraut im Haus und machte gewissermaßen den Hausvater. Jesus nahm den geheilten Knaben vor den versammelten Scharen öfters vor und belehrte ihn, und ich hörte wohl, daß er das, was er ihm sagte, den Anwesenden zu Gehör sprach, und daß sie dadurch getroffen wurden.
Ich habe aber nie gehört, daß er von ihm als einem Gestorbenen gesprochen. Er sprach immer, als habe ihn der Tod, der durch die Sünde in die Welt gekommen, gebunden, gefesselt, und so in der Grube erwürgen wollen, als habe er blind in die Finsternis geworfen werden und dort zu spät die Augen auftun sollen, wo kein Erbarmen, keine Hilfe mehr ist. Vor dem Eingang aber habe ihm die Barmherzigkeit Gottes, eingedenk der Frömmigkeit seiner Eltern und einiger seiner Voreltern die Fesseln gelöst. Nun aber solle er sich durch die Taufe auch lösen lassen von der Krankheit der Sünde, auf daß er nicht noch in schrecklichere Gefangenschaft komme.
Er lehrte über die Tugenden der Eltern, die in später Zeit den Kindern zugute kommen, und wie um die Gerechtigkeit der Altväter Gott bis jetzt Jsrael geführt und geschont habe. Nun aber, da es vom Tod der Sünde gebunden und bedeckt wie dieser Knabe am Rande des Grabes stehe, sei seine Barmherzigkeit zum letzten Mal seinem Volk nahegekommen.
Johannes habe die Wege bereitet und mit starker Stimme zur Erweckung der Herzen aus dem Todesschlaf gerufen, und der Vater erbarme sich nun zum letzten Mal und öffne die Augen derer zum Leben, welche sie nicht hartnäckig verschließen wollten. Er verglich das Volk in seiner Blindheit dem in Leichenrüchern und in dem Sarg verschlossenen Jüngling, welchem, dem Grabe nah, schon außer den Toren der Stadt das Heil entgegentrete. Er stellte ihnen vor, wenn nun die Träger seine Stimme nicht gehört, den Sarg nicht niedergesetzt, nicht geöffnet, den gebundenen Leib nicht gelöst hätten, hartnäckig vorübereilend, den Lebendigen, aber schwer Gefesselten des Todes, lebendig begraben hätten, wie scheußlich und schrecklich das gewesen wäre, und er verglich die falschen Lehrer, die Pharisäer usw., welche das arme Volk vom Leben der Buße abhielten, mit den Binden ihrer Gesetze einsihnürten, in den Sarg ihrer Gewohnheiten
206 207
1
verschlössen und es so in das ewige Grab wärfen. Er flehte und ermahnte, die angebotene Barmherzigkeit seines himmlischen Vaters anzunehmen, und zum Leben, zur Buße, zur Taufe zu eilen, usw.
Merkwürdig war mir, daß Jesus hier mit geweihtem Wasser segnete. Es wurde aber gesagt, es sei gewesen, die bösen Geister zu vertreiben, welche eine Gewalt an verschiedenen Anwesenden hatten, die teils geärgert, teils neidisch, teils voll heimlicher Schadenfreude waren und meinten, er werde ihn wohl nicht erwecken. Ich sah diese ihre böse Stimmung in allerlei Insektengestalten von ihnen weichen. Bei der Erweckung des Jünglings sah ich auf den Segen mit dem Wasser sich auch eine kleine Wolke von vielen kleinen und größeren Ungeziefergestalten oder Schatten von dem Leibe erheben und in die Erde verschwinden.
Ich dachte wohl dabei, wie ich andere durch Jesum vom Tode er-wecken gesehen. Da kehrte die Seele des Toten zurü~, die ich fern von ihm getrennt in dem Kreis ihrer Schuld stehen sah, und sie kam über den Leib und senkte sich in ihn hinein, worauf er sich erhob. Hier bei dem Jüngling von Naim war es anders. Ich sah die Seele nicht getrennt, nicht zurückkehren. Ich sah, als hebe sich der Tod als eine erstickende schwere Last von dem Leibe weg.
Ich dachte wohl dabei an die Erweckung jenes Mannes bei Kedar (Gazora). Da rief er gleichsam die Seele, die ich getrennt sah in einem Kreis. Hier war es aber, als hebe sich der Tod von dem Leib; ich sah die Seele nicht zurückkehren.
Nach dem Mahl ging Jesus mit den Jüngern, als der Abend nahte, nach einem schönen Garten der Witwe Maroni am mittäglichen Ende der Stadt. Es war der ganze Weg durch die Stadt mit allerlei Bresthaften und Kranken besetzt, welche er heilte. Es war eine große Bewegung in der Stadt.
Es war schon dunkel, als Jesus in den Gatten kam. Es waren dort Maroni, die drei Witwen, die Hausgenossen und Freunde und einige Synagogenlehrer versammelt. Der Jüngling und einige andere Knaben waren auch zugegen. Es waren mehrere Lusthäuser in dem Garten, und vor einem schöneren, dessen Dach auf Säulen stand, die man mit Netzwänden schließen konnte, war eine Fackel unter Palmbäumen hoch aufgestellt, welche in den Saal leuchtete. Das Licht schimmerte so schön an den langen grünen Blättern, und an den Bäumen, wo noch Früchte waren, konnte man sie deutlicher und glänzender sehen, wo die Fackel hinschien, als bei Tag.
Anfangs lehrte und erzählte Jesus lustwandelnd. Nachher aß man
einige Früchte zur Erquickung, und Jesus hielt eine schöne Lehre in dem Lusthaus. Auch mit dem erweckten Knaben sprach er oft, den anderen zum Gehör. Es war ein gar wunderschöner Abend in dem Garten. Nachher gingen sie in der Nacht in das Haus Maronis, in dessen Seitengebäuden sie alle Raum hatten.
23. Nc,ember j1822J (=3. Cislea) / Tagebuch Bd. v, Heft 12 / Viertel-Seiten 2O~212
... Er gab ihnen auch einige allgemeine Regeln, wie sie sich auf dem Wege gegen gewisse Gesellen benehmen sollten, und sprach dieses, wie ich wohl merkte, kurz vor dem Abschied, den mitgekommenen vier Herodianern zu Gehör. Er sagte ihnen, wenn sich auf ihren künftigen Wegen Profane zu ihnen gesellten, die sie wohi erkennen könnten an sanftem, lächelndem, aushorchendem, ausfragendemJ Geschwätz, und daß sie sich nicht abweisen ließen und immer halb einstimmend, halb gelinde widersprechend von Dingen fragten und sprächen, wobei ihnen das Herz überströme, dann sollten sie sich auf alle Weise von ihnen loszumachen suchen, weil sie noch zu schwach und treuherzig wären, und leicht in eine Schlinge dieser Laurer eingehen könnten. Er wolle ihnen nicht ausweichen, denn er kenne sie und wolle, daß sie seine Lehre hörten, usw....
Als das Volk aus der Synagoge ging und Jesus, die Jünger und Pharisäer auch folgten, gedachten die Pharisäer auch mit ihm im Vorhof zu disputieren. Sie kamen jedoch vor Überraschung nicht dazu, denn Jesus wendete sich vor der Türe nach der Halle, worauf die zwei unreinen Männer standen, und rief ihnen zu, herab-zukommen. Sie waren aber so furchtsam und verschämt, daß sie aus Angst vor den Pharisäern nicht gleich kamen, und Jesus befahl ihnen in einem Namen, den ich nicht mehr weiß, herabzukommen. Da konnten sie zu ihrem großen Erstaunen allein herabsteigen auf den Treppen.
Es war aber der Vorhof mit Fackeln für die Ausgehenden er-leuchtet, und wie ergrimmten die Pharisäer, als sie die beiden armen, verachteten Sünder an ihren roten Mänteln in der Nacht erkannten. Sie sanken zitternd vor Jesu auf die Knie. Er aber legte die Hand auf sie und hauchte ihnen ins Gesicht und sagte: "Eure Sünden sind euch vergeben!" und ermahnte sie zur Enthaltung und Bußtaufe. Er gebot ihnen auch, ihre Schriftgelehrtheit fahren zu lassen. Er wolle sie die Wahrheit und den Weg lehren. Sie standen aber auf, und ihre Ver
208 209
unstaltung hörte merklich auf, ihre Geschwüre trockneten, und die Rinden fielen ab. Sie dankten unter Tränen und gingen mit Sorobabels Knechten von dannen. Viele gutgesinnte Leute drängten sich um sie und lobten sie wegen ihrer Buße und Heilung.
Die Pharisäer aber waren wie rasend. Sie schrien ihn an: "Am Sabbath heilst du und Sünden vergibst du? Wie kannst du Sünden vergeben? Er hat den Teufel, der ihm hilft! Er ist ein Rasender! Man sieht es wohl daran, wie er herumrennt! Kaum hat er hier sein Spektakel getrieben, so ist er auch wieder zu Naim und erweckt Tote, und dann zu Megiddo und wieder hier. Das kann kein gerechter Mensch, der bei Sinnen ist. Er hat einen bösen mächtigen Geist, der ihm hilft!"
Ich hörte auch noch die Pharisäer sagen: "Wenn Herodes nur erst einmal mit Johannes fertig ist, wird die Reihe auch an ihn kommen, wenn er dann sich nicht aus dem Staube macht!"
Jesus aber ging durch sie durch von dannen, und ich hörte, daß die ihm angehörigen verwandten Frauen weinten und jammerten über die laute Wut der Pharisäer, denn sie hatten in der Nähe auf ihn geharrt beim Nachhausegehen.
Jesus ging aus der Stadt den Weg nach Nordost auf die Höhe über der Höhe des Tals, wo das Haus Mariä war und wo er einmal Heiden geheilt. Man ging da von Bethsaida gerad nach Kapernaum herüber, ohne durch das Tal zu gehen, welches etwas... ist. Es sind da viele Büsche und Höhlen, wo er betete. Ich sah Jesum später zum Haus Mariä kommen, die Frauen trösten und belehren und dann wieder hinausgehen und die Nacht hindurch beten.
28. November !I8221 (= 4. Cislev) ~ Tagebu~ Bd. V, Heft 12 l Viertel-seiten 218-222
Da er nun fortging, kamen Boten vom Hause des Jairus und sagten: "Deine Tochter ist gestorben, du brauchst den Meister nicht weiter zu bemühen. " Da sagte Jesus zu Jairus: "Fürchte dich nicht, glaube mir, so wird ihr geholfen." Sie gingen hierauf die Nordseite der Stadt hinan, wo Kornehus wohnte, von dessen Haus Jairi Haus nicht weit entfernt war.
Als sie schon in der Nähe des Hauses Jain waren, sah man auch gleich viele Trauerleute und Klageweiber vor der Türe und im Vor-haus, und Jesus nahm nur den Petrus und Jakobus major und Johannes mit sich hinein. Im Hofe sagte er zu den Klagenden:
4
"Warum jammert und weint ihr so? Geht hinweg, das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft nur." Und es fingen die Klageleute an, ihn spöttelnd zu belachen, weil sie wußten, daß e~ tot war. Jesus aber sagte, sie sollten hinausweichen, und sie mußten aus dem Hofe hinaus, der geschlossen wurde.
Er trat aber nun in die Küche, wo die betrübte Mutter und ihre Magd mit Vorbereitung der Totenhüllen beschäftigt waren, und Jesus ging mit dem Vater, der Mutter und den drei Jüngern in die Kammer, wo die Tochter lag. Jesus trat gegen das Lager. Die Eltern standen hinter ihm und die Jünger von ihm rechts zu Füßen des Bettes. Die Mutter gefiel mir gar nicht. Sie hatte kein Vertrauen und war kalt. Der Vater war eigentlich auch kein begeisterter Freund Jesu. Er war so, daß er es sich nicht mit den Pharisäern zu verderben suchte, und nur die Angst und Not hatten ihn zu Jesu getrieben. Heilte dieser das Kind, so hatte er es wieder, wo nicht, so war es ein Triumph für die Pharisäer. Doch hatte ihn zuletzt die Heilung von Kornelii Knecht besonders bewegt und ihm mehr Vertrauen gegeben.
Das Töchterchen war nicht sehr groß, und sehr abgezehrt. Ich hielt es höchstens für elf Jahre alt, doch von den Kleinsten dieses Alters, 4enn man findet Judenmädchen von zwölf Jahren, die ganz vollkommen ausgebildet sind. Es lag in einem langen Kleid eingewickelt auf dem Lager.
Jesus nahm es ganz leicht auf seine Arme und legte es gegen seine Brust und hauchte es an, und da sah ich etwas Wunderbares. Ich hatte neben dem Leichnam an der rechten Seite eine kleine lichte Gestalt in einem hellen Kreis gesehen, und da Jesus das Mägdlein anhauchte, sah ich das Licht in dessen Mund wie eine kleine lichte Menschenfigur einsinken, nachdem es dahin geschwebt war. Jesus legte den Leib wieder auf das Lager, faßte den Arm des Mägdleins wie ein Arzt über der Hand und sagte: "Mägdlein, richte dich auf!"
Da richtete sie sich sitzend im Bette auf, und er hatte sie fortwährend an der Hand, und sie richtete sich ganz auf, hatte die Augen offen und sprach und stieg an der Hand Jesu vom Lager, und er führte sie, die noch schwach war und schwankend schlich, in die Arme der Eltern, die der ganzen Handlung anfangs kalt und bang, dann mit Zittern und Beben zugesehen, und jetzt vor Freude ganz außer sich waren.
Jesus sagte ihnen, dem Kinde etwas zu essen zu geben und keinen unnötigen Lärm von der Sache zu machen, und kehrte nachher mit
210 211
dem Dank des Vaters hinab zur Stadt zurück. Die Frau war verschämt und verblüfft und dankte nicht viel.
Es war aber gleich unter den Klageleuten erschollen, das Mägdelein lebe. Sie traten aus dem Weg, schämten sich teils, teils hohn-lächelten doch noch manche Niederträchtige, und sie gingen in das Haus und sahen das Mägdlein essen.
Jesus sprach auf dem Rückweg mit den Jüngern von dieser Heilung. Er sagte, diese Leute hätten zwar keinen rechten Glauben gehabt und keine aufrichtige Gesinnung, ihre Tochter aber sei vom Tode erweckt um ihrer selbst willen und zur Ehre des Reiches Gottes. Dieses sei ein unschuldiger Tod. Sie müsse sich vor dem Tod der Seele hüten.
Er ging dann wieder auf den Platz der Stadt und heilte noch viele Kranke, die ihn erwarteten, und lehrte dann in der Synagoge bis zum Sabbathschluß. Die Pharisäer aber waren so erbittert, ergrimmt und unruhig, daß sie leicht Hand an ihn gelegt hätten, wenn er sich noch nachher mit ihnen eingelassen hätte, denn sie fingen schon wieder davon an, daß er seine Wunder durch Zauberei tue. Er verlor sich aber unter der Menge und verließ die Stadt durch die Gärten Sorobabels. Auch die Jünger mußten sich zerstreuen.167
2. Dezember 18221 (= 13. Cislev) 1 Tagebudz Bd. V, Heft 13 I Viertel-Seite 6
... Ich sah heute auch von Jairus, warum seine Tochter wieder krank werden werde. Jairus ist ein lauer, nachlässiger Mann, wenngleich nicht böse, doch ganz ohne Eifer. Er ist etwa sechsunddreißig Jahre alt, sein Weib etwa funfundzwanzig. Sie ist nicht fromm, sondern eitel und sinnlich. Die Tochter ist ein verweichlichtes, schwaches, geziertes Mädchen ,~, sehr schwach für ihr Alter, denn sie kann etwa schon zehn Jahre alt sein, ist aber wie ein Mädchen von acht Jahren gegen die anderen Judenkinder. Sie haben die Heilung der Tochter sehr obenhin angenommen und sich gar nicht gebessert, und es ist ihre Hauptsünde, daß sie vor dem Kinde in Reden und Handlungen nicht sehr züchtig sind, und daß in dem schwächlichen Geschöpf unreine Lust dadurch erwacht, weswegen sie zurückfallen wird...
6. Dezember 18221 (=17. CislevJ) 1 Tagebu£h Bd. V, Heft 13 / Viertelseiten 2~25
... In der Synagoge wurde von der Traumauslegung Josephs im Kerker in Ägypten und vom Urteil Salomonis gelesen und au~ gelegt.169 Jesus setzte auch einen Teil der Bergpredigt fort 170: Du sollst nicht ehebrechen. Es war keine besondere Störung in der Synagoge.
Jairus, der Vorsteher, war auch in der Synagoge. Er war sehr traurig und voll von Gewissensbissen. Als er sein Haus verlassen hatte, war seine Tochter bereits wieder dem Tod nah, und zwar nem gefährlicheren Tode, denn er war die Strafe der Eltern und hrer Sünden. Schon am vorigen Sabbath fiel sie wieder ins Fieber. Die Mutter und deren Schwester und Jain Mutter, die im Hause itwohnten, hatten samt der Tochter Jesu Heilung sehr leichtsinnig aufgenommen, ohne Dank, ohne Sinnesänderung, und Jairus, zwar fromm, aber doch lau und hinfällig und von seiner schönen, eitlen Frau sehr eingenommen, hatte alles nach ihrem Willen gehen lassen. Es war in dem Hause eine eitle Weiberwirtschaft. Sie schmückten sich mit dem neuesten heidnischen Putz. Als das Mädchen wieder gesund war, lachten und spöttelten die Weiber über Jesum mit ihm selbst, und es stimmte mit ein.
Das Mädchen aber war etwa im elften Jahr und auf dem Punkte ihrer Mannbarkeit. - Neulich war sie noch ganz in der Unschuld gewesen, aber der Leichtsinn der Eltern in ihrer Gegenwart, allerlei Schmausereien und Geschenke und Putz nach ihrer Genesung und der Besuch und das Getändel mit einigen jungen Freiern, bei welchen sie von unreinen Begierden und Küssen und Augenlust nicht rein blieb, hatten ihre Unschuld befleckt. Sie fiel in ein Fieber, hatte ungemeine brennende Hitze und Durst, und dieses stieg in der letzten Woche bis zum steten Delirieren. Sie sprach und wimmerte immer, daß ihre Freier sie so peinigten. So war sie nun heute dem Tode ganz nah. Die Eltern hatten stillschweigend jedes für sich allein die Strafe ihres Leichtsinns darin geahnt, schon seit der ganzen Woche, und endlich es einander selbst 171 eingestanden, und die Mutter war so beschämt und erschüttert, daß sie selbst zu Jairus sagte: "Wird wohl Jesus sich nochmals über uns erbarmen?" Ja, sie trug es ihrem Mann auf, ihn nochmals demütig anzuflehen. Jairus aber schämte sich, vor den Herrn zu kommen, und wartete bis nach der Sabbathslehre, denn er hatte den Glauben, Jesus werde ihm zu jeder Zeit helfen können,
212 213
wenn er es wolle. Auch schämte er sich vielleicht bei Tag vor den Leuten, noch einmal um Hilfe zu flehen.
Als Jesus aus der Synagoge herausging, war ein großes Gedränge um ihn. Es waren viele Leute und Kranke da, die zu ihm wollten, und Jairus nahte und warf sich betrübt vor ihm nieder und bat ihn, sich nochmals seiner Tochter zu erbarmen, welche er sterbend verlassen.
Jesus versprach ihm, mitzugehen. Es kam aber jemand aus Jairi Haus und suchte ihn, weil er so lange ausgeblieben und weil die Frau daher glaubte, Jesus wolle nicht kommen, und der Bote sagte, die Tochter sei schon tot. Jesus aber tröstete ihn und sagte ihm, er solle nur vertrauen.
Es war nun aber schon dunkel. Die Jünger und Freunde und lauschenden Pharisäer machten ein... großes Gedränge um Jesum.
Die blutflüssige Frau war aber hier unter dem Volk im Dunkeln, ihre Wärterinnen hatten sie unter den Armen hergeleitet. Sie wohnte nicht weit von der Synagoge. Die Frauen, welche, obschon nicht in dem Grade wie sie krank, durch die Berührung des Kleides Jesu im Gedränge heut mittag bei der Überfuhr geheilt worden waren, hatten mit ihr gesprochen, und der lebendige Glaube war in ihr erwacht. Sie hoffte, in der Dämmerung unter den Leuten, welche mit ihm die Synagoge verließen, ihn unbemerkt berühren zu können.
Jesus wußte wohl ihre Gedanken und zögerte sprechend etwas in seinen Schritten. Da ward sie ihm nahegeführt, auch ihre Tochter und Lea. Die andere Frau und der getaufte Oheim ihres Mannes waren in ihrer Nähe. Sie setzte sich aber in die Knie und lehnte sich vorwärts auf die eine Hand und berührte mit der anderen den Saum von Jesu Kleid durch das Gedränge hindurch und fühlte sich augenblicklich geheilt.
Jesus aber blieb stehen und schaute sich zu den Jüngern um und fragte: "Wer hat mich angerührt?" Da sagten Petrus und andere zu ihm: "Du fragst, wer dich angerührt. Das Volk drückt und drängt dich, wie du siehst." Jesus sagte aber: "Es hat mich jemand an-gerührt, denn ich fühlte ja, daß eine Kraft von mir ausging." Da schaute er umher, und indem etwas Raum um ihn ward, konnte das Weib sich nicht mehr verbergen. Sie nahte ihm ganz blöd und furchtsam, warf sich vor ihm nieder und sagte vor allem Volk, daß sie es getan, daß sie so lange am Blutiluß gelitten und sich durch dieses Anrühren geheilt glaube, und sie bat, er möge ihr vergeben. Da sprach Jesus zu ihr: "Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir
geholfen! Gehe hin in Frieden und sei frei von deinem Leiden! " Da ging sie mit den Ihrigen von dannen.
Sie ist in den Dreifligern, groß, aber sehr mager und bleich. Sie hieß Enue. Ihr verstorbener Mann ist ein Jude gewesen. Sie hat nur eine Tochter, welche bei ihrem Oheim erzogen wird, der nun mit dieser Tochter hier zur Taufe gekommen ist, nebst einer Schwägerin von ihr, die Lea heißt und deren Mann unter den Pharisäern, den Feinden Jesu, ist. Enue hat in ihrem Witwenstand eine Verbindung eingehen wollen, welche ihren reichen Verwandten zu gering schien. Sie haben sich widersetzt. Indessen war sie nicht ohne Sünde geblieben. Sie ist auch deswegen nach Kapernaum weggezogen.
6. Dezember 1822 (= 17. Cislev) 1 Tagebudz Bd. V, Heft 13 / Viertel-
Seiten 26-35
Jesus ging nun mit schnellerem Schritt mit Jairus nach seinem Haus. Es waren aber Petrus, Jakobus, Johannes, Saturnin und Matthäus mit ihm. Im Vorhaus standen wieder die Klagenden und Weinenden. Sie spotteten diesmal aber nicht. Jesus sagte diesmal auch nicht: "Sie schläft nur." Er ging durch die Leute durch, und die Mutter Jain, seine Frau und ihre Schwestern kamen ihm weinend und schüchtern in Trauerkleidern und verschleiert entgegen.
Jesus ließ Saturnin und Matthäus bei den Leuten im Vorhaus und ging mit Petrus, Jakobus und Johannes und mit dem Vater, der Mutter und Großmutter hinein, wo die Tote lag. Es war ein anderer Raum als das erste Mal, da sie in einer kleinen Kammer lag. Jetzt lag sie in einem Raum hinter der Feuerstelle.
Jesus hatte sich ein Zweiglein im Garten brechen lassen und ließ sich ein Becken mit Wasser reichen, das er segnete. Die Leiche lag ganz erstarrt und sah nicht so angenehm aus wie das letzte Mal. Neulich hatte ich ihre Seele in einem lichten Kreis dicht an der Seite ihres Leibes gesehen, jetzt sah ich sie nicht. Neulich sagte er: "Sie schläft." Jetzt sagte er nichts. Sie war tot. Er besprengte sie mit geweihtem Wasser durch den kleinen Zweig, betete und nahm sie bei der Hand und sprach: "Mägdlein, ich sage dir, stehe auf!" Als er aber betete, sah ich ihre Seele in einer dunklen Kugel ihrem Munde nahen und in denselben hineinziehen. Sie schlug die Augen auf, folgte dem Zug seiner Hand, richtete sich auf, stieg vom Lager, und er wendete sie zu ihren Eltern, welche sie unter heftigem Weinen und Schluchzen empfingen und zu den Füßen Jesu sanken.
214 215
Er sagte aber, man solle ihr etwas zu essen bringen, und zwar Trauben und Brot. Dies geschah. Sie aß und sprach, und Jesus er-mahnte die Eltern ernstlich, die Barmherzigkeit Gottes dankbar anzunehmen, Eitelkeit und Weltlust ganz zu lassen und der verkündigten Buße zu folgen, auch ihr Kind, welches zum zweiten Mal zum Leben zurückgekehrt, ferner nicht zum Tode zu erziehen. Er verwies ihnen ihr ganzes Wesen und ihre leichtfertige Annahme der ersten Gnade, und wie sie nachher getan, und wie in dieser kurzen Zeit das Mägdlein einem viel schwereren Tode, nämlich dem Tode der Seele entgegengegangen.
Das Mägdlein aber war sehr gerührt und weinte, und Jesus warnte sie vor Augenlust und Sünde und sagte ihr, als sie von den Trauben und dem Brote aß, das er ihr gesegnet hatte, sie solle künftig nicht mehr fleischlich leben und den Trieben ihres sündlichen Blutes folgen, sondern vom Brote des Lebens, dem Worte Gottes, solle sie essen. Sie solle büßen, glauben, beten und gottselige Werke tun.
Die Eltern waren ganz bewegt und verwandelt. Der Mann versprach, sich von allem loszumachen und seinen Befehlen zu folgen, und auch die Frau und alle anderen, die nun hereingekommen, versprachen, sich zu bessern, weinten und dankten. Jairus hat sich auch ganz verändert und sogleich einen großen Teil seiner Güter den Armen gegeben. Die Tochter hieß Salome.
Es waren aber viele Leute vor Jairi Haus gekommen, und Jesus sagte zu Jairus, sie sollten kein unnötiges Geschrei und Gerede hiervon machen. Er sagte dieses sehr oft den Geheilten, und zwar in mancherlei Absicht. Meist geschah es, weil das viele Schwätzen und Prahlen von einer Gnade die Rührung der Seele und die Betrachtung der Barmherzigkeit Gottes störte. Er wünschte, die Genesenen sollten innig sein und auf Besserung sinnen, und nicht herumlaufen und sich mit dem geschenkten Leben belustigen, wodurch sie leicht in Sünden fielen. Oft geschah es auch, die Jünger aufmerksam zu machen, daß sie immer allen eitlen Ruhm meiden müßten, und daß das Gute allein aus Liebe und für Gott geschehen müsse. Einige Male geschah es auch, die Menge der Neugietigen und Störer nicht zu vermehren und keine Kranken herbeizulocken, welche nicht die innere Regung des Glaubens zu ihm bewege, denn viele kamen, um es zu probieren, und fielen dann wieder in Sünde und Krankheit, wie es dann bei Jairi Tochter teils selbst der Fall war. Wie es aber sich so glattweg in den Büchern liest, das muß nicht ganz richtig übersetzt sein, denn es steht oft bei Heilungen, die so öffentlich geschahen,
daß das Verbot, es niemand zu sagen, gar nicht anwendbar war, da es sehr viele schon gesehen...
Jesus ging aber mit den fünf Jüngern durch das Hinterhaus Jain weg, um dem Volk an der Türe auszuweichen. Die Heilung in Jairi Haus, die neulich gleich nach Mittag geschehen, geschah heute nach dem Sabbath beim Schein der Lampen, welche brannten. Jairi Haus lag an der Nordseite der Stadt, und Jesus ging nun nach der Nordwestseite gegen den Wall zu. Es harten ihn aber ein paar Blinde mit ihren Führern doch aufgespürt. Es war schier, als hätten sie ihn gerochen, denn sie folgten nach und riefen: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich unser!" Jesus aber ging in das Haus eines vertrauten Mannes, das in den Wall eingebaut war und auf der anderen Seite einen Ausgang aus der Stadt hatte. Die Jünger kehrten da manchmal ein. Der Mann war ein Wächter an diesem Teile der Stadt. Es folgten ihm die Blinden in das Haus und flehten: "Erbarme dich unser, Sohn Davids ! " Da wendete sich Jesus zu ihnen und sagte: "Glaubet ihr, daß ich dieses tun kann?" Und sie antworteten: "Ja, Herr!" Da nahm er ein Fläschchen aus dem Busen, ich meine, es war Balsam oder Öl darin, und er goß davon in eine kleine talergroße Schale. Sie war braun und nicht tief. Er hatte sie in der Fläche der linken Hand und hatte etwas Erde hineingetan, und er rührte es mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in der kleinen Schale und berührte dann ihr e Augen damit und sprach: "Es geschehe euch nach eurem Willen!" Da taten sie die Augen auf und sahen und fielen auf ihre Knie und dankten, und Jesus sagte auch diesen, sie sollten doch ja kein Geschrei davon machen. Jetzt sagte er dieses auch, damit die Leute ihn nicht auch hierher verfolgten, und besonders, um die Pharisäer nicht noch mehr zu ärgern.
Das Geschrei der Blinden, als sie ihm folgten, hatte aber schon seine Anwesenheit in dieser Gegend verraten, und sie erzählten ihr Glück gleich auf de~ ganzen Wege. Da nahte sich das Volk abermals...
Er hatte kaum ein wenig Ruhe gehabt, so kamen mehrere weit-läufige Verwandte von Annas Seite aus der Gegend von Sephoris und brachten einen von einem stummen Teufel besessenen Mann herein. Sie harten ihm die Hände gebunden und führten und zerrten ihn an Stricken um den Leib herein. Man band und führte ihn so, denn er war ganz rasend und sehr scheußlich und entblößte sich sonst auf die schändlichste Art.
Es war dieser Mann einer der Pharisäer von der Kommission, die
216 217
auf Jesum lauerte. Er hieß Joas und war einer der Pharisäer, mit welchen Jesus am i6. August (-23. Ab) in der einzeln liegenden Schule zwischen Sephoris und Nazareth disputiert hatte.
Der Teufel hatte sich vor vierzehn Tagen ungefähr seiner bemächtigt. Als Jesus von Naim zurückkam, da hatte er gegen seine innere Überzeugung, aus bloßer Schmeichelei zu den anderen Pharisäern, in die Lästerungen über Jesum eingestimmt, er müsse einen Teufel haben, er laufe wie ein Rasender im Lande herum. Jesus hatte mit ihm bei Sephoris über Ehescheidung disputiert. Er war in unreinen Sünden. Er war wie rasend, als er hereinkam, und fuhr auf Jesum zu, als wolle er ihm ins Gesicht speien. Jesus aber winkte ihm mit der Hand, da stand er still, und Jesus gebot dem Teufel auszufahren. Da zuckte der Mensch, und ich sah einen dunklen Dampf aus seinem Munde fahren, und er sank vor Jesu in die Knie und sprach und bekannte seine Sünden und bat um Vergebung, und Jesus vergab ihm und legte ihm eine Buße von einer Reihe von Fasttagen und von Almosen auf. Er mußte sich auch mehrerer Speisen, zum Beispiel des Knoblauchs, welchen die Juden sehr viel essen, ganz enthalten auf längere Zeit.
Es war aber ein großes Staunen hierüber, denn es wurde für sehr schwer gehalten, die stummen Teufel zu vertreiben, und die Pharisäer hatten sich schon viel Mühe mit ihm gegeben. Wären seine Landsleute von Nazareth nicht hierher gekommen, die ihn zu Jesu brachten, er wäre nicht vor ihn gekommen. Die Pharisäer waren nun sehr ergrimmt, daß selbst einer aus ihrer Mitte Hilfe von ihm erhielt und öffentlich seine Sünde bekannte, an welcher sie teilgenommen.
Als er hinwegging, verbreitete sich der Ruf seiner Befreiung in Kapernaum. Die Leute sagten, solch Wunder sei unerhört in... Israel. Die Pharisäer aber waren ganz wütend und sagten: "Er treibt die Teufel durch den obersten der Teufel aus."
Jesus ging nun durch die hintere Türe des Hauses mit den Jüngern hinaus und ging an der Westseite der Stadt außerhalb herum bis zu Petri Haus vor der Stadt, wo er etwas aß und die Nacht zubrachte.
ii. Dezember J1822J (=
22. Cisler) 1 Tagebudz Bd. V, Heft 13 1 Viertel-Seiten 57-74
... Jesus hat diese Nacht mit den Jüngern auf dem Schiff Petri geschlafen, und als er am Morgen ans Land trat und dem Ufer entlang
ging, kamen mehrere dämonische Kranke zu ihm, die er mit Handauflegung heilte. Ich hörte, daß diese Leute in der Gegend oft in allerlei scheußlichen zauberischen Absichten von einem Kraut aßen, welches hier in der Schlucht und an den Bergen häufig wuchs, wodurch sie berauscht, unsinnig, unzüchtig wurden und in Krämpfe fielen, und daß auch ein anderes Kraut als Gegenmittel da war, welches aber seit einiger Zeit nicht mehr helfen wollte, weswegen sie nun ganz ihrem Elend hingegeben waren.
Es ist aber das Land der Gergesener ein ungefähr fünf Stunden langer und hier und da etwas mehr, auch weniger als eine und eine halbe Stunde breiter Strich Landes, aber zusammengehörig durch die Geschichte und den Charakter der Einwohner, die nicht viel taugen. Es nimmt von der Schlucht zwischen Dalmanutha und Magdala, die Schlucht miteingeschlossen, südlich seinen Anfang und enthält mit den Städten Gergesa und Gerasa, womit es sich schließt, zehn Flecken, welche teils Dörfer sind. Sie liegen alle in einer Reihe über den schmalen Strich zerstreut. Hinter Gerasa... grenzt es an diej Gegend Chorazin, das Land Zin, auch so ein Distrikt, worin viel Wüstes ist. Im Osten ist die Grenze der Gergesener der lange Berg-rücken, auf dessen Südende die Festung Gamala liegt, gegen Süd die Schlucht, gegen Abend das Ufertal des Sees, an welchem hier Dalmanutha, Magdala und Hippos liegen, die nicht dazugehören, wie überhaupt dieses ganze Ufertal nicht, außer der Schlucht südlich von Magdala. Gegen Norden endet es mit Chorazin. Es liegt auf der ersten Terrasse der Morgenseite des Sees, auf dem schmalen Strich unter dem höchsten Punkt, worauf Gamala. Man muß diesen Distrikt der zehn Flecken nicht mit dem Distrikt der zehn Städte verwechseln, welcher weit ausgedehnt um ihn her liegt, und von dem er ganz abgesondert ist.
Ich habe einen Blick auf die Geschichte dieser Gegend gehabt, wovon ich noch folgendes weiß: Bis zum Krieg Gideons mit den Midianiten gehörten diese zehn Flecken den Juden. Beim damaligen Krieg aber wollten sie Gideon nicht helfen und schlugen sich zu den Heiden, und Gideon ließ sie laufen. Seit jener Zeit haben die Heiden darin immer die Oberhand gehabt und die Juden auf die ärgste Weise gedrückt und geplagt.
Alle diese Orte nun halten den Juden, die da wohnen, recht zum Ärger eine große Menge von Schweinen, und alle diese Herden, mehrere Tausend an der Zahl, gehen zusammen über der nördlichen Höhe der Schlucht um einen... großen, grünen Sumpf in die Mast,
218 219
und es sind wohl an hundert heidnische Hirten und Hirtenjungen dabei von den einzelnen Besitzern. In dem Sumpf wühlen sie und wälzen sich und wimmeln auf der felsigen, zerrissenen, buschigen Talwand, und es ist ein großes Gequieke und Gegrunze da umher. Der Sumpf, der etwa dreiviertel Stunden südöstlich Gergesa am Fuß des Gebirgs von Gamala liegt, hat südlich einen Abfluß in die Schlucht bei Magdala, und zwar mit einem Sturz über eine Hemmung von Balken und Bohlen, welche den Bach oben zu einem Sumpfe stauen, und er fließt dann durch die Schlucht in das Gahläische Meer. Es stehen viele un8eheuer dicke Eichen bei dem Sumpf und auch den Abhang der Schlucht herab. Die ganze Gegend ist nicht sehr fruchtbar. An wenigen Sonnenstellen bauen sie Wein. Sie haben auch solches Rohr, woraus man Zucker machen kann. Es wird als Rohr verschickt.
Es ist nicht sowohl Götzendienst, der sie so sehr in die Gewalt des Teufels gibt, als eine große Versunkenheit in Zauberei. Gergesa und die umliegenden Orte sind voll von widrigem 172 Zaubergesindel, Männern und Weibern. Sie haben allerlei Händel mit Katzen, Hunden, Kröten, Schlangen und anderen Tieren vor. Sie machten solche Tiere erscheinen. Es war, als gingen sie selbst in der Gestalt solcher Tiere umher, Menschen und Vieh zu verwunden oder zu töten. Ich kann mich der Erklärung ihres greulichen Zustandes nicht mehr deutlich erinnern, ich weiß nur noch, daß ich erfuhr, sie wären gleich den Werwölfen. Sie schadeten den Menschen, auch in die Ferne, rächten sich noch lange nachher an denen, die sie nicht liebten, erregten plötzliche Ungewitter und Sturm auf der See. Die Frauen brauten auch Zaubertränke zu allerlei tödlichen und schändlichen Wirkungen und mischten ekelhafte Ausleerungen hinein. Es kostet mich immer eine große Überwindung, von solchem empörendem Zaubergreuel zu sprechen. Ich sage bei solchen Gelegenheiten lieber, sie hätten mit allerlei bösen Künsten, Gaukeleien und Kunstwerken zu schaffen gehabt.
Mehrmals standen im Krieg große Lager hier (ich weiß die Zeiten nicht mehr genau), ich meine, einmal nicht lange vor Jesu Zeiten, und dann auch nach Jesu Tod, wo Vespasianus Gamala eroberte. Bei diesen Gelegenheiten übten sie auch ihre Zaubergreuel gegen die Soldaten so arg, daß die Feldherren einen der letzten Propheten kommen lassen mußten, um zu helfen. Auch mit Balaam haben sie einmal Händel gehabt, deren ich mich jetzt nicht mehr deutlich erinnere, aber sie wurden dabei von zwei Propheten so gestraft, daß
1
sie darum die Propheten gar nicht mehr leiden konnten und nur noch platterdings nichts von Jesu wissen wollten. Sie haben sich deshalb auch bis jetzt immer von seinen Lehren zurückgehalten.
Der Satan hatte sich von jeher dieser Gegend bemächtigt, und es waren unzählige Besessene, Rasende und konvulsionäre Menschen hier. -Ich meine, es war gegen zehn Uhr, als ich Jesum mit einigen Jüngern auf einem Kahn, der zu diesem Zweck sich immer da befand, eine Strecke Wegs auf dem Bach gegen den Strom in die Schlucht hineinfahren sah. Es war dieser Weg näher als de~ auf dem Fuß-steig. Die Jünger waren teils noch mit Heilungen beschäftigt. Jesus stieg nachher aus und ging an der nördlichen Wand der Schlucht hinan, und die Jünger kamen nach und nach auch wieder mit ihm zusammen.
In einer höheren Gegend sah ich schon, während er sich näherte, zwei wütende, ganz nackte Menschen, mit zerstreuten, fliegenden Haaren, hin- und herrennen. Sie schlugen einander selbst mit großen Steinen und warfen sie... einander nach, und bald rannten sie in Grabhöhlen, die dort waren, bald stürzten sie wieder hervor und warfen und schlugen einander mit Gebeinen von Toten. Sie schrien ganz gräßlich und waren wie gebannt, denn sie entfiohen nicht, sondern kamen Jesu immer näher.
Als sie nun auf eine gewisse Entfernung hinter Hecken und Steinen etwas höher von ihm standen, rasten sie entsetzlich und schrien:
"Kommt herbei, ihr Kräfte, ihr Mächte, helft, es kommt ein Stärkerer als wir!"
Jesus hob die Hand gegen sie und befahl ihnen, sich niederzulegen. Da fielen sie platt auf ihr Angesicht, und ich fühlte, daß Jesus dieses aus Schamhaftigkeit wegen ihrer Nacktheit wollte. Sie hoben aber die Köpfe empor und schrien gräßlich: "Jesus, du Sohn Gottes des Allerhöchsten! Was haben wir mit dir zu tun? Warum bist du gekommen, uns vor der Zeit zu quälen? Wir beschwören dich bei Gott, quäle uns nicht!"
Nun waren Jesus und die Jünger ihnen genaht, und sie zitterten und bebten am ganzen Leibe auf eine schreckliche Art. Jesus befahl den Jüngern, ihnen eine Bedeckung zu geben, und den Besessenen, sich zu bedecken. Da warfen die Jünger ihnen von den Zeugbahnen zu, welche sie um den Hals zu tragen und in welche sie das Haupt zu hüllen pflegen, und die Besessenen wickelten sie unter stetem krampfigen Zittern und Zucken, wie gegen ihren Willen gezwun
220 221
gen, um ihre Lenden. Nun standen sie und schrien fortwährend, Jesus möge sie nicht peinigen.
Er sprach aber: "Wieviel seid ihr?" Da sagten sie: "Legion." Ich erinnere mich, so gehört zu haben. Sie sprachen in der Vielzahl 173 und sagten auch, die Begierden dieser Menschen seien unzählig gewesen.
Hierin sagte aber der Teufel einmal die Wahrheit, denn siebzehn Jahre hatten diese Menschen in teuflischer Gemeinschaft und allerlei Zauberei gelebt und dann und wann schon solche Anfälle gehabt Seit zwei Jahren aber seien sie aus den Fesseln gebrochen und seien immer in der Wüste herumgeirrt. Sie sind auch in allerlei Zauber-laster verwickelt gewesen.
Es war aber nah an dieser Stelle ein Weinberg an einer kleinen Sonnenstelle, und es stand eine große gezimmerte Kufe darin, die oben mit Balken zusammengefügt war. Sie war dreiviertel manns-hoch, und es konnten wohl zwanzig Mann darin stehen.
Die Gergesener pflegten Trauben, mit jenem Tollmacherkraut vermischt, darin zu stampfen und zu treten. Es lief dann der Saft in kleinere Tröge an der einen Seite, und daraus wieder in große irdene Gefäße mit engem Hals, die sie gefüllt im Weinberg unter der Erde vergruben. Es war dieses jenes giftige, berauschende Getränk, wovon die Menschen solche Anfälle kriegten. Die berauschende Pflanze war etwa armlang, mit vielen fetten, grünen Blättern übereinander wie ein Hauslauch, und hatte oben einen Knopf. Sie brauchten den... Saft auch, sich in teuflische Entzückungen zu bringen.
Das Getränk wurde seiner berauschenden Dünste wegen im Freien hier bereitet. Sie spannten jedoch bei der Arbeit ein Zelt über die Kufe. Die Kelterer waren eben zu dieser Arbeit genaht, da befahl aber Jesus den Besessenen, oder vielmehr der Legion in ihnen, diese Kufe umzustürzen, und sie liefen wie unsinnig hin und faßten die große, volle Kufe und stellten sie ganz leicht auf den schmalen Rand, so daß der ganze Inhalt herausströmte und die Arbeiter mit großem Geschrei flohen. Die Besessenen kehrten noch immer zitternd und bebend zurück, und die Jünger waren sehr erschrocken.
Die Teufel schrien ganz entsetzlich aus den Besessenen, er solle sie doch nicht in den Abgrund stürzen, er solle sie doch nicht aus dieser Gegend treiben, und endlich: "Laß uns in diese Schweine fahren!" Da sagte Jesus: "Fahret hin!"
Auf diese Worte sanken die elenden Leute unter heftigen Zuckimgen nieder, und es ging eine ganze Wolke von Dampf aus ihrem
ganzen Leibe, und ich sah unzählige Gestalten wie von vielerlei Insekten und Kröten und Würrnern in diesem Dampf.174 Ich sah diese Wolke sich weit über die Gegend ausbreiten, und in wenigen Augenblicken entstand ein gräßliches Grunzen, Quieken und Wüten unter der großen Schweineherde und ein Gejage und Geschrei unter den Hirten. Die Schweine, ein paar Tausend an der Zahl, rasten aus allen Winkeln hervor und stürzten von allen Abhängen durch das Gebüsch nieder, und es war wie ein Donnerwetter mit rasendem Tier-gekreische vermischt. Es war dieses nicht die Sache von wenigen Minuten, sondern gewiß von ein paar Stunden, denn die Schweine rasten lang hin und her und stürzten und wurden geschleudert und bissen einande~. Viele stürzten oben in den Sumpf und kamen den Wasserfall niedergerast. Alle aber tobten dem See zu.
Die Jünger Jesu waren gar nicht zufrieden damit, weil sie das Wasser, aus dem sie fischten, und daher auch die Fische verunreinigt glaubten. Jesus merkte ihre Gedanken und sagte ihnen, sie sollten sich nicht fürchten, die Schweine würden alle in dem Strudel am Ausgang der Schlucht untergehen. Es war hier eine Art stehender Sumpf durch eine mit Schilf und Gesträuch bewachsene Sand- oder Strandbank, die bei hohem Wasser manchmal überschwemmt wurde, von dem eigentlichen Meer getrennt. Es war ein tiefer Abgrund, der einen Einfluß von dem See durch die Bank, aber keinen Ausfluß in den See hatte. Es war ein Wirbel darin. In diesen Kessel stürzten sich alle die Schweine.
Die Hirten, welche alle im Anfang nachrannten, kamen zu Jesu, sahen die geheilten Besessenen, hörten alles und jammerten gewaltig über den Schaden, und Jesus sagte ihnen, es sei am Heil dieser Seelen mehr als an allen Schweinen der Welt gelegen. Sie sollten hingehen und es den Herren der Schweine sagen. Die Teufel, welche die Gottlosigkeit des Landes in die Menschen schicke, seien durch ihn aus den Menschen vertrieben und in die Schweine gefahren. Die geheilten Besessenen aber sandte er nach Haus, sich Kleider zu holen, und ging mit den Jüngern hinan gegen Gergesa.
Mehrere Hirten waren schon nach der Stadt gelaufen, und es liefen von allen Seiten Menschen herbei. Auch die gestern bei Magdala und heut in der Gegend Geheilten waren schon an einer bestimmten Stelle, ihn zu erwarten, so auch die gestern geheilten zwei jüdischen Jünglinge und die meisten Juden der Stadt. Die geheilten zwei Besessenen kamen sehr schnell anständig bekleidet zurück und hörten Jesu Lehre an. Sie waren vornehme Heiden aus der Stadt, und zwar
222 223
mit heidnischen Priestern verwandt. Die Leute, welche mit der Wein-bereitung beschäftigt gewesen waren, und denen die volle Kufe war umgestürzt worden, waren auch in die Stadt gelaufen und hatten den Schaden, den die Besessenen angerichtet, gemeldet, und es entstand ein großer Lärm und Aufruhr in der Stadt. Viele Leute daraus und aus der Gegend liefen nach den Schweinen, ob sie noch etwas retten könnten, andere liefen nach dem Weinfaß. Es dauerte dieses bis in die Nacht.
Alle Juden und sehr viele Heiden sammelten sich zu Jesu, der etwa eine halbe Stunde von Gergesa auf einem Hügel lehrte. Die Oberen der Stadt aber und die Götzenpriester suchten das Volk zurückzuhalten und machten bekannt, Jesus sei ein mächtiger Zauberer, und es stehe ihnen große Not durch ihn bevor. Und da sie sich beratschlagt hatten, ging eine Deputation von ihnen hinaus zu Jesu und drängte sich zu ihm und bat... ihn, er möge sich hier nicht aufhalten und ihnen nicht noch größeren Schaden tun. Sie erkennten ihn als einen großen Magier, aber bäten ihn, von ihren Grenzen zu weichen. Sie lamentierten sehr über die Schweine und das verschüttete Gebräu und waren auch wieder ganz verwundert und erschreckt, da sie die beiden Besessenen geheilt und bekleidet unter den Zuhörern zu seinen Füßen sitzen sahen. Jesus erklärte ihnen, sie sollten ohne Sorge sein, er werde sie nicht lange beschweren, er sei um dieser elenden Besessenen und Kranken allein hierher gekommen und wisse wohl, daß ihnen die unreinen Schweine und das scheußliche Getränk mehr wert seien als das Heil ihrer Seelen; so aber nicht dem Vater im Himmel, der ihm die Macht gegeben, diese armen Menschen zu erretten und die Schweine zu verderben. Nun hielt er ihnen alle ihre Schändlichkeiten, ihr sündliches, zauberisches Treiben, ihre Unzucht, ihren Wucher und ihren Teufelsdienst vor und erwähnte noch besonders ihre Frauen, die alle diese Greuel heimlich trieben.
Er rief sie zur Buße, zur Taufe und bot ihnen das Heil an. Sie hatten aber ihren Schaden und Verlust an Schweinen im Kopf und blieben bei ihrem dringenden, halb furchtsamen Begehren, er möge sich hier wegbegeben, worauf sie in die Stadt zurückkehrten.
Judas Ischariot. .. war heute hier bei diesem Volk besonders tätig und beschäftigt, denn er war hier bekannt. Seine Mutter hatte hier eine Zeitlang, als er noch jung war, gleich nachdem er aus der Familie, wo er heimlich erzogen worden, entwichen, mit ihm gewohnt, und die beiden Besessenen waren Jugendbekannte von ihm.
Deswegen meinte ich ehedem aus dunkler Erinnerung, er sei hier zuerst zu Jesu gekommen. Die Juden hier waren heimlich sehr froh über den Schaden der Heiden mit den Schweinen, denn sie waren sehr von den Heiden gequält176 und stets durch die vielen Schweine geärgert. Es waren aber auch viele Juden hier, die sich mit den Heiden vermischt und mit ihren abergläubischen Händeln besudelt hatten.
Jesus lehrte noch und bereitete zu der Taufe vor, denn es wurden hier von den Jüngern alle, welche heut und gestern geheilt worden waren, und auch die beiden letzten Besessenen getauft. Diese Leute waren sehr gerührt und ganz verwandelt. Sie, wie auch die beiden Jünglinge, flehten, er möge ihnen doch erlauben, bei ihm zu bleiben und seine Jünger zu werden. Als sie aber getauft waren und ihn hierum anfiehten, sagte er zu den beiden Letztgeheilten, er wolle ihnen ein Amt geben. Sie sollten durch die zehn Orte der Gergesener gehen und sich überall zeigen und überall erzählen, was mit ihnen geschehen sei und was sie gehört und gesehen, und die Leute zur Buße und Taufe rufen und zu ihm senden. Sie sollten sich nicht stören lassen, wenn man auch mit Steinen hinter ihnen herwerfe.
Wenn sie diesen seinen Willen recht vollbrächten, sollten sie es daran erkennen, daß sie den Geist der Weissagung empfingen. Er werde dann nachts über sie kommen, daß sie aufstünden und Gesichte sähen. Sie sollten dann auch immer wissen, wo er sei, und die Leute, die zu seiner Lehre verlangten, zu ihm senden, und sollten die Hände auf die Kranken legen, und sie sollten gesund werden. Als er ihnen dieses gesagt, segnete er sie. Sie begannen aber am folgenden Tag schon ihre Sendung und sind später auch Jünger geworden.
Die Apostel tauften hier mit Wasser, das sie in einem Schlauch heraufgebracht. Sie tauften wie neulich. Die Leute knieten im Kreis um sie, und sie tauften aus dem Becken, das einer hielt, drei und drei aus der Hand durch dreimal Übersprengen.
Jesus ging am Abend nebst den Jüngern in Gergesa zum Synagogenvorsteher, und sie aßen etwas. Die Vorsteher der Stadt kamen aber nochmals und drohten dem Vorsteher, er solle Jesum wegzubringen suchen, sonst solle er alles entgelten, wenn noch größerer Schade~ über die Stadt komme. Jesus verließ hierauf die Stadt, und sie übernachteten in einem Hirtenhaus.
Ich hörte auch, daß Jesus den Jüngern sagte, er habe den Teufeln zugelassen, die Kufe umzuwerfen und in die Schweine zu fahren,
224 225
damit diese übermütigen Heiden sähen, daß er der Prophet der Juden sei, welche sie so schmählich drückten und höhnten, und damit durch den Anteil, den Verlust der Schweine, welche so sehr viele Heiden in der Herde gehabt, diese vielen auf die Gefahr, die ihren Seelen drohe, aufmerksam würden, und auf daß diese~s schläfrige und in Lastern ersoffene Volk weithin erwache und herankomme zur Lehre. Das scheußliche Getränk habe er umwerfen lassen als eine Hauptquelle der Sünden und Besessenheit dieses Volks.
12. Dezember 18221
(=23. Cislea) 1 Tagebudt Bd. V, Heft 13 1 Viertel-Seiten 7~8o
Es war schon ganz dunkel, als ich Jesum gerade über das Meer hinwandeln sah. Es war ungefähr Tiberias gegenüber, östlicher als in der Mitte des Meeres, wo er in einer ziemlichen Entfernung an dem Schiff der Jünger vorübergehen zu wollen schien. Es war ein ganz heftiger Gegenwind, und die Jünger ruderten sehr mühselig. Da sahen sie die Gestalt und waren erschreckt und wußten nicht, ob er es sei oder sein Geist, und sie schrien alle laut auf vor Furcht. Jesus sagte aber: "Fürchtet euch nicht, ich bin's!" Da rief Petrus:
"Herr, wenn du es bist, heiße mich, auf dem Wasser zu dir kommen! "Da sprach Jesus: "Komm!" Und Petrus stieg auf dem Leiterchen in seinem Eifer aus dem Schiff und eilte eine sehr kleine Strecke auf dem bewegten Wasser wie auf ebenem Land zu ihm. Er schien mir darüber zu schweben, denn das bewegte Wasser hinderte ihn nicht. Als er sich aber verwunderte und mehr an das Wasser und Wind und Wellen als an das Wort Jesu gedachte, kam er in Angst und fing an zu sinken, und mit diesem Gefühl schrie er: "Herr, rette mich! " und sank wohl bis an die Brust und streckte die Hand aus. Da war Jesus da, faßte die Hand und sagte: "Du Kleingläubiger, warum zweifeltest du?" Nun waren sie an dem Schiff, stiegen hinein, und Jesus verwies ihm und den anderen ihre Furcht. Der Wind legte sich sogleich, und sie fuhren nach Bethsaida. Wahrscheinlich schliefen sie abwechselnd auf der Fahrt, während einzelne ruderten. Beim Einsteigen wurde eine Treppe herausgeschlagen.
Freitag, 13. Dezember 1822J (=24. Cisl~) 1 Tagebu~ Bd. V, Heft 13 / Viertelseiten 85-89
... Jesus lehrte und heilte vor dem Anfang des Sabbaths noch im Heilhaus am Tor in Kapernaum. Er lehrte noch über einige Stellen,
die in der Bergpredigt vorkommen. Er sagte auch den Jüngern, er werde sie nach dem Sabbat aussenden und werde ihnen seinen Segen geben. Sechs wollte er bei sich behalten und sechs aussenden, und jedem Teil eine Schar von Jüngern beigeben.
Es war aber vor dem Sabbat während seiner Lehre ein großer Tumult in der Stadt. Das Wunder mit den Schweinen und die Befreiung des stummen und blinden Besessenen harten ein großes Aufsehen gemacht. Es waren auch heute nachmittag mehrere Schiffe oh Gergesener Juden herübergekommen, welche Wunder erzählten, was sie gesehen. Die Pharisäer aber breiteten überall aus, er treibe die Teufel durch die Teufel aus. Das gefiel dem Volk nicht, und es kam ein großer Teil des Volkes vor der Synagoge zusammen. Der blinde und stumme Besessene war, als sich Jesus der Stadt näherte, ohne Führer ganz wütend ihm durch die Straßen entgegen-gerannt, und es folgtenJ ihm viele Menschen nach und sahen das Wunder. Die Leute waren von dem allen so hingerissen, daß sie sich höchlich an den Pharisäern ärgerten, welche in der Abwesenheit, da er überm See gewesen und auch jetzt wieder, über Jesum los-zogen, er heile durch den Teufel.
Ich sah, daß viele von den versammelten Bürgern ein kurzes seItsames Schießgewehr trugen. Es harte einen runden dicken Teil, wie einen Kolben, mit Leder überzogen, und es war noch ein dünner Stab dabei, und durch das Gewehr waren Löcher. Auch hatten sie kurze Spitzen, die sie herausschießen konnten.176
Die Leute ließen die Pharisäer hervorrufen und drangen darauf, sie sollten aufhören, ... Jesum zu schmähen, sie sollten ihn an-erkennen und zugestehen, daß nie solche Taten in Israel geschehen seien, daß nie ein Prophet dergleichen getan. Wenn sie von ihrem hartnäckigen Widerstand nicht ablassen würden, so mögen sie Kapernaum verlassen. Sie könnten die Lästerung und den Undank nicht mehr länger anhören, usw.
Die Pharisäer wurden hierauf ganz artig, und es trat ein breiter, dicker Mann aus ihnen hervor, der mit großer Arglist das Volk belehrte. Er sagte, daß es wahr sei, nie seien solche Wunder, solche Taten, solche Lehren in Israel erhört, kein Prophet habe jemals dergleichen getan, aber er bitte das Volk, nun auch zu vernehmen, was von dieser Teufelsaustreibung in Gergesa und der heutigen hier bei dem Mann, der so gut als zu den Gergesenern gehöre, zu bedenken sei, denn in der Beurteilung solcher Dinge könne man nicht besonnen genug sein. Und nun machte er eine weitläufige
226 227
Beschreibung vom Reich der bösen Geister und sagte, wie darin eine Ordnung und verschiedene Würden seien, und wie einer dem anderen zu befehlen habe, und wie Jesus einen sehr mächtigen in seinem Bunde habe, denn warum habe er den hiesigen Besessenen nicht schon lange geheilt, warum habe er, wenn er der Sohn Gottes sei, die Teufel im Gergesener Land nicht von hier aus ausgetrieben, nein, er habe erst hinübergehen müssen und mit dem Ob er sten der Gergesener Teufel einen Vertrag abschließen. Er habe mit ihm akkordieren müssen und ihm die Schweine zur Beute geben, denn dieser sei zwar niedriger als Beelzebub, aber doch schon von Bedeutung, und nun, da er jenen zu Gergesa befriedigt, vermöge er durch Beelzebub auch hier den Mann zu erledigen. Solcherlei Zeug brachte er mit vieler Feinheit und Beredsamkeit vor, und er bat das Volk, zu ruhen und das Ende abzuwarten. Man sehe ja an ihrem Treiben selbst, welche Früchte es bringe. An den Arbeitstagen arbeite das Volk nicht mehr und laufe den Lehren und den Mirakeln nach, und am Sabbat sei ein Geschrei und Getobe. Sie sollten doch den heutigen Tag bedenken und sich zur Ruhe be geben und zum herannahenden Sabbath.
Es gelang ihm auch, das Volk zum Auseinandergehen zu bringen, und viele der leichtsinnigen Menschen waren halb von seinem Geschwätz überwiesen.
21. De:ember
1822 (= 2. Tliebet) 1 Tagebuoi Bd. V, Heft 13 l Viertel-Seiten 129-132
Am Morgen waren sehr viele schwerkranke, teils alte Leute mit Mühe aus der unwegsamen Stadt zusammengebracht vor Jesu Wohnung in den Hof, und er begann sie nach der Reihe zu heilen. Es waren langwierige veraltete Taube, Blinde, Gichtbrüchige, Lahme, Kranke aller Art darunter.
Jesus heilte sie heute mit Gebet, Handauflegung, geweihtem Öl und mit mehr Zeremonien als sonst und sprach mit den Jüngern und lehrte sie, diese Heilarten anzuwenden, und ermahnte die Kranken nach ihrer verschiedenen Gattung.
Die Pharisäer und Sadduzäer von Jerusalem, die hier waren, ärgerten sich sehr darüber. Sie wollten mehrere neu hinzugekommene Kranke hinwegweisen und fingen mit einzelnen Jüngern darüber an zu zanken. Sie wollten diese Störungen des Sabbaths auf keine Weise dulden, und es wurde ein großer Lärm, so daß Jesus sich zu
ihnen wandjte und sie fragte, was sie wollten. Sie fingen nun einen Disput mit ihm über seine Lehren an, wie er immer vom Vater spreche und vom Sohn. Man wisse ja doch, wessen Kind er sei. Jesus antwortete auf seine gewöhnliche Art, wer den Willen des Vaters tue, sei der Sohn des Vaters, wer aber die Gebote nicht halte, habe kein Recht, hier zu richten, sondern müsse froh sein, daß er nicht als ein anmaßender Fremdling aus dem Hause hinau~ gewiesen werde.
Da sie aber noch allerlei vorbrachten gegen das Heilen und auch, daß er sich gestern vor dem Mahl nicht gewaschen habe, und sich gar nicht gefangengeben wollten, in dem, daß sie das Gesetz nicht halten sollten, kam es so weit, daß Jesus zu ihrem großen Schrecken ihre heimlichen Tücken und Verbrechen mit Buchstaben, welche sie allein lesen konnten, an die Wand des Hauses schrieb. Ich weiß aber nicht mehr, womit. Ich meinte, mit dem Finger. Es ist aber auch möglich, daß er die Farbenbüchse in der Hand hatte, womit ich ihn einst den Brief an Abgar schreiben sah. Er sagte aber den Pharisäern, ob sie wollten, daß dieses hier stehenbleibe und öffentlich bekannt werde, oder ob sie ihn ruhig wollten heilen lassen und es auslöschen. Da waren sie sehr erschrocken. Er kehrte zum Heilen zurück, und sie löschten es aus und gingen hinweg.
Sie hatten aber verschiedene Unterschleife mit öffentlichen Stiftungsgeldern für Witwen und Waisen getrieben und hatten sie unrecht zu allerlei Bauten verwendet, usw. Saphet war reich an manchen solchen Stiftungen, und doch waren viele arme elende Leute hier. Am Abend schloß Jesus die Lehre in der Synagoge und übernachtete in demselben Haus.
Bei der Synagoge ist ein Springbrunnen. Der Berg von Saphet ist schön grün, mit vielen Bäumen und Gärten. Es wächst auf dem Weg hierher viel wohlriechendes Myrthenholz. Es sind viele große viereckige Häuser hier oben, auch Grundlagen, Zelthäuser darauf zu bauen. Die Stadt macht viel Priesterkleider und ist voll Studenten und Gelehrten.
31. Dezember 1822 (= 12. Thebet) 1 Tagebuoi Bd. V, Heft 13 / Viertelseiten 167-170; 178
Heute morgen ist Jesus etwa eine Stunde von Dothaim und ebensoweit von Magdalum nach einem kleinen Ort gegangen, der eine Schule hat und längs einem Hügel liegt, auf welchem ein
228 229
schöner Platz mit . . . einem Lehrstuhl ist. Der Ort liegt etwa eine Stunde südöstlich von Dothaim am Fuße des Berges von Bethulien, auf dessen Rücken auch Cydoessa liegt. Ich meine, in seinem Namen mich des Klanges Asa oder Aza zu erinnern. Ich dachte noch dabei an den Engel des Tobias, Azarna. Jetzt fällt der Name mir ein, der Ort heißt Azanoch. Er liegt am Nordostende des Berges, um eine hervorragende Höhe, auf welcher der Lehrstuhl ist, darauf schon die Propheten in früheren Zeiten gelehrt haben. Azanoth ist der letzte Ort des Gebietes von Sephoris nach dieser Seite. Wenn man über den Berg geht und Cydoessa zur Linken läßt, so ist es in südwestlicher Richtung drei bis vier Stunden von Sephoris hierher. Es sind bei Azanoth sehr viele Grabhöhlen. Ich glaube, es werden die Toten aus vielen umliegenden Orten hier begraben. Der Ort hat durch viele Gärten und Alleen eine Ähnlichkeit mit Bethanien, und ich habe darum, wenn ich die Bekehrung Magdalenas allein sah, die hier geschehen, manchmal geglaubt, es sei in Betharilen geschehen.
Es ist großer Gartenbau hier. Das Wetter ist jetzt wunderschön hier, und gegen den Thabor steht schon alles in Blüte. Es waren sehr viele Menschen, auch viele Kranke und Besessene aus einem Umkreis von mehreren Stunden hier versammelt.
Auf dem Wege hierher i77 traf Jesus mit Maria, seiner Mutter, und den heiligen Frauen zusammen, welche von Domna zu dieser Lehre kamen. Auch Lazarus war hier, und die sechs Apostel und viele Jünger. Maria sagte zu Jesu, daß Martha bei Magdalena gewesen sei und sie zur Lehre kommen werde. Es waren aber mehr als zwölf Frauen hier versammelt, worunter die Heilige Jungfrau, dann Martha, Anna Kleophä, Susanna Alphäi, Susanna von Jeruselem 178, Veronika, Johanna Chusa, Maria Johann Markus, Mara Saphanitis, Dma Samaritis, Maroni von Naim, auch noch Marthas Magd usw. Maria Kleophä war nicht da. - Sie waren in einer von den Männern getrennten Herberge. Martha kam später... auch zu den Frauen.
Magdalena war in einer getrennten Herberge mit anderen weltlichen Frauen. Sie war in allen ihren Lastern ganz unsinnig geworden. Martha war schnöd und hoffärtig von ihr behandelt worden, und nur mit vieler Mühe war es ihr gelungen, sie hierher zu bewegen. Sie harte sich in den auffallendsten, unschicklichsten Putz gesetzt...
Magdalena sei bei der Lehre nicht bei den anderen heiligen Weibern gesessen, sondern unter anderem Weltvolk von Tiberias und
anderen Orten.
Es waren auch noch mehrere solche vornehme, geputzte und sündhafte Weltweiber da, und auch Männer. Alle diese saßen auf Kissen, Teppichen und Stühlen unter einem offenen Zelt. Magdalena saß ganz frech, frei und schnöd voran, allen zum Ärgernis. Sie war eine Ursache zu allgemeinem Geflüster und Gemurre, denn sie war hier herum noch mehr gehaßt und verachtet als in Gabara. Die Pharisäer und andere Leute, welche ihre erste auffallende Bekehrung bei der Mahlzeit in Gabara und ihren nachmaligen Rückfall wußten, ärgerten sich besonders an ihr und hielten sich darüber auf, daß sie hier erscheinen dürfe.
Vor und nach der Lehre heilte Jesus sehr viele Kranke und trieb Teufel aus. Unter der Lehre aber sah ich dreimal Magdalena krampfhaft zusammensinken, nach verschiedenen Zwischenräumen, und sah finstere Gestalten von ihr weichen, solchen Dampf, wie ich bei der Erledigung der Besessenen sehe. Es war immer ein großer Lärm und Gedränge. Ihre Mägde und die Frauen in ihrer Nähe waren mit ihr beschäftigt. Sie setzte sich aber wieder auf ihren prächtigen Stuhl und behandelte es vielleicht wie eine Ohnmacht. Das Aufsehen ward aber größer, weil auch andere Besessene hinter ihr so befreit wurden.
Als sie aber zum drittenmal niedersank, ward das Getümmel noch größer. Martha eilte auch zu ihr, und da sie zu sich gekommen war, weinte sie heftig, legte einen Teil ihres Putzes ab, löste ihre Haarflechten auf und verschleierte sich und drang mit großem Aufsehen zu den anderen heiligen Frauen. Ihresgleichen wollten sie aufhalten und sagten ihr, sie solle doch keine Närrin sein, usw....
Lazarus ging auf die Bitte Magdalenas sogleich nach Magdalum, um dort das Ihre in Besitz zu nehmen und ihren dortigen Aufenthalt und alle ihre Verhältnisse aufzulösen. Sie harte bei Azanoth und überhaupt in der Gegend Feld und Weingüter, welche Lazarus vorher schon ihrer Verschwendung halber mit Beschlag belegt.
Das Gedränge war heute so groß, daß Jesus mit den Jüngern heimlich in der Nacht etwa eineinhalb Stunden nordöstlich ging, seine Lehre auf einer anderen Höhe fortzusetzen...
1Januar 1823 (=13. Thebet) 1 Tagebuoi Bd. VI, Heft 14/ Viertelseitenl-4
Jesus ist schon in der Nacht von Azanoth des großen Gedränges wegen mit den Jüngern nach dem östlichen Ende der Höhen, woran Dothaim liegt, gegangen, in die Nähe von Domna, wo auch ein
230 231
schöner Lehrhügel und eine Herberge mit ein paar Leuten ist. Heute morgen früh zogen auch die Frauen mit Magdalena hierhin und fanden Jesum schon von vielen Menschen umgeben, welche Hilfe suchten. Es strömten gleich, als sein Wegziehen bekannt wurde, viele Menschen ihm nach und kamen noch viele hinzu, welche von dieser Seite herannahten und ihn in Azanoth hatten finden wollen, und wahrend der ganzen Lehre strömten noch neue Scharen hinzu.
Magdalena saß nun bei den heiligen Frauen. Sie war ganz elend und zermalmt. Der Herr lehrte sehr scharf von den Sünden der Unreinigkeit. Er sagte, daß in denen, die ein Gewerbe daraus machen, alle Laster und Arten der Unzucht seien, welche das Feuer auf Sodom und Gomorra herabgerufen. Er sprach aber auch von der Barmherzigkeit Gottes und von der jetzigen Gnadenzeit und flehte beinahe zu den Menschen, diese Gnade anzunehmen. Dreimal blickte er in dieser Lehre Magdalena an, und dreimal sah ich sie nieder-sinken und dunklen Dampf von ihr weichen. Das dritte Mal aber brachten die Frauen sie hinweg, und sie war ganz wie vernichtet. Sie war bleich und abgezehrt und kaum mehr zu kennen. Ihre Tränen flossen unaufhörlich. Sie war ganz verwandelt. Sie jammerte sehnlich, Jesu ihre Sünden zu bekennen und Vergebung zu erhalten.
Jesus kam nun auch zu ihr an einen abgesonderten Ort. Maria selbst und Martha führten sie Jesu entgegen. Sie lag mit zerstreutem Haar weinend vor ihm auf dem Angesicht. Jesus tröstete sie, und als die anderen sich zurückzogen, schrie sie um Vergebung und bekannte ihre vielen Verbrechen und fragte immer: "Herr! Ist noch Rettung für mich?" Jesus vergab ihr ihre Sünden, und sie flehte, er möge verleihen, daß sie nicht mehr zurückfalle. Jesus versprach es ihr und segnete sie und sprach mit ihr von der Tugend der Reinheit. Er sprach zu ihr von seiner Mutter als jener, welche rein von aller Sünde des Fleisches sei. Er pries sie hoch und auserwählt, was ich sonst nie aus seinem Munde gehört habe, und befahl Magdalena, sich ganz an Maria anzuschließen und allen Rat und Trost von ihr zu nehmen.
Als sie wieder mit Jesu zu den Frauen kam, sagte er: "Sie war eine große Sünderin, aber sie wird auch das Muster aller Büßenden auf ewige Zeiten sein." -Magdalena war durch die heftigen Erschütterungen und durch ihre Reue und Tränen nicht mehr wie ein Mensch, sie war wie ein schwankender Schatten. Aber sie war nun ruhig und weinend und müd. Sie trösteten und liebten sie alle. Sie flehte alle um Vergebung an.
Da nun die anderen Frauen nach Naim aufbrachen und sie zu schwach war, um zu folgen, gingen Martha, Anna Kleophä und Mara Suphanitis mit ihr nach Domna 179, um nach einiger Ruhe den anderen Morgen zu folgen. Die anderen heiligen Frauen gingen über Kana nach Naim zu. Ich glaube, in Kana übernachteten sie.
Jesus lehrte und heilte noch und ging dann mit den Jüngern etwa urn drei Uhr nachmittags südwestlich quer durch das Tal des Bade-sees, etwa vier bis fünf Stunden weit nach Gath-Hepher, einer großen Stadt, welche zwischen Kana und Sephoris an einem Hügel liegt. Sie hat gegen Mittag keine Aussicht. Jesus ging am Abend mch~ in die Stadt, sondern etwas westlicher an eine Herberge, welche bei einer Höhle ist, die sie die Jonashöhle nennen. Hier übernachtete er mit den Jüngern. Sie waren spät angekommen und noch im Mondschein gewandelt.
2. Januar 1823 (= 14. Thebet) I Tagebuch Bd. VI, Heft 14 / Viertelseiten
5-10
Jesus nahte am Morgen Gath-Hepher, und ich sah, daß die Vorsteher der Schulen und Pharisäer ihm entgegenkamen und ihn empfingen. Sie machten ihm allerlei Vorstellungen und baten ihn, die Ruhe der Stadt nicht zu stören, und besonders das Zusammenlaufen und Rufen der Frauen und Kinder nicht zu dulden. Er könne ruhig in ihrer Synagoge lehren, das Beunruhigen des Volkes aber sähen sie nicht gerne. Jesus antwortete ihnen sehr ernst und streng, daß er zu denen komme, welche nach ihm schrien und verlangten, und wies ihre Gleisnerei ab.
Es hatten aber diese Pharisäer bei der Nachricht, daß er hierher-kommen werde, der Gemeinde befehlen lassen, es sollten die Weiber sich enthalten, mit den Kindern auf den Straßen zu erscheinen und dem Nazarener entgegenzuziehen und zu schreien. Das Ausschreien vom Sohn Gottes, vom Christus usw. sei durchaus sehr ärgerlich und verkehrt, da man ja sehr wohl hier wisse, woher er sei, wer seine Eltern und seine Geschwister seien. Die Kranken möc~ten sich vor der Synagoge versammeln und sich heilen lassen, allen Lärm und Spektakel aber wollten sie nicht dulden. Sie harten auch die Kranken nach ihrem Gutdünken um die Synagoge gestellt, als hätten sie hier über alles, was Jesus tun solle, zu disponieren.
-Als sie nun mit Jesu zur Stadt kamen, sahen sie zu ihrem großen Ärger, daß die Mütter mit ihren Kindern um sich her und den
232 233
Säuglingen auf den Armen die Straßen erfüllten und die Kinder Jesu die Hände entgegenstreckten und entgegenschrien: "Jesus von Nazareth, Sohn Davids, Sohn Gottes, heiligster Prophet, usw.~ Die Pharisäer wollten die Frauen und Kinder zurücktreiben, allein es war vergebens. Sie drangen aus allen Straßen und Häusern heran, und die Pharisäer verließen geärgert das Gefolgej Jesu.
Die Jünger, die um Jesurn gingen, waren auch etwas scheu und furchtsam und wünschten, es möge stiller und ungefährlicher her-gehen, und wollten die Kinder zurückweisen und machten Jesu Vorstellungen. Jesus aber verwies den Jüngern ihren Kleinmut und wies sie zurück und ließ die Kinder dicht um sich und war sehr lieblich und freundlich mit ihnen. So kam er bis auf den Platz vor der Synagoge unter stetem Rufen der Kinder: "Jesus von Nazareth, heiligster Prophet usw." -Aber auch die Säuglinge, die nie gesprochen, riefen ihn einzeln
aus zum Zeugnis und zur rührenden Überzeugung des Volkes.
Vor der Synagoge stellten sich die Kinder, Knaben und Mädchen gesondert, und die Mütter mit den Säuglingen hinter sie. Jesus lehrte und segnete die Kinder. Er lehrte auch die Mütter und ihr Hausgesinde, welches herannahte und von dem er sagte, daß es auch ihre Kinder seien. Er lehrte auch die Jünger über den Wert der Kinder vor Gott. Er sprach vieles einzelne dergleichen aus, was er bei anderen Gelegenheiten von den Kindern im Evangelium sagt.
Den Pharisäern war dieses sehr zum Verdruß, und die Kranken mußten warten. Er ging nachher zu ihnen und heilte mehrere und lehrte dann in der Synagoge etwas von Joseph und sprach auch von der Würde der Kinder, weil die Pharisäer nochmals von der heutigen Störung zu sprechen anfingen.
Als er aus der Synagoge ging, kamen auch noch drei Frauen zu ihm und wollten mit ihm allein sprechen, und da er sich abgesondert hatte, fielen sie vor ihm nieder und klagten über ihre Männer, er möge ihnen helfen, ihre Männer seien von unreinen Geistern geplagt, denn wenn sie sich ihnen näherten, würden sie auch mit denselben angefochten. Sie hätten gehört, daß er Magdalena geholfen. Er möge sich doch auch ihrer erbarmen. Jesus wies sie hinweg und versprach, in ihre Häuser zu kommen.
Er ging aber mit den Jüngern noch in das Haus eines gewissen Simon, eines einfachen Mannes. Ich meine, er gehörte zu den verheirateten Essenern. Er war nebst seiner Frau von mittlerem Alter und eines Pharisäers von Dabrathain-Thabor Sohn.
Jesus nahm mit den Jüngern hier einen Imbiß, stehend. Dieser Simon wollte auch das Seine zur Gemeinde geben. Er sprach davon mit Jesu.
Jesus ging nun noch in die Häuser der Frauen und sprach mit ihnen und ihren Männern. Es war aber nicht, wie sie sagten. Sie hatten die Schuld auf ihre Männer schieben wollen, sie waren aber selbst von Unreinheit angefochten.
Jesus ermahnte die Männer und Frauen zu Einigkeit und Gebet, Fasten und Almosen, und nach dem Sabbath zogen diese kranken Frauen ihm nach zu einer Bergpredigt etwas nördlich von Thabor. Jesus blieb nicht hier, sondern ging noch südlich gegen Kisloth, wo die heiligen Frauen und auch die mit Magdalena Zurückgebliebenen heute schon durchgekommen waren auf dem Wege nach Naim. Jesus belehrte auf dem Weg nochmals die Apostel, die bei ihm waren, über das, was bevorstehe, und wie sie sich betragen sollten jetzt, da sie nach Judäa hinabgingen, wo sie nicht so gut wie bisher würden aufgenommen werden. Er gab ihnen von neuem Anweisungen für ihr Betragen und zu ihrem Händeauflegen und Teufelaustreiben und gab ihnen nochmals seinen Segen als eine neue Stärkung und Füllung der Gnade. -Ich habe vergessen zu sagen, daß mit Lazarus ein paar Jünger
von Jerusalem, Verwandte von ihm, ich meine, von seiner Mutter Bruder, hergekommen waren, welche sich besonders über Magdalenas Befreiung erfreuten. Auch waren mit ihm drei Jünger aus Ägypten gekommen nach Dothaim, welche Jesus dort angenommen und ihnen alle Beschwerden vorgestellt hatte. Einer hieß Cyrenus. Sie waren Gespielen Jesu in Ägypten gewesen und etwa dreißig Jahre alt. Ihre Eltern hatten dort die Wohnung und den Brunnen der Heiligen Familie als einen Ort der Erinnerung heiliggehalten. Sie besuchten Bethlehem und Bethanien und besuchten auch Maria in Dothaim und brachten Grüße ihrer Eltern.
3. Januar f1823J (= 15. Thebet) 1 Tagebudz Bd. VI, Heft 14 / Viertel-seiten 11-12
Es kamen Pharisäer von Nazareth am Morgen nach Kisloth zu Jesu, um ihn in seine Vaterstadt einzuladen. Jene Pharisäer, welche ihn das vorige Mal hatten von dem Felsen herabstürzen wollen, -waren nicht mehr dort. Es waren andere aus einer großen Stadt, wo sehr viele von dieser Sekte sind. Sie sagten Jesu, er werde doch
234
235
hoffentlich in seine Vaterstadt kommen und auch dort Zeichen und Wunder tun. Sie seien da alle begierig, seine Lehre zu hören, und dann könne er auch seine kranken Landsleute heilen. Sie bäten sich aber ein für allemal aus, daß er am Sabbath nicht heile.
Jesus sagte ihnen, er werde kommen und den Sabbath halten. Sie würden sich aber an ihm ärgern, und was das Heilen anbetreffe, wolle er ihrem Willen folgen, ihnen selbst zum Schaden. Da gingen sie wieder nach Nazareth, und Jesus folgte nachher, seine Jünger lehrend, dahin.
Er kam gegen Mittag nach Nazareth, und es kamen ihm viele Neugierige und auch manche gute Menschen entgegen, wuschen den Ankommenden die Füße und gahen ihnen den .......
7. Januar 11823 (= 19. Thebet) / Tagebuoi Bd. VI, Hefi 14 1 Viertel-Seiten 43-49
Schon seit wohl vierzehn Tagen sah ich viele Gäste und vornehme Leute zu Herodes nach Machärus kommen. Besonders sah ich vieles vornehme Gesindel von Tiberias über Amon jenseits des Jordans nach Machärus ziehen. Auch sah ich vielen Weiberanhang zu Hero~ dias kommen und eine stete Reihe von Festen und Schmausereien. Es war auch nahe bei dem Schloß ein rundes, offenes Gebäude mit vielen Sitzen, wo Tiere und Fechter miteinander kämpften, und wo sie zusahen. Ich sah auch Tänzer und Tänzerinnen, die allerlei üppige Tänze machten, und sah, daß Salome, die Tochter der Herodias, vor Metallspiegeln in der Gegenwart ihrer Mutter sich mit diesen einübte.
Sorobabel und Kornehus von Kapernaum kamen nicht hin, sie hatten sich entschuldigt.
Johannes hatte in der letzten Zeit ganz frei innerhalb des Schlosses umhergehen können, und seine Jünger konnten aus- und eingehen. Er hatte auch einigemal im Schloß öffentlich gelehrt, und Herodes hatte ihm zugehört. Man hatte ihm auch die Freiheit versprochen, wenn er die Ehe des Herodes billigen oder wenigstens nie davon reden wollte. Er hatte aber immer gewaltig gegen dieselbe geredet. Dennoch gedachte Herodes ihm an seinem Geburtstag die Freiheit zu geben. Sein Weib aber dachte heimlich anders. Herodes wünschte, Johannes möge während des Festesj sich öffentlich sehen lassen, um vor den Gästen mit seiner leichten Haft sich weißzubrennen. Kaum aber begannen die Gelage und Spiele und herrschten alle
Laster in Machärus, als Johannes nicht mehr seinenj Kerker verließ und auch seinen Jüngern befahl, sich zurückzuziehen. Die meisten begaben sich in die Gegend von Hebron, woher viele waren.
Ich sah während dieses Festes und auch sonst oft einen Mann bei der schändlichen Herodias, und sehr vertraut auch oft in der Nacht an ihrem Bett, und ich sah oft, als sei es der Teufel in der Gestalt eines Liebhabers oder des Herodes. Ich habe dieses Weib immer in allen Lastern ersoffen gesehen und in allen Arten der Unzucht und Verräterei.
Ihre Tochter war ganz von ihr unterrichtet und ihre Gehilfin von Jugend auf und auch bereits eine Lustdirne.180 Sie war jung und blühend und hatte eine volle und üppige Gestalt, bewegte sich sehr frech und war ebenso gekleidet. Herodes sah sie längst mit lüsternen Augen an, und darauf baute die Mutter ihren Plan.
Herodias hatte ein auffallendes, sehr freches Aussehen und wandte alle Künste und Mittel an, ihre freche Schönheit noch hervorstechender zu machen. Sie war nicht mehr ganz jung und hatte etwas ganz Wunderbares, Spitzes, Teuflisches in ihrem Gesicht, das die frechen Männer gern ansahen, aber mir einen Unwillen und Ekel erregte, wie die schreckliche Schönheit einer Schlange. Ich kann sie mit nichts vergleichen, als wenn ich sage, sie sah ganz wie eine Göttin, ganz wie die Göttinnen aus.181
Heute am Abend sah ich das Geburtsfest des Herodes beginnen. Herodias wohnt in einem Schloß an einer Seite eines großen Hofes. Es liegt etwas höher als der gegenüberliegende große Saal, in welchem das Fest war und in dessen offene Säulenhallen man aus den offenen Galerien des Schlosses der Herodias hinabsieht.
Vor dem Saale des Herodes war im Hof ein prächtiger Triumph-bogen errichtet, zu dem man auf Stufen hinaufstieg und der in den Saal hineinführte. Man sah so tief hinein, als nähme es kein Ende, und alles glänzte von Spiegeln, Blumen, Gold, grünen Büschen. Man wurde ganz blind, denn alles bis tief zurück und alle Säulen und Gänge waren voll Fackeln und Lampen und Feuer und durchsichtigen und schimmernden Sprüchen, Bildern und Gefäßen.
Herodias und ihre Weibergesellschaft standen alle in den höheren Galerien ihres Schlosses in prächtigem Putz und schauten beleuchtet herab, als Herodes, von vielen prächtig gekleideten Gästen umgeben, von singenden Chören begrüßt, durch den Hof über Teppiche nach dem Triumphbogen zog, auf welchem, voll von geschmückten Kindern, viele schöne, wie nackte, mit Kränzen geschmückte Knaben
236 237
und Mädchen mit allerlei Instrumenten und Blumengewinden musizierend und winkend standen. Als er aber die Stufen zu dem Triumphbogen hinauftrat, kam ihm Salome zwischen anderen Knaben und Mädchen tanzend entgegen und überreichte ihm eine Krone, die zwischen allerlei glänzenden Verzierungen lag. Es trugen sie diese Kinder . . . aus ihrem Gefolge unter einer durchsichtigen Decke. Diese Kinder waren alle mit wenigem dünnem Gewand bedeckt, mit anliegendem Stoff wie nackt bekleidet und hatten eine Art Flügel. Salome war auch mit anliegendem Stoff überzogen und hatte ein leichtes, ganz durchschimmerndes, langes Kleid, auf den Beinen hier und da aufgeheftet mit schimmernden Heften. Ihre Arme waren wie nackt mit goldenen Ringen, Perlenschnüren und kleinen Federkränzen umgeben. Ihr Hals war nur mit vielen Perlen und glänzenden Kettchen bedeckt, und so auch ihre Brust, welche durchsichtig bekleidet war. Sie tanzte eine Zeitlang vor Herodes, der ganz entzückt und verblendet ihr seine Bewunderung zu erkennen gab, wie auch alle seine Gäste, und ihr auch sagte, sie solle nochmals morgen ihm diese Freude machen. Nun zogen sie in den Saal, wo das Schmausen anging, und die Weiber aßen auch in dem Palast der Königin.
Den Johannes aber sah ich in seinem Kerker mit ausgebreiteten Annen knien, gegen Himmel schauen und beten. Alles war licht um ihn. Es war aber ein ganz anderes Licht als das in dem Saal des Herodes, das rot und trüb wie eine Höllenglut dagegen aussah, wenngleich Machärus von Fackeln beleuchtet wie brennend weit in den Bergen umher schimmerte.
8. Januar !18231 (= 20. T1:ehet) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 14 1 Viertel-Seiten 5~56
Jesus hat am Morgen in Thenath-Silo in der Synagoge gelehrt und unter anderem die Parabel vom König, der ein Gastmahl gibt, ausgelegt. Hier in Thenath erzählten ihm auch Leute, die aus Jerusalem kamen, was schon die vier bei Samaria zu ihm gekommenen Jünger als Gerücht erzählt hatten: Es sei ein großes Unglück in Jerusalem geschehen bei einem Bau des Pilatus, wobei außer sehr vielen anderen Leuten achtzehn Baumeister des Herodes verschüttet worden. Jesus bedauerte die unschuldig Verschütteten mit der Empfindung, wie wir an die unschuldigen Kinder denken, und sagte, jene achtzehn Baumeister (welche Herodianer waren) seien keine
größeren Sünder als die Pharisäer und Sadduzäer und alle, welche dem Reich entgegenarbeiteten. Auch diese 182 würden unter ihrem verräterischen Bau zugrunde gehen. Er erzählte auch die Parabel vom Feigenbaum.
Herodes hatte dem Pilatus zu seinem Bau eine besonders gute Steingattung und Mörtel und auch Baumeister aus seiner Gegend angeboten. Pilatus hatte es angenommen, alles aber war eine Verräterei, den Pilatus verhaßt zu machen, und so hatte aber Herodes achtzehn Baumeister nach Jerusalem geschickt, welche Herodianer waren, solche Leute, die man jetzt Freimaurer nennt. Sie lenkten einen Bau an der Nordseite des Tempelberges, auf der Seite des Schaftors. Es war ein Kanal, der die Unreinlichkeiten vom Tempel ableiten sollte. Es war eine Arglist dabei. Er wurde so gebaut, daß er zusammensrürzen sollte, und Herodes dachte, es sollten wohl dreihundert Menschen dabei umkommen, welche als Sklaven da arbeiteten. Es waren dies Menschen, welche Herodes haßte; sie waren meist Anhänger Johannis des Täufers, und auch viele von Jesu geheilte Männer warenj dabei. Es war die Absicht dabei, diese Leute umkommen zu lassen. Es wurde unten so vieles unterminiert. Sie bauten unten ganz breit aber hohl und oben immer enger, schwerer, und sehr hoch. Es lag eine ganze Straße von armen Leuten und Arbeitern darüber, die am Tempelberg hinauf wohnten, und da sah ich auch die achtzehn Herodianer stehen, welche den verräterischen Bau leiteten, auf einer Terrasse oder einem Turm. Auf einmal srürzte alles über den Leuten zusammen, aber worauf gar nicht gerechnet war, die achtzehn Herodianer kamen auch um, denn die Stelle, worauf sie standen, rutschte ein und vieles nach, und sie wurden ganz verschüttet. Es stürzten auch viele der kleinen Wohnungen am Tempelberg ein, und die Leute kamen unschuldig um. Es mögen wohl an hundert Menschen verschüttet worden sein. Es geschah dieses im Beginn des Festes zu Machärus.
Pilatus wurde deswegen sehr erzürnt über Herodes, und es war mit eine Hauptursache ihrer Feindschaft. Es ist dieses das Ereignis selbst, welches Jesus erwähnt, da ihm später die Ermordung der Galiläer am Tempel 183 erzählt wird.
Er erwähnt ihrer dort, weil sie in die Grube fielen, die sie anderen allein gegraben. Herodes ließ den Bau des Pilatus durch seine Anhänger so leiten.184
Jesus heilte hier auch noch mehrere Menschen, unter anderem Blinde. Dann verließ er Thenath mit Petrus und Johannes. Die vier
238 239
Jünger gingen gerade gegen, ich glaube, Beth-Horon zu, wohin Maria, Martha, Magdalena und die anderen jerusalemschen Frauen von Dothaim jetzt ziehen und wo, ich meine, ... Jesus sie trösten wird.
Jesus zog nach Antipatris. Er ging von Thenath gen Sichem, das er rechts liegen ließ, über den Brunnen Jakobs westlich von dem Berg Garizim, wo sie in einem Tal bei einem Flüßchen bei jener Herberge einkehrten, in welcher sie am Tag vor dem Gespräche am Brunnen mit Dina, der Samariterin, gewesen war en. Es ging eine Straße von Sichem nach Jerusalem hier herüber. Unterwegs sprachen Petrus und Johannes mehrmal sJ, ob er nicht in Aruma oder anderen Orten hier einkehren wolle. Jesus äußerte aber, sie würden ihn nicht aufnehmen, und setzte den Weg nach Antipatris fort.
J8.-ii. Januar 1823 (= 20.-23. T1:ebet)J / Tagebu~ Bd. VI, Heft 14 / Viertelseiten 56~66i85
Ich sah heute nachmittag einen großen Schmaus in dem großen Saale des Herodes. Er war an der Seite gegen den höher liegenden Festsaal der Weiber offen, und durch diese offene Seite fiel das ganze Bild der geschmückten, schmausenden und spielenden Frauen quer über den Hof in eine abschüssige Spiegelfläche. Ich wußte nicht, ob es Wasser war, denn es waren viele springende, wohlriechende Wasser in feinen Strahlen und viele Blumenpyramiden und grüne Bäume dazwischen angebracht. Als man gegessen und viel getrunken hatte, baten die Gäste den Herodes, die Salome wieder tanzen zu lassen, und man räumte den Platz dazu und setzte sich an den Wänden umher.
Herodes, und nächst ihm einige Vertraute, ich meine auch, der Tetrarch Philippus war darunter, und nur solche, die Herodianer waren, saßen an einem erhöhten Ort, Herodes aber auf dem Thron. Salome erschien mit einigen Tänzerinnen wieder sehr frech und ganz durchsichtig gekleidet. Ihre Brust ruhte auf Bändern, ihre Haare waren teils mit Perlen und Edelsteinen durchwebt, teils flogen sie in Locken um sie her. Sie hatte eine Krone auf. Sie tanzte in der Mitte, die anderen umher. Dieser Tanz ist nicht so rasch und wild wie unsere Bauemtänze hier zu Lande. Es ist aber ein stetes Biegen, Beugen und Drehen des Leibes, als wenn sie gar keine Knochen darin hätten, und kaum stehen sie in dieser Stellung, so sind sie auch wieder in eine andere übergegangen. Es ist ein beständiges Drehen und Wiegen und Biegen wie eine Schlange. Dabei haben sie
Kränze und Tücher in den Händen, die sie um sich her schwenken und schlingen. Ich habe sonst auch jüdische und besonders heidnische Tänze gesehen, welche mir wegen ihrer Sanftheit und Anmut gefielen. Aber dieses Tanzen hier war auf lauter Unzucht gegründet und ahmte die schändlichsten Leidenschaften nach.
Salome übertraf alle, und ich sah den Teufel an ihrer Seite, als drehe und biege er ihr alle Glieder, diesen Greuel hervorzubringen.
Herodes war ganz hingerissen und verwirrt von ihren verfluchten Stellungen, und als sie den Tanz schließend vor seinen Thron kam, tanzten die anderen Tänzerinnen weiter und beschäftigten die Aufmerksamkeit der Gäste, so daß nur wenige der nächsten Gäste hörten, wie er zu ihr sagte: "Begehre, was du von mir willst, ich will es dir geben, ja, ich schwöre dir, so du mein halbes Reich begehrst, ich will es dir geben." Salome aber sagte: "Ich will meine Mutter fragen, was ich begehren soll", und verließ den Saal und ging zu dem Saal der Weiber und fragte ihre Mutter allein. Die befahl ihr, das Haupt des Johannes auf einer Schüssel zu begehren.
Salome eilte zu Herodes zurück und sprach: "Ich will, daß du niir sogleich das Haupt des Johannes auf einer Schüssel gibst! " Sie sagte ihm das, und wenige der nächsten Vertrauten hörten es. Herodes war wie vom Schlag gerührt vor Schrecken. Sie mahnte ihn aber seines Schwures, und er befahl einem Herodianer, seinen Scharfrichter zu rufen, und befahl diesem, Johannes zu enthaupten und das Haupt auf einer Schüssel der Salome zu geben. Da ging der Scharfrichter hinweg, und Salome folgte ihm nach kleiner Zeit.
Herodes aber verließ den Saal mit einigen Vertrauten, die es gehört, als sei ihm nicht wohl, und war sehr traurig, und ich hörte, daß sie ihm sagten, diese Bitte zu bewilligen, hätte er nicht nötig gehabt. Sie versprachen aber einstweilen die größte Verschwiegenheit, um das Fest nicht zu stören. Er aber war sehr betrübt und ging wie unsinnig in den entferntesten Gemächern umher. Das Fest ging indessen seinen Gang fort.
Johannes stand im Gebet. Der Scharfrichter und sein Knecht ließ en die beiden Soldaten, welche den Zugang seines Gefängnisses bewachten, mit hereintreten. Die Soldaten hatten Fackeln bei sich, aber ich sah es so licht um Johannes, daß die Flamme der Fackeln mir wie ein Licht am Tag vorkam.
Salome harrte in den Vorhallen des weitläufigen Gefängnisses mit einer Magd, und diese harte dem Henker die rnit einem roten Tuch verhüllte Schüssel gegeben.
240 241
Der Scharfrichter sagte zu Johannes: "Herodes, der König, sendet mich, dein Haupt auf dieser Schüssel Salome, seiner Tochter, zu bringen."
Johannes aber ließ ihn nicht aussprechen. Er blieb knien und wendete bei seinem Eintritt das Haupt gegen ihn und sagte: "Ich weiß, warum du kommst. Ihr seid meine Gäste, die ich längst erwartet. Wüßtest du, was du tust, du würdest es nicht tun. Ich bin bereit." Da wandte er sein Haupt von ihm und kniete betend vor dem Steine nieder, vor dem er immer kniend betete, und der Scharfrichter enthauptete ihn mit einer Maschine, welche ich mit nichts vergleichen kann als mit einer Fuchsfalle, denn ein eiserner Ring wurde ihm um die Schultern gelegt, und durch einen Stoß oder Druck des Henkers fuhren schneidende Eisen durch seinen Hals und trennten augenblicklich das Haupt. Das Haupt flog erst etwas empor und dann auf die Erde, und ein dreifacher, starker, hochaufspringender Blutstrahl übersprengte das Haupt und den Leib des Heiligen, der so in seinem Blute getauft wurde. Der Knecht des Richters aber hob das Haupt bei den Haaren auf, verhöhnte es und legte es auf die Schüssel, welche der Scharfrichter hielt, und dieser brachte es der harrenden Salome. Sie empfing es mit Freude und einem heimlichen Grauen und Ekel, welche weichliche Menschen vor Blut und Wunden haben. Sie trug das heilige Haupt in der rot bedeckten Schüssel, von der das Blut niederrann, von ihrer vor-leuchtenden Magd begleitet, durch die unterirdischen Gänge, indem sie die Schüssel scheu von sich weghielt und den geschmückten Kopf mit ekelnder Miene schief abwandte.
So ging sie durch einsame Wege aufsteigend in eine Art Küchen-gewölbe unter dem Schlosse der Herodias, und diese trat ihr sogleich entgegen, riß die Decke von dem heiligsten Haupt, schimpfte und mißhandelte es, nahm eine spitze Küchennadel von der Wand, wo mehrere solche Instrumente staken, und zerstach ihm Zunge, Wangen und Augen und schleuderte es mehr einem Teufel als Menschen gleich an die Erde, stieß es mit Füßen von sich und durch eine runde Öffnung in einen Graben hinab, in welchen man den Abfall und Unrat der Küche zu fegen pflegte. Dann kehrte dies Scheusal nebst seiner Tochter zu dem Lärm und Laster des Festes zurück, als sei nichts geschehen.
Johannis Leib sah ich mit dem Felle bedeckt, das er gewöhnlich trug, von den beiden Soldaten auf sein Steinlager gelegt. Diese Leute waren sehr gerührt. Sie wurden aber abgelöst und selbst ein-
gesperrt, damit sie nicht sprechen sollten. Allen, die davon wußten, wurde ein strenges Schweigen aufgelegt. Die Gäste dachten nicht an ihn.
Hierher gehörige Mitteilungen an den folgenden Tagen:
Am 9.: Ich sah Johannis Leib noch immer liegen. Noch immer stehen Wachen da. Man bringt noch immer seine Nahrung hin. Sein Tod bleibt verborgen, wahrscheinlich bis zu einer bequemen Zeit.
Das Fest dauert fort, aber Herodes nimmt nicht teil. Ich habe ihn in einem entlegenen Garten mit seinen Vertrauten sehr verwirrt und traurig herumlaufen sehen.
Es ist allerlei Spiel und Gaukelei den ganzen Tag, und sie berauschen sich so weit, daß sie zu aller Frechheit aufgelegt sind. Sie saufen sich nicht von Sinnen wie bei uns. Ich habe keinen berauscht umfallen sehen. Die Frauen trinken auch, und ihre hergebrachte Absonderung ist übler, als wenn sie offen bei den Männern wären, denn sie folgen ihrer Augenlust, bestellen sich, wen sie wollen und unter allerlei Verlarvungen, und treiben alle Schande. Es ist ein schreckliches Lasterleben.
Am 10.: Johannis Leib liegt noch stille wie sonst. Im Schlosse in einem runden Theater auf Stufen saß heute alles voll, die Weiber waren auch da, Herodes nicht. Ich sah allerlei Gaukelwerk, nackte Männer, darunter braune, gelbe und schwarze, nur mit einer Binde um die Mitte des Leibes, schmierten sich mit Öl und sprangen und liefen einander nach und prügelten einander und warfen einander nieder. Auch sah ich wilde Tiere untereinander und Leute mit Tieren kämpfen und sie töten. Es waren allerlei Possen da. Manchmal wollte einer in ein Häuschen auf eine Säule springen. Da lief das Haus, die Säule fort. Es stak ein Kerl darin und prügelte den anderen. Auch sah ich, daß sie leichte Bälle 188, wie Blasen, auf hohen Säulen stehen hatten. Da schossen und stachen sie mit feurigen Spießen hinein. Da zerknallten die Blasen und flogen brennend in die Höhe und lagen hier und da brennend auf den Dächern.
Am 11.: Ich habe den Leib Johannis noch immer liegen sehen, und alles geschieht zum Schein wie sonst. Im Schloß geht es noch immer wüst her. Heute haben sie einen hohen Turm vorgestellt. Er war voll Pech und Schwefel. Arme Sklaven stiegen darum her und steckten ihn an, und es stieg eine schreckliche Feuersäule daraus in die Höhe. Alle Berge waren hell davon, und man muß es haben in Jerusalem sehen können. Leider verbrannten ein paar arme Sklaven dabei.
242 243
Die Art der Spiele und Kleidungen und Einrichtungen und Gebräuche sind ganz wie auf der Hochzeit der Datuln auf der Insel Kreta 187, nur daß hier alles greulich und sündhaft getrieben wird, und dort war alles so heiter, rein und unschuldig.
Auch sind hier alle Gebäude, Spielplätze, Höfe und Säle eng bei-und übereinander, und dort war alles so geräumig und angenehm von Weg und Garten und schönen Plätzen, Galerien und Stufen und Säulengängen unterbrochen.
Ich meine, es muß auch noch ein Krieg des Herodes mit dem Vater seiner ersten Frau eintreten, denn diese hatte erfahren, daß er sie verstoßen werde und dieses Weib nehmen, als er ~ noch nicht bei sich hatte und eben von der Reise zurückkam, wo er es gesehen, und sie bat den Herodes damals um Erlaubnis, nach Machärus gehen zu dürfen, ging aber statt dessen zu ihrem Vater Aretas und blieb bei diesem, der sehr erbittert ist, auch einmal heimlich bei Johannes war. Ich glaube, der Krieg wird sein, wahrend Jesus abwesend in Tyrus oder sonstwo ist.
12. Januar 18231 (=
24. Thebet) 1 Tagebuti Bd. VI, Heft 14 1 Viertel-seiten 89-94
Sein Tod ist noch ganz verschwiegen, ja, es begegnete auf der Reise nach Bethanien Jesu sogar das Gerücht, Johannes habe seine Freiheit erhalten und wohne frei dem Feste in Machärus bei. Ich weiß nicht, ob man dieses aus Absicht ausgesprengt hat.
Das Fest währt noch längere Zeit fort. Wenn Herodes aufgehört hat zu traktieren, fängt noch das schändliche Weib an, ihm ein Fest zu geben. Fünf Menschen, welche darum wußten, sind auf Befehl der Herodias eingekerkert und außer alle Verbindung gebracht. Es sind dieses die zwei Wachen, der Scharfrichter und sein Knecht und die Magd der Salome, welche ein Mitleiden bezeugte. Niemand ahnte etwas außer den Vertrauten, welche es wußten.
Die Feste gehen fort. Herodes ist zwar noch zurückgezogen, wenn aber die Feste beginnen, welche das Weib gibt, wird er wohl wieder zum Vorschein gelockt werden durch seine Leidenschaft zu diesem Scheusal...
Der Schreiber teilte hier der Schwester Emmerick mit, da~ Sjchwesterj Maria a Jesu von Agreda in ihrem "Leben Mariä" er-zähle: Herodias habe den Johannes dreimal von sechs Männern geißeln und peinigen lassen, und Jesus und Maria seien ihm er-
schienen und hätten ihn geheilt. Er sei in Ketten und Banden gelegen und schier verhungert, wenn ihn Jesus und Maria nicht ernährt hätten. Sie seien ihm mit unzähligen Engeln bei seiner Hinrichtung erschienen. Maria habe sein Haupt mit ihren Händen aufgefangen, und zu allem diesem sei genugsam Zeit gewesen, weil die Henker sich gezankt, wer das Haupt überbringen solle.
Sie sagte hierauf soviel als:
Ich habe oft solche Sachen gehört, welche ganz mißverstanden sind, denn es sind die Gesichte bei vielen nicht historisch und wie die Sachen geschahen, sondern Betrachtungen, und werden dann, wie es auch Abbildungen gibt, wirklich genommen - ganz unwahr, obschon sie in der Bedeutung wahr sind. Wenn man selten und nicht zusammenhängend sieht, würde man das Ganze nicht fassen, seinem Inhalt nach nicht fassen können, wenn nicht alles ineinander vermischt und verbunden erschiene. Wenn einer sehen sollte, daß ein Hingerichteter betet: Herr, ich lege mein Haupt in deine Hände, und auch, daß Gott dieses Gebet erhört, so könnte er leicht sehen, daß der Enthauptete seinen Kopf dem Herrn, der neben ihm steht, in die Hände legt, und es wäre auch geistlicher Weise wahr, obschon sein Haupt irdischerweise vor aller Augen an die Erde fiel. So mag dieser Seligen mit den Ketten und Banden die Wut der Herodias, mit dem Peinigen die Schandtaten und Sünden im Schloß, die er fühlte, und mit dem Haupt auf Marias Händen vorgestellt worden sein, daß er ihrer, in welcher er selbst noch im Mutterleib Jesum vor seiner Geburt schon begrüßte und verkündete, auch vor seiner Geburt in das ewige Leben sterbend gedachte. Man~kann auch alle Gedanken und Gebete eines Menschen in Bildern sehen, ohne daß sie je körperlich geschehen sind. Hierdurch scheinen oft manche Gesichte verschiedener Personen es~ander zu widersprechen und werden mißverstanden. Sie sind aber Betrachtungen, durch die Art und das Bedürfnis der Sehenden verschieden.
Ich habe gesehen, daß Johannes auf Befehl des Herodes vor der Entlassung aus seiner ersten Gefangenschaft1~ gegeißelt wurde, jedoch nur unbedeutend und mehr zum Schein, weil er, statt der Aufforderung, seine Verbindung mit dem Weibe zu billigen, ihm und ihr ins Angesicht vor allen Anwesenden dieselbe noch heftiger als je gerügt hatte. Hierauf ward er freigelassen. Es sollte dieses eine Warnung sein und war gebräuchlich. Ich habe auch gesehen, daß der Kerker um Johannes oft ganz licht war und besonders vor und während seiner Enthauptung, daß er auch oft, ganz in Liebe
244 245
und Anbetung zu Jesu versunken, innerlicher Anschauungen von Jesu genoß, und an die Mutter des Herrn gedenkend, sie lebhaft vor sich sah, wie ihm das schon als Kind und Mann in der Wüste geschah.
23. Januar 118231 (= 6. Sebath) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 14 1 Viertel-seite i6o
Ich habe heute gegen Mittag die Jünger mit der Leiche Johannis durch das Tal der Hirten kommen sehen, auf einsamen Wegen. Ungefähr eine halbe Stunde von Bethlehem, wo das Tal der Hirten sich schließt, trugen sie ihn in eine Höhle und hielten sich still darin. Heute abend werden sie ihn weiter gen Juta tragen, wohin schon einige voraus sind, das Gehörige zu bestellen. Sie sind immer auf unbetretenen Pfaden durch die Wüste ums Tote Meer herumgezogen. Ich habe jene Erscheinung der Elisabeth auf dem Nachtwege noch öfter neben dem Zuge hergehen sehen. Ich kann nicht sagen, wie rührend dieser Zug war. Mit eilenden Schritten schienen sie zu schweben.
24. Januar f1823J (=,, 7. Sebat1:) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 14 / Viertelseiten 161-170
1S9
Jesum sah ich heute morgen mit den Jüngern nach Jerusalem gehen und bei Johanna Chusa einkehren. Martha und Magdalena waren nicht in Jerusalem.
Gegen zehn Uhr am Morgen sah ich Jesum mit den Jüngern im Tempel. Er lehrte und las das Gesetz an einem Lehrstuhl im Vorhof der Frauen. Man wunderte sich über seine Lehre und seine Weisheit. Es war niemand da, der ihn hinderte oder ihm Einwürfe machte. Die Priester, welche zugegen waren, mochten ihn kaum kennen, und die ihn kannten, waren ihm nicht entgegen. Seine Hauptfeinde, die Pharisäer und Sadduzäer, waren meistens verreist. Einige Laurer waren wohl noch hier. Sie waren aber unbedeutend. Er lehrte hier bis gegen Nachmittag, und sie gingen dann eine kleine Mahlzeit im Hause der Johanna Chusa zu nehmen.
Ungefähr nach drei Uhr ging Jesus mit einigen Jüngern an den Teich Bethesda. Er ging aber an der äußersten Seite durch ein Tor hinein, welches geschlossen war und nicht mehr gebraucht wurde. Da waren alle die Ärmsten und Verlassensten hingeschoben, und
auch bis an dieses Tor, den entferntesten Winkel, war ein achtunddreißig Jahre kranker, lahmer Mann zurückgedrängt. Er lag in einer Kammer der Mauer.
Als Jesus an das geschlossene Tor kam, pochte er an, und es öffnete sich vor ihm. Er ging an dem Kranken vorüber hinab zu den Gängen, welche dem Teiche näher waren, wo allerlei Kranke saßen und lagen. Er lehrte hier die Kranken, und die Jünger teilten den Ärmeren Kleider und Brote aus, auch Decken und Tücher, welche die Frauen ihnen gegeben hatten. Den Kranken, welche hier sich selbst oder ihren Dienern überlassen lagen, waren dieser Trost und diese Liebesdienste eine ganz neue Erfahrung. Sie waren sehr gerührt, und als sie seine Lehre gehört, die er an verschiedenen Stellen hielt, fragte er mehrere, ob sie glaubten, daß Gott ihnen helfen könne, und ob sie wünschten, geheilt zu sein, und ihre Sünden bereuen, Buße tun und sich taufen lassen wollten? Da er ihnen teils ihre Sünden gesagt, waren sie sehr erschüttert und sagten:
"Meister, du bist ein Prophet, du bist wohl Johannes!" Denn sein Tod war noch nicht allgemein bekannt, und an vielen Orten ging noch das Gerede von seiner Befreiung. Jesus sagte ihnen aber nur in allgemeinen Ausdrücken, wer er sei, und heilte mehrere, auch Blinde. Er ließ sie die Augen mit Wasser aus dem Teich waschen und mischte Öl darunter und sagte ihnen, stille nach Haus zu gehen und nicht viel davon zu reden bis nach dem Sabbath. Die Jünger heilten auch in anderen Gängen. Alle aber mußten sich in dem Teich waschen.
Da aber durch mehrere Geheilte eine Art Aufsehen entstand, da bald hier, bald dort einer zum Teich kam, sich zu waschen, ging Jesus mit Johannes wieder zurück nach jenem entlegenen Ausgang und kam an die Stelle, wo der Mann lag, der schon achtunddreißig Jahr~ krank war. Dieser Mann war ein Gärtner, einer von denen, welche ich immer an den Hecken arbeiten sehe. Auch hatte er sonst Balsamstauden gezogen. Er war aber nun schon so lange krank und hilflos, daß er ganz verkommen war und als ein öffentlicher Armer hier lag, der die übrigen Brocken der anderen Kranken aß. Er war auch, weil er seit vielen Jahren hier lag, von jedermann, der einmal hier gewesen, gekannt, als der unheilbare Kranke.
Jesus redete ihn an, ob er gesund sein wolle, und der Mann, der gar nicht meinte, daß Jesus ihn heilen wollte, sondern er frage ihn im allgemeinen, warum er hier liege, sagte ihm, daß er keine Hilfe habe, keinen Diener oder Freund, der ihm hinab in den Teich helfe,
246 247
wenn das Wasser bewegt werde, und bis er hinabkrieche, seien ihm schon andere zuvorgekommen und hätten die Stellen, wo die Stufen in den Teich führten, eingenommen.
Jesus sprach aber noch länger mit dem Mann und stellte ihm seine Sünden vor Augen und erregte seine Reue und sagte ihm, er solle nicht mehr in Unreinigkeit leben und nicht wieder gegen den Tempel lästern, denn dadurch hatte er sich früher seine Strafe zugezogen. Er sprach ihmJ auch zu, daß Gott alle wieder annehme und allen helfe, welche sich reumütig an ihn wenden, und als der arme Mann, dem nie ein Trost geworden und der in seinem Elend ganz verrottet und verdumpft war und auch oft murrte, daß ihm niemand half, durch diese Reden des Herrn ganz gerührt war, sagte Jesus zu ihm:
"Stehe auf, nimm dein Bett und wandle ! " Dies ist aber nur der Hauptbegriff von dem, was Jesus ihm sagte, denn er hat ihm auch befohlen, zum Teich hinabzugehen und sich zu waschen, und hatte einem Jünger, der herankam, gesagt, diesen Mann in eine der kleinen Wohnungen für Arme zu führen, welche die Freunde Jesu am Coenaculum auf dem Berg Sion eingerichtet hatten, welches Joseph von Arimathia mit seiner Steinmetz... arbeit innehatte.
Der Mann, der ganz lahm und auch ganz unrein im Gesicht gewesen war, nahm sein verlumptes Lager zusammen und ging gesund zum Teich hinab und wusch sich, und war so eilig und freudig, daß er schier sein Bett vergessen hätte. Der Sabbath war schon angegangen, und Jesus ging unbemerkt durch das Tor bei des Kranken Hütte mit Johannes hinaus. Der Jünger, der den Kranken anweisen sollte, ging diesem voraus, um ihn anzumelden, denn der Kranke wußte schon, wo er hingehen sollte. Da er aber aus den Gebäuden des Teiches Bethesda hinausging und ihn einige Juden sahen, daß er geheilt war, meinten sie, die Gnade des Teiches habe ihn geheilt, und sagten zu ihm: "Weißt du nicht, daß es Sabbath ist? Du darfst dein Bett nicht tragen!" Der Mann sagte aber: "Der mich geheilt hat, sagte mir: Steh auf, nimm dein Bett und wandle!" Sie fragten ihn aber: "Wer ist der Mensch, der zu dir sagte: Nimm dein Bett und wandle?" Das wußte der Mann aber nicht, denn er kannte Jesum nicht und hatte ihn sonst nie gesehen. Da ließen die Juden ihn gehen. Jesus aber war schon hinweg, und die anderen Jünger auch.
Was aber im Evangelium bei diesem Wunder steht, daß dieser Mann Jesum im Tempel sah und ihnen zeigte, daß dieser es sei, der ihn geheilt habe, und daß Jesus einen Disput deswegen über das
Sabbathheilen mit den Pharisäern hatte, ist erst auf einem anderen
Fest geschehen und von Johannes hier gleich zusammengeschrieben.
Ich habe diese Erklärung ausdrücklich dabei erhalten. Durch diese
Juden, welche dem Geheilten das Tragen seines Bettes am Sabbach
verwiesen, kam aber, nachdem Jesus Jerusalem verlassen hatte, die
Heilung dieses Mannes, den viele Leute als unheilbar kannten, ins
Gerücht und machte vieles Aufsehen.
Die anderen Kranken, die er und die Jünger am Teich Bethesda geheilt, wurden nicht weiter beachtet. Man schrieb es dem Wunder des Teiches zu. Auch erregten sie keine Aufmerksamkeit, weil es nicht am Sabbath geschehen war. Auch hatten sie Jesum an den Eingängen, wo die Wächter oder Vorsteher des Teiches sich befanden, weder ein- noch ausgehen sehen. Im Innern der Teichumgebungen waren aber um diese Zeit außer den armen Kranken, welche in den Mauerzellen liegen blieben, wenige Leute gegenwärtig, da die Wohlhabenderen sich bereits hatten... nach Haus bringen lassen, denn in der letzten Zeit erfolgte die Bewegung des Wassers nur selten und meist nur bei Sonnenaufgang, da sich dann die, welche Bedienung hatten, herantragen ließen. Überhaupt war diese Heilanstalt sehr in Verfall und ein Teil der Mauern an einer Seite etwas verwüstet. Es fanden sich auch meist nur gläubige Leute da ein, solche, wie bei uns die Wallfahrtsorte besuchen.
Es war dieses der Teich, in welchem Nehemia das heilige Feuer verborgen hatte, und ein Stück des Holzes, womit es bedeckt gewesen war, ist nachher verworfen und ein Teil vom Kreuze Christi geworden. Die Wunderkraft des Teiches hat sich, nachdem das heilige Feuer darin gewesen war, gezeigt. In den ersten Zeiten sahen wohl fromme und prophetische Kranke einen Engel sich niedersenken und das Wasser berühren. Später sahen das wenige oder keine mehr, und die Zeiten waren bereits so, daß jene, die es etwa noch sahen, es doch nicht mehr sagten. Aber das Wasser erschüttern und aufsprudeln sahen zu jeder Zeit viele.
Dieser Teich wurde die Taufstelle der Apostel nach der Ankunft des Heiligen Geistes, und der Teich selbst war mit dem erschütternden Engel ein vorbildliches Geheimnis der heiligen Taufe zur Zeit des Osterlammes, welches das Vorbild des Abendmahls und Erlösungstodes gewesen.
Jesus hat auch einige Leute am Morgen vor dem Tempel, wo die Verkäufer stehen, geheilt. .
248 249
24. Januar f1823J (= 7. Sebath) / Tagebuch Bd. VI, Hefi 14 / Viertel-
Seiten 17~184
Gestern mittag, Donnerstag, den 6. Sebath ,~, sah ich die Jünger mit Johannis Leiche in einer Höhle bei Bethiehem. Sie blieben hier bis in die Nacht, da sie ihn gen Juta trugen, und ich sah in der Nacht Elisabeths Erscheinung noch einigemal neben dem Zug.
Heute vor Tagesanbruch sah ich sie den Leib in eine Höhle bringen, nicht weit von dem Grabe Abrahams und in der Nähe von den Zelten 191 der Essener, von welchen einige zugegen waren und den Tag über den Leib bewachten. Gegen Abend, um die Stunde, da unser Herr auch ist gesalbt und in das Grab gelegt worden, und auch an einem Freitag, sah ich den Leib von den Essenern zu der Gruft bringen, wo Zacharias und viele Propheten liegen, und wo Jesus neulich hat aufräumen lassen. Dieses Gewölb e liegt zwischen des Zacharias Haus und dem Brunnen Mariä, und dieser Brunnen liegt zwischen dem Haus und des Zacharias Weinberg. Der Weinberg liegt höher als das Haus und südwestlich eine halbe Stunde vom Haus.'92
Die verwandten Frauen und Männer des Täufers Johannes waren alle in dem Grabgewölbe versammelt und unter großer Betrübnis, ebenso die Jünger, die ihn geholt harten, und die beiden Soldaten von Machärus, welche mitgegangen waren, und mehrere Paare von Essenern, darunter sehr alte Leute, in langen weißen Kleidern. Es waren einige darunter, welche dem Johannes in seiner ersten Zeit in der Wüste Speise und Unterricht gegeben hatten. Die Frauen waren weiß gekleidet in langen Mänteln und verschleiert, die Männer trugen schwarze Trauermäntel und harten T;icher, schmale
4
Bahnen, um den Hals hängen, welche an dem einen Ende in viele Riemen zerrissen waren. Es brannten viele Lampen in dem Gewölbe.
Der Leib wurde auf einen Teppich gelegt, nochmals losgewickelt und unter vielen Tränen mit Salben, Gewürzen und Myrrhen einbalsamiert.
Es war ein herzzerreißender Anblick, als sie den Leib ohne Kopf sahen. Sie waren so betrübt, ihm nicht in das Antlitz sehen zu können, und suchten mit ihrer Seele noch immer in der Ferne. Jeder der Anwesenden fügte ein Myrrhenbüschchen oder anderes Gewürz hinzu, und dann legten seine Jünger ihn fest eingewickelt auf das Grablager, welches über dem seines Vaters eingehauen war, dessen Gebeine sie auch neu gereinigt und eingewickelt hatten.
Es ward aber nun noch eine Art Gottesdienst von den Essenem hier gehalten, welche den Johannes als einen der ihrigen, ja noch höher, als einen ihnen verheißenen Propheten hielten. Es stand ein tragbarer Altartisch zwischen den beiden Reihen, die sie bildeten, und einer von ihnen mit zwei Gehilfen verrichtete den Dienst. Nun legten sie kleine Brote auf den Altar, in dessen Mitte die Figur eines Opferlammes lag. Sie besteckten dieses Lamm mit allerlei kleinen Kräutern oder Zweiglein. Es lage~ ein rotes und ein weißes Tuch darüber auf dem Altar. Ich weiß nicht mehr recht, wie es zuging, daß das Lammsbild anfangs rot und dann weiß schimmerte. Ich meine, es waren vielleicht Lampen darunter und schienen durch die roten und dann durch die weißen Decken.
Der Priester las aus Rollen, räucherte, segnete, sprengte mit Wasser, und sie sangen eine Art von Chor. Die Johannisjünger und Verwandten standen auch in Reihen umher und sangen mit. Der Älteste hielt eine Rede von Erfüllung der Prophezeiungen und sagte allerlei sehr Wundervolles von der Bedeutung des Johannes und mehreres, was auf Christum deutete. Ich erinnere mich noch, aber nicht bestimmt, wie er vom Tode der Propheten und vom Tod des Hohenpriesters Zacharias sprach, der zwischen Tempel und Altar ermordet ward. Er sagte aber unter anderem, daß Zacharias, Johannis Vater, auch so gemordet sei zwischen dem Tempel und Altar, jedoch in höherer Bedeutung. Johannes aber sei der wahre Blutzeuge zwischen Tempel und Altar. Er deutete damit auf Christi Leben und Tod. Ich kann es nicht mehr so recht wiederbringen, doch so war ungefähr der Inhalt.
Die Zeremonie mit dem Lamm hatte Bezug auf ein prophetisches Bild, das Johannes in der Wüste einem Essener mitgeteilt hatte und das sich auf das Osterlamm, Lamm Gortes, Jesum, Abendmahl und Passion und Opfertod bezog. Ich glaube nicht, daß sie dieses ganz verstanden. Sie taten es in einem prophetischen, vorbildlichen Geist, wie sie denn viel Prophetisches unter sich hatten.
Der Älteste teilte ihnen nach der Handlung die kleinen Brote wieder aus, die auf dem Altar gelegen, und gab jedem ein Zweiglein, das auf dem Lamm gesteckt. Die anderen Verwandten erhielten auch Zweige, aber nicht die von dem Lamm. Die Essener aßen die Brote. Nachher gingen alle hinweg zum Sabbath, und das Grablager wurde zugesetzt.
Die Essener hatten unter ihren heiligeren Mitgliedern große Kenntnis und prophetische Einsichten von der Zukunft des Messias,
Z50 251
auch von der inneren Bedeutung und dem Bezug der jüdischen Rehgionsgebräuche auf ihn. Vier Generationen vor der Geburt der Heiligen Jungfrau hörten sie auf, blutige Opfer zu bringen, weil sie die Annäherung des Lammes Gottes erkannten. So war auch ihre Keuschheit und Enthaltung ein Dienst, welchen sie dem künftigen Heiland verrichteten. Sie erkannten die Menschheit als seinen Tempel, dem er nahe, und wollten alles tun, ihn rein und unbefleckt zu erhalten. Sie wußten, wie oft die Annäherung des Heiles durch die Sünden und unreinen Vermischungen der Menschen aufgeschoben worden, und wollten mit ihrer Reinheit und Keuschheit für die Sünden der anderen genugtun.
Alles dieses war in ihrem Orden von einzelnen Propheten auf eine geheimnisvolle Weise eingerichtet, ohne daß sie jedoch insgesamt zu Jesu Zeit ein klares Bewußtsein davon gehabt hätten. Sie waren, was die Sitten und den Gottesdienst betrifft, Vorläufer der künftigen Kirche. Sie hatten früher vieles beigetragen zur geistlichen Pflege und Führung der Voreltern Mariä und anderer heiliger Geschlechter, und die Pflege Johannis in seiner Jugend war ihr letztes größeres Werk. Alle Erleuchteten unter ihnen gingen teils zu Jesu Zeit unter die Jünger, teils nachher unter die Gemeinde und bildeten den Geist der Entsagung und des geordneten Lebens durch ihre lange Gewohnheit in der Gemeinde aus und brachten auch den Grund zu dem ersten christlichen Einsiedler- und Klosterleben mit. Eine große Menge unter ihnen aber, welche nicht zu den Früchten, sondern zu dem dürren Holz gehörte, blieb ... in ihren alten Gebräuchen abgesondert und erstarrte ganz zu einer Sekte, welche sich mit vielerlei heidnischen Spitzfindigkeiten vermischte und gar eine Mutter vieler Ketzerei wurde, als die Kirche bereits bestand.
Jesus hatte keine besondere Gemeinschaft mit ihnen, noch irgendeine Ähnlichkeit in seinen Sitten, und war mit einzelnen in keiner genaueren Berührung als mit manchen anderen frommen und wohlwollenden Leuten. Besonders kannte er mehrere der verehelichten Essener, welche Freunde seiner zeitlichen Familie gewesen. Da die Essener nicht gegen ihn stritten, hatte er auch keinen Streit gegen sie, und sie werden nicht im Evangelium erwähnt, weil er nichts an ihnen zu rügen hatte, als was er an allen Menschen rügte. Es wurde auch nicht ausgesprochen, daß viel Gutes unter ihnen sei, weil die Pharisäer sonst gleich gesagt hätten, er sei von dieser Sekte usw.
28. Januar J1823J (= ii. Sebath) / Tagebue' Bd. VI, Hefi 14 1 Viertel-Seiten 195-212
Das Pest, welches in Jerusalem begonnen hatte, wurde überall unterwegs gefeiert, gestern in Besek, und vor der Stadt in Jesu Herberge waren die Leute sehr lustig. Sie hatten öffentliche Spiele und geschmückte Ehrenbogen. Sie spielten im Freien und sprangen wie die Kinder bei uns über Laubgewinde um die Wette. Sie hatten große Haufen Getreide und Früchte da liegen im Freien und teilten den Armen aus. Dieser Ort liegt in zwei Teilen auf einem zerrissenen Grund auf einer Höhe, etwa eine Stunde vom Jordan.
Thirsa, wo Jesus gestern abend noch hinging und in der Herberge vor der Stadt einkehrte, liegt ungefähr zwei Stunden nördlicher. Es liegt durch seine frühere Zerstörung sehr zerstreut, so daß ein dazugehöriger Teil wohl bis eine halbe Stunde hin zum Jordan reicht. Die Lage ist ungemein reizend. Die Gegend ist ganz grün, so voll von Bäumen und Fruchtgärten, daß man die Stadt nicht eher sehen kann, als bis man vor ihr ist. Es liegt so weit zerstreut und ist von Gärten und verwüsteten Stellen unterbrochen, daß der vom Jordan entferntere Teil mehreren einander naheliegenden Häuser-gruppen zwischen Gärten und Mauerwerk gleicht. Der Teil gegen den Jordan aber ist am besten erhalten und liegt ganz beisammen, wohl so groß wie Dülmen. Er ist über ein Tal so hoch hinweg-gebaut, daß er auf Pfeilern ruht und eine Landstraße unter ihm wie unter einer Brücke hinwegführt. Dieser Weg ist sehr reizend. Man sieht durch das Tal, welches ganz voll grüner Bäume ist, wie durch einen kühlen Keller wieder jenseits in das Freie.
Thirsa liegt auf einer mäßigen breiten Anhöhe. Es hat eine unbeschreiblich reizende Aussicht über den Jordan ins Gebirge. Es sieht gegenüber auf das ein wenig nördlicher liegende, durch Wald versteckte Jogbeha. Es sieht rechts hinab nach Peräa hinein, und man kann über den Spiegel des Toten Meeres sehen bis weit unter Machärus. Viele Blicke hat man auf den Jordan, und man sieht hie r und da in seinen Krümmungen längere lichte Streifen seines Wassers zwischen grünbewachsenen Ufern hervorglänzen.
Gegen Abend liegen von Thirsa höhere Gebirge, welche es von Dothan trennen. Abelrnehola liegt nordwestlich zwei Stunden von ihm in einer südlicheren Schlucht als die, wo Joseph von den Brüdern verkauft wurde.
Ringsumher in der Nähe sieht Thirsa auf die vielen grünen Gärten
252 253
und Haine voll Fruchtbäumen und längs Terrassen an Spalieren gezogenen Balsamstauden, und auch jenen Bäumen, woran die
ii
Paradiesäpfel wachsen, welche die Juden am Laubhüttenfest brauchen. Diese Bäume werden im Land nur in sehr guten und sonnigen Lagen gezogen und auch hier. Außerdem bauen sie Zuckerrohr, einen langen gelben Flachs, wie Seide, Baumwolle, und ein Getreide mit dicken Stengeln, worin Mark ist. Die Einwohner treiben diesen Fruchtbau und Gärtnerei, und viele beschäftigen sich auch, den Flachs, Wolle, Zuckerrohr roh zu bearbeiten zum Handel.
Die Straße, welche unter der Stadt durchgeht, ist die Heer- und Handelsstraße im Jordanstal, nach Tarichäa und Tiberias gerade zuführend. Sie geht oft tief als Hohlweg zwischen Hügeln, und so auch hier, wo dann die Stadt auf Säulen über sie weggebaut ist.
Mitten in der Stadt, nämlich in ihrem ehemaligen Umfang, jetzt auf einem großen öden Platz, etwas hoch, liegt ein großes weit-läufiges Gebäude mit dicken Mauern und mehreren Höfen und großen, runden, turmartigen Gebäuden, in welchen inwendig auch Höfe sind. Es ist das alte zerstörte Schloß der Könige von Israel, teils wüst liegend, teils zu einem Kranken- und Gefangenenhaus eingerichtet. Einzelne Teile davon sind noch ganz überwachsene Ruinen (und allerlei Gartenanlagen darauf).
Auf dem Platz vor diesem Haus ist ein Brunnen. Das Wasser wird durch ein Rad, welches ein Esel bewegt, in ledernen Schläuchen gehoben und leert sich in ein großes Becken, von welchem es durch Rinnen nach allen Seiten rings in etwas entfernt stehende Tröge ffießt, so daß jeder Teil des Ortes seinen eigenen Wassertrog hat. An diesem Brunnen kamen fünf Jünger von jenseits des Jordans mit Jesu und seinem Gefolge zusammen. Es waren die zwei leicht besessenen, geheilten Jünglinge und die zwei Männer, aus denen er die Teufel in die Schweine getrieben hatte, und noch einer. Sie hatten in den Städtchen des Gerasener Landes und in der Dekapolis nach dem Befehl Jesu ihre Heilung und das Wunder von den Schweinen bekanntgemacht und geheilt und die Nähe des Reiches verkündet. Sie umarmten die Jünger und wuschen sich untereinander die Füße an dem Brunnen. Jesus kam von einem Hause vor der Stadt, wo er mit den anderen Jüngern übemachtet hatte. Diese Jünger brachten ihm die Botschaft, daß alle seine Jünger, die er in Obergaliläa ausgesendet, in Kapernaum zurück seien, und auch daß eine große Menschenmenge in der Gegend lagere und ihn erwarte.
Jesus ging aber mit den Jüngern in das Schloß hinein zu dem Vor-
steher der Kranken und begehrte zu denselben geführt zu werden. Der Vorsteher führte ihn hinein, und Jesus ging durch Hallen, Höfe und in die Zellen und Winkel zu Kranken aller Art, lehrte, tröstete und heilte. Die Jünger waren teils bei ihm und halfen die Kranken heben, tragen und führen, teils waren sie in anderen Räumen, heilten selbst und bereiteten die Kranken vor.
Es waren auch in einem Hof mehrere Besessene an Ketten. Sie schrien und tobten, als Jesus ins Haus trat, und er gebot ihnen Ruhe. Als er aber zu ihnen kam, heilte er sie und trieb die Teufel aus.
Auch Aussätzige waren in einem ganz entlegenen Teil des Gebäudes, und er heilte sie, ging aber allein zu ihnen.
Die Leute, welche aus Thirsa selbst waren, wurden von ihren Angehörigen in Empfang genommen. Jesus ließ sie auch erquicken mit Speis und Trank und ließ den Armen Kleider und Decken geben, welche aus der Herberge von Besek nach Jesu Nachtquartier vor Thirsa und von da hierher von den Jüngern gebracht wurden.
Jesus ging auch nach dem Turm der Weiber. Es ist dieser ein rundes, turmhohes Gebäude um einen Hof.
Man steigt in diesem Hof und auch von außen an dem Gebäude193 auf vorspringenden, eingemauerten Stufen oder Pfaden von einem Stockwerk zum anderen empor. Im Innern des Gebäudes (so wie bei uns) sind keine Treppen. In den nach der Außenseite des ~ liegenden Räumen befanden sich die kranken Frauen aller Art. Jesus heilte viele. In den Räumen, die in den inneren, durch ein Tor geschlossenen Hof sehen, waren gefangene Frauen, einige wegen Ausschweifungen, andere wegen kühner Reden, manche auch unschuldig.
Es saßen auch viele arme Männer in diesem Gebäude in schwerer und schwerster Gefangenschaft, teils wegen Schulden, teils wegen Beschuldigungen des Aufruhrs, und manche auch, die man aus Feind-schaft und Rache oder um sie aus dem Wege zu bringen, hierher-gesteckt hatte. Viele waren ganz vergessen und in ihren Kerkern ganz verkommen. Von den geheilten Kranken und anderen Leuten hörte Jesus bittere Klagen darüber. Er wußte es wohl und war hauptsächlich wegen des allgemeinen Elends hierhergekommen.
Dieser Ort hat viele Pharisäer und Sadduzäer, und unter diesen waren viele Herodianer. Das Gefängnis aber ist von römischen Soldaten bewacht und hat einen römischen Vorgesetzten. Vor den einzelnen Gefängnissen sind Wohnungen von Aufsehern und Soldaten.
254 255
Jesus ging zu diesen und ward von ihnen zu jenen Gefangenen gelassen, mit welchen man sprechen durfte. Jesus ließ sich von allen ihre Not und Leiden klagen, ließ sie erquicken, lehrte sie, tröstete sie, und da viele ihm ihre Sünden bekannten, vergab er sie ihnen. Mehreren um Schulden Gefangenen und vielen anderen versprach er Loslassung, anderen aber Linderung.
Er ging hierauf zu dem römischen Befehlshaber, der kein böser Mann war, und sprach mit ihm sehr ernst und rührend über die Gefangenen und erbot sich, ihre Schulden zu bezahlen, um teils für ihre Unschuld und Besserung Kaution zu stellen. Er verlangte auch, mit mehreren lang und schwer Gefangenen zu sprechen. Der Vorsteher hörte ihn sehr ehrerbietig an, erklärte ihm aber, daß alle diese Gefangenen Juden und unter Umständen hierhergebracht worden seien, wegen welcher er erst mit den jüdischen Vorstehern des Ortes und den Pharisäern sprechen müsse, ehe er ihn zu diesen Leuten lassen und sein Anerbieten annehmen könne. Jesus sagte ihm, er wolle mit den Vorstehern zu ihm kommen, wenn er in der Synagoge gelehrt habe. Er ging sodann noch zu den gefangenen Frauen, tröstete sie und ermahnte sie, vernahm auch die Bekenntnisse und Buße mehrerer, vergab ihnen ihre Sünden, ließ ihnen Geschenke reichen und versprach ihnen Aussöhnung mit den Ihrigen.
So hatte Jesus mit den Jüngern von Morgen neun Uhr bis Nachmittag gegen vier Uhr in diesem Haus voll Not und Elend gearbeitet und hatte es ganz mit Freude und Trost erfüllt, an einem Tage, wo hier allein alles betrübt war, während in der Stadt alles voll Freude jubelte, denn es war der erste von den Freudentagen, die durch Salomo dem Fest Enorum1~ wegen der Geschenke der Königin von Saba angefügt worden waren, und den Sabbath dieses ersten Tages hatte Jesus gestern abend schon in Besek feiern sehen. Heute war hier in dem bewohnteren Teil der Stadt auch alles voll Freude. Auch hier waren Triumphbogen und Springen und Wettlaufen und Getreidehaufen, welche ausgeteilt wurden. Bei dem Kranken- und Gefangenenhaus war aber alles still, und Jesus hatte allein an sie gedacht und die wahre Freude hierhergebracht.
Er nahm aber mit den Bürgern in dem Hause vor der Stadt noch einen Imbiß von Brot und Früchten und Honig und sandte einige nach dem Gefängnis mit noch mancherlei Vorrat und Erquickung, während er mit den übrigen zur Synagoge ging. Es war aber nun bereits in der ganzen Stadt der Ruf von seinen Taten in dem Krankenhaus verbreitet. Viele Kranke kamen genesen in die Stadt
1
zurück und gingen in die Synagoge; andere versanunelten sich vor derselben, und sowohl Jesus als auch die Apostel heilten hier noch mehrere.
Es waren Pharisäer und Sadduzäer in der Synagoge und darunter viele heimliche Herodianer. Es waren einige von Jerusalem dabei, die hierher zur Rekreation gekommen waren, und alle waren voll Gift und Bosheit über sein Tun, weil das ihrige dadurch beschimpft wurde. Es waren sehr viele Menschen in der Schule, auch von Besek, die hierher gefolgt waren. Jesus lehrte über das Fest und seine Bedeutung, sich zu erholen und Freude und Wohltun mit anderen zu teilen. Er lehrte auch wieder von den acht Seligkeiten, "Selig sind die Barmherzigen", und erzählte die Parabel vom verlorenen Sohn, die er auch schon den Gefangenen erzählt hatte, und sprach auch von diesen und den Kranken und ihrem Elend, wie sie vergessen und vernachlässigt seien, und wie andere sich mit dem bereicherten, was zu deren Unterhalt ausgesetzt sei. Er redete scharf gegen die Pfleger dieser Anstalten, von welchen einige sich unter den anwesenden Pharisäern befanden, die mit stummem Grimme zuhörten. Die Parabel vom verlorenen Sohn erzählte er mit der Auslegung auf die, welche wegen Verbrechen gefangen saßen und Reue hatten, um sie mit den anwesenden Ihrigen auszusöhnen, und alles war sehr gerührt. Er erzählte hier auch die Parabel vom barmherzigen König und unbarmherzigen Knecht und legte sie aus auf jene, welche die armen Gefangenen verschmachten ließen wegen kleiner Schuld, während ihnen selbst so große Schuld von Gott bis jetzt nachgesehen sei. Es waren aber viele heimliche Herodianer hier, welche diese Leute teils durch allerlei Schikanen den Römern ins Gefängnis gebracht hatten. Jesus deutete einmal unbestimmt auf sie, als er in seiner Strafrede gegen die Pharisäer heute abend sagte: "Es sind wohl viele unter euch, welche wissen mögen, wie es mit Johannes beschaffen ist."
Die Pharisäer schmähten auch noch gegen ihn und bedienten sich unter anderem des Ausdrucks, er führe Krieg mit Hilfe der Weiber und ziehe mit ihnen herum. Er werde keine großen Reiche mit diesem Heere erobern.
Jesus aber nötigte hierauf die Vorsteher, mit ihm zu dem römischen Aufseher der Gefangenen zu gehen, und verlangte die ganz Verlassenen loszukaufen. Alles dieses wurde öffentlich vor vielem Volk gesprochen, und die Pharisäer konnten ihm nicht widerstehen. Als Jesus nun mit den Jüngern und Pharisäem zu dem römischen Auf-
256 257
seher ging, folgte vieles Volk, das ihn sehr lobte. Der Aufseher war viel besser als die Pharisäer, welche aus Bosheit die Summen sehr hoch ansetzten, und für manche mußte Jesus das Vierfache bezahlen. Weil er aber die Summen nicht bei sich hatte, so gab er als Pfand eine dreieckige Münze, woran ein Pergamentzettel hing, auf welche n er einige Worte schrieb und die Summe auf Magdalums Preis ausstellte, welches Lazarus zu verkaufen im Begriff stand. Der ganze Ertrag war von Magdalena und Lazarus für Erledigung von armen Schuldnern und Sündern bestimmt. Es war aber Magdalum ein bedeutenderes Gut als Bethanien. Die Seiten der dreieckigen Münze waren wohl drei Zoll groß. In die Mitte war eine Schrift, den Wert bezeichnend, eingeschlagen. An der einen Ecke hing sie an einem gegliederten beweglichen Metallstreif, wie an einer Kette, doch von wenig Gliedern. Hieran wurde die Schrift geheftet.
Nachdem dieses geschehen war, ließ der Aufseher die armen Gefangenen hervorholen. Jesus und die Jünger halfen treulich. Manche wurden aus dunklen Löchern heraufgezogen und waren ganz zerrissen und halbnackt und mit Haaren bedeckt. Die Pharisäer begaben sich grimmig hinweg.
Manche der Leute waren ganz schwach und krank. Sie lagen wemend zu Jesu Füßen, der sie tröstete und ermahnte. Er ließ sie kleiden, baden, speisen und sorgte für ihre Wohnung und Freiheit, jedoch noch unter Aufsicht im Bezirk des Gefängnisses und Krankenhauses, bis die Lösung in wenigen Tagen entrichtet sei. So geschah auch den gefangenen Frauen. Alle wurden gespeist, und Jesus und die Jünger bedienten sie, und er erzählte abermals die Parabel vom verlorenen Sohn.
So wurde dieses Haus auf einmal mit Freude erfüllt, und das ganze Ereignis schien ein Vorbild auf die Befreiung der Altväter aus der Vorhölle, in welcher Johannes nach seinem Tod die Nähe des Erlösers verkündete.
Jesus und die Jünger schliefen abermals in dem Hause vor Thirsa. Die Ereignisse hier sind es, welche dem Herodes hinterbracht wurden und sein Augenmerk mehr auf Jesum lenkten, so daß er sagte: "Ist Johannes aus dem Grabe erstanden?" und ihn nachher zu sehen wünschte. Er hatte wohl schon vorher durch den allgemeinen Ruf und durch Johannes von ihm gehört, aber nicht besonders auf ihn geachtet. Jetzt aber, da sein Gewissen ihn drückte, war er auf alles sehr aufmerksam.
Er wohnt in Hesebon und hat alle seine Soldaten zusammen-
gezogen, auch Römer, die er besoldet, die von Gischala, Tiberias usw. sirtd alle dort umher gelagert.
Ich ~~nn mir denken, daß er mit Aretas, dem Vater seiner ersten Frau, b.dd in Kriegshändel kommt
29. Jan~ar !18231 (= 12. Sebath) / Tagebuch Bd. VI, Heft 14 1 Viertel-seiten 2~~-214
Jesu~ trat heute ganz frühe mit den Jüngern seine Reise von Thirsa ~en Kapernaum an, wohin achtzehn Stunden Wegs sind. Sie zogen nicht in dem Jordanstal hinauf, sondern mehr abendlich am Fuß des Gebirges Gelboe ?,,,, und durchschritten das Tal, worin Abez liegt. So wanderten sie immer zwischen allen Städten hin, den Th.-ibor zur Linken lassend, bis in eine der Herbergen am See bei Bet~ulia. Dies war ungefähr ein Weg, so weit wie von Billerbeck n~ch Bochholt. Von den Pharisäern in Thirsa reisten auch einige nach Kapernaum, wohin viele bereits in die Vakanz gezogen sind. Es war auf dieser Reise im Gebirg etwas neblig.
Gestern sind Johanna Chusa, Seraphia (Veronika) und eine Verwandte des Täufers aus Hebron mit Knechten in Machärus gewesen. Es hat dort besonders Johanna Chusa Bekannte unter den Frauen der Bea~ten. Sie haben dort Versuche gemacht, durch gute Worte und Geschenke das Haupt des Johannes zu erhalten, denn es ist ihnen aIkn eine schreckliche Empfindung, der heilige Haupt an schmählichem Ort und nicht bei dem Körper zu wissen. Wo es ist, das ist durch die Mägde der Herodias bekannt worden. Man kann aber jet~t nicht hinzu, denn es ist eine überwölbte Kloake. Man hat ih~en jedoch unter der Hand versichert, daß sie es erhalten sollen, sobald die Kloake geöffnet und abgelassen werde, was man so bald befördern wird, als es ohne Aufsehen geschehen kann.
Ich h~be das Haupt gesehen. Es liegt nicht bei dem Unrat, sondern auf einem aus der Mau~r vorspringenden Stein, als wenn es ordentlich hin~legt ware.
3. JFe~r~ar 1823J (= 17. Sebath) / Tagebuch Bd. VI, Heft 15a 1 Viertel-Seiten 1*~24
Heute morgen begab sich Jesus auf den Berg, auf welchem er schon ruehrmals von den acht Seligkeiten gelehrt hat. Alles Volk war sdian hingezogen, und viele Kranke waren bereits an einer
258
259
bequemen, geschützten Stelle hingebettet und gesetzt. Die anderen Apostel und Jünger hatten schon alles vorbereitet und geordnet Jesus und die Apostel begannen zu heilen und zu lehren. Auch wurden noch viele, welche in diesen Tagen zum erstenmal nach Kaper naum gekommen waren, getauft, und zwar im Kreis kniend, mit Wasser, das man in Schläuchen heraufgebracht hatte, durch Besprengung über drei und drei.
Jesu Mutter und ihre Halbschwestern und andere Frauen waren auch gekommen und halfen den kranken Frauen und Kindern dienen. Sie sprachen aber nicht mit Jesu und kehrten nach Tisch noch bei Zeit nach Kapernaum zurück. Jesus aber lehrte noch von den acht Seligkeiten und kam heute bis zu der sechsten... Auch fing er an, der ganzen Versammlung die schon in Kapernaum im Heilhaus begonnene Lehre vom Gebet zu wiederholen und ihnen die einzelnen Bitten des Vaterunsers auszulegen.
Es war aber schon nach vier Uhr, und die vielen Menschen hatten nichts zu essen. Gestern waren sie ihm schon nachgezogen, und ihr kleiner Vorrat, den sie mit sich getragen, war aufgezehrt. Viele unter ihnen wurden ganz schwach, und auch die Frauen und Kinder schmachteten nach Nahrung. Als die Apostel dieses erfuhren, sprachen sie zu Jesu und baten ihn, seine Lehre zu schließen, damit die Leute noch vor Nacht sich Herbergen suchen und Brot kaufen könnten, weil sie verschmachteten. Jesus sagte aber: "Sie brauchen darum nicht hinwegzugehen, gebt ihr ihnen zu essen! " Da sagte Philippus: "Sollen wir gehen, für ein paar hundert Denare Brot kaufen und ihnen zu essen geben?" Er sagte, dieses aber mit einem kleinen Verdruß, weil er meinte, Jesus mute ihnen die große Mühe zu, für alle diese Menschen Brot aus der Gegend zusammenzuschleppen. Jesus aber sprach: "Sehet zu, wieviel Brot ihr habt!" und fuhr in seiner Lehre fort.
Es war aber ein Knecht da, der hatte den Aposteln fünf Brote und zwei Fische von seinem Herrn zum Geschenk gebracht, und Andreas sagte das Jesu mit der Bemerkung: "Aber was ist das für so viele?"
Jesus befahl ihnen, dieses herbeizubringen, und als die Brote und Fische nächst ihm auf einem Rasen standen, lehrte er noch fort vom Vaterunser, und namentlich von unserem täglichen Brot.
Die Leute aber wurden teils ohnmächtig, und die Kinder weinten hier~ und da nach Brot. Da sagte Jesus zu Philippus: "Wo kaufen wir Brot, daß diese zu essen haben?" Er sagte dieses, um ihn auf
die Probe zu stellen, denn er wußte seine Sorge, daß sie den Leuten Brot holen sollten. Da erwiderte Philippus: "Zweihundert Denare reichen nicht hin zum Brot für alle diese." Jesus sagte nun: "Lasset das Volk sich niedersetzen, die Hungrigen zu fünfzig, die anderen zu Hunderten, und bringet mir die Brotkörbe, welche vorhanden sind!" Und sie setzten eine Reihe flacher, von breitem Bast geflochtener Brotkörbe, an Gestalt schier wie unsere Brotkörbe in Westfalen, zu ihm und verteilten sich unter das Volk, und es lagerte sich um den Berg, der treppenförmig und mit schönem langen Gras bewachsen war, zu Hunderten und zu Fünfzigen.
Sie lagen nun alle tiefer als Jesus stand, am Abhang des Berges. Um die Lehrstelle Jesu aber war ein aufgeworfener Rand wie eine hohe, von mehreren Eingängen durchschnittene Rasenbank. Auf diese ließ Jesus eine Decke breiten und die fünf Brote und zwei Fische legen. Die Brote lagen auf der bloßen Decke übereinander. Sie waren etwa eine halbe Elle lang und vier Fünftel Ellen breit und etwa zwei Zoll dick, gelb, mit dünner Rinde, doch inwendig nicht ganz weiß, aber fest und fein. Sie waren alle mit Streifen eingeteilt, leicht mit dem Messer einzuritzen und zu brechen. Die Fische waren einen starken Arm lang und hatten etwas hervorstehende Köpfe. Sie waren nicht wie unsere Fische. Sie waren schon aufgeschnitten und gebraten und zur Speise bereitet. Sie lagen auf großen Blättern. Es hatte aber ein anderer Mann auch ein paar Honigwaben gebracht, die auch auf Blättern auf dem Teppich lagen.
Während nun die Jünger die Leute zu fünfzig und hundert zum Essen niederliegen ließen und sie dabei zählten, was Jesus ihnen befohlen hatte, ritzte Jesus alle fünf Brote mit einem beinernen Messer vor und schnitt die Fische, die der Länge nach gespalten waren, in Querstreifen. Dann hob er eines der Brote auf den Händen etwas empor und betete zum Himmel, und auch einen der Fische. Vom Honig erinnere ich mich es nicht mehr. Es waren ihm aber drei Jünger zur Seite.
Jesus segnete nun die Brote, die Fische und den Honig und begann das Brot der Quere nach in Streifen zu brechen, und diese Streifen wieder in die einzelnen Teile, und jeder Teil ward wieder groß und hatte wieder Ritzen, und er brach die einzelnen Teile, die so groß waren, daß ein Mann daran satt zu werdenj hatte, und gab sie hin, und die Stücke Fisch ebenso. Saturnin, der zur Seite stand, legte immer ein Stück Fisch auf ein Stück Brot, und ein junger Jünger des Täufers, ein Hirtensohn (er ist nachher Bischof geworden),
260 261
legte auf jede Portion ein Stückchen Honig, und die Fische nahmen riicht merklich ab, und auch die Honigwaben schienen zu wachsen. Thaddäus aber legte die Portionen Brot, worauf ein Stück Fisch und etwas Honig waren, in die flachen Körbe, welche nun zu den Hungrigsten, die zu fünfzig saßen, zuerst gebracht wurden.
Sobald die leeren Körbe zutückkamen, wurden sie immer mit gefüllten umgetauscht, und diese Arbeit dauerte ungefähr zwei Stunden, da sie alle gespeist waren. Jene, welche Weib und Kinder hatten, die von den Männern abgesondert saßen, fanden ihren Anteil so groß, daß sie diese auch sättigen konnten. Die Leute tranken aber Wasser aus Schläuchen, welche heraufgebracht waren, und hatten meist Becher von zusammengedrehter Rinde, wie eine Tüte, auch hohle Kürbisse bei sich.
Die ganze Handlung ging in steter Tätigkeit, mit vieler Ordnung. Die Apostel und Jünger waren meist mit Hin- und Hertragen und Austeilen beschäftigt. Alle aber waren still und voll Staunen, daß solcher Überfluß auftrat. Die Größe der Brote betrug 197 ungefähr zwei Spannen der Länge und ein Fünfteil weniger in der Breite. Die Brote waren in zwanzig Teile gekerbt, fünf in die Länge und vier in die Breite, so daß sich die Substanz eines jeden Teils zweihundertfünfzigmal vermehrte, um fünftausend Menschen zu speisen. Das Brot war stark drei Finger dick. Die Fische, der Länge nach in zwei Hälften gespalten, teilte Jesus in sehr viele Portionen, so daß es zwar immer nur zwei Fische blieben, daß sich jedoch ihre Substanz auf eine wunderbare Weise mehrte.198
Als sie nun alle Speise hatten und gesättigt waren, sagte Jesus zu den Jüngern, mit Körben umherzugehen und die Brocken zu sammeln, damit nichts zugrunde gehe, und sie sammelten zwölf Körbe voll Brocken. Viele der Leute aber baten, einzelne Stückchen zu bewahren, und nahmen sie mit sich zum Andenken. Da sah ich, daß schon damals die Menschen geheiligte Dinge, wie wir jetzt zum Beispiel Osterholz und dergleichen, bewahrten.
Dieses Mal waren gar keine Soldaten hier, deren ich sonst immer bei so großen Lehren viele bemerkte. Sie waren jetzt alle um Hes~ bon, wo Herodes sich aufhielt, zusammengezogen.
Nachdem sich nun die vielen Menschen wieder erhoben hatten, traten sie überall in Haufen zusammen und waren voll von Staunen und Verwunderung über dieses Wunder des Herrn. Und von Mund zu Mund lief das Wort: "Dieser ist es wahrhaftig, dieser ist der Prophet, der in die Welt kommen soll, er ist der Verheißene usw."
Es dämmerte aber schon, und Jesus sagte den Jüngern, sie sollten zu Schiffe gehen und vor ihm gen Bethsaida fahren. Er wolle ihnen folgen und einstweilen das Volk entlassen.
Da gingen die Jünger mit den Körben voll Brocken hinab zu den Schiffen und fuhren teils hinüber nach Bethsaida. Das Brot nahmen sie mit, um es jenseits den Armen auszuteilen. Die Apostel und einige der älteren Jünger hielten sich noch etwas länger auf und gingen dann auch hinab auf Petri Schiff, welches noch allein da war, und fuhren ab. Jesus entließ nun das Volk, das sich wieder um ihn sammelte.
Er sprach mit ihnen von der Wohltat Gottes und betete ein Dank-gebet. Das Volk aber war innerlich sehr bewegt, und kaum war Jesus von der Lehrstelle hinweggetreten, so erhoben sich hier und da Stimmen: "Er hat uns Brot gegeben, er ist unser König! Wir wollen ihn zu unserem König machen!" Und sie eilten nach der Seite, wo er hingegangen. Jesus aber hatte dieses vorausgemerkt, und sie fanden ihn nicht. Er entwich auf einen Berg in die Wüste und betete daselbst...
Ich sah aber das Schiff Petri, worauf die Apostel und mehrere Jünger waren, durch widrigen Wind in der Nacht aufgehalten. Sie ruderten sehr und wurden doch aus der Richtung der Überfahrt mehr gegen Mittag getrieben.
Ich habe auch gesehen, daß alle zwei Stunden diesseits und jenseits des Sees kleine Boote abfahren und Fackeln bei sich haben. Sie bringen einzelne wenige Leute, die sich verspätet haben, den größeren Schiffen nach und sind diesen in der Dunkelheit ein Zeichen der Richtung, weil sie wie Soldaten um gewisse Stunden - alle zwei Stunden nämlich - einander ablösen. So heißen sie hier auch Nachtwachen.
Ich sah die vierte Abwechslung dieser Boote unterwegs, das Schiff Petri aber, aus der Bahn getrieben, etwas südlicher. Da wandelte Jesus über das Meer von Nordost gegen Südwest. Er leuchtete. Es war ein Schimmer um ihn, und man sah seine Gestalt zu seinen Füßen umgekehrt im Wasser. Von der Gegend von BethsaidaJulias gegen Tiberias zu wandelnd, welchem gegenüber das Schiff Petri ungefähr sich befand, ging er quer durch die beiden Nachtwachenboote durch, welche von Kapernaum und von jenseits eine Strecke ins Meer gefahren waren. Die Leute in diesen Booten sahen ihn wandeln, erhoben ein großes Angstgeschrei und bliesen auf dem Horn. Sie hielten ihn für ein Gespenst.
262 263
Die Apostel auf dem Schiff Petri, welches rudernd nach dem Lichte jener Wachtschiffe sich richtete, um wieder in die rechte Bahn zu kommen, schauten auf und sahen ihn heranziehen. Es war, als schwebe er schneller als man geht, und da er nahte, ward das Meer still.
Es war aber Nebel auf dem Wasser, und sie erblickten ihn erst in einer gewissen Nähe. Wenn sie ihn gleich schon einmal so wandeln gesehen, jagte ihnen doch der fremde, gespenstige Anblick einen großen Schrecken ein, und sie schrien. Als sie sich aber an das erste Mal erinnerten, wollte Petrus abermal sJ seinen Glauben beweisen und rief in seinem Eifer wieder: "Herr, bist du es, so heiße mich zu dir kommen!" Und Jesus rief abermals: "Komm!" Petrus lief dieses Mal eine viel größere Strecke zu Jesu, aber sein Glauben reichte doch nicht aus. Als er schon dicht bei ihm war, dachte er wieder an die Gefahr und fing an zu sinken und streckte die Hand aus und rief: "Herr, rette mich! " Er sank aber nicht so tief wie das erste Mal, und Jesus sagte wieder zu ihm: "Du Kleingläubiger, warum zweifelst du?"
Als er aber in das Schiff trat... eilten sie alle zu ihm hin und warfen sich ihm zu Füßen und sagten: "Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!"
Jesus aber verwies ihnen ihre Furcht und Kleingläubigkeit und hielt ihnen eine ernstliche Strafrede, und dann lehrte er noch vom Vaterunser. Ich weiß nicht, wo sie hinführen. Er befahl ihnen, mittäglich hinabzufahren. Sie hatten einen guten Wind und fuhren sehr schnell und schliefen etwas in den Kasten unter den Ruder-stellen um den Mast. Dieses Mal war der Sfürm nicht so groß wie neulich. Sie waren aber in den Trieb des Sees gekommen, der in der Mitte sehr stark ist, und konnten nicht heraus. -Jesus läßt Petrus immer zu sich kommen auf dem Wasser, um ihn
zu demütigen vor sich und vor den anderen, weil er wohl weiß, daß er noch sinkt, denn Petrus ist sehr eifrig und stark glaubend und hat eine Neigung, im Eifer seinen Glauben Jesu und den Jüngern zu zeigen. Indem er aber sinkt, wird er vor Stolz bewahrt. Die anderen genauen sich nicht, so zu wandeln, und indem sie Petri Glauben bewundern, erkennen sie doch, daß sein Glaube, obschon er den ihren übertrifft, doch noch nicht zureicht
6. Februar 118231 (=
20. Sebath) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i~a / Viertel-seiten 35-40
Ich sah heute Jesum wieder auf der Anhöhe hinter Petri Haus lehren, und zwar setzte er die gestrige Lehre fort. Es waren wohl ein paar tausend Menschen gegenwärtig, die abwechselnd vor- und zurücknaten, um besser zu hören. Jesus geht auch manchmal von einer Stelle zur anderen und wiederholt seine Lehre oft mit großer Liebe und Geduld und widerlegt mehrmals dieselben Einwürfe. Es waren auch viele Frauen verschleiert an abgesondertem Orte da, worunter mehrere von den Freundinnen Jesu. Die Pharisäer gingen ab und zu, fragten und zischelten ihre Zweifel wieder unter dem Volke aus.
Jesus wiederholte kürzer, was er schon gestern gesagt, und sprach heute aus: "Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nicht dürsten", und weiter sagte er, wen der Vater ihm gebe, der komme zu ihm, und er werde ihn nicht verstoßen. Er sei vom Himmel gekommen, nicht seinen, sondern des Vaters Willen zu tun. Es sei aber des Vaters Wille, daß er keinen verliere, den er ihm gegeben, sondern diese am Jüngsten Tage erwecke. Es sei der Wille seines Vaters, wer den Sohn sehe und an ihn glaube, solle das ewige Leben haben, und er werde ihn am Jüngsten Tag erwecken. -Es waren aber heute viele, welche ihn nicht verstanden und
zischelten und murrten untereinander, und die Pharisäer traten öfters heran und fragten ihn und zogen sich lächelnd und achselzuckend zurück und gaben den Schwachen Blicke voll eitlem Hohn. Viele Leute sprachen zueinander: "Wie kann er sagen, er sei das Brot des Lebens, er sei vom Himmel herabgekommen. Er ist ja der Sohn des Zimmermanns Joseph, seine Mutter ist hier bei uns, und seine Verwandten sind unter uns, und auch die Eltern seines Vaters Joseph kennen wir. Er spricht heute, Gott sei sein Vater, und dann sagt er wieder, er sei des Menschen Sohn." Allerlei solche Reden führten sie untereinander, murrend und fragend, und als Jesus ihnen sagte, sie sollten nicht untereinander murren, durch sich selbst könnten sie nicht zu ihm kommen, der Vater, der ihn gesandt habe, müsse sie zu ihm ziehen, da konnten sie das wieder nicht begreifen und fragten, was das heißen solle: "der Vater solle sie ziehen", und sie nahmen das ganz roh. Er sagte aber: "Es steht in den Propheten: Es werden alle von Gott gelehrt werden. Wer es also vom Vater hört und es lernt, der kommt zu mir."
264 265
Hierauf sagten wieder viele: "Sind wir nicht bei ihm, und wir haben es doch nicht vom Vater gehört noch gelernt?" Da erklärte er wieder: "Keiner hat den Vater gesehen, als der vom Vater ist. Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot, das vom Himmel herabkam, das Brot des Lebens." Da sprachen sie wieder, sie kennten kein Brot, das vom Himmel gekommen, als das Manna, und er erklärte, dieses sei nicht das Brot des Lebens, denn ihre Väter, die es gegessen, seien gestorben. Hier aber sei das Brot, das vom Himmel gekommen, damit, wer davon esse, nicht sterbe. Er sei dieses lebendige Brot, und wer davon esse, werde ewig leben.
Alle diese Lehren waren weitläufig mit Erklärungen und Erwähnungen aus dem Gesetz und den Propheten, aber die meisten wollten es nicht begreifen und nahmen alles roh und nach dem gemeinen fleischlichen Verstand und sagten und fragten wieder, was das heißen solle, daß man ihn essen solle und ewig leben, wer denn ewig leben könne und wer von ihln essen könne! Henoch und Elias seien von der Erde genommen, und man sage, sie seien nicht gestorben. Auch von Malachias wisse man nicht, wo er hingekommen. Man wisse seinen Tod nicht. Aber sonst würden wohl alle Menschen sterben. Er antwortete ihnen hierauf und fragte u. a., ob sie wüßten, wo Henoch und Elias seienj, und wo Malachias; ihm sei es nicht verborgen. Ob sie aber wüßten, was Henoch geglaubt - was Elias und Malachias prophezeit? Und er erklärte mehreres von diesen Prophezeiungen.
Er lehrte aber heute nicht weiter, und es war eine außerordentliche Spannung und ein Nachdenken und Disputieren unter dem Volk. Selbst viele von... den neueren Jüngern zweifelten und irrten. Es waren dieses aber meistens die neu hinzugekommenen Johannisjünger, und zwar nicht die älteren, welche gleich bei Jesu waren, teils abwechselnd bei Johannes und ihm. Die Zweifelnden waren die eifrigen, einseitigen Johannisjünger von der oberflächlichen Art. Sie waren es, welche die Zahl der Siebzig jetzt voll gemacht hatten; denn Jesus hatte erst sechsunddreißig eigentliche Jünger. Jedoch waren viele dabei, die schon bei der letzten Apostelsendung mit gewesen waren. Die Frauen waren jetzt ungefähr vierunddreißig, aber es war ihre Anzahl im Dienste der Gemeinde mit allen Pflegerinnen, Mägden und Vorsteherinnen der Herbergen zuletzt auch siebzig.
7. IFebruar 1823J (= 21. Sebath) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i5a 1 Viertel-Seiten 41-44
Lazarus ist schon wieder abgereist. Jesus lehrte das Volk abermals auf der Höhe vor der Stadt, sprach aber nicht von dem Brot des Lebens, sondern aus der Bergpredigt und dem Vaterunser. Es waren sehr viele Menschen da, aber weil die meisten Kranken unter den Anwesenden schon geheilt sind, so ist das Gedränge und Laufen nicht so groß, denn das Heran- und Wegtragen der Kranken macht immer so viel Unruhe und Gedräng e, weil alle die ersten sein und bald wieder wegkommen wollen. Alle Menschen und ein Teil der neueren Jünger, worunter besonders viele Johannisjünger, sind in großer Spannung über die Vollendung von Jesu angefangener Lehre.
Am Abend in der Synagoge lehrte Jesus über die Sabbathlektion aus dem zweiten Buch Moses' von allerhand Gesetzen vo n Sklaven, Mördern, Diebstahl, Festtagen und Moses' Aufsteigen auf Sinai, und aus Jeremias auch vom Freigeben der Knechte.1~
Jesus lehrte einiges darüber, aber sie unterbrachen ihn bald und fragten ihn wieder über seine gestrige Lehre vom Brot des Lebens, wie er sich das Brot des Lebens nennen könne, das vom Himmel herabgekommen, da man doch wisse, wo er her sei, usw.
Jesus aber wiederholte seine ganze bisherige Lehre hierüber, und da die nämlichen Einwürfe von den Pharisäern erfolgten, da sie von ihrem Vater Abraham und Moses sprachen und sagten, wie er denn Gott seinen Vater nenne usw., fragte er sie, wie sie denn Abraham ihren Vater nennen konnten und Moses ihren Lehrer, da sie Abrahams und Moses' Gesetzen und Wandel nicht folgten, und stellte ihnen ihren ganzen verkehrten Wandel und ihr böses, heuchlerisches teben öffentlich... vor Augen, und sie waren beschämt und erbittert. Er ging aber in seiner Lehre vom Brot des Lebens weiter und lehrte: "Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich für das Leben der Welt hingeben werde." Da ward ein Murren und Flüstern: "Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?" Jesus lehrte aber fort, und viel weitläufiger, als im Evangelium steht, wer sein Blut und Fleisch nicht trinken und essen werde, der werde kein Leben in sich haben. Wer es aber tue, habe das ewige Leben, und er werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken: "Denn mein Fleis~ ist wahrhaftig eine Speise, und mein Blut wahrhaftig ein Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandjt hat, und
266 267
wie ich durch den Vater lebe, so wird, wer mich ißt, durch mich leben. Hier ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, kein Brot wie das Manna, das eure Väter aßen und doch starben. Wer dieses Brot ißt, wird leben in Ewigkeit." Und er legte alles aus den Propheten aus, und besonders aus Malachias, und zeigte die Er-füllung desselben in Johannes dem Täufer, von dem er weitläufig sprach, und da sie fragten, wann er ihnen denn diese Speise geben wolle, sagte er deutlich, zu seiner Zeit, und bestimmte eine Zeit in Wochen mit einem eigenen Ausdruck, und ich rechnete nach und erhielt ein Jahr und sechs Wochen und etliche Tag e.
Alles war sehr erregt, und die Pharisäer hetzten die Zuhörer auf.
8. Februar 18231 ( =
22. Sebath) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 15a 1 Viertel-Seiten 45~51
Jesus lehrte am Morgen und Abend in der Synagoge vor einer großen Volksmenge. Er lehrte und erklärte die sechste und siebente Bitte des Vaterunsers, und aus den acht Seligkeiten: "Selig sind die Armen im Geist." Er verwarf dadurch nicht die Wissenschaft, er sagte nur, die, welche gelehrt seien, sollten es nicht wissen, so auch die Reichen sollten es nicht wissen, daß sie reich seien. Da murrten sie wieder und sagten, wenn man es nicht wisse, könne man es auch nicht brauchen. Er sagte aber: "Selig sind die Armen im Geist!" Sie sollten sich arm fühlen und demütig sein vor Gott, von dem alle Weisheit sei, und außer dem alle Weisheit ein Greuel sei, usw.
Sie fragten ihn aber wieder aus seiner gestrigen Lehre vom Brot des Lebens und vom Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes, und da Jesus darin fortfuhr und es ihnen fortwährend scharf und bestimmt sagte, murrten viele seiner Jünger und sagten: "Das ist ein hartes Wort, wer kann das anhören?" Er erwiderte ihnen aber, sie sollten sich nicht ärgern, es würden noch ganz andere Dinge erfolgen, und er sagte deutlich voraus, man werde ihn verfolgen, und die Getreuesten sogar würden ihn verlassen und fliehen. Da werde er seinem Feind in die Arme laufen, und man werde ihn töten. Er werde aber die Fliehenden nicht verlassen, sein Geist werde bei ihnen sein. Das "Seinem Feind in die Arme laufen" war nicht ganz wörtlich so gesagt, es war, wie seinen Feind umarmen oder von ihm umarmt werden, ich weiß es nicht mehr recht. Es deutet, glaube ich, auf den Kuß des Judas und dessen Verrat.
Er sagte ihnen auch, da sie sich noch mehr hieran ärgerten: "Wie aber, wenn ihr des Menschen Sohn dahin auffahren sehen werdet, wo er zuvor war? Der Geist ist es, der lebendig macht. Das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und Leben. Aber es gibt einige unter euch, die nicht glauben, daher sagte ich auch: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben wird", usw.
Da er so lehrte in der Synagoge, war vieles Murren und Höhnen, und etliche und dreißig der neueren Jünger und Anhänger, besonders die oberflächlicheren, einseitigen Johannesjünger, traten näher zu den Pharisäern und flüsterten und murrten mit diesen. Die Apostel und älteren Jünger aber waren mit Jesu näher zusammen, und er lehrte noch laut, es sei gut, daß jene sich zeigten, wes Geistes Kinder sie seien, ehe sie größeres Unheil verursachten, usw.
Als aber Jesus die Synagoge verlassen wollte, ward noch im Ausgang ein Gedränge. Die Pharisäer und abtrünnigen Jünger, welche sich unterdessen besprochen hatten, wollten ihn zurückhalten. Er sollte noch mit ihnen disputieren. Sie wollten noch mancherlei Erklärungen von ihm. Die Apostel und seine Jünger und Freunde umgaben ihn aber, und er entkam ihrer Zudringlichkeit unter großem Lärm, Gedränge und Geschrei. Ihr Reden und Schreien untereinander aber war ebenso, wie es heutzutage auch sein würde: "Da haben wir es ja, nun brauchen wir nichts mehr, er hat es für jeden vernünftigen Menschen deutlich ausgesprochen, daß er ganz unsinnig ist, er bringt ganz wahnsinnigen Greuel, eine unerhörte Lehre hervor, man soll sein Fleisch essen, sein Blut trinken, er ist vom Himmel, er will in den Himmel fahren" usw.
Jesus ging aber zerstreut mit den Seinigen auf verschiedenen Wegen bei den Wohnungen So robabels und des Kornehus an der Nordhöhe der Stadt und des Tales hin, und als sie einander an einer bestimmten Stelle gefunden hatten, lehrte er sie noch über die Ärgernisse dieses Abends und fragte die Zwölfe, ob sie ihn auch verlassen wollten. Da sprach Petrus für alle: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, daß du Christus, der Sohn des lebendigen Gottes bist." Da erwiderte ihm Jesus unter anderem: "Ich habe euch zwölf erwählt, und doch ist einer unter euch ein Teufel."
Sie gingen nachher nach Petri Haus am See und aßen. Jesus war noch bei Maria.
Ich hatte aber noch ein Bild, welches ich nicht ganz vorbringen kann:
268 269
Die Mutter Jesu war mit anderen Frauen auch bei den letzten Lehren Jesu auf der Höhe und in der Synagoge gegenwärtig g~ wesen. Wenn sie gleich von allen Geheimnissen, die Jesus aussprach, eine innere Erkenntnis von frühe her gehabt, so war sie sich derselben doch nie deutlich bewußt geworden, denn wie die zweite Person in der Gottheit in ihr Fleisch angenommen, ein Mensch und ihr Kind geworden war, so waren auch in ihr alle diese tieferen Erkenntnisse in eine demütige, ehrfurchtsvolle Mutterliebe zu Jesu gehüllt gewesen. Als Jesus aber die Geheimnisse seines Ursprungs und seines Hierseins und seiner Rückkehr deutlicher zum Ärgernis der Verblendeten heute gelehrt hatte, wurde die Betrachtung Mariä sehr auf diese Geheimnisse gerichtet, und ich sah sie in ihrer Kammer betend stehen in dieser Nacht, und daß sie ein Gesicht, eine innere Anschauung hatte von dem Englischen Gruß, der Geburt und der Kindheit Jesu, und von der Wirklichkeit ihrer Mutterschaft und seiner Kindschaft, und wie sie denjenigen wie ihr Kind behandelt, welcher der Sohn Gottes ist, und sie sah dieses ihr Kind als den Sohn Gottes und erkannte große Geheimnisse und ward dermaßen von Demut und Ehrfurcht überwältigt, daß sie ganz in Tränen zerfloß, und alle diese Anschauungen hüllten sich abermals in dem Gefühl der mütterlichen Liebe zu dem göttlichen Sohne ein, wie die Gestalt des Brotes den lebendigen Gott im Sakrament verhüllt. -Ich hatte bei der Trennung der Jünger von Jesu auch noch ein großes Erklärungsbild, das ich mitzuteilen zu krank bin. Ich sah das Reich des Satans und das Reich Jesu in zwei Sphären. Ich sah eine Stadt des Satans und ein Weib, die babylonische Hure, und seine Propheten und Prophetinnen, und seine Wundertäter und Apostel, und alles in großem Glanz, und viel prächtiger und reicher und voller als das Reich Jesu. Ich sah Könige und Kaiser und selbst viele Priester mit Roß und Wagen hinjagen. - Er hatte einen prächtigen Thron.
Ich sah aber das Reich Christi auf Erden arm und unscheinbar und voll Not und Pein, und sah Maria als die Kirche, und Christus am Kreuz auch als Kirche, und einen Seiteneingang durch seine Seitenwunde, usw. (Sie bricht ab.)
13. Februar 1823 (=,, 27. Sebath) I Tagebuch Bd. VI, Heft i~a 1 Viertel-seiten 57-60
Jesus ist gestern noch einige Stunden nördlich nach Nephtalim gegangen, wo er noch nicht, aber die Jünger schon gewesen. Es liegt einige Stunden westlich von Kapernaum und südlich von Saphet.
1 Er lehrte heute hier in der Synagoge. Mir war sehr merkwürdig,
daß er die Jünger und Apostel auf dem Weg und in der Herberge
lehrte, wie sie fortan in ihren Heilungen und Teufelaustreibungen
keinen anderen Gebrauch haben sollten, als den er auch bei diesen
Fällen haben würde. Er gab ihnen die Kraft, den Geist, mit
Handauflegung, Salbung usw. immer das zu tun, was er tun
würde.
Als er diese Kraft mitteilte, legte er ihnen die Hand nicht auf,
und doch war es eine wesentliche Übergabe. Sie standen dabei um
ihn her, und ich sah von ihm Strahlen von verschiedener Farbe
nach ihnen zu strahlen, nach den Arten der Gabe und ihrer eigenen
D~sposition, und sie sagten aüch: "Herr, wir fühlen eine Kraft in
uns. Deine Worte sind Wahrheit und Leben", und nun wußte jeder,
wie er in jedem Fall heilen sollte ohne Wählen. Sie taten es nun,
ohne weiter nachzusinnen.
Heute sah ich auch zehn Soldaten, worunter einige Offiziere von
Herodes, aus Hesebon nach Kapernaum kommen. Sie fragten erst
bei dem Hauptmann So robabel und dann bei den Pharisäern, wer
Jesus sei, was er für Wunder tue und was er lehre, und sie ver
langten, ihn mit sich zu führen, weil Herodes ihn sehen wolle. Der
Hauptmann sagte ihnen natürlich nichts als Gutes von ihm, erzählte
das Wunder mit seinem Sohn und alle anderen größeren bekannten
Wunder von Galiläa und stellte ihnen alles vor, so gut er konnte.
Die Pharisäer aber sagten das Gegenteil, sie erklärten, daß sie keine
Gewalt über ihn hätten, daß er ein Landstreicher von geringem
Herkommen sei, der sich mit allerlei Gesindel herumtreibe, ganz
unerhörte Lehren vorbringe und wahrscheinlich durch den Teufel
allerlei Wunder tue. Übrigens sei gar nichts von ihm zu fürchten,
denn sein Anhang bestehe aus armen, unwissenden Männern, be
törten Weibern und Sünderinnen usw. Mit dieser Nachricht zogen
diese Soldaten wieder zu Herodes.
Sie waren von einer ganz neuen Schar, die dem Herodes zunächst
stand ... und die er durch sein ehebrecherisches Weib er
halten.~0
Herodes Antipas war durch die Nachrichten von Thirsa sehr auf
merksam auf Jesum geworden. Er ist seit dem Mord des Johannes
sehr geängstigt und voller Zweifel und Sorgen. Er hat sich mit den
Herodianern beraten und hat Pharisäer und Sadduzäer aus Jeru
salem kommen lassen, um sie über die Auferstehung der Toten zu
fragen. Er ist auf die Frage gekommen, ob Jesus der auferstandene
270
271
Johannes sei, usw. Er hat alles ausgefragt, was Johannes von Jesu gelehrt habe. Er hat viele Soldaten zusammengezogen und jene, welche viel mit Johannes zu tun gehabt, von sich entfernt.
Ich hatte auch in diesen Tagen wieder Blicke in bezug auf Johannis Haupt. Ich hoffe, daß seine Verwandten es bald erhalten, wenn die Kloake ausgeräumt wird.
Die zwei Soldaten, welche Jesu gefolgt sind, haben auch Wege dazu eingeschlagen. Sie waren früher Herodianer und unter der Schar gewesen, welche Johannes gefangennahm.
15.-17. März 1823J (= 27.-29. Adarj) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i5b / Viertelseiten 36-39
zs. März 1823:J
Jesus hat heute mehrere geheilt, besonders Blinde, auch in der letzten Zeit öfter Besessene erledigt, was ich zu sagen vergessen habe. Am Abend in der Synagoge haben die Pharisäer mit ihm disputiert, sehr heftig. Ich habe es vergessen. Es war sehr neu und wichtig, und ich wußte es doch so schön.
Nachher bei der Mahlzeit ward noch heftiger gestritten. Sie warfen ihm wieder das Teufelaustreiben durch Belzebub vor. Er sagte ihnen, ihr Vater sei der Vater der Lügen. Er sprach auch davon, Gott verlange keine blutigen Opfer, und ich hörte ihn von Lämmerblut und Kälberblut und unschuldigem Blut sprechen, das sie vergießen würden, und wie ihr Dienst so enden würde. Jenes Blut der Tiere sei ein Vorbild davon usw.
Sehr erbittert brachten sie wieder alle ihre alten Vorwürfe vor und stritten auch mit ihm, warum er jenen Jüngling von Caesarea Philippi nicht aufnehme. Der sei ihm wohl zu gelehrt usw. Ich vergaß den Zusammenhang des ganzen Gezänks, aber die Pharisäer wurden so ergrimmt, daß Jesus und die Jünger sich entfernten und in die Wüste eilten. Ich sah, daß sie Leute mit Knüppeln auf ihn lauern ließen. Unter anderem schimpften sie ihn auch einen Samariter, und er erzählte hierauf die Parabel vom Samariter und vom Weizenkömlein, das auf steinigen Acker fällt. Die Jünger warnte er im Gesicht der Pharisäer vor denselben. Er sprach, sie würden nicht mehr Kälberblut, sondern Menschenblut opfern, und die an das geschlachtete Lamm glaubten, würden durch dieses Opfer versöhnt werden, die Mörder aber verdammt, usw. Er hat sie noch nie so kühn angegriffen.
i6. März 11823J:
... Jesus wich gestern abend in die Wüste südlich von Regaba und blieb die Nacht darin. Es sind dort viele Weidetäler und Schlupfwinkel, an den guten Stellen auch sehr viele Ölbäume. Seine Jünger fanden ihn dort. Aln Morgen sah ich ihn unterwegs nach Chorazin, da er den Jüngern erklärte, warum er jenen Jüngling nicht aufnehme, da sie selbst es nicht begreifen könnten. Sie kamen schon beizeiten in Chorazin an.2'1
17. März 1823J:
Jesus war heute mit seinen Begleitern noch in Chorazin, welches kaum vier Stunden südlich von Regaba und etwa drei Stunden östlich vom See über der Zollstätte Matthäi liegt. Es wohnen hier Heiden und Juden, und es sind viele Eisenarbeiter in der Stadt.
Auch hierher folgte Jesu eine große Menge, und sie hatten ihm viele Kranke auf seinen Weg durch die Stadt gebettet. Er heilte mehrere schwer Wassersüchtige, Lahme und Blinde, da er zur Synagoge ging.
Er lehrte auf eine prophetische Weise von seinem künftigen Leiden unter heftigem Gezänk der Pharisäer. Er sprach von ihrem steten Opfern und Versöhnen, und wie sie doch immer voll Sünden und Greuel blieben, und kam auch auf den Bock zu sprechen, den sie am Versöhnungsfest mit solcher Wut und Geräusch zu Jerusalem in die Wüste hinaustrieben und ihre Schuld auf ihn legten und ihn zu Tode stürzten, und beschuldigte sie der Blutgier und sagte hin-deutend, doch für sie unverständlich, es nahe sich die Zeit, daß sie ebenso einen Unschuldigen, der sie liebe und alles für sie getan, der wirklich ihre Sünden trage, hinausstoßen und ermorden würden, mit großem Geräusch.
Es ward hierüber ein großes GetöseJ und Höhnen unter den Pharisäern, und Jesus ging zur Stadt hinaus. Sie kamen ihm aber nach und forderten eine nähere Erklärung. Er antwortete ihnen, daß sie diese jetzt nicht verstehen könnten.
Da ward Jesu in dem großen Gedränge ein Taubstummer zugeführt, daß er ihn heile. Es ist diese Heilung auch im Evangelium angeführt.~~2 Es war ein Hirt aus der Gegend, ein guter frommer Mann. Die Seinigen führten ihn zu Jesu und baten ihn, er möge ihm seine Hand auflegen. Da ließ ihn Jesus weg aus dem Gedränge bringen. Aber die Pharisäer folgten ihm, und er heilte ihn vor
272
273
ihnen, damit sie sähen, daß er ihn kraft des Gebets und Glaubens an seinen himmlischen Vater und nicht durch den Teufel heile.
Jesus legte dem Taubstummen seine Finger in die Ohren, benetzte seine Finger mit Speichel und berührte seine Zunge damit, blickte seufzend zum Himmel und sprach zu dem Manne: "Ethpetach !
oder "Tue dich auf!" Da konnte der Mann gleich ganz gut sprechen und hören, und er dankte und jubelte mit den Seinen. Jesus aber befahl ihm und den Seinigen, wie gewöhnlich nach solchen Heilungen, sie sollten kein Geschwätz und Geprahle mit der Genesung halten, wodurch... manche von ihnen oft in sündlichen Gebrauch der neu entfesselten Glieder kamen und rückfällig wurden.
Der Andrang des Volkes ward aber immer größer um ihn, denn es war eine Karawane hier angekommen, und ich sah Jesum mit seinen Begleitern zwei bis drei Stunden zu Matthäi Zollstätte gehen. Da sich auch hier das Volk häufte, ließ er ein paar Jünger bei demselben und fuhr selbst mit den anderen gen Bethsaida Julias, wo sie in der Gegend landeten und bis zur Nacht in der Einsamkeit am Fuß des Berges der Seligkeiten waren. Jesus sprach vom Gehen nach Jerusalem und von seiner nahen Aufnahme. In der Nacht fuhren sie über den Jordan an die Abendseite und sprachen in Bethsaida im Haus des Andreas~4 mit Boten des Lazarus.
i8. März 1823J (= 30. Adan) l Tagebuch Bd. VI, Heft 15b 1 Viertel-Seiten 41-42
Schon vor Tag fuhren sie von Bethsaida wieder an die Ostseite.
Jesus hielt eine Lehre auf dem Bergrücken über Matthäi Zollstätte.
Es waren sehr viele Menschen versammelt, und dabei auch viele
Heiden aus der Dekapolis und Karawanenvolk. Es waren sehr viele
Kranke da. Sie wurden auf Bahren und Eseln hinaufgetragen, und
Jesus heilte sie. Sie waren aber nicht alle von Geburt blind, lahm,
stumm usw., sondern es waren heute auch viele Augenkranke,
Gelähmte usw. dabei, und auch manche Rückfällige.
Er lehrte heute unter anderem vom Gebet, und wie und wo sie beten sollten, und vom dringenden Gebet. Er sprach auch aus, wenn ein Kind um Brot bittet, gibt ihm der Vater keinen Stein, um Fisch, keine Schlange, statt einem Ei keinen Skorpion usw. Er erwähnte auch als ein Beispiel, daß er Heiden kenne, welche ein solches Vertrauen zu Gott hätten, daß sie um gar nichts flehten, sondern nur für alles Empfangene dankten, und sagte, wenn die Knechte und
Fremdlinge solches Vertrauen haben, welches Vertrauen müssen die Kinder des Vaters... haben!
Er sprach auch von der Danksagung für empfangene Heilung durch Besserung des Lebens, und von der Strafe der Rückfälligen, und daß diese in üblerem Seelenzustand als vorher seien. Das ist, was mir noch davon einfällt.
Das Gedräng ward aber so groß, daß er sich wieder entfernte. Er kündigte aber auf den folgenden Tag eine große Lehre auf einem anderen Berg an.
Sie schliefen in der ehemaligen Wohnung des Matthäus.
20. März 18231 {=
2. INisanI) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i~b 1 Viertel-seiten 45-50
Jesus ist heute morgen wieder oben, Bethsaida gegenüber, bei Klein-Chorazi n gelandet, und sie sind die Berge hinaufgestiegen, bis wohl eine Stunde nordösthch hinter dem ersten Brotvermehrungsberg, und höher als diesen. Es war recht in der Wüste Chorazin, etwa zweieinhalb Stundenj westlich von Regaba, das noch höher lag. Oben, wo Jesus lehrte, war ein großer Raum, und nicht weit davon der Weg, auf dem er neulich aus Cäsarea Philippi gegen Regaba ging. Der Ort war etwas benutzt, er war wie ein Lagerplatz für Reisende mit Spuren von Wällen, auch war ein Hügel da und ein großer langer viereckiger Fels, wie eine große, entblößte Steinbank, an welcher die Reisenden zu liegen und zu essen pflegten. Außer diesem war die Gegend sehr einsam und entfernt. Tiefer lagen kleine Täler zerstreut und Buchten, worin Esel und andere Weidetiere gingen. Die Leute waren teils schon oben, teils zogen sie von allen Seiten heran.
Jesus lehrte hier den Schluß der acht Seligkeiten und hielt das Ende der sogenannten Bergpredigt. Er lehrte ungemein stark und rührend. Es waren viele Fremde und Heiden dabei. Es waren viertausend Menschen, ohne die Weiber und Kinder. Gegen Abend hielt er einen Stillstand und sprach mit Johannes, daß die Leute schon drei Tage ihm nachzögen und daß er sie jetzt auf lange verlassen werde. Er möge sie aber nicht gern so hungernd gehen lassen. Da sagte dieser: "Hier sind wir ganz in der Wüste. Es ist weit, um Brot zu holen! Sollen wir ihnen vielleicht Beeren und Früchte, die in der Gegend noch an den Bäumen hängen geblieben, sammeln?" Jesus sagte aber, er solle die anderen fragen, wieviel Brote sie hätten. Da
274 275
sagten sie: "Sieben Brote und sieben kleine Fische." Sie waren aber doch wohl armslang. Da befahl Jesus, sie sollten von den Leuten die leeren Brotkörbe heranbringen und die Brote und Fische auf die Steinbank bringen.
Während sie dieses taten, lehrte Jesus weiter, wohl noch eine gute halbe Stunde. Er sprach heute sehr deutlich aus, daß er der Messias sei. Er sprach auch von seiner Verfolgung und nahen Aufnahme. An jenem Tage aber sollten diese Berge erschüttert werden und dieser Stein zerspringen. Er zeigte auf die Steinbank, wo er die Wahrheit verkündet habe, die nicht angenommen worden. Er rief Wehe über Kapernaum, Chorazin und viele Orte der Gegend aus. Sie alle sollten am Tage seiner Aufnahme fühlen, daß sie das Heil von sich gestoßen. Er sprach von dem Glück dieser Gegend, der er das Brot des Lebens gebrochen, aber die Durchziehenden nähmen das Glück mit hin, die Kinder des Hauses w ü rfen das Brot unter den Tisch, und die Fremden, die Hündlein, wie die Syrophönizierin gesprochen, sammelten die Brosamen auf, und sie würden ganze Flecken und Dörfer mit denselben erquicken und entzünden. Er nahm auch Abschied von den Leuten, flehte sie nochmals an zur Buße und Bekehrung und schärfte seine Drohung ein und sprach, daß dieses der Schluß seiner Lehre hier sei, und die Leute weinten und wunderten sich und verstanden ihn teils nicht.
Er befahl ihnen aber, sich zu lagern am Abhang um den Berg. Die Apostel und Jünger mußten sie wieder ordnen und setzen, wie das vorige Mal. Jesus aber verfuhr mit den Broten und Fischen wie das vorige Mal, und die Jünger trugen in den Körben von beiden Seiten zu.
Nachher wurden sieben Körbe voll Brocken gesammelt und unter die armen Reisenden verteilt.
Schon am Mittag war eine große Anzahl von Pharisäern unter dem Volke bei seiner Lehre gewesen. Sie hatten sich aber wieder hinab in die Hirtentäler begeben. Gegen Abend war wieder eine Schar von ihnen oben gewesen und hatte noch einem Teil seiner Drohungen und der Brotvermehrung beigewohnt und sich früher hinabbegeben, mit den anderen zu beratschlagen, was sie Jesu noch etwa sagen wollten, wenn er herabkomme. Diese Pharisäer waren eine Schar von ungefähr zwanzig, welche unter dem Vorwand, die Synagoge zu visitieren, Jesu die ganze Zeit in abwechselnden kleinen Abteilungen bis hie r her nachgezogen waren, um auf ihn zu lauern. Sie waren es auch, die mit ihm in Cäsarea Phihppi, Nobath, Regaba
und Chorazin disputiert hatten, und sie berichteten immer wieder alles mündlich oder durch Boten nach Kapernaum und Jerusalem.
Jesus entließ das Volk, und sie weinten, dankten und priesen ihn mit lauter Stimme. Er konnte nur mit Mühe von ihnen loskommen und ging zu dem See mit den Jüngern nach der südöstlichen Seite, in die Grenzen von Magdala und Dalmanutha zu fahren. Ehe er aber oberhalb Matthäi Zollstätte ins Schiff stieg, kamen jene Pharisäer etwa eine gute halbe Stunde vom See am Fuße des Berges der ersten Brotvermehrung zu ihm und traten ihm, weil sie gehört hatten, daß er oben von drohenden Erschütterungen der Erde und Zeichen in der Natur gesprochen hatte, höhnend in den Weg, um mit ihm zu streiten, und begehrten ein Zeichen am Himmel von ihm zu sehen.205 Da antwortete er ihnen, wie es im Evangelium steht. Ich hörte aber auch, daß er ihnen eine Zahl von Wochen aussprach, da ihnen das Zeichen des Jonas solle gegeben werden, und daß diese Zahl gerade auf seine Kreuzigung und Auferstehung auslief. Dann ließ er sie stehen und ging mit den Aposteln an den See zu Petri Schiff. Andere Jünger hatten schon alles bereitet, und sie fuhren erst etwas hinüber und dann im Jordanstrieb in der Dunkelheit hinab. Dann steuerten sie etwas aus dem Trieb östlich und schliefen auf dem Schiff in den Grenzen von Magdala und Dalmanutiia.
22. fMärz 1823 (= 4. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft z~b 1 Viertel-seiten 58-59
Julias ist ein sehr neuer Ort und noch im vollen Bauen begriffen, ganz schön und auf heidnische Art, mit Bogen und Säulen. Es liegt nach der Länge am Jordan hin, und es sind an der Ostseite, wo es sich mit der aufsteigenden Höhe berührt, viele Häuser mit ihrem Hinterteil in die Felsen eingehauen.
Jesus lehrte heute wieder in der Synagoge und besuchte die Schulen, und ich sah ihn auch spazierengehen, und viele Einwohner zogen ihm nach und hielten ihn an und fragten ihn um die rechte Lehre, und was sie tun sollten, und baten ihn, sie zu lehren. Er sagte ihnen teils, daß sie die Lehre nicht befolgen würden, wenn er sie ihnen auch sage, und daß sie neugierig seien. Seine Lehre hätten sie ja schon oft in der Gegend gehört, ob sie eine andere wollten, weil sie fragten. Er habe seine Lehre gestern noch gelehrt und auch heute. Sie gingen aber mit ihm nach ihren Gärten und Bauplätzen, wo Holz und Steine lagen, und sprachen von der neuen schönen Bauart, und
276 277
Jesus lehrte in Parabeln vom Bauen auf Sand und Bauen auf Felsen und vom Eckstein, den die Bauleute verwerfen würden, und vom Einstürzen ihres Baus usw.
Auf diesem Wege wurden ihm mehrere Kranke, Lahme und Wassersüchtige, auch ein paar blödsinnig Besessene, die getragen wurden, an den Weg gebracht, und er heilte sie.
Am Abend schloß er den Sabbaih, und die Pharisäer disputierten noch viel mit ihm, aber ohne besondere Bosheit, nur sehr kalt und vornehm.
Maria und andere Frauen sind schon seit mehreren Tagen in Bethanien.
23. 1März 1823 (= 5. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i5b 1 Viertel-seite 6o
Jesus ist heute morgen erst spät aus Julias gegangen mit den Zwölfen und etwa dreißig Jüngern. Eine Stunde nördlich ungefähr von Julias zogen sie an einer steinernen Brücke, die wie eine Landstraße über den Jordan führt, vorüber. Die Leute aus Julias begleiteten ihn noch eine Strecke.
Er ging dann die Höhe hinauf etwas nordöstlich bis in die Gegend, wo der Kleine Jordan in den See Merom fließt, und etwa anderthalb Stunden von Cäsarea Philippi in einen Flecken Sogane. Der Jordan ist hier . . . wie ein Bach in einem sehr tiefen Bett.
Die Leute hier drängten sich an ihn und begehrten Unterricht. Er lehrte und heilte bis gegen Abend. Er hatte den ganzen Weg vorbereitend die Jünger und Apostel gelehrt und oft verweilt. Am Abend ging er mit den Jüngern und Aposteln etwa eine Stunde süd-östlicher zurück ins Gebirg, oder vielmehr auf eine Höhe, die oben mehrere Tiefen und Hügel bildete. Die Jünger und Apostel erzählten ihm alles, was sie gesehen, gehört und getan auf der letzten Reise. Er trennte sich, da es dunkel war, von ihnen und sagte ihnen, nachdem sie etwas gegessen hatten, zu beten und zu ruhen.
24. 1März 1823 (= 6. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 15b I VieptelSeiten 6i-68
Schon gestern abend im Hierhergehen und in Gesprächen vor der
Nacht vor der Trennung zum Gebet und der Ruhe hier oben in den
Hügeln war die Rede von der Bewegung und dem Eindruck durch
Jesum, seine Lehre und Werke in den verschiedenen Orten, wo die
Jünger durchgekommen waren, gelehrt und geheilt hatten. Jesus hatte sie den ganzen Weg angehört, ihnen vieles erklärt und verwiesen und befohlen und von der Reise aufs Fest und der Annäherung seiner Aufnahme und dem baldigen Aufgang seines Reiches gesprochen, wie auch von dem Beruf eines jeden in demselben. Er Jiatte sie aufgefordert zum Abend zum Gebet und zur Vorbereitung, denn er habe ihnen Ernstes und Wichtiges mitzuteilen.
Er selbst lag und stand den größten Teil der Nacht im Gebet, wie er es immer vor heiligen Handlungen pflegte.
Al~ sie sich vor Tag wieder sammelten und gebetet hatten, fragte Jesus die Zwölfe und einige alte Jünger, die aber außer dem Kreise standen, da die Rede wieder auf einiges kam, was sie gestern erzählt hatten: "Wer sagen denn die Menschen, daß ich sei?" Die Apostel aber standen zu beiden Seiten von ihm in einem Kreis. Zu seiner Rechten stand Johannes, dann dessen Bruder Jakobus, und der Dritte war Petrus.
Da erzählten die Jünger und Apostel mancherlei Meinungen der Menschen von ihm, die sie hier und da vernommen. Wie er von einigen für den Täufer, von anderen für Elias, von anderen für Jeremias, die aufgestanden wären, gehalten werde, und erwähnten noch mancherlei andere Propheten, für die er gehalten werde.
Als sie ausgesprochen hatten und die Worte Jesu hierüber erwarteten, schwieg er eine kleine Pause, bis sie wieder ruhig wurden. Er ward aber sehr ernst und als solle etwas Wichtiges erfolgen, und sie sahen in sein Angesicht voll von Erwartung. Da fragte er: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Keiner war getrieben zu antworten, aber Petrus war ganz voll Kraft und Feuer augenblicklich und trat mit einem Fuß eifrig in den Kreis und sagte, mit der Hand feierlich beteuernd und wie die Stimme und Zunge aller, laut und kräftig: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! " Und Jesus antwortete ihm mit einem großen Ernst, und seine Stimme war stark und wie belebend. Es war ein feierliches, prophetisches Wesen in ihm. Er schien zu leuchten und wie von der Erde erhoben: "Selig bist du, Simon, Jonas' Sohn! Denn Fleisch und Blut hat dir dieses nicht offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist, und ich sage dir: Du bist ein Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, und ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Was du bindest auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein, und was du lösest auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst sein.~
278 279
Ich sah, daß Petrus die Worte Jesu, welche eine Prophezeiung waren, durch denselben Geist ganz fühlte, durch den er das Bekenntnis der Gottheit ausgesprochen. Er war ganz davon durchdrungen. Die anderen Apostel aber schienen bestürzt und blickten einander und Petrus und Jesum scheu an, als Petrus mit solchem Feuer gesprochen: "Du bist Christus, Gottes Sohn", und selbst Johannes gab sem Erschrecken so merklich zu verstehen, daß Jesus, nachher auf dem Weg, mit ihm allein wandelnd, ihm sein Befremden ernsthaft verwies.29~
Die Rede Jesu an Petrus war bei Sonnenaufgang. Sie war um so ernster und feierlicher, da Jesus mit Jüngern sich dazu ins Gebirg abgesondert und ihnen zu beten befohlen hatte. Die anderen Apostel verstanden sie nicht ganz. Petrus aber fühlte sie, und ich merkte, daß die anderen sich noch immer irdische Auslegungen machten. Sie meinten, Jesus wolle in seinem Reich dem Petrus das Hohepriesteramt geben, und ich hörte nachher, daß Jakobus zu Johannes auf dem Weg davon sprach, dann würden sie doch wahrscheinlich die nächsten Stellen nach Petrus erhalten.
Jesus aber sagte nun den Aposteln noch ganz deutlich heraus, daß er der verheißene Messias sei. Er wandte alle Stellen der Propheten auf sich an und sagte, daß sie nun aufs Fest nach Jerusalem wollten, und" sie traten nun sämtlich den Rückweg südwestlich nach der Jordanbrücke an.
Petrus war noch ganz voll von den Worten Jesu von der Schlüssel-gewalt und nahte sich ihm auf dem Weg, Unterweisung und Auskunft über einzelne Fälle zu begehren, die ihm nicht ganz klar waren, denn er war so glaubend und eifrig, daß er meinte, seine Arbeit gehe nun gleich an, da ihm die Bedingung des Leidens Christi und der Sendung des Heiligen Geistes noch unbekannt war. Er fragte daher den Herrn um mehrere Fälle, ob er in diesen da auch Sünden lösen könne. Ich erinnere mich, daß er etwas von Zöllnern und von öffentlichem Ehebruch sprach, und daß Jesus ihn beruhigte, er werde alles dieses noch deutlicher erfahren. Es sei dieses anders als er erwarte. Es komme ein anderes Gesetz usw.
Nun aber fing Jesus auf dem Weg an, öfters wandelnd, dann wieder stehend im Kreise, ihnen alles Bevorstehende zu erklären. Sie würden jetzt nach Jerusalem gehen und bei Lazarus das Osterlamm essen. Es werde dann noch viele Arbeit und Mühe und Verfolgung kommen. Er sagte viele Wege und Ereignisse im allgemeinen voraus, und wie er auch noch einen ihrer besten Freunde vom Tode erwecken
tind dadurch so großes Ärgernis erregen werde, daß er fliehen müsse. Wie sie dann über ein Jahr wieder zum Feste gehen würden. Wie einer ihn verraten würde, wie man ihn mißhandeln, geißeln, verhöhnen und schimpflich töten werde, und wie er sterben müsse für die Sünden der Menschen und am dritten Tage wieder auferstehen. Er sagte dieses alles ausführlich, bewies es aus den Propheten und war sehr ernst und liebevoll dabei.
Petrus betrübte sich über das Mißhandeln und Töten so, daß er in seinem Eifer Jesu nachging und allein mit ihm sprechend dagegen stritt und eiferte, das könne nicht so kommen, das werde er nicht zugeben, er wolle eher sterben als das dulden. "Das sei fern von dir, Herr, das soll dir nicht geschehen."
Da drehte sich aber Jesus sehr ernsthaft um und sagte ihm eifrig:
"Weg von mir, du Satan, du bist mir zum Anstoß! Du hast keinen Sinn für das, was Gottes ist, sondern für das, was der Menschen ist." Da ging Jesus vorwärts, und Petrus war ganz erschrocken und überlegte, wie er früher gesagt, er habe nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Gottes Offenbarung ihn als Christus verkündet, und wie er ihn nun Satan nenne und einen, der nicht aus Gott, sondern aus Menschensinn und Gelüsten spreche, da er sein Leiden verhindern wolle, und verglich beides und ward demütiger und sah Jesum bewundernder und glaubender an. Er war aber sehr betrübt, da ihm die Wahrheit seines Leidens dadurch wuchs.
Ich sah nun Jesum, die Apostel und Jünger, in getrennten Haufen und mit der Nähe des Herrn abwechselnd, über die Jordanbrücke wandern und den Apostelaussendungsberg zur Rechten lassend, südwesilich reisen. Sie wendeten sich über dem westlichen Ende des Tals von Kapernaum mittäglich, und unter Belehrung beim kurzen Ausruhen und Sicherquicken reisten sie schnell und nirgends verweilend, auch alle Orte so viel als möglich vermeidend, an diesem Tage bis in die Nacht, da sie in den Herbergen. beim Badesee von Bethulien einkehrten, wo Lazarus mit einigen jerusalemschen Jüngern Jesum erwartete.
19.-2G. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7/ Viertelseite i88
Als er mit den Jüngern ging und sprach, wie er viel leiden, getötet werden und nach drei Tagen auferstehen müsse, sah ich, daß Petrus durch einen Teufel versucht war, der ihm in die Ohren flüsterte:
"Warum will er nach Jerusalem und da so viel Aufsehens und Stö
280 281
rung machen? Warum will er nicht nach Nazareth, wo sie ihn kennen und wo sie jetzt neugierig auf ihn sind?" Solches sah ich in Petrus auf diese Einblasung des Teufels. Ich sah aber, daß er Jesum vor den anderen beiseite zog und ihm sagte, er solle sich doch nicht hingeben an seine Feinde. Ich sah aber, daß Jesus nicht den Petrus anredete, sondern er wendete seinen Kopf über die Schulter und sah neben Petrus nieder, wo der Teufel stand, und gebot diesem, hinter ihn zu treten, worauf ich den Feind verschwinden sah hinter ihm. Petrus bezog es auch nicht auf sich, und nun redete er zu allen.
2. April 1823 {= 15. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 15C / Viertelseiten ~2O
Das Fest im Tempel begann heute sehr früh. Er war nach Mitternacht schon offen. Alles war voller Lampen. Die Leute kamen schon vor Tagesanbruch mit ihren Dankopfern, allerlei Tieren und Vögeln, die zu kaufen waren, und sie wurden von den Priestern in Empfang genommen und besichtigt. Sie brachten auch allerlei Geschenke anderer Art, an Geld, Stoff, Mehl, Öl usw.
Jesus, die Jünger, Lazarus, seine Hausgenossen und auch die Frauen gingen, als es Tag geworden, zum Tempel, und Jesus stand unter der Menge des Volkes mit den Seinigen zusammen. Es wurden viele Psalmen gesungen und wurde musiziert und geopfert und auch ein Segen gesprochen, den alle auf den Knien empfingen. Die Leute gingen immer partienweise herein und nach ihrem Opfer heraus, und dazwischen wurde geschlossen, damit keine Störung kam. Es gingen auch viele Menschen, besonders die Fremden, nach dem Segen in die Synagogen der Stadt, wo gesungen und das Gesetz gelesen wurde.
Gegen Mittag war eine Pause mit den Opfern, etwa um elf Uhr, und es hatten sich schon viele Leute zerstreut, und andere waren bei den Küchen am Vorhof der Weiber, wo von den Opfern Speisen bereitet wurden und dann in den Eßsälen ganze Gesellschaften zusammen aßen. Die Frauen waren früher nach Bethanien zurück.
Jesus hatte mit den Seinen ruhig gestanden bis zur Zeit des Stillstands und begab sich, da alle Zugänge wieder offen waren, nach dem großen Lehrstuhl im Tempel vor dem Heiligen in der Vorhalle. Es zogen sich viele Menschen zusammen, und auch Pharisäer darunter.
Der Geheilte vom Teich Bethesda war auch wieder unter der
Menge. Er hatte alle die Tage nur allzuviel von Jesu erzählt und öfter auch wohl gesagt, wer solche Werke tue, müsse der Sohn Gottes sein. Die Pharisäer hatten ihm zwar zu reden verboten. Das half aber nichts. Da nun auch Jesus vorgestern sehr kühn im Tempel gelehrt hatte und sie sich fürchteten, er möge sie noch mehr vor dem Volke verächtlich machen, und da auch alle aus dem Land auf dem Fest versammelten Pharisäer ihre Klagen und Lügen gegen ihn schon vorgebracht hatten, so nahmen sie sich vor, ihm bei der ersten Gelegenheit stark zu Leibe zu gehen, ihn gefangenzunehmen und zu richten.
Als Jesus nun jetzt hier zu lehren begann, kamen vi~e um ihn her und unterbrachen seine Lehre durch mancherlei Einwürfe und Vorwürfe. Sie fragten ihn, warum er das Osterlamm nicht mit ihnen im Tempel gegessen, und ob er heute ein Dankopfer gebracht. Jesus wies sie an die Hausväter, die es für ihn entrichtet hatten. Sie brachten wieder vor, seine Jünger hielten die Gebräuche nicht, äßen mit ungewaschenen Händen und naschten Ähren und Früchte auf dem Weg. Man sehe ihn nie Opfer bringen; es seien sechs Tage zur Arbeit, der siebente zur Ruhe, und er habe den Mann am Sabbath geheilt und sei ein Sabbathschänder.
Jesus aber lehrte sehr streng gegen sie vom Opfer. Er sagte wieder, der Menschensohn sei selbst ein Opfer, und sie schändeten das Opfer durch ihren Geiz und Lästerung gegen ihren Nebenmenschen. Gott verlange kein Brandopfer, sondern bußfertige Herzen. Ihr Opfer werde ein Ende nehmen. Der Sabbath werde bestehen; aber um der Menschen willen zu ihrem Heil, auf daß ihnen geholfen werde, sei er da, und nicht die Menschen um des Sabbaths willen.
Sie fragten ihn auch über die Parabel vom armen Lazarus, die er neulich erzählte, und machten sie ganz lächerlich. Woher er denn die Geschichte so genau wisse, was der Lazarus und Abraham und der reiche Mann gesprochen, und ob er denn bei ihnen in Abrahams Schoß und der Hölle gewesen sei. Ob er sich d~nn nicht schäme, dem Volk solche Dinge aufzubinden.
Jesus lehrte wieder über diese Parabel und verwies ihnen ihren Geiz, ihre Grausamkeit gegen die Armen, ihr selbstsicheres Beobachten der leeren Formen und Gebräuche, bei gänzlichem Mangel an Liebe. Er legte die Geschichte des reichen Prassers ganz auf sie aus, denn seine Geschichte ist wahr und bekannt bis zu seinem Tod, der gräßlich war.
Ich habe auch wieder gesehen, daß der reiche Prasser und der arme
282
283
Lazarus gelebt haben und durch ihren Tod im Land sehr bekannt geworden sind. Sie wohnten aber nicht zu Jerusalem, wo nachher den Pilgern Häuser von ihnen gezeigt wurden. Ich weiß nicht, woher dieses entstanden ist. Sie starben in den Jugendjahren Jesu, und man sprach damals viel in frommen Familien davon. Die Stadt heißt, glaube ich, Aram oder Anthar und liegt westlich vom Galiläischen Meer im Gebirg, wo sie lebten.
Ich weiß die ganze Geschichte nicht mehr ausführlich, aber so viel weiß ich noch: Der Reiche war sehr reich und wohllebend und Orts-vorstand, ein berühmter Pharisäer, der das Gesetz äußerlich sehr streng beobachtete. Aber er war sehr hart und unbarmherzig gegen die Armen, und ich sah die Armen des Ortes, welche von ihm Pflege und Hilfe begehrten, weil er Vorstand war, streng von ihm abweisen. Es war aber ein gar frommer und elender armer Mann da, der hieß Lazarus; und er war voll von Geschwüren und Elend, aber er war demütig und voll Geduld, und hungrig ließ er sich zu dem Haus des Reichen bringen, um die Sache der abgewiesenen Armen zu vertreten. Der Reiche lag zu Tisch und praßte, und er ward als ein Unreiner hart von ihm abgewiesen. Der arme Lazarus lag nun vor der Tür und flehte nur um die Brosamen, die von seinem Tisch fielen, jedoch niemand gab ihm was. Aber die Hunde waren barmherziger und leckten seine Geschwüre, und das hatte die Bedeutung, daß die Heiden barmherziger sind als die Juden.
Nachher starb der Lazarus sehr schön und erbaulich, und der Reiche starb auch, aber einen fürchterlichen Tod, und man hörte auch eine Stimme aus seinem Grab, wovon die Rede im ganzen Lande war.
Das Nähere weiß ich nicht mehr. Jesus setzte das Ende in der Parabel aus der inneren Wahrheit hinzu, was den übrigen Menschen unbekannt war. Darum spotteten die Pharisäer ihn auch aus und sagten, ob er denn alle diese Reden in Abrahams Schoß mit angehört habe.207
Da nun dieser reiche Prasser ein sehr strenger pharisäischer Beobachter der Gebräuche gewesen, ärgerte es die Pharisäer besonders, daß sie damit verglichen wurden, weil es darin heißt, daß sie Moses und die Propheten nicht hörten. Jesus sagte ihnen aber geradeheraus, wer ihn nicht höre, höre die Propheten nicht, denn sie sprächen von ihm; wer ihn nicht höre, höre Moses nicht, denn er spräche von ihm, und wenn auch die Toten auferständen, würden sie nicht an ihn glauben. Sie würden aber aufstehen und von ihm zeugen (das ge
1
schah das Jahr darauf in demselben Tempel bei seinem Tod), und sie würden nicht glauben, sie würden aber auch aufstehen, und er werde sie richten. Alles aber, was er tue, tue sein Vater in ihm, auch die Toten erwecken. Auch von Johannes und dessen Zeugnis sprach er, und daß er seiner nicht bedürfe. Er habe ein größeres Zeugnis. Seine Werke zeugten von seiner Sendung, ünd der Vater zeuge selbst davon. Sie aber kennten Gott nicht. Sie wollten durch die Schrift selig werden und hielten die Gebote nicht. Er werde sie nicht anklagen, Moses werde es tun, dem sie nicht glaubten und der doch von ihm geschrieben.
So lehrte er noch vieles und unter vielen Unterbrechungen, und sie wurden zuletzt so ergrimmt, daß sie gegen ihn andrangen und lärmten und nach der Wache sandten. Sie wollten ihn ergreifen. Es wurde aber finsteres Wetter, und Jesus schaute empor, da das Getümmel groß wurde, und sagte: "Vater, zeuge von deinem Sohn." Da kam eine dunkle Wolke vor den Himmel, und es geschah wie ein Donnerschlag, und ich hörte eine gellende Stimme durch die Halle:
"Das ist mein lieber Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe." Die Feinde wurden ganz verwirrt und schauten erschrocken empor. Die Jünger aber, welche in einem Halbkreis hinter Jesu gestanden, setzten sich in Bewegung, und Jesus zwischen ihnen, und sie gingen ungehindert schnell durch die sich öffnende Menge hindurch an der Abendseite aus de m Tempel hinaus und durch die Stadt bei dem Ecktor bei Lazan Haus hinaus und zogen heute noch drei Stunden nördlich nach, ich meine, Rama. -Die Jünger haben diese Stimme nicht gehört, sondern nur den
Donner, denn ihre Stunde war noch nicht gekommen. Nur mehrere der zornigsten Pharisäer hörten sie; doch als es wieder hell ward, sprachen sie nicht davon und eilten nach und 5 and ten, ihn zu greifen. Er war aber nicht mehr zu finden, und sie ärgerten sich, daß sie sich so hätten überraschen lassen und ihn nicht angehalten hätten. -Jesus hat in den vorhergehenden Lehren im Tempel und auch in
Bethanien, die Jünger und das versammelte Volk lehrend, mehrmais 208 von der Nachfolge und dem Kreuznachtragen gesprochen und: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer es aber um meinetwillen verliert, wird es gewinnen; was hilft es, wenn einer die Welt gewinnt und leidet Schaden an der Seele. Wer sich meiner vor diesem ehebrecherischen sündhaften Geschlecht schämt, dessen wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters kommen wird, jedem nach seinen Werken zu ver
284
285
gelten." Auch sagte er, daß solche unter den Zuhörern seien, welche den Tod nicht empfinden würden, bis sie das Reich Gottes in Kraft kommen sähen.
Es spotteten noch einige Zuhörer darüber, aber ich vermag nicht mehr recht anzugeben, was Jesus damit gemeint hat. Die Worte, wie sie im Evangelium stehen, höre ich immer wie die hervorstehenden Hauptlehren, aber es ist alles viel weitläufiger, und was man da in ein paar Minuten lesen kann, davon lehrt er oft stundenlang. Ich meine, die Verklärung wird nach dem nächsten Sabbaih kommen.
Stephanus ist nun schon in Berührung mit den Jüngern. Schon auf jenem Fest, da Jesus den Mann am Bethesda heilte, wurde er mit Johannes bekannt und ist seitdem viel mit Lazarus umgegangen. Er ist sehr schlank und liebenswürdig und ist ein Schüler in der Schriftgelehrtheit. Auch diesmal war er mit mehreren anderen Jerusalems-jüngern in Bethanien und hörte die Lehren Jesu an. Jesus ging mit den Jüngern drei Stunden Wegs gegen Norden. Er ließ vorübergehend Bethsur, wo er bei seinem letzten Aufenthalt lehrte, eine halbe Stunde links liegen. Bei Anathoch ist er auch vorübergekommen. Eine Stunde weiter lag der Ort ~ ., wo er herbergt. Michmas, wo Maria den Knaben Jesus vermißt, liegt rechts noch weiter.
4. April fi 8231 (= 17. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 15C 1 Viertel-Seiten
23-27
Jesus ging von Thenath-Silo nach Ataroth, etwas nördlich von dem Berge bei Merez, worauf er einmal die große Lehre gehalten.210 Es ist der Ort, wo ihm die Pharisäer früher einmal 211 einen Toten zum Heilen gebracht. Der Ort ist ungefähr vier Stunden nördlich von Thenath-Silo.
Er kam gegen Mittag vor Ataroth an und lehrte auf einem Hügel vor der Stadt, wohin ihm viele alte Leute, Kranke, Frauen und Kinder folgten. Es kamen nun alle kranken und vor den Pharisäern furchtsamen Leute zum Vorschein und flehten Trost und Hilfe von ihm, denn in AtarothJ waren die Pharisäer und Sadduzäer so erbost gegen ihn, daß sie damals die Tore hatten sperren lassen, als er in der Nähe war.
Er lehrte sehr streng und zugleich liebreich und warnte die armen Leute vor der Bosheit der Pharisäer. Er sprach noch fortwährend deutlicher von seiner Sendung, von seinem himmlischen Vater, von seiner nahen Verfolgung, von der Auferstehung der Toten und vom
1
Gericht und von der Nachfolge usw. Er heilte viele Kranke, Lahme, Blinde, Wassersüchtige, auch kranke Kinder und bluttlüssige Frauen.
Die Jünger hatten ihm eine Herberge vor Ataroth bei einem einfältigen Schullehrer, einem alten Mann, der da zwischen Gärten wohnte, bereitet. Sie wuschen da die Füße und nahmen eine Erquikkung und gingen zum Sabbach nach Ataroth in die Synagoge. Da versammelten sich viele Leute, die aus der Gegend herangekommen, auch die Geheilten waren alle da. Ein alter krummer Schelm von Pharisäer, der zurückgeblieben war, stand der Synagoge vor, und er gab sich ein ganz besonderes Ansehen, wenn er den Leuten gleich etwas lächerlich war. Es wurde heute über gesetzliche Unreinlichkeit der Kindbetterinnen und über den Aussatz gelesen und über die Brorvermehrung des neuen Brotes und Getreides durch Elisäus, und wie der Naeman durch ihn vom Aussatz geheilt ward.212
Jesus hatte schon eine Zeitlang gelehrt, da wandte er sich gegen die Stelle, wo die Frauen standen, und rief einer Witwe, die ganz gekrümmt von ihren Töchtern in die Synagoge auf ihre gewöhnliche Stelle geführt worden war. Sie dachte gar nicht daran, Hilfe zu begehren, und war schon achtzehn Jahre krank. Sie war in der Mitte des Leibes gekrümmt und ging mit dem Oberleib so niedergebogen zur Erde, daß sie schier auf den Händen hätte gehen können. Jesus sprach: "Weib, sei los von deiner Krankheit!", als ihre Töchter sie vor ihn führten, und legte ihr die Hand auf den Rücken. Da richtete sich die Frau kerzengerade in die Höhe und lobte Gott: "Gelobt sei der Herr, der Gott Israels" usw. und warf sich vor Jesu nieder. Und alle Anwesenden lobten Gott.
Der alte krumme Schelm von Pharisäer aber, erbittert, daß ein solches Wunder am Sabbath unter seiner Regierung in Ataroth vorgefallen, wandte sich, da er sich nicht an Jesum wagte, mit großer Autorität ans Volk und zankte und sagte: "Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll. In denen kommt und laßt euch heilen, aber nicht am Sabbath !" Da sagte Jesus zu ihm "Du Heuchler, löst nicht jeder von euch seinen Ochsen oder Esel am Sabbath von der Krippe und führt ihn zur Tränke? Sollte nun diese, die doch eine Tochter Abrahams ist, nicht am Sabbath von diesem Band gelöst werden, welches Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte?" Da schämten sich der krumme Pharisäer und all sein Anhang, und alle Leute lobten Gott und freuten sich des Wunders.
Es war gar rührend, die Tochter und einige der Frau verwandte Knaben so freudig um die Frau herum zu sehen. Ja, alle Leute waren
286 287
froh, denn sie war wohihabend und in der Stadt geliebt und geachtet. Es machte sich lächerlich und abscheulich zugleich, den krummen Pharisäer, statt selbst Hilfe zu erflehen, über die Heilung der frommen krummen Frau zornig zu sehen. Jesus fuhr aber in seiner Lehre fort über den Sabbaih und lehrte ebenso streng wie im Tempel, da sie ihm die Heilung des Mannes vom Teich Bethesda vorrückten. Er hatte eine Mahlzeit und übernachtete nachher bei dem Schullehrer von Ataroch.
8. April 18231 (= 21. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 15C / Viertelseiten 38-43
Jesus ging heute morgen früh von der Herberge vor Hadad-RimmonJ mit einigen Jüngern östlich nach Chesulloth-Thabor, etwa drei Stunden Wegs, welches am Fuß des Thabors gen Mittag liegt. Unterwegs kamen die gestern ausgesandten Jünger nach und nach zurück zu ihm. Zu Chesul 1 oth sammelte sich wieder eine gro~e Schar von Reisenden um ihn, welche von Jerusalem kamen. Jesus lehrte sie und heilte einige Kranke. Nach Mittag um zwei oder drei Uhr sandte er die Jünger rechts und links um den Berg herum aus, zu lehren und zu heilen. Er selbst behielt Petrus, Johannes und Jakobus major bei sich und ging mit ihnen den Berg hinauf.
~ t ~,1 Er ging einen Fußpfad, der sich hin und her am Thabor ~in aufwand. Sie hätten wohl schneller hinaufgekonnt, aber sie brachten wohl zwei Stunden auf dem Wege zu, denn Jesus verweilte oft mit ihnen an einzelnen Stellen und Höhlen, wo Propheten gewohnt, und erklärte ihnen mancherlei und betete mit ihnen. Sie hatten keine Speise mitgenommen. Jesus hatte es ihnen verboten und gesagt, sie würden überflüssig gesättigt werden.
Auf dem Gipfel des Berges war eine schöne weite Aussicht und ein großer freier Platz mit einer berasten Umwallung und schattigen Bäumen umgeben. Der Boden war mit wohlriechenden Kräutern und Blumen bedeckt. Es war ein Wasserbehälter in einem Felsen verborgen, und wenn man einen Zapfen zog, floß helles, sehr kühles Wasser. Sie wuschen Jesu und sich die Füße und erfrischten sich. Jesus begab sich aber mit ihnen in eine etwas vertiefte Stelle vor einem Fels, der eine Höhle bildete, wie ein Tor. Es war wie die Bethöhle am Ölberg. Man konnte aber auch in Gewölbe hinabgehen.
Jesus setzte hier seine Lehre fort und sprach mit ihnen auch von dem knienden Gebet und sagte ihnen, daß sie jetzt dringend mit
emporgehobenen Händen beten sollten. Er lehrte sie aber das Vaterunser mit einigen dazwischen einfallenden Stellen aus Psalmen, und sie beteten dieses in einem Halbkreis in den Knien sitzend. Jesus kniete ihnen gegenüber, an einen aus der Erde hervorstehenden Felsen gelehnt, und abwechselnd lehrte er sie wieder eine wunderbare, tiefsinnige und süße Lehre, die von der Erschaffung und Erlösung handelte. Ich habe sie gehört, bin aber so krank und engbrüstig; ich kann nichts davon vorbringen. Jesus sprach ungemein liebevoll und begeistert. Die Jünger waren ganz trunken von seinen Worten.
Er hatte im Anfang seiner Lehre gesagt, er wolle ihnen zeigen, wer er sei. Sie sollten ihn verherrlicht sehen, damit sie nicht wankten im Glauben, wenn sie ihn verschmäht und mißhandelt und von aller Herrlichkeit verlassen sähen in seinem Tod. Die Sonne war gesunken, und es ward dunkel, aber sie bemerkten es nicht, so wunderbar ware~ seine Rede und sein Wesen. Jesus ward immer leuchtender, und ich sah Erscheinungen von Geistern um ihn her. Petrus sah sie auch, denn er unterbrach Jesum und sagte: "Meister, was bedeutet das?" und Jesus sagte zu ihm: "Sie dienen mir." Petrus rief aber ganz begeistert aus mit vorgestreckten Händen: "Meister, wir sind ja hier, wir wollen dir dienen in allem." Ich weiß die Antwort Jesu nicht mehr.
Jesus lehrte aber immer fort, und es kamen mit dem Erscheinen ~ jener Gestalten um Jesum Ströme von wechselndem Wohlgeruch und
ungemeine Sättigung und himmlisches Genügen über die Jünger. Der Herr aber leuchtete immer mehr und war wie durchschimmernd. Der Kreis um sie war in der dunklen Nacht so erleuchtet, daß man jedes Kräutchen wie am hellen Tag auf dem Rasen erkennen konnte. Die drei Jünger wurden so innerlich und erquickt, daß sie, als dies Leuchten einen hohen Grad angenommen, das Haupt verhüllt zur Erde niederbeugten und so liegen blieben.
Es war aber etwa um zwölf Uhr in der Nacht, als ich diese Glorie am höchsten sah. Vom Himmel nieder sah ich eine leuchtende Bahn und eine stets wechselnde Bewegung von Engeln der verschiedensten Art. Einige waren klein, doch in ganzer Gestalt, andere schimmerten bloß wie Angesichter aus dem Lichte hervor. Viele waren priesterlich, andere waren kriegerisch erscheinend. Alle hatten ein verschiedenes Wesen in sich, und es kamen verschiedene Erquickungen und Kräfte, Wonnen, Lichter mit ihnen. Sie waren in steter Tätigkeit und Bewegung.
288
289
,0
Es war so um Mitternacht. Die Apostel lagen mehr entzückt als schlafend auf ihrem Angesicht. Da sah ich drei leuchtende Gestalten zu Jesu in das Licht eintreten. Ich sah sie nicht eher, als bis sie in den lichten Kreis traten. Sie schienen ganz natürlich zu kommen, wie einer, der aus der Nacht auf eine beleuchtete Stelle tritt. Zwei erschienen bestimmter und körperlicher. Sie redeten Jesum auch an und sprachen mit ihm. Es waren Moses und Elias. Die dritte Erscheinung sprach nicht und war leichter und geistiger. Es war Malachias. (Hier erweckte mich mein Husten.)
9. April f18231 (=
22. Nisan) / Tagebuch Bd. VI, Heft isc l Viertel-Seiten 44~55213
Ich hörte, wie Moses und Elias Jesum begrüßten und wie er von der 214 Erlösung und seinem Leiden mit ihnen sprach. Ihr Zusammensein hatte etwas ganz Einfaches und Natürliches, da ich mich schon an das Leuchten gewöhnt hatte. Moses und Elias erschienen nicht so alt und abgelebt, wie sie die Erde verlassen hatten. Sie waren blühend und jung, Moses größer, ernster und majestätischer als Elias, hatte auf der Stirn wie zwei ausgewachsene Zitzen, und ein langes Gewand an. Er war ein ganz fester Mann und wie ein strenger Zucht-meister, aber sehr rein und recht und einfach. Er sagte zu Jesu, wie er sich freue, ihn zu sehen, der ihn und sein Volk aus Ägypten geführt und nun abermals erlösen wolle, und erwähnte viele Vorbilder seiner Zeit und sprach sehr tiefsinnig von dem Osterlamm und dem Lamm Gottes. Elias war viel anders, er war feiner, lieblicher und milder anzuschauen. Beide aber waren sehr von der Erscheinung des Malachias verschieden, denn beiden konnte man etwas Menschliches, Erlebtes in ihren Gesichtern und Gestalten an-sehen. Man sah in ihren Gesichtern Familiengesichter. Malachias aber sah ganz anders aus. Er hatte etwas Außermenschliches, wie ein Engel. Er sah aus wie die Gestalt einer einfachen Kraft und Aufgabe.21~
Er war ruhiger und geistiger als die anderen. Jesus aber erzählte ihnen alle Schmerzen, welche er bis jetzt schon erlitten, und alles, was ihm bevorstand. Er erzählte ihnen die ganze Leidensgeschichte Punkt für Punkt, und Elias und Moses sprachen oft ihre Rührung und Freude darüber aus, und es war ihre Rede ein Mitleiden und Trösten und Verehren des Heilands und ein beständiges Lobpreisen Gottes. Sie sprachen oft die Vorbilder alles dessen aus, was Jesus
sagte, und lobten Gott, daß er sich seines Volkes von Ewigkeit her erbarmt habe. Malachias aber schwieg.
Die Jünger erwachten nun und hoben die Häupter und sahen lange seine Herrlichkeit und sahen Moses und Elias. Ob sie Malachias sahen, weiß ich nicht. Ich kann mir aber denken, daß Petrus ihn gesehen, weil er früher auch nach den Geistern gefragt.
Als aber Jesus in der Beschreibung seines Leidens bis zu seiner Erhöhung am Kreuz gekommen war, breitete er seine Arme aus, als sage er, so wird des Menschen Sohn erhöht werden, und sein Angesicht war gegen Mittag gekehrt. Da ward er ganz wie von Licht durchdrungen. Sein Gewand schimmerte blauweiß, und ich sah ihn und die Propheten und auch die drei Apostel über die Erde emporgehoben.
Indem schieden die Propheten von ihm, Elias und Moses gen Morgen zu und Malachias abendwärts in die Dunkelheit verschwindend, und Petrus, außer sich, sprach freudig: "Meister, hier ist gut sein für uns. Hier wollen wir drei Hütten bauen, dir eine, Moses eine und Elias eine!" Er meinte, sie brauchten keinen anderen Him-. mel. Es sei ja alles so selig und süß, und unter den Hütten verstand er Orte der Ruhe und Ehre, Wohnungen der Heiligen. Er sprach dieses aber im Taumel seiner Freude und in einem entrückten Zustand, ohne zu wissen, was er sagte.
Indem er aber so sprach, sah ich eine weiße, lichte Wolke, wie der Tau morgens über den Wiesen schwebt, über sie kommen und sah über Jesu den Himmel offen und das Bild der Heiligen Dreifaltigkeit, wie ich es in manchen Fällen sehe, da Gott Vater auf einem Thron wie ein hohepriesterlicher Greis erscheint und zu seinen Füßen allerlei geordnete Scharen von Engeln und Gestalten, und ein Strom von Licht ergoß sich auf Jesum, und es kam wie ein süßes, flüsterndes Wehen einer Stimme über die Apostel: "Dieses ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Diesen höret!"
Da kamen Furcht und Zagen über die Apostel, und sie warfen sich mit dem Angesicht auf die Erde und wurden sich erst wieder bewußt, wie sie arme, schwache Menschen seien, und welche Herrlichkeit sie gesehen, und sie zagten vor Jesu, über welchen sie das Zeugnis seines himmlischen Vaters hatten aussprechen hören. -Jesus trat nun zu ihnen und rührte sie an und sprach: "Stehet
auf und fürchtet euch nicht!" Da standen die Apostel von der Erde auf und sahen Jesum allein. Es war etwa gegen drei Uhr des Morgens, und man sah das nahende Tageslicht weiß am Himmel, und die feuchten Tauwolken schwebten über der Gegend unter ihnen. -
290 291
**
292 293
J
Jesus hielt sich nicht länger hier auf als bis etwa neun Uhr morgens. Er ging nicht in den Ort, heilte noch einige Kranke und wanderte sodann mit den Jüngern bei Kana vorüber durch das Tal des Badesees von Bethulien bis nach dem Städtchen Dothaim, drei Stirn-den von Kapernaum, bei welchem Maria Magdalena bekehrt wurde...
12. April 1823J (= 25. Nisan) ~ Tagebuch Bd. VI, Heft 15c I Viertel-Seiten 6~72
Ich habe Jesum und die Apostel und einzelne Jünger am Nachmittag in Bethsaida gesehen. Es sind sehr viele abwesende Jünger, einzelne von der Aussendung, mehrere aber, die zu Hause gewesen waren, zurückgekommen. Sie kamen teils von jenseits aus den zehn Städten und Gergesa über den See an und waren sehr abgerissen und pflegebedürftig. Sie wurden am Ufer sehr liebevoll empfangen und umarmt, und man diente ihnen auf alle Weise. Sie wurden in Andreas' Haus geführt, man wusch ihnen die Füße, bereitete ihnen Bäder, gab ihnen andere Kleidung und richtete ihnen eine Mahlzeit.
Da nun Jesus bei ihrer Bedienung sehr hilfreich selbst Hand anlegte, bat ihn Petrus: "Herr, willst du dienen? Lasse uns dienen!" Jesus sagte aber, er sei ges and t, um zu dienen. Was diesen getan werde, werde seinem Vater erwiesen, und er kam wieder auf die Lehre von der Demütigung, und wer der Geringste sei, allen dienend, werde der Größte sein. Wer aber nicht aus Liebe diene 219 und sich zur Hilfe des Nächsten beuge, nicht, um den bedürftigen Bruder zu laben, sondern um der Erste durch diesen Preis zu werden, der sei ein Gleißner und Augendiener und habe seinen Lohn weg, denn er diene sich, und nicht dem Bruder.
Es waren nun wohl siebzig Jünger zusammen, aber es sind noch viele außer diesen in und um Jerusalem. -Jesus hielt auch den Aposteln eine sehr tiefsinnige und wunderbare Lehre, die ich ganz gehört, in welcher er deutlich aussprach, daß er nicht von einem Manne erzeugt sei, sondern aus dem Heiligen Geiste, und er sprach dabei mit einer großen Verehrung von seiner Mutter. Er nannte sie das reinste, heiligste, auserwählte Gefäß, nach welchem Jahrtausende in den Herzen aller Frommen mit den Zungen aller Propheten gebetet und geseufzt hätten. Er legte ihnen das Zeugnis seines himmlischen Vaters bei seiner Taufe aus. Das Zeugnis auf Thabor erwähnte er nicht. Er sprach von der glücklichen und heiligen
Zeit, seit er lebe, und wie die Verwandtschaft der Menschen mit Gott durch ihn wiederhergestellt sei. Er sprach auf eine sehr flefsinnige Weise vom Fall der Menschen und ihrer Trennung vom himmlischen Vater, von der Macht der bösen Geister und des Satans über sie, und wie durch seine Geburt aus der reinen, lang ersehnten Jungfrau das Reich und die Kraft Gottes unter die Menschen mitten in das Leben eingetreten sei en, und wie sie durch ihn und in ihm wieder alle in die Kindschaft Gottes aufgenommen seien. Durch ihn sei das natürliche und übernatürliche Band, die Brücke zwischen Gott und Mensch wieder errichtet. Wer aber hinüberwolle, müsse mit ihm und in ihm hinüber, müsse aber das Irdische und die Lust dieser Welt zurücklassen. Er sprach auch, wie die Macht und der Teil der bösen Geister an der Welt und den Menschen durch ihn gebrochen sei, und wie alles durch diese Macht über die Menschen und die Natur gekommene Weh durch die innige Vereinigung mit ihm im Glauben und in der Liebe in seinem Namen könne zerbrochen werden...
Er sprach sehr ernst und feierlich hiervon. Sie verstanden nicht alles und waren erschüttert, weil er von seinem Leiden sprach. Die drei, welche mit Jesu auf dem Thabor gewesen, waren seither immer sehr ernst und nachdenkend. Alles dieses geschah unter und nach dem Sabbath. Die Jünger herbergten teils im Heilhaus in Kapernaum, teils in Petri Haus vor der Stadt. Sie wurden alle aus gemeinsamen Mitteln, schier wie Klosterleute, beköstigt.
13.-~4. April J1823 (= 26.-27. Nisan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i~c / Viertelseiten 73-75
Ich erinnere mich nur, daß Jesus heute am Sonntag mit seinen Jüngern nördlich von Kapernaum gegen den Berg zu, wo er die Apostel zuerst aussandte, ungefähr zwei Stunden weit bei den kornschneidenden Bauern und den Hirten umherzog und die Jünger und diese Leute abwechselnd lehrte. Man war mit der Ernte beschäfrigt. Das Getreide war mehr als mannshoch. Sie schnitten es in bequemer Höhe, etwa einen halben Arm lang ab. Die Ähren waren viel größer und dicker als bei uns, und damit die Halme nicht niedersanken, waren die Felder in nicht großen Stücken mit Stangenzäunen umfaßt. Sie hatten eine Art von Sicheln, welche mehr dem Haken eines Krummstabes als unseren Sicheln glichen, in der rechten Hand und schnitten eine Masse 21ß von Halmen, die sie mit der Linken hinterfaßten, so gegen sich, daß sie ihnen in den Arm fielen. Diese
294 295
banden sie in kleine Garben mit dem Getreide selbst. Es war eine schwere Arbeit, ging jedoch ziemlich geschwind. Alles, was nieder-fiel, gehörte nachfolgenden armen Ährenlesern.
Jesus lehrte diese Leute in den Ruhepausen, indem er sie fragte, wieviel sie gesät, wieviel sie geerntet, wem das Getreide gehöre, wie ihr Boden sei, wie sie ihn bearbeitet, und knüpfte Parabeln daran vom Säen, vom Unkraut, vom Weizenkömlein, vom Gericht und Verbrennen des Unkrauts. Er lehrte auch die Jünger, wie sie so wieder lehren sollten, und machte die Lehre ihnen wieder zur Lehre, indem er die Ernte geistlich auslegte, sie seine Sämänner und Schnitter nannte und ihnen sagte, daß sie sich jetzt das Saatkorn sammeln müßten an Schätzen künftiger Fruchtbarkeit, weil er nicht lange mehr bei ihnen sein w e rde! Die Jünger waren sehr bange und fragten, er werde doch wohl noch bis Pfingsten bei ihnen bleiben. Da sagte Jesus zu ihnen: "Was sollte aus euch werden, wenn ich nicht länger bliebe!"
Bei den Hirten knüpfte er auch das Gespräch auf mancherlei Weise an: "Ist dieses deine eigene Herde? Sind dies Schafe mehrerer Herren? Wie hütest du? Warum gehen deine Schafe zerstreut?" usw. fragte er und knüpfte seine Lehre vom verlorenen Schaf, vom guten Hirten dabei an. Sie übernachteten in einem Hirtenlager unter Lehre und Gebet.
15. April 1823 (= 28. Nisan) / Tagebuch Bd. VI, Heft i5c 1 Viertel-Seiten 77-80
Lekkum ist ein kleiner aber nahrhafter Ort. Er liegt etwa eine halbe Stunde vom Jordan und ein paar Stunden von seinem Einfluß in den See. Die Einwohner sind alle Juden, nur an den äußersten Enden wohnen wenige arme Heiden in Hütten, solche, welche manchmal von den Karawanen zurückbleiben. Alles ist hier sehr tätig mit der Baumwollzucht beschäftigt. Sie bereiten sie auch aus dem Rohen zum Gespinst und weben und machen auch Decken und einige Zeuge. Bis auf die Kinder arbeiten sie dergleichen.
Es war heute hier die Bewillkommungsfeier für die Rückkehrenden aus Jerusalem, wie neulich zu Kapernaum. Die Straßen waren mit Laubgewinden und Blumen geschmückt. Die Rückgekehrten besuchten alle Häuser der Freunde. Die Schulen kamen ihnen entgegen.
Jesus war in vielen Häusern bei alten Leuten und heilte einige Kranke. Auf dem Markt des Ortes hielt er vor der Synagoge eine
sehr große Lehre, zuerst an die versammelten Kinder, welche er auch liebkoste und segnete, und so auch ... an Jünglinge und Jungfrauen, die mit ihren Lehrern da waren wegen der allgemeinen Feierlichkeit, und nachdem diese nach Hause gegangen waren, lehrte er abwechselnde Haufen von Männern und Frauen sehr schön und tiefsinnig von der Ehe in allerlei Vergleichen. Ich kann das nicht so wieder-sagen, auch bin ich zu krank. Er sprach aber, die menschliche Natur sei mit vielem Bösen vermischt. Durch Gebet und Entsagung werde dieses ausgeschieden und unterworfen. Wer seiner wilden Lust folge, der säe wilde Lust, und das Werk folge uns nach und klage einst seinen Urheber an. Unser Leib sei ein Ebenbild des Schöpfers, und der Satan wolle es in uns zerstören. Das Überflüssige bringe Sünden und Krankheit hervor. Alles Überflüssige werde Mißgestalt und Greuel. Er ermahnte sie zur Keuschheit, Mäßigkeit und Gebet. Enthaltung, Gebet und die Zucht der Eltern haben die heiligen Männer und die Propheten hervorgebracht. Er erklärte dieses alles durch Vergleiche mit dem Säen des Getreides und dem Reinigen des Acker~ von Unkraut und Steinen (Sinnlichkeit, Laster und Unfruchtbarkeit der Seele), mit dem Ruhen des Ackers in Frieden, mit dem Segen Gottes auf einemJ Acker, der rechtmäßig erworben sei, auch haupt-sachlich in ausführlichen Darstellungen vom Weinbau, vom Beschneiden der Reben, als Beschneiden des wilden Triebes in uns, aus welchen wilden Trieben lauter Holz und Laub und keine Trauben kämen, böse unnütze Kinder, welche keinen Segen brächten, Unkraut, das den Weizen ersticke. Er sprach auch von edlen Reben, von frommen Familien, von gebesserten Weinbergen, veredelten bekehrten Geschlechtern usw. Er lehrte von ihrem Stammvater Abraham und seiner Heiligkeit und von dem Bunde der Beschneidung, und wie alle seine Nachkommen nun wieder verwildert seien durch ihre Unbändigkeit und häufige Vermischung mit den Heiden, und sprach vom Herrn des Weinbergs, und wie er seinen Sohn sende, und wie es diesem gehen werde, usw.
Die Leute waren alle sehr bewegt, und viele weinten. Die meisten verstanden ihn nicht. Viele aber waren doch innerlich zum Guten bewegt. Diese Lehre tat er haupts~chlich, weil sie gar nicht von solchen Geheimnissen unterrichtet wurden und in der Ehe sehr zügellos lebten, und weil sie sich während der Reise nach Jerusalem und der österlichen Zeit meist von ihren Frauen enthielten und diese Enthaltung nun zu Ende ging. So ermahnte er sie überhaupt zu einem weisen Gebrauch der Ehe in Zucht und Maß und sagte ihnen auch,
296
297
daß die Ehe und die fleischliche Lust derselben für heilige Eheleute eine Erinnerung an den Fall und tierischen Stand der Menschen und ein Werk der Buße sei.
Er lehrte die Leute auch über die wesentliche Wirkung des guten Willens in Gebet und Entsagung und über die Mitwirkung. Er sagte ihnen, was sie sich selbst abbrächen an Speise und Trank und über-flüssigem Wohlstand, sollten sie vertrauensvoll in die Hände Gottes geben mit der Bitte, er möge es den armen Hirten in der Wüste oder anderen Armen zukommen lassen, und der Vater im Himmel werde als ein treuer Haushalter ihr Gebet erhören, wenn sie selbst als treue Knechte das, was er ihnen überflüssig gegeben, den Armen mitteilten, die ihnen bekannt seien oder die sie hebend aufsuchten. Dieses sei das treue Mitwirken, und Gott arbeite mit seinen treuen, glaubenden Knechten. Er führte dabei ein Gleichnis an vom Palmbaum oder einem anderen Baum, welcher dem von ihm getrennten Geschlecht Nahrung und Gedeihen zuführe durch seine Liebe unt' Sehnsucht, ohne ihn zu berühren.
Sie gingen gegen Abend über den Jordan nach Bethsaida-Julias.
20. JApril 1823 (= 3. Jiar) / Tagebuch Bd. VI, Heft 15C 1 Viertel-Seiten 85-86
Jesus zog mit den Jüngern in der Gegend Genezarech umher, lust-wandelnd und lehrend, und sandte eine große Anzahl Jünger aus, um das Volk zu einer Lehre von mehreren Tagen auf den Berg über Gabara einzuladen, welche er am Mittwoch daselbst beginnen wollte. Ich hörte die Bestimmung dieses Tages auf eine andere Art, die ich jetzt nicht weiß, aber im Schlaf weiß ich sie. Ich weiß aber, daß es der künftige Mittwoch war. Er 5 and te die älteren Jünger in einem weiten Umkreis aus, und es fuhren auch viele über den See zu den Gergesenern und nach Dalmanutha und in die Dekapolis. Sie sollten alles einladen. Er werde nicht mehr lange bei ihnen sein, sie sollten so viele mitbringen, als kommen könnten. Es gingen an vierzig Jünger hinaus. Die zuletzt zurückgekehrten jüngeren behielt er bei sich und fuhr fort, sie zu lehren. Auch die Apostel blieben bei ihm.
Das Land Genezareth ist eine wunderschöne Gegend zwischen Tiberias und Tarichäa am See beginnend, etwa vier Stunden von Kapernaum. Sie zieht sich vom See etwa drei Stund en Weg ins Land und südlich um Tarichäa herum bis zum Jordanausfluß. Das reizende Tal mit dem Badeseechen bei Bethulien hängt damit zusammen, und der Bach, der den Badesee bildet, und andere Quellen fließen durch Genezareth ins Galiläische Meer. Durch Kunst bildet dieser Bach mehrere kleine Lustteiche und Wasserfälle in dem Land Genezareth, welches aus einer zusammenhängenden Reihe von Lust-gärten, Lusthäusern, Schlössern, Tiergärten, Alleen, Wein- und Obstpflanzungen besteht und das ganze Jahr voller Früchte und Blüte nJ aller Art ist.
Viele reiche Leute des Landes und auch von Jerusalem haben hier Lustgüter und Gärten. Auch Herodes hat ein Schloß und einen Tiergarten hier. Alles ist angebaut und verziert, und allerlei künstliche Anlagen und Gänge, grüne Labyrinthe und Hügel, wie Pyramiden mit Wegen umwunden, sind hier. Es sind keine größeren Orte darin, und die Bewohner sind die Gärtner und Hirten dieser Güter, deren Herden aus seltenen, ganz feinen Schafen und fremden, feinen Ziegen bestehen. Auch sonst allerlei schöne feine Tiere und Vögel werden hier ge halten.
Es geht keine Landstraße durch diese Gegend, aber zwei Straßen schließen sie ein, eine vom See und eine vom Jordan her.
Jesus habe in dieser Gegend übernachtet und bei den Hirten, wo er die Jünger lehrte, Brot, Honig, Früchte und Fische gegessen.
25. April 118231 (= 8. Jjar) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 15c / Viertelseiten
98-108
... Zu Machärus war man sehr beschäftigt, aufzuräumen und zu bauen. Ich meine, man rüstete sich zu einem Krieg. Es wurden allerlei Bauwerke, die zu Herodes' Hofleben hier gedient hatten, allerlei Gerüste und Geräte weggeschafft und alles mehr für Soldaten und Verteidigung eingerichtet. Die Gräben wurden gefegt und ausgebessert, die Mauern verändert und allerhand neue Anlagen umher gemacht.
Ich sah etwas Seltsames dabei, das ich nicht mehr recht verstehe. Man machte allerlei Gruben umher und füllte sie mit brennbaren Sachen an und deckte sie zu und stellte Biume darüber, daß man sie gar nicht kennen konnte, und man konnte dieses heimlich anzünden, daß alles wie Sand weit auseinanderschlug und einstürzte. Solche Anstalten wurden in weitem Umkreis um die Mauern gemacht.
Es waren sehr viele arme Leute hier, welche, was abgerissen wurde, erhielten und wegtrugen. Viele suchten auch in dem Graben Holz
298 299
und große Gebeine und allerhand Geräte und führten den Schlamm auf ihre Felder. Unter diesen armen Leuten befanden sich in unerkannter Verkleidung verwandte Frauen des... Täufers. Es waren die Tochter Helis, Elisabeths Schwestermauns aus Hebron, und andere dabei, auch die Magd der Johanna Chusa, überhaupt etwa sechs Frauen, darunter einige jerusalemsche, auch ein paar Knechte. Sie trieben sich schon mehrere Tage hier unter den Suchenden und Arbeitenden herum, bis endlich der tiefe, enge, steile Graben gereinigt wurde, in welchem sie, ich meine durch Offenbarung, Johannis Haupt geworfen wußten. Sie beteten alle Nacht und fasteten und flehten zu Gott, es zu finden.
Der Grund dieses Grabens war wegen des Berges aufsteigend, und das ganze untere Ende war schon gereinigt und ausgeleert. Da mußte man an hervorspringenden Steinen zu einer höheren Stelle aufklettern, zu der Stelle, wo die Knochen aus der Küche herab-geworfen wurden und wo Johannis Haupt lag. Es war da ein ganzer hoher Haufen von allerlei Auswurf und Knochen. Man mußte sehr weit in den Graben hineingehen bis an diese Stelle.
Als die Arbeiter zum Essen gegangen waren, ließen einige er-kaufte Leute die Frauen in den Graben hineingehen und blieben an dem Eingang zurück. Der Graben war rein bis zu jener Stelle, wo jedoch nur trockener Abfall und Wust lag.
Sie beteten fortwährend, Gott möge sie das heilige Haupt finden lassen, und stiegen mit Mühe hinan. Da sahen mehrere das Haupt auf einem vorspringenden Stein aufrecht auf dem Hals stehen, als schaue es ihnen entgegen, und sie sahen einen Glanz wie zwei Flammen dabei. Sie hätten sich sonst irren können, denn es lagen noch andere Menschenköpfe in der Kloake. Das Haupt war traurig anzusehen. Das braune Gesicht war mit Blut überronnen, die Zunge, welche Herodias durchstochen, sah aus dem offenen Mund hervor, die gelben Haare, bei welchen es die Henker und Herodias gefaßt hatten, standen starr emporgesträubt. Die Frauen hüllten es in ein Tuch, das sie darüberwarfen, und schoben es in einen Schlauch und eilten nun mit bangen Schritten mit ihrem Schatze hinweg.
Sie gingen zur rechten Zeit, denn kaum hatten sie eine Strecke Wegs gemacht, als wohl tausend Soldaten des Herodes nach dem Schlosse zogen und die paar hundert ablösten, die darauf waren. Sie versteckten sich vor denselben in einer Höhle.
Als sie aber ihren Weg durchs Gebirge weiter fortsetzten, fanden sie einen Soldaten, der durch einen Fall am Knie schwer verwundet auf dem Wege ohnmächtig liegengeblieben war. Es waren hier schon der Vetter des Zacharia s 221, der Levit Zacharias und ein paar Essener bei ihnen, die ihnen entgegengegangen waren. Ich sah, daß sie sich mitleidig um den Verwundeten bemühten, und da sie ihn nicht erwecken konnten, legten sie Johannis Haupt in dem Schlauch zu ihm. Da erwachte er sogleich, konnte sich aufrichten und sprach, er habe den Täufer gesehen, der ihm geholfen habe. Sie waren sehr gerührt darüber und wuschen seine Wunde mit Öl und Wein und brachten ihn in der Nähe in eine Herberge, ohne ihm jedoch etwas von Johannis Haupt zu sagen.
Nun sah ich sie ebenso ziehen und sich einsam halten, wie bei Johannis Leichenabholung. Ich sah sie am folgenden Tag das Haupt zu den Essenern bei Hebron bringen, wo einige kranke Essener, damit berührt, auch wieder genasen. Die Essener sah ich sodann das Haupt reinigen und kostbar balsamiert mit ähnlicher Leichenfeier wie früher zu dem Körper ins Grab bringen. Die Verehrung heiliger Gebeine habe ich immer besonders bei den Essenern gesehen. Sie hatten heilige Gebeine der Altväter und Propheten köstlich verziert in Baumwolle gewickelt in Gewölben in den Mauern bewahrt und deren Heilkraft oft erfahren. Auch war bei den Jüngern Jesu und anderen erleuchteten frommen Juden zu dieser Zeit der Begriff von Verunreinigung durch die Toten gar nicht wie bei den Pharisäem. -Soweit erinnere ich mich dieser Begebenheit.
Lazarus und die heiligen Frauen nahmen heute abend noch von Jesu Abschied. Lazarus war bei den öffentlichen Lehren Jesu nicht gegenwärtig gewesen, denn er hielt sich seiner Verhältnisse in Jerusalem wegen immer etwas zurück...
Heute morgen ganz früh reisten Lazarus und die heiligen Frauen nach Haus. Jesus aber ging mit den Aposteln aus der Herberge zu den Kranken, deren Hütten und Zelte teils in die Nähe der Herberge schon gestern abend gebracht worden waren, teils lagen sie auch noch in den Lagern des Volks am Fuße des Lehrberges. Die Apostel und Jesus heilten alle Anwesenden, und sie gingen nicht eher von dannen, bis alle die Kranken wieder auf den Beinen waren. Die Jünger und Frauen teilten noch den Rest der Nahrungsmittel und Kleider und Zeuge unter sie aus. Die Genesenden und ihre Freunde erfüllten die Luft mit ihren Dankpsalmen, und alle machten sich auf den Weg, um vor dem Sabbath noch ihre Wohnorte zu erreichen...
Jesus aber zog nach Garisima, etwa eine Stunde nördlich von Sephoris, auf der Höhe am Ende des Tals gelegen. Er sfandte Jünger
300
301
voraus, die Herberge zu bestellen. Er ging der Kranken wegen auf einem Umweg dahin, und in' sah ihn und seine Schar in einem kleinen Ort Kapharat bei Jota 0 ata eine Weile einkehren. Es lag von seiner Herberge rechts, auf dem Weg aber, den er jetzt ein-geschlagen, links, nachdem sie noch nicht lange gewandelt waren. Die Straße von Kap e maum nach Jerusalem führte hier durch, und ich habe Jesum und die Seinen schon öfter da gesehen. Hier in der Gegend war auch Saul kurz vor den Besuchen bei der Hexe von Endor und der unglücklichen Schlacht herumgestreift. Ich weiß nicht mehr bestimmt, was hier vorging, außer, daß er mit einigen wohlgesinnten Pharisäem von Garisima, die von Jerusalem nach Hause zurückkehrten, hier zusammentraf, welche ihn unter anderem vor Herodes warnten, weil sie in Jerusalem und unterwegs gehört hatten, er wolle ihn fangen lassen und ihm tun wie Johannes. Auch diesen sagte Jesus, daß er ohne Furcht vor Herodes, dem Fuchs, tun werde wie bisher, wozu ihn sein Vater ges and t habe, usw. Ich weiß nicht, ob dieses die Stelle des Evangeliums war, wo er Herodes einen Fuchs nannte.
Er verweilte nicht lange hier und zog etwa fünf Stunden Wegs von hier bis Garisima, eine Stunde von Sephoris. Der Ort liegt hoch und ist von Weinbergen unterbrochen 222 Er hat die Morgen- und etwas Mittagssonne, von Abend und Norden aber Schatten. Seine vorausgesandten Jünger kamen ihm schon eine Strecke Wegs entgegen. Er hatte seine Herberge vor dem Ort. Sie waschen sich die Füße, nahmen den Imbiß, und Jesus lehrte dann in der Synagoge am Sabbath aus dem Levitenbuch und aus Ezechiel. Er hatte keinen Widerspruch hier, und alle staunten aber über seine Kenntnis des Gesetzes und seine wunderbare Auslegung. Nach der Lehre hatte er eine Mahlzeit mit den Seinen allein in der Herberge. Es waren einige Verwandte von ihm aus der Gegend von Sephoris hier, die mit aßen. Es waren Söhne von ihnen unter den Jüngern. Auch hier hat er von seinem nahen Ende gesprochen. Ich meine, er wird nach dem Sabbath die Apostel und die Jünger aussenden und dann vielleicht nach Zypern gehen.
~. Mai 1823J (= 15. Jjar); erzählt
25. Oktober / Tagebuih Bd. VI, Hefi i6a / Viertelseiten 31-34
... Von hier 223 gingen alle mit Jesu zur Synagoge, den Sabbath zu schließen, und er lehrte abermals von Opfern, aus dem III. Buch
, Moses'und aus Ezechiel. Er sprach ganz wunderbar süß und ein-
dringend und legte die Cesetze Moses' alle auf die jetzige Erfüllung ihrer Bedeutung aus. Er sprach vom Opfer eines reinen Herzens, und wie die tausendfachen Opfer nichts mehr nützen könnten. Man müsse seine Seele reinigen und seine Leidenschaften zum Opfer bringen. Er schob keine Anordnung des Gesetzes beiseite, als verwerfe er etwas. Er löste alles auf und machte das Gesetz durch die Er-klärung seines Inhalts nur noch ehrwürdiger und schöner. Er bereitete zugleich zur Taufe vor und ermahnte zur Buße, denn die Zeit sei nahe.
Seine Reden und sein Ton waren hier wie immer gleich lebendigen, warmen und tief eindringenden Strahlen. Er redete immer ungemein ruhig und kräftig, nie sehr schnell, außer manchmal mit den Phansaern. Dann waren seine Worte wie scharfe Pfeile und seine Stimme Strenger. Der Ton seiner Stimme ist ein sehr wohlklingender Tenor, ganz rein und abgesondert. Man hört ihn vor allen Stimmen aus einem großen Geräusch deutlich heraus, ohne daß er schreit. Die Lektionen und Gebete werden in den Synagogen in einem singenden Ton rezitiert, auf die Art wie die Chorgesänge und Messen der Christen, und manchmal singen die Juden auch wechselweise. Jesus las die Lektionen auch so.
1frommer zu
Nach Jesu begann noch ein alter Lehrer der Versammlung zu sprechen. Er hatte einen langen weißen Bart, war hager, aber von freundlichem, frommem Angesicht. Er war nicht von Salamis, er war ein wandelnder, frommer, alter und armer Lehrer, der auf der Insel von Ort zu Ort zog, die Kranken besuchte, die Gefangenen tröstete, für Arme sammelte, die Unwissenden und Kinder lehrte, Witwen tröstete und in Synagogen lehrte. Dieser Mann wurde wie vom Heiligen Geist ergriffen und hielt an das Volk eine Rede zum Zeugnis Jesu, wie ich es nie von einem Rabbiner offentlich gehört. Er führte ihnen alle Wohltaten des allmächtigen Gottes gegen ihre Väter und sie selbst hintereinander an und forderte sie zum Danke auf, daß er sie die Ankunft eines solchen Propheten und Lehrers hatte erleben lassen, ja, daß dieser sich sogar erbarme, zu ihnen außer dem Heiligen Lande zu kommen. Er erwähnte das Erbarmen Gottes mit ihrem Stamm, denn sie waren aus Isaschar, und forderte sie zur Buße und Bekehrung auf. Ich erinnere mich, daß er sprach, Gott werde nicht so streng jetzt sein, als da er die Anbeter und Verfertiger des Goldenen Kalbes geschlagen. Ich weiß den Zusammenhang nicht mehr davon, vielleicht, daß viele aus
302 303
Isaschar unter jenen Götzendienern gewesen sind. Er sprach auch gar wunderbar von Jesu und sagte, wie er ihn für mehr als einen Propheten halte, wie er nicht zu sagen wage, wer der sei, wie die Erfüllung der Verheißungen nahe sei, wie alle sich selig preisen sollten, solche Lehren aus solchem Munde gehört, und die Hoffnung, den Trost Israels erlebt zu haben.
Es war eine große Rührung unter dem Volk. Viele weinten vor Freude. Es geschah dieses in der Gegenwart Jesu, der unter seinen Jüngern ruhig beiseite stand.
Jesus ging nachher mit den Seinen das Nachtmahl bei dem Ältesten zu halten, und das Gespräch war sehr lebhaft. Sie forderten ihn auf, bei ihnen zu bleiben. Sie sprachen von den Worten einiger Propheten, von Verfolgungen und Leiden, die man auf den Messias deute. Das werde doch an ihm nicht geschehen sollen. Sie fragten ihn, ob er der Vorläufer des Messias sei. Er aber sprach von Johannes, und daß er hier nicht bleiben könne.
Ein Anwesender, der mit in Palästina gewesen, kam auf den Haß der Pharisäer gegen ihn zu reden und sprach hart gegen dieselben. Jesus aber verwies ihm seine Härte und sprach entschuldigend und ablenkend.
6. !Mai 18231 (=19. fJjarJ); naaierzahlt am 31. Okto~er 1823 1 Tagebuöi Bd. VI, Heft i6a / Viertelseiten 63-70; 73-78
Heute am ganzen Morgen wurde am Brunnen von den Jüngern getauft. Ich sah Jesum an verschiedenen Stellen hier und bei den Wasserleitungen lehren. Er lehrte noch hauptsächlich Emteparabeln und vom täglichen Brot, vom Manna, vom Brot des Lebens, welches kommen werde, vom Einen Gott, usw.
Es wurden auch die Arbeiter haufenweise zur Ernte verteilt, und ich sah ihn die vorüberziehenden Scharen lehren. Die Leute, welche hier in Zelten lagen, waren Juden, die um Jesu willen hergekommen waren. Sie hatten auch Kranke mitgebracht auf ihren Lasttieren, und diese waren heute auf Tragbetten unter Zeltdecken und Bäumen in der Nähe des Lehrplatzes ausgestellt. Jesus heilte wohl an zwanzig Lahme und Gichtkranke.
Gegen zehn Uhr sah ich Jesum von verschiedenen gelehrten heidnischen Männern ansprechen, welche teils seine gestrige Lehre an-gehört hatten. Sie baten sich über verschiedenes seine Erklärung aus und hatten, mit ihm in der Nähe der Wasserleitungen auf allerlei
Lustwegen wandelnd, ein langes Gespräch von ihren Göttern besonders von einer Göttin, die hier aus dem Meer gestiegen sei, und von der mit dem Fischleib im Tempel, welche Derkato heißt. Auch fragten sie von einer Erzählung, welche unter den Juden umgehe, von Elias, der habe eine Wolke aus dem Meere steigen sehen, und es sei eine Jungfrau gewesen. Sie möchten wissen, wo sie nieder-gefallen sei, denn aus ihr solle ein König und Helfer der ganzen Erde kommen, und nach den Rechnungen sei jetzt die Zeit. Auch mischten sie eine Geschichte darunter von einem Stern, den ihre Göttin habe auf Tyrus fallen lassen, und ob das woM jene Wolke sei.
Einer sagte, man rede jetzt von einem Schwärmer in Judäa, welcher die Wolke des Elias und die Zeit benütze und jener König zu sein vorgebe. Jesus tat nicht, als wenn er dieses sei, aber er sagte doch: "Jener Mann ist kein Schärmer, der Falsches vorg ibt. Man rede viel Unwahres von ihm, und der Sprecher selbst sei auch übel von ihm berichtet. Aber es sei jetzt die Zeit, da die Propheten er-füllt würden.
Der Fragende war ein schlechtgesinnter Mann, ein Schwätzer. Er ahnte nicht, daß er mit Jesu rede, den er verleumde, er hatte nur allgemein von ihm gehört.
Es waren diese Männer Philosophen, welche die Wahrheit ahnten und ein Gemisch von Glauben an ihre Götter hatten und sie doch auch wieder auflösen wollten in allerlei Bedeutungen. Es waren aber alle diese Personen und Götzen, welche sie erklären wollten, so durcheinandergekommen und vermischt, und daß sie gar noch die Wolke des Elias und die Mutter Gottes, von der sie jedoch nichts wußten, mit in den Wirrwarr hineinziehen wollten!
Sie nannten ihre Göttin auch die Königin des Himmels. Sie sprachen von ihr, wie sie alle Weisheit und Lust auf die Erde gebracht, wie ihre Anhänger sie nicht mehr erkannt, wie sie alles vorhergesagt habe, auch daß sie ins Wasser werde hinabsteigen und als ein Fisch wiederkehren und ihnen dann ewig nahe sein, und wie das auch geschehen sei, usw. Ihre Tochter, die sie im heiligen Dienst empfangen, sei Semiramis, die weise, allmächtige Königin von Babylon, usw.
Es war wunderlich, daß ich die ganze Geschichte jener Göttinnen, während sie sprachen, ganz so sah, wie sie wirklich entstanden und gelebt, und ich war daher immer ganz ungeduldig, den Philosophen ihren groben Irrtum zu sagen. Sie kamen mir so erstaunlich dumm
304
3Q~
vor, daß sie das nicht auch sahen, und ich dachte immer: Das ist doch so deutlich, so klar, das will ich nun alles erzählen! Dann dachte ich wieder: Du darfst nicht dreinschwätzen, diese gelehrten Männer müssen es doch besser wissen! Und so zerquälte ich mich während des Gesprächs mehrere Stunden, und jetzt weiß ich nichts mehr ordentlich davon.
Jesus legte ihnen ihre ganze Verwirrung und Torheit auseinander. Er erzählte ihnen die Geschichte der Schöpfung, von Adam und Eva, dem Sündenfall, von Kam und Abel, über die Kinder Noä den babylonischen Turmbau, die Ausscheidung der Bösen und das Steigern in ihrer Gottlosigkeit, und wie sie den Zusammenhang mit Gott, von dem sie abgefallen, wieder herzustellen, allerlei Götter erfanden und vom bösen Geist in die größten Irrwege gebracht wurden, wie aber die Verheißung vom Samen des Weibes, der der Schlange das Haupt zertreten solle, durch alles zauberisches Dichten, Trachten und Wirken durchgehe und daher die vielen Figuren auftreten, welche der Welt Heil bringen sollten und nichts als größere Sünde und Greuel aus der unreinen Quelle brächten, aus der sie selbst geschöpft worden.
Er sprach von der Absonderung Abrahams und der Erziehung eines Stammes der Verheißung, von der Führung, Erziehung und Reinigung der Kinder Israels, von den Propheten, von Elias und seiner Prophezeiung und von der jetzigen Zeit, der Zeit der Erfüllung. Er sprach so einfach und überzeugend und dringend, und es ging einzelnen von den Philosophen viel Licht auf. Andere verwirrten sich wieder in ihren Geschichten.
Jesus sprach bis gegen ein Uhr mit ihnen, und ich meine, einige von ihnen werden glauben und sich bekehren. Sie sind aber in ihren tiefsinnigen Erklärungen von allerlei törichten, verwirrten Dingen gar sehr verwickelt. Jesus hat jedoch ein Licht in ihre Seele geworfen, indem er ihnen nachgewiesen, daß in den gefallenen Menschen-geschlechtern und ihrer Geschichte immer noch eine Spur von den Absichten Gottes mit den Menschen geblieben, und wie sie, in einem Reiche der Finsternis und Verwirrung lebend, allerlei Unformen und Greuel des Götzendienstes ergriffen hätten, welche mitten durch ihre Torheit doch noch den äußeren Schein der verlorenen Wahrheit haben, während Gott sich der Menschen erbarmend aus den wenigen Reinen sich ein neues Volk gebildet habe, aus dem die Verheißung in Erfüllung gehen werde.
Er zeigte ihnen, daß diese Zeit der Gnade jetzt da sei. Wer Buße tue und sich bekehre und die Taufe empfange, der werde neu zu einem Kinde Gottes geboren, usw.
Ich sah während dieses ganzen Gesprächs Bilder von der wirklichen Geschichte der Götzen, welche hier verehrt wurden, und sah sie in einer gewissen Nebenbildlichkeit mit heiligen Erscheinungen von Propheten und wohltätigen Vätern des Menschengeschlechts, so als wenn leeres Stroh neben gutem Weizen aufwächst und die einzelnen Knoten des Halms an beiden ungefähr in gleicher Höhe oder zu gleicher Zeit sich bilden.
Ich sah, als die Kinder Noä sich schon ausgeteilt hatten und Niederlassungen anfingen, unter den bösen Geschlechtern allerlei Zaubergreuel entstehen. Sie verwickelten sich immer mehr in Laster und Greuel und waren in stetem eigenen Dichten und Sinnen. Ich sah einzelne Spuren der heiligen Ehegeheimnisse Noä und Sems in greulicher Mißgestaltung bei ihnen. Ich sah bei ihnen abgöttische, unzüchtige Grübeleien und zauberische Handlungen und Vermischungen, mit Kinderopfern verbunden, um eine heilige, göttliche Rasse 124 zu erzeugen. Ich sah eine große Menge Menschen ganz in ein finsteres, teuflisches Reich versinken, welche in allerlei prophetische, fernsehende Zustände gerieten und nach allen Seiten hin wirkten und verwirrten. Ich sah sie besonders ihre Zaubergaukeleien an Wasserspiegeln treiben, in welche hineinschauend sie wunderbare, glänzende und scheinbare Gesichte hatten. Sie trieben auch ihre Laster meistens bei solchen Wasserspiegeln und verfuhren dabei nach gewissen Prophezeiungen und Stemgesichten. Nach diesen Gesichten übten~ sie Raub und Gewalt an Jünglingen und Töchtern anderer Stämme, die sie in ihren entsetzlichen Religionsgeheimnissen mißbrauchten.
Aus diesen Verbindungen entstanden dann Menschen von schrecklicher Gewalt und sinnlicher Kraft, die sich wieder ganz einem solchen Dienst von Jugend auf opferten, und so erwuchs durch mehrere Geschlechter ein Stamm von gewaltigen zauberischen, sozusagen übernatürlichen Menschen, die in vertrauter Verbindung mit den bösen Geistern die anderen Menschen beherrschten und führten. Sie lebten in einem Rausche, den sie selbst nicht kannten, denn sie waren meistens in einem niederen, tierischen, abgründlichen, magischen, hellsehenden Zustand...
In den ersten Zeiten waren solche Zustände ruhiger und bei vielen. Dann wurden sie in einzelnen ganz gewaltig. Diese wurden
307
**
3o8 309
und sah dabei die kleine Schar Mariä, mit deren Vorbild in der Wolke des Elias diese Philosophen ihren Lügengreuel zusammenbringen wollten, und sah Jesum, die Erfüllung aller Verheißung, arm und geduldig lehrend vor ihnen stehen, und sah ihn dem Kreuz entgegengehen, ach das war mir sehr traurig, und war doch nichts als die Geschichte der Wahrheit und des Lichtes, das in die Finsternis geleuchtet, und das die Finsternis nicht begriffen hat bis auf heutzutage. -Aber unendlich ist die Barmherzigkeit Gottes. Ich habe gesehen,
daß in der Sintflut sehr viele Menschen durch Schrecken und Angst sich bekehrt und ins Fegfeuer gekommen sind, die Jesus bei der Höllenfahrt erlöst hat. Sodoma und Gomorra aber sah ich verlorengehen. Es blieben sehr viele Bäume in der Sintflut auf ihren Wurzeln stehen, die ich nachher wieder grünen sah. Die meisten Leichen wurden verschlämmt und verschüttet...
7. Mai 18231 (= 19.120. ijar); erzählt 1. November 1 Tagebuoi Bd. VI, Heft i6a / Viertelseiten 87-89
Jesus ging heute morgen wieder von Feld zu Feld und lehrte die Arbeiter. Es war ein ganz wunderlicher Nebel heute den ganzen Tag, es konnte einer kaum den anderen sehen. Von oben schimmerte die Sonne wie ein weißer Fleck durch. Es lag wie weiße Tauwolken dick über der Erde. Die ganze Tal- und Fruchtgegend läuft nordöstlich zwischen ansteigenden Höhen in eine Spitze zusammen. Es gibt sehr viele Feldhühner und Wachteln und erstaunlich viele kropfige, große Tauben hier. Auch erinnere ich mich einer Art dicker, grauer, gerippter Äpfel an ausgebreiteten Spalierbäumen mit rotgestreiftem Fleisch, und ich meine acht Kernen, die zwei und zwei zusammen sind.
Jesus lehrte wie gestern Ernteparabeln und vom täglichen Brot.
Er hielt hier keine ordentliche Mahlzeit. Er nahm hierJ und da an Hütten die kleine dargebotene ländliche Bewirtung an. Er heilte mehrere lahme, erwachsene Kinder, welche in einer Art Mulde oder Trog lagen, zwischen Wolle, ich meine auch Schaffellen.
Einige von den Leuten brachen in großes Lob seiner Lehre aus. Er verwies ihnen das und wies sie auf die Gebote Gottes und sagte ähnliche Worte wie: "Denn wer da hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird genommen, auch was er meint zu haben." (Lk. 8, 18) Ich habe es vergessen.
Ich hörte sie auch über allerlei Punkte im Zweifel, worüber er sie belehrte. Sie fürchteten, keinen Anteil am Gelobten Land zu haben. Sie meinten, Moses habe nicht durchs Rote Meer gebraucht, auch nicht so lange in der Wüste umzuziehen, es gebe nähere Wege. Worauf Jesus ihnen entgegnete, das Gelobte Land liege nicht allein in Kanaan. Das Reich Gottes könne man an sich reißen und brauche dann freilich nicht so lang in der Wüste zu irren, und forderte sie auf, wenn sie solches dem Moses vorwürfen, doch selbst nicht in der Wüste der Sünde und des Unglaubens und Murrens herum-zuziehen und den kürzeren Weg einzuschlagen durch Buße, Taufe und Glauben.
Ich kam darüber in ein langes Bild vom Zug in der Wüste und sah, wie viele Israeliten jährlich darin gestorben sind und geboren wu rden, und erstaunte über die Vermehrung. Ich hatte auch die genaue Zahl und vielerlei Ursachen und Bedeutungen, habe aber alles wieder vergessen.
Die Juden haben sich hier in Zypern viel mit Heiden vermischt, doch so, daß die Heiden Juden wurden.
Ich hatte auch ein Bild, warum Jesus nach Zypern gegangen, und sah, daß es um etwa 500 Seelen, Juden und Heiden, geschah, welche teils mit ihm ziehen, teils nachfolgen werden, daß die übrigen aber ihn vergessen werden. Außerdem entstand in dieser Zeit ein Krieg zwischen Herodes und seinem Schwiegervater Aretas, weswegen Machärus befestigt worden ist, und ich glaube, daß Jesus indessen ziemlich vergessen wurde.
Gegen Mittag kamenj Barnabas und einer seiner Brüder mit ein paar jüdisch gesinnten heidnischen jungen Männern zu Jesu. Sie kamen aus der Gegend zwischen Abend und Mitternacht von der Heimat des Barnabas, welche Chytrus heißt und eine ziemliche Stadt ist. Sie kamen Jesum dahin abzuholen zu dem nächsten Sabbath...
12. Mai 1823 (= 25. 1jan) 1 Tagebut" Bd. Vi, Heft i6a / Viertelseiten
12~122
Jesus lehrte heute noch am Bienenort bei Chytrus die Versammlung, welche zuletzt auf ein paar hundert Menschen anwuchs. Als er den Heiden ihre Irrtürner so dringend auseinandersetzte und ihnen das Wesen ihrer Götter schon daraus als sehr erbärmlich darstellte, daß sie dieselben immer in allerlei Bedeutungen auflösen müßten,
310 311
um sie nur ertragen zu können, und sie ermahnte, von ihrem steten Grübeln, Dichten und Trachten nachzulassen und sich in Einfalt an Gott und seine Offenbarungen anzuschließen, ärgerten sich einige Heiden, welche mit Stäben wie wandernde Gelehrte hinzugekommen waren, und sie gingen murrend ihres Wegs.
Jesus sagte, sie sollten sie nur hingehen lassen, es sei besser, als wenn sie blieben und aus dem, was sie hörten, neue Götter machten.
Er sprach auch viel prophetisch von der Zerstörung dieses schönen Landes und dieser Städte und Tempel und von dem Gericht über alle diese Länder. Er sagte, wenn der Greuel am höchsten gekommen, werde das Heidentum zugrunde gehen, und sprach auch viel von der Strafe über die Juden und der Zerstörung von Jerusalem.
Die Heiden nahmen das alles noch besser an als die Juden, welche sich mit Einwürfen immer auf ihre Verheißungen stützen.
Jesus ging mit ihnen alle Propheten durch und legte alle Stellen auf den Messias aus und sagte ihnen, daß die Zeit da sei, und er werde mitten unter den Juden aufstehen, und sie würden ihn nicht kennen. Sie würden ihn verhöhnen und belächeln, und so er es sagte, daß er es sei, würden sie ihn ergreifen und töten.
Das wollte vielen nun gar nicht in den Sinn, und er stellte ihnen vor, wie sie mit allen ihren Propheten getan, und wie sie die Verkündiger behandelt, also würden sie auch dem Verkündigten selbst tun.
Die Rechabiten sprachen viel mit ihm von Malachias, auf den sie viel hielten, und wie man ihn für einen Engel Gottes halte, wie er als ein Kind zu frommen Leuten gekommen und nachher oft wieder verschwunden sei. Auch wisse man nicht, daß er gestorben sel.
Sie sprachen auch viel von seinen Prophezeiungen mit ihm von dem Messias und dessem neuen Opfer, und er legte es ihnen alles aus auf jetzt und die nahe Zeit.
i6. Mai 1823 (=29. Jjarj); erzäh1~ am 8. Novemben Tagebuoi Bd. VI, Heft i6a / Viertelseiten 14~15O
... Bis gegen Mallep hin ziehen sich die an beiden Seiten zerstreut liegenden Höfe des am Ende liegenden Dorfes Lanifa. Alles ist ganz grün und voll der schönsten Blumen und Früchte, die hier wild und geordnet wachsen.
Jesus zog links an der Südseite des Baches hinauf gen Lanifa, wo er mit einer Schar von jüngeren Leuten sprach, die auf dem Weg
1 waren, sich einzuschiffen und auf das Pfingstfest nach Jerusalem
zu kommen. Er befahl ihnen, Lazarus zu grüßen1 aber außer zu
diesem nicht von ihm zu sprechen.
Jesus, weiter wandelnd, überschritt den Bach und kam an dessen Nordseite wieder das Tal herab gen Mallep. Dort drüben berührte er noch ein Dorf, welches einen noch seltsameren Namen hat, den ich soeben wieder vergessen habe.
Es ist lächerlich, daß ich in den Bildern mich immer so über die Namen wundere, und dann dazwischen denke, daß die Namen von unseren westfälischen Dörfern diesen Leuten hier auch seltsam klingen würden.
Ich habe heute morgen und jetzt beim Herausgehen gesehen, daß die Ernte geschlossen ist und die Leute Garben in Haufen zusammen stellen, welche sie den Armen geben wollen.
Jesus lehrt die heidnischen Philosophen den ganzen Weg, bald wandelnd, bald an einem schönen Platz verweilend. Er lehrte sie vom gänzlichen Verderben der Menschen vor der Sintflut, von der Rettung Noahs, von der neuen Verwilderung und der Aussonderung Abrahams und der Führung von dessen Geschlecht bis zur Zeit, daß der verheißene Tröster aus ihnen hervorgehen könne.
Die Heiden baten sich allerlei Erläuterungen aus und brachten manche große Namen von alten Göttern und Helden vor, und was man für Wohltaten von ihnen erzähle.
Jesus sagte ihnen, daß alle Menschen mehr oder weniger natürliche Gnade hätten und mit ihren Gaben manches Bequeme und zeitlich Nützliche und Weise hervorbrächten, daß aber viele Laster und Greuel aus diesen Wirkungen mit hervorwüchsen, und zeigte ihnen die ganze abgöttische Versunkenheit und den teilweisen Untergang jener Völker und die lächerliche, fabelhafte Entstellung ihrer Göttergeschichten, gemischt mit dämonischen Weissagungen und zauberischen Täuschungen, die hineingewebt seien als Wahrheit.
Sie erwähnten auch eines ältesten weisen Königs, der hoch oben hinter Indien hervorgekommen sei und Dschemschid228 heiße und mit einem goldenen Dolche, den er von Gott erhalten, so viele Länder geteilt und bevölkert und überall Segen verbreitet habe, und fragten Jesum über ihn und allerlei Wunder, die sie von ihm erzählten.
Jesus sagte ihnen, daß Ds chemschid2~ ein natürlich kluger und sinnlich weiser Mann und Völkerführer gewesen sei, der einen Stamm Völker, als sie sich nach der Trennung beim Turm von Babel zerstreuten, geführt und Länder nach gewissen Ordnungen mit ihnen besetzt habe, und daß es solche Führer gegeben habe, welche übler gehaust hätten als er, weil seine Rasse nicht so verfinstert gewesen sei. Er zeigte ihnen aber auch, welche Fabeln auf seine Rechnung geschrieben würden und wie er ein falsches Nebenbild und Irrbild des Priesters und Königs Melchisedek sei.
Er sagte ihnen, auf diesen zu schauen und auf Abrahams Stamm, denn als die Ströme der Völker sich bewegten, habe Gott den besseren Familien den Melchisedek ges and t, daß er sie führe und verbinde und ihnen Länder und Wohnstätten bereite, auf daß sie rein erhalten und nach ihrem Wert der Annäherung an die Gnade der Verheißung mehr oder weniger zugewendet würden. Wer Melchisedek gewesen, das möchten sie selbst denken, aber das sei die Wahrheit, er sei ein frühes Vorbild künftiger, jetzt so naher Gnade der Verheißung gewesen, und sein Opfer von Brot und Wein, welches er gebracht, werde erfüllt werden und vollendet und werde bestehen bis an das Ende der Welt.
Jesus sprach so bestimmt und unbestreitbar über Dschemschid230 und Melchisedek, daß diese Gelehrten erstaunt sprachen:
"Meister, wie weise bist du, ist es doch, als habest du in jenen Zeiten gelebt und kenntest alle diese Leute, wie sie sich selbst kaum kannten.~
Er sprach noch vieles von den Propheten mit ihnen, auch von den kleinen Propheten, und besonders von Malachias. Als Jesus von Dschemschid231 sprach, sah ich ein ganzes Bild seines Lebens und will die Bruchstücke, deren ich mich noch davon erinnere, bei Gelegenheit erzählen.2i2
17. Mai 1823J (= 1. Sivan) 1 Tagebuoi Bd. VI, Heft 16a / Viertelseiten
152-155
... Am Morgen setzte Jesus die Lehre vom Jubeljahr und dem Bauen des Feldes und aus Jeremias in der Synagoge fort und ging dann mit den Jüngern und vielem Volk, Juden und einigen Heiden, vor die Stadt gegen Mittag zu, wo ein jüdischer Badegarten aus der Wasserleitung von Chytrus bestand, mit einer schönen Zisterne und Badebecken umher und mit angenehmen Spazierplätzen und langen dunklen Lauben.
Es war hier bereits alles zur Taufe eingerichtet, und viele Menschen folgten Jesu zu einem Lehrplatz bei dem Brunnen. Es waren auch sieben Bräutigame dabei und ihre Führer und Verwandten.
II
Jesus lehrte vom Sündenfall, vom Verderben der Menschen, von der Verheißung, von der Verwilderung und Entartung, von der Absonderung besserer Menschen, vom Wachen über der Vermählung, um die Tugenden und Gnaden der Eltern zu vererben, von der Heiligung der Ehe durch Gesetz, Mäßigung und Enthaltsamkeit. So kam er auf Braut und Bräutigam zu sprechen und nahm ein Beispiel von einer Art von Bäumen auf der Insel, welche von Bäumen weit entfernt, ja übers Meer befruchtet werden, und sagte, so auch werde durch Hoffnung, durch Vertrauen auf Gott und durch Sehnsucht nach dem Heil die Demut und Keuschheit zur Mutter der Verheißung.
In dieser Weise kam er auf die geheime Bedeutung der Ehe als Verbindung des Trösters von Israel mit seiner Gemeinde zu sprechen und nannte die Ehe ein großes Geheimnis. Er sprach so schön und wunderbar darüber, daß ich es nicht zu wiederholen wage. Er lehrte hierauf von der Buße und der Taufe, welche die Schuld der Trennung reinige und austilge2ii und alle fähig mache, an dem Verband des Heiles teilzunehmen.
Er ging auch mit mehreren Täuflingen allein und hörte ihre Bekenntnisse und verzieh ihnen die Sünden und legte einzelnen aus ihnen Enthaltungen und gute Werke auf.
Jakob minor und Barnabas tauften. Es wurden meist alte Leute und einige Heiden getauft, auch die drei geheilten Knaben, die als -blind bei der Taufe ihrer Eltern in Kapernaum nicht getauft worden waren.
Jesus und die Seinen und viele andere nahmen hier noch eine Erquickung zu sich und wandelten dann einen Sabbatherweg nach Tisch gegen Süden der Stadt. Hier fließt der Bach von Lanifa ein Stück um die Stadt und dann zum Meer. Sie mußten ihn überschreiten. Im Tale von Lanifa ist er sehr schmal. Hier ist er aber durch das Wasser aus der Stadt ein ziemliches Bächlein. Die Frauen und Jungfrauen gingen auch auf abgesondertem Weg spazieren.
Jesus war immer lehrend und immer im Bezug auf die getauften Heiden, die etwas abgesondert standen. Nach einer Weile lagerten sie sich um Jesum. Nachher kehrten sie zur Synagoge zurück, und die Sabbathlehre wurde geschlossen.
Nach einem Mahle, das nachher war, brachten einige der Philosophen, die sich näherten und zuhörten, die Frage vor, ob denn Gott die schreckliche Sintflut habe müssen über die Erde gehen lassen, und warum er denn so lange die Menschen auf den Tröster warten
314 315
lasse. Er habe ja das alles ändern und einen schicken können, der alles gut machen könne.
Da lehrte Jesus, daß dieses nicht im Ratschluß Gottes gelegen, und daß er die Engel mit freiem Willen und mit englischen Kräften geschaffen, und daß diese durch Hoffart von ihm ab in ein finsteres Reich gefallen seien, und daß der Mensch zwischen diesem finsteren Reich und dem Reiche des Lichts abermal sJ mit freiem Willen gestanden und sich durch die verbotene Frucht dem finsteren Reiche hingegeben habe, daß aber der Mensch nun mitwirken müsse, ihm helfen und das Reich Gottes herabziehen müsse, auf daß Gott es ihm gebe. Der Mensch habe wollen wie Gott werden durch den Genuß der verbotenen Frucht, und es könne ihm nicht geholfen werden, als wenn der Vater seinen Sohn unter ihnen aufstehen lasse, der sie wieder mit Gott aussöhne. Die Menschen seien aber so verunstaltet in ihrem ganzen Wesen, daß es großen Erbarmens und wunderbarer Führungen bedurft hätte, um das Reich Gottes zur Erde zu führen, indem das Reich der Finsternis im Menschen es zurückstoße. Er sprach auch davon, daß dieses Reich keine weltliche Herrschaft und Herrlichkeit sei, sondern die Erneuerung und Aussöhnung des Menschen mit dem Vater und die Verbindung aller Rechtgläubigen in einem Leib, usw....
22. JMai 1823J (=6. Sivan); erzählt 14. November / Tagebudz Bd. VI, Heft i6a / Viertelseiten 183-186
Man war heute den ganzen Morgen in der Synagoge mit Gebet, Gesang und Lesen des Gesetzes beschäftigt. Auch hielt man eine Art Prozession. Die Rabbiner und Jesus an ihrer Spitze und vieles Volk gingen heraus und in den Gängen um die Synagoge her und standen an verschiedenen Stellen nach den Weltgegenden hin und sprachen den Segen über Land und Meer und alle Gegenden aus. Nach einer Pause von etwa zwei Stunden, um zu essen, kam man nachmittags wieder zur Synagoge, und das abwechselnde Lesen dauerte fort. In einigen Pausen fragte Jesus: "Habt ihr dieses verstanden?" und legte ihnen einige Teile aus. Es wurde der Durchgang durchs Rote Meer und bis zum Gesetz auf Sinai gelesen. Ich aber sah diese Dinge, während sie lasen, und erinnere mich noch an folgendes:
Die Israeliten lagen wohl eine eine Stunde lange Strecke dem Roten Meer entlang in einer Tiefe.~4 Das Meer war sehr breit dort, und es waren mehrere Inseln von einer halben Stunde Länge und halben Viertel- bis Viertelstunde Breite darin. Es war hier voin Landende des Meeres wohl so weit wie von Düimen nach Düsseldorf.
Pharao mit seinem Heer suchte die Israeliten anfangs weiter oben und fand sie durch Kundschafter. Er glaubte sie gewiß in seinen Händen vor dem Meer. Die Ägypter waren sehr erbittert wegen der Mitnahme ihrer heiligen Gefäße und vieler Götzen und Reli~ions~eheimnisse.
Als die Israeliten ihre Nähe vernahmen, waren sie in Todesangst. Moses aber betete und sagte ihnen, sie sollten Gott vertrauen und ihm folgen. Da trat die Wolkensäule hinter die Israeliten und machte einen so dichten Nebel hinter ihnen, daß die Ägypter sie gar nicht sehen konnten. Moses aber trat ans Ufer mit seinem Stab, der zwei Sprossen und oben einen Knopf hatte, und betete und schlug ins Wasser. Da erschienen vor der Mitte des linken und des rechten Flügels des Heeres wie auf dem Meere wurzelnd zwei fußdicke Lichtsäulen, oben mit einer Flammengarbe, die sich in eine Flamme zuspitzte, und ein starker Wind trieb das Meer auseinander, die ganze Breite des Heeres entlang, wohl in der Breite einer Stunde, und Moses wandelte auf dem Meeresboden nieder auf einem sanften235 Abhang, und das ganze Heer folgte höchstens in der Breite von fünfzig Mann.
Anfangs war der Grund etwas schlüpfrig, bald aber gingen sie auf dem sanftesten Grasboden wie auf Teppichen vorwärts. Die Feuersäulen leuchten vor ihnen, und es war alles wie lichter Tag. Das Schönste aber waren die Inseln, über die sie sich ergossen und die wie schwimmende Gärten waren, voll der herrlichsten Früchte und von allerlei Tiere n, die sie einsammelten und mit sich trieben, und ohne dieses würden sie jenseits Mangel an Nahrung gehabt haben. Das Wasser des Meeres war aber an beiden Seiten nicht wie eine Mauer senkrecht durchschnitten, sondern mehr wie Gallerte geronnen.
Sie gingen mit eilendem, vorwärts stürzendem Schritt, wie schwebend, wie einer, der bergab eilt. Es war gegen Mitternacht, als sie hineinzogen.
Die Lade mit Josephs Reliquien ging mitten im Heer. Die Lichtsäulen wuchsen aus dem Wasser empor, schienen zu wirbeln und gingen nicht über die Inseln, sondern darum her. Auf einer gewissen Höhe verloren sie sich in einem Schein. Das Wasser wich nicht auf
316 317
einmal, sondern vor Moses' Schritten wich es, keilförmigen Raum lassend, bis zur völligen Furt. Daher sah man in der Nähe der Inseln bei dem Schein davon Bäume und Früchte sich darin spiegeln. Sie zogen wunderbar in drei Stunden hindurch, da es doch neun Stunden natürlich gebraucht hätte. Eine Stadt lag etwa sechs bis neun Stunden höher am Ufer, die später vom Wasser vernichtet ward.
Um drei Uhr kam Pharao auch zum Ufer nieder und wurde vom Nebel wieder zurückgetrieben. Dann aber fand er die Fährte und rollte mit vielen schönen Wagen hernieder, und sein ganzes Heer eilte nach. Doch Moses, schon jenseits am Ufer, befahl dem Wasser, zurückzukehren, und Nebel und Feuer verwirrte ~ das Heer, und sie kamen alle elend im Wasser um.
Jenseits lobte Israel Gott und erblickte seine Rettung am Morgen. Jenseits wurden die zwei Lichtsäulen wieder eine Feuersäule. Ich kann die Schönheit des Bildes nicht genug beschreiben. -Nach dem Sabbath ging Jesus mit seinen Jüngern noch etwas ins Freie. Die Heiden von Salamis... zogen abends zurück...
23. 1Mai 1823J (=7. Sivan); erzählt 15. November 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i6a / Viertelseiten 19~192
Ich sah die Einwohner heute abermals in der Synagoge, vormittags, und kurze Zeit nachmittags.
Jesus ging am Morgen mit seinen Jüngern in zwei Viertel der Stadt, die er noch nicht besucht hatte. Mehrere Leute hatten ihn bitten lassen. Er heilte mehrere Kranke, Männer und Frauen, welche abgesondert in angebauten Zellen in den Höfen lagen. Er ermahnte und tröstete viele, welche allerlei Herzensleiden hatten. Es gab hier manche melancholische Menschen, die geheimer Kummer verzehrte. Alles war hier so wohl eingerichtet, daß jedes Leiden, wodurch die Ehre verletzt wird, dadurch geheim gehalten wurde. So kamen auch mehrere Frauen heute in befreundeten Häusern zu ihm und fragten, wie sie sich verhalten sollten. Ihre Männer seien ihnen ungetreu, und sie trügen Scheu, sie anzuklagen wegen desJ öffentlichen Skandal s und der schweren Strafe. Sie wunschten Änderung oder geschieden zu werden. Jesus tröstete sie und ermahnte sie zur Geduld und sagte ihnen, wie sie sich verhalten sollten. Sie sollten überlegen, ob sie ihre Männer von ihm selbst oder von seinen ausländischen Jüngern wollten ermahnt haben, damit der Verdacht der
1
Anklage nicht auf sie falle und es im Lande nicht bekannt werde.
Es waren hier viele Leute äußerlich ganz ruhig und heiter, die insgeheim weinten, weil Laster im stillen getrieben wurden. Es wurden ihm auch viele Kinder zum Segnen in die Häuser gebracht. Auch kam er zu mehrerenJ Frauen und Eltern, welche in großen Sorgen um die Ihrigen waren, die zum Fest nach Jerusalem gezogen waren. Es war die Rede erklungen, eine Art Vorgeschrei, in Jerusalem werde es beim Fest wieder unruhig werden, denn Pilatus mache Forderungen an die Juden, und sie wollten sie nicht befriedigen, und er suche einen Vorwand, kurz, es sei dort unruhig. Dieses Gerücht hatte sich von den Reisenden, welche sich nach Jesu Abreise am Taufbrunnen in Chytrus einfanden, verbreitet. Jesus tröstete sie, den Ihrigen werde nichts geschehen, Pilatus habe es nur mit den Gahläern zu tun, auch kämen die Ihrigen zuletzt mit ihrem Opfer wegen der Entfernung. Sie sollten ruhig sein. Es waren wegen der Meuterei am Osterfest diesmal nur wenige Leute von Zypern nach Jerusalem gezogen.
Jesus nahm hier und da bei diesen Leuten einen Bissen, und ich habe keine Mahlzeit heute gesehen
Am Nachmittag ging Jesus in ein großes Haus, wo hinten am Hofe in einem Gang getrennt voneinander viele vornehmere kranke Männer lagen, und auf der anderen Hofseite ebenso Frauen. Er verweilte lange in den Zellen und grüßte und fragte sie einzeln. Es waren auch ganz untröstliche, melancholische Leute darunter, welche weinten. Er heilte etwa zwanzig von diesen Menschen, sagte ihnen, was sie essen und trinken sollten, und wies sie zum Bad. Sie taten das im Haus selbst. Hernach ließ er sie alle zusammenkommen und lehrte zuerst die Frauen und dann die Männer. Dies währte schier bis zum Sabbath, da er sich zur Synagoge begab.
Es ward aber heute gelesen 236 vom Fluch Gottes über die, welche seine Gebote nicht hielten, vom Zehnten, von Abgötterei, von entheiligtem Sabbath usw.
Er legte dieses alles aus und hielt eine so scharfe und furchtbare Strafrede, daß sehr viele Leute ganz zerknirscht schluchzten und weinten. Die Synagoge war überall offen, und seine Stimme tönte so hell und einsam wie keine andere Menschenstimme. Er lehrte besonders gegen jene, welche sich an Kreaturen hängen und von Menschen Hilfe und Lust erwarten.
Er sprach von der unsinnigen Brunst der Geschlechter, und von
318 319
dem teuflischen Zug der Ehebrecher und Ehebrecherinnen zueinander, von dem Fluch der verletzten Eheleute, der dadurch auf die Kinder solcher Vermischung komme, und die Schuld dieses Fluchs falle auf die Ehebrecher. Er lehrte außer diesem noch von vielen Sünden und ihren Folgen. Die Leute waren so erschreckt, daß viele sagten, als die Lehre sich schloß: "Ach, er sprach, als ob der Tag des Gerichtes schon nah sei! "
Er lehrte gegen alles törichte Hängen an äußerem Gut und Glanz, und besonders auch gegen die Hoffart spitzfindiger Gelehrsamkeit und Grübeleien und den Glauben an große Wissenschaft. Er zielte mit beidem auf das Herz jener Ehebrecher, deren Weiber heute bei ihm geweint hatten, und gegen das Treiben mehrerer Schüler von allerlei Wissenschaften und jüdischer Gelehrsamkeit auf einer großen Schule, welche hier war für solche Juden, die nachher auf ihre Wissenschaft weiter reisten. Am Schlusse sagte er, diejenigen, welche Trost und Unterweisung suchten, möchten ihn morgen früh heim-suchen. Er betete in der Nacht.
24. Mai 1823 (= 8. Sivan); erzählt i6. November 1 Tagebuch Bd. VI, Heft 16a / Viertelseiten 193-197
Es waren heute den ganzen Morgen sehr viele Leute in der Herberge Jesu, welche, von seiner gestrigen Lehre erschüttert, Trost und Aussöhnung verlangten. Es waren darunter viele Gelehrte und Schüler von der hiesigen Schule. Sie verlangten Anweisung, wie sie ihr Studieren treiben sollten. Auch kamen sonst allerlei geängstigte Menschen, die in allerlei Händel mit den Heiden verwickelt waren, weil deren Güter an die der Heiden grenzten, die hier in der Nähe Güter und Höfe harten. Es waren aber auch die Männer jener Frauen dabei, welche gestern bei Jesu geklagt hatten, und noch andere im gleichen Verbrechen, über die keine Anklage gekommen. Sie traten einzeln als Sünder vor Jesum, warfen sich vor ihm nieder, bekannten ihre Schuld und flehten um Aussöhnung. Sie waren besonders geängstigt, der Fluch ihrer Weiber möge die unehelichen, sonst unschuldigen Kinder treffen, und fragten, ob dieser Fluch ausgesöhnt und vertilgt werden könne.
Jesus lehrte vieles über den Fluch, und wie er in Sachen der Erzeugung heftig wirke und sich mit dem Fleisch vermische und nur durch große Liebe und Aussöhnung des Fluchenden und durch Buße und Reue des Veranlassers zu tilgen sei. Der Fluch auf Zeugung
320
1
1'
treffe eindringender als auf andere Dinge, auch müsse der Fluch zurückgenommen werden vor dem Priester, der darüber segnen müsse.
Er lehrte vieles hierüber, und wie der Fluch fortwährt in zerstreuten2'7 Nachfolgern. Er sagte auch, der Fluch treffe die Seelen nicht, denn der allmächtige Vater sage: "Alle Seelen sind mein", aber er treffe das Fleisch und zeitliche Gut. Das Fleisch aber sei das Haus und Werkzeug der Seele, und das verfluchte Fleisch mache der Seele große Not und Bedrängnis, welche an der mitempfangenen eignen Bürde schon so schwer trage.
Ich sah bei dieser Gelegenheit viel über das Wesen unehelicher, ehebrecherisch unehelicher und verfluchter Kinder, und über die Nachwirkung des nicht gelösten Fluchs auf die Kinder der Verfluchten, was ich nicht mehr so recht erzählen kann. Der Fluch wirkt verschieden durch die Intention und durch das Wesen der Kinder selbst. Viele Konvulsionäre und Dämonische haben davon ihren Zustand.
Die unehelichen Kinder selbst sehe ich meistens mit zeitlichen sündhaften Vorzügen. Sie haben etwas von jenen, die aus der Vermischung der Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen hervorgingen. Sie sind oft schön, listig, voll Verstecktheit, steter Begierde, sie möchten alles an sich reißen und wollen das doch nicht anerkennen. Sie tragen das Gepräge ihres geheimen, begehrenden, versteckten, verlogenen Ursprungs in ihrem Fleisch, und ihre Seele geht häufig dadurch zugrund.
Nachdem Jesus diese Sünder einzeln gehört und ermahnt hatte, mußten sie ihre Weiber zu ihm senden. Auch diesen sagte er einzeln die Rene der Männer, ermahnte sie zu herzlicher Aussöhnung und gänzlichem Vergessen und Rücknahme des Fluchs. So sie nicht herzlich hierin handelten, komme die Schuld des Rückfalls auf sie. Die Frauen weinten und dankten und versprachen alles. Diese Unterredung geschah mit jeder einzeln.
Mehrere dieser Paare söhnte er heute gleich aus, indem er sie vor sich treten ließ und sie wie neu zu Trauende mancherlei fragte, ihre Hände zusammengab, sie mit einer Bahn Zeug bedeckte und segnete.
Der eine Mann hatte mit einer Heidin in der Gegend zu tun und hatte Kinder von ihr, die in dem jüdischen Kinderhaus hier erzogen wurden. Die Frau nahm ihren Fluch von demselben feierlich zurück, indem sie über der Kinder Haupt vor Jesu ihrem Mann kreuz-
321
weise die Hand reichte, den Fluch zurücknahin und die Kinder segnete.
Jesus gab noch den Ehebrechern eine Buße auf an Almosen, Fasten, Enthaltung und Gebet. Jener, welcher mit der Heidin gesündigt hatte, war ganz verwandelt. Er lud Jesum demütig zur Mahlzeit ein, und der Herr kam auch mit seinen Jüngern zu ihm. Es waren auch noch ein paar Rabbiner eingeladen, und sie, wie alles in der Stadt, waren sehr über dieses Mahl verwundert, denn dieser Mann war als leichtsinnig und weltlich bekannt, der sich eben nicht viel um Priester und Propheten bekümmerte. Er war reich und hatte Feldgüter, die seine Knechte bauten. Das Haus lag bei jenem Krankenhaus, wo Jesus letzthin die Schwermütigen geheilt.
Bei der Mahlzeit kamen zwei Töchterchen des Hauses und gossen Jesu köstliche Salbe auf das Haupt. Nach der Mahlzeit ging en Jesus und alles Volk zur Synagoge, den Sabbaih zu schließen. Er setzte seine gestrige Lehre fort, aber nicht so strenge, und sprach, wie Gott sie doch nicht verlassen wolle, da sie zu ihm riefen.
Zuletzt sagte er ihnen noch von dem Hängen an ihren Häusern und Gütern und ermahnte sie, so sie seiner Lehre glaubten, die große Gelegenheit zur Sünde, in der sie zwischen den Heiden lebten, zu verlassen und im Gelobten Land unter den Ihrigen der Wahrheit zu folgen. Judäa sei groß genug, sie zu ernähren und aufzunehmen, wenn sie auch anfangs unter Zelten leben müßten. Es sei besser, alles zu verlieren, als die Seele zu verlieren, aber sie trieben Abgötterei mit ihren schönen Häusern und Gütern und ihrer Bequemlichkeit zu sündigen. Auf daß das Reich Gottes zu ihnen komme, sollten sie ihm entgegengehen. Sie sollten nicht trotzen auf diese schönen festen Wohnungen in einem lustigen Land, denn die Hand Gottes werde sie hier ereilen, und sie würden alle hier vertrieben und ihre Wohnungen zerstört werden. Er wisse wohl, ihre Tugend sei scheinheilig und ruhe auf Lauigkeit und Bequemlichkeit. Sie stre~ ten nach den Gütern der Heiden und suchten sie durch Wucher, Handel, Bergbau und Heiraten an sich zu ziehen. Sie würden sie aber einst alle verlieren. Er warnte sie auch vor solchen Heiraten mit den Heiden, wo beide Teile lau würden in ihrem Glauben und nur um Gut und Geld und größere Freiheit und Sinnenlust sich verbänden. Alle waren sehr erschüttert und getroffen, und viele baten ihn, morgen mit ihm sprechen zu dürfen.
4
25. JMai 1823J (= 9. Sivan); erzählt 17. November I Tagebuch Bd. VI, Heft i6a / Viertelseiten 19~200
Jesus ist heute bis in die späte Nacht in vielen Häusern gewesen, hat Leute getröstet, ermahnt und versöhnt. Es waren ein paar Frauen bei ihm, welche Kinder im Hause hatten, die unehelich waren. Sie klagten sich selbst an, und Jesus ließ ihre Männer kommen, söhnte sie aus und verband sie. Die Kinder wurden von den Männern angenommen und gesegnet, ohne zu wissen warum.
Es suchten auch viele Leute Trost bei ihm wegen der gestrigen Mahnung, aus dem Heidenland zu ziehen. Jesu Lehre gefiel ihnen ganz wohl, und sie fühlten sich als getrennte Juden sehr geehrt durch seinen Besuch, aber das Nachfolgen und Wegziehen wollte ihnen nicht behagen. Die Juden saßen hier reich und bequem. Sie hatten eine selbstgebaute Stadt, vielen Handel und Anteil am Bergbau. Sie bereicherten sich von den Heiden, waren von den Pharisäern nicht gequält, von Pilatus nicht bedrängt. Sie waren zeitlich in der behaglichsten Lage, aber sie waren der Verbindung mit den Heiden sehr ausgesetzt. Es lagen viele heidnische Güter und Höfe in der Nähe, und die heidnischen Töchter heirateten gern Juden, weil die Frauen nicht so sklavisch behandelt wurden wie bei ihnen, und so lockten sie die jungen Leute auf alle Weise mit Geschenken und Gefälligkeiten und Verführung, und wurden sie auch Jüdinnen, so war es doch kein rechter Ernst. Es war aus unlauteren Absichten, und so schlich en sich leichte Zucht und Lauigkeit in die Familien ein. Unter den letzten Brautpaaren waren auch mehrere Heidentöchter. Die Juden sind hier auch nicht so einfach und gastfrei wie in Palästina. Sie sind mehr eingerichtet und nicht so auf dem Stamme gewachsen. Sie brachten allerlei Skrupel gegen das Wegziehen, und Jesus stellte ihnen vor, daß ihre Väter doch auch Häuser und Felder in Ägypten gehabt und sie gern und willig verlassen. Er bestätigte ihnen sein Wort von ihrem künftigen Unglück hier im Land nochmals. -Seine Jünger, und besonders Barnabas, gingen viel hier in der
Nähe umher, und Barnabas lehrte und berichtete den Leuten. Sie hatten weniger Scheu vor ihm und fragten ihn alles aus. Er hat einen ganzen Kreis um sich.
Mnason ist nicht in Zypern geboren. Seine armen Eltern sind weit her, wohnen aber jetzt in Zypern. Er hat hier im Lande studiert und ist von da nach Palästina als reisender Schüler zu Jesu gekommen. -
322
323
1
Es ist eine große Überwindung für Weiber, uneheliche Kinder ihrer Männer aufzunehmen, aber es gelang diesen Frauen hier von Herzen, und die Männer mußten sie darum um so mehr lieben. Auch mehrere Männer gaben dieses Beispiel und segneten Kinder ihrer Frauen, welche nicht von ihnen waren. Es kam so eine gründliche Versöhnung zustand, und alles Ärgernis wurde vermieden. -Es ist heute abend schon spät ein Jünger Jesu, der Vetter der Witwe von Naim, hier aus Palästina angekommen. Jesus hat noch nicht mit ihm gesprochen. Er bringt Botschaft von den Freunden Jesu und der Lage der Umstände. Er ist nicht zu Salamis, sondern südlich von dem Flüßchen Pädion in dem Hafen von Ammochostus gelandet, welches ich schon früher an einer Höhe einundeinhalb Stunden südlich von Salamis liegen sah.
1.-2. Juni 11823 (- 16.-17. Sivan) 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i6b 1 Viertel-Seiten 5-6
... Jesus lehrte hier zum Abschied wie in Mallep und ging nachher in einige Hütten und heilte mehrere Kranke, die ihn gebeten hatten. Schon auf dem Rückweg nach Mallep begriffen, bat ihn ein alter Bauer, sich doch in sein Haus zu bemühen und sich seines blinden Knaben zu erbarmen. Es waren in diesem Hause drei Familien, zusammen zwölf Personen - die Großeltern und zwei verheiratete Söhne mit ihren Kindern. Die verschleierte Mutter brachte ihm den blinden Knaben, der schon sprechen und laufen konnte, auf den Armen liegend zu. Jesus nahm das Kind in den Arm und strich ihm mit dem Finger der rechten Hand, die er zum Munde führte, Speichel auf die Augen und segnete es und stellte es nieder und hielt ihm etwas vor die Augen. Da griff das Kind ungeschickt danach, und alle brachen in Freude aus, und das Kind lief nach der Stimme der Mutter, und sie umarmte es, und zum Vater, und aus einem Arm in den anderen, und sie führten es zu Jesu zurück und dankten auf den Knien weinend. Jesus drückte das Kind an sich und gab es den Eltern zurück mit der Ermahnung, es zum wahren Lichte zu führen, damit es mit sehenden Augen nicht in tiefere Finsternis als vorher falle. Er segnete auch die anderen Kinder und das ganze Haus. Die Leute weinten und lobsangen ihm nach.
In Mallep war eine Mahlzeit in dem allgemeinen Fesihaus. Alles nahm teil. Die Armen wurden gespeist und beschenkt. Jesus und die Jünger gingen hin und wieder und dienten und lehrten.
Jesus hielt zuletzt eine große Lehre über das Wort Amen. Er sprach, daß es die ganze Summe des Gebetes sei. Wer es leicht hin-spreche, der vernichte sein Gebet, denn es sei das schöpferische Wort, das Wirklichmachende des Gebets. Das Gebet rufe zu Gott, verbinde uns mit Gott, tue uns seine Barmherzigkeit auf, und mit dem Worte Amen, so wir recht gebetet, nehmen wir die Gabe aus seinen Händen. Er sprach gar wunderbar von der Kraft des Wortes Amen. Er nannte es Anfang und Ende von allem, und er sprach schier, als habe Gott die ganze Welt damit geschaffen. Er sprach auch das Amen über alles, was er sie gelehrt, und über seinen Abschied hier und bei der Vollendung seiner Sendung, und endete ganz feierlich mit Amen.
Diese Lehre dauerte bis spät in die Nacht. Er segnete sie alle. Sie weinten und riefen ihm nach. Er zog sich hierauf zurück und verließ mit den Jüngern die Stadt. Barnabas und Mnason folgten erst morgens. Ich meine, sie haben unterwegs etwas geruht. Sie ließen Chytrus zur Rechten und gingen gerade Feldwege durch Gebüsch über Bergröcken. Jesus hat am Tage vor seiner Abreise seine Her-berge bezahlt. Der Jünger von Naim hatte Geld mitgebracht. Da man es nicht nehmen wollte, wurde es den Armen verteilt...
7. Juni 1823
- 22. Sivan) erzählt im Dezember 1823 1 Tagebuch Bd. Jx, Heft 2 / Seiten i~5238
Bei großer Krankheit erzählte sie folgendes Bruchstück:
Ich habe viel von Simson gesehen, in meiner großen Krankheit, aber nur folgendes behalten:
Simsons Mutter war aus dem Stamm Juda väterlicherseits, aber aus der Nebenehe mit einer Magd oder Sklavin. Sie war sehr schön. Ein Engel sagte ihr, daß sie Sijmson gebären werde, und befahl ihrem Manne und ihr, deswegen dem Herrn ein Opfer zu bereiten. Das taten sie. Der Engel aber opferte gleich einem Priester das Opfer selbst und verschwand in der Flamme gegen Himmel.
Simson war außerordentlich schön, klug und stark. Schon als Knabe ward er oft um Rat gefragt, anfangs scherzhaft. Als sie aber seine große Weisheit sahen, war er oft beim Volk und den Richtern und gab so durchdringende, scharfsichtige Ratschläge in den Bedrängnissen gegen die Philister, daß man ih~ in seinem io.-i5. Jahre das Richteramt übertrug. In seinem 35. Jahr ist er umgekommen in Gaza. Er war sehr schön und groß, doch nicht riesenhaft, und war in
324 325
seiner Kleidung sehr rein und ehrbar, feiner als gemeine Leute, jedoch nicht prächtig geharnischt, und überhaupt unbewaffnet.
Ich sah ihn oft allein in Höhlen beten und wachen, und er hatte göttliche Offenbarungen. Die Philister fürchteten ihn, teils mochten sie ihn auch wohl leiden. Er mußte aus Eingabe Gottes eine Phihsterin zur Ehe begehren und wußte schon alles, was daraus folgen werde. Viele seiner Handlungen waren Vorbilder auf Jesum und die Kirche. Vom Zerreißen des Löwen und dem Honig in dessen Rachen, von dem Verschweigen dieser Handlung gegen seine Eltern hatte ich Erklärungen und habe sie vergessen.
Er trug seine langen gelben Haare in mehreren Zöpfen aufgewunden, wie eine Kappe auf dem Kopf und hatte über der Stirn und an den Seiten Haarviiilste in einem Beutel. Seine Stärke war nicht sowohl in seinen Haaren als Haaren, sondern als Zeugen seines Gelübdes mit Gott. Er mußte seine Gelübde schon weit gebrochen haben, als er sich das Zeichen seines Nasiräats abscheren ließ.
In der Höhle Etham war er verborgen und betete und lebte da eine Zeit sehr fromm. Die Juden banden ihn und führten ihn den Philistern zu, welche sie von der Gegend aus, die nachher Lechi hieß, sehr bedrängten. Da betete Simson und zerriß seine Bande und ging in eine Schlucht, in welcher die Philister standen, ihn zu empfangen. Es lagen aber da viele Tiergerippe, und er hob einen Eselskinnbacken auf, ein langes Gebein. Vorn war so ein Haken daran. Und nun schlug er auf die Philister zu und schlug die ganze eine Richtung in dem Hohlweg alle nieder. Aber hinter ihm kamen sie auch herein, ihn in die Mitte zu fassen, und er wendete sich und schlug auch diese... nieder, und er schlug noch viele hier und da in Höhlen und Winkeln nieder. Sie waren ganz wie dumm vor Schreck und Staunen. Nun war er aus dem Hohlweg heraus und schaute freudig auf die Haufen und sagte triumphierend: "Da liegn sie in Haufen (es waren zwei Scharen), tausend habe ich erschlagen mit eines Esels Kinnbacken."
Vielleicht war es, weil er sich zuerst mit Selbstlob überhob, daß ihn nun der Durst so schrecklich plagte, daß er nun zu Gott flehte, er habe so großes Heil gegeben und lasse ihn nun verdursten. Es war aber da ein großer, weißer, rundlicher Stein, der sich wie vom Regen oder durch seine Schwere vom Felsen, woran er hing, wie abzutrennen schien. Es war eine Art Spalt um ihn.2~9 Simson war seitwärts neben ihm, und er hatte, als er zuerst von seiner Tat gesprochen, den Kinnbacken in diese Rinne hineingeschleudert und dann gebetet. Da sah er, daß ein Backenzahn aus dem Kinnbacken
in der Felsspalte steckengeblieben war, und daß an dieser Stelle das Wasser niedertröpfelte. Da zog er den Zahn aus dem Spalt, und das Wasser rieselte nieder, und er trank. Nachher aber haben sie den weißen Stein ganz weggerissen, und es ist unten ein schöner Brunnen geworden. Als er das Wasser gewonnen hatte, kamen die Juden wieder zu ihm.
Das Weib, bei dem er sich hernach in Gaza verbarg, war keine Verräterin und nur durch Unglück in ihre Lage gekommen. Er ging auch nicht zu ihr, um zu sündigen, sondern um eine Unterkunft zu haben und sich zu verstecken, damit man ihn in Gaza, wo er Geschäfte hatte, nicht fangen sollte. Er sündigte auch nicht mit ihr, sondern wachte und betete und ging nachts um zwölf Uhr, da die Wächter schliefen, hob die Tore aus und trug sie hinweg. Diese Frau war wie jene Thamar, welche vor Jericho die Kundschafter versteckte.
Er hatte nachher aber Bekanntschaft mit einer Frau von Gaza, die Dalila hieß. Gaza lag auf zwei Höhen, und nicht weit davon war ein Tal, worin Lustgärten, grüne Plätze und einzelne schöne Wohnungen waren. Sie nannten es das Tal Sorek. Hier kam Dalila in einem Lusthaus mit Simson zusammen. Dalila war keine eigentliche Hure, sie war eine vornehme Frau und hatte sich von ihrem Mann, der ihr nicht anstand, geschieden. Sie war eine Art gelehrte Frau, und sie hielten sie in Gaza für eine Prophetin. Sie war auch wie eine Priesterin und hatte allerlei Teufelsgesichte. Sie war sehr schön, kräftig und ungemein klug, voller List und versteckter Üppigkeit. Ihrem Volk und Götzendienst hing sie heimlich heftig an, konnte sich aber auch ganz jüdisch gesinnt anstellen.
Es war eine Art Waffenstillstand zwischen den Philistern und Juden. Simson ging hin und wieder. Er kannte die schöne und kluge Dalila schon länger, er besuchte sie oft heimlich, und sie gab ihm sogar manchen Rat und Anschlag, um ihn an sich zu ziehen. So kam Simson endlich in ihre Schlingen. Er ward sicher, ihre Klugheit und Schönheit ergötzte ihn, und als er sie nicht mehr meiden konnte, verführte sie ihn zur Unzucht. Die Philisterfürsten und Priester wußten von diesem Umgang, und die versprachen der Dalila vieles Geld und große Ehre, wenn sie dem Simson ablocke, wie man seiner mächtig werden könne.
Ich sah ihn nun längere Zeit bei ihr in heftiger Liebe und großer Vertraulichkeit, und sah, wie er sein Gelübde, keinen Wein oder berauschenden Trank zu trinken, noch nicht gebrochen hatte, wie sie ihn aber mit der äußersten Schmeichelei und Quälerei dazu verführte.
326 327
Da ging seine Gnade unter, und er fiel von Rausch zu Rausch, von Laster zu Laster. Sie hatte ihn durch ein schändliches Getränk wie von Sinnen gebracht. Er war wie ein Tier. Die Philister aber verlangten nach Art jener Zeiten sehr nach Abkömmimgen von ihm, um starke Helden und Streiter daraus zu erziehen. In dieser Absicht wurden in das Haus der Dalila mehrere von den Tempeldirnen gebracht, welche Dalila, wenn Simson von Sinnen war, zu ihm legte, auf daß er im Rausch mit ihnen sündige. Es waren Philister neben der Stube versteckt, um Zeugen zu sein, daß diese und jene von Simson empfangen habe.
Während diesem Greuel fielen jene verschiedenen vergeblichen Versuche vor, ihn zu binden, welche zu gleicher Zeit Bedeutungen von verschiedenen größeren Lastern sind, in die er sich verstrickt hatte, und aus denen er sich immer wieder etwas emporriß, bis er zuletzt, stets in Rausch und Unzucht zurückfallend und nicht entfliehend, ihr verriet, daß er ein gottgeweihter Nasiräer sei, der ohne diese Locken, die nie eine Schere berührt habe, alle seine Kraft verlieren würde.
Dalila sagte ihm nun, daß sie seine große Liebe sehe, bewog ihn zum Trunk und zur Sünde und führte ihm immer wieder andere Weiber zu. Als nun Simson durch Ausschweifungen ganz ermattet und vom Rausch von Sinnen wie tot lag, setzte sich Dalila zu ihm und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Es war auf einem erhöhten, breiten, langen Sitz an einer Seite des Zimmers, in welchem verdeckte Lampen standen. Sie hatte aber eine seltsame Schere in der Hand, wie'eine Art federnder Beißzange. Sie wurde mit der Hand au£ und zugedrückt und hatte etwas von einer Schafschere. Ihre Größe war etwa die eines Apfels.
Dalila machte seine Haare los und schnitt ihm sieben Locken ab, aber ich habe nicht gesehen, daß sie ihm alle abschnitt, ich meine den Busch auf der Stirn hatte er noch. Nun rief sie ihn wach, und die Philister waren schon anwesend mit Stricken und Fesseln. Als Simson erwachend sich so ganz ohnmächtig fühlte, fielen sie über ihn, fesselten ihn und stießen ihm die Augen mit einer Art Bohrer aus. Es sah entsetzlich aus, als er mit den blutigen Augenhöhlen Dalila und alle die schändlichen Frauen verfluchte, mit denen er gesündigt hatte, auf daß sie von ihm keine Frucht tragen möchten.
Er mußte nun die schwersten Arbeiten in Gaza tun. Er mußte mahlen, er wurde hin- und hergeschleppt, er mußte Kloaken ausräumen. Sie stießen ihn oft tief in den Kot, und der Blinde mußte
sich herausarbeiten. Sie wollten ihn wieder zur Hurerei bringen, aber er tat es nicht. Er war voll Reue und Gebet und tat eine schwere Buße. Die verschiedenen Arten der Stricke und Bande, mit denen er gebunden ward, und ihre Zahl haben immer einen Bezug auf Weiber und Unzucht und Frevel, bis er zuletzt bis zum Tode er-schöpft sein Nasiräat selbst verlor.
Ich mußte weinen, als ich das Elend sah, in das er gefallen war, und wie erbärmlich sie mit ihm umgingen. In seiner großen Reue und Buße wuchs ihm seine Kraft wieder. Als die Zeit um war, daß man von jenen, die mit ihm gesündigt hatten, und die man sehr pflegte und bewahrte, keine Kinder mehr erwarten durfte, und da Simson auf keine Weise mehr zu Rausch und Unzucht zu bewegen war, mißhandelte man ihn immer schwerer.
Dann sah ich ein großes Götzenfest, und alle vornehmen Philister und Frauen aus dem ganzen Land waren in dem Tempel 240 oben und unten versammelt. Sie opferten, sangen und tanzten und ließen den blinden Simson von den Jünglingen hereinbringen, die ihn gewöhnlich an einem Stock führten. Sie stellten ihn in die Mitte, mißhandelten und zerrten den Blinden auf Tod und Leben unter Spott und Gelächter. Sie zerrten und schlugen ihn, ließen ihn schlagen und wider Pfeiler anrennen und im Gehen und Laufen niederstürzen. Als er nun aufs Höchste ermattet war und man vom Spiel nachließ, mußten ihn die Knaben hinab unter den Tempel 241 in das Gewölbe oder den Keller führen. Hier bat er die Knaben, sie möchten ihn doch an den Pfeiler führen und ein wenig ruhen lassen. Dann s and te er sie hinweg. Nun gedachte er seines Elends, seiner Sünde, und weinte bitterlich und flehte zu Gott und es kam seine ganze Stärke über ihn. Er suchte also den nächsten Pfeiler, konnte ihn aber nicht mit dem Arm erreichen, und so lehnte er gegen die eine Säule und stemmte seinen Stab gegen die andere, und das ganze Haus stürzte ineinander und erschlug alle, die darin waren.
Dalila habe ich wie rasend werden und vom Dache ihres Palastes herunter in eine tiefe Kloake stürzen und zerschmettern sehen, usw. Dieses Weib ist mir verhaßter als Herodias und Semiramis.
14. Juni 1823 (=
29. Sivan); erzählt 7. Dezember 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i6b / Viertelseiten 48; 49-53
Es war heute unbeschreiblich schönes Wetter in Naim. Ich sah Jesum am Morgen mit den Jüngern um die Stadt herum spazierengehen und lehren. Es sind hier viele schöne Gänge und Lustplätze
328 329
mit Terrassen, wo... sich die Leute auf ihren Sabbathwegen im Schatten niederlassen. Man ist hier in den Feldern in der Saatzeit. Die Straße von Samaria her läuft durch Naim über den Kison in die große Landstraße.
Alle diese Jünger müssen Jesu sehr vertraut sein, denn er lehrte sehr ernst und innig von seiner Zukunft. Er ermahnte sie, fest und treu zu bleiben, denn es stünden ihm große Leiden und Verfolgungen bevor. Sie möchten sich doch dann nicht an ihm ärgern. Er werde sie nicht verlassen. Sie möchten ihn auch nicht verlassen, aber man werde ihn so mißhandeln, daß ihr Glaube werde geprüft werden. Sie waren sehr gerührt und weinten.
Sie gingen aber in einen schönen Lustgarten der Witwe Maroni, voll schöner Plätze, Fruchtbäume und Lauben. Auch hatte sie ihr eigenes Bad darin, und das Wasser war, glaube ich, vom Kison hineingeleitet, denn der Garten lag gegen den Kison zu und sah gegen den Thabor. Naim liegt auch an einem Hügel, der hier von der Mittagsseite abendwärts von Morgen her ins Tal Esdrelon sieht.
Die heiligen Frauen kamen auch in den Garten, und Jesus lehrte und erzählte, von den Jüngern umgeben, in einer Laube, an deren einer Seite die Frauen saßen. Er erzählte auch von der Aussöhnung verschiedener Eheleute in Chytrus, und besonders von jenem Ehepaar, bei welchem er damals gegessen. Diese Familie werde auch nach Palästina ziehen, und auch von Merkuria sprach er noch. Diese wird zuerst zu der Kananäerin kommen, welche sich bereits auch einrichtet, Ornithopolis zu verlassen. Sie ziehen beide zuerst nach Gessur, und dann kommen sie weiter herab. Es sind schon viele Leute aus Zypern herüber, eine Anzahl wird auch in der Gegend von Joppe landen.
Es kamen auch mehrere Frauen hier in den Garten, welche Jesus am 19. November des vorigen Jahres mit ihren Männern ausgesöhnt hatte. Sie sind jetzt ganz verbunden mit der Witwe Maroni und helfen hier an den milden Arbeiten. Sie kamen, als die heiligen Frauen schon wieder hinweg waren und Jesus mit den Jüngern hier eine kleine Mahlzeit genommen hatte. Er ermahnte und bestärkte sie in ihrem Wandel, und sie machten wieder anderen Platz. Es kamen mehrere arme Witwen und andere Leute zu ihm und klagten ihm ihr Elend und ihre Zweifel, wie sie von den Pharisäern gedrückt und belastet wurden. Er tröstete und beschenkte sie.
Als er aber aus dem Garten mit den Jüngern zur Synagoge ging,
um den Sabbaih zu schließen, hatten sich mehrere Kranke auf ihren Tragbetten auf seinen Weg bringen lassen und streckten ihre Hände nach ihm aus und baten um Hilfe, und er heilte sie. So kam er bis zur Synagoge, wo auch einige auf Betten sich heranbringen ließen.
Darunter waren solche und auch ein von Gicht ganz aufgedunsener Mann, denen er bei seiner letzten Anwesenheit die Heilung versagt hatte, weil ihr Glauben nicht rein war und sie noch länger leiden sollten, um demütig die Heilung zu erbitten. Es kamen aber die Pharisäer hinzu und ärgerten sich besonders, daß er diese geheilt, weil sie ausgesprengt hatten, er vermöge es nicht. Sie machten aber ein großes Geschrei, er eniheilige den Sabbath. Jesus aber vollendete die Heilung, und es waren etwa sieben, denen er auf dem Wege geholfen.
Er antwortete aber den ergrimmten Pharisäern mit strengen Worten, ob es am Sabbath verboten sei, Gutes zu tun, ob sie sich selbst am Sabbath nicht hegten und pflegten, ob diese Kranken nicht geheilt seien, um selbst den Sabbath zu heiligen, ob man am Sabbath auch nicht trösten dürfe, ob man am Sabbaih ungerechtes Gut behalten müsse, ob man die Witwen und Waisen und die Armen, die man die Woche hindurch gequält und belastet, auch am Sabbath in der Qual lassen müsse, usw. So hielt er ihnen ihre Heuchelei hart vor und ihre Schinderei der Armen, denen sie alles auspreßten, um die Synagoge zu erhalten, welche allen Überfluß habe, und daß sie dann diesen Armen noch das Gesetz aufbürdeten, in dieser Synagoge am Sabbath die Gnade Gottes nicht zu empfangen und nicht gesund zu werden, während sie selbst am Sabbath doch äßen und tränken, was sie von diesen Leuten erpreßt hätten. So brachte er sie zum Schweigen, und sie gingen zur Synagoge.
Als er in die Synagoge trat, legten sie ihm doch die Schriftrolle vor und forderten ihn zu lehren auf, denn sie hörten seine Lehren gern aus List und lauerten auf seine Worte, um ihn einer Irrlehre zu beschuldigen und Ankläger gegen ihn zu sein. Er lehrte noch vom Murren und der Strafe der Mirjam und aus Zacharias, und als er von den Zeiten des Messias sprach, daß da viele Heiden zum Volke Gottes kommen sollten, sagten sie spottweise zu ihm, er sei wohl in Zypern gewesen, um sich Heiden zu holen. Er lehrte aber auch vom Zehnten und vom Bürdenauflegen und Selbstnichttragen und von dem Unterdrücken der Witwen und Waisen.
Es wurden aber nach Pfingsten bis zum Laubhüttenfest die Zehnten zu dem Tempel nach Jerusalem gebracht. In den enilegenen Orten
330 331
von Jerusalem, z. B. hier, sammelten die Leviten ihn ein. Es war einmal Unordnung darin eingerissen, und dann war es wieder eingerichtet worden. Die Pharisäer hatten dabei Ungerechtigkeiten einschleichen lassen. Sie drückten den Leuten den Zehnten ab und verwendeten ihn auf ihre Synagogen. Darüber strafte sie Jesus.
Sie waren sehr erbittert, und als er die Synagoge verlassen, lehrten sie noch gegen ihn.
Am Abend nahm Jesus noch eine Mahlzeit zum Abschied im Hause der Witwe ein und sagte den Frauen Lebewohl. -Naim ist eine schöne helle Stadt, wohl wie Münster so groß. Es liegt schön über einen Hügel gebreitet und ist wegen zwischen-liegende r Gärten nicht so eng als andere Judenorte, wo oft Teppiche von einem Haus zum andern gespannt sind, daß die engen Straßen wie Zeltgänge und Lauben aussehen.
23. Juni 1823 (=8. Tliammuz); erzählt i6. Dezember / Tagebuch Bd. VI, Heft i6b / Viertelseiten 88-92
Heute morgen ging Jesus mit den anwesenden Aposteln und Jüngern zu Schiff. Es wurden das große Schiff Petri und das kleine Schiff Jesu an einer Seite desselben angehängt. Sie fuhren getrennt ab und hängten sich vom Ufer entfernt aneinander. Dann wurde nicht gerudert, nur dann und wann gesteuert, und man ließ das Schiff sanft treiben. Die Jünger waren alle auf dem großen Schiff, Petrus und ein paar Apostel auf dem kleinen Schiff Jesu, der auf der Ruderbühne am Mast hoch saß und anhörte oder lehrte.
Jesus war aber mit den Jüngern hinausgefahren, um ganz ungehindert vom Zudrang der Menschen sich ihre Erfahrungen erzählen zu lassen und sie darüber zu belehren. Es betraf dieses besonders die zuletzt Gekommenen. Sie hatten viele gelehrt und getauft und geheilt mit Handauflegung und heiligem Öl, und einige waren nicht genesen. Sie hatten manche Verfolgung erlitten, waren mit Steinen beworfen und weggewiesen worden. In Disput mit den Pharisäern hatten sie sich nie eingelassen und sich immer zurückgezogen. Das Gute, das sie genossen und gewirkt, überwog doch das Böse, das sie erlitten, bei weitem.
Petrus war erstaunlich eifrig zu erzählen und sprach mit einer gewissen Freude aus, daß sie so viel Gutes erfahren und gewirkt hatten. Da wandte sich Jesus zu ihm und sagte: "Schweige, du Ruhmsüchtiger, ich will es nicht hören!" Und der alte feurige Mann, den er doch so innig liebte, war ganz still und sah wie schon oft mit Reue ein, daß er zu eifrig sei.
Judas ist auch ruhmsüchtig, aber ohne Offenheit, er lauert und schweigt und nimmt sich mehr in acht, nicht beschämt zu werden als nicht zu sündigen.
Es war ein schöner Tag, und das Meer war sonnig. Sie hatten die Segel zum Schatten über sich gespannt und aßen ihre Mahlzeit auf dem Schiff auf kleinen Brettchen.
Dieses Erzählen währte bis gegen Abend, da sie zurückfuhren. Jesus hielt an einer Höhe, etwa eine halbe Stunde vor Petri Schiffstelle, noch eine Lehre an sie, wie sie sich in allen zweifelhaften Lagen zu verhalten hätten. Sie hatten ihm erzählt, wie sie seine Lehren und Parabeln wiederholt hätten, und wie sie es sagen und nicht sagen könnten, und wiederholten ganze einzelne Teile und fragten, ob es recht so sei. Jesus belehrte sie über alles und sagte ihnen auch, wenn er zu seinem Vater gegangen sei, wolle er ihnen den Heiligen Geist senden. Dann sollten sie immer recht zu lehren wissen.
Zu dieser Lehre kamen noch Judas und Philippus an, auch Barnabas, Mnason und Mnasons Bruder. Sie kamen von Joppe her und brachten Nachricht von den gelandeten Zyprern. Es kamen auch noch andere Jünger, und ich meine, daß wohl an sechzig von den Ausge sand ten bereits beisammen sind, außer mehreren Boten und Helfern. Viele kamen sehr zerrissen und abgetragen wieder. Sie wurden erquickt und gelabt und mit allen Kleidern erneut. Die heiligen Frauen sind deswegen mit hier versammelt, um alles für die Zurückkommenden zu erneuern und zu besorgen, und nach ihren Berichten wird auch für andere Arme hier und da bereitet und Sorge getragen.
Es waren heute Jesu fünf Pharisäer und einige andere Männer auf dem See nachgefahren. Sie hatten gemeint, er fahre hinüber oder irgend sonstwohin und werde das Volk lehren. Da wollten sie auf ihn lauern. Aber sie waren betrogen und mußten leer wieder ab ziehen.
Wenn ich das ganze Leben und Wandeln Jesu und der Seinigen betrachte, so kommt mir oft die deufliche Gewißheit, daß, käme er zu uns, es ihm noch viel hinderlicher gehen würde. Wie frei körinen er und die Seinen gehen und lehren und heilen. Außer von den ganz verhärteten, aufgeblasenen Pharisäern geschieht ihm kein Hindernis, und diese selbst wissen nicht, woran sie mit ihm sind. Sie
332 333
1
wissen wohl, daß die Zeit der Verheißung da ist, daß die Propheten sich erfüllen. Sie sehen etwas Unwiderstehliches, Heiliges, Wundervolles in ihm. Wie oft sehe ich sie sitzen und die Propheten und alte Auslegungen aufschlagen, und niemals wollen sie sich beugen, denn sie erwarten ihn ganz anders und meinen, er müsse ihr Freund und Genosse sein, und doch wagen sie sich noch nicht an Jesum. Viele Jünger meinen auch, er müsse noch eine geheime Macht, einen Zusammenhang mit einem Volk oder König haben, und er werde einst in Jerusalem den Thron besteigen als ein heiliger König eines frommen Volks, und sie würden dann in seinem Reich gute Plätze haben und auch fromm und weise sein. Jesus läßt sie noch eine Zeitlang bei diesem Glauben. Andere nehmen alles mehr aufs Himmlische, doch nicht ganz bis zur Erniedrigung des Kreuztodes. Wenige handeln aus kindlicher heiliger Liebe und Begeisterung allein.
26. Jjuni 18231 (= II. Thammuz); erzählt am 19. Dezember / Tagebuch Bd. VI, Heft i6b / Viertelseiten 101-104
... Jesus wandelte heute morgen mit den Aposteln und allen Jüngern, die ausgesandt gewesen, von Kana aus und nahm seinen Weg zum Lehrberg über Gabara, wo Magdalena ihn zum erstenmal gesalbt. Sie wandelten in Haufen langsam, oft um Jesu her stillstehend und sprechend. Jesus war sehr liebevoll und redete sie oft an mit den Worten: "Meine lieben Kinder." Er befahl ihnen alles zu erzählen, was sie erlebt, und wie es ihnen ergangen. Zuerst sprachen die Apostel. Er hatte sie teils in den letzten Tagen schon einiges erzählen lassen, aber nicht vollkommen, und sie sollten nun alle hören, was alle getan und wie es allen ergangen. Er sagte so süß:
"Lieben Kindlein, nun wird es sich zeigen, wer mich geliebt, und in mir meinen himmlischen Vater, und um meinetwillen das Wort vom Heile verbreitet und geheilt hat, und nicht um seinetwillen und eitlen Rühm", und noch vieles dergleichen. Da erzählte bald dieser, bald jener, und nach jedem die Jünger, die zu ihm gehörten. Es geschah dieses hauptsächlich auf einem Hügel, der etwa zwei Stunde n vom Lehrberg und zwei von Kana liegt. Man pflegt hinaufzusteigen, weil man da mehr Aussicht hat, die sonst hier etwas beschränkt ist.
Petrus erzählte gerade sehr eifrig, was es für verschiedene Arten von Besessenen gebe, und wie er sie behandelt habe, und wie sie in Jesu Namen alle vor ihm gewichen seien. Er war ganz ruhmredig
und hatte in seiner Begeisterung den vorgestrigen Verweis auf dem Schiff schon wieder vergessen. Er war gleich so feurig und eifrig.
Er erzählte auch, ja im Gergesener Land seien ein paar Besessene gewesen, die hätten mehrere nicht austreiben können, und nannte dabei die Jünger, worunter die zwei ehemals selbst besessenen Gergesener Jünger waren. Er aber habe sie gleich ausgetrieben, und sie seien ihm unterworfen gewesen.
Da winkte ihm Jesus zu schweigen, schaute empor, und alle schwiegen, und er sagte: "Ich sah den Satan aus dem Himmel fallen als einen Blitz."
Als er das sagte und hinausschaute, sah ich wie einen sich winden-den, trübfeurigen Strahl durch die Luft zucken, und er verwies dem Petrus seinen Eifer und allen, die auch prahlhaft sprachen oder dächten. Sie sollten handeln und wirken in seinem Namen und aus ihm und in Demut aus dem Glauben, und nicht denken, einer könne mehr als der andere. Er sagte auch: "Sehet, ich habe euch die Macht gegeben, auf Skorpione und Schlangen zu treten, und über alle Gewalt des Feindes, und nichts wird euch schaden. Aber suchet keine Freude darin, daß euch die Geister gehorchen, freuet euch, daß eure Namen in dem Himmel geschrieben stehen!" und noch mehreres sagte er immer gar freundlich und hebend mit der Anrede: "Lieben Kindlein", und hörte noch viele an.
Auch Thomas und Nathanael erhielten einen Verweis wegen einer Nachlässigkeit, aber alles mit großer Liebe und Innigkeit.
Als er aber auf dem Hügel stand, war er ganz ernst und ~abei freudig und selig, und er hob die Hände empor. Ich sah aber Licht um ihn, wie eine helle Wolke, die über ihn kam. Da war er ganz entzückt und betete freudig: "Ich bekenne dich, Vater, Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Verständigen verborgen und es den Kleinen offenbart hast. Ja, Vater, weil es dir so gefallen hat. Alles ist mir von meinem Vater übergeben, und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater, als der Sohn allein, und wem der Sohn es offenbaren will." Und er sagte auch den Jüngern: "Selig die Augen, welche sehen, was ihr sehet, denn ich sage euch, viele Propheten und Könige wünschten zu sehen, was ihr sehet, und sahen es nicht, und zu hören, was ihr höret, und hörten es nicht."
Unter noch vielen Erzählungen und Zurechtweisungen kamen sie an den Berg über Gab a ra, wo sie unten eine kleine Mahlzeit ein-
334 335
nahmen, von Fisch, Brot, Honig und Früchten, welches alles von Kana hierhergebracht war. Hernach ging Jesus mit ihnen auf den Berg und lehrte sie über alles, was sie ihm erzählt, ausführlich. Er unterrichtete sie in allem, was sie nicht wußten und worin sie schwankten und gefehlt hatten.
Er unterwies sie auch über die verschiedenen Besessenen, und wie sie Teufel austreiben müßten. Er sprach, was ihnen noch alles bevorstehe, und von seiner Sendung, seiner nahen Vollendung, u.v.a.
Er sagte ihnen auch, daß er sie nächstens auf eine Zeit wolle nach Hause gehen und ruhen lassen, wie sie aber auch dann wirken und lehren und das Reich verbreiten sollten. Er dankte ihnen auch für ihren Fleiß und Gehorsam.
Dann zog er mit ihnen nach Kapernaum, wo sie erst in der Nacht ankamen und sie den Sabbath noch zusammen halten. Ich meine, er wird nachher noch eine große Lehre auf dem Berg der acht Seligkeiten halten. Es waren auch viele andere Zuhörer hier oben.242
Sonntag, 1.-Donnerstag, 5. 1Oktober 1820J 1 Tagebuch Bd. VI, Heft iSa / Viertelseiten 1-2
Am Sonntag und Montag sah ich Jesum in einem kleinen Ort einige Stunden von Bethanien. Am Dienstagabend sind Jesus und die Apostel eine halbe Stunde von Bethanien in der Herberge, wobei eine Schule und ein paar Häuser sind, angekommen. Es kamen Boten von Lazari Schwestern und luden ihn ein. Er ließ ihnen durch die Jünger antworten, er werde nach drei Tagen kommen.
Im Evangelium Johannis ist alles das zusammengezogen. Die Nachricht der gefährlichen Krankheit hat Jesus schon vor drei Wochen gehabt, dann die Nachricht von seinem Tod im Ort bei Samaria, wo er mit seinen Verwandtinnen war und wo er sagte: "Er schläft." Auf Lazari Gut aber sprach er, er sei tot.
Jesus lehrte heute hier eine große Lehre von Arbeitern im Weinberg. Die Mutter Johannis und Jakobi suchte Jesum nochmals mit ihrer Bitte zu nahen. Sie hörte von der Nähe seiner Vollendung und meint, seinen Verwandten gebühre ein Platz in seinem Reich.
Mittwoch und Donnerstag lehrte Jesus noch hier in der Schule. Er verwies den Jüngern ihre Ungeduld und ihr Murren, daß er so lange zögere, nach Bethanien zu gehen. Er war immer wie jemand, der nicht sagen konnte, wie es mit ihm und mit ihnen ist, weil sie ihn nicht verstanden. Er lehrte immer mehr, ihre Begriffe auflösend und
auf ihre irdischen Meinungen Mißtrauen in ihnen erregend, als daß er ihnen alles vollkommen erklärt hätte, weil sie nicht verstanden.
Es waren hier lauernde Pharisäer, die nach Jerusalem berichteten, auch Leute aus Bethanien.
Die Mutter Johannis und Jakobi, die vor Bethanien wohnte, war wieder bei ihm mit ihrer Bitte. Er wies sie aber ernsthaft zurück.
6. Oktober 1820J / Tagebuch Bd VI, Heft iSa / Viertelseiten 3-5
Zwischen dem Örtchen, wo Jesus war, und Bethanien waren viele Wiesen, schattige offene Gärtchen und Lustorte. Ich sah den Herrn mit den Aposteln lehrend und spazierend bald hier, bald da sich setzend oder stehend verweilen und so gegen Bethanien langsam herannahen. Das Haus und Gut des Lazarus lag zwischen den verfallenen Ringmauern des Fleckens, mit einem Teil seiner Gärten und Vorhöfe außerhalb.
Lazarus war nun acht Tage tot. Vier Tage hatten sie ihn über der Erde gelassen, in der Hoffnung, Jesus solle kommen und ihn erwecken. Die Schwestern waren nach dem Gute dem Herrn entgegengegangen, und da er noch nicht mitgehen wollte, waren sie zurückgekehrt und hatten ihn begraben lassen. Nun befanden sich viele Männer und Frauen aus Bethanien und Jerusalem bei ihnen nach der Sitte, den Toten mit ihnen zu beklagen. Die Weiber saßen bei ihnen, und die Männer waren gesondert.243 Es muß wohl in der Zeit des Laubhüttenfestes sein, denn alles geschieht im Freien und unter Lauben.
Als der Tag sich zum Sabbath neigte und Maria, das Weib des Zebedäus, welche vor Bethanien wohnte, vernommen hatte, daß Jesus herannahe, eilte sie zu Martha, die bei den trauernden Frauen saß, und sagte ihr ins Ohr, daß Jesus komme, worauf ich sah, daß Martha mit ihr in einen Garten hinter das Haus ging, wo Magdalena in einer Laube allein saß, und daß sie dieser sagte, Jesus nahe heran. Ich sah auch, daß sie dieselbe aus Liebe zuerst wollte dem Herrn entgegengehen lassen. Ich sah nun, daß Magdalena mit Maria Zebedäi dem Herrn entgegeneilte. Ich habe aber nicht gesehen, daß sie zu ihm gelangte, denn Jesus ließ die Frauen, wenn er mit den Aposteln und Jüngern wandelte, nicht zu jeder Zeit zu sich. Magdalena eilte ihm nur ein Stück Wegs aus Lieb e entgegen, und Martha blieb einstweilen bei den Frauen sitzen.244
336 337
Nach einiger Zeit (es begann zu dämmern) kam Magdalena wieder zu den Frauen und nahm den Platz Marthas ein.
Diese aber sah ich nun dem Herrn entgegengehen, welcher mit seinen Aposteln und einigen anderen Leuten, die sich gesammelt hatten, an der Grenze ihrer Gärten bei einer offenen Laube sprechend stand. Martha sagte zu ihm:~45 "Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber ich weiß auch jetzt noch, was du immer von Gott bittest, das wird dir Gott geben." Da sprach Jesus:
"Dein Bruder, der wird auferstehen." Martha erwiderte ihm: "Ich weiß es wohl, daß er auferstehen wird, bei der Auferstehung am Jüngsten Tage." Da sprach Jesus zu ihr: "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, wenn er gleich stirbt. Und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?" Da erwiderte sie ihm: "Ja, Herr! Ich glaube, du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist", und nun sah ich Martha zurückeilen und mit Magdalena heimlich sprechen: "Der Meister ist da und läßt dich rufen." Da eilte Magdalena zu dem Herrn, und ich sah ihr andere Juden nachgehen.
Jesus stand von vielen umgeben noch bei der Laubhütte. Die Sonne ging schon unter. Magdalena fiel zu den Füßen Jesu und sagte: "Wärest du dagewesen, er wäre nicht gestorben!" Da sah ich die Juden weinen, und Jesus wurde auch traurig und weinte.
Ich sah aber, daß er in die Laube trat, und daß eine Lampe darin angesteckt wurde, und daß er und die Apostel hin- und hergehend246 etwas Brot aß~n und aus Bechern tranken, und daß er sehr lange darin lehrte. Ich hörte auch, daß manche von den Zuhörern, die teils vor der Laube standen und sich immer mehrten, darüber flüsterten und murrten, daß er Lazarus nicht habe am Leben erhalten. Ich sah auch, daß der Herr sehr betrübt und bewegt war und daß er mit Unterbrechungen wohl die ganze Nacht in der Laube vom Sterben redete. Vielleicht haben sie auch ein wenig geruht, aber ich entsinne mich dessen nicht mehr, denn als er zum Grabe des Lazarus ging, schien es mir Tagesanbruch.
7. foktober 18201/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8a / Viertelseiten 5-iib
Heute morgen aber fragte Jesus: "Wo habt ihr Lazarus hingelegt?" Da sagten sie: "Herr, komm und sieh es! " Und Jesus war wieder sehr betrübt und weinte, und die anderen redeten davon,
338
2
wie lieb er ihn gehabt, und warum er, der doch den Blinden das Augenlicht gegeben, ihn nicht bei dem Leben erhalten habe.
Jesus zog nun gar betrübt mit ihnen zu dem Grab des Lazarus, und es schien mir in der frühesten Morgenzeit.
Es waren viele Apostel bei ihm. Ich erinnere mich besonders des Matthäus und Johannes. Es waren die Schwestern und Maria und die anderen Marien, an sieben Weiber, dabei, außerdem vieles Volk. Es ward ein wachsendes Gedränge, ja, es war schier ein Tumult, wie bei Christi Kreuzigung. Sie gingen durch einen Steg, an dessen beiden Seiten grün durchwachsene Zäune waren, und dann durch ein Tor, und nun hatten sie etwa eine Viertelstunde nach dem Kirchhof. Der Kirchhof war mit einer Mauer umgeben. Wenn man zur Türe eintrat, führte ein Weg links und rechts um einen aufgeworfenen Hügel, welcher quer durch von Kellergewölben durchschnitten war. Nicht weit vom Eingang war die schräg am Hügel-abhang anliegende Türe von Lazari Gruft. Wenn man die Türe öffnete, sah man durch ein langes Kellergewölbe quer durch den Hügel durch. Dieses Gewölbe war durch mehrere Gitter in einzelne Räume geteilt und bot am Ende auch, durch ein Gitter geschlossen, Aussicht auf Grün und Bäume dar.
Lazarus war gleich im ersten Raume begraben. Das Licht fiel in diese Gewölbe durch Löcher von oben ein. Man trat einige Stufen in das Gewölbe hinab. Von der Türe rechts an der Wand war eine halbmannstiefe, länglich-viereckige Grube, welche mit einem Stein gedeckt war. In dieser stand der Leichnam Lazari in einem leichten Sarg, so daß man in der Gruft um ihn her gehen konnte. Der geöffnete Grabstein lehnte gegen die Wand. In dem fortlaufenden Gewölbe waren mehr Gräber.
Jesus und die Apostel und die verwandten Frauen traten an das Gewölbe, welches geöffnet wurde. Außerdem war der Kirchhof von dieser Seite um die Gruft und bis hinaus vor den Eingang offen. Jesus ging mit einigen Aposteln ins Grab. Magdalena, Martha und die anderen Frauen standen in der Tür. Die Leute waren so heran-gedrängt, daß sie auf die Höhe des Gewölbes kletterten und auf die Kirchhofmauer, um zu sehen.
Als Jesus vor dem Grabe stand, befahl er den Aposteln, den Stein aufzuheben. Martha aber sprach besorglich: "Herr, er riecht schon, denn er liegt schon vier Tage begraben", und Jesus antwortete ihr:
"Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?"
339
Sie taten den großen Stein weg und lehnten ihn an die Wand und die darunter befindliche leichtere Türe ebenso, und nun nahmen sie auch den leichten geflochtenen Deckel des Sarges weg, der ... gegittert war, und man sah die eingehüllte Leiche liegen. Nun blickte Jesus empor und betete laut und rief dann mit lauter Stimme:
"Lazarus komm heraus ! " Bei diesem Ruf erhob sich der Leichnam, in seine Tücher eingehüllt in die sitzende Stellung, und die Menge draußenj drängte sich gewaltsam heran. Der Herr aber befahl den Aposteln, die Leute wegzuweisen. Sie taten dieses und trieben die Menge vor den Kirchhof.
Es standen aber Apostel im Grabe neben dem Sarg, zu welchen Jesus sagte: "Löset die Binden von ihm ab und lasset ihn gehen!" Da nahmen sie dem Lazarus das Schweißtuch vom Gesicht, und er war wie schlaftrunken. Sie lösten ihm dann die Hände und Füße aus den Binden und gaben die Binden hinaus und empfingen einen Mantel herein. Da stieg Lazarus aus dem Sarg und dem Grabe empor und schwankte wie ein Schatten. Sie hängten ihm den Mantel um, und er schritt wie ein Traumwandelnder an dem Herrn vorüber zur Türe hinaus, wo die Schwestern und andere Frauen scheu wie vor einem Geist zurücktraten und, ohne ihn zu berühren, sich auf das Angesicht niederwarfen. Jesus aber trat hinter ihm aus der Gruft und faßte ihn freundlich ernst an den beiden Händen.
Nun begaben sie sich nach Lazan Wohnung. Das Gedränge war groß, aber es war ein gewisser Schreck unter den Leuten, und der Zug hatte Raum durch die folgende Menge. Lazarus ging wie schwebend, hatte aber noch allen Schein einer Leiche. Jesus ging neben ihm. Die anderen gingen weinend und schluchzend in stummer, banger Verwunderung umher. Sie kamen wieder durch ein altes Tor, dann den Weg zwischen den grünen Gartenzäunen bis an die Laub-halle, wo sie ausgegangen, in welche der Herr mit Lazarus und den Seinigen trat. Das Volk drängte sich in Masse draußen herum, und es war ein großes Getöse.
Hier legte sich Lazarus vor Jesu platt an die Erde, wie einer, der in einen Orden aufgenommen wird. Jesus sprach hier noch eine Zeitlang. Man wies die Menge zurück, und sie gingen gegen Mittag in das Haus Lazari, das etwa noch hundert Schritte davon war.
Hier traten sie in einen offenen Speisesaal, der zugesetzt wurde, und die Frauen gingen nach der Küche, das Mahl zu bereiten. Jesus, die Apostel und Lazarus waren allein. Die Apostel stellten sich in einen Kreis um Jesum und Lazarus. Da kniete Lazarus vor dem
Herrn. Der legte ihm die rechte Hand auf das Haupt und hauchte ihn siebenmal mit leuchtendem Odem an. Ich sah auch, daß von Lazarus wie ein dunkler Dampf wich, und sah den Teufel wie eine schwarze, fliegende Gestalt rückwärts außer dem Kreis in der Höhe grimmig und ohnmächtig. Hiermit weihte Jesus den Lazarus zu seinem Dienst, reinigte ihn vom Zusammenhang mit der Welt und ihren Sünden und stärkte ihn mit geistlichen Gaben. Er sprach noch lange mit ihm, wie er ihn erweckt habe, auf daß er ihm dienen solle. Er sagte ihm, daß er große Verfolgung von den Juden werde leiden müssen, usw.
Bis jetzt war Lazarus noch in den Grabtüchern, welche er nun ablegte, und er ging und legte andere Kleider an, und nun erst umarmten ihn seine Schwestern und seine Freunde, denn vorher hatte er etwas Leichenähnliches, das Scheu erregte. Ich habe aber auch gesehen, daß seine Seele an einem stillen, dämmernden, pein-losen Ort gewesen ist, seit sie den Leib verlassen hatte, und daß sie dort den Gerechten, Joseph, Joachim, Anna, Zacharias, Johannes usw. erzählte, wie weit es mit dem Erlöser auf Erden gekommen sei. -Lazarus empfing durch das Anhauchen sieben Gaben des Heiligen
Geistes und wurde ganz vom Zusammenhang mit dem Irdischen abgetan. Er hat diese Gaben vor den anderen Aposteln erhalten, denn er hatte durch seinen Tod große Geheimnisse erkannt. Er hatte eine andere Welt gesehen, und er war schon einmal gestorben und nun wiedergeboren. Darum konnte er diese Gaben empfangen. Lazarus hat eine große Bedeutung und ein großes Geheimnis in sich.
Nun aber ward eine große Mahlzeit bereitet, und sie lagen alle zu Tisch. Es waren viele Gerichte da, und viele kleine Krüge standen auf dem Tisch. Ein Mann wartete auf, und die Frauen kamen nach dem Mahl und traten in den Hintergrund, die Lehre Jesu mit-anzuhören. Lazarus saß neben ihm. Es war ein entsetzlicher Lärm um das Haus. Es waren viele von Jerusalem gekommen, auch Wachen, welche das Haus besetzten umher. Jesus schickte aber die Apostel hinaus, welche die Leute und die Wachen fortweisen mußten. Jesus lehrte noch bei Lampenschein. Ich sah, daß sie nachher etwas an den Wänden umher schliefen.
Jesus sprach noch mit den Jüngern, er wolle morgen nach Jerusalem mit zwei Aposteln gehen, und da sie ihin die Gefahr vorstellten, sagte er, man werde ihn nicht kennen, er werde nicht öffentlich sein.
340 341
8.-9. Oktober 18201/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8a/ ViertelGeiten II~14 17. Oktober 1820i Tagebuch Bd. VI, Heft i8a / Viertelseite 25
Sonntag, 8. Oktober
Jesus ging vor Tagesanbruch mit Johannes und Matthäus, welche sich auf eine etwas andere Art als sonst schürzten, von Bethanien nach Jerusalem. Sie gingen um die Stadt herum und kamen auf Nebenwegen in jenes Haus, wo nachher das Abendmahl darin gefeiert wurde. Sie waren dort den ganzen Tag und die folgende Nacht in der Stille. Jesus lehrte und stärkte seine hiesigen Freunde. Ich sah Maria, Johann Markus und auch Veronika in dem Haus und wohl noch ein Dutzend verschiedener Männer.
Ich dachte noch daran, daß man heutzutage in geistlichen Dingen selten Freunde findet, welche einen heimlich verbergen, usw.
Nikodemus, welchem dieses Haus gehörte, das er aber gern den Freunden Jesu zum Gebrauch überließ, war nicht dabei. Er war an diesem Tag nach Bethanien gegangen, um Lazarus zu sehen.
Ich sah auch eine Versammlung der Pharisäer und Hohenpriester wegen Jesu und Lazarus. Ich hörte unter anderem, daß sie fürchteten, Jesus möchte ihnen alle Toten erwecken, und da würde es große Verwirrung mit den Erbschaften und Ämtern geben. Ich fand dies lächerlich und dumm.
In Bethanien war am Mittag ein großer Tumult. Wenn Jesus dagewesen wäre, würden sie ihn gesteinigt haben. Lazarus mußte sich verstecken. Die Apostel wichen, nach allen Seiten sich verteilend. Die Freunde Jesu in Bethanien verbargen sich. Es ward aber wieder ruhiger, da sie bedachten, daß man Lazarus mit ~einem Rechte etwas ti~n könne.
Jesus war noch die ganze Nacht bis Montag früh in dem Haus auf dem Berg Sion.
Montag, 9. 1Oktober 247
Ich sah Jesum morgens sehr früh von Jerusalem mit Johannes und Matthäus ausgehen. Sie wandelten den ganzen Tag, ließen Jericho rechts und zogen zwischen Morgen und Mitternacht auf einem Umweg zum Jordan. Von Bethanien waren schon mehrere Apostel vorausgeeilt bis zu einem großen Baum in der Nähe eines kleinen Ortes 248, wo arme Leute wohnten. Jesus traf sie dort, und sie schliefen alle unter diesem Baum.
... Jesus war größer als die Apostel. Wo sie gingen oder standen, war es immer, als rage er hervor mit seiner weisen, ernsten Stirne. Er ging sehr gerade und aufrecht, war nicht hager und auch nicht wohlbeleibt, sondern durchaus gesund und edel gebildet. Er hatte breite Schultern, eine breite Brust. Seine Muskeln waren ausgebildet durch Reisen und Übung und verrieten doch keine Spur von schwerer Arbeit...
i8. Oktober 18201/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8a / Viertelseite
30
Der Herr hatte auf bloßem Leibe ein bräunliches gestricktes oder gewebtes Hemd an, welches sich dehnte und in streifige Falten nach der Länge zog. Darüber hatte er ein langes, feines, wollweißes Gewand mit weiten Ärmeln. Um den Leib war es mit einem breiten Gürtel von demselben Stoff gegürtet, welchen er beim Schlaf um das Haupt hüllte .
2. Mai 18J19 1 Tagebuch Bd. 1, Heft 2 / Viertelseite 8
Ich sehe den Herrn still, innig, schimmernd, ohne alle heftige Bewegung, voll höheren Bewußtsein s, mit schwebender Seele, unendlich mild und ernst und einfach, tief, mit seinen Jüngern hin-und herziehen.
Die Jünger sind roh, stark, unwissend, einfältig, neugierig, mit hervorgestreckten Hälsen, offenem Munde, wie die bäurische Neugier die Augen aufreißend. Ihre Bewegungen sind heftig, staunend, winkend, beteuernd, bald überzeugt, bald zweifelnd. Oft trauen sie nicht und stecken die Köpfe zusammen und flüstern. Dann sind sie wieder hingerissen und ganz begeistert.
Der Herr ist immer voll Friede und Geduld mit ihrer Schwachheit…
3. November 1820J/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten i~i6
Ich hörte bei der Lehre Jesu vieles von den ersten Menschengeschlechtern und entsinne mich, ganz bestimmt gehört zu haben, daß Sem, Cham und Japhet das dritte Geschlecht nach Noah gewesen seien, alle drei von einer Mutter, Cham aber von einem andern Vater im Ehebruch erzeugt
342 343
Noah habe dieses nicht gewußt. Die Eltern seien in der Sintflut umgekommen. Die Sünde Chams sei teils eine Folge seiner bösen Erzeugung. Es sei schon ein Fluch auf seiner Geburt gewesen, und darum sei er von Noah verflucht und abgeschnitten worden. Noah pflanzte Wein, sein Rausch aber und seine Entblößung deute~ten auf Fortpflanzung.
Auch hier erkannte ich vieles wunderbar Einfache und Tiefe vom Geheimnis der Ehe in schlichten Darstellungen vom Weinbau.
Merkwürdig und klar überzeugend ward mir der Ausspruch des Herrn: "Wo die Ehe uneinig sei und ihren Zweck, Erzeugung reiner guter Menschen, nicht erreiche, sei allein die Schuld auf der Seite des Weibes. Sie könne nur dulden und leiden und müsse es, sie sei das Gefäß, welches empfange und hüte und ausbilde. Sie könne durch Arbeit in ihrer Seele alles in sich und ihrer Frucht ausgleichen. Sie erziehe die Frucht in sich. Sie vermöge das Böse derselben zu tilgen durch Arbeit in ihrer Seele und ihrem Leib, und alles ihr Tun komme dem Kind zum Heil oder Schaden. Es sei aber in der Ehe nicht von Lust, sondern von Kampf und Abtötung und Sorge und schmerzlicher Geburt die Rede. Eine schmerzliche Geburt aber sei ein stetes Kämpfen gegen die Eigenlust, Sünde und Begierde, und ein solches Kämpfen und Siegen mache auch das Kind zum Sieger", usw.
Alles das war mit sehr tiefen und einfältigen Worten gesagt. Mann und Weib seien ein Leib. Das Weib aber sei das Gefäß und empfange und müsse leiden und dulden und versöhnen, könne alles ausgleichen und gutmachen. Hier sei nicht von Eigenlust und Genügen die Rede, sondern von Tilgen der Schuld und Gerechtmachen durch Leiden und Gebet, usw.
Er sagte noch sehr vieles und sehr Bestimmtes von der Ehe, und ich war so ergriffen von der Wahrheit und dem Bedürfnis dieser Lehren, daß ich mit großer Heftigkeit in mir gedacht: Warum wird dieses nicht aufgeschrieben, warum ist kein Jünger da, der dieses aufschreibt, daß es alle Leute erfahren!
Ich war aber in dieser ganzen Anschauung wie ein gegenwärtiger Zuhörer und ging mit hin und her. Als ich jenen Gedanken so begierig dachte, wendete sich mein himmlischer Bräutigam nach mir um und sagte so viel als: "Ich wirke die Liebe und baue den Weinberg, wo es Früchte trägt. Wäre dieses aufgeschrieben, es wäre wie vieles Geschriebene vernichtet oder verdreht oder unbefolgt. Dieses und unendlich vieles, das nicht geschrieben steht, ist fruchtbringender
344
geworden als das Geschriebene. Nicht das geschriebene Gesetz ist das befolgte. In dem Glaubenden, Hoffenden, Liebenden ist alles geschrieben", usw.
Die Art, wie Jesus alles dieses lehrt und wie jede seiner Lehren immer wieder in Parabeln übergeht und wie die Natur am Weinstock alles beweist, was er von der Ehe lehrt, und wie die Natur an der Ehe alles beweist, was er vom Weinstock sagt, ist unbeschreiblich schön und überzeugend.
Die Leute hier fragen ihn oft ganz einfältig. Manchmal bietet ihin wohl einer seinen Acker zum Weinbau an, und er sagt ihm dann, wie er ihn erst vorbereiten müsse, und immer mehr wird ihnen das Bild zur Sache selbst, die gelehrt wird.249
Der Herr wohnte heute nachmittag einer Trauung in der Synagoge bei. Es waren junge Leute. Sie waren arm und wohnten im Hause der Brautmutter, wo der Jüngling, der ein Verwandter des Hauses und elternlos war, mit seiner Braut von Kind auf erzogen worden ist. Sie waren beide ganz unschuldig, und der Herr war ihnen sehr gut.
Ich sah den Zug zur Synagoge gehen. Voraus gingen geschmückte Kinder von sechs Jahren auf Pfeifen blasend, mit Kränzen auf dem Haupt, und junge weißgekleidete Mädchen, mit Körbchen, die Blumen streuten, und Jünglinge, welche auf Harfen, Triangeln und anderen seltsamen Instrumenten spielten.
Der Bräutigam war schier wie ein Priester gekleidet. Beide Brautleute hatten Führer, welche bei der Trauung die Hände auf ihre Schultern legen. Die Trauung geschah in einer Halle, deren Decke dabei geöffnet wurde, unter freiem Himmel vor der Synagoge durch einen jüdischen Priester. Jesus war dabei zugegen.
Als die Sterne am Himmel erschienen, hielten sie den Sabbath in der Synagoge und fasteten bis zum Sabbathabend, wo die Hochzeit in dem Festhaus gefeiert wurde.
4. ,November 1820/ Tagebuoi Bd. VI, Heft 18b / Viertelseiten 17-18
Der Herr erzählte hier viele Parabeln, auch vom verlorenen Sohn. Er sprach auch von den vielen Wohnungen in seines Vaters Haus, weil der Bräutigam kein Haus hatte und bei der Mutter wohnen sollte. Er sagte ihm auch, bis er eine Wohnung in seines Vaters Haus erhalte, solle er in einem Zelt an dem Weinberg wohnen, den er an dem Bienenberg bei der Stadt anlegen solle. Er sprach noch
345
vieles von der Ehe. So die Eltern nicht heilig seien, sei es ein Zerstreuen und Fortpflanzen der Sünde, so sie aber heilig lebten und das Werk der Ehe als eine Sache des Bußstandes ans ä hen und ausübten und die Kinder zum Heil führten, werde es ein Sammeln. Er sprach auch, daß er der Bräutigam einer Braut sei, in welcher die Gesammelten wiedergeboren würden, usw.
Er sprach auch von der Hochzeit zu Kana in Galiläa und dem Wandeln des Wassers in Wein.
Alles, was er von sich erzählte, sagte er in der dritten Person, als von jenem Mann in Judäa, den er so gut kenne und der so verfolgt werde, daß man ihn auch wohl umbringen würde. Alles dieses hörten die Leute kindlich und glaubend an, und die Parabeln wurden ihnen allen zur Wahrheit. Der Bräutigam schien ein Schullehrer zu sein, denn er sagte ihm, wie er lehren müsse, nicht wie die Pharisäer, welche Lasten auflegten, die sie selbst nicht tragen wollten, sondern durch sein eigenes Beispiel, usw.
Er sprach auch einiges von Ismael, denn Kedar und diese Orte sind, glaube ich, von Nachkommen Ismaels bewohnt. Ich meine, daß Hagarener hier in der Gegend sind.
17.-IB. Juni 1820 1 Tagebuch Bd. lt Heft 6 l Viertelseiten 137-140
Ich sah eine althebräische Familie, Haus, Knechte und Viehzucht. Ich sah einen alten Vater und zwei Söhne darin, und sah den jüngeren frech und unlieblich, den älteren aber dicht beim Vater und einig mit ihm; Der ältere gefiel mir aber doch nicht. Er hatte etwas Selbstsicheres und auf die Gunst des Vaters Bauendes in sich, und ich sah den jüngeren die Teilung des Erbes trotzig begehren, und da er es empfangen hatte, sah ich ihn fortziehen, den Vater betrübt und den älteren Sohn erfreut.
Ich sah aber den verlorenen Sohn weit wegziehen, und ich sah, daß er bergab zog. Er hatte aber den Segen des Vaters nicht empfangen, und ich sah ihn immer mehr hinabziehen und sah, daß er in eine Gegend kam, wo Sumpf war und Nebel, und es waren da Häuser am Weg, wo ein Tanz und Spiel und schlechte Frauen waren, und ich sah ihn von einem ins andere ziehen, und immer in niedereres und dunkleres Land, und sah ihn zuletzt aus einem Haus ganz arm hinausstoßen, und sah ihn in einen Wald ziehen, wo hier und da ein Sumpf, ein... war, und da sah ich ihn sitzen bei Schweinen, welche Früchte, Hülsen fraßen, die da herumlagen.
346
1
Ich sah ihn auf einem abgehauenen Baumstamm sitzen, traurig, die Hände an den Kopf gestützt. Dann sah ich ihn umherschauen, empor, gegen Himmel, und dann auf die Knie fallen, und da dachte ich, Gott sei Dank, jetzt liegt er auf den Knien!
Dann sah ich ihn zurückeilen zu seinem Vater und den Vater ihna entgegensehen, denn er sehnte sich, und ihm entgegeneilen. Der Sohn lag auf den Knien, der Vater umarmte ihn, rief den Knechten, sie sprangen herbei, brachten Kleid, Ring, Schuh e. Sie waren freudig und h i lfreich zu allem. Es ward ein Kalb geschlachtet, es kamen Gäste.
Ich sah ein Mahl auf jüdische Art. Sie lagen um den Tisch. Ich sah die Gäste lobsingen, auf spielen. Alles war froh.
Ich sah den ältesten Sohn auf dem Acker das Getümmel hören, lauschen, dem Haus nahen, einen Knecht fragen, stehenbleiben, den Vater herauskommen, den Sohn voll Neid und Ärger blaß sein, den Vater antworten.
Ich sah auch, daß sie um den Tisch standen und ein Lamm aßen. Es war ganz auf dem Teller... Wie demütig liegt der Kopf auf den Vorderbeinen!
Anwendung... auf die Gegenwart
Ich sah nach dieser Parabel, als habe der ältere Bruder viele Brüder auf Erden, und der verlorene Sohn auch, und sah nun aus unserer Zeit viele einzelne und allgemeine Bilder vom Schicksale beider, deren Personen mir bekannt und unbekannt waren.
Ich sah, wie einzelne Menschen sich vom Guten wandten, auf ihr Vermögen oder Gnade trotzend, in Wohlleben, körperliches oder geistliches, fielen, sich in Lastern herumwälzten, endlich kein Genüge hatten, nach Gnade hungerten, ja selbst als Knechte gern zurückkehrten.
Ich sah die, welche ruhig sitzengeblieben waren, oft lieblos, ja geärgert dabei.
Ich hatte auch Bilder von geistlichen Hirten, welche ihre Gemeinde verlassen um besserer Stellen. Ich sah sie abwärts ziehen
· n Land, das fern glänzte, aber immer niedriger ward, und sah sie un an schönen reichen Tischen sitzen, und auf einmal waren diese Tn1 viel, als sie kamen von göttlicher Gnadenspeise in Lüste und ische Schweinetröge, und sie aßen mit den Schweinen. Das hieß itelkeit.
Auch war mir es, als hieße es in einzelnen Bildern, sie näherten sich den Abtrünnigen und vermischten sich mit Unreinen.
Ich sah auch unter den verlorenen Söhnen viele aus Unerfahrenheit, Leichtsinn. Ich sah sie auch als von der Kirche durch hoffärtige Erkenntnis sich Abwendende usw.
Ich sah sie dann aber, wenn sie nach Schicksalen zurückkehrten und das Haus des Vaters erkannten, oft würdiger und darum besser empfangen als die treu gebliebenen Brüder, welche ich von Gnaden stets genährt, doch naserümpfend und neidisch sah.
Die Bilder, die ich hier alle sah, sind ungemein mannigfaltig gewesen. Ich sah als verlorene Söhne Menschen, die in Laster, in Auf-klärung, in Ketzerei fallen, einzelne und die abgesonderten Kirchen, Prediger, und manche Leute, welche ich für sehr auserwählt gehalten. Ich hatte aber, als ich solche Geistliche sah, die bessere Pfründen, die Aufklärung und leichteres Leben suchen, als Erklärungsbild, wie Lot sich von Abraham trennte.
17.-18. Juni 1820 / Tagebudz Bd. II, Heft 6 1 Viertelgeiten 141-142
Als ich nach verschiedenen Richtungen diese Trennungsbilder sah, Pfarrer, welche abreisten, Leute, welche sich von der Kirche wandten, usw., sah ich, wie schon im Anfang der Welt solche Trennung aus Eigennutz, als zum Bösen führend, abgebildet sei.
Ich sah, wie Lot sich von Abraham schied, ich sah ihn, als er schied, dunkel, ich sah, daß Abraham ihn segnete und daß dieses ihm einiges Licht mitgab und sein einziges Gut war.
Ich sah Abraham voll Glanz zurückbleiben, ich sah die Gegend, wo Lot hinzog, fern glänzend, aber ich sah ihn ziehen von Nebel umgeben, und sein Weg ging immer mehr hinab und wie der Weg Adams aus dem Paradies. Ich sah ihn ziehen mit vielen Kamelen, großen Schafen und Ochsen und Eseln und Knechten und seinem Weib und Töchtern, immer dunkler hinab, und hatte, das sei ein böser Weg für ewig, wo er auch gegangen werde...
Als ich die Bilder der verlorenen Söhne in unserer Zeit sah, sah ich Bilder eines Weltgerichts, einer Sichtung über sie ausgehen.
Ich sah sich Kriegsheere ergießen, sah Bilder von Streit hier und da, sah viele getötet. Ich sah Pfarrer mit Mägden und Kloppen aus Häusern getrieben, sah Heilige an ihre Stelle treten, bis andere Priester sie einnehmen konnten. Es war ein wunderbares Au~ mustern. Die Menschen wurden ordentlich dünn, und ich wunderte mich, als ich viele kräftige, starke Männer niederschlagen und wegnehmen sah, und alte schwache Krüppel blieben verschont stehen.
Ich sah aber eine ferne Jugend heranwachsen, die Lücken zu ersetzen. Ich sah alles das besonders im Bezug auf Hirtenamt. Aber ich sah auch, daß viele sich durch das Elend besannen und zum Vater zurückkehrten.
Ich sah viele verlorene Söhne zur Mutter, der Kirche, zurück-kehren, die mehr Freude und Heil brachten als die älteren Söhne, welche aus ihrem Schlaf und Genügen geweckt, reichlich ausgemustert wurden.
Ich sah das ganze Bild nahender Kriegsstrafe mehr in den Bildern der strafenden Wirkung als in dem Gange selbst. Es war ein trauriges Bild und schloß mit einem Fest der Erneuerung und des Eingangs in die Kirche.
17.-18. Juni 1820 1 Tagebuoi Bd. II, Heft 6 / Viertelseiten 135-136
Ich sah ein Haus wie im Gelobten Land. Es war dunkel darin. Ich sah ein jüdisches Weib darin im Dunkeln. Es kam ein Mann zu ihr, und es war, als sage er ihr etwas, und als sei er derselbe Hirte, der das Lamm gefunden, als sei es ein Bild Jesu, und ich sah, als er wegging, das Weib eine Lampe anzünden, und als sie die Lampe anzündete, sah ich, daß sie selbst zu schimmern anfing, und sah, daß sie umherfegte und leuchtete und einen Groschen fand, der leuchtete auch, und nun sah ich, als sei der leuchtende Groschen mitten in ihrer Brust, und sie selbst ward lichter, und das Licht der Lampe und des Groschens und ihr eigenes waren eins in ihr geworden, und sie war ganz hell, und das Haus war hell.
Da sah ich eine andere Frau zu ihr kommen, und die ward auch hell von ihrem Licht, und dann mehrere ebenso, und sie waren alle klarer und freudig und lobten Gott...
... Anwendung auf die Gegenwart
Ich sah nun mehrere Beispiele, wie einzelne gute Geistliche, auch Laien, die ich kannte und nicht kannte, einzelne Personen (bestimmte, unserer Zeit) durch ein Wort oder durch eine Beichte innerlich erweckten, daß sie ihre Mängel erkannten und sich besserten und ihre Besserung anderen mitteilten und wieder andere erweckten.
349
1
Ida sah dieses Bild als ein Bild der Erweckung durch gute geistliche Seelenführung.
Nachtrag.
Das Weib war dunkel um sich und in sich. - Sie war betrübt und unruhig. Ich sah den Mann in die Haustüre treten. Sie ging ihm entgegen, und kaum hatte er mit ihr gesprochen, so hatte sie auch eine brennende Lampe in der Hand. Es war, als habe er ihr Feuer, Licht gebracht.
Sie stellte das Lämpchen mitten im Haus auf eine hohe Stange oder Leuchter, und nun war es rund um die Lampe hell, und sie selbst ward heller, reiner und durchsichtiger. Nun nahm sie einen Besen, der war nicht von Haaren, sondern von feinen, langen Kräutern, und ein Stiel daran, und sie fegte von allen Seiten des Hauses gegen die Mitte dem Schein der Lampe zu, und da sammelten sich dann etwas Erde und Kehricht. Das durchsuchte sie mit den Fingern und fand den Groschen. Da ward sie hell, und der Groschen leuchtete. Sie, Licht und Groschen waren eins.
Da kam die eine Nachbarin und wurde erleuchtet, und die andern ebenfalls (d. h. den Groschen zeigen, sein Licht leuchten lassen im rechten Sinne), und nun lobten sie alle Gott.
17.-IB. Juni 1820 1 Tagebuch Bd. II, Heft 6 1 Viertelseite 143
... Nachdem ich die Anwendung dieser Parabeln gesehen, sah ich, daß die Jünger sich auch nach anderen Seiten des Hauses in Kammern abgesondert hatten und lehrten. Es war, als würden sie bereits die Erfüllung der Bilder, der Nachbarn des Hirten, der das Schaf gefunden, und der Nachbarinnen der Frau, die die Drachme gefunden, und des wiedergefundenen Sohnes, und teilten die Freude, das Licht, die Versöhnung weiter mit. Die murrenden Pharisäer und Schriftgelehrten aber standen wie der ältere Sohn.2~
7.-8. 1November 1820J 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten
22-24
Das Fest ward in der Synagoge am Abend gehalten. Hernach kamen sie alle mit Jesu im Festhaus zusammen. Er wußte, daß viele, da er ihnen gesagt, sie sollten dem neuen Ehepaar ein Haus bauen, gedacht, auch zueinander gesagt hatten: "Hat er vielleicht selbst kein Haus und keinen Aufenthalt und will bei diesen Leuten wohnen?" Er sagte ihnen deswegen, er werde nicht hier bleiben, er habe
kein Haus hier, sein Königreich werde erst kommen, er müsse seines Vaters Weinberg pflanzen und begießen mit seinem Blut auf dem Berg Kalvariae. Sie verstünden das jetzt nicht. Sie würden es aber verstehen, wenn er den Weinberg begossen. Dann werde er wiederkommen aus einem dunklen Land, und es würden seine Boten zu ihnen kommen und sie rufen. Dann würden sie ihm nachfolgen und diesen Ort verlassen. Wenn er aber zum dritten Mal komme, dann werde er alle in seines Vaters Reich führen, welche den Weinberg treu gebaut. Es sei ihres Bleibens nicht lange hier, darum solle das Haus nur leicht und ein Gezelt zum Abbruch sein.
Er lehrte auch noch lange von der Liebe untereinander, und wie sie Anker ineinander werfen sollten, daß der Sturm der Welt sie nicht zerstreue und einzeln vernichte. Auch sprach er den Neuverehelichten von der Liebe und der Reiriheit derselben, auf daß sie reine Früchte brächten, in Parabeln vom Weinbau, vom Über-fluß der Schößlinge, Schneiden der Zweige, Mäßigung, usw. Er wolle nur noch dem neuen Ehepaar den Weinberg anlegen und sie lehren, die Reben zu pflanzen, und dann werde er scheiden, seines Vaters Weinberg zu bauen, usw.
Alles dieses lehrte er so einfach und doch so künstlich, daß sie immer in der Ahnung des Wirklichen mehr erwuchsen und doch in der Einfalt blieben. Er lehrte sie, im ganzen Leben und der Natur ein verborgenes heiliges Gesetz zu erkennen, das durch die Sünde entstellt worden sei.
Diese Lehre währte bis spät in die Nacht, und als er sich nun entfernen wollte, hielten sie ihn zurück, umarmten ihn und flehten:
"Mache uns das alles verständlicher!" Er sagte aber, sie sollien nur tun, wie er gesagt, er werde ihnen einen senden, der sie deutlicher lh solle.
Es wurde bei dieser Versammlung ein kleines Mahl gehalten, paren wobei sie alle aus einem Becher tranken. Er ging aber heute bei einar alten armen Eheleuten in ein kleines Häuschen zur Herberge, welche ihn sehr darum baten.
9. November 1820I Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten 27-29
Ich sah Jesum im Hause bei der Braut Eltern. Er lehrte noch vieles von der Ehe und reinen Liebe, welche reine Früchte bringe, und von dem Überflüssigen i m Menschen, welches gebändigt werden müsse, sonst treibe er Holz statt Früchte; usw.
350 351
Er ging nachher mit den Männern hinaus, und sie mußten ihm Reben bringen. Er wollte sie lehren, die Reben zu pflanzen. Der Platz zum Haus war abgesteckt, und der Berg war terrassiert. Sie hatten auch bereits ein Spalier aufgerichtet. Sie sagten dem Herrn, die Trauben, die hier wüchsen, seien alle bitter. Er sprach, das sei, weil sie von unedler Art, von bösem Stamme seien und wild fortrankten, nicht geschnitten würden. Darum hätten sie nur die Gestalt des Weines, aber nicht seine Süßigkeit. Jere aber, die er jetzt pflanze, sollten süß werden, und er lehrte dabei wieder von der Ehe, welche nur geordnet und in der Bändigung und Enthaltung und in Verbindung mit Arbeit, Schmerzen und Sorgen reine und süße Früchte bringe.
Als sie ihm große Bündel von Reben brachten, suchte er nur fünf davon aus. Er hackte selbst den Grund auf und pflanzte sie in gewisser Entfernung längs des Spaliers und zeigte ihnen, wie sie ins Kreuz aufgebunden werden müßten. Er lehrte bei allem diesen von der Ehe, und alles, was mit dem Weinstock geschieht von Natur und durch Pflege, bezog sich auf Fortpflanzung und geistliche Frucht.
Sie gingen hierauf in die Synagoge, und er lehrte noch in vielen Parabeln von der Ehe. Er sprach auch von der großen Verderbtheit der Fortpflanzung im Menschen, und daß man nach der Empfängnis sich enthalten müsse, und führte zum Beweise, wie tief die Menschen von dieser Seite gegen die edleren Tiere ständen, die Keuschheit und Enthaltung der Elefanten an. Nicht sehr weit von dieser Gegend gibt es Elefanten.
Die Zuhörer fragten Jesum, ob Noah nicht Wein gebaut habe und berauscht gewesen sei, und er legte ihnen das aus und sprach von dem Rausche als großer Gefahr der Sünde bei dem Genusse des Weins und in der Ehe, es möge der Rausch vom Wein oder böser Begierde herrühren. Er lehrte, wie durch den Rausch die Sünde erzeugt werde, und wie ein Ärgernis das andere gebäre. Ich hörte auch wieder, daß die "Söhne" Noä seine Nachkommen im dritten Glied waren, und daß Cham von der Mutter im Ehebruch empfangen sei.
Er lehrte auch noch, daß er sie nun verlassen müsse, daß er auf dem Kalvarienberg den Weinstock pflanzen und begießen müsse. Er wollte ihnen aber einen senden, der sie alles lehren und sie in den Weinberg seines Vaters führen solle, usw.
io.-iI. November 18201/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten 3~31
Jesus hat an diesem Ort kein großes Wunder getan. Er hat nur hin und wieder durch Gebet und Handauflegung kleine Krankheiten, Kopfweh, Fieber und dergleichen geheilt. Freitag abend ging er in die Synagoge und hielt die Sabbathlehre.
Am Samstag lehrte er auch dort und sprach abends noch vieles von dem Reich seines Vaters und den Wohnungen darin. Sie fragten ihn, warum er denn nichts mitgebracht habe aus diesem Reich und in einem so armen Kittel einhergehe. Er sagte ihnen aber, den Menschen, welche ihm nachfolgten, werde das Reich bewahrt. Die, welche es empfangen wollten, müßten es verdienen. Er sei ein Fremdling hier und suche und rufe treue Knechte in den Weinberg.
Fr sprach auch, daß er das Haus des Bräutigams so leicht baue, weil des Bleibens seiner Nachfolger auf Erden nicht sei und man sich an die Erde nicht hängen müsse. Warum sie ihrem Leibe ein Haus bauen wollten, da er doch selber ein gebrechliches Haus sei? Sie sollten dieses Haus ihrer Seele reinigen und als einen Tempel heiligen und nicht entweihen oder auf Unkosten der Seele überladen und verweichlichen, und mit solchen Reden kam er wieder auf das Haus seines Vaters.
Er sprach auch vom Messias und allen Kennzeichen desselben, und wie er von hohem Stamm, aber einfältigen frommen Eltern geboren werden müsse, und nach den Zeichen der Zeit müsse er schon da sein. Sie sollten sich an ihn halten und seiner Lehre folgen.
Er lehrte auch vieles von der Liebe des Nächsten und dem guten Beispiel. Er sagte dem Bräutigam Salathiel, er solle sein Haus offen-stehen lassen und ganz auf das vertrauen, was er ihm sage, und fromm leben, so werde ihm Gott sein Haus schon hüten. Es werde ihm nichts entwendet werden.
Die Leute hatten schon viel für das neue Haus verfertigt. Salathiel erhielt weit mehr, als er brauchte. Der Herr lehrte gegen den Eigennutz. Man müsse alles um Gottes und des Nächsten willen tun, usw. Die Leute waren hier sehr einfältig und ohne rechten Unterricht.
13. November 1820 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten 34-35
Heute lehrte Jesus wieder über die Ehe und den Überfluß in ihr. Er sprach von David, wie er durch den Überfluß, welchen er in sida selbst durch Entsagen und Buße hätte verzehren sollen, in so großes Sündenelend gefallen sei, und wie durch Entsagung nichts verloren-
352
353
gehe, sondern durch Verschwendung. Er sprach von Moses, und warum seine Frau gestraft worden sei, und von der Bundeslade, und welches Heiligtum Moses erhalten habe, ehe er durch das Rote Meer gegangen sei. (Ich war heute morgen so froh, weil ich so schöne Bilder gesehen und alles so gut wußte, besonders von der Bundeslade, aber eine Kränkung in meiner Umgebung und Unwillen, gegen den ich kämpfen mußte, verlöschten alle diese Bilder.)
Die Leute sind hier sehr unwissend, und der Herr erklärt ihnen alle ihre Fragen.
13.-14. November 18201/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten 35-40
13. November:
Ungefähr eine Stunde von Jesu jetzigem Aufenthalt gegen Morgen lag das mit einem Graben umgebene Wohnhaus eines reicheren Herdenbesitzers, der plötzlich auf dem Feld, nicht weit von seinem Hause, gestorben war. Die Frau und die Kinder waren in großer Betrübnis. Er war schon zur Beerdigung bereitet, und die Familie ließ den Herrn bitten, mit anderen dahin zur Beerdigung zu kommen.
Jesus ging mit seinen drei Jüngern, mit Salathiel und dessen Frau, mehreren anderen verschleierten Frauen und auch mehreren Männern nach Tisch hinaus. Sie waren ungefähr dreißig Personen. Die Leiche stand bereits zum Grabe bereitet in einem großen, oben offenen Laubgang vor dem Haus. Dieser Mann war zur Strafe seiner Sünden gestorben. Er hatte sich, da Hirten, die er gedrückt, die Gegend verließen, manches von ihrem Gut zugeeignet und war bald darauf auf demselben ungerechten Acker plötzlich tot nieder-gesunken.
Jesus sprach bei der Leiche von dem Verstorbenen, und was es ihm nun nütze, daß er seinen Leib, dieses Haus, das er nun doch habe verlassen müssen, gepflegt und ihm gedient habe. Er habe seine Seele dieses Leibes wegen, der nicht gezahlt habe und nicht zahlen könne, in Schulden gesetzt, usw.
Die Frau war sehr traurig und sagte, der Judenkönig aus Nazareth könne ja die Toten erwecken, wenn er doch hier wäre! Da sprach Jesus: Ja, der Judenkönig könne es, aber man verfolge ihn deswegen und wolle ihn töten, der doch das Leben gebe, und sie wollten ihn nicht erkennen! Und hierauf sagten sie, wenn er bei uns wäre, wollten wir ihn erkennen.
Er stellte sie aber auf die Probe. Er sprach ihnen von dem Glauben, und daß, so sie glaubten und auch wollten und täten, was er lehrte, der Judenkönig ihnen auch helfen würde, usw. Er sonderte nun die Familie des Verstorbenen und Salathiel und dessen Braut von den anderen Anwesenden ab, welche er zurücksandjte, und sprach noch mit der Frau, der Tochter und dem Sohn des Verstorbenen. Die Frau hatte ihm früher vor den Weggegangenen gesagt: ~Herr, du sprichst, als seist du der König der Juden selbst!" Er hatte ihr aber gewinkt zu schweigen, und als nun die anderen, welche er als schwächer kannte, hinweg waren, sagte er den Anwesenden, so sie seiner Lehre glaubten und ihr nachfolgen und Verschwiegeriheit behalten wollten, so werde der Tote wieder aufleben, denn seine Seele sei noch nicht gerichtet und harre noch am Ort ihres Ausscheidens und ihres Unrechts auf dem Feld. Sie versprachen von Herzen Gehorsam und Verschwiegenheit, und er ging wenige Schritte mit ihnen auf das Feld, wo der Mann verstorben war, und 2'i sagte, so wir zurückl:ehren, wird er aufrecht sitzen und leben. Ich sah aber die Seele, als er ihr gerufen hatte, zu dem Leibe hinschweben, sich auf ihn niederlassen und kleiner erscheinend, sich wie durch den Mund in ihn einsenken und den Lei~ sich aufrichten. Er war umwickelt und mit gebundenen Händen, und die Frau band ihm die Hände und die Binden los, und als er aus dem Begräbniskasten gestiegen, warf er sich vor Jesu nieder und wollte seine Knie umfassen. Der Herr aber wich von ihm zurück und sagte ihm, er solle sich reinigen und waschen und in seiner Kammer verborgen halten und nichts von seiner Auferweckung sagen, bis er diese Gegend verlassen habe. Die Frau brachte nun den Mann in einen verborgenen Winkel des Hauses, und er reinigte sich und kleidete sich um. Jesus aber, Salathiel und sein Weib und die drei Jünger nahmen etwas Speise in dem Haus und schliefen daselbst. Der Sarg aber ward in den Totenkeller gesetzt. Der Herr lehrte bis spät in die Nacht.
14. November:
Der Herr ging am Morgen zu dem auferweckten Nazor und wusch ihm die Füße und ermahnte ihn, seiner Seele künftig mehr als seines Leibes zu gedenken und das ungerechte Gut zu ersetzen. Er ließ nachher seine Kinder kommen, sprach von der Barmherzigkeit Gottes, welche ihr Vater erfahren, ermahnte sie zur Gottesfurcht, segnete sie und führte sie den Eltern zu. Auch die Mutter führte
355
354
er zu dem Vater und übergab sie ihm als einem Wiedergekehrten zu strengerem und besserem Zusammenleben.
Jesus lehrte an diesem Tage noch vieles von der Ehe, und immer unter Bildern von Weinstock und Saat. Er wandte sich dabei besonders zu dem jungen Ehepaar und sagte zu Salathiel: "Du hast dich von der Schönheit des Leibes deines Weibes bewegen lassen, bedenke aber, wie schön muß eine Seele sein, daß Gott seinen Sohn zur Erde sendet mit dem Opfer seines Leibes, die Seelen zu retten. Wer aber dem Leib dient, dient der Seele nicht. Die Schönheit gebiert die Begierde, und die Begierde verderbt die Seele durch Übersättigung. Diese unmäßige Befriedigung ist die Schlingpflanze, welche den Weizen und die Reben erstickt und verderbt."
Auf diese Weise führte er die Ermahnung wieder in eine An-weisung beim Weinbau und Weizenbau über und ermahnte sie, zwei bestimmte, rankende Unkräuter aus Acker und Weinberg fernzuhalten.252
Er sagte ihnen auch, am Sabbath wolle er in Kedar in der Schule lehren. Dann sollten sie hören, wie sie seines Reichs sollten teilhaftig werden und durch welche Nachfolge. Er werde am Sonntag diese Gegend verlassen und gegen Morgen durch Arabien ziehen.
Sie fragten ihn, warum er zu den Heiden gehe, welche die Sterne anbeteten. Er sagte, daß er dort Freunde habe, welche einem Stern gefolgt, um ihn bei seiner Geburt zu begrüßen, und diese wolle er aufsuchen, um auch sie in den Weinberg und das Reich seines Vaters einzuladen und ihnen die Wege zu bahnen. Er blieb auch die Nacht vom 14. zum 15. in diesem Haus...
i6. November J1820J / Tagebuch B~. VI, Heft i8b / Viertelseiten 42-44
Nazor und seine Frau waren nicht hier, denn Nazor war zu einer Sündenbufle krank geworden.
Ich hatte hier auch ein Gesicht von seinem Zustand nach dem Tod. Ich sah seine Seele über dem Ort seines Todes in einem Kreis, einer Sphäre, in welcher ihr die Bilder aller ihrer Vergehen und ihrer irdischen Folgen vorgestellt wurden und sie mit Reue ganz verzehrten. Sie erkannte auch alle die Strafen, in welche sie eingehen müsse, und erhielt in diesem Zustand eine Ansicht von genugtuenden Leiden Jesu, und als sie ganz von Reue verzehrt in die Strafe eingehen sollte 253, rief sie Jesus in ihren Leib zurück, über welchem ich sie klein werden und wie in den Mund einschwinden sah. Ich habe immer die menschliche Seele wie über dem Herzen sitzen sehen, von wo viele Fäden nach dem Kopfe gehen, usw. Seiner Frau hatte der Herr auch eine Erkenntnis von dem Zustand seiner Seele gegeben. Er ward nach seiner Erweckung sehr krank von der Reue und Erschütterung, mit welcher seine Seele in den Körper zurückgekommen war.
17. 1 November 18201/ Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten 45-46
Heute am Mittag sah ich Jesum mit Salathiel und seiner Braut in einem Haus zu Kedar über den Ehestand reden. Er ermahnte sie recht im einzelnen und sagte ihnen, wie sie zusammen leben müßten nach allen Bedingungen, um ein guter Weinstock zu werden. Sie sollten sich reinhalten von Begierden und bei jeder Handlung der Ehe bedenken, warum sie es tun. Wo ihre bloße Begierde sie treibe, würden sie bittere Früchte der bösen Begierde hervorbringen. Er warnte sie vor dem Überfluß in allen Dingen, er ermahnte sie zum Gebet und zur Entsagung und sich vor dem Rausch des Weines zu hüten. Er sprach von Noah und der Sünde des Rausches usw. Die Braut solle ein reines Gefäß sein. Er gebot ihr Absonderung in ihren Krankheiten und strenge gänzliche Enthaltung nach der Empfängnis. Er sprach von gegenseitigem Vertrauen und dem Gehorsam der Frau. Der Mann solle nicht schweigen, so sie frage, er solle sie ehren und schonen als ein schwaches Gefäß. Er solle nicht miß-trauen, so er sie mit anderen reden sehe, und sie solle auch nicht eifern, so er mit einer anderen rede, doch solle keines dem anderen Ärgernis geben. Sie sollten keinen dritten Zwischenträger zwischen sich dulden und alles mit Liebe untereinander abhandeln. Er sprach sehr streng über die bloße Befriedigung der Begierde und schilderte die Ehe und ihre Erfüllung in dem gefallenen Menschen für fromme Eheleute als eine Handlung, welche das Gefühl der Buße und Erniedrigung begleiten müsse, und sie sollten sich nie zusammenfügen ohne Gebet und Überwindung und sollten die Früchte Gott empfehlen. Er sagte der Frau, sie solle eine fromme Abigail werden. Er wies ihnen auch eine Gegend zum Weizenbau an. Er sagte, sie müßten einen Zaun um den Weinstock machen. Dieser Zaun war diese Ermahnung. -Jesus sprach am Vorabend des Sabbaths mit dem Verwalter der Synagoge, der auch Nazor heißt und mit dem Erweckten verwandt ist, von Tobias, dessen Nachkomme dieser sei und auch der andere Nazor ist. Er sprach über alle Führungen des Tobias. Ich habe dabei ein ganzes Bild von Tobias gesehen und vergessen. Die Nachkommen des Tobias und der Ruth hier zeichneten sich von den Nachkommen der Ismaeliten durch Milde, Ordnung und Sanftmut aus.
i8. November 1820 1 Tagebuch Bd. VI, Heft i8b / Viertelseiten 4~5O
Ich sah während dieser Lehren des Herrn vom Weinstock und dem Weizen wieder viele längst vergessene Bilder des Alten Testaments als Erläuterung. Ich sah das Opfer Abrahams, als er zuerst in das Land der Verheißung zog, und wie er die Gebeine Adams dabei auf dem Altar aufrichtete. Ich sah, daß ein Engel ihm etwas wie ein Getränk brachte, und daß Abraham davon trank und auch (doch weiß ich nicht gewiß, ob von diesem) etwas auf den Altar goß, worauf sich gleich das Opfer entzündete. Ich hörte den Engel auch etwas sagen, als bringe er ihm etwas, das Adam durch seinen Fall verloren habe.
Ich sah in diesem Augenblick ein Sinnbild. Aus dem Nabel Abrahams wuchs eine dicke, gewundene Weinrebe empor. Unter dieser Rebe stand ein grimmiger Raubvogel mit aufgerichtetem Kopf, den Schnabel aufreißend, wie ein Adler oder eine Eule. Es war, als wolle er die Frucht des Weinstockes verschlingen. Über diesem Vogel stand ein springendes Einhorn, das Haupt mit dem Horn gegen den Rachen des Vogels spießend, als verteidige es die Rebe. Über dem Einhorn um die Rebe herum sah ich drei Herzen (Gefäße, Becher, Kelche), dann einen Zweig der Rebe zur Rechten mit einer großen Weintraube, dann über dem Weinstock ein Angesicht, über diesem eine Krone, hierüber eine Kugel und über der Kugel ein Kreuz.
Als ich später die Engel bei Abraham sah, welche ihm die Erzeugung Isaaks verkündeten, sah ich, daß einer derselben ihm ein Heiligtum in den Busen schob. Es war wie ein weicher, leuchtender Körper, von der Größe einer Bohne, und nun sah ich dasselbe Sinnbild wieder aus Abrahams Leib hervorsteigen. Ich sah aber, daß der Traube gegenüber feine Lichtfäden hervorschossen und einen Knoten bildeten, und aus diesem ein Busch Weizenähren hervor-wuchs. Und zwischen den Ähren sah ich mehrere Gesichter, und es war, als ob zwei davon ineinander zerflössen.
13. Januar 1821/ Tagebuch Bd. VII, Heft 20a / Viertelseiten 18-20
Bei Sychar liegt der Berg Garizim, wo die Samariter ihren Gottesdienst halten. Es liegt etwa eine halbe Stunde vom Brunnen Jakobs. Samaria, eine große Stadt, kann man auch von diesem Brunnen sehen. Joseph, der Patriarch, und seine Brüder sind hier begraben.
Ich sah, daß noch mehrere Apostel angekommen waren zum Sabbaih. Sie wollten von den drei Begleitern Jesu gern erfahren, wo er gewesen und was er getan, und als sie es nicht sagten nach Jesu Verbot, empfanden sie Unwillen darüber das betrübte Jesum, und als sie von ihm begehrten, er solle ihnen doch deutlicher erklären, sie verstünden ihn noch nicht. Er spreche von seinem nahen Ende? Er solle doch noch nach seiner Vaterstadt Nazareth gehen und solle dort seine Macht zeigen und seine Sendung durch Wunder kundtun. Jesus wollte das nicht; er sagte, die Wunder nützten nicht, wenn die Menschen sich nicht besserten. Sie blieben bei den Wundern stehen und würden nicht anders, usw. Johannes und Petrus waren seiner Meinung, die anderen aber waren nicht zufrieden. Er sagte ihnen auch, er wolle nach Jerusalem gehen und längere Zeit im Tempel lehren. Er fügte noch hinzu, was er denn mit den Zeichen und Wundern gewirkt habe, z.B. mit der Speisung der Fünftausend, der Erweckung Lazan, usw., da sie jetzt noch mehr Wunder verlangten?
Ich sah auch, daß er abends nach dem Mahl, da der Wirt sie zur Schlafstelle geleiten wollte, verlangte, daß sie ihm die Synagoge öffneten, weil er nun, da er ihre Lehre bei Tag gehört, auch lehren wollte. Er ging auch mit allen seinen Jüngern hinein und lehrte. Es hörten auch ein paar Juden zu, die unwillig über seine Lehre waren. Ich habe auch gesehen, daß die Juden von hier Boten nach Jerusalem geschickt, daß Jesus sich wieder bei ihnen sehen gelassen.
Seine Lehre habe ich diese Nacht recht deutlich angehört und großen Trost daraus gehabt. Ich weiß auch noch einiges davon. Es war hauptsächlich über die Zeichen und Wunder, die nicht hülfen, wenn die Leute darüber vergäßen, wie sündhaft und lieblos sie seien. Die Lehre sei nötiger als das Wunder, usw. Er sprach auch in Parabeln und vom verlorenen Sohn.254
Er hat auch den drei verschwiegenen Jüngern auf dem Weg hierher gesagt, warum er nicht mehr Zeichen und Wunder auf der Reise getan. Seine Apostel und Jünger sollten durch Wunder seine Lehre bestätigen und mehr tun als er, usw.
358
359
29. Januar 1821/ Tagebuch Bd. VII, Heft 20a / Viertelseiten 5~63
Jesus und die Jünger zogen heut e morgen noch nicht in Bethanien ein. Die fünf Apostel und sechzehn Jünger, welche mit Christo gekommen waren, teilten sich in zwei Haufen, von Thaddäus und Jakobus geführt, welche heilten. So teilten sie sich in der Gegend, und ich sah diese Apostel auf sehr verschiedene Weise heilen, durch Handauflegung, Anhauchen, oder daß sie sich über einen Kranken hinstreckten, oder daß sie Kinder quer auf den Schoß gegen die Brust nahmen und anhauchten. -Jesus zog mit den drei verschwiegenen Jüngern auch in der Gegend heilend umher.
Ich habe gesehen, wie er mehrere blurflüssige Frauen, bleiche und mondsüchtige Mädchen und andere Krüppel heilte, auch einen Besessenen befreite, dessen ich mich genau erinnere.
Die Eltern des besessenen Jünglings liefen dem Herrn, der in ein zerstreutes Dorf einging, an den Weg entgegen, und er folgte ihnen in den Hof ihres Hauses, wo ihr besessener Sohn sich befand, der bei der Annäherung des Herrn wie rasend wurde, hin- und her-sprang und an den Wänden hinauflief. Die Leute wollten ihn fangen, vermochten es aber nicht, weil er immer rasender wurde und sie hin- und herriß. Da befahl der Herr allen Anwesenden, hinaus-zugehen und ihn allein zu lassen, und sie gingen alle aus dem Hof hinaus. Da Jesus aber allein mit ihm war, rief er dem Besessenen, zu ihm zu kommen. Dieser kam aber nicht und streckte die Zunge mit scheußlich verzerrtem Gesicht gegen ihn. Er rief ihn nochmals, und er kam wieder nicht, sondern sah mit dem Kopf über die Schulter gedreht nach ihm hin: Nun richtete Jesus seine Augen zum Himmel empor, betete, und da er dem Besessenen befahl, kam er vor ihn und warf sich der Länge nach zu seinen Füßen hin. Der Herr fuhr nun mit dem einen und dann dem anderen Fuß zweimal über ihn, als trete er auf ihn 255, und nun sah ich aus dem offenen Munde des Besessenen einen schwarzen verschlungenen Dampf steigen und in der Luft verschwinden. In diesem aussteigenden Qualm erkannte ich drei Knoten, von welchen der letzte der finsterste und stärkste war. Diese drei Knoten hingen durch einen stärkeren und viele dünnere Fäden zusammen. Ich kann das Ganze mit nichts besser vergleichen, als mit drei Rauchfässern übereinander, deren Rauchwolken aus verschiedenen Löchern ziehen und sich miteinander verbinden.
Nun lag der Besessene ruhig und wie tot zu den Füßen des Herrn, und dieser bewegte seine Hand über ihn, segnete, so, als wenn man ein Kreuz über etwas macht, und streckte seine Hand dann nach ihm mit dem Gebot, aufzustehen. Da stand der arme Mensch auf. Er war ganz matt und bleich, und Jesus brachte ihn gegen die Türe des Hofs seinen Eltern entgegen, gab ihnen denselben wieder und sagte ihnen, er gebe ihn ihnen wieder, werde ihn aber auch wieder von ihnen verlangen. Sie sollten sich nicht mehr an ihrem Sohn versündigen, denn sie hatten sich an ihm versündigt, wodurch er in dieses Elend gekommen. Ich weiß nicht mehr, auf welche Art.
Hierauf verließ er diese Leute und ging nach Bethanien. Die Geheilten aber und viele von ihren Angehörigen zogen ihm nach und voraus nach Bethanien, wohin auch die von den Aposteln Geheilten kamen. Da war ein großes Getümmel in Bethani en, denn die Geheilten machten ihr Glück überall bekannt. Ich sah auch, daß er gut empfangen wurde und daß ihm Priester entgegenkamen und ihn in die Synagoge führten, und daß sie Jesu ein Buch Mosis vorlegten, worüber er lehren sollte. Es waren viele Menschen in der Schule, die Frauen am Frauenort.
Nachher gingen sie in das Haus des geheilten Aussätzigen Simon in Bethanien, wo die Frauen ein Mahl bereitet hatten. Lazarus war nicht hier. Jesus und die drei verschwiegenen Jünger schliefen in ein er Herberge bei der Synagoge. Die Apostel und anderen Jünger gingen hinaus in das der Gemeinde Jesu gehörige Haus schlafen. Es war die Frau jenes Hauses, welche vor Lazan Erweckung der Martha die Annäherung Jesu meldete. Sie war groß und stark und lief oft Botengänge für die Gemeinde.
Maria und die anderen Frauen wohnten in einem Haus Marthas und Magdalena s, welches ein anderes als das Haus Lazan war, das gegen die Jerusalemer Seite wie ein Schloß mit Graben und Brücken umgeben war. Das Haus Marthas lag an der Seite, durch welche Jesus eingegangen.
25.-26. Februar 1821 Tagebuch Bd. VII, Heft 20b / Viertelseiten 21-22
Ich habe Jesum heute wieder im Tempel lehren gesehen und auch einiges davon verstanden. Die Juden werden schon trotziger. Sie hatten heute das Gitter um den Lehrstuhl und den Lehrstuhl selbst verschlossen. Als Jesus aber mit den Jüngern in die Halle kam,
360 361
ergriff er das Gitter, und es öffnete sich, und auch der Stuhl tat sich vor seiner Hand auf. Ich erinnere mich, daß viele Schüler Johannes des Täufers und heimliche Anhänger Jesu da waren und daß er anfing, von Johannes zu reden, und was sie von diesem hielten, und von ihm selbst. Ich meinte, er wollte, daß sie sich öffentlich kundtun sollten. Sie fürchteten sich aber, herauszureden. Ich habe auch gehört, daß er eine Parabel erzählte von einem Mann und zwei Söhnen, die einen Acker umwarfen und ausjäten sollten. Der eine Sohn sagte ja und tat es nicht, der andere sagte nein, und es reute ihn, und er tat es. Er lehrte lang hierüber.
Später, nach seinem feierlichen Einzug in Jerusalem hat er nochmals über eine ähnliche Parabel gelehrt. Es war aber dieselbe nicht, denn heute sprach er vom Umarbeiten und Reinigen eines Ackers, und es bezog sich auf Weizenbau. Das andere Mal sprach er vom Arbeiten im Weinberg, und es bezog sich auf Weinbau. Außerdem war es eine ähnliche Parabel. Auch lehrte er heute ganz anderes von Johannes als damals.
Er ging heute nach Bethanien zu Lazarus schlafen. Er besuchte die heiligen Frauen. Sie waren nicht in dem Schlosse Lazan, sondern in dem Haus, wo Martha und Magdalena waren, als Lazarus erweckt wurde
16. März 1821 Tagebuch Bd. VII, Heft 21 / Viertelseiten 43-48
Als Jesus mit den Aposteln nach Jerusalem ging, hungerte ihn. So steht in der Schrift. Aber mir war es, als hungere er nach der Bekehrung der Juden und nach seiner Vollendung. Er sehnte sich, sein Leiden möge überstanden sein, denn er kannte dessen Größe und bangte davor. Er nahte einem Feigenbaum am Weg und sah hinauf, und da er keine Frucht und nur Blätter auf ihm sah, verfluchte er ihn, daß er verdorre und niemals mehr Frucht trage. Es werde jenen, die ihn nicht anerkannten, auch so gehen. Ich hatte auch, als bedeute der Feigenbaum das alte, wie der Weinstock das neue Gesetz.
Hierauf ging er zum Tempel und sah von dem gestrigen Fest Zweige und grüne Kränze auf dem Wege auf Haufen geworfen. Es hatten sich aber wieder viele Krämer vor dem Tempel und in den ersten Hallen eingefunden. Sie harten teils Kasten auf dem Rücken, welche man auseinanderschlagen konnte, und sie stellten sie auf Stöcke, die sie trugen und die sich zu Gestellen auseinandertun ließen.
362
Ich sah auch auf Tischen Haufen von Pfennigen liegen, welche mit Kettchen und Haken oder Riemen nach verschiedenen Arten zusammengebunden waren. Es waren allerlei Figuren darauf abgebildet. Sie waren gelb, weiß, braun, auch einige mehrfarbig. Ich weiß nicht, ob das Geld war, ich glaube, auch Pfennige zum An-hängen. Ich sah auch große Haufen von Körben mit Vögeln übereinanderstehen und in einer Halle Kälber und anderes Vieh. Ich sah, daß Jesus alle diese Händler wegtrieb, und als sie zögerten, drehte er einen Gürtel zusammen und trieb sie auseinander und hinaus.
Ich sah aber fremde, ansehnliche Leute aus Griechenland in einer Herberge, und daß ihre Diener zu Philippus kamen und sprachen, ihre Herren möchten Jesum gern sehen und wollten sich doch nicht herandrängen, und wie dieser es Andreas und Andreas Jesu sagte, und daß Jesus sie beschied, wenn er aus dem Tempel gehe, auf den Weg zwischen dem Tor und des Johannes Markus Haus, welches vor dem Tore bei mehreren anderen Häusern und einer Herberge liegt.
Jesus fuhr aber in seiner Lehre fort, wovon gewiß in der Schrift steht.257 Ich sah ihn sehr betrübt, und als er mit gefalteten Händen emporblickte, sah ich einen Strahl wie aus einer lichten Wolke über ihn kommen, und ich hörte ein Schallen und sah das Volk erschüttert und bewegt emporschauen und zueinander flüstern und sah Jesum wieder fort reden; so einige Male abwechselnd. Hierauf sah ich, daß er den RedestuM verließ und sich unter seine Jünger zurückzog und da, der Menge verschwindend, den Tempel verließ.
Wenn er redete, legten die Jünger ihm einen feierlichen weißen Mantel um, den sie bei sich trugen, und da er von dem Stuhl ging, nahmen sie ihm den Mantel ab, da er dann wie die anderen g~ kleidet sich leichter vor dem Volke verbarg. Es waren drei Geländer um den Redestuhl, immer eines höher als das andere, denn die Zuhörer standen auch immer höher. Diese Geländer waren mit Schnitzwerk verziert, ich glaube, gegossen. Es standen allerlei braune Köpfe oder Knöpfe darauf. Ausgeschnitzte Bilder habe ich keine im Tempel gesehen, außer allerhand Verzierungen, Weinstöcken und Trauben auch Opfertieren und auch Figuren wie Wickelkinder, auf die Art, wie ich ein gesticktes bei Maria gesehen.
Es war heller Tag, da Jesus sich mit den Seinigen in der Gegend des Hauses des Johannes Markus zusammenfand. Hier traten auch die Griechen zu ihm, welche mit ihm reden wollten. Er sprach
363
einige Minuten mit ihnen. Es waren ansehnliche Leute und auch Frauen bei ihnen, welche etwas zurückstanden.258 Diese Leute waren gut und haben sich bekehrt und waren von den ersten, welche auf Pfingsten sich zu den Jüngern gesellten und getauft wurden.
Jesus ging mit den Aposteln betrübt nach Bethanien zum Sabbaih hinaus. Wenn er im Tempel lehrte, mußten die Juden immer ihre Häuser verschließen, und es war verboten, ihm oder den Jüngern irgendeine Erquickung zu reichen.
In Bethanien gingen sie in das Herbergshaus Simons, des geheilten Aussätzigen. Er war jetzt wohigesinnt und hatte alles zu einer Mahlzeit herbeigeschafft. Magdalena, sehr mitleidig mit den Anstrengungen des Herrn, trat ihm beim Eingang des Hauses entgegen. Sie hatte ein Bußkleid an, einen Gürtel um, einen schwarzen Schleier über ihren aufgelösten Haaren. Sie warf sich zu seinen Füßen und wischte ihm den Staub mit ihren Haaren ab, wie man jemandem Schuhe putzt. Sie tat es vor allen öffentlich, und es ärgerten sich manche daran.
Da sie sich nun im Hause zum Sabbath bereitet, ihre Kleider angelegt und unter der Lampe gebetet hatten, legten sie sich zur Mahlzeit nieder, und gegen das Ende derselben erschien die von Liebe, Dank, Reue und Betrübnis getriebene Magdalena nochmals hinter dem Lager des Herrn, zerbrach ein Fläschchen mit Wohlgeruch über seinem Haupt und goß davon auf seine Füße, die sie mit ihren Haaren abtrocknete, und verließ den Saal. Mehrere Anwesende ärgerten sich etwas darüber,. . . Judas vor allen, welcher Matthäus, Thomas und Johann Markus zum Unwillen reizte. Jesus aber entschuldigte ihre Liebe. Sie hat ihn sehr oft so gesalbt, wie denn manches, was nur einmal im Evangelium steht, sehr oft geschehen ist.
Nach dem Mahle zerstreuten sich die Apostel und Jünger. Judas aber, voll Ärger, lief heute zum erstenmal noch in der Nacht nach Jerusalem. Ich sah ihn dunkel, voll Neid und Gier, über den Ölberg laufen. Ich sah, als zöge ein widerliches Licht mit ihm, als leuchte ihm der Teufel. Er lief in das Haus des Kaiphas. Er führte nur wenige Reden unten im Haus. Er hielt sich nie lange irgendwo auf. Ich sah ihn hierauf in das Haus von Johann Markus eilen, als komme er wie ein anderer Jünger, die oft da herbergten. Es war das sein erster bestimmter Verrätergang.
21. Marz 1821 Tagebuch Bd. VII, Heft
21 / Viertelseiten 62-66
Jesus war heute den ganzen Tag bei Lazarus mit den Weibern und den zwölf Aposteln. Am Morgen hatte er in der Jüngerherberge und vor den Weibern gelehrt. Sie hatten gegen drei Uhr ein großes Mahl in Lazan unterirdischer Wohnung. Die Frauen dienten zu Tisch und hörten nachher getrennt in dem abgegitterten dreieckigen Winkel der Lehre zu. (Ich habe sehr vieles von dieser Lehre klar und deutlich gehört und gewußt, aber mancherlei Leiden haben mir schier alles entfallen lassen.)
Jesus sagte unter anderem, sie würden nicht mehr lange beisammen sein. Hier bei Lazarus würden sie nicht mehr essen, wohl noch einmal bei Simon, aber dann würden sie nicht so ruhig sein. Er lud sie auch ein, ganz vertraut zu sein und ihn zu fragen, als seien sie alle gleich. Sie fragten ihn nun auch vieles, besonders aber Thomas, der sehr viel Zweifel hatte. Auch Johannes fragte oft, aber etwas sanft und leise.
Als die Mahlzeit vollendet war und sie gebetet hatten, ließen sie sich wieder nieder, und da Jesus von der Nähe der Zeit sprach, und wie der Menschensohn werde übergeben werden durch Verrat, trat Petrus eifrig gegen ihn und sagte, warum er immer spräche, als ob sie ihn verraten würden. Wenn er auch glauben könne, daß es einer von den anderen sei, so stehe er doch für sie zwölf, daß sie ihn nicht verraten würden. Petrus sagte dieses ganz keck und wie an seiner Ehre angegriffen. Jesus aber war so heftig gegen ihn, wie ich ihn nie gesehen, ja eifriger als damals, da er zu ihm sagte: "Weiche von mir, Satanas !" Er sagte, wenn seine Gnade und Gebet sie nicht erhalte n würden, würden sie alle fallen. Wenn die Stunde komme, würden sie ihn alle verlassen. Einer sei unter ihnen, welcher nicht wanke, und auch dieser werde fliehen und wiederkehren. Er meinte damit Johannes, welcher bei der Gefangennahme fliehend sein Gewand zurückließ. Sie waren da sehr betrübt. Judas war bei allen diesen Reden ganz freundlich, lächelnd und dienstfertig.
Sie fragten ihn auch noch von seinem Reich, das über sie kommen solle, und er sprach ganz unbeschreiblich süß davon und sagte ihnen, es werde ein anderer Geist über sie kommen. Dann erst würden sie alles verstehen. Er sagte ihnen, er müsse zum Vater gehen und ihnen einen anderen Geist senden, welcher von dem Vater und ihm ausgehe. Ich erinnere mich deutlich, daß er dieses gesagt hat. Auch sagte er etwas, was ich nicht recht wiedergeben kann, denn jenes
364 365
Hören ist nicht wie unsere Worte. Es ist mir, als habe er so viel gesagt, als er sei ins Fleisch gekommen, um die Menschen zu erlösen. Er sei mehr körperlich in seiner Wirkung auf sie. Der Körper wirke mehr körperlich, und darum könnten sie ihn nicht verstehen. Er werde aber den Geist senden, welcher den Geist erschließe. Ich kann es nicht sagen.
Er sprach auch von einer betrübten Zeit, die kommen würde, da alle so bang sein würden und wie ein Weib in Geburtswehen. Er sprach auch von der Schönheit der menschlichen Seele, die nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sei, und wie herrlich es sei, die Seelen zu retten und heimzuführen. Er wiederholte ihnen, wie sie ihn so oft mißverstanden hätten, und wie nachsichtig er mit ihnen gewesen sei, und wie sie nach seinem Hingang auch so gegen die Sünder sein sollten. Da ihm aber Petrus vorhielt, er sei doch selbst auch noch soeben sehr eifrig gewesen, lehrte er noch von wahrem und falschem Eifer.
So lehrte er bis spät in die Nacht. Da kamen noch Nikodemus und ein Sohn Simons heimlich zu ihnen. Es war wohl schon Mitternacht vorbei, als sie zu schlafen gingen, und er sprach, sie sollten noch einmal ruhig schlafen, es würde bald eine Zeit kommen, wo sie angst und bange ohne Schlaf sein würden, und dann eine Zeit, wo sie mitten in Verfolgung, einen Stein unter ihrem Haupt, so ruhig schlafen würdenJ wie Jakob unter der Himmelsleiter. Als seine Lehre geschlossen war, sagten sie alle: "Herr, wie kurz waren diese Mahlzeit und dieser Abend! "
Jesus hatte so schön gelehrt. Ich hatte es seit langem nicht so klar gehört und wurde immer dazwischen von den Störungen der elenden Welt zerrissen, so, daß ich alles vergaß.
22. März 1821/ Tagebuch Bd. VII, Heft 21 / Viertelseiten 66 -73
Jesus ging sehr früh in den Tempel. Er ging nicht an den gewöhnlichen Lehrplatz, sondern nach der Halle, worin Maria geopfert hatte. Es war da im vorderen Teil ein Opferstock. Nicht weit vom Eingang in der Mitte links stand ein Stuhl. Er war nicht so groß wie der Lehrstuhl. Da pflegte beim Opfer ein Priester zu sitzen, welcher achtgab und Ordnung hielt. Neben dem Eingang waren die Stühle der Frauen, und an der einen Seite die der Männer. Am Ende der Halle war ein Gitter, wohinter sie den Altar aufschlugen, als Maria das Jesuskind darstellte.
Der Opferstock war eine dicke, halbmannshohe, eckige Säule. Oben über war ein rotes und durchsichtiges weißes Tuch gedeckt. An drei Seiten gingen Trichter hinein, wo sie das Geld einlegten. Es war auch ein Tisch da, auf welchem sie Vögel und andere Sachen opferten. Unten an dem Opferstock war eine Türe.
Es war aber heute ein Opfertag für alle, welche sich reinigen wollten zum Osterfest. Es kamen Pharisäer, welche den Platz einnehmen wollten, den Jesus schon eingenommen, und ärgerten sich sehr, daß sie ihn da fanden. Es wollte Jesus ihnen den Platz räumen, aber sie wollten nicht. Die Apostel standen paarweise neben ihm. Die Männer kamen zuerst und dann die Frauen. Sie gingen ~ei einer anderen Türe wieder hinaus, links. Die Opfernden standen draußen und warteten, zugelassen zu werden, und wurden immer fünf und fünf eingelassen. Jesus saß an drei Stunden hier. Gegen Mittag ward das Opfer gewöhnlich geschlossen, aber er blieb noch länger sitzen, und die Pharisäer ärgerten sich auch hierüber. Es war dieses die Halle, in welcher Jesus einmal die Ehebrecherin losgesprochen.259
Der Tempel war wie drei Kirchen hintereinander. Es waren drei große Bogen, unter denen man stand. In dem ersten war der runde Lehrraum. Der Opferort, wo er jetzt war, lag rechts von diesem Lehrort, mehr gegen das Heilige zu. Man mußte durch lange Gänge zu dem Opferstock gehen.2~~
Die letzte Opfernde von allen war heute eine arme blöde Witwe. Man konnte nicht sehen, was einer einlegte, aber Jesus wußte, was sie gegeben, und sprach zu den Jüngern, daß sie mehr gegeben als alle, denn sie hatte alles gegeben, was sie noch hatte, um sich heut Nahrung zu schaffen. Jesus ließ ihr auch sagen, sie solle auf ihn warten zwischen dem Haus, wo hernach das Abendmahl gehalten wurde, und dem Haus des Johann Markus.
Nach Tisch lehrte Jesus wieder am gewöhnlichen Lehrplatz in der Vorhalle des Tempels. Der runde Lehrplatz war gerade der Türe gegenüber, und man ging links und rechts um ihn herum Stufen hinauf in das Heilige, und aus diesem wieder Stufen ins Allerheiligste.
Es kamen aber nun die Pharisäer wieder in seine Lehre, und er sprach unter anderem noch von dem, was er zuletzt gegen sie gesprochen, und warum sie ihn nicht gefangen hätten. Er habe ihnen gestern doch Zeit gelassen, und daß seine Stunde noch nicht da sei. An ihm liege es nicht. Die Zeit werde kommen. Sie sollten nicht
366 367
glauben, so ruhige Ostern wie sonst zu feiern. Sie würden nicht wissen, wohin sich verbergen. Alles Blut der Propheten, die sie ermordet, solle auf ihr Haupt kommen. Er sagte auch, daß diese aus den Gräbern auferstehen würden und daß die Erde beben würde. Sie würden aber doch verstockt bleiben.
Ich habe da gesehen, was ich mich nicht mehr erinnerte, daß bei Jesu Tod in Jerusalem vieles einstürzte und Gräber sich öffneten und Tote herauskamen und verschwanden. Ich sah dieses bei seiner Rede.
Er sagte ihnen auch: "Ihr habt mich oft greifen wollen, aber meine Stunde war nicht da", usw. Er lehrte auch von dem Gottes-kasten und von der armen Witwe, und als er gegen Abend aus dem Tempel ging, sprach er mit ihr unterwegs und sagte ihr, daß ihr Sohn zu ihm kommen solle, worüber sie sehr erfreut war. Dieser ihr Sohn kam auch noch vor seinem Tod zu den Jüngern. Die Witwe war sehr fromm und streng jüdisch, aber einfältig und treu.
Auf dem Weg aus der Stadt zeigte ihm ein Jünger den Tempel und sprach von dessen Schönheit, und Jesus sprach: "Seht ihr alles dieses. Wahrhaftig, ich sage euch, kein Stein wird auf dem anderen bleiben, der nicht zertrümmert werden soll!"
Er ging aber mit ihnen an den Ölberg. An dessen aufsteigender Höhe waren ein steinerner Stuhl und rings Rasensitze an einem Lustplatz, wo sich die Priester manchmal abends nach langer Arbeit hinzusetzen pflegten, um zu ruhen. Jesus setzte sich auf diesen Stuhl, und einige Apostel fragten ihn, wann denn die Zerstörung sein werde. (Da sprach er das Wehe, das Matth. 24, 4-14 steht. "Selig
4
wer beharrt bis ans Ende! " ist das letzte gewesen. Weiter hörte ich
ihn nicht sprechen. Er war kaum eine Viertelstunde hier.) 261
Es war der Tempel von dort unbeschreiblich schön in der Abend-sonne blitzend. Man konnte kaum die Augen daraufhalten. Es waren so schöne dunkelrote und gelbe glimmernde Steine in den Mauern und war alles wie gewürfelt gemauert. Der Tempel Salomos ~ hatte mehr Gold, dieser aber schimmerte so in den Steinen.
Ich erinnere mich nicht, daß Jesus nach Bethanien ging, ich meine, er ist irgendwo am Ölberg nachts geblieben.
Die Pharisäer waren sehr über ihn ergrimmt. Sie hielten noch in der Nacht einen Rat und sandten Laurer nach ihm aus. Sie sagten auch, wenn nur Judas erst wieder zu ihnen käme, sonst könnten sie es nicht gut zustandebringen. Judas war nicht mehr seit jenem Abend bei ihnen gewesen, usw.
24. März 1821 1 Tagebuch Bd. VII, Heft 21 / Viertelseiten 8~82
Unten an dem Ölberg war en ein schöner, freier Platz und einige offejne Herbergen zwischen Mauern, wo sonst Fremde einkehrten. Die waren jetzt aber leer. Jesus hatte da übernachtet. Diese Häuser wurden tagtäglich von Jerusalem aus gereinigt. Er lehrte die Jünger und Apostel morgens auf dem Platz. Er sagte ihnen noch allerlei voraus, auch, er würde noch zweimal mit ihnen essen, und er sehne sich danach, das letzte Liebesmahl mit ihnen zu halten, und da wolle er ihnen geben, was er ihnen menschlich noch geben könne, usw.
Er ging dann noch in den Tempel. Die Pharisäer kamen zwei und zwei einander ablösend, ihn zu belauern. Er sprach von seinem Hingang zum Vater. Er sagte, er sei gekommen, die Herrschaft der Sünde über den Menschen zu endigen. In einem Garten habe die Sünde angefangen, in einem Garten würde sie auch enden. Sie würden in einem Garten die Hände an ihn legen. Er warf ihnen vor, daß sie ihn schon nach Lazan Erweckung hätten töten wollen. Er aber habe sich entfernt, damit alles erfüllt werde. Er teilte, seine Abwesenheit erwähnend, deren Zeit in drei Teile. Ich weiß nicht mehr, ob in dreimal vier oder fünf oder sechs Wochen. Er sagte auch, wie sie mit ihm tun und ihn unter Mördern hinrichten wollten. Aber es würde ihnen doch nicht gelingen, ihm Schande anzutun nach seinem Tod. Er sprach nochmals von den gemordeten Propheten, die ihm ein Zeugnis geben würden. Ja er zeigte sogar nach den Stellen hin, wo sie auferstehen und die Gewölbe einstürzen würden, unter denen sie ruhten. Sie selbst aber würden in Angst und Furcht nicht erreichen, was sie mit ihm vorhätten. Er sprach auch von Eva. Durch sie sei die Sünde auf die Erde gekommen, und darum seien die Frauen auch gestraft und dürften nicht ins Heiligtum eingehen. Es sei aber auch durch die Frauen die Heilung der Sünde auf die Welt gekommen, und so befreie er sie von der Sklaverei, außer von der Untertänigkeit, usw.
Er lehrte auch darüber, daß er zum Vater gehe, und etwas darüber, daß er der Wille des Vaters sei, was ich nicht mehr klar weiß. Er hat heute geradeheraus gesagt, daß er das Heil der Menschen sei, welches die Gewalt der Sünde über die Menschen wegnehmen werde. Er sprach auch, warum die gefallenen Engel nicht erlöst würden, sondern die Menschen. Ich habe vergessen.
Er blieb in der Herberge unten am Ölberg. Sie hatten eine Lampe dort und beteten die Sabbatligebete.
368 369
26. März 1821 / Tagebuch Bd. VII, Heft 21 / Viertelseiten 87-92
Jesus ging heute morgens früh mit seinen Jüngern nach Jerusalem. Als er dem Tempel gegenüber den Bach Kidron überschritten hatte, ging er außerhalb der Stadt gegen Mittag, dann durch eine kleine Pforte hinein und am Fuß des Berges Sion auf einer gemauerten Brücke über einen tiefen Abgrund. Auch unter dem Tempel sah man Höhlen. Er ging von der Mittagseite durch einen langen gewölbten Gang, der außer einigen Öffnungen oben dunkel war, in den Raum des Vorhofs der Weiber. Dann wendete er sich gegen Morgen und ging durch die Türe, in welche die beschimpften Frauen gestellt wurden, über den Opferplatz in die erste Tempelhalle auf den Lehrstuhl. Diese Beschimpftüre war immer offen, wenngleich bei seiner Lehre oft alle Eingänge zum Tempel von den Pharisäern versperrt wurden. Sie sagten, die Sündentüre bleibe immer für den Sünder offen.
Jesus lehrte sehr tiefsinnig und wunderbar, unter anderem von Vereinigung und Scheidung. Er brauchte ein Gleichnis von Feuer und Wasser, die einande4 löschten und einander zuwider seien. Wenn das Wasser das Feuer nicht überwältige, so werde die Flamme dadurch nur gewaltiger und wilder. Er sprach von der Verfolgung und Marter. Er meinte jene Jünger mit dem Feuer, welche ihm getreu blieben, mit dem Wasser aber jene, welche sich von ihm trennten und die Tiefe suchten. Er erklärte das Wasser als Marter des Feuers.
Er sprach auch von einer Verbindung von Milch und Wasser. Dieses sei eine innige Verbindung, welche man nicht trennen könne. Ich weiß nur so viel, als habe er seine Verbindung mit ihnen dadurch verstanden, und er sprach auch von der Sanitheit und Nahrung der Milch. Aber er meinte auch die unauflösliche Verbindung der Menschen in der Ehe damit. Als die Jünger um die Wiedervereinigung der Freunde und Gatten nach dem Tode fragten, sagte er, es gebe eine doppelte Ehe. Die Verbindung des Fleisches und des Blutes scheide der Tod auseinander, und solche Eheleute fänden sich dort nicht wieder zusammen; aber die Ehen des Geistes würden dort vereinigt werden. Sie sollten nicht bange sein, ob sie sich einzeln oder zusammen wiederfänden. Die in der Ehe des Geistes seien, würden sich in einem Leibe finden.
Er sprach auch von dem himmlischen Bräutigam und der Kirche als seinem Brautleib. Von der Marter des Leibes sagte er, sie sollten sie nicht fürchten, die Marter der Seele sei schrecklicher, usw.
Da die Apostel und Jünger nicht alles verstanden, befahl ihnen Jesus, was sie nicht verständen, gleich aufzuschreiben, und ich sah Johannes und noch einen Bretuhen vor sich auf die Lehne legen und dann und wann ein Zeichen machen. Er sprach auch von einer Vereinigung durch ein Abendmahl mit ihnen, welche durch nichts aufgelöst werden sollte. Er kam auch auf die Stärkung durch das Wasser und auf die Sakramente zu reden.2~
Außer Johannes hat auch Jakobus der Kleinere etwas aufgeschrieben, und noch einer. Sie schrieben auf kleine Rollen mit Farbe, die sie in einer Art Horn bei sich hatten. Sie zogen die kleinen Rollen aus dem Busen. Sie schrieben nur im Anfang der Lehre.
Jesus sagte auch den Aposteln, daß sie sich fortan ihrer Weiber enthalten sollten. Seine Lehre hierüber war frageweise gestellt, indem er zu ihnen sagte: "Könnt ihr das und jenes zugleich?~ Es war von einem Opfer die Rede, welches mußte gebracht werden, und der Schluß war, sie sollten sich der Weiber enthalten. Ein Jünger könne jedoch ein Weib haben. Er sprach auch von der Taufe Johannis. Sie habe nur zeitliche Sünden abgewaschen. Er werde ihnen aber den Heiligen Geist senden, der durch seine Taufe alle zu Kindern der Erlösung machen werde. Sie sollten nach seinem Tode am Teiche Bethesda alle taufen, die kommen und es verlangen würden. Wenn viele kommen würden, so sollten sie ihnen zwei und zwei die Hände auf die Schultern legen und sie unter dem Strahl der Pumpe oder Spritze dort taufen. Wie sonst der Engel, werde der Heilige Geist über die Getauften kommen, sobald sein Blut vergossen sei, auch wenn sie selbst den Heiligen Geist noch nicht empfangen hätten.
Petrus als der, den er als den Ersten über die anderen gesetzt hatte, fragte, ob sie dann immer so tun sollten, ohne die Leute erst zu prüfen und zu unterrichten. Jesus sagte, die Leute seien müde des Harrens am Feste und verschmachteten in Dürre, sie sollten nun so tun. Wenn sie den Heiligen Geist würden empfangen haben, würden sie fortan immer wissen, was sie zu tun hätten. Er sprach auch von der Buße und Lossprechung mit Petrus. Von dem einzelnen Sündenbekenntnis erinnere ich mich heute nichts gehört zu haben.
Er sprach auch vom Ende der Welt und von den Zeichen, die ihm vorangehen würden - es würde ein Erleuchteter ein Gesicht darüber sehen-, und sprach einzelne Bilder aus, die ihm vorangehen würden. Ich sah auch, daß er die Offenbarung Johannis meine...
370 371
März 1821 ? / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Einlage
Als ich in der Lehre von der Ehe vernahm ~ die Ehe des Fleisches und des Blutes scheide der Tod, die Ehe des Geistes dauere auch jenseits, oft seien Mann und Weib irdisch vermählt, die sich jenseits nicht wieder fänden, denn das eine stehe hoch, das andere niedrig, oft aber kämen dort solche zusammen, welches sich diesseits nicht gekannt hätten, usw. - erkannte ich auch eine große schöne Parabel, welche in der Lehre vorkam, die ich aber nicht mehr ganz weiß. Ich will aber doch mitteilen, was mir noch davon erinnerlich ist.
Ich glaube, sie deutet auf die Entartung des reinen Menschen, wie er aus den Händen Gottes kam, durch Hingabe an das fleischliche Sündenleben. Sie deutet auf das Verlassen des Paradieses und das Sichmehren in der Wüste. Sie deutet, wie das Heilige, das Licht im Menschen sich verfinstert hat in der Vermischung mit der Finsternis, und wie endlich die Zeit der Verheißung des Heils gekommen und das reine Weizenkörnlem und das edle Weinträublein sich entwickelt und gefunden haben und wie das himmlische Hochzeitsmahl entstanden ist und wie von ihm wieder den armen versunkenen Menschen Gnade und Kräftigung herabgesandt ward, usw.
Diese Parabel enthielt die ganze Geschichte des Falles und der Aussäung und Zerstreuung der Menschen in der gefallenen Leiblichkeit und der Anstalten Gottes, sie zu erlösen, sie einzusammeln in einen Leib, in den Brautleib Jesu Christi, in die Kirche, sie aus dieser wieder zu gebären als Kinder Gottes, usw.
Es war die Geschichte der Ehe in der gefallenen Menschheit und der Ehe, welche ein großes Sakrament ist in Christo und seiner Kirche.
Alles das war so einfach und 59 schön darin vorgestellt, daß es ein Kind hätte verstehen können, und ich verstand es auch alles, als ich dort war. Nun aber, da ich selbst wieder hier in der finsteren Wüste bin, voll Schmerzen und Störung, weiß ich nicht mehr viel davon als Bruchstücke, die ich erzählen will:
Ich sah eine Welt und an deren entgegengesetzten Enden einen König und eine Königin. Sie waren leuchtend und durchsichtig. Sie waren getrennt, einsam, in Gärten. Der König hatte auf einem Hügel einen Garten hinter sich, die Königin auf einem Hügel einen Garten vor sich liegen. Zwischen ihnen aber war Wüste, eine finstere Gegend.
Der König hatte ein ... Zepter, oben wie eine Lilie, wie einen gezackten Blumenkelch, die Königin einen Zweig, woran eine Reihe
gelber Blütenknospen. Sie sehnten sich nach einander, waren auch füreinander bestimmt. Ich sah auch Strahlen aus ihrer Sehnsucht gegeneinander gehen, welche einander in der Mitte des Bildes kreuzten. Sie kannten einander aber nicht, und ich sah, daß dem König eine Braut, der Königin ein Bräutigam vermählt ward, die aus dem dritten Ort zwischen beiden in der Mitte, aber im fernen Winkel liegend, hervorkamen.
Dieser dritte Ort war wie ein dunkler Sumpf und wüster Nebel, worin die Bewohner bis an den Hals zu stecken schienen. Überhaupt war alles, außer den beiden Hügeln des Königs und der Königin, wie verwüstet, voll Schlamm und Schutt und umgestärzter Bäume, wie nach einer Weltverwüstung.
Ich sah auch den König und die Königin etwas pflanzen und Kinder haben und sich alles das immer mehren, und das Pflanzen und Wachsen und Mehren ging immer im Zirkel, so daß einander die Reiche der beiden immer näher kamen.
Es schossen aber die Pflanzen immer wieder mit den Zweigen in die Erde und dann wieder ein neuer Stamm in die Höhe, der ebenso tat.
Als sie aber mit den Kreisen der Anpflanzung einander berührten, schoß aus beiden ein Baum in die Höhe. Der hatte auf der einen Seite kleine Blättchen von der Art der Früchte im lichten Garten der Königin, und auf der anderen große Blätter... von der Art der Früchte vom Garten des Königs. Es ward aber dieses ein Baum, der hoch aufwuchs, und ich sah auf seinen Zweigen Geschlechter auf- und niedersteigen. Über diesem Baum sah ich eine andere Lichtwelt schweben, wie einen schönen Garten, und sah eine Tafel zwischen Mitternacht und Morgen und Abend und Mittag darin aufgerichtet. Höher aber sah ich die heilige Dreifaltigkeit, ... wie sie in Bildern angedeutet wird, und die vierundzwanzig Alten und Engelschöre. Und ich sah Könige und Königinnen an der Tafel sitzen, die an der einen Seite unbesetzt war.
Ich sah aber auf einer Himmeiswiese Engel beschäftigt, als sammelten sie Tau. Es war wie das Mannasammeln in der Wüste, und sie kneteten ein längliches und geripptes Brot daraus und stellten es in die Mitte der Tafel.
Ich sah nun zwischen Mitternacht und Morgen die Königin und zwischen Abend und Mittag den König leuchtend heraufschweben. Es war, als hätten sie die Erde verlassen. Ich weiß nicht, ob sie gestorben.
372 373
Sie gingen an der offenen Seite der Tafel aneinander vorüber und kamen in der Mitte der anderen Seite der Tafel zusammen und nahmen beide einen Bissen des vor ihnen stehenden Himmelsbrotes und reichten es einander übers Kreuz in den Mund. Es war aber das ihre Ehe und die Erfüllung ihrer Sehnsucht auf Erden.
Es wurde auch an der Tafel gefragt, warum das Brot nicht an beide Enden gesetzt werde, und der Engel antwortete, daß es in der Mitte stehen müsse. Die Ursache hiervon, wie viele andere Einzelheiten, habe ich vergessen. Es war etwas dabei vom Leiden Christi. Das Brot der Wüste, die Manna, werde im Leiden Christi gebacken. Ich weiß es nicht mehr recht, ich habe nur eine dunkle Erinnerung hiervon.
Ich sah nun wieder ein Bild von dem, was ich unten in der Wüste zurückgelassen. Ich sah, daß das dunkle Weib des Königs und der dunkle Mann der Königin die schönen Gärten, die zu Wäldern geworden, und ihre Nachkommen verließen, denn alles war in ein wildes Wuchern gekommen. Aber es wuchsen keine Früchte, es fielen alle Blüten zur Erde, und alles vermoderte in Staub und war finster und Greuel.
Ich sah aber nun die beiden in den beiden Seiten eines wüsten, zerbrochenen Felsengebäudes, das ganz überwachsen war und so wie die Gebäude in Ägypten schier aussah, ankommen. Auch sie wußten nicht voneinander, und es war, als wollten sie beide wie Einsiedler da in Buße leben. Sie bauten aber jedes ihrerseits ein kleines Gärtchen um einen alten Dorn- oder Rosenstock, der jedoch auch nur in Blätter und Zweige schoß und keine Rosen trug.
Indem sie nun so Buße taten, sah ich, daß der König im Himmel dem büßenden Mann einen Kranz niedersan~te, und die Königin der büßenden Frau ebenso. Diese Gaben bedeuteten gewiß Trost und Stärkungen, welche den Büßenden vom Himmel zugesandjt werden. -Ich sah noch vieles von der Geschichte der gefallenen Menschheit
unter dem Bilde dieser Büßenden, aber ich vergaß die Folge der Ereignisse hintereinander und kann nur im allgemeinen sagen....
Die beiden Büßenden haben noch manche mystische Gaben, immer Kränze oder Früchte erhalten; dann, daß zwischen ihnen verborgen und von Dornen gehütet jener mystische Kelch gestanden, daß Ähren und Trauben sich ihm genähert, mit verschiedenem Übergewicht in verschiedener Zeit, daß endlich das Heiligtum der Erlösung daraus geworden.
Und da es schon diesen Charakter erhielt, sah sie eine Reihe von Kämpfen dagegen anstürmen, in Bildern von verschiedenen Kriegern und Heerwagen, welche sie mit bestimmten Rüstungen, wie die Apokalypse es auch tut, beschrieb. Unter anderen war ein Heer mit einem starren Arm. Das Mysterium wurde immer mehr versteckt und befestigt, usw., bis es aus der Bundeslade in die Heilige Jung-frau und durch den Heiland ins Sakrament überging.
In der Beschreibung des Abendmahlkelches (. .. letztes Passah) sagte sie: Das ist der Kelch, den ich in der großen Parabel stehen sah, da, wo der brennende Dornbusch war. Das Weizenkömlein ist endlich so klar geworden bis auf Jesum.
In der Parabel selbst hatte sie den brennenden Dombusch nicht erwähnt, doch hatte dieser in anderen Gesichten auch die Gestalt des Kelches.
27. März 1821J / Tagebuch Bd. VII, Heft 21 / Viertelseiten ~
Jesus kehrte früh nach Jerusalem zurück und war heute, den ganzen Tag im Tempel lehrend, sehr ungestört und ernst. Er sprach von der Wahrheit und der Erfüllung dessen, was man lehre. Er wolle es nun erfüllen. Es sei nicht genug, zu glauben. Man müsse auch den Glauben erfüllen und ihn im Werke wirklich machen. Sie alle, ja selbst die Pharisäer könnten ihm nichts vorwerfen, worin er unrecht gelehrt, aber nun wolle er auch die Wahrheit, die er gelehrt, erfüllen in seinem Hingang zum Vater. Ehe er aber gehe, wolle er ihnen noch alles zurücklassen und geben, was er habe. Geld und Gut habe er nicht, aber er wolle ihnen seine Gewalt und Kräfte hinterlassen, und wolle eine Vereinigung mit ihnen gründen bis an das Ende der Tage, welche inniger noch sein sollte als seine jetzige. Denn durch diese Vereinigung wolle er auch sie alle untereinander verbinden zu Gliedern eines Leibes.
Er sagte so vieles, was er noch mit ihnen tun wollte, daß Petrus, Hoffnung fassend, er bleibe noch länger, zu ihm sprach, wenn er alles dieses mit ihnen tun wolle, so bleibe er bis ans Ende der Welt mit ihnen. Jesus verstand aber das darunter, was mit der Einsetzung des heiligen Abendmahls getan ward, ohne des Abendmahls wirklich zu erwähnen. Er sagte ihnen auch, er wolle das letzte Passah mit ihnen halten, und Petrus fragte, wo er es mit ihnen halten wolle. Jesus sagte, er werde es zu seiner Zeit sagen. Nach diesem letzten Passah werde er zu seinem Vater gehen.
374 375
Petrus fragte dann, ob er seine Mutter, welche sie alle sehr liebten und ehrten, nicht mitnehmen werde. Jesus sprach, daß sie eine Zahl Jahre, wobei fünf vorkam, ich glaube fünfzehn Jahre, bei ihnen bleiben werde. Er sprach auch viel von seiner Mutter, was ich vergessen habe. Er lehrte auch heute oder vorigen Tag von Noah, der sich im Wein berauscht, und von den Kindern Israel, denen das Himmelsbrot unschmackhaft geworden, und sprach von Wermut, womit man es durchbirtern müsse, und er wolle das Brot des Lebens bereiten in seinem Hingang, denn es sei noch nicht gebacken oder gekocht. Er sagte Wunderbares hiervon, was ich nicht deutlich aussprechen kann.
Er sprach auch, er habe die Wahrheit so lange gelehrt und ihnen mitgeteilt, und sie hätten immer gezweifelt und zweifelten noch. Er fühle, daß er ihnen durch sein körperliches Dasein nicht mehr nützen könne. Er wollte ihnen darum alles geben, was er habe, und wolle nur so viel behalten, die Blöße seines Leibes zu bedecken. Das verstanden sie nicht, aber ich verstand es. Sie meinten höchstens, er werde sterben oder verschwinden.
Schon gestern, als er von der Verfolgung der Juden gegen ihn sprach, sagte Petrus zu ihm, er möge sich doch entfernen. Sie wollten mit ihm fortgehen. Er sei ja nach Lazan Tod auch hinweggegangen.
Als Jesus gegen Abend den Tempel verließ, sprach er, Abschied von demselben nehmend, er werde ihn in diesem Leibe nicht mehr betreten. Seine Worte waren so rührend, daß alle Apostel und Jünger sich an die Erde warfen und in lautes Jammern und Weinen aus-brachen. Auch Jesus weinte. Ich habe auch mit weinen müssen. Es ist so rührend, erwachsene Männer weinen zu sehen. Judas sah ich nicht weinen. Er war aber in Angst. Alle die letzten Tage war er schon so unruhig. Jesus hat gestern kein Wort von ihm gesprochen.
Als sie vor den Tempel kamen in die Vorplätze, wo die Heiden sich aufhalten durften, waren viele derselben da, die sich zu ihm wenden wollten. Sie sahen es mit an, wie die Apostel weinten, und Jesus sprach zu ihnen, sie sollten sich zu den Aposteln und Jüngern nachher wenden. Jetzt sei keine Zeit, jenen gebe er alle seine Macht. Ich sah ihn den ganzen Weg, den er am Palmsonntag gegangen war, zur Stadt mit ihnen hinausgehen und sich noch oft mit traurigen und ernsten Worten zum Tempel zurückwenden.
Er ging mit ihnen noch in die offene Herberge unten am Ölberg, wo er neulich abends gelehrt hatte, sprach mit noch mehreren Jüngern dort und ging im Dunkeln nach Bethanien.
Er lehrte im Hause Lazan noch bei einem Abendessen, wo die Frauen aufwarteten. Sie waren jetzt weniger getrennt. Er bestellte ein reichliches Mahl auf den folgenden Abend im Hause Simeons. Sie schliefen am Morgen im Saal, umher auf Wülsten liegend, die sie aufrollten.
An diesem Tage war es sehr still in Jerusalem. Die Pharisäer waren nicht im Tempel. Sie waren versammelt in einem Rat und waren sehr besorgt, daß Judas noch nicht wieder bei ihnen gewesen war. Ich sah bei vielen guten Leuten in Jerusalem große Betrübnis. Sie mußten wohl durch die Jünger von den Erklärungen des Herrn wissen. Ich sah Nikodemus, Joseph von Arimathia, die Söhne Simeons und andere sehr betrübt, aber doch noch ganz mit den Juden vermischt und sich nicht absondernd. Auch Veronika (Seraphia) sah ich in ihrer Wohnung traurig umhergehen und die Hände ringen, und daß ihr Mann sie zur Rede stellte, warum sie so traurig sei. Ihr Haus lag in der Stadt, in der Mitte zwischen dem Tempel und dem Kalvarienberg.
Ich war auch am Cönaculum. Es schlafen dort bei sechsundsiebzig Jünger unter den angebauten Schuppen. Ich wußte immer nicht, wo sie herbergten. Es war hier.
28. fMärz 1821J ~ Tagebuoi Bd. VII, Heft
21 / Viertelseiten 9~118
Heute nachmittag um 4 Uhr fand der Schreiber dieses die Kranke in tiefem Schlaf. Ihr Angesicht war mit Blut, das in Linien von der Stirn niedergefiossen, bedeckt. Die Binde ihrer Stirne war von Blut durchdrungen, auch ihre Seite und Brust hatte JnJ geblutet. Er weckte sie, das Blut von der Stirne zu waschen und ihre Binde zu wechseln, damit niemand sie in diesem Zustand finde und kein Geschwätz dar-über entstehe. Sie erwachte in kindlicher Freude und Bewufitlosigkeit und sagte, wie ein sich eilig entschuldigendes Kind:
"Ich blute nicht, sie haben ein Lämmchen in Simons Haus geschlachtet, da habe ich geholfen. Der Herr lehrt bei Lazarus die Jünger. Judas hat zum Mahl eingekauft. Er hat einmal den Beutel recht aufgetan. Magda-lena ist nach Jerusalem, Salbe zu kaufen. Ich war überall mit dabei, ich habe überall mitgeholfen, ich konnte nicht abkommen. Ich weiß wohl, es sitzt jemand bei mir zu Haus und wartet auf mich, aber ich konnte nicht fort." Alles dieses stammelte sie in unaussprechlicher, kindlicher Freude und war dabei wie trunken vorJ Innigkeit. Es wartete aber wirklich ein Freund, M. D. von B., in der Vorstube
376 377
schon geraume Zeit, Abschied von ihr zu nehmen. Sie sprach in gleichem Zustand mit ihm und ließ sich mit Mühe bereden, ihr Gesicht zu waschen. Sie erzählt dann folgendes:
In Bethanien in dem Hofe vor dem Hause des Lazarus waren heute sehr viele Jünger versammelt. Jesus lehrte sie am Morgen dort. Es wurden ihnen gegen drei Uhr nachmittags Tische daselbst bereitet. Es waren mehr als sechzig Menschen. Sie standen hinter den Tischen. Jesus und die Apostel gingen an der anderen Seite der Tische herum, welche nur an der hinteren Seite von den Jüngern umgeben waren, und dienten ihnen. Jesus ging von Tisch zu Tisch, reichte dieses und jenes dar und redete zu ihnen. Judas war nicht zugegen. Er kaufte zu dem bei Simon bestellten Mahle ein.
Magdalena war am Morgen nach Jerusalem, Salbe zu kaufen. Maria, welcher Jesus heute früh seinen nahen Tod gesagt, war unaussprechlich traurig. Ihre Nichte, Maria Kleophä, die älter ist als sie und von welcher ich ein Gebein besitze, war immer mit ihr, sie zu trösten, und sie waren nach der Jüngerherberge und in die nah-gelegenen Lustörter miteinander in ihrer Trauer gegangen.
Jesus sagte aber den Jüngern von seinem nahen Tod und dessen Folgen. Er sagte, es werde ihn einer, der ihm vertraut sei und ihm alles zu verdanken habe, an die Pharisäer verkaufen. Er werde ihn nicht einmal im Preis halten. Er werde fragen: "Was wollt ihr mir für ihn geben?" Wenn die Pharisäer einen Sklaven kauften, so würde ihnen doch der Preis gesagt. Dieser aber würde ihn verkaufen um das, was sie böten. Er werde ihn schlechter verkaufen als einen Sklaven. Die Jünger weinten bitterlich und konnten vor Betrübnis nicht mehr essen. Jesus aber nötigte sie freundlich. Ich habe oft die Jünger viel milder und zärtlicher als die Apostel gegen Jesum gesehen. Ich glaube, das ist, weil sie nicht so häufig mit ihm waren, so waren sie demütiger.
Er lehrte von Morgen an die Apostel noch vieles, was sie nicht alles verstanden, und befahl ihnen, was sie nicht verständen, aufzuzeichnen. Wenn er ihnen seinen Geist senden werde, würden sie sich dadurch erinnern und es verstehen. Ich sah auch, wie Johannes und mehrere sich vieles an merkten.1~ Er berührte manches von ihrer Flucht, wenn er überantwortet werde. Sie konnten es sich gar nicht denken und taten es doch, worüber ich mich auch wunderte. Er sagte ihnen vieles, was hernach folgen werde, und wie sie sich verhalten sollten.
Den Jüngern sagte er, wohin sie sich begeben sollten, einige nach Arimathia, andere nach Sychar, andere nach Hebron, andere nach Kedar. Die drei Jünger, die ihn auf der letzten Reise begleiteten, sollten nicht nach Hause gehen. Wenn man sich sehr in seiner Gesinnung verändert habe, müsse man nicht in die Heimat gehen, man gebe sonst Ärgernis und laufe durch Widerstand Gefahr, zu fallen.
Elind und Eremenzear gingen, glaube ich, nach Sychar, Silas blieb noch. So belehrte er sie ungemein liebevoll und riet ihnen noch in allem. Ich sah auch schon am Abend viele sich zerstreuen.
Während dieser Speisung und Lehre kam Magdalena von Jerusalem mit den gekauften Salben zurück. Sie war am Morgen zu Veronika gegangen und hatte in deren Haus verweilt, und diese war ausgegangen, die Salben für sie zu kaufen. Es war dreierlei, und das Köstlichste, was zu haben war. Sie hatte, was sie noch besaß, dazu verwendet. Es war ein Wasser oder Öl dabei, dessen Namen mit Nar anfängt. Es war wohl eine halbe Kanne. Die Namen der anderen beiden Salben habe ich vergessen. Sie kaufte die Gefäße gleich mit. Sie waren von einem weißlichen, hellen und doch nicht ganz durchsichtigen Stoff. Es sah schier wie Perlmutter aus, aber war es doch nicht. Die Töpfe waren wie kleine Ürnchen und oben zugeschraubt Skizze. An dem gewulsteten Fuß waren allerlei Knöpfe. Sie trug diese Gefäße nebeneinander liegend über der Hüfte in einer Tasche, welche von der einen Schulter quer über die Brust und Rücken hing, unter dem Mantel. Die Mutter des Johannes Markus ging mit ihr nach Bethanien, und Veronika begleitete sie ein Stück Wegs.
Als sie durch Bethanien gingen, sah ich, daß Judas ihnen begegnete und mit Magdalena sprach und in sich unwillig war. Magdalena hatte von Veronika gehört, die Pharisäer hätten beschlossen, Jesum zu fangen und zu töten, aber jetzt noch nicht, wegen der vielen Fremden und besonders vielen Heiden, welche Jesu anhingen. Sie sagte es den anderen Frauen.
Jesus sprach heute auch mit den Jüngern von seiner Mutter. Sie werde alle Marter seines Todes mitleiden. Sie werde seinen schweren Tod mitsterben und doch noch (fünfzehn Jahre) leben müssen.
Die Frauen halfen, in Simons Haus das Mahl zu bereiten. Judas hatte alles eingekauft. Er hatte heute den Beutel recht aufgetan und heimlich gedacht, er wolle es am Abend schon wiederkriegen. Bei einem Mann an einer Seite von Bethanien, wo Gärten waren, kaufte er allerlei Grünwerk und zwei Lämmer, Früchte, Fische, Honig und dgl.
Der Speisesaal bei Simon war heute ein anderer als der, wo sie
378 379
das vorige Mal den Tag nach dem Tempeleinzug gespeist. Heute aßen sie in einer offenen Halle hinten am Haus. Sie sah auf den Hof. LSkizze Der Saal war geschrnückt und hatte eine Öffnung in der Decke, die mit einem durchsichtigen Flor wie mit einer Kuppel überspannt war. Zu beiden Seiten dieser Kuppel hingen zwei grüne Pyramiden nieder von einem krausen, braungrünen, fetten Kraut, welches kleine runde Blätter hatte. Ich habe den Namen vergessen. Der Boden der Pyramiden war auch grün bedeckt. Es war mir, als hielten sie das immer so grün. Unter dieser Deckenverzierung war der Sitz Jesu. Die eine Seite der Tafel, wo durch die offene Säulen-halle die Speisen über den Hof gebracht wurden, war unbesetzt. Nur Simon, der Wirt, welcher diente, hatte seinen Platz dort. An dieser Seite standen drei hohe glatte Wasserkrüge unter dem Tisch an der Erde. Die zu Kana waren auch glatt.266
Die Gäste lagen bei diesem Essen auf niedrigen Querbänken, welche an den Rücken eine anschließende Lehne und ebenso vor dem einen Arm hatten, auf den man sich stätzte. Die Bänke standen paarweis, daß zwei und zwei einander in das Gesicht sahen. Die Frauen aßen dieses Mal in einer offenen Halle links und konnten schräg über den Hof auf das Mahl der Männer sehen.
Als alles bereitet war, ging en Simon und sein Diener, Jesum und die Apostel und Lazarus abzuholen. Sie hatten Festkleider an, Simon ein langes Kleid, Gürtel mit Figuren, und an einem Arm eine lange Manipel unten zottig niederhängen. Der Diener hatte keine Ärmel im Oberkleid. Simon führte Jesum, der Diener die Apostel. Sie zogen nicht über die Straße durch Simons Haus, sondern gingen hinten durch den Garten in den Saal, denn es waren sehr viele Leute in Bethanien und ein großes Geturnmel durch viele Fremde, welche gern den Lazarus gesehen hätten. Auch war es den Leuten auffallend, daß Simon, dessen Haus sonst öffentlich war, so viel einkaufen ließ und alles verschlossen hatte, kurz, man war neugierig und unruhig. Die Leute stiegen während des Mahls schier auf die Mauern.
Sie traten alle festlich gekleidet durch die Hintertüre des Saales herein. Ich erinnere mich, kein Fußwaschen, sondern nur ein Reinigen vor der Türe gesehen zu haben. Die Sitze, worauf sie zu Tische lagen, waren hier breit, so daß zwei nebeneinander lagen. Jesus aber ruhte auf einem Sitze allein in der Mitte.
Es standen mehrere große Becher und immer zwei kleine daneben auf dem Tisch. Es war dreierlei Getränk darin, grünliches, rotes und gelbes. Ich meine, es war eine Art von Birnsaft dabei. Zuerst ward
ein Lamm aufgetragen. Es lag ausgestreckt mit dem Kopf auf den Vorderfüßen auf einer länglichen, runden Schüssel. Es ward mit dem Kopf gegen unseren Herrn gestellt. Er nahm ein weißes Messer, wie von Bein oder Stein, und setzte es in den Nacken des Lammes und schnitt erst vom Nacken an der einen Seite des Halses, dann an der anderen nieder, dann machte er einen langen Schnitt über den ganzen Rücken und Kopf. Ich dachte bei der Linie dieses Schnittes unwillkürlich dabei an das Kreuz... Er legte das Abgeschnittene dem Johannes, Petrus und sich vor. Dann machte Simon, der Wirt, Quer-schnitte zu beiden Seiten und legte sie links und rechts nach der Folge den Aposteln und Lazarus vor.
Die Frauen hatten auch ein Lämmchen, aber es war kleiner und lag breiter in der Schüssel und sah sich mit dem Kopf nach der Mutter Gottes um, die es zerlegte. Es sah schier aus wie ein Igel (sie lächelte bei diesem Vergleich).
Nach dem Lamm kamen drei große Fische und kleine dazwischen. Die großen Fische lagen wie schwimmend auf dem Bauch in einer weißen starren Brühe. Dann kamen ein Backwerk, Brötchen in Gestalt von Lämmchen und Vögeln mit ausgebreiteten Flügeln, dann Honigwaben, grünes Kraut wie Salat, und eine Brühe, worin sie dies Kraut tauchten, ich meine Öl. Dann kamen Früchte, ich meine Birnen, und in der Mitte stand eine Frucht wie ein Kürbis, auf welche mehrere andere wie Trauben mit dem Stiel eingesteckt waren. Die Schüsseln waren teils weiß, teils gelb inwendig, platt und tief und nach der Art der Speise. Nach dem Essen des Lammes tranken sie. Vor Tisch hatten sie gebetet.
Die Frauen, sieben bis neun, saßen rund um ihren Tisch, Magdalena der Heiligen Jungfrau gegenüber. Sie hatte unter Tisch schon viel geweint. Jesus lehrte immerfort unter dem Essen. Nun war das Mahl schier geendet, und Jesus sprach, und die Apostel hörten alle gespannt mit offenem Munde zu, und auch Simon, der diente, hörte gegenüber starr zu. Magdalena aber war still bei den Frauen aufgestanden. Sie hatten einen feinen, blauweißen, dünnen Mantel um, schier wie das Mantelzeug der heiligen drei Könige. Ihre auf-gelösten Haare waren mit ihrem Schleier bedeckt. Sie trug die Salben in einer Falte des Mantels, ging durch die Laubgänge hinter Jesu in den Saal und warf sich zu seinen Füßen nieder und weinte heftig, indem sie ihr Angesicht auf seinen einen Fuß niederbeugte, der auf dem Ruhebett lag. Den anderen Fuß, der mehr an den Boden gesenkt war, reichte ihr der Herr selbst dar, und sie löste ihm die Sandalen
38o 381
und salbte ihm die Füße oben und an den Sohlen. Dann faßte sie ihre aufgelösten, langen, mit dem Schleier bedeckten Haare mit beiden Händen und fahr damit abstreifend über die gesalbten Füße des Herrn, die sie wieder mit den Sandalen bekleidete.
Es entstand hiedurch eine Unterbrechung in Jesu Rede. Er hatte Magdalenas Kommen wohl bemerkt. Die anderen aber waren plötzlich gestört. Jesus sprach: "Ärgert euch nicht an diesem Weibe!~ Er sprach dann leise zu ihr. Als aber Magdalena Jesu die Füße gesalbt hatte, trat sie hinter ihn und goß ihm das köstliche Wasser über das Haupt, daß es in all sein Gewand niederrann, und strich ihm noch Salbe mit der Hand vom Wirbel über das Hinterhaupt nieder, und der Wohlgeruch erfüllte den Saal. Die Apostel hatten indessen miteinander geflüstert und gemurrt, selbst Petrus war unwillig über die Störung. Magdalena aber ging weinend, verschleiert hinter dem Tisch herum, und als sie bei Judas vorüberkam, hielt dieser, der mit seinen Nachbarn schon darüber gemurrt hatte, ihr die Hand in den Weg, so daß sie stehenblieb, und er sprach unwillig mit ihr von Verschwendung, und man hätte es können den Armen geben. Magdalena stand verschleiert und weinte bitterlich. Jesus sagte aber, sie sollten sie gehen lassen, sie habe ihn zu seinem Tode gesalbt, sie werde es nachher nicht mehr können, und wo man dieses Evangelium lehren würde, würden ihre Tat und ihr Murren auch erwähnt werden.~67
Magdalena ging nun traurig hinweg. Die ganze Mahlzeit war durch das Murren der Apostel und den Verweis Jesu gestört. Er sprach noch einiges, dann gingen sie alle wieder zu Lazarus. Judas aber war voll Grimm und Geiz. Er dachte bei sich selbst, er könne diese Wirt-schaft nicht länger ertragen. Er ließ sich richts merken, legte sein Feierkleid ab und nahm den Schein an, als müsse er sich entfernen, um in dem Speisehaus die Überreste der Mahlzeit noch zu bewahren für die Armen usw. Er lief aber spornstreichs nach Jerusalem. Ich sah den Teufel immer mit ihm, rot und spitz und dünnleibig. Er war vor und hinter ihm, und es war, als leuchte er ihm. Judas sah und lief, ohne sich zu stoßen, ganz sicher im Dunkeln. Ich sah ihn in Jerusalem in das Haus laufen, wo Jesus nachher verspottet wurde. Die Pharisäer und Hohenpriester waren noch versammelt. Er kam nicht in die Versammlung. Es sprachen zwei mit ihm unten im Haus, und als er sprach, er wolle Jesum überantworten, was sie ihm dafür geben wollten, waren sie sehr froh und meldeten es den anderen. Da kam noch einer heraus und bot ihm dreißig Silberlinge. Judas
wollte sie gleich haben, aber sie wollten sie ihm nicht geben, er sei schon einmal dagewesen und so lang ausgeblieben, er solle erst tun, und dann wollten sie zahlen. Ich sah sie dann den Äkkord mit Handschlag machen und am Kleid beiderseits an der einen Seite etwas zerreißen. Sie wollten, er solle dableiben und ihnen noch sagen, wie oder wann. Er aber drang, zu gehen, um keinen Verdacht zu erregen. Er sagte, daß er alles genauer erfahren müsse, dann könne es morgen ohne Aufsehen geschehen, usw. Ich sah den Teufel imme~ dazwischen. Dann lief er wieder nach Bethanien, zog sein Kleid an und war bei den anderen.
Nach der Mahlzeit ging Jesus in das Haus Lazari zurück, und die anderen zerstreuten sich nach ihren Herbergen. In der Nacht kam noch Nikodemus von Jerusalem zu Jesu und sprach viel mit ihm. Er kehrte vor Tag nach Jerusalem zurück, und Lazarus geleitete ihn ein Stück Weg 5. -Uber ihre persönliche Teilnahme während dieser Anschauung:
Am Nachmittag bei der Zubereitung des Essens und während der Belehrung der Jünger durch Jesum war ich so lebhaft gegenwärtig, daß ich zwischen Simons Haus und Lazari Hof hin- und herlief und von Betrübnis und Freude ganz zerrissen war. Dann dachte ich auf einmal wieder, es ist doch so, er ist zu uns gekommen, er muß wieder gehen, und so arbeitete ich mit bei der Bedienung und in der Küche. Ich trug und reinigte Gefäße, und in dem Wechsel von Freude und Betrübnis und beim Anblick der Trauer Mariä und der großen Liebe Jesu rann mir der Schweiß vo m Angesicht. Da kam der Schreiber 268 und weckte mich und sagte mir, daß ich mit Blut über das Gesicht überronnen sei.
Ich kann schwer etwas von diesen Dingen vollständig erzählen, denn ich bin immer wie dort, und die Handlung geht unaufhörlich, und zwar nach verschiedenen Seiten vor meinen Augen vor.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite 2 / Bruchstüch
Jesus lehrte nun auch die Apostel 266 vom Osterlamm und dessen Bedeutung und Erfüllung. Dann wurden die Tische bereitet. Es waren drei Haufen, die es aßen: Jesus und die Zwölfe, Nathanael und ein Haufe Jünger und Eliachim mit einem Haufen. Mit Jesu waren es siebenunddreißig. Sie aßen an verschiedenen Tischen. Sie hatte n geschürzte Kleider, neue Sohlen und Stäbe im Arm. Jesus hatte zwei Stäbe mit Haken, auf die er sich (vor der Brust gekreuzt) lehnte.
383
382
Sie sagt noch einiges durch Eile der Erzählung Unbestimmte JsJ über das Zeremonielle des Osterlammes, was man notdürftig bei der Erwähnung desselben im Jahr vorher nachlesen kann. Es sei einfacher gewesen als bei den Pharisäern. Das dritte im Tempel geschlachtete Osterlamm meint sie von Jesu zerlegt und von den Frauen gegessen. - Er mit den Zwölfen habe das im Coenaculum geschlachtete gegessen, und dem Judas sei dieses unbekannt gewesen.
Sie sagt, nach dem Osterlamm hätten sie sich niedergelegt und Kräuter, Salat und Brühe gegessen. Jesus sei unbeschreiblich froh und heiter gewesen. Sie habe ihn nie so gesehen. Er habe ihnen gesagt, allen Kummer zu vergessen. Auch Maria sei sehr heiter gewesen. Es war so rührend, wenn die anderenJ Frauen zu ihr traten und sie beim Schleier zogen, mit ihr zu sprechen, wie sie sich so ein-fach wendete. Hierauf seien noch ein Kändewaschen und Becher gefolgt, und dann ein Essen und Trinken nach Belieben.
Der Tisch sei hufeisenförmig gewesen, und Jesu gegenüber die offene Stelle zum Auftragen. Sie haben so gelegen:210 JSkizze
Tagebuch Bd. VII, Heft 22~ / Seite 1 / Bruchstück
Jesus sprach am Morgen noch mit den Weibern zusammen und nahm Abschied von ihnen, und mit seiner Mutter sprach er allein. Er sagte ihr von Judas, und sie bat noch für ihn. Jesus sagte Maria auch, sie solle ruhiger sein als die anderen Frauen im Leid. Er sagte ihr, er werde auferstehen, und auch, wo er ihr erscheinen werde. Sie flehte so rührend, er solle sie mit ihm sterben lassen. Sie weinte jetzt nicht viel. Sie war sehr ernst und traurig. Jesus dankte ihr für alles. Er umfaßte sie mit seiner Rechten und drückte sie an seine Brust. Er hat noch von allen rührend Abschied genommen und viel gelehrt.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite z I Bruchstück
Von Magdalena sprach Jesus auch heute früh mit Maria, sie liebe Llnaussprechlich, aber ihre Liebe sei noch vom Fleisch umgeben, und sie sei drum wie von Sinnen.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite 1 1 Bruchstück
Als Maria am Morgen in Bethanien allein mit ihm sprach, sagte er ihr, er habe Petrus, den Glauben, und Johannes, die Liebe, nach Jerusalem zur Bereitung des Abendmahls gesendet.
DER KREUZESTOD UND DIE AUFERSTEHUNG
DES HERRN
28.-29. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 137~139
Sie erzählte dieses morgens und nachmittags, noch am
29. JGründonnerstag:
Jesus hat heute morgen vor Tag Petrus und Johannes beiseite gerufen und ihnen gesagt, sie sollten nach Jerusalem gehen, und wenn sie links vom Tempel hinaufgingen am Berg Sion, würden sie einen Mann gehen sehen, der Wasser holen wolle in einem Krug. Dem sollten sie folgen und ihm sagen: "Der Herr will heute das Osterlamm bei dir essen" - und sie sollten dann alles bereiten.
Ich sah sie beide zu Jerusalern in einer Schlucht neben dem Tempel an dessen Mittagsseite und anj der Mitternachtsseite des Berges Sion hinaufgehen. An der Mittagsseite des Tempelberges standen noch Häuserreihen, denen gegenüber sie an der anderen Seite eines Baches, der in der Tiefe floß, einen Weg hinaufstiegen. Als sie oben etwas höher als der Tempel angekommen waren, auf einem ansteigenden, freien Platz, sahen sie in der Nähe eines großen, mit Hof umbauten Gebäudes einen Mann mit einem Wasserkrug gehen. Sie folgten ihm nach, und da sie ihn eingeholt hatten, sagten sie ihm, der Herr wolle heute abend das Osterlamm bei ihnen essen, und wo sein Haus sei. Da zeigte er ihnen das Haus. Er war aber ein Speise-meister, der bei diesem großen Mahlzeithaus vorne rechts vom Eingang im Hof wohnte und für die Leute, welche die Mahlzeiten una diese Zeit halten wollten, das Nötige besorgte.
Ich weiß nicht, ob das Haus ihm gehörte oder ob er nur ein Verwalter dort war. Er sagte noch zu den Apostel~, er habe heute abend ein Mahl halten sollen und noch nicht gewußt, wer es nehmen solle. Er habe viel von ihnen und Jesu die ganze Zeit her gehört, und nun freue er sich, daß er bei ihm das Mahl halten wolle.
Dieses Haus war ein Haus der Helden genannt. David hatte seine Helden dort wohnen, auch bei Salomo war es. Es war zerstört gewesen und wieder aufgebaut. Nikodemus und Joseph hatten es gepachtet und harten Steine darin. Es war ein Keller darunter, worin Nikodemus an seinen Steinbildern arbeitete. Links im Hof, in der Ecke, war ein Haus, woran auch viele Steine lagen, und wo ich Nikodemus bei der jetzigen Gelegenheit gehen sah.
384 385
Ich habe vergessen, daß Nikodemus gestern nacht nach dem Mahl bei dem Herrn in Lazari Haus war, und daß er auch in der Nacht von Lazarus begleitet zurückging.
Als die Apostel mit dem Mann gesprochen, ging dieser in das Haus durch den Hof zurück. Sie aber gingen recht~ durch kleine Heckenpfade nach der anderen Seite der Tempeischlucht, wo in einem Haus ein Priester wohnte. Ich glaube, es war des alten Simeons Haus, und es war Simeons Sohn. Er war gut und bekannt, lang und schwarz. -Ich meine, ich habe ihn schon mehrmals gesehen. Sie gingen mit ihm hlnab und durch Ophel, wo Jesus eingeritten, auf den Viehmarkt.
Tagebudt Bd. VII, Heft 22a / Seite 1 1 Brudtstü~271
... Er ging gegen Mittag mit den neun Aposteln nach Jerusalem. Es folgte ein Haufen von sieben Jüngern, die zurückgeblieben oder meistens aus der Gegend oder Jerusalem waren, ausgenommen Silas. Es warenj auch Nathanael, Johannes Markus und der zuletzt aufgenommene Sohn der armen Witwe dabei, die anderen erinnere ich mich nicht... Die Weiber folgten später nach. Er ging mit ihnen verschiedene Wege um den Ölberg und im Tal Josaphat bis gegen den Kalvarienberg hin und immer wieder zurück. Die Frauen kamen am Abend in das Haus des Johannes Markus.272
Jesus sagte auf dem letzten Weg im Tal Josaphat unter anderem zu den Aposteln: Bis jetzt habe ich euch Brot und Wein gegeben, jetzt will ich euch Fleisch und Blut geben. Sie verstanden es vom Osterlamm.
Es ist unbeschreiblich, seine Liebe und Geduld in seinen letzten Lehren und Mitteilungen zu Bethanien auszusprechen. Als er sagte, er wolle ihnen alles geben und lassen, was er habe, sah er so rührend aus. Es war, als gieße er sein ganzefs Innere aus, als verschmachte er aus Liebe, alles zu geben.
28.-!30.J März 1821 1 Tagebuoi Bd. III, Heft 3 1 Viertelseiter' 14~144
Sie sagte am 30. nachmittags, als das Leiden Jesu vollendet war, in einem hellsehenden Zustand, so daf? sie in jedem Augenblick der Rede sah, was sie sagte, und, mit der Gegenwart kämpfend, oft in einen rührenden Schrecken kam, in einigen Minuten vieles über diesen Kelch, wovon das Fa~liche folgendes:
*
Die luden haben ihn schon sehr lange im Tempel gehabt. Sie haben gar nicht mehr gewußt, was es war, und ihn oft umschmelzen wollen und nicht gekonnt. Er war von Erz und mit Silber und Gold überlegt. Nachher ist er heraus in fremde Hände und durch Schickung Gottes zu den Aposteln gekommen. Der große Kelch ist bei Jakobus de~~ Kleineren in der Kirche zu Jerusalem geblieben. In die sechs kleinen haben sich die Apostel geteilt. Es sin~ einer nach Antiochla, einer nach Ephesus und die anderen nach anderen Kirchen gekommen. Nach sieben Kirchen kamen sie. Der große muß noch irgendwo verborgen stehen und wie hier beim ersten Abendmahl einst wieder zutagegekommen. Er hat zwei kleine Ohren, unten herum am Fuß eine Schlange. Es ist auch ein Träubchen daran, er ~5t27a mit Steinen besetzt. Er war schon bei Abraham. Melchisedek hat ihn Abraham gelassen. Die kleinen Becher gehörten sechs Patriarchen. Sie tranken das geheimnisvolle Getränk beim Segen daraus, das ich sonst gesehen.
Melchisedek brachte ihn aus dem Lande der Semiramis, wo er verkommen war. Er brachte ihn nach Jerusalem, als er baute. Der Becher war schon in der Arche bei Noah. Er stand ganz oben in der Arche. Da kommen Leute, feine Leute aus einer schönen Stadt. Sie ist so auf alte Art gebaut. Sie beten da an, was ihnen vorkommt, sie beten Fische auch an.
Der alte Noah steht mit einem Pfahl auf dem Rücken an der Seite der Arche. Das Bauholz liegt weit herum, ganz ordentlich. Da sind feine Leute. Sie müssen was Vornehmes sein. Sie sind so fein und hell. Sie bringen dem Noah den Kelch. Er muß irgendwo verkommen gewesen sein. Ich weiß nicht, es ist etwas darin wie ein Weizenkorn, aber größer, es ist wie ein Sonnenblumenkorn, und ein kleiner Rebzweig. Sie sagen, er sei so ein ruhmvoller Mann, da sei etwas Geheimnisvolles, er solle es doch mitnehmen, usw. Er steckt das Körnchen und das Zweiglein in einen gelben Apfel und legt es in den Kelch. Es ist kein Deckel auf dem Kelch, denn es muß immer herauswachsen. Der Kelch ist nach einer Figur gemacht, die auf eine wunderbare Art, ich glaube irgend aus der Erde gekommen. Es ist ein Geheimnis damit, aber er ist danach gemacht.
Das ist der Kelch, den ich in der großen Parabel dastehen sah, wo der brennende Dombusch274 war. Das Weizenkörnlein ist endlich so klar geworden, bis auf Jesum, usw. (Sie erschrickt, sieht um sich. Sie sei bange, sie müsse in das Schi 1ff :) Ach, ich träumte, ich sehe Noah. Ich glaubte, es komme nun das Wasser.
387
386
1~
Am anderen Tage sagt sie:
Die Leute, welche dem Noah den Kelch und die darin befindlichen Schätze brachten, waren solche Gestalten in langen weißen Gewändern wie die drei Männer, die zu Abraham kamen und ihm die Fruchtbarkeit weissagten. Es war, als brächten sie ihm ein Heiligtum aus der Stadt, das nicht zugrunde gehen solle. Die Stadt ging mit allem in der Sintflut unter.
Dieser Kelch und alles Dazugehörige .. ward von den jüngeren Priestern in den Schatzkammern des Tempels als unbekanntes altes Geschirr nebst anderen Sachen gefunden, in einem Kasten, und wurde an Liebhaber von Altertum verkauft. Veronika liebte auch so alte Geräte, und durch sie wurde dieses Gefäß, welches die Jünger bei anderen Gastmählern schon sonst gemietet hatten, heute käuflich an sie abgelassen, und zwar durch Gottes Fügung.
19.-20. April 1821 1 Tagebuch Bd. III, Heft 4 / Viertelseiten 93-94
Als Jesus den Kelch ergriff, hatte ich auf einmal ein Seitenbild, einen Blick, ich sah Abraham vor einem Altar knien, sah in der Ferne allerlei Völker mit Tieren und Kamelen kriegerisch ziehen, sah einen Mann neben Abraham hintreten, der denselben Kelch, den Jesus in der Hand hatte, vor Abraham auf den Altar stellte, und ich sah, daß dieser Mann Scheine wie Flügel hatte an den Schultern. Er hatte sie nicht wirklich. Es war, um mir zu sagen, er sei ein Engel. Es ist dieses das erste Mal, daß ich Flügel an einem Engel sah.
Hinter Abrahams Altar stiegen drei Rauchwolken auf, die mittelste gerad und hoch, die zwei Seitenwolken niedriger. Ich sah dann zwei Linien von Gestalten bis auf Jesum. David, Salomo waren darunter. Es war dieses der Stamm bis auf Jesum. Ich sah über Abraham Melchisedek und einige Königenamen. Und so kam ich auf Jesum mit dem Kelch zurück.
April 1820J 1 Tagebuch Bd. II, Heft 4 1 Viertelseite 53
Bei dem Abendmahl lagen der Herr und die Jünger anfangs zu Tisch, wie gewöhnlich auf der linken Seite auf den linken Arm gestützt. Vor dem Brotbrechen und der Einsetzung des Sakraments standen sie auf, und zwei Diener machten etwas auf beiden Seiten des Tisches, wodurch er höher wurde. Nachher setzten sie sich an die Erde, und der Tisch reichte ihnen bis unter den Arm. In dieser Stellung wurde das Abendmahl eingesetzt. So sah ich sie nachher
immer beim Brotbrechen und zuerst zu Enamaus sitzen und auch nach des Herrn Tod.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22a / Seite 1 1 Bruchstück
Beim Abendmahl auf Kissen lehnen; ihre Kleider weit, beim Osterlamm geschürzt. - Das Brotbrechen und Austeilen nach dem Mahl sei ein Liebeszeichen und schon in alten Zeiten gebräuchlich gewesen, beim Abschied und Willkommen. Es stehe davon in der Schrift. Jesus habe es zum Sakrament erhoben; es sei auch bei dem Kaiphas vorgekommen in der Anklage durch Judas' Verrat, er habe etwas Neues zugesetzt. Da habe Nikodemus bewiesen, daß diese Sitte Abschied zu nehmen, in den Schriften vorkomme. Sie meint, daß die Jünger beim Brotbrechen in Emmaus ih fn erkannt Ihätten
275, daß sie beim Osterlamm aufgewartet.27C
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite 2 1 Bruchstück
Der Tisch des Abendmahls war höher als der des Osterlammes. Man konnte ihn erhöhen und verlängern.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite 2 1 Bruchstück
Kelch oben wie Edelstein, braun leuchtend 277; Fuß dunkles Golderz mit Edelsteinen.
Tagebuch Bd. VII, Heft 22a / Seite
2 l Bruchstück
Den Kelch mit sechs Becher Jn; im Fuß eine Art Löflel, Patene, Auszüge; Uberdecke; schon ein Jahr besessen, von den Ratsherm erhalten, altes verkauftes Tempelgefäß (Melchisedeks; nur Jesu bekannt, was es ist).
Tagebuch Bd. VII, Heft 22~ / Seite 2 1 Bruchstück
Er ging aber wieder hinaus, legte den Mantel wieder an und befahl den Tisch wieder zu rüsten. Es wurde der Tisch in die Mitte gesetzt, mit einem Teppich belegt. Darüber kam eine rote und dann eine weiße durchsichtige Decke. Petrus und Johannes holten nun aus dem hinteren Verschlag den Kelch in einem Futteral; es war fast
388 389
wie ein Tabernakel. Als sie es zwischen einander auf den Händen trugen, sah es so aus Skizze. Sie stellten es in die Mitte auf den Tisch vor Jesurn. Es stand dabei ein Teller mit dünnen, sehr weißen, gerippten Broten Skizze; ich glaube, es waren drei. Außerdem stand ein Wasser- und Weingefäß auf dem Tisch. Jesus lag zwischen Petrus und Johannes. Er tat eine lange Lehre. Die Türen waren geschlossen. Die Decke des Kelchs ward in den hinteren Raum getragen. Es hing über dem Kelch ein weißes Tuch. Der Herr zog aus dem unteren Gestell des Kelchs einen Schieber hervor, deckte die Decke vom Kelch, legte sie über den Schieber, stellte.
Tagebuch Bd. VII, Heft 22a / Seite 1 1 Bruchstück
Das Oiterlamm aßen sie stehend im Coenaculum. Der Tisch war nicht gedeckt; es waren runde Lücken darin, worin Brotkuchen als Teller lagen. Sie hatten beinerne Messer. Sie reichten den Kuchen mit einer Art Klammer hin, um ihre Portion zu empfangen. Die Apostel waren geschürzt in Reisekleidern. Sie hatten keine Stäbe in der Hand, aber Jesus hielt zwei Stäbe kreuzweis über die Brust. Es waren. auch noch Knoblauch und ein Kraut in Büschchen wie das Balsamierkraut der Toten und Salat da, und auch Brot. Sie aßen sehr geschwind.
Tagebuch Bd. VII, Heft 22a / Seite 2 1 Bruchstück
JAmJ Schluß des Osterlammes sei das Eintunken mit Judas geschehen. Dann seien andere Speisen, auch Backwerk, aufgetragen Lworden, und sie haben am Schluß Psalmen gesungen; nun sei Jesu Lehre immer ernster geworden.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite 2 1 Bruchstück
Es ward wieder ein Tisch in die Mitte gesetzt. Er lehrte lang. Es stand auf dem Tisch nichts als jener Becher mit den sechs kleinen Bechern, und ich glaube, drei gekerbte dünne weiße Brote. Der Tisch war mit einem Teppich, darüber roter und durchsichtiger weißer Decke belegt. Jesus lehrte lang.
20.-21. Februar 1821 ~ Tagebuch Bd. III, Heft 2 / Viertelseiten 16~17o
Sie kam zufällig auf Judas zu sprechen, gegen den sie immer ein großes Mitleid hat, und sagt:
Er ist ein kleiner gedrungener Kerl
gewesen, überaus dienstfertig und behend und gesprächig. Er ist nicht gerade häßlich gewesen. Er hatte etwas Freundliches, Schmeichelndes und hoch Widerliches, Niederträchtiges im Gesicht.
Seine Eltern taugten nichts und waren nicht eigentlich Juden; sie waren bald dies, bald das.
Er war in einer Stadt Karioth geboren, während seiner Mutter
Mann nicht da war. Der lebte mit anderen, und sie empfing ihn im
Ehebruch. Der Mann der Mutter hatte in seinem Namen etwas von
Bel. Es war etwas Teuflisches. Sein natürlicher Vater hatte noch
etwas Gutes in sich, und davon kam etwas in ihn.
Sie versteckte ihn, als ihr Mann zurückkam. Nachher kam er zu ihr zurück. Als sie sich aber wegen ihm mit ihrem Mann erzürnte, verfluchte sie ihn.
Seine Eltern waren oft herumziehend und nährten sich von allerlei Trug und waren Gaukler. Sie trieben allerlei Künste.
Karioth war eine große Stadt über dem Jordan, gegen Morgen von der Stelle, wo die Kinder Israel hinübergekommen. Es wohnten da allerlei Leute durcheinander. Seine Eltern waren bald wohlhabend, bald hatten sie nichts. Sie zogen auch nach Pella, welches gegen Morgen vom Galiläischen Meer liegt, wo auch vermischte Leute wohnten. Hier wuchs Judas eigentlich heran. Seine Eltern waren tot, als er zu Jesu kam. Er kam zu ihm, da er in Gerasa die Teufel in die Schweine trieb. Er zog im Land herum und diente überall und schloß sich hier an die Jünger an. Sie mochten ihn leiden wegen seiner Dienstwilligkeit. Er putzte sogar die Schuhe.
Er blieb nicht gleich bei Jesu. Er war bei der Speisung der Fünftausend und dann wieder weg. Bei der zweiten Speisung war er wieder da und blieb. Er konnte erstaunlich laufen und machte anfangs große Wege für die Gemeinde.
Er war wohl sieben Jahre alt, als seine Mutter ihn aus der Verborgenheit nahm und in Karioth ins Haus ihres Mannes brachte. Sie waren nicht aus Karioth geboren. Sie waren auch unrecht zusammengelaufen wider den Willen ihrer Eltern und hatten etwas mitgenommen und hatten in Karioth ein Haus. Sie trieben anfangs bald dieses, bald jenes Gewerbe. Als die Mutter Judas empfing, war sie, glaube ich, eine Gauklerin. Sie zogen nachher nach Pella. Seiner Mutter Mann hat ihn oft verflucht und endlich seine Mutter ihn auch. Da verließ er seine Eltern. Sie sind nachher wieder verannt, und ich weiß nicht mehr, wie elend umgekommen.
Bei Gerasa kam er zuerst zu den Jüngern, ward aber noch nicht
390 391
aufgenommen. Jesus schien nicht gut auf ihn zu achten. Als Jesus zum erstenmal das Volk speiste, war er da, blieb aber auch nicht. Er ging noch zu Jüngern und Aposteln und auch zu Maria, und auch diese bat für ihn, daß er aufgenommen wurde. Er blieb erst bei den Aposteln, als Jesus das zweite Mal die Leute speiste. Ich habe ihn nie Wunder tun sehen. Er war immer voll Eifersucht und Neid und war gegen das Ende des Lebens Jesu das Herumziehen, den Gehorsam und das ihm unverständliche Geheimnisvolle müd.
(Sie erzählte dieses aus der Erinnerung und zufällig, und es kann darum mehr Schwankendes darin sein.)
Tagebuch Bd. VII, Heft 22a / Seite 1 1 Bruchstück
Judas, was ich nie gewußt, harte auch selbst Wunder getan und Kranke geheilt, während Jesus verreist war. Ich habe das heute morgen gehört, da Jesus mit Maria von ihm sprach. Er war sehr tätig und dienstwillig; Geiz und Ehrsucht waren in seinem Charakter, und Neid, und er bändigte sie nicht.
Tagebuch Bd. VII, Heft
22~ / Seite 1 1 Bruchstück
Judas war am Morgen wieder von Bethanien weggelaufen mit dem Vorwand, er wolle etwas besorgen, er habe noch allerlei zu bezahlen. Jesus fragte morgens nach ihm, als die übrigen neun bei ihm waren; er wußte wohl, wo er war. Judas war den ganzen Tag bis zum Abendmahl mit den Pharisäern und redete alles mit ihnen ab. Es wurden ihm auch die Soldaten gezeigt, und er versprach, sie abzuholen, und überlegte alles genau mit den Wegen hin und her.~78
6.-7. Juli 1820 1 Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseiten 32-39
Sie war sehr bleich und hatte viel gelitten. Sie hatte heute nacht an der Seitenwunde geblutet, und da sie von heftigem Schweiß ganz durchnäßt das Hemd wechselte, es heute morgen entdeckt. Sie leckt nun nachts, wenn sie allein das Hemd wechseln muß, immer vorher erst ein paar Tropfen geweihtes Öl, wodurch sie die Gnade hat, ohne heftiges Husten dieses mühsame Werk zustandezubringen. Sie hat seit gestern unbeschreibliche Schmerzen gelitten und gleicht einer Gemarterten.
Ich habe bis jetzt so heftige Schmerzen gehabt, daß ich laut zu Gott geschrien habe, ob er mich dejnn über die Möglichkeit, es auszuhalten, peinigen wolle, und ich habe auch Linderung erhalten. Dann ist mir der Schmerz am unleidlichsten, wenn ich ihn nicht verbergen kann und wimmern muß. Ich meine dann immer, wenn ich es nicht still trage, wären die Schmerzen vor Gott nichts wert und hülfen mir nicht, sie wären ohne Liebe. Ich kann es nicht so sagen. Es scheint aber, als sei eine Veränderung in meiner Natur, als ordneten sich meine Leiden wieder in alter Weise. Doch ist jetzt die Pein im Unterleib dabei. Um den Nabel fängt es an mit einem heftigen Brennen. Es ist, als liege Feuer auf mir, und es ziehen ganz feine, dünne Strahlen von Schmerz durch meine ganze Brust in die Arme und Hände. Die Seitenwunde sticht heftig. Die Pein in den Händen und Füßen ist so, daß mir nachher jede Berührung der Haut weh tut.
Sie weint, indem sie davon spricht, aber nicht um ihre Pein, sie weint um die Schmerzen des Herrn. Sie sah sie.
Es ist über alle menschliche Fähigkeit, die Schmerzen zu begreifen, welche Jesus von seiner Geburt bis zu seinem Tod gelitten, wenn man sie so sieht, wie ich sie gesehen. In seinem Leiden ohne Murren, wie ein Lamm, ist eine unendliche Liebe zu fühlen. Ich bin in Sünden empfangen, eine elende Sünderin, und mich drückte das Leben schon so von jeher, und mich schmerzt alles Unrecht so, wie aber war erst die unbegreifliche Vollkommenheit Jesu von allem verletzt und bis zum Tod gemartert und verhöhnt.
Ich habe heute nacht unter meinen steten Schmerzen sein ganzes Leiden wieder gesehen bis zum Tod, und zwar sah ich auch seine Schmerzen in seinem Innern. . . und fühlte ihre Weise, so viel er mir aus Gnade davon verständlich machen wollte. Ich bin so schwach, daß ich nur davon erzählen will, was mir gleich einfällt.
Ich sah den Herrn mit seinen Jüngern gehen, und er gedachte der Schmerzen, die er schon im Mutterleibe gelitten, und fortwährend durch seine Kindheit und Lehramt von allen Menschen gelitten, durch ihre Härte und Blindheit, vor allem aber durch die Tücke und das neidische Lauern der Pharisäer. Er sprach mit seinen Jüngern von seinem Leiden, und sie verstanden ihn nicht, und ich sah, wie den Herrn innere Schmerzen durchzogen. Ich sah diese Schmerzen wie Farben und bittere, finstere Schatten, die über sein trauriges, ernstes Angesicht in seine Brust und um sein heiliges Herz zogen und ihn von allen Seiten durchschnitten. Dieses Sehen ist un
392 393
beschreiblich, und ich sah, wie er bleich dabei wurde und ganz gepeinigt in sich, und wie diese Schmerzen seiner Seele dichter waren als die nachher in seiner Kreuzigung. Er trug sie aber still mit einer unendlichen Liebe und Geduld. Ich sah ihn hierauf beim Abendmahl und sah seine unendlichen Schmerzen über die Bosheit des Judas. Ich sah, daß er gern noch mehr Marter gelitten hätte, wenn dieser ihn nicht verraten würde, denn auch seine Mutter hatte Judas lieb gehabt und immer viel mit ihm gesprochen und ihn viel belehrt und zurechtgewiesen. Dieses tat ihm weher als alles, und ich sah, wie er ihm die Füße wusch mit unendlichem Schmerz, unendlicher Liebe, wie er ihm den Bissen reichte und ihn liebevoll ansah. Es waren Tränen in seinen Augen, und er biß vor Schmerz die Zähne zusammen.
Ich sah ihn, wie Judas zu ihm kam, und wie er seinem Verräter sein Fleisch und Blut zu essen gab und ihm mit unendlichem Schmerz die Worte sagte: "Was du tun willst, das tue bald!" Ich sah aber, daß Judas nun zurücktrat und dann den Saal verließ. Immer sah ich den Herrn hierbei von den Wolken und Farben und Blitzen der inneren Schmerzen durchziehen. Ich sah ihn dann mit den Jüngern zum Ölberg gehen und sah, wie er unterwegs immer weinte, daß die Tränen wie Ströme niederrannen, und wie Petrus so kühn und selbstvertrauend war, daß er meinte, er allein wolle alle seine Feinde niederwerfen, und daß auch dieses ihn betrübte. Er wußte, daß er ihn verleugnen werde, und ich sah, da er seine Jünger, bis auf drei, die er am liebsten hatte, in einem offenen Schuppen zurückließ, der noch vor dem Garten des Ölbergs lag, und er sagte ihnen, daß sie hier schlafen sollten, und ich sah ihn immer weinen. Er ging aber in den Garten, wo auch noch eine Laube war. Er ging höher, und nun ließ er die drei Apostel zurück, welche sich so tapfer dünkten. Ich sah aber, daß sie bald einschliefen. Ich sah nun den Heiland auf einem höheren Hügel kniend, ganz von Schmerz durchinalmt Blut schwitzen, und sah, daß ein Engel zu ihm kam und ihm den Kelch reichte.
Da sie nun fortwährend in Bruchstücken die Schmerzen Jesu sieht und nicht bestimmt zu erzählen imstande ist, so ist die Anführung hier nicht nötig. Es sind folgende Punkte allein wesentlich: Sie glaubt fortwährend, Johannes sei nicht bei den drei Aposteln auf dem Ölberg gewesen, sondern dieses seien drei ältere gewesen. Sie habe sich noch gewundert, daß Jesus ihn zurückgelassen, den er so liebe. Er habe ihn vielleicht aus Liebe zurückgelassen. Judas sei voT
der Wache gekommen und habe den Herrn geküßt, und dann sei er geflohen, und sie habe ihn abwärtseilen gesehen, und dunkel, wo er ging, im allegorischen Sinn. Die Wächter seien zweimal nieder-gestürzt, Petrus habe ganz wild dreingeschla gen. Der Herr habe ihn dann an der Hand gefaßt und das Ohr des Wächters geheilt.
Die Soldaten hätten dem Herrn einen Strick um den Leib gebunden, und vier hätten ihn an vier Seilen gezerrt. Der Herr habe nichts gesagt, nur manchmal für sich einige traurige Worte. Wie der Herr gefangen worden, seien die Jünger, die zurückgeblieben, nur so viel genaht, den Lärm zu sehen und dann gleich geflohen. Johannes aber sei jener Jüngling gewesen, der von den übrigen, die im Schuppen ... geschlafen, herangelaufen und sein Kleid nicht mitgenommen habe aus Eile, denn er habe in einem feinen, baumwollenen Tuch gehüllt da gelegen, und als sie ihn ergreifen wollten, habe er das Tuch in ihren Händen gelassen und sei nackt, nur mit seiner Leib-binde geflohen. Als sie fort gewesen, habe er sein Kleid wieder angelegt und sei Jesu gefolgt mit Petrus. Sie habe ihn in der Nacht viel hin und her von Jesu zu Maria laufen sehen. Er sei mit Jesu beim Hohenpriester drin gewesen, wo Petrus im Hof beim Feuer stand. Maria sei vor dem Tor gestanden. Johannes sei zu ihr gegangen und habe mit ihr gesprochen.
Sie sah nun alle Leiden fort. Bei der Ausführung sah sie den Longinus von dem Anblick des Heilands gerührt, und daß der Herr ihn anblickte, und daß er es innerlich erhielt, ihm die Beine nicht zerbrechen zu lassen. Sie sah, daß der Herr am Kreuz besonders betrübt war über den Spott und Hohn, und als alle ihn verließen und allein hängen ließen, außer Maria, Johannes und die anderen Frauen. Sie sah, wie Longinus ihm die Seite öffnete, und daß er seinen Speer nicht zurückließ, sondcrn mitnahm und ihn immer in Ehren hielt. (Dies ist etwa das Sachliche, was aus ihrer müden Erzählung zu bewahren war.)
Als sie Longinus und seine Lanze und den Lanzenstich sah, sah sie einen Splitter der Lanze immer über ihrem Kopfe leuchten. Sie wußte nicht mehr, daß der Pilger ihr den Partikel dahingesteckt hatte.
5.-6. Juli 1820/ Bd. II, Heft 7 / Viertelseite
30
(Pilatus):
Ich habe ihn gestern und heute überall herumirren und laufen sehen; ich habe das greuliche Bild wieder gesehen, und wie
394
395
er alles niederdrückt und alle Mahnung von sich stößt und immer elend ist. Er ist ganz hohl und schrecklich eitel, und was er tut, ist gegen seine Überzeugung. Aber er tut es aus Hoffart.
15.J-16.J August 1822 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 1 VierteZseiten
223-230
Maria hatte Jesum seit dem Abschied zu Bethanien nicht wiedergesehen. Sie irrte die ganze Nacht umher mit Johannes. Sie flehte, ihn nur noch einmal zu sehen. Sie kam an dem Orte vorbei, wo das Kreuz gezimmert wurde.
Als Jesus zum Tode geführt wurde, konnte sie vor der Menge der Menschen nicht heran. Johannes und noch ein Jünger, einer der Vettern Arimathiä, erlangten von einem von Pilati Dienern, daß sie durch den Palast Pilati durchgehen durften und sich unter das entgegengesetzte Tor stellen durften, wo der Zug, sich um die Gebäude wendend, vorbeikam. Es konnte niemand dahin, und ich meine, dieser Soldat ward nachher bekehrt. Sie mußten erst an einer Seite über den Richtplatz gehen, den Jesus verlassen hatte, dann durch Tore und Alleen, wo sonst nicht offen war, aber jetzt, und wo alle Leute hin- und herliefen. Dann kamen sie noch durch ein Tor nach der anderen Seite des Palastes.
Als ich die arme Mutter Gottes bleich, zitternd und bebend, in ein graues Zeug von oben bis unten eingewunden, diesen Weg hineingehen sah, war es mir ganz zerreißend und schauerlich. Man hörte schon das Geschrei sich um die Seitenmauer herannahen und den Schall der Posaunenbläser, die vorhergingen und an den Ecken der Straßen bliesen und ausriefen, daß einer zum Tode geführt werde. Als sie zur Türe hinaustraten, sagte die Heilige Jungfrau zu Johannes: "Soll ich es sehen? Soll ich wegeilen, werde ich es ertragen?" Da sagte Johannes: "So du nicht bliebest, wurde es dich nachher immer schmerzen! " Da blieb sie und schaute.
Hier stand Maria zwischen Johannes und dem anderen Jünger an einem weißen, marmornen Pfeiler, früher als der Zug kam. Es war Geschrei und Schimpfen auf der Straße.
Ich sah Veronika dem Zuge jammernd entgegenlaufen. Sie hatte den Schleier auf der einen Seite kurz auf der Schulter, auf der anderen lang über den Arm hängen. Ich sah noch nicht, daß sie an den Herrn gelangte. Sie ward von dem Gesindel mit Hohn zurückgestoßen, zog aber immer mit. Man hörte Posaunenschall. Vor dem Zug gingen einige niedrige Kerls.
Der Weg ging hier bergan, und die Straße war mit dem Standort Mariä gleich. Man hörte die Posaunen. Es war fürchterlich. Man sah den Zug aufsteigen. Es warenj etwa achtzig Schritte hierher. Es kam kein Volk voraus, aber an den Seiten und hinterher.
Vieles Gesindel, das vor dem Richttor gewesen, lief durch Seiten-1wege voraus nach anderen Plätzen. Es kamen zuerst einige niedrige, schlechte Kerls, Heidensklaven, die so was für Geld tun. Sie trugen Marterzeug. Die Nägel hatten sie in den Händen und Bündel von Holzkeilen, die Kreuze in den Löchern zu befestigen. Sie hatten auch Körbe mit Hämmern und Stricken, und einer von ihnen trug die Dornenkrone Jesu auf einer dreizinkigen Gabelstange, auf dem Rücken niederhängend.
Diese niedrigen Buben, als sie Maria mit heftiger Gebärde die Hände ringen und zittern und wimmern sahen, frugen nebenlaufende Burschen: "Was ist das für ein Weib, das sich so anstellt?" Und da sie von diesen hörten: "Es ist des Nazaräners Mutter", so höhnten sie sie im Vorübergehen und hielten ihr die Nägel vor das An-gesicht. Maria sah aber händeringend nach Jesu hin und sank gegen den Pfeiler und war ganz bleich, und ihre Lippen waren blau.
Hinter jenen Buben, ein paar Schritte, gingen ein paar Posaunenbläser, welche von Zeit zu Zeit die Hinrichtung ausriefen. Nach etwa drei Schritten ging unser Herr und Heiland, der Erlöser, Gottes Sohn, und unser Bruder und Befreier vom ewigen Tod.
Da ging schwankend und gebückt unter dem schweren Kreuz Mariä Sohn, Jesus, und schleppte das obere Ende des schweren Kreuzes auf der rechten Schulter. Um die Mitte des Leibes hatte er einen Strick gebunden, an dessen Enden die Schergen ihn führten und rissen. Sein Rock war lang und hinderte im Gehen, und ich sah, daß er ihn manchmal mit der Linken etwas schürzte. Er war barfuß. Sein Angesicht war bleich und blutig und zerschlagen. Seine Stirne war voll Wunden und Beulen, seine Haare voll Blut. Er sah nach Maria so ernst und mitleidig und sank voll Schmerz vor ihr unter dem Kreuze nieder auf die Knie und Hände. Maria war in der Heftigkeit ihres Schmerzes und ihrer Liebe bei diesem Anblick vor Jammer außer sich. Sie rang die Hände, zitterte und jammerte und wollte hervordringen zu ihrem gesunkenen Sohne hin. Die Jünger unterstützten sie, die Henker, welche beschäftigt waren, Jesum wieder in die Höhe zu zerren an den Stricken, hörten, es sei seine Mutter, und riefen ihr zu: "Was stehst du hier? Da hast du's, hättest du ihn besser erzogen, so hätten wir ihn nicht in die Hände
396 397
gekriegt!" Die Heilige Jungfrau aber sank vor Schmerz wie tot in die Knie, und ihre Hände berührten den Stein, an den sie hinsank. Es war ein an einer Säule des Tors schräg angearbeiteter Stein, um die Beschädigung beim Fahren zu verhüten.
Da trieben die zur Seite mit Lanzen gehenden Soldaten sie mit den Jüngern ins Tor des Palastes zurück, das geschlossen wurde. Die Jünger brachten sie weg. Jesum hatten sie aufgerichtet, und das Kreuz lag nun anders auf seiner Schulter. Die oben aufgebundenen Kreuz-arme, wobei auch der ziemlich große Fußstandklotz war, waren durch den Fall teilweise zur Seite gerutscht, und Jesus faßte nun nicht mehr den Kreuzbalken selbst, sondern einen der nieder-gesunkenen Arme. Dadurch bekam das Kreuz hinten wieder eine gesenktere Richtung und schleppte mehr an der Erde als vorher, wodurch es etwas leichter wurde. Es waren aber hinten am Kreuz Stricke befestigt, woran es Schergen in die Höhe hielten, damit es in der Schwebe blieb. Skizzenj
Hinter Jesu kamen die zwei Schächer. Sie trugen auch ihre Kreuze, welche roher und knüppeliger waren. Vieles Gesindel zog mit, höhnte und schimpfte, und zwischen ihnen wankten verschleierte Frauen, welche weinten und wehklagten. Veronika lief auch an der Seite des Zuges her. Johannes brachte die Heilige Jungfrau nochmals auf kürzeren Wegen Jesu zu begegnen. Ich habe nur dieses Bild gesehen.
Das Kreuz Christi war sehr schwer. Es war so breit, daß man es an beiden Seiten seines unter den Rippen dünn ausgespannten Leibes, da er am Kreuze aufgerichtet war, sehen konnte. Die Armhölzer waren lang nicht so stark; sie waren etwas länger als die ausgespannten Arme. Die Seiten, in welche sie eingezapft waren, waren nicht so breit als die vordere Seite des Kreuzes. Diese war flach. Die hintere Seite des Kreuzes war roher und mit runden Ecken. Die Last war durch die schwere Holzart noch größer, und dadurch, daß die Kreuzarme und das große Fußholz oben aufgebunden waren.
In den Stein, auf welchem die Heilige Jungfrau damals nieder-sank, drückten sich die Spuren ihrer Knie wie Gruben ein, und wo ihre Hände ihn sinkend berührt hatten, blieben Male ohne Vertiefung. Es war ein geäderter Stein. Er kam nachher, ich meine noch unter Jakobus dem Kleineren, in die Kirche am Teich Bethesda. Ob diese Eindrücke auf der Stelle geschehen, weiß ich nicht, aber von Menschenhänden gemacht waren sie nicht.
Ich sah auch einen zweiten Stein, auf welchem Maria am Kal
varienberg gekniet, da ihr Jesus nach seinem Tod zum erstenmal erschien. Diesen hatte Helena in die Kirche bringen lassen, die sie auf dem Berg Thabor gebaut. -Ich weiß nicht mehr, ob bei der ersten oder zweiten Anwesenheit
Mariä das Konzihum zu Jerusalem war. Ich meine, bei der ersten. Petrus war von einer weiten Reise gekommen und mit Johannes und Maria, von Ephesus, glaube ich. Diesmal ging Maria mit anderen Frauen, die mitgekommen, alle Wege. Das zweite Mal war sie so alt und schwach.
22.-23. April 1821 1 Tagebuch Bd. III, Heft 4 / Viertelseiten 112-113
Sie sagt, die Juden hätten nicht amJ Gründonnerstagabend wie
Jesus das Osterlamm gegessen, sondern am Kreuzigungsabend, also
Freitag. Darum seien bei der Kreuzigung auch wenige Juden und
meist lauter Gesindel gegenwärtig gewesen. Sobald die Juden das
Urteil von Pilatus gehabt, hätten sie sehr geeilt, und sei er von
Sklaven und heidnischen Knechten gekreuzigt.
Die Priester seien alle in ihren Häusern beschäftigt, und alles sei zu gewesen. Sie habe auch dieses Mal den Tod des Annas beim Opferaltar wieder gesehen. Es sei gewesen, als ob ihn die Erde verschlinge.
23.-24. April 1821 1 Tagebuch Bd. III, Heft 4 1 Viertelseite ii6
Das Osterlamm der Juden ward im Tempel geschlachtet, als Jesus am Gründonnerstag sein Osterlamm aß und das Abendmahl einsetzte. Ich sah auch die Juden an diesem Tag die Häuser und alle Winkel von Gesäuertem ausfegen. Sie machten alles auf und löschten oder versteckten alles Feuer und stellten alle Speisen weg. Ich sah auch eine Vorrichtung bei seltsamen Öfen, usw.
Die Juden aßen ihr Osterlamm am Karfreitagabend. Ich sah ana Freitag sehr viele eingezogen und in Ecken sitzen bei verschlossenen Türen.
Die Wächter am Grab waren heidnische Soldaten. Ich sah, daß die Juden sie von Pilatus begehrten. Zuerst waren es fünf. Sie lösten einander ab und waren bei der Auferstehung nur drei...
f~. April 1822 (=7. Nisan) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 7 1 Viertelseite 17
... Während der Kreuzigung sei das Volk im Tempel gewesen, die Osterlämmer zu schlachten. Als der Vorhang des Tempels zer
398 399
rissen und hie und da Stellen im Boden und an Gemäuer in den Vorgebäuden eingestürzt seien und mehrere Tote durch den Tempel gewandelt seien, wäre die Schlachtung des Osterlammes schon vor-über gewesen und hätten sich nur Priester mit Geschäften und hie und da ein Betender im Tempel aufgehalten. Sie seien vor Schrecken alle wie erstarrt dagelegen und gesessen usw
und hatte eine große Liebe zu Jesu. Das Wunder mit ihrem Schleier habe ich nicht gesehen heute nacht, erinnere mich auch sonst nicht, es so gesehen zu haben, obschon mir dunkel ist, als habe ich einmal gesehen, daß sie sich durch die Leute zum Kreuzigungszug des Herrn plötzlich hingedrängt. -
18.-19. September 1821 1 Tagebuci Bd. III, Heft 9 1 Viertelseite 93
Februar 182111 Tagebual Bd. III, Heft
2 / Viertelseiten 32-34
Veronika: Sie hat von dieser unbekannteren Heiligen vieles gesehen, leider noch mehr vergessen. Das Übriggebliebene ist folgendes:
Veronikas Name ist anders. Ich werde ihn wohl wieder erhalten. Sie war eine Bruderstochter von Zacharias von Hebron. Sie war auch mit dem alten Simeon verwandt und kannte nach seinem Tod seine Söhne. Diese hatten von ihrem Vater schon eine Neigung für den Messias, und alles das blieb immer ein geheimes Lieben unter ihnen.
Veronika war schon eine erwachsene Person, da Jesus zwölfjährig zu Jerusalem im Tempel zuriickblieb, doch war sie noch nicht verheiratet. Jesus wurde damals zwei Tage von seinen Eltern unter seinen Verwandten gesucht. Er war mit vier älteren Knaben zu Jerusalem zuriickgeblieben und hielt sich, wenn er nicht im Tempel war, in eben dem Hause vor dem Tor von Jerusalem auf, wo Maria vor der Reinigung einen Tag und zwei Nächte mit ihm als Kind bei den alten Leuten gewohnt. Ich sah, daß Veronika ihm Essen dahin schickte.279
Ihr Mann war ein Feind der Christen und sperrte sie oft, wenn er ihre Hilfeleistungen merkte, in ein Loch. Die kleine Herberge der alten Leute war eine Art Fundation. Sie lag vom Ölberg gegen Morgen. Jesus und die Jünger hatten dort oft eine Zuflucht. Ich sah auch, daß Jesus, als er die letzte Zeit, welche jetzt kommt, im Tempel lehrte, dort oft heimlich von Veronika gespeist wurde. Damals waren andere Leute im Haus.
Veronika hatte drei Kinder; zwei sind Jönger geworden, einer ist abgefallen. Sie selbst ward in der Verfolgung der Christen in Jerusalem nach Lazan und Magdalenas Vertreibung ins Elend schwer verfolgt mit anderen Frauen. Sie flohen, wurden eingeholt. Sie starb Hungers im Kerker. Ihr Mann ward durch Joseph von Arirnathia bekehrt.
Sie war eine große, schöne und mächtige Frau und wohlhabend
Da sie dem Pilger sagte, Herodes d. Gr. habe auch deutsche Soldaten gehabt, sagte ihr dieser, man habe wohl schon scherzhaft behauptet, die Kreuziger seien Westfälinger gewesen. Sie sagte am anderen Morgen:
Ich hatte heute nacht, was die Kreuziger für Leute waren. Ich sah alle Orte, wo sie gelegen, wußte auch ihre Landschaft. Es war allerlei Gesindel, das immer in Festungen gesteckt wurde und von anderen Soldaten gehütet; es waren viele abtrünnige Juden darunter. Sie waren abscheulich roh, grausam und verworfen und waren sehr schweinisch und unehrbar mit ihrem Leibe. Die Pharisäer hatten sie schon früher, seit sie Jesu nachtrachteten, in die Nähe gezogen, und ich sah sie in lang vorher in Hebron2~ ... liegen. Sie wurden zu allen Niederträchtigkeiten gebraucht, und die Juden gkubten sich entschuldigt, wenn diese es getan hatten. Die römische Wache beim Kreuz hatte nichts mit diesen Henkem gemein.
19.-20. Oktober 1820 1 Tagebuoi Bd. II, Heft 10 / Viertelseiten i6~-i66
Die Dornenkrone Jesu war sehr groß und schwer und weit vom Kopf abstehend. Sie zogen ihm sein gestricktes Hemd über den Kopf ab und rissen die Krone mit herunter. Ich erinnere mich dunkel, sie flochten eine kleinere Krone, ich kenne deren Dorn, und setzten sie ihm am Kreuz auf.
Die drei Löcher am Kreuz waren zu weit gebohrt. Als sie die eine Hand angenagelt, rissen sie die andere mit Stricken, die Füße anstemmend, auf das andere Loch. Die Füße waren ... auch viel zu kurz, und sie zogen diese ebenfalls herab und knieten auf den Gliedern, während andere die Nägel einschlugen. Der Leib war an allen Gelenken auseinandergezerrt und wie durchsichtig. Unter der Brust war er ganz dünn und hohl. Es war schrecklich. Als sie das Kreuz aufzogen und in das Befestigungsloch sinken ließen, tat es einen schweren Stoß, daß der heilige Leib rüttelte. -In das Fegefeuer sah ich Jesum nicht gehen, als er aber in der
400 401
Vorhölle war, sah ich die Seelen aus dem Fegefeuer dahin kommen. Ich sah, daß alle diese Seelen durch ihn erlöst wurden.
Ich sah vor der Auferstehung viele Engel das Blut und Fleisch, das er bei seinem Leiden verloren hatte, aufsammeln und zu seinem heiligen Leibe fügen und sah denselben unbeschreiblich leuchtend aus dem Grabe hervorgehen. Die Wunden leuchteten und waren eine heilige unaussprechliche Zierde des Leibes. Er zeigte sich den Jüngern nicht in dieser vollen Glone. Sie hätten den Anblick nicht ertragen...
~. April 1821 1 Tagebudz Bd. VIII, Heft 4b / Seiten ~i1
Ich dachte heute nachmittag an das Wort Schädelstatt und kriegte sogleich ein Bild, wie ein Prophet an diesem Ort, der damals nicht wie zu Jesu Zeit gewesen; sondern ein Hügel voll Höhlen und Mauern, wie Gräber, sich in die Erde begeben. Ich meine, es war der Gefährte des Elias. Ich sah ihn unten in einem Steintrog mit Gebeinen den Schädel Adams ergreifen, und es stand einer bei ihm, ich glaube eine Erscheinung, ein Engel, der ihm sagte: "Dieser ist der Schädel Adams", und er wollte ihn mit herausnehmen. Er durfte aber nicht. Es waren auf diesem Schädel dünne gelbe Haare hier und da. Ich sah auch, daß durch die Erzählung des Propheten der Ort Schädelstatt genannt sei.
Ich sah zugleich, daß der Fuß des heiligen Kreuzes senkrecht über diesem Kopf gestanden. Ich erhielt auch, daß dieses die Mitte der Erde sei, und die Länge nach Morgen, Mittag und Abend wurde mir gesagt. Ich habe die Zahl vergessen. Ich habe es auch gesehen wie von oben. Da sieht man alles viel deutlicher wie auf der Landkarte, denn man sieht nah und fern, jede Stadt, jedes Dorf gleich deutlich, und alle die Wasser usw. Ich hatte bei diesem Bild auch wieder einzelne Blicke in die neulich gesehene Parabel von dem König und der Königin und sah, daß der Ort, wo die Gärten sich vereinigten und wo der Baum sich emporhob, der die zweierlei Frachtarten des Königs und der Königin in sich vereinte, und über welchem der himmlische Tisch stand, wo durch das Engelbrot der König und die Königin sich verbanden - daß dieser Ort der Kaivarienberg war.
Ich hatte aus dem Bild von Adams Schädel hervorgehend gleich em Bild vom Paradies und Sündenfail, sehr kurz. Ich sah Adam aus der Erde hervorkommen wie aus einer Form, und die Erde war
402
eine Jungfrau, und aus Adams Seite sah ich Eva hervorkommen, und Adam war jungfräulich. Ich sah aber Eva, noch hervorsteigend, schon einen langen Hals in diesem Bilde nach der verbotenen Frucht machen und gleich nach dem Baum hinlaufen und ihn umfassen. Ich sah aber Jesum ebenso in einem Gegenbild von einer Jungfrau geboren gleich nach dem Kreuz laufen und es umfassen.
Der Paradiesbaum war ein schöner Baum. Er hatte große, nieder-hängende Blätter, und es saßen grüne und reife Früchte zugleich darauf.
Ich sah auch Adam und Eva auf der Bußerde ankommen. Es war die Gegend des Ölbergs, aber noch ganz wüst und kahl, gelber Sand. Es war ein unbeschreiblich rührender Anblick, die beiden nackten Menschen auf der nackten Erde. Adam hatte ein Ölzweiglein aus dem Paradiese mitnehmen dürfen, das er da pflanzte. Ich hatte, daß nachher das Kreuz aus diesem Holz gezimmert wurde. Sie waren unbeschreiblich betrübt. Wie ich sie da sah, konnten sie das Paradies kaum mehr sehen.
Es war, als gingen sie immer abwärts anfangs, und dann, als drehte sich was um, und sie ständen auf einem wüsten, traurigen Fleck. Adam war nicht größer als Jesus.
Später gab es einmal sehr große, geschwinde und gewaltige Menschen, und ich hatte wohl auch schon Weisungen, daß sich Geister
it Menschen verbanden, und daß daraus gewaltige Menschen ntstanden, und ich habe das von Babel gehabt, solche wie die Semiramis.
d Sie spricht noch manche sehr tiefe und wunderbare Worte über ie Entstehung besserer und geringerer Menschen und beruft sich uf die Stelle in einer Epistel, der Sohn der Magd sollte nicht mit-erben, und spricht von Kindern der Freien. Sie sagt, sie habe immer gehabt, daß dieses nicht sowohl von der Magd, als von dem Fleisch, der knechtischen Unterwürfigkeit unter die Lust gemeint sei. Sie drückt sich etroas schwer und unbestimmt darüber aus, sie scheint aber eine tiefe Einsicht in das Geheimnis der jüdischen und aller Ehegesetze zu haben. Sie führt Annas älteste Tochter an und sagte, die Eltern hätten in dieser Mariam nicht erzeugt. Es sei von dern Ihrigen, es sei Sklaverei dabei gewesen. Sie verbindet hiermit die Pflicht der Entsagung, Beten, Fasten, Almosen geben, die Ehe als Wort der Buße und Schmach, und nichts als die Absicht, das Reich Gottes zu mehren. Anna und Joachim hätten geglaubt, sich mit ihrer ältesten Tochter versündigt zu haben, usw.
403
Wunderbar ist es, daß bei allen ihren Ansichten von Stammbäumen es immer scheint, als sehe sie einen Keim durch viele Geschlechter durchlaufen und gereinigt oder getrübt werden durch die Menschen, durch welche er wie durch Gefäße durchgeht.
29.-30. März 1821; Karfreitag, historisch am
30. Märzj 1 Tagebuch Bd. III, Heft 3 1 Viertelseite 144
Am
30. morgens fand sie der Pilger in freudiger, sprechender Bewußtlosigkeit, um 10 Uhr, das Antlitz mit Blut überronnen und die Brust, am Leib voll Male wie Geißelhiebe. Um 1/4 nach zwei brach das Blut aus ihren Händen und Füßen. Sie war nicht eigentlich krank wie sonst, sondern ganz wie betrunken, wußte nichts von der Welt, hatte keine Angst, entded:t zu werden. Sie war ganz im Erlösungsbild berauscht. Der Pilger war gegenwärtig.
19-20. April 1821; Karfreitag, das Kirchenfest des Jahres 1 Tagebuch Bd. III, Heft 4 1 Viertelseite 9~
Was nie geschehen, seit sie die Wunden hat, sie wurde nicht krank und blutete nicht am Karfreitag an Hand und Fuß, und die vor einigen Tagen noch sehr sichtbaren Male waren wie ganz verschwunden. Sie konnte dies nicht begreifen, und sieh da!: Der Bürgermeister kam in der Minute, als sie Christum ans Kreuz schlagen sah, nach seinem Ausspruch auf höhere Ordre, glatt, kalt, lauernd, treulos, höflich - gaffte und fragte und ging. Es war ein vernichtendes Gefühl, den armen Mann und die Kranke zu sehen. Er war unschreiblich leer und arm.
15.-16. Juli 18201/ Tagebuch
Bd. II, Heft 7 1 Viertelseite 144
Ich hatte wieder ein kurzes Bild von Longinus. Ich sah den Herrn am Kreuz gestorben. Ich sah alles, jede Lage und Stellung alles Volkes wie am Karfreitag. Es war der Augenblick, wo den Gekreuzigten die Beine sollten zerbrochen werden. Longinus hatte ein Pferd oder Maultier (es war nicht wie unsere Pferde, es hatte einen dicken Hals) außer dem Richtkreise stehen. Er ging mit seiner Lanze zu Fuß hinein, stieg auf den Bühel und stieß in die rechte Seite des Herrn. Als er das Blut und Wasser niederströmen sah, wurde er ganz wunderbar durchdrungen. Er eilte hinab und ritt schnell in die Stadt. Er ging zu Pilatus und sprach, daß er Jesum für Gottes
Sohn halte. Er wolle nicht mehr Soldat sein. Er legte seinen Spieß und seine Waffen bei ihm ab und verließ ihn. Ich glaube, es war Nikodemus, der ihm hierauf begegnete und dem er dasselbe sagte, und er hielt sich dann zu den Jüngern. Pilatus hielt den Speer als ein Richtwerkzeug für schmählich bei sich, und ich meine, Nikodemus empfing ihn hierauf von ihm.
Ich glaube, wir haben ein Gebein von Nikodemus.
f17.-18. März 18211/ Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 8~87
Sie erkannte dieses Gebein wieder und sah vieles von Joseph von Arimathia, wovon ihr noch folgendes übriggeblieben:
Ich sah, daß er aus einem Ort war, etwa sechs Meilen von Jerusalem, etwas abendlich vom Weg nach Nazareth abgelegen. Ich meine, es war dort in der Gegend ein Graben oder oft trockener Fluß. Es waren dort steile Berge, und es wurden weiße Steine gebrochen, und dieser Steinbruch gehörte Joseph. Er hatte noch zwei Brüder, welche dort wohnten. Er hatte sich von ihnen losgemacht und war in Jerusalem in den Lehrjahren Christi fest ansässig geworden. Er war ein stiller, kluger und doch einfältiger Mann, der sohin alles tat, was man bei uns halbsinnig nennt. Er war nicht verheiratet und wohnte nicht weit von Johann Markus in einem kleinen Haus. Es waren aber Mauern und Gewölbe dabei, worin sehr viel weiße Steine lagen. Sie waren aus seinem Steinbruch. Ich glaube, er handelte damit. Auch arbeitete er mancherlei darin aus, Tröge, mulden- oder schifförmig, auch Platten, worauf wie die Gestalt eines liegenden Menschen war (wahrscheinlich ausgehöhlt als Totenlager, worauf sie die Leichname öfters begraben sah).
Ich sah, daß Joseph nicht verheiratet war, und daß er bei verschiedenen Freunden zu Tisch ging, im Hause der Veronika, und besonders bei Nikodemus. Dieser war verheiratet und hatte zwei Kinder.
Ich habe neulich schon einmal gesehen, daß Nikodemus auch in Stein arbeitete, und daß Jünger zu ihm kamen. Er tat es in einern Keller bei einer Lampe. Er machte auch kinderhohe Figuren. Sie hatten runde Gesichter, wie man die Sonne abmalt, und waren sonst wie Wickelpuppen. Sie waren halb aus dem Stein herausgearbeitet.
Ich habe auch gesehen, daß sie beide miteinander das Grab ausgearbeitet. Ich erinnere mich an nichts weiter von Joseph heute. Er ist, glaube ich, mit Lazarus fort und nicht wiedergekommen...
404 405
21-22. April 1821J 1 Tagebuch Bd. III, Heft 4 1 Viertelseitm 1O~IO7
281
Ich sah Jesum sterbend das Haupt neigen und seine Seele nieder zur Erde fahren. Ich sah seine Seele in einem Raum bei Toten-gebeinen und sah Adam und Eva dort zu ihm kommen und auch andere Seelen. Ich sah ihn wie unter der Erde hin zu anderen Gräbern schweben und überall die Seelen der Propheten zu ihm kommen. Es gingen diese Wege nach allen Seiten und Richtungen, und er erklärte den Prophetenseelen wie alles in Erfüllung gegangen.
Ich sah, daß dieses seine Seele war, und mir ward kund, daß seine Gottheit auch bei seinem Leibe wie bei seiner Seele geblieben. Ich sah dieses auch, kann es aber nicht aussprechen, wie.
Ich sah, daß die Seele Jesu mit der Schar dieser Seelen seinen ganzen Leidensweg zog und ihnen überall zeigte, wo er Blut vergossen, und ich sah ihn von der einen Seite durch den Felsen in das verschlossene Grab gehen mit den Seelen und diesen seinen Leib zeigen. In demselben Augenblick waren keine Tücher da, und ich sah den heiligen Leib ganz voll Wunden~ und es war mir, als ob die beiwohnende Gottheit den Leib in seiner ganzen Peinigung und Zerreißung entwickelte, auf eine geheimnisvolle Weise. Er erschien, wie von keiner Haut mehr bedeckt, und seine Verwundung konnte bis ins Innerste aller Teile erkannt werden, und es war mir als führe 282 die Seele die anderen Seelen her, dieses zu schauen, und die Gottheit enthülle, zeige es, mache es erkennbar. Ich sehe diese Erscheinung wieder ebenso weggehen.
Ich sah Jesum ohne Wunden, ich meine am Sonnabend abend~ um neun Uhr, als sie einsam die in Asche trauernden Weiber allein verließ, seiner Mutter am Tor der Ausführung auf der Stelle erscheinen, wo er niedergesunken war. Er sprach mit ihr. Es war nur seine Seele. Er drückte sie an sich. Sie küßte die Fußstapfen. Ich sah Jesu Leib, da er sich den Seelen ganz offen und enthüllt gezeigt hatte, wieder ebenso eingehüllt und mit Kräuterbüschchen belegt, im Grabe liegen, als die Erscheinung verschwunden war. Ich sah Jesum in die Vorhölle hinabfahren. Er fuhr, wie ein Licht streifend, durch die Erde. Ich sah die Vorhölle mitten in der Erde. Vor ihr war ein grünerer hellerer Raum. Sie war mit einer anderen Scheidung umschlossen, grau und farblos. Ich sah einen Weg mitten durch, zu dessen beiden Seiten verschiedene getrennte Aufenthaltsorte waren: Links waren die Patriarchen, dann Moses, die Richter, die Könige usw., rechts Joseph, Anna, die Vorfahren Jesu, dann die
unschuldigen Kinder, Johannes, die Propheten, usw. Sie waren alle in ihrem Rang und Ordnung. Am Ende zwischen beiden Seiten an einem einzelnen Ort voll Nebel waren Adam und Eva. Es war, als striche Jesus durch all2~ das hin. Ich sah ihn zuerst bei Adam und Eva. Er sprach mit ihnen. Das Ganze war nur eine Erquickung, ein Trösten. Der ganze Ort wurde wie erweitert und erquickt. Ich sah ihn noch an andere Räume gehen und trösten, welche außer diesem waren
Ich sah Jesum seiner Mutter wieder am Sonnabend erscheinen, abends, nach Sonnenuntergang, als sie die trauernden Frauen wieder verließ und die Leidenswege Jesu wandelte. Es war auf dem Weg zum Kalvarienberg, wo er niedergefallen. Sie eilte nach einer jeden solchen Erscheinung nach Hause und begab sich wieder in Trauer.
Die Frauen saßen in einer Kammer in Kübeln voll Asche gekauert, in langen Schleiern verhüllt, standen auf, dann und wann, und beteten, mit dem Angesicht gegen die Wand stehend. Am Samstagabend ging sie Salben und Kräuter zu kaufen und bereitete284 sie auf einen Tisch. Den ganzen Tag brannten Lampen...
Ich sah Jesum wie einen großen Glanz zwischen zwei kriegerischen Engeln von oben auf seinen Leichnam niederfahren. Es waren viele Seelen bei ihm in der Glone. Ich sah ihn leuchtend aus der Seite der Leichenhülle wie aus der Seiten... heraussteigen, lang und glänzend, und sah nun, indem ich das Grab nicht mehr sah, ein281 Ungeheuer mit Schlangen- und Menschenkopf unten in der Erde, und sah die Erscheinung mit einer Siegesfahne diese Schlange auf den Schweif stoßen und mit dem Fuß auf den Kopf treten, der in die Erde getreten war, und der Menschenkopf schaute empor.
Ich sah Jesum mit der Schar in der Glone emporschweben und am Kalvane n berg niederschweben. Ich sah nun die Tücher auseinandergerollt, unten eines, oben eines und zur Seite eines, und sah zwei Engel in dem verschlossenen Grabe sitzen...
Zwischen Ii und 12 lUhrJ:
Ich sah von der Nacht des Karsamstag auf Ostern die Mutter Gottes an den Kalvarie~berg den Kreuzweg gehen und sah Jesum vor sie treten, von den Seelen Adams, Evas und der Mtväter und Propheten umgeben. Er zeigte ihnen seine Mutter, sprach mit ihr, zeigte ihr seine leuchtenden Wunden. Die Geister beugten sich vor
406 407
ihr. Sie sank gerührt nieder. Jesus hob sie an der Hand auf und verschwand. Sie eilte nach Haus.
Ich 5ah Jesum mit großem Glanz umgeben in der Vorhölle die Seelen der Väter heraus an einen besser~n Ort führen. Sie erhielten auch eine Tafel, ein Freudenmahl.
Es ist unbeschreiblich rührend, den Herm von diesen seligen getrösteten Geistern umgeben durch die dunkle Erde und durch Stein und Felsen und über der Erde leise hinschweben zu sehen.
Als er Maria zum drittenmal erschien, sah ich noch die Fackeln der Wächter am Grab und am Morgenhimmel eine weiße LichtIch sah, daß das dreitägige Ruhen im Grab vielmehr ein dreitägiges Verweilen in der Unterwelt war, denn ich sah schon am Sonnabend die Engel im Grabe sitzen, hinter den verschlossenen Türen, was ich mir früher nie erklären konnte.
Als Magdalena und die ander~n Weiber ohne die Heilige Jungfrau hinausgingen, Jesum zu salben, sah ich Jesum durch die Felsen ziehen und von der Hinterwand herein ins Grab zwischen die beiden sitzenden Engel treten. Als dieses geschah, bebte die Erde. Die Feuer-körbe der Wachen vor dem Grab bebten und standen schief, die Wachen fielen durcheinander wie tot nieder, in erstarrten, verzerrten Stellungen. Jesus ging durch die verschlossenen Grabtüren durch und durch die offene Tür des Kellers und verschwand. Ich sah aber den Stein vom Grab wälzen und die Türen des Totenlagers durch die Engel öffnen.
!AprilJ 1820 1 Tagebuch Bd. II, Heft 4 / Viertelseiten 1-43
Es war auf dem sonst abhängigen Kalvan en berg oben eine runde Fläche, etwa wie der Gottesacker von Dülmen groß. Sie war mit einem niederen Wall umgeben, der mehrere Eingänge hatte. In der Mitte dieses Platzes war eine nicht ganz etwa mannshohe Erhöhung, mit einigen Stufen in der Mitte der Vorderseite. In ihrer Mitte stand das Kreuz Christi. Der Raum war so eng, daß die beiden ganz ähnlichen Schächerkreuze daneben am Abhang standen, und Christus sprach nieder, wenn er zu ihnen sprach. Etwa so LSkizzel. Es war so wenig Raum neben dem Kreuz, daß man steil aufsehen mußte, wenn man oben dabeistand. Sie warfen Seile und Rollen, womit sie ihn aufgezogen hatten, auf der anderen Seite herunter.
Einmal waren Maria und die anderen drei oben, aber sie stiegen
wieder herab. Magdalena umfaßte einmal den Stamm. Wenn sie oben standen, reichten sie etwa bis in die Mitte seiner Füße. -Es führten vier oder fünf Pfade durch den Aufwurf in den Gerichts-
ring. Nur die Mitte war Sand, gegen den Rand zu waren Rasen und nackter Grund oder Stein.
Karfreitag, gegen 12 Uhr:
Als die Schergen, welche ihn gekreuzigt, weg waren und die begleitenden Soldaten, blieben fünf Soldaten im Kreis mit Spießen. Viele Zuschauer waren weg. Es standen nur hier und da noch Haufen von drei und mehreren Schmähenden und Spottenden und auch Schweigenden.
Ich sah aber sieben Weiber von denen, die immer mit dem Herrn zogen. Vier blieben draußen stehen. Die Mutter Gottes, Magdalena und Maria Alphäi und Johannes gingen allein in den Kreis. Die Soldaten wehrten ihnen nicht. Die meisten Leute schienen nicht zu nahen, um sich nicht zu verunreinigen. Bei den vier draußen Stehenden, glaube ich, war Veronika.
Veronika, eine große Frau, hatte ein Haus nicht weit vom Tempel. Ich sah sie oft mit einem Kind auf dem Arm, einem an der Hand und noch einem. Sie kam so dem einziehenden Heiland am PaImsonntag entgegen und breitete ihren Schleier auf den Weg. Bei der Ausführung Jesu zum Tod sah ich sie wie eine Verzweifelte quer durch die Menge, die ihn timgab, gewaltsam durchdringen, um ihm zu helfen. Vom Schweißtuch selbst sah ich nichts.
Maria fiel unter dem Kreuz in Ohnmacht. Die zwei Frauen hielten sie. Johannes stand hinter ihnen. Sie standen zur Linken des Hügels, worauf das Kreuz war. Die Soldaten hatten sich nun gegen den Erdwall zu ruhen auf den Arm gelegt und ihre Spieße neben sich gesteckt, denn die meisten Leute waren fort.
Nun sprach Christus wieder zu den Seinigen, welche immer zu ihm aufschauten, einige Worte. Es kamen aber nun wieder mehrere Soldaten von Jerusalem in den Kreis und mehrere Leute umher. Jesus sagte, ihn dürste, und sie steckten einen Schwamm auf einen dünnen Stock und füllten ihn mit Essig, der in einem Topfe dastand. Der Schwamm war so anzusehen JSkizze, als sei er zwischen Zinken eingeklemmt.
Nun sprach er mit dem Schächer, hob das Haupt ein wenig empor und starb, indem er es auf die rechte Schulter sinken ließ. Wenig
408 409
nachher gingen Maria, ihre Begleiterinnen und Johannes aus dem Kreis nach der Stadt. Die vier draußen stehenden Weiber schlossen sich an sie. Der Kreis war so voll, daß Maria und die anderen sich durchdrängen mußten. Auswendig standen viele Leute. Sie stellten nun eine Leiter an ~ie Kreuze der Schächer und zerschmetterten ihnen die Beine mit eisernen Kolben.
Zuerst, als sie sahen, daß Christus tot war, stieg Longinus hinauf und stach ihn in seine rechte Seite. Es wurde da ein Geschrei und Getöse und eine Bewegung unter dem Volk. Die auf der Höhe beim Kreuz sprachen hinüber mit denen umher. Es war auch ein Laufen unter ihnen, denn es war unterdessen dunkel geworden um. die Sonne. Die Sonne hatte einen roten Hof gekriegt, schon während der Kreuzigung, und da Jesus gestorben war, hatte sie sich ganz verfinstert. Es war eine rötliche Verfinsterung des Lichtes. Ich habe sich nicht den Himmel überziehen sehen mit Wolken.
Als ich sah, daß die Soldaten bei der Beinbrechung und das um-stehende Volk so bewegt wurde~ und eilten, glaubte ich, es ist wegen des Schreckens bei dieser Naturerscheinung gewesen. Es war auch vielleicht ein Erdbeben dabei, das ich nicht fühlte. Es war ein ängstliches Getümmel. Alle eilten nach der Stadt, wie man bei einem großen Gewitter eilt. Auch in Jerusalem war großes Getümmel und Schrecken. In Bethanien und den Orten umher war alles still und trüb. Nun war alles fort, und der Ort stand etwa von zwei bis vier ganz einsam und verlassen. Scheu sah ich abwechselnd sich einige nahen und fern schauend zu- und abschleichen. Auch sah ich einmal etwa fünf Männer während dieser Zeit aus der Gegend von Bethanien sich zusammen dem Kreis nahen, zum Kreuz schauen und wieder zurückschleichen. Ich hatte die Empfindung, diese seien von den Jüngern. Zwei Männer aber, den Joseph von Arimathia und den Nikodemus, sah ich dreimal in der Gegend wie forschend und überlegend - einmal während der Kreuzigung. Dann sah ich sie... dem Berg nahen, zu sehen, ob alles fort sei, und als sie dies sahen, gingen sie nach dem Grab.2~6
Von dem Grab gingen sie wieder zurück, und zwar ans Kreuz selbst, und sahen hinauf und umher, als besähen sie sich die Gelegenheit, und machten den Plan zur Abnahme. Es scheint, sie müssen damals die Erlaubnis der Abnahme schon gehabt haben, denn sie gingen nun nach der Stadt, wo Nikodemus ein großes Haus hatte. Bei diesem waren die Salben und Myrrhenbüsche schon bereitet.
Sie gingen auch zu Maria, welche mit den anderen Weibern in einem Häuschen in der Gegend des Tempels war, das Johannes gemietet hatte.
Es waren da zwischen den vielen Gängen und Mauern viele solche Aufenthaltsorte, welche Fremde mieten konnten.
Hier gingen fünf Weiber mit ihnen, Maria und die zwei, welche bei ihr am Kreuz gestanden. Marias Schwester war die älteste, und beinah eine Matrone. Diesen folgten noch zwei jüngere. Diese Frauen trugen große Bündel.~
Ich sah diese Frauen, ehe sie ausgingen, sich mit einem langen, etwa eine starke Elle breiten Tuch ganz künstlich umwickeln. Sie fingen an einem Arm an, und es umgab sie so eng, daß sie keine großen Schritte machen konnten. Ich habe sie sich ganz einwickeln sehen. Sie kamen recht gut aus bis auf den anderen Arm. Auch der Kopf war verhüllt. Sie gingen meistens in der Nacht so. Heute hatte mir es etwas Auffallendes. Ich hielt es für Trauerkleider.
1 Joseph und Nikodemus waren auch in grobe, schmutziggraue..., ange Mäntel gekleidet, welche auch den Kopf so bedeckten, daß links und rechts schauend sich Falten am Hals bildeten. Um den Leib hatten sie breite, weiße Gürtel. Sie hatten alle weite Mäntel über ihrer Trauerkleidung.
Sie holten neben Nikodemi Haus aus einem Raum, worin allerlei
Gerät stand, eine Leitertreppe, welche an den beiden Seiten einige
Haken hatte, die man hö~r und niedriger hängen konnte. Diese
Leiter trug Nikodemus, der bei diesem ganzen Geschäft sich dienend
gegen Joseph verhielt.
Joseph trug unter seinem Mantel 288 einen Salbentopf von dieser Gestalt Skizzej. Er war rot, und die zwei Reifen waren blau, ich weiß nicht von welchem Stoff. Außerdem trug er ein Bündel, worin Spezereien waren, und eine brennende Laterne, doch so verborgen, daß man das Licht nicht sah.289 Die zwei Männer gingen voraus. Maria, zwischen Magdalena und der anderen Frau, folgte nach einem Zwischenraum, und diesen folgten die zwei jüngeren Frauen...
Ich sah Nikodemus und Joseph zum Kreuz mit der Leiter und
Tüchern und einer Zange gehen. Die Frauen standen etwa zwanzig
Schritte davon links des Kreuzes innerhalb des Aufwarfs, wo die
Laterne niedergesetzt war, jedoch mit verdecktem Licht.
Maria tat nichts; ich sah sie anfangs stehend, dann sitzend an der Erde. Die anderen Frauen bereiteten das Mitgebrachte, breiteten Tücher aus, usw.
410 411
Es war nicht mehr so dunkel wie bei dem Tod des Herrn, es war nur Dämmerung. Nikodemus stellte die Leiter im Rücken des Kreuzes an den Stamm desselben und trat an die Füße. Joseph stieg dann hinauf.
Sie schlugen von vorn ein Tuch um den Leib des Herrn, von den bis unter die Arme. Es hatte von hinten etwa drei breite Bänder, mit welchen Joseph den heiligen Leib an den Stamm des Kreuzes von hinten festknüpfte. Nun zog Nikodemus mit der Zange den Nagel aus den heiligen Füßen. Joseph stellte die Leiter... an den linken Kreuzarm, band den Arm mit einem Tuche fest, zog den Nagel aus der Hand, ließ den Arm dann sacht an dem Leichnam nieder. Nun stellte er die Leiter an den rechten Arm und band diesen mit dem Haupte, das auf ihn herabgesunken war, an den Kreuz-stamm fest, zog den Nagel aus und ließ den Arm sinken.
Jetzt kam die Leiter wieder in die Mitte, und indem er nieder-steigend die Bänder einzeln löste und an den Haken der Leiter immer niederer befestigte, sank der heilige Leib mit den Füßen zuerst Nikodemus zu, der ihn in seinen Armen unter den Knien empfing. Der heilige Leib sank nicht starr, er sank in dieser Linie Nun legten sie ihn in ein Tuch und trugen ihn da~ Treppchen hinab nach dem Orte, wo die Frauen harrten, um den heiligen Leib zu salben.
(Hier war es, wo die Erzählende am Freitagabend die Schmerzen Marias empfand.)
Ich glaube, es war ein Teppich ausgebreitet. Maria saß, das rechte
Knie erhöht. Sie lehnte gegen einen Wulst. Hinter ihrem rechten
Knie schien mir auch ein Wulst. Ich sah den Leib des Herrn in den
Schoß der Heiligen Jungfrau legen und das weiße Tuch, worauf er
gebracht war, unter ihm ausbreiten.
Ich sah Maria mit seinem Haupt beschäftigt. Man konnte sein Antlitz nicht erkennen, es war entstellt und mit Blut überronnen. Sie wusch ihm das Haupt. Die Haare waren vom Blut zusammengekle b t.
Die anderen Frauen waren mit allerlei Handreichung beschäftigt. Sie hatten Wasser in kleinen Krügen mitgebracht, auch hatten sie wie Kessel oder Beutel von Leder, denn man konnte sie zusammen-legen. Ich glaube, sie hatten mehrere Schwämme, ... denn ich sah, daß die Frauen kleine Bäuschchen ausdrückten und abwechselnd hin-reichten. (Sie drückten sie in die Ledersäcke aus.)
Maria wusch ihm die Haare, teilte sie in drei Teile, zwei an jeder Seite, einen hinten, und die an beiden Seiten wurden hinter die
412
Ohren gelegt. Ich sah auch, daß sie seine Wange küßte. (Augen und Mund schließen sah ich nicht.) Ich sah sie auch jede einzelne Hand in einer der ihrigen halten und mit der anderen beschäftigt, die Wunden zu reinigen. Ich sah Magdalena beschäftigt an den Füßen, wahrscheinlich dasselbe tuend.
Ich sah, daß eine andere der He~ligen Jungfrau eine Büchse vor-hielt, woraus sie mit dem Daumen und Zeigefinger der Rechten mehrmals ein bißchen nahm, es in die Wunden um das Haupt drückte, auch in die Ohren, Nasenlöcher, Augen und Mund und in die Wunden der Hand und Seite.
Ich glaube, es war diese Salbe oder etwas Köstliches.
Ich habe währenddessen die Männer zwei Tücher an einer anderen Stelle ausbreiten sehen, erst ein grobes durchbrochenes (spitzen-, kantenartiges Tuch, wie das Hungertuch, das hier in der Fasten in der Kirche aufgehängt wird), und darauf ein weißes Tuch.
Nun nahmen die Männer den Leib vom Schoße Mariens. Er war noch starr in den Knien und Ellbogen und Mitte des Leibes gebogen. Sie legten ihn auf das ausgebreitete Tuch und waren nun mit seiner ferneren Zubereitung allein beschäftigt. Was sie alles taten, sah ich nicht so bestimmt. Ich sah ihnen von den einzelnen Frauen, außer Maria, mit verschiedener Darreichung helfen.
Ich glaube, daß sie noch an ihm wuschen und salbten. Ich sah aber bestimmt, daß sie seine erstarrten, gebogenen Gelenke streckten. Ich entsinne mich jetzt nicht, daß der Leichnam gewendet und auf dem Rücken gewaschen wurde, aber wohl, daß die Arme über dem Leib zusammengelegt wurden.
Nun sah ich die Männer wieder beschäftigt, kleine fingerlange Büschchen von krausen Kräutern (wie ich sie oft auf den himmlischen Tischen auf dem Teller um den Kelch grünen sehe) um den Leib ordnen und den Leib nebst diesem Gewürz einschlagen. Skizze
Ich sah, daß die Weiber den Raum von den Schultern bis zu den Wangen ganz damit zupackten.
Ich sah sie den Leib in das weiße Tuch nun bis an die Schulter fest einschlagen, dann unter die angeschlossene Achsel des einen Armes eine breite Binde einklemmen und diese umschlingen um das Haupt und dann um den heiligen Leib nieder, und ihn ganz in eine lange, gestreckte Puppe von dieser Gestalt bereiten. Skizze. Das durchbrochene Tuch blieb zurück.~
Ich sah nun noch zwei Männer gekommen. Sie hatten ein langes, schmales Brett. Auf dieses wurde der heilige Leib gelegt. Joseph trug
an dem Haupt, Nikodemus an den Füßen. Quer unter dem Brett war ein Tuch gelegt unter der Mitte des Leibes. Die beiden Männer trugen daran zur Rechten und Linken, und so gingen sie dem Grabe zu. ,Die Frauen folgten...
Gegen Mitternacht des Kalvarienberges, über einen Weg, lag ein Hügel, der ein mit Rasen bekleideter Felsen war. Vor ihm lag ein nicht viereckiges, unregelmäßiges Gärtchen. Es standen Palmbäume davor. Es hatte einen grünen Zaun, und innerhalb des Zaunes noch eine Umzäunung von Pfählen, die mit querliegenden Pfählen verbunden waren, welche mit eisernen Finnen (die man aus- und einziehen konnte, die Querstangen öffnend un~ herausheben~) festgesteckt waren, etwa so Skizze.
Wenn man hineintrat, lag der Grabfelsen zur Rechten. Es standen nächst dem Eingang auch noch einige Palmen. Im Gärtchen selbst standen nur niedrige Sträucher. Ich sah, daß sie am Eingang harrten und erst öffneten. Mit diesen Pfählen wälzten sie auch den Stein hinein...
Durch den offenen, etwas schmalen Eingang trat man in einen viereckigen, gewölbten, kleinen weißen Felsenkeller, in welchem einige Personen Platz hatten. An seinem Ende war, gerade der Tür gegenüber, der Raum des Totenlagers oder das Grab selbst durch eine große Türe, welche ziemlich die ganze Breite des Kellers einnahm, abgeschnitten. Ich bemerkte jedoch rings um die Türe einen weißen Vorsprung des Felsens, auf welchem sie anlehnte. Auch stand sie nicht senkrecht, sondern lag oben nach dem Grabe zu. Ich sah die Wände des Gewölbes oben, wo das Gewölbe anfing, mit einer Leiste. Überhaupt war es recht schön reinlich drin. Die Türe, die in der Mitte aufging, war mehrmals gebrochen, so daß man die Flügel nach beiden Seiten zusammenfalten konnte, wenn man öffnete, daß sie wenig Raum einnahmen. Hinter dieser Türe war gerade
so viel Raum um das Grab, daß Menschen darum stehen konn
ten. Es war wie ein an der stehender Tisch ausgehauen, an
Kopf und Fuß auch frei von der Wand.
Die hintere Wand des Grabes wölbte sich dem Eintritt entgegen. Das Totenlager war am Kopf breiter als an den Füßen, und es war eine Vertiefung in dasselbe ausgehauen, ungefähr von der Gestalt eines eingehüllten Leibes, am Kopf und an den Füßen eine kleine Erhöhung.
Der Stein vor der Grabtür... lag anfangs im Garten. Er sah schier aus wie ein Sarg oder Koffer. Seine schmale Seite hatte etwa
diese Gestalt Skizze, und da die obere Fläche etwa so breit und lang war, daß ein Mensch ausgestreckt darauf liegen konnte, läßt sich seine Gestalt leicht denken. Er lag so gegen die schräge Türe Skizze.
Hinter der Angel der Türe war so viel Raum aus dem Felsen au~ gehauen, als die zusammengelegten Türflügel brauchten, um zurückgelegt zu werden ...
Ich sah zwei Frauen, als Joseph und Nikodemus aus dem Grab gegangen, eine nach der anderen hineingehen und heraus. Ich glaube, daß sie dem Leibe etwas erwiesen. Doch weiß ich nicht was. Ich glaube, Magdalena war dabei. Die Heilige Jungfrau und andere standen, glaube ich, vor dem Garten.
Das Brett, worauf der Leib lag, sah ich die Männer wieder mit-nehmen. Der Stein, den sie vor die Grabestüre wälzten, lag im Garten, und sie mußten ihn erst mit dem Balken von dem Geländer genommen, als mit Hebeln ~
Sie sieht sie nun zum Salbungsplatz zurückgehen und ihre Gerätschaften nehmen, meint, nun habe sie die drei Kreuze leer gesehen und sich noch verwundert, daß nichts von den Sachen genommen worden.
Als sie alle nach Haus zurückgingen, sah ich, daß sie, sich scheu auf zwei Seiten vom Wege abwendend, sich trennten, als ihnen Soldaten mit einer flammenden Leuchte auf einer Stange entgegen-kamen.
Sie glaubt, es sei dieses die Besatzung am Grab. Sie sieht diese ins Grab gehen, den Verschluß desselben untersuchen, die Pechpfanne aufpflanzen vor der Türe im Garten und sich am Hügel umher setzen. (Es ist dieses wahrscheinlich ein Bild des Samstagsabends, welches sie in ihren Schmerzen verwechselt. Vielleicht waren die Soldaten, die sie sah, den Freunden Jesu entgegenkommen, jene, welche die Schächer abnahmen, und begegneten ihnen, ehe sie an den Salbort gingen.)
Sie sieht nachher noch zwei Männer dem Grab nahen ~,, auch etwa Weiber von den zurückgebliebenen. (Hierüber ist Bestimmung zu erwarten. Sie sieht von Dienstag auf Mittwoch und Mittwoch auf Donnerstag nachts die Grablegung und Auferstehung noch einmal. Sie sieht hier, daß sie sich geirrt, und daß die Soldaten, vor welchen die Grablegenden wichen, jene waren, welche die Schächer vom Kreuz nahmen, und daß die wahre Wache erst am Samstagabend hinkam.)
415
414
Nacht vom Karfreitag auf Karsamstag:
(Unklarheit von jeher über sie und nun erhaltene Erklärungen der Form ihres Sehens:)
Sie sah immer die Frauen in ihrem Aufenthalt und die Männer bei Nikodemus und im andern Haus nach der Rückkehr von der Grablegung ununterbrochen bei Lampenschein und Dunkel beisammen und sah keinen Morgen, als da die Auferstehungsszenen erfolgten. Sie glaubte darum immer ganz gewiß, die Auferstehung sei schon am Samstag früh erfolgt. Dadurch erfolgte so viel Wider-sprechendes mit den Evangelien (welche bei diesen Szenen am Auferstehungsmorgen ohnedies nicht ganz alle dasselbe schreiben), so daß sie betrübt war, um so mehr, weil sie, seit ihrer Kindheit immer dasselbe sehend, ganz gewiß davon war, ohne sich von einem Irrtum überzeugen zu können. Dieses trat diesen Karfreitag heftiger ein als früher, weil ihr einige Unmöglichkeiten in der Zeitfolge nach den Evangelien bewiesen wurden.
Sie ist aber gar nicht fähig, eine Weisung darüber zu geben, denn sie sieht es nicht anders. In dieser Beunruhigung erhielt sie einmal die Weisung, nicht mehr über die Auferstehung nachzugrübeln, denn sie sei ein Geheimnis.
Ein andermal wird ihr gesagt, sie solle nie die Zeit bestimmen, denn sie sehe keine Zeit, sondern nur die Bilder. Daß sie aber den ganzen Sonnabend nicht sehe, sei, weil sie immer die heiligen Frauen in ihrer Trauer im Haus bei verschlossenen Fensterladen gesehen um die angezündete Lampe. Sie habe sie aber dreimal sich zum Gebet versammeln und absondern sehen, zu schlafen. Dieses sei vom Freitag bis Sonntag nacht geschehen, und sie habe also den ganzen Samstag mit den Frauen nicht das Licht erblickt
Es war, ~aube ich, bei Nikodemus, wo ich die Männer, wohl an zwanzig Mann, in dieser Nacht versammelt sah. Sie hatten lange Kleider und Gürtel an. Es brannte eine Lampe, und sie hatten allerlei Zeremonien.
In dem Hause, wo Maria wohnte, war ein Saal, und es waren mehrere kleine Winkel drin abgeschlagen. Als die Frauen alle zurück-gekehrt waren, wurde von einer die Lampe, welche in der Mitte von der Decke hing, angesteckt. Sie hatten alles Gerät wieder beiseite gebracht und traten um Maria bei der Lampe umher und schienen wehmütig zu beten.
Dann sah ich sie wieder sich trennen, und jede ging in einen
getrennten Winkel. Hier hingen sie große Tücher über den Kopf und saßen einsam und traurig nieder.
Nachher sah ich sie die aufgerollten Betten entrollen, sich einhüllen wie immer, wenn sie schliefen, und sich niederlegen. Dann sah ich sie noch einmal um Maria bei der Lampe getreten und beten und zum zweiten Mal sich in die Winkel absondern und unter die Tücher, welche sie nie mit herausbrachten, verhüllt setzen.
Hernach sah ich sie an der Wand umher, gegen ihre Bettwülste angelehnt und daraufgestutzt, und nicht eingehüllt wie beim Schlafen ruhen.
Ich weiß nicht mehr genau, ob vor oder nach diesem Ruhen es war, daß Johannes zu ihnen eintrat und mit ihnen trauerte und sie tröstete. N